# Wahlprogramme Die Grünen

# Wahlprogramm 2024

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1Entwurf zum Regierungsprogramm 2025  
WACHSEN  
ZUSAMMEN  
Entwurf des Bundesvorstands  
REGIERUNGSPROGRAMM 2025  
Herausgeber\*in  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN  
Platz vor dem Neuen Tor 1  
10115 Berlin  
T +49 30 28442-0  
F +49 30 28442-210  
info@gruene.de  
gruene.de  
V. i. S. d. P.  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN  
Michael Hack  
Platz vor dem Neuen Tor 1  
10115 Berlin  
WACHSEN  
ZUSAMMEN  
Entwurf des Bundesvorstands  
REGIERUNGSPROGRAMM 2025  
4BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN  
INHALTSVERZEICHNIS  
ZUSAMMEN WACHSEN 6  
Kapitel 1: In die Zukunft  
wachsen – ökologisch  
und ökonomisch 9  
A. Eine starke Wirtschaft für sichere Jobs . . . . . 10  
Für einen wettbewerbsfähigen Standort . . 10  
Für mehr Arbeitskräfte und  
die gleichberechtigte Erwerbstätigkeit  
von Frauen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11  
Für eine starke europäische Wirtschaft. . . 12  
Für funktionierende und nachhaltige  
Finanzmärkte . . . . . . . . . . . . . . . . . 12  
Für mehr Innovationskraft. . . . . . . . . . 13  
Für die klimaneutrale Modernisierung  
der Industrie . . . . . . . . . . . . . . . . . 13  
Für die Stärkung von Mittelstand  
und Handwerk . . . . . . . . . . . . . . . . 14  
Für Wirtschaftssicherheit und  
zukunftsfähigen Außenhandel . . . . . . . 15  
Für Rohstoffsicherheit und  
Kreislaufwirtschaft . . . . . . . . . . . . . . 16  
Für einen starken Verbraucherschutz . . . . 17  
B. Ein modernes und digitales Land . . . . . . . . 17  
Für einen Staat, der für die Menschen  
funktioniert . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17  
Für eine serviceorientierte Verwaltung. . . 18  
Für eine schnelle und umfassende  
Digitalisierung . . . . . . . . . . . . . . . . 18  
Für einen Deutschlandfonds und  
eine Reform der Schuldenbremse. . . . . . 19  
C. Ein Klima, in dem wir gut leben können . . . . 20  
Für ein stabiles und sicheres Klima . . . . 20  
Für sozial gerechten Klimaschutz. . . . . . 21  
Für günstige, verlässliche und  
klimaneutrale Energie . . . . . . . . . . . . 22  
Für verlässliche und bezahlbare Wärme . . 23  
Für vorsorgende Anpassungen an  
ein verändertes Klima . . . . . . . . . . . . 23  
D. Eine mobile Gesellschaft – Stadt und Land  
zusammen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24  
Für schnelles, nachhaltiges und  
sicheres Fortkommen . . . . . . . . . . . . 24  
Für eine verlässliche und bezahlbare Bahn 25  
Für gleichwertige Lebensverhältnisse . . . 25  
E. Eine Natur, die wir schützen . . . . . . . . . . . 26  
Für eine intakte Natur . . . . . . . . . . . . 26  
Für eine gesunde Umwelt . . . . . . . . . . 26  
Für sauberes Wasser und lebendige Meere 27  
F. Eine zukunftsfeste Landwirtschaft . . . . . . . 28  
Für starke Landwirtinnen und Landwirte . 28  
Für die natürlichen Grundlagen  
unserer Ernährung . . . . . . . . . . . . . . 28  
Für gute Ernährung . . . . . . . . . . . . . 29  
Für einen verbesserten Tierschutz . . . . . 29  
Kapitel 2: Einfach  
dabei sein – fair und  
bezahlbar 31  
A. Starke Teilhabe: gute Arbeit, bezahlbares  
Wohnen, faire Löhne . . . . . . . . . . . . . . . . 32  
Für gute Arbeit und faire Löhne. . . . . . . 32  
Für bezahlbares Wohnen . . . . . . . . . . 32  
Für schnelles, günstiges und  
klimaverträgliches Bauen . . . . . . . . . . 33  
Für ein gerechtes Steuersystem. . . . . . . 34  
B. Eine gute Bildung für gute Chancen . . . . . . 34  
Für gute und verlässliche Kitas . . . . . . . 34  
Für starke Schulen mit starken Kindern . . 35  
Für eine gute Bildung, die allen offensteht 36  
Für eine starke Hochschul- und  
Wissenschaftslandschaft. . . . . . . . . . . 36  
C. Mitten im Leben – in jeder Lebensphase . . . . 37  
Für starke Familien . . . . . . . . . . . . . 37  
5Entwurf zum Regierungsprogramm 2025  
Für die Teilhabe der Jüngsten – gegen  
Kinderarmut . . . . . . . . . . . . . . . . . 38  
Für einen guten Start der  
jungen Generation . . . . . . . . . . . . . . 38  
Für ein aktives und selbstbestimmtes Leben  
im Alter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39  
D. In jeder Lebensphase abgesichert . . . . . . . 40  
Für eine gute  
Gesundheitsversorgung überall. . . . . . . 40  
Für eine verlässliche und würdige Pflege . 40  
Für eine solidarische Kranken- und  
Pflegeversicherung. . . . . . . . . . . . . . 41  
Für eine vorausschauende  
Gesundheitspolitik . . . . . . . . . . . . . . 42  
Für eine zukunftsfeste und würdige Rente 42  
Für verlässliche soziale Sicherung . . . . . 43  
Kapitel 3: Frieden in  
Freiheit sichern – innen  
und außen 45  
A. Eine lebendige Demokratie . . . . . . . . . . . 46  
Für demokratischen Zusammenhalt . . . . 46  
Für eine Erinnerung, die uns wach hält. . . 46  
Für handlungsfähige Kommunen . . . . . . 47  
Für eine starke demokratische Gesellschaft 47  
Für die Unterstützung von  
freiwilligem Engagement . . . . . . . . . . 48  
Für Sport, der verbindet . . . . . . . . . . . 49  
Für gute Justiz und einen  
handlungsfähigen Rechtsstaat . . . . . . . 49  
Für digitale Bürger\*innenrechte . . . . . . 50  
Für eine vielfältige Gesellschaft ohne  
Diskriminierung . . . . . . . . . . . . . . . 50  
Für Frauenrechte . . . . . . . . . . . . . . . 51  
Für Selbstbestimmung. . . . . . . . . . . . 51  
Für queeres Leben:  
sicher und selbstbestimmt . . . . . . . . . 52  
Für gleichberechtigte Teilhabe von  
Menschen mit Behinderung und eine  
inklusive Gesellschaft . . . . . . . . . . . . 53  
Für lebendige Kunst und Kultur. . . . . . . 53  
Für die Gestaltung der  
Einwanderungsgesellschaft . . . . . . . . . 54  
Für ein Land, das Schutz bietet . . . . . . . 55  
Für eine europäische und internationale  
Flucht- und Migrationspolitik . . . . . . . . 55  
B. Ein Leben in Sicherheit . . . . . . . . . . . . . 56  
Für gute Polizeiarbeit gegen Kriminalität . 56  
Für einen verstärkten Einsatz gegen  
Organisierte Kriminalität . . . . . . . . . . 57  
Für eine klare Kante gegen Geldwäsche  
und organisierten Steuerbetrug. . . . . . . 57  
Für ein entschiedenes Vorgehen gegen  
Extremismus und Terror . . . . . . . . . . . 58  
Für einen krisenfesten Bevölkerungsschutz 58  
Für die Verbindung von innerer und  
äußerer Sicherheit . . . . . . . . . . . . . . 59  
Für IT-Sicherheit und gegen  
systematische Desinformation . . . . . . . 59  
Für die Verteidigung von  
Frieden und Freiheit . . . . . . . . . . . . . 60  
C. Eine starke Europäische Union . . . . . . . . . 60  
Für eine EU, die unsere Demokratie  
verteidigt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60  
Für eine handlungsfähige EU . . . . . . . . 61  
D. Außen- und Sicherheitspolitik  
in Verantwortung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62  
Für eine aktive Außenpolitik . . . . . . . . 62  
Für einen zukunftsfesten Multilateralismus 63  
Für Menschenrechte und  
demokratische Entwicklung . . . . . . . . . 63  
Für die Sicherheit und Frieden in Europa  
und der Welt . . . . . . . . . . . . . . . . . 64  
Für eine moderne, verteidigungsfähige  
Bundeswehr . . . . . . . . . . . . . . . . . 65  
Für globalen Klimaschutz . . . . . . . . . . 66  
Für robuste Partnerschaften und  
internationale Gerechtigkeit . . . . . . . . 66  
6BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN  
ZUSAMMEN  
WACHSENREGIERUNGSPROGRAMM  
Bei den Bundestagswahlen am 23. Februar stehen  
Sie, liebe Bürgerinnen und Bürger, vor einer wich-  
tigen Entscheidung. Es geht darum, wer für unser  
Land in dieser herausfordernden Zeit Regierungs-  
verantwortung trägt.  
Jetzt kommt es auf die Kraft unseres Zusammenle-  
bens an, in dem die Menschen auch in diesen her-  
ausfordernden Zeiten so viel einbringen und leisten.  
Wir nehmen diese Kraft als Auftrag an die Politik,  
unser Land für die Menschen in den kommenden  
Jahren besser, gerechter und einfacher zu machen.  
Als Auftrag, dass es hier einfach funktioniert und der  
Alltag bezahlbar ist. Als Auftrag, unsere Verantwor-  
tung in einer kommenden Regierung wahrzunehmen.  
Deutschland hat viele große Stärken. Mit der Kraft  
von Ihnen, den Bürgerinnen und Bürgern, die den  
Laden jeden Tag trotz der großen Herausforderun-  
gen am Laufen halten. Auf der Arbeit. In der Familie.  
Mit viel Engagement und Einsatz. Mit einem star-  
ken Sozialstaat, erfolgreichen Unternehmen und  
ebenso starkem Mittelstand. Mit Anstrengung und  
Innovation, Vielfalt und Solidarität. Es ist auch die  
Kraft unseres Landes als Einwanderungsland. Viele  
Menschen tragen hier seit vielen Generationen zu  
unserem gemeinsamen Wohlstand bei, bringen sich  
ein und gestalten unser Zusammenleben mit.  
Es geht jetzt darum, diese Kraft als Zukunftskraft auf-  
zunehmen: ökologisch und ökonomisch, solidarisch  
und europäisch. Als Kraft, die sich den Herausforde-  
rungen stellt und die Probleme löst. Mit einer Zuver-  
sicht, die aus dem gemeinsamen Handeln kommt.  
Denn die Herausforderungen in dieser Zeit sind  
groß. Viele Menschen stehen unter Druck und ha-  
ben Sorgen. Die Preise sind gestiegen, und der Lohn  
der eigenen Arbeit wurde für viele durch Miete,  
Heizen und die nötigsten Ausgaben aufgebraucht.  
Unser Frieden ist durch Putins Angriffskrieg be-  
droht. Autoritarismus und Populismus haben spür-  
bar an Einfluss gewonnen. Wer etwas für unsere  
Demokratie tut, ist immer mehr mit Hass und An-  
feindungen konfrontiert. Die Klimakrise verschärft  
sich trotz des Einsatzes vieler weiter, und die Natur,  
in der wir leben, wird weiter zerstört. Verspätete  
Züge, schlecht ausgestattete Kitas und Papierkrieg  
mit den Ämtern zehren an den Nerven. Ein jahrelan-  
ger Stillstand gefolgt vom Dauerkonflikt innerhalb  
der Ampelregierung hat Vertrauen in die Politik  
insgesamt gekostet.  
Eine Politik, die Probleme löst und die Dinge zum  
Besseren wendet, kann nur gelingen, wenn sie den  
Bürgerinnen und Bürgern zuhört. Wenn sie nicht  
über die Menschen redet, sondern mit ihnen – so  
wie das jeden Tag überall im Land an unseren Kü-  
chen- und Esstischen geschieht.  
Wir haben in den vergangenen drei Jahren unse-  
re Regierungsverantwortung wahrgenommen. In  
anspruchsvollen Jahren mit neuen Krisen. In einer  
schwierigen Regierungskonstellation. Wir haben  
die Jahre genutzt, um Schwung aufzunehmen und  
Probleme zu lösen. Probleme, die von Großen Ko-  
alitionen lange Jahre angehäuft wurden. Wir haben  
uns von der Abhängigkeit von Putin befreit. Wir  
haben den erneuerbaren Energien großen Rücken-  
wind verliehen. Wir sind jetzt tatsächlich auf Kurs  
zum Erreichen der Klimaziele eingeschwenkt. Wir  
investieren in unsere deutsche und europäische  
Sicherheit und arbeiten an neuen Partnerschaften.  
Wir haben angefangen, die Zukunftskraft unserer  
Wirtschaft zu stärken, durch mehr Fachkräfte, mehr  
Innovation und weniger Bürokratie. Wir haben auch  
7Entwurf zum Regierungsprogramm 2025  
endlich wieder in den Erhalt der Natur investiert,  
in eine nachhaltige Landwirtschaft. Wir haben zum  
Erfolg des europäischen Green Deal beigetragen.  
Wir haben Kinder und Familien besser unterstützt.  
Wir werben deshalb dafür, den Weg der Erneuerung  
fortzusetzen, ihn nicht wieder mit Hürden zu verstel-  
len oder gar rückzubauen – wie es schon einmal ge-  
schehen ist. Mit dem vorliegenden Programm machen  
wir deutlich, worauf es für unser Land jetzt ankommt.  
Nehmen wir unsere ökologische und ökonomische  
Zukunft in die Hand! Wachsen wir in die Zukunft!  
Wir setzen in diesem Programm auf die Wirtschafts-  
und Innovationskraft unseres Landes. Doch aus dem  
Zutrauen in die Wirtschaft erwächst zugleich der  
Auftrag, die Zukunftsblockaden zu lösen. Wir wol-  
len, dass unsere Wirtschaft in die Zukunft wächst:  
klimaneutral, innovativ, wettbewerbsfähig in einem  
gemeinsamen Europa. Ihre Kraft können Unterneh-  
men nur entfalten, wenn sie Raum bekommen für  
unkomplizierte und pragmatische Lösungen – und  
sich zugleich auf klare Ziele und Rahmensetzungen  
verlassen können. Das verlangt von der Politik: Kurs  
halten. Verlässlichkeit herstellen. Regeln und Nor-  
men vereinfachen – ob von der Europäischen Union  
oder hausgemacht. Kurz: mehr ermöglichen.  
Dabei kommt dem Schutz unseres Klimas und unse-  
rer Ökosysteme herausragende Bedeutung zu. Nur  
wenn sie intakt sind, kann unsere Sicherheit, unsere  
Freiheit und unser Wohlstand intakt sein. Verant-  
wortung heißt, dem Rechnung zu tragen. Und die  
notwendige Erneuerung solidarisch zu gestalten.  
Jede und jeder mit den eigenen Möglichkeiten, Er-  
fahrungen und Stärken.  
Mit unserer Zukunftsagenda stellen wir die Weichen  
für Investition und Innovation, für Erneuerung in  
Fairness und Solidarität, für Dynamik statt büro-  
kratischer Lähmung. Mit dem „Deutschlandfonds“  
werden wir in Bund, Ländern und Kommunen die  
notwendigen Mittel für die Investitionen in diese  
Zukunft mobilisieren. Er stärkt unsere gemeinsamen  
Infrastrukturen, auf die Gesellschaft und Wirtschaft  
so dringend angewiesen sind. Zu diesem Investiti-  
onsfonds schlagen wir einen „Pakt für ein modernes  
Deutschland“ vor – zu dem alle politischen Ebenen  
eingeladen sind: Bund, Länder und vor allem die  
Kommunen. Verständigen wir uns in dieser Zeit neu,  
wie wir unser Land im Dienst der Menschen auf  
Vordermann bringen – zusammen und nicht  
gegeneinander!  
Nehmen wir unsere soziale Zukunft in die Hand! Sor-  
gen wir dafür, dass alle Menschen fair dabei sind und  
die Dinge des alltäglichen Lebens bezahlbar sind!  
Wir bauen in unserem Programm auf die sozia-  
le Kraft unseres Landes. Aus diesem Zutrauen in  
die Menschen erwächst für uns der Auftrag, einen  
ernsthaften Beitrag zu leisten, dass alle Menschen  
dabei sein können. Und dass der Alltag wieder be-  
zahlbar ist. Wir machen Strom billiger, sorgen für  
erschwingliche Mobilität und bezahlbare Mieten.  
Gute Bildung, gute Arbeit, verlässliche Mobilität und  
bezahlbares Wohnen sind die zentralen Faktoren,  
an denen sich die Lebenschancen der Menschen  
entscheiden. Ein faires Steuersystem ist dafür die Vo-  
raussetzung. Wir setzen uns mit Nachdruck dafür ein,  
dass unsere Kitas, Schulen und Hochschulen gestärkt  
werden. Damit sie allen Kindern eine Chance auf  
einen guten Start ins Leben bieten. Wir unterstützen  
gute Arbeit durch faire Löhne und einen höheren  
Mindestlohn. Durch Gleichberechtigung für Frauen,  
auch auf dem Arbeitsmarkt. Und wir machen Wohnen  
bezahlbarer, indem wir Mietsteigerungen begrenzen,  
sozialen Wohnungsbau unterstützen und eine realis-  
tische Neubaustrategie vorlegen.  
Nehmen wir unsere gesellschaftliche und demo-  
kratische Zukunft in die Hand! Sichern wir unseren  
Frieden in Freiheit!  
Wir setzen in dem Programm auf die gesellschaft-  
liche und demokratische Kraft der Bürgerinnen  
und Bürger unseres Landes, auf die Kraft unserer  
gemeinsamen Republik in ihrer Vielfalt. Doch auch  
dieses demokratische Zutrauen in die Bürgerinnen  
und Bürger erfordert einen neuen Auftrag an die  
Politik, unsere demokratischen Institutionen und  
unser demokratisches Zusammenleben lebendig zu  
halten und zu stärken.  
Unsere demokratische Kraft entsteht, wenn Men-  
schen sich als Gleiche begegnen, wenn aus dem  
8BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN  
freien Austausch unterschiedlicher Ansichten der  
Wettstreit um die bessere Lösung wird. Deshalb  
müssen wir unsere öffentlichen Räume stärken.  
Die gemeinsamen Orte, an denen Übereinstim-  
mung sichtbar wird und Unterschiede ausgetragen  
werden: eine gute Schule; gute Arbeitsplätze; eine  
starke und vielfältige Medienlandschaft; starke  
öffentliche Räume, die uns in Vielfalt verbinden,  
des Sports und der Kultur. All diese Orte sind die  
Voraussetzung unseres demokratischen Zusammen-  
halts in Vielfalt.  
Gerade weil die Stärke unseres Landes daraus  
entsteht, dass jede und jeder dazugehört, un-  
abhängig von der Herkunft, brauchen wir auch  
eine neue Kraft der integrativen Gesellschaft. Was  
wir damit meinen: gemeinsam in Vielfalt. Was es  
dafür braucht: Aufstiegschancen, Respekt im Streit,  
Kompromissfähigkeit und Koalitionsfähigkeit in der  
demokratischen Mitte. Bürgerschaftliche Verant-  
wortung, aber auch eine neue Verantwortung der  
demokratischen Institutionen und der gewählten  
Repräsentantinnen und Repräsentanten, die Proble-  
me zu lösen und zum Funktionieren beizutragen.  
Und so, wie wir unsere Freiheit und unser Zusam-  
menleben nach innen zu sichern haben, so gilt es in  
dieser Zeit, unseren Frieden in Freiheit nach außen  
zu sichern. Gerade jetzt brauchen wir – in unserem  
eigenen Interesse – eine neue Initiative an der Re-  
gierungsspitze für ein starkes gemeinsames Europa.  
Wir können diplomatische Kraft, die engagierte  
Suche nach belastbaren Lösungen, nur aufbringen,  
wenn wir uns als freies Europa zugleich handlungs-  
stark zeigen. Die geopolitischen Kräfteverhältnisse  
in der Welt verändern sich rasant – und das nicht  
erst seit heute. In dem Angriffskrieg Russlands  
gegen die Ukraine zeigt sich eine Bedrohung für die  
europäische Friedensordnung und unsere Demokra-  
tie insgesamt – daher ist die Unterstützung der Uk-  
raine auch unser bester Selbstschutz. So wie unsere  
europäischen Nachbarn für uns da waren, sodass  
wir in Deutschland wiedervereint im Herzen Euro-  
pas in Freiheit leben, sind wir das auch für unsere  
Nachbarn. Gemeinsam gilt es Frieden in Freiheit  
neu zu sichern. Gemeinsam mit den vielen Staaten  
weltweit, die ebenso wissen, dass das Einstehen für  
eine regelbasierte Ordnung der beste Schutz ist.  
Liebe Bürgerinnen und Bürger,  
nur wenn wir unsere Stärken in Zukunftskraft ver-  
wandeln, werden wir das erhalten und stärken kön-  
nen, was uns lieb und teuer ist. Wir betonen das, weil  
wir in den vergangenen Jahren auch gesehen haben,  
wie verlockend es in der Politik ist, die Verluste der  
unterlassenen Veränderung einfach zuzukleistern,  
nach dem Motto „Niemand muss sich hier verändern“,  
oder sich nur noch in der Vergangenheit aufzuhalten.  
Mit Robert Habeck kandidiert ein Mensch für die  
Führung der kommenden Regierung, der diesen  
Unterschied macht. Der eine Politik des Zuhörens  
mit Orientieren verbindet, Regierungserfahrung mit  
der Bereitschaft selbst zu lernen, Ehrlichkeit mit  
der Bereitschaft anzupacken, Zukunftsstärke mit  
der Kraft zur breiten gesellschaftlichen Verbindung.  
Dem es um die ganze Gesellschaft geht und der  
dies als Verantwortung begreift, in eine starke Zu-  
kunft zu führen. Gemeinsam mit Annalena Baerbock,  
der Außenministerin unseres Landes. Die Haltung  
zeigt, wo andere zaudern. Die mit Menschlichkeit,  
Partnerschaft und Stärke für unsere Werte und Inte-  
ressen einsteht.  
Dafür bitten wir bei der kommenden Bundestags-  
wahl um Ihr Vertrauen und Ihre Stimme!  
Nehmen wir unsere Zukunft zusammen in die Hand!  
Wachsen wir zusammen!  
9Entwurf zum Regierungsprogramm 2025  
KAPITEL 1  
IN DIE ZUKUNFT  
WACHSENÖKOLOGISCH UND ÖKONOMISCH  
Die Menschen in Deutschland sind zu Recht stolz  
auf das, was sie schaffen, auf die Qualität ihrer  
Arbeit, auf ihre Leistung, auf ihre Erfahrungen und  
Kompetenz. Deutschland muss auf diese Kraft bau-  
en, um die großen strukturellen Herausforderungen  
anzugehen, vor denen wir stehen: Der Angriffskrieg  
von Russland auf die Ukraine und der Systemkon-  
flikt zwischen liberalen Demokratien und autoritä-  
ren Staaten im Umfeld Chinas erfordern eine Neu-  
ausrichtung von Wirtschaftssicherheit und Handel,  
Lieferketten und Absatzmärkten. Wir werden diesen  
Wettstreit auch im Ökonomischen nur gewinnen,  
wenn wir den großen Vorteil der liberalen Demo-  
kratie maximal zur Geltung bringen: dass Menschen  
neue Ideen haben und Dinge frei entdecken und  
entfalten können. Wir wollen in der kommenden  
Regierung daran weiterarbeiten, die strukturellen  
Schwächen unseres Standorts zu beheben. Wir  
sorgen dafür, dass Deutschland und Europa bei den  
Innovationen der Zukunft vorn mit dabei sind. Dafür  
muss Wirtschaften einfacher und verlässlicher wer-  
den, dafür müssen Chancen fair eröffnet und alle  
gerecht entlohnt werden. Dafür können wir nicht im  
Status quo verharren. Vielmehr brauchen wir mehr  
Raum und Begeisterung für die Bereitschaft, mit  
neuen Ideen und Technologien ins Risiko zu gehen.  
Unser Ziel ist, die Innovationskraft unseres Landes  
spürbar zu stärken.  
Damit wir unseren Wohlstand erneuern und nicht  
nur verwalten, braucht es ein Land, das einfach  
funktioniert – einen Staat, der es den Menschen  
und Unternehmen leichter macht, ihre Ideen um-  
zusetzen, und nicht schwerer: mit einem Klick zur  
Lösung statt mit einem Dutzend Formularen in den  
Papierkrieg. Den Aufbruch haben wir in den vergan-  
genen drei Jahren geschafft: Wir haben ein Rekord-  
tempo beim Ausbau der Erneuerbaren erzeugt,  
haben Grundlagen gelegt bei der Modernisierung  
der Industrie, der Zuwanderung von Fachkräften, der  
Beschleunigung von Planungs- und Genehmigungs-  
verfahren, der Stärkung von Investitionen. Aber  
unser Land braucht jetzt eine gemeinsame Anstren-  
gung, damit wir auf diesem Weg erfolgreich voran-  
kommen. Der Wettlauf bei der technologischen  
Entwicklung macht es notwendig, dass neue Ideen  
und Innovationen schneller Wirklichkeit werden.  
Wenn wir auf diesem Weg den deutschen und euro-  
päischen Standort stärken, stärken wir dabei auch  
die Idee der sozialökologischen Marktwirtschaft –  
und eine Wirtschaft, die Verantwortung übernimmt  
für Gesellschaft und Umwelt, sichere Arbeitsplätze  
bietet und vor Ort verankert ist: eine Wirtschaft  
im Dienst der Menschen. Eine starke Wirtschaft ist  
nicht nur Bedingung unseres Wohlstandes, sondern  
auch Voraussetzung für Zusammenhalt und Stabili-  
tät im Inneren, für unser Gewicht in der Welt und  
nicht zuletzt zur Bewältigung der Klimakrise.  
Unser Wohlstand ermöglicht und basiert auf Ge-  
rechtigkeit, Klimaneutralität, Lebensqualität und  
Vorsorge. Seine Erneuerung ist eng verknüpft mit  
der Bekämpfung der Klimakrise, die gemeinsam mit  
der Krise der Artenvielfalt die große Aufgabe unse-  
rer Zeit ist. Denn wir wollen einen Planeten erhal-  
ten, auf dem Menschen in Freiheit und Sicherheit  
leben können. Wir werden den immer häufigeren  
Extremwettern nicht gleichgültig gegenüberstehen,  
sondern mit aller Kraft dafür kämpfen, dass sich das  
Klima stabilisiert. Das erfordert große Investitionen,  
zum Beispiel in den Ausbau günstiger erneuerbarer  
Energien, der jahrelang verschleppt wurde. Dafür  
brauchen wir intakte Ökosysteme, gesunde Wälder,  
10BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN  
saubere Meere und Respekt vor den Tieren als Mit-  
geschöpfe. Wenn wir die Umwelt schützen, schützt  
sie uns auch. Klimaschutz ist Menschenschutz und  
zugleich eine zentrale Wettbewerbsfrage unserer  
Zeit. Der Weg zurück zu den fossilen Technologien  
führt in den wirtschaftlichen Stillstand.  
Wir werden darauf achten, dass alle Menschen  
unseres Landes den Weg mitgehen können, der in  
eine gute Zukunft führt. Wir sorgen dafür, dass auch  
Mieter\*innen mit knappem Budget eine moderne  
Heizung und eine verbesserte Dämmung bekom-  
men. Wir sorgen dafür, dass der Zugang zu elektri-  
scher Mobilität die Fortbewegung komfortabler und  
das Auto erschwinglich macht. Wir sorgen dafür,  
dass durch Klimaanpassung das Eigentum von  
Hausbesitzer\*innen geschützt und Lebensleistung  
erhalten wird.  
A. EINE STARKE  
WIRTSCHAFT FÜR  
SICHERE JOBS  
Für einen wettbewerbsfähigen Standort  
Unternehmen brauchen gute Wettbewerbsbedin-  
gungen und ein gutes Investitionsklima, allem vor-  
an klare Rahmenbedingungen und Planungssicher-  
heit. Für unsere Wirtschaft sorgen wir für dauerhaft  
günstige Energie, erhöhen private und öffentliche  
Investitionen in Innovation und Infrastruktur, ver-  
einfachen, digitalisieren und beschleunigen staatli-  
che Verfahren und Prozesse und arbeiten daran, das  
Fachkräftepotenzial in und für Deutschland  
zu erhöhen.  
Eine sichere, saubere und bezahlbare Energiever-  
sorgung ist ein entscheidender Standortfaktor.  
Erleichterungen für Eigenstromproduktion und eine  
Förderung von langfristigen Abnahmeverträgen  
sichern der Wirtschaft direkten Zugang zu günsti-  
ger Energie. Auch für die Wirtschaft ist die weitere  
Absenkung der Steuern und Abgaben auf Strom  
wichtig. Deshalb übernehmen wir die Netzentgelte  
für die überregionalen Stromleitungen aus dem  
Deutschlandfonds und senken die Stromsteuer auf  
das europäische Minimum. Wir werden weiterhin  
Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz  
unterstützen. Zudem setzen wir uns ein für eine  
dauerhafte und breitere Ausgestaltung der Strom-  
preiskompensation für energieintensive Unter-  
nehmen, die im globalen Wettbewerb stehen. Wir  
werden das Wasserstoffkernnetz zügig aufbauen,  
die Erzeugung von grünem Wasserstoff in Deutsch-  
land fördern und neue Importquellen sichern.  
Gerade die kleinen und mittleren Unternehmen  
(KMU) leiden besonders unter aufwendiger Büro-  
kratie und oft zu komplizierten Regeln. Die Be-  
schleunigung des Ausbaus der Erneuerbaren haben  
wir maßgeblich durch das Abschaffen bürokra-  
tischer Hürden wie Anträge für einzelne Stecker  
ermöglicht. Den gleichen Weg müssen wir in allen  
Bereichen gehen. Mit dem Praxischeck haben wir  
dafür ein pragmatisches und erfolgreiches Instru-  
ment zum Abbau unnötiger Bürokratie in Deutsch-  
land eingeführt, das wir in der nächsten Legislatur  
skalieren werden. Dabei werden Sektor für Sektor  
die Betroffenen aus Unternehmen, Verwaltung und  
Zivilgesellschaft eingebunden, unnötige bürokrati-  
sche Hürden bestimmt und praktische Lösungen zu  
deren Abbau identifiziert, ohne soziale oder öko-  
logische Schutzstandards abzubauen. Das werden  
wir nun flächendeckend und systematisch ausrollen  
und auch in den Gesetzgebungsprozessen vorab  
umsetzen. Bei jeder Gesetzgebung muss die ein-  
fache Umsetzbarkeit im Vordergrund stehen. Ein  
wesentliches Mittel für den Bürokratieabbau ist die  
Digitalisierung der Verwaltung: Wir wollen, dass  
zentrale öffentliche Dienstleistungen für Unterneh-  
men an einer Stelle gebündelt werden und Daten  
nur einmal eingereicht werden müssen. Die Notar-  
pflichten werden wir vereinfachen und reduzieren,  
um so Kosten zu senken und Zeit zu sparen. Damit  
mehr Unternehmen von den KMU-Ausnahmeregeln  
profitieren können, werden wir die Schwellenwerte  
für die Definition von KMU anheben.  
Deutschland ist von früheren Regierungen jahre-  
lang auf Verschleiß gefahren worden. Zu lange hat  
es zu wenig verlässliche öffentliche Investitionen  
gegeben. Dabei steht hinter jeder öffentlichen In-  
vestition realwirtschaftliche Wertschöpfung. Wir  
wollen der Wirtschaft eine starke, resiliente und  
verlässliche Infrastruktur bereitstellen, indem wir  
die öffentlichen Investitionen dafür aus nationa-  
len und aus Mitteln der Europäischen Union (EU)  
11Entwurf zum Regierungsprogramm 2025  
stärken und ausbauen. Dafür werden wir auch die  
Schuldenbremse sinnvoll modernisieren.  
Der Großteil der Investitionen kommt jedoch von  
Unternehmen und anderen privaten Akteuren. Wer  
in Deutschland investiert, soll es bei der Steuer  
leichter haben: Dazu führen wir eine auf fünf Jahre  
befristete, unbürokratische Investitionsprämie von  
10 Prozent für alle Unternehmen und alle Investi-  
tionen mit Ausnahme der Gebäudeinvestitionen ein.  
Diese Prämie wird mit der Steuerschuld des Unter-  
nehmens verrechnet; falls die Prämie die Steuer-  
schuld übersteigt, wird sie ausgezahlt.  
Es ist absolut entscheidend, dass wir nicht nur gute  
Ideen entwickeln, sondern dass daraus auch starke  
neue deutsche Unternehmen entstehen. Hier haben  
wir bisher im Vergleich zu den USA oder China eine  
große Schwäche beim Zugang zu Finanzierung. Wir  
erleichtern deshalb den Zugang zu Wagniskapital  
durch die Fortsetzung der WIN-Initiative, um jun-  
gen innovativen Unternehmen durch verbesserte  
steuerliche, rechtliche und finanzielle Rahmenbe-  
dingungen einen einfacheren Zugang zu privatem  
Kapital zu ermöglichen.  
Wettbewerbsfähigkeit steht und fällt auch mit  
gut qualifizierten Beschäftigten. Gewerkschaften,  
betriebliche Mitbestimmung und die Sozialpart-  
nerschaft mit ihrer starken Tarifbindung sind eine  
Stärke unseres Standorts.  
Für mehr Arbeitskräfte  
und die gleichberechtigte  
Erwerbstätigkeit von Frauen  
Der Mangel an Arbeits- und Fachkräften ist eine der  
größten Herausforderungen für die wirtschaftliche  
Entwicklung und Modernisierung Deutschlands. Ob  
Handwerk, Gastronomie oder große Konzerne – alle  
sind betroffen. Um diese Lücke zu schließen, gilt  
es Hindernisse abzubauen und Anreize zu setzen,  
damit Menschen sich auf dem Arbeitsmarkt einbrin-  
gen können.  
Deutschland hat 2,9 Millionen junge Menschen  
ohne Berufsabschluss, während viele Ausbildungs-  
plätze unbesetzt bleiben. Wir müssen dazu beitra-  
gen, dass junge Menschen besser ihren Weg in den  
Beruf finden und die Attraktivität der beruflichen  
Ausbildung erhöhen. Mit Maßnahmen wie dem  
Qualifizierungsgeld unterstützen wir Menschen, die  
schon im Berufsleben sind und sich neu orientieren  
oder weiterqualifizieren möchten. Älteren Arbeit-  
nehmer\*innen werden wir Anreize für längeres  
Arbeiten über die Regelaltersgrenze hinaus bieten.  
Wenn alle Frauen mit Kindern so arbeiten könnten,  
wie sie möchten, hätten wir in Deutschland bis zu  
840.000 zusätzliche Arbeitskräfte. Um die Verein-  
barkeit von Familie und Beruf zu erleichtern, wol-  
len wir durch einen gesetzlichen Rahmen flexible  
Lösungen ermöglichen und zugleich passgenaue  
Regelungen für die Betriebe bieten, die sie nicht  
überfordern. Ein gutes und verlässliches Angebot an  
Betreuungsplätzen ist dafür die Grundlage. Betreu-  
ungskosten sollten umfangreicher bei der Steuer  
absetzbar sein. In der jetzigen Form stellt das  
Ehegattensplitting ein Erwerbshindernis für Frauen  
dar. Deshalb wollen wir es grundlegend geschlech-  
tergerecht reformieren, indem wir für Neuehen  
eine individuelle Besteuerung mit übertragbarem  
Grundfreibetrag einführen. Für bestehende Ehen  
ändert sich nichts. Indem wir eine gleichberechtigte  
Erwerbsbeteiligung von Frauen ermöglichen, stär-  
ken wir ihre eigenständige Absicherung, schützen  
sie so vor Altersarmut und stärken gleichzeitig die  
Volkswirtschaft.  
Deutschland muss für die besten Arbeitskräfte aus  
aller Welt attraktiv sein. Wir wollen, dass Menschen,  
die bei uns arbeiten wollen, ihr Arbeitsvisum online  
beantragen können und dafür nur einen Ansprech-  
partner brauchen. Eine digitale Einwanderungs-  
agentur soll den Einwanderungsprozess moderni-  
sieren und beschleunigen. Wir setzen uns dafür ein,  
dass ein Austausch mit Ämtern und Behörden noch  
leichter auf Englisch erfolgen kann. Die Anerken-  
nung von ausländischen Berufsabschlüssen verein-  
fachen wir deutlich und schaffen dafür eine zent-  
rale Anerkennungsstelle. Die Arbeitshindernisse für  
Geflüchtete bauen wir weiter ab, auch weil sie über  
den Arbeitsmarkt schneller in unsere Gesellschaft  
integriert werden.  
12BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN  
Für eine starke europäische Wirtschaft  
Der europäische Binnenmarkt mit seinen 450  
Millionen Einwohner\*innen und 17 Billionen Euro  
Wirtschaftsleistung ist eine historische Errungen-  
schaft. Nur mit mehr Europa können wir im Wett-  
bewerb mit den USA und China bestehen, können  
wir die gemeinsame Wachstums- und Innovations-  
schwäche überwinden und wieder treibende Kraft  
beim technologischen Fortschritt werden. Das  
schafft und sichert auch Wohlstand und gute Jobs  
in Deutschland.  
Wir wollen den europäischen Binnenmarkt wei-  
ter vertiefen und um eine vertieften Digitalunion  
ergänzen: Damit die Unternehmen der Zukunft  
auch in Europa groß werden. Und wir wollen, dass  
Europa seine Kräfte bei Forschung und Innovation  
bündelt. Starke Netzwerke europäischer Universitä-  
ten, gemeinsame Rechenzentren oder Forschungs-  
agenturen können uns wieder zum Spitzenreiter bei  
den Zukunftstechnologien machen.  
Europa ist bereits Weltmarktführer bei sauberen,  
nachhaltigen Technologien wie Windturbinen und  
Elektrolyseure. Der europäische Green Deal gibt  
mit klimapolitischen und ökologischen Zielen und  
Leitplanken den Rahmen für fairen Wettbewerb in  
Europa. Bei pragmatischer Umsetzung kann Europa  
so zum Marktführer für nachhaltige Elektrotechnik,  
Chemie, Maschinenbau und Dienstleistungen wer-  
den. Damit sichern wir durch Klima- und Ressour-  
censchutz gute Jobs im Industriebereich – einem  
wichtigen Zukunftsmarkt. Dazu brauchen wir jetzt  
stabile Rahmenbedingungen für Zukunftstechno-  
logien statt innovationsfeindliche Diskussionen um  
ein Rollback oder eine Bremsung des europäischen  
Green Deal.  
Wir unterstützen die Erweiterung des Green Deal  
um eine industrielle Dimension. Wir müssen von  
Klimaschutzmaßnahmen wirtschaftlich stärker  
profitieren und unsere klimaneutrale europäische  
Innovationskraft zu einem globalen Wettbewerbs-  
vorteil ausbauen. Dafür wollen wir im nächsten  
EU-Finanzrahmen die entsprechenden Instrumen-  
te schaffen und sie mit den notwendigen Mitteln  
unterlegen. Dazu gehört auch, dass wir das Beihil-  
ferecht der EU so ändern, dass es kurzfristig einer  
umfassenden Unterstützung der Dekarbonisierung  
der Industrie und dem Abbau gefährlicher Abhän-  
gigkeiten von Autokratien nicht im Wege steht.  
Für funktionierende und nachhaltige  
Finanzmärkte  
Funktionierende Finanzmärkte sind ein essenzieller  
Bestandteil stabiler wirtschaftlicher Rahmenbedin-  
gungen und einer nachhaltigen Investitionsdynamik,  
die für klimaneutrale Erneuerung unerlässlich sind.  
Um Finanzkrisen vorzubeugen, benötigen Banken,  
aber auch Versicherungen und andere Finanzmarkt-  
akteure ausreichend haftendes Eigenkapital. Gerade  
kleine Banken und Finanzmarktakteure wollen wir  
von unnötig kleinteiliger Bürokratie entlasten.  
Trotz der gemeinsamen Währung orientieren sich  
die Kapitalmärkte der EU-Mitgliedstaaten häufig  
noch an nationalen Staatsgrenzen. Die uneinheit-  
liche Regulierung hemmt Investitionen aus dem  
Ausland und schränkt Finanzierungsmöglichkeiten  
für in der EU ansässige Konzerne ein. Aber auch  
kleine und mittelständische Firmen leiden, etwa  
unter dem vergleichsweise unterentwickelten euro-  
päischen Markt für Eigenkapitalinstrumente und  
Schuldverschreibungen. Wir werden uns europäisch  
für eine rasche Vollendung der Kapitalmarkt- und  
Bankenunion einsetzen. Das Vertrags- und Insol-  
venzrecht für Finanzmarktakteure wollen wir dafür  
europaweit angleichen.  
Wir wollen Finanzmarktakteuren die nachhaltige  
Finanzierung erleichtern. Sustainable Finance leis-  
tet einen wichtigen Beitrag, Investitionen in fossile  
Energien unwirtschaftlich und Investitionen in Zu-  
kunftstechnologien günstiger zu machen. Deutsch-  
land soll eine führende Rolle bei der Verbesserung  
der Sustainable-Finance-Regulierung spielen. Wir  
setzen uns dabei für mehr Konsistenz und Verein-  
fachung bei der Sustainable-Finance-Regulierung  
auf europäischer und internationaler Ebene ein, mit  
Fokus auf Wirkung und Effizienz. Alle Geldanlagen  
des Staates sollen nach Nachhaltigkeitskriterien  
angelegt werden.  
13Entwurf zum Regierungsprogramm 2025  
Für mehr Innovationskraft  
Deutschland und Europa müssen bei den Innova-  
tionen der Zukunft vorn mit dabei sein. Denn diese  
Innovationen sind nicht nur entscheidend für unse-  
re wirtschaftliche Zukunft, sondern auch für die Be-  
wältigung der großen gesellschaftlichen Aufgaben  
unserer Zeit – von der Klimakrise bis zur geopoliti-  
schen Behauptung gegen den Autoritarismus.  
Die deutsche Forschung soll Weltspitze bleiben.  
Wir wollen erreichen, dass Staat und Unternehmen  
mindestens 3,5 Prozent der Wirtschaftsleistung in  
Forschung und Entwicklung investieren. Unsere  
Forschungspolitik umfasst die freie Grundlagen-  
forschung ebenso wie die missions- und anwen-  
dungsorientierte Forschung sowie den Transfer in  
marktreife Produkte. Wir werden daher die Bemes-  
sungsgrundlage für die Forschungszulage weiter  
ausweiten und so Unternehmen bei der Forschung  
besser unterstützen. Gleichzeitig brauchen wir eine  
auskömmliche Grundfinanzierung in der Wissen-  
schaft. Mit der Deutschen Agentur für Transfer und  
Innovation (DATI) wollen wir regionale Innovations-  
ökosysteme unterstützen, in denen Wissenschaft,  
Gesellschaft und die Wirtschaft gemeinsam an  
innovativen Lösungen arbeiten. Die Bundesagentur  
für Sprunginnovationen (SPRIND) fördert Innovatio-  
nen nicht klassisch durch Förderprogramme, son-  
dern durch sogenannte Challenges. Diesen Ansatz  
wollen wir ausbauen und auf europäischer Ebene  
flankieren. Wir schaffen auch mehr Experimentier-  
räume wie die Reallabore, in denen neue Techno-  
logien erprobt und in die Anwendung gebracht  
werden können.  
Wir werden die Digitalisierung der Wirtschaft und  
die Entwicklung von digitalen Geschäftsmodellen  
erleichtern. Dazu wollen wir die Anwendung von  
Künstlicher Intelligenz (KI), die Etablierung robus-  
ter Cybersicherheitsstandards sowie die Stärkung  
digitaler Kompetenzen in Unternehmen gezielt  
fördern und Datenschutzbürokratie abbauen. Wir  
schaffen zudem passende Rahmenbedingungen für  
interoperable Standards und für einen sicheren und  
effizienten Datenaustausch entlang der gesamten  
Wertschöpfungskette. Der Staat sollte als vertrau-  
ensvoller Referenzkunde seine Marktmacht als  
Einkäufer nutzen, um innovative digitale Produkte  
zu fördern. Dabei sollte er insbesondere Open-  
Source-Anwendungen und Produkte von Start-ups  
und KMU berücksichtigen.  
Für die notwendige Innovationskraft brauchen  
Deutschland und Europa eine neue Gründungs-  
kultur. Wir werden Gründungen einfacher machen  
durch rechtliche Vereinfachungen und indem wir  
Gründer\*innen in One-Stop-Shops Begleitung  
und Beratung aus einer Hand anbieten. Wir wol-  
len Gründungen in ihrer Vielfalt unterstützen.  
Dafür geben wir insbesondere Gründerinnen und  
nachhaltigen Start-ups einen Booster, etwa durch  
verbesserte Finanzierungsangebote. Ausgründun-  
gen aus Hochschulen werden wir erleichtern, die  
EXIST-Hochschulförderung auf mehr Universitäten  
ausweiten und den Transferauftrag für Hochschulen  
und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen  
stärken.  
Für die klimaneutrale Modernisierung  
der Industrie  
Unser Anspruch ist es, dass Deutschland ein starker  
Industriestandort bleibt, denn Industrieunterneh-  
men sind in ihren Regionen identitätsstiftend und  
wichtige Arbeitgeber. Wir wollen unsere Industrie  
bei der klimafreundlichen Modernisierung unter-  
stützen, sie hier halten und verhindern, dass die  
Produktion in Länder abwandert, in denen es noch  
keinen CO₂-Preis und nur laxe Umweltschutz- und  
Sozialstandards gibt. In einer Welt, in der Krisen,  
Konflikte oder machtpolitische Bestrebungen jeder-  
zeit Lieferketten stören oder zerbrechen lassen kön-  
nen, brauchen wir in essenziellen Bereichen eigene  
Produktionsmöglichkeiten, um fatale Abhängigkei-  
ten zu vermeiden.  
Damit die klimaneutrale Modernisierung der Indus-  
trie gelingen kann, setzen wir auf einen effizienten  
Instrumentenmix aus marktwirtschaftlichen Instru-  
menten wie CO₂-Preis, gezielter Unterstützung vor  
allem bei Investitionen und – wo nötig – möglichst  
unbürokratischem Ordnungsrecht. Wo Investitions-  
hürden zu Beginn zu hoch sind und über den CO₂-  
Preis nicht genug Anreize gesetzt werden, setzen  
wir auf wettbewerbsorientierte Instrumente wie  
die Klimaschutzverträge. Den Anwendungsbereich  
der Klimaschutzverträge werden wir ausweiten  
14BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN  
und so diejenigen Unternehmen finanziell fördern,  
die pro Euro am meisten CO₂ einsparen. Um aus-  
reichend Nachfrage für klimaneutral hergestellte  
Produkte zu garantieren, werden wir grüne Leit-  
märkte in Sektoren wie Stahl und Zement europa-  
weit etablieren. Dafür wollen wir beispielsweise  
bei öffentlichen Aufträgen eine Mindestquote von  
grünem Stahl einführen, die stetig ansteigt. Die  
vollständige Klimaneutralität der Industrie wird  
aufgrund von schwer zu vermeidenden Emissionen  
bei bestimmten Produktionsprozessen nur mit der  
Abscheidung, Speicherung und Nutzung von CO₂  
(CCS/CCU) möglich sein. Deshalb ermöglichen wir  
dafür die Anwendung dieser Technologie und unter-  
stützen den Ausbau der notwendigen Infrastruktur.  
Die Speicherung von CO₂ in Meeresschutzgebieten  
lehnen wir ab.  
Global ist der Wettbewerb zwischen Verbrenner und  
E-Autos längst entschieden. Für die Unternehmen  
in der Automobilindustrie, mit ihren mittelständi-  
schen Zulieferbetrieben der größte Industriezweig  
in unserem Land, ist Planungssicherheit entschei-  
dend: dass wir dabei bleiben, ab 2035 nur noch  
klimafreundliche Antriebe neu zuzulassen. Die kon-  
kreten Ziele der EU-Flottengrenzwerteverordnung  
unterstützen wir und lehnen eine Abschwächung  
ab. Mögliche Strafzahlungen sollen gegebenen-  
falls gestreckt und für den Hochlauf der E-Mobilität  
durch europäische Programme genutzt werden. Wir  
beschleunigen den Hochlauf der Elektromobilität  
durch gezielte Förderung für die Ladeinfrastruktur  
und sozial ausgewogene Kauf- und Leasinganreize.  
Förderung wollen wir dabei nur jenen gewähren,  
die auch in Europa mit seinen hohen sozialöko-  
logischen Standards produzieren: in Europa, für  
Europa. Mit gezielten Forschungsprogrammen und  
dem Ausbau der regionalen Transformationsnetz-  
werke unterstützen wir die Fortentwicklung von  
Geschäftsmodellen, insbesondere in den Bereichen  
vernetztes Fahren und Batteriezellen.  
Durch eine stärkere Offenheit und Förderung in  
Schlüsselbereichen wie KI, Quantentechnologie,  
Mikrochips, Biotechnologie, Robotik und Raumfahrt  
wollen wir wettbewerbsfähig bleiben und globale  
Trends mitgestalten können. Insbesondere werden  
wir den Aufbau von Produktionskapazitäten für  
Schlüsseltechnologien wie beispielsweise Mikro-  
chips und Batterien weiter vorantreiben. Wir setzen  
uns für eine wettbewerbsfähige europäische Raum-  
fahrtindustrie ein, um durch Satellitenkommunika-  
tion und -navigation, New Space, (Klima-)Forschung  
und Erdbeobachtung unsere strategische Souverä-  
nität zu stärken.  
Auch der Schritt zur Klimaneutralität ist ein Innova-  
tionsmotor. Von modernster Kraftwerkstechnologie  
über Elektrolyseure bis zur Herstellung von Wasser-  
stoff, vom E-Auto bis zur Wiederverwendbarkeit von  
Materialien entstehen neue Zukunftstechnologien,  
bei denen die deutsche Industrie ganz vorn mit  
dabei sein kann. Diese Zukunftstechnologien wollen  
wir ermöglichen, fördern und bei der Markteinfüh-  
rung unterstützen – und damit Arbeitsplätze und  
Wohlstand von morgen sichern. Dafür wollen wir den  
europäischen Net-Zero Industry Act der EU möglichst  
schnell und umfassend in Deutschland umsetzen.  
Für die Stärkung von Mittelstand  
und Handwerk  
Die ökonomische Kraft unseres Landes liegt in  
der Vielfalt seiner Unternehmen. Die Tatkraft und  
Innovationsfähigkeit der Handwerksbetriebe, der  
Selbstständigen und Freiberufler\*innen sowie der  
KMU sind Motor unserer Wirtschaft. Sie treiben den  
Klimaschutz voran und sorgen gerade in ländlichen  
Räumen für Arbeitsplätze und Stabilität. Der Entfal-  
tung dieser Kraft wollen wir Rückenwind geben.  
Das Handwerk bietet in einer nachhaltigen Wirt-  
schaft krisensichere Arbeitsplätze. Durch Bürokra-  
tieabbau, die Unterstützung bei Nachfolgen und die  
gezielte Förderung der Ausbildung im Handwerk  
wollen wir die Rahmenbedingungen verbessern.  
Oberstes Ziel sind der Erhalt und die Zukunftsfä-  
higkeit der Betriebe. Damit Handwerksberufe noch  
attraktiver werden, setzen wir auf branchenspezi-  
fische Mindestvergütungen und mehr Gleichwertig-  
keit von beruflicher und akademischer Ausbildung.  
Der Meisterbrief soll kostenlos werden. Wir setzen  
uns dafür ein, dass auch für Handwerkerinnen  
und Soloselbstständige die Wochen rund um die  
Geburt durch Mutterschaftsgeld finanziell  
abgesichert werden.  
15Entwurf zum Regierungsprogramm 2025  
Wir stehen für eine starke deutsche und europäi-  
sche Wettbewerbspolitik mit dem unabhängigen  
Bundeskartellamt und der EU-Kommission im Zent-  
rum. Das Wettbewerbsrecht braucht eine Weiterent-  
wicklung, um KMU sowie Verbraucher\*innen effek-  
tiver vor Monopolen zu schützen. Auf europäischer  
Ebene wollen wir dazu das von der Kommission  
bereits vorgeschlagene New Competition Tool wie-  
derbeleben, vor allem um heimische Unternehmen  
vor unfairen Praktiken globaler Großunternehmen  
zu schützen. Umgekehrt sollen kleine Übernahme-  
und Fusionsfälle in Deutschland und Europa von  
bürokratischen Verfahren entlastet werden.  
Unfaire und teure Praktiken von Onlineplattformen  
zulasten des mittelständischen Gewerbes und der  
Verbraucher\*innen werden wir mithilfe des Wett-  
bewerbsrechts zurückdrängen. Über große Online-  
händler gelangen massenweise Waren zu uns, die  
europäische Standards nicht einhalten. Im Internet  
entstehen immer wieder neue, unfaire und mani-  
pulative Praktiken. Wir setzen uns dafür ein, dass  
große Plattformen – genau wie der Laden um die  
Ecke – Produktverantwortung übernehmen müssen.  
Um die Vergabestellen gerade der Kommunen und  
die Wirtschaft um Verwaltungskosten von über  
einer Milliarde Euro zu entlasten, modernisieren  
wir das Vergaberecht umfassend, um nachhaltige  
Beschaffung zu vereinfachen und zur Regel zu ma-  
chen. Um die Vergabestellen gerade der Kommunen  
zu entlasten, werden wir die Direktauftragsgrenzen  
deutlich anheben. Wir berücksichtigen Start-ups bei  
der Vergabe besser.  
Um Familienunternehmen und Start-ups weitere  
Nachfolgeoptionen zu bieten, wollen wir eine neue  
attraktive Rechtsform für Gesellschaften mit gebun-  
denem Vermögen einführen. Gemeinwohlorientierte  
Unternehmen sollen künftig die gleiche Förderung  
erhalten wie alle anderen Gründer\*innen auch. Gel-  
der von verwaisten Konten werden wir zur Stärkung  
sozialer Innovationen und gemeinwohlorientierter  
Unternehmen verwenden. Die Nationale Strategie  
für Soziale Innovationen und Gemeinwohlorientier-  
te Unternehmen werden wir fortführen.  
Von Wertschöpfung und Investitionen vor Ort in  
den Kommunen hängt die Wirtschaftskraft und  
Lebensqualität in ländlichen Räumen entscheidend  
ab. Durch den Ausbau der Gemeinschaftsaufgabe  
Regionale Wirtschaftsentwicklung (GRW) stellen wir  
sicher, dass Menschen und Unternehmen sich über-  
all im Land entfalten können.  
Gerade in den vom Strukturwandel betroffenen  
Regionen wie der Lausitz liegt das Potenzial für  
ambitionierten Klimaschutz und vorausschauen-  
de Wirtschaftspolitik. Die Herausforderungen sind  
groß und dennoch wollen wir den Strukturwandel  
als Chance begreifen, um mit neuer Infrastruktur,  
Wirtschaftsförderung, Renaturierung und Investi-  
tionen in Zukunftstechnologien den Weg in eine  
nachhaltige Zukunft zu ebnen. Wichtig ist uns dabei,  
die Menschen vor Ort durch transparente Entschei-  
dungsprozesse, aber auch durch Unterstützung der  
Ideen und Wünsche vor Ort zu beteiligen.  
Der Tourismus ist in Deutschland Motor für Wachs-  
tum und Beschäftigung, insbesondere in ländlichen  
Regionen. Wir werden die Nationale Tourismus-  
strategie fortentwickeln und den Tourismusstand-  
ort Deutschland nachhaltiger, sozial gerechter und  
innovativer gestalten.  
Wohlstand ist für uns mehr als nur das Wachstum  
des Bruttoinlandsprodukt. Wir haben daher erst-  
mals im Jahreswirtschaftsbericht auch den Zustand  
von Umwelt und Klima sowie soziale Faktoren mit  
in den Blick genommen. Diese umfassende Wohl-  
standsmessung wollen wir ausbauen.  
Für Wirtschaftssicherheit und  
zukunftsfähigen Außenhandel  
Unser Wohlstand und unsere wirtschaftliche Resi-  
lienz und Sicherheit hängen neben dem europäi-  
schen Binnenmarkt wesentlich von belastbaren  
internationalen Partnerschaften und vom globalen  
Handel ab. Angesichts geopolitischer Konflikte,  
protektionistischer Maßnahmen und zunehmend  
schärferem internationalen Wettbewerb brauchen  
wir eine zukunftsfähige Handelsagenda, die sich für  
alle auszahlt.  
Ausgewogene Handelspartnerschaften eröffnen  
deutschen Unternehmen nicht nur neue Absatz-  
märkte, sondern stärken auch ihre Lieferketten. Eine  
16BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN  
breitere Streuung unserer Wirtschaftsbeziehungen  
hilft zudem, Abhängigkeiten in kritischen Bereichen  
zu verringern. Der Fokus auf einzelne Sektoren  
und gezielte Abkommen für bestimmte Waren und  
Dienstleistungen verspricht dabei schnelle Verhand-  
lungserfolge. Hohe Standards bei sozialer Gerechtig-  
keit, Klima- und Naturschutz sowie Menschenrech-  
ten bewahren gleichzeitig die heimische Wirtschaft  
vor einem schädlichen Unterbietungswettbewerb  
und schützen vor Ausbeutung oder Umweltzerstö-  
rung in anderen Ländern. Wir verhandeln entspre-  
chend folgender Prinzipien: rechtsverbindliche und  
einklagbare ökonomische, soziale und ökologische  
Standards, eine Verankerung des Vorsorgeprinzips,  
eine verbindliche Verankerung des Pariser Klima-  
abkommens, der zentralen Arbeitsschutzkonventio-  
nen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO)  
und des Übereinkommens zur biologischen Vielfalt,  
der Beendigung der missbräuchlichen Nutzung von  
Schiedsgerichten sowie der Begrenzung von zukünf-  
tigen Investitionsabkommen auf direkte Enteignung  
und Diskriminierung.  
Die EU-Lieferkettenrichtlinie ist eine große Er-  
rungenschaft: Verbraucher\*innen in Europa können  
sicher sein, dass Produkte, die sie hier kaufen, frei  
von Ausbeutung und Kinderarbeit entstanden sind.  
Wir sorgen dafür, dass die Lieferkettenrichtlinie un-  
bürokratisch in deutsches Recht übertragen wird.  
Unfaire Handelspraktiken und Marktverzerrungen  
erfordern entschiedenes Handeln – deshalb setzen  
wir uns, wo es geboten ist, bei der EU-Kommission  
für Ausgleichszölle ein, etwa auf Stahl. Wir stär-  
ken der EU-Kommission in ihren Verhandlungen  
mit China über Dumping von E-Autos den Rücken,  
um die Interessen der europäischen Industrie zu  
wahren. Die Schlupflöcher im Zollrecht müssen  
geschlossen werden, durch die besonders asiati-  
sche Onlinehändler wie Temu unsichere Wegwerf-  
produkte am Zoll vorbeischleusen und europäische  
Hersteller unterbieten. Wer dauerhaft illegale  
Produkte im großen Stil nach Europa einführt, muss  
nach dem EU-Gesetz über digitale Dienstleistungen  
sanktioniert werden. Wir werden den europäischen  
CO₂-Zoll CBAM durch eine Ausweitung des Anwen-  
dungsbereichs, eine Berücksichtigung der Gesamt-  
emissionen des Herstellers im Herkunftsland und  
die Nutzung von Standardwerten praxistauglicher  
und effektiver gestalten. Damit er die Wettbewerbs-  
nachteile ausgleicht, die europäischen Industrie-  
unternehmen gegenüber Herstellern aus Ländern  
ohne CO₂-Preis entstehen.  
Strategisch wichtige Branchen werden wir mit  
einem neuen Investitionsprüfungsgesetz vor Über-  
nahmen schützen. Um unsere Unabhängigkeit und  
ungestörte Lieferketten zu sichern, gehen wir bei  
Ausschreibungen in Sektoren mit hoher Abhängig-  
keit entsprechend der Resilienzvorgaben des Net-  
Zero Industry Acts vor. Staatliche Förderprogramme  
für den Kauf von Produkten wie E-Autos werden  
wir künftig für Produkte gewähren, die größtenteils  
auch in Europa mit seinen hohen sozialen und öko-  
logischen Standards produziert wurden.  
Für Rohstoffsicherheit und  
Kreislaufwirtschaft  
Eine nachhaltige, unabhängige und wettbewerbs-  
fähige Wirtschaft erfordert sowohl eine gesicherte  
Versorgung mit Rohstoffen als auch den Übergang  
zu einer effektiven Kreislaufwirtschaft im Einklang  
mit den planetaren Grenzen, die Ressourcen spart  
und Müll vermeidet. Auch für das Erreichen der Kli-  
maziele sind wir auf eine verlässliche Versorgung  
mit Rohstoffen angewiesen.  
Unser Ansatz für mehr Rohstoffsicherheit basiert  
auf vier Säulen. Erstens wollen wir den Verbrauch  
von Primärrohstoffen senken und langfristig hal-  
bieren. Der Ausstieg aus der Verbrennung fossiler  
Energierohstoffe, Rohstoffeffizienz und – wo mög-  
lich – der Ersatz von Rohstoffen, ebenso wie der  
gezielte Einsatz von Recyclingrohstoffen sind der  
Schlüssel dafür. Zweitens fördern wir Recycling und  
den Aufbau einer effektiven Kreislaufwirtschaft.  
Drittens setzen wir auf heimischen und europäi-  
schen Bergbau, auch mit einem modernisierten,  
umweltschonenden Bergrecht. Und viertens ent-  
wickeln wir eine nachhaltige Rohstoffaußenpolitik  
und schließen neue Rohstoffpartnerschaften.  
Niemand hat Lust, ständig Dinge wegzuwerfen und  
große Mengen an Müll zu produzieren. Die Kreis-  
laufwirtschaft macht daraus mit neuen Geschäfts-  
modellen eine wirtschaftliche Chance, von der  
Wasserflasche über das Smartphone bis zum Wohn-  
17Entwurf zum Regierungsprogramm 2025  
haus. Sie braucht die richtigen regulatorischen  
und ökonomischen Rahmenbedingungen, mehr  
Materialstandardisierung und gleiche Wettbewerbs-  
bedingungen für recyceltes Material. Ein digitaler  
Produktpass schafft bessere Informationen über  
die Materialien, die in einem Produkt stecken. Dafür  
werden wir jetzt die Kreislaufwirtschaftsstrategie  
umsetzen. Wir haben uns auf europäischer Ebene  
erfolgreich dafür eingesetzt, dass Produkte langle-  
big und reparaturfreundlich hergestellt werden.  
Für einen starken Verbraucherschutz  
Faire Verträge und einklagbare Verbraucherrechte  
– darauf müssen sich Verbraucher\*innen verlas-  
sen können. Gerade in Zeiten steigender Lebens-  
haltungskosten kann und muss Verbraucherschutz  
dazu beitragen, das Leben einfacher zu machen und  
Menschen vor unfairen Preisen, Intransparenz und  
Betrug zu schützen.  
Gentechnikfreie Lebensmittel sind für viele Ver-  
braucher\*innen wichtig. Damit das möglich bleibt,  
müssen alle, die gentechnikfrei arbeiten wollen,  
das auch in Zukunft können. Dafür ist entscheidend,  
dass es keine Patente auf Leben gibt: Pflanzen,  
Tiere, Saatgut und Gene dürfen nicht patentiert  
werden, auch nicht in digitalisierter Form. Und es  
braucht eine Kennzeichnungspflicht für gentech-  
nisch verändertes Saatgut und Lebensmittel.  
Steigende Energiepreise und die notwendige Ener-  
gie- und Wärmewende stellen Verbraucher\*innen vor  
große Herausforderungen. Wir werden einen wirk-  
samen Schutz vor Wärme- und Stromsperren auf den  
Weg bringen. Damit für Stromkund\*innen schnell  
und einfach sichtbar wird, ob sie aufgrund eines  
überteuerten Altvertrags Monat um Monat zu viel für  
ihren Strom bezahlen, machen wir die Angabe des  
durchschnittlichen Strompreises für Neukund\*innen  
auf der Energierechnung verpflichtend. Dann weiß  
jede und jeder, wann sich ein Wechsel besonders  
lohnt. Das wirkt als Teuer-Bremse für Stromtarife.  
Wenn es ums Geld geht, sind transparente und  
einfach verständliche Informationen besonders  
wichtig. Deshalb bedarf es beim finanziellen Ver-  
braucherschutz besonders hoher Standards und  
einer fairen und unabhängigen Finanzberatung.  
Im Zentrum steht der Schutz von Kleinanleger\*in-  
nen. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungs-  
aufsicht (BaFin) wollen wir auch beim Schutz vor  
Greenwashing von Finanzprodukten in die Pflicht  
nehmen. Zudem setzen wir auf transparente und  
einfach verständliche Mindeststandards und Nor-  
men für nachhaltige Finanzprodukte.  
Die hohen Kosten des Zahlungsverkehrs für deut-  
sche Unternehmen und Verbraucher\*innen – etwa  
bei der Nutzung von Kreditkarten – wollen wir  
mithilfe innovativer Wettbewerber und des Wettbe-  
werbsrechts günstiger machen.  
B. EIN MODERNES UND  
DIGITALES LAND  
Für einen Staat, der für die Menschen  
funktioniert  
Für die Herausforderungen im Heute und Morgen  
wollen wir unseren Staat besser aufstellen und  
bieten dafür den demokratischen und föderalen  
Partnern die Hand für eine Staatsreform. Darunter  
verstehen wir unter anderem, dass die Aufgaben  
und Rollen an manchen Stellen in unserem föde-  
ralen Staat neu verteilt, gebündelt und auch klarer  
gestaltet werden, zum Beispiel im Sozialleistungs-  
bereich. Wir setzen auf konstruktive Zusammenar-  
beit statt Doppelstrukturen und Gegeneinander. Der  
Bund sollte bei Gesetzen und Förderprogrammen  
mehr Umsetzungsverantwortung auf Länder und  
Kommunen übertragen, statt alles detailliert selbst  
zu regeln. Länder und Kommunen brauchen mehr  
Spielräume für eigenverantwortliches Handeln  
wie auch für konkrete Kooperationen. Umgekehrt  
sollte der Bund für bundesweit gesetzlich geregelte  
Leistungen wie Elterngeld oder Wohngeld einen  
digitalen Dienst bereithalten, den Länder und Kom-  
munen für die Leistungserbringung vor Ort nutzen  
können. Durch solche zentralen Serviceeinheiten  
kann der Bund Routineaufgaben zentral erbringen,  
damit sich die Verwaltung vor Ort auf die Beratung  
konzentrieren kann. Den Auftakt für diese Reform-  
prozesse könnten die Diskussionen in einem Bür-  
gerrat geben.  
18BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN  
Die Gesetzgebung des Bundes muss praxistaugli-  
cher und weniger kompliziert gestaltet werden. Die  
Digital- und Praxischecks wollen wir dafür aus-  
bauen. Bei neuen Gesetzgebungsvorhaben ist das  
zugrunde liegende Stammgesetz zu modernisieren,  
sind Leistungen zu pauschalisieren sowie Experi-  
mentierräume und Reallabore vorzusehen. Die  
Bundeshaushaltsordnung und ihre Anlagen wollen  
wir entschlacken, ohne die Fehlverwendung öffent-  
licher Gelder zu begünstigen.  
Durch Modernisierung und Automatisierung, auch  
durch den Einsatz von KI, kann der Arbeitsaufwand  
für Verwaltungsprozesse geringer werden. So ver-  
kleinern wir auch die Ministerialverwaltung des  
Bundes und stärken die Umsetzungsverantwortung  
der nachgeordneten Bundesbehörden. Dies ist in  
Zeiten des Fachkräftemangels und unbesetzter  
Stellen dringend nötig.  
Für eine serviceorientierte Verwaltung  
Wir werden unsere öffentliche Verwaltung kon-  
sequent modernisieren, digitalisieren und an den  
Bedürfnissen der Menschen ausrichten.  
Bürger\*innen sollen mit dem Staat digital und  
auf Augenhöhe kommunizieren können. Deshalb  
werden wir gemeinsam mit den Ländern und  
Kommunen die Deutschland-App einführen, in der  
schrittweise alle staatlichen Verwaltungsangebote  
sicher, barrierefrei und anwendungsfreundlich zur  
Verfügung stehen sollen. In dieser App kann man  
künftig mit wenigen Klicks einen Personalausweis  
beantragen oder die neue Wohnung anmelden. Die  
App dient als einfache Bedienungsoberfläche für  
die Bürger\*innen und als Zielbild für die deutsche  
Verwaltungsdigitalisierung. Im Hintergrund der App  
bauen wir eine moderne, modulare und standar-  
disierte IT-Architektur, bei der die Verwaltungsdo-  
mänen von Bund, Ländern und Kommunen sinnvoll  
ineinandergreifen.  
Die Beschäftigten in den Behörden sind motiviert,  
sie packen an und wollen Prozesse besser machen.  
Uns geht es darum, sie zu entlasten und mehr Effi-  
zienz zu ermöglichen: Wir gehen mit einer Innova-  
tionskultur in der Verwaltung voran, die offen ist für  
antragslose Verfahren, risikobereite Entscheidungen,  
Experimentierfreude und den Einsatz moderner  
Technik. Dafür erhöhen wir die Ermessensspiel-  
räume der Entscheider\*innen. Wir ermöglichen den  
Einsatz von Automatisierung und KI-Anwendungen  
überall, wo sie hilfreich und sinnvoll sind. Damit  
Daten nicht immer wieder neu erhoben werden  
müssen, treiben wir die Registermodernisierung und  
-vernetzung voran. Die Behörden sollen Datentools  
vorhalten, bei denen Bürger\*innen und Unterneh-  
men ihre Daten nur einmal einpflegen müssen.  
Dann müssen die verschiedenen Ebenen der Ver-  
waltung darauf selbst zurückgreifen. Das verschlankt  
persönliche Meldungen, Berichtspflichten und Kont-  
rolldaten in der Landwirtschaft. Dafür brauchen wir  
auch eine sichere eigene Cloud in Deutschland.  
Für eine schnelle und umfassende  
Digitalisierung  
Die Digitalisierung zu gestalten, ist für unser Zusam-  
menleben und unseren Wohlstand zentral. Bisher  
ist das in Deutschland nicht ausreichend gelungen.  
Dies liegt auch an der Zersplitterung der Zustän-  
digkeiten dafür und der fehlenden Ressourcen-  
bündelung. Deswegen braucht es eine Bündelung  
von Zuständigkeiten, Verantwortlichkeiten und der  
Budgetverantwortung. Damit gehen wir den Aus-  
bau der digitalen Infrastruktur, die europäische und  
internationale Digitalpolitik und die Entwicklung  
einer Open-Source-Strategie fokussiert an. Für den  
Digitalen Staat wollen wir zentrale digitale Dienste  
wie die BundID und die Deutschland-App vorantrei-  
ben. Den Digitalcheck als aktives und begleitendes  
Instrument der Gesetzgebung entwickeln wir weiter  
und gestalten die Digitalisierung nachhaltig.  
Der Schlüssel zur Beschleunigung der Digitalisierung  
Deutschlands liegt in der Überwindung der Grenzen  
der unterschiedlichen IT-Systeme von Unternehmen,  
Behörden und Forschungseinrichtungen durch Inter-  
operabilität. Nur dann können Prozesse durchgängig  
digital ohne Handarbeit oder Medienbrüche abge-  
wickelt werden. Diese Art der Vernetzung ist zu sehr  
vernachlässigt worden. Wir werden offene Standards  
fördern und dabei Entwickler\*innen, Zivilgesellschaft  
und KMU stets miteinbeziehen. Diese Standards  
sollen ohne Lizenzgebühren frei nutzbar sein. Wir  
denken Interoperabilität und digitale Kooperation  
weiter, nämlich als eine notwendige Grundlage, um  
19Entwurf zum Regierungsprogramm 2025  
die Wettbewerbsfähigkeit, Resilienz und Nachhaltig-  
keit unserer Wirtschaft zu stärken.  
Um das große Potenzial von Datenkollaboration für  
Innovation und Produktivität zu heben, muss die  
Umsetzung des Datenschutzes einfacher und weni-  
ger bürokratisch werden. Die Datenschutzgrundver-  
ordnung muss effizienter und einheitlicher um-  
gesetzt werden – auch um Doppelregulierung und  
unklare Zuständigkeiten zu vermeiden. Eine Reform  
beim Datenschutz hin zu Einheitlichkeit, Verlässlich-  
keit und Einfachheit ist nötig, etwa durch die Bün-  
delung von Zuständigkeiten für bestimmte Sektoren  
oder Forschung bei einzelnen Aufsichtsbehörden.  
Deutschland braucht schnelles Internet in Stadt  
und Land. Wir werden bessere Rahmenbedingungen  
für den privatwirtschaftlichen Ausbau von Glasfa-  
ser und 5G-Mobilfunk setzen, indem wir Genehmi-  
gungsprozesse beschleunigen, alternative Verlege-  
methoden erleichtern und Open Access fördern. Für  
ländliche Gebiete und strukturschwache Regionen  
werden wir die staatliche Gigabitförderung erhö-  
hen. Wir stärken die Rechte von Verbraucher\*innen  
auf schnelles Internet, indem wir die Mindestband-  
breite schrittweise erhöhen und es einfach machen,  
mangelhaftes Internet nachzuweisen und einen  
besseren Zugang zu bekommen.  
Für einen Deutschlandfonds und eine  
Reform der Schuldenbremse  
Wir werden in der Regierung entschlossen die In-  
vestitionen in tragfähige Infrastrukturen nachholen,  
die unser Land so dringend braucht. Die schwarze  
Null im Haushalt wurde mit einem Kredit bei der  
Zukunftsfähigkeit unseres Landes erkauft. Wir wer-  
den deshalb einen Deutschlandfonds für Bund, Län-  
der und Kommunen errichten. Daraus werden wir  
die Schienen bauen, auf denen Züge die Menschen  
pünktlich an ihr Ziel bringen, die Kitas und Schulen  
sanieren, in denen Chancen für alle entstehen, die  
Forschung finanzieren, die die Technologien und  
den Wohlstand von morgen begründet, und  
Unternehmen den Raum für Investitionen in ihre  
Zukunft ermöglichen.  
Der Investitionsstau in Deutschland liegt im drei-  
stelligen Milliardenbereich. Die Schuldenbremse in  
ihrer aktuellen Form verhindert Investitionen und  
andere Maßnahmen, die unsere stagnierende Volks-  
wirtschaft wieder ankurbeln. Um die notwendigen  
Investitionen in Infrastruktur, in die Dekarbonisie-  
rung unseres Landes und in eine starke, zukunftsfä-  
hige Wirtschaft zu finanzieren, wollen wir die Schul-  
denbremse reformieren. Wir schaffen damit neue  
finanzielle Spielräume, die wir angemessen zwi-  
schen Bund und Ländern verteilen werden. Zugleich  
werden wir sicherstellen, dass die Gesamtverschul-  
dung dauerhaft tragfähig bleibt. Das raten auch die  
führenden Wirtschaftsinstitute wie der Internatio-  
nale Währungsfonds (IWF), die Bundesbank oder der  
Sachverständigenrat der Bundesregierung.  
Nachdem die Große Koalition das Land fast zwei  
Jahrzehnte kaputtgespart hat, haben wir in der  
Bundesregierung die Trendwende eingeleitet. Bis  
zur Umsetzung einer Reform der Schuldenbremse  
wollen wir mit dem Deutschlandfonds der jüngeren  
Generation ein modernes, funktionierendes und  
klimaneutrales Land sowie eine wettbewerbsfähige  
Volkswirtschaft garantieren, statt ihnen aufgescho-  
bene Lasten und marode Infrastrukturen zu hinter-  
lassen. Bürger\*innen wollen wir ermöglichen, sich  
an diesen Investitionen zu beteiligen.  
Investitionen in Klima- und Umweltschutz sowie in  
Verkehrs-, Energie-, Bildungs- und Forschungsinfra-  
struktur sowie in die nationale Sicherheit haben für  
uns dabei Priorität. Klar ist auch: Bei sogenannten  
konsumtiven Ausgaben bleibt es bei den derzeit  
strikten Regeln. Das bedeutet zum Beispiel: Die  
energetische Sanierung des Schulgebäudes kann  
kreditfinanziert werden, das Gehalt des Lehrper-  
sonals muss aus dem regulären Etat kommen. So  
hinterlassen wir der jungen Generation keine un-  
nötigen Schulden und vermeiden zugleich versteck-  
te Schulden. Denn auch unterlassene Investitionen  
sind eine Bürde für die junge Generation.  
Der Deutschlandfonds hilft, die Spielräume für drin-  
gend notwendige Zukunftsinvestitionen zu erhöhen.  
Er ist aber kein Ersatz für die Aufgabe, im Haus-  
halt stärker zu priorisieren und effizienter mit den  
vorhandenen Einnahmen umzugehen. Denn viele  
wichtige Anliegen wie bessere Bildung oder stärke-  
re Sicherheit erfordern auch konsumtive Ausgaben.  
Wir wollen den Haushalt entlasten, indem wir mehr  
20BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN  
Geflüchtete und mehr Bürgergeldbezieher\*innen in  
Arbeit bringen. Zudem wollen wir die Verwaltung  
durch die weitere Digitalisierung verschlanken. Und  
wir wollen insbesondere klima- und umweltschäd-  
liche Subventionen abbauen.  
Die Verteilung der Steuern zwischen Bund, Ländern  
und Kommunen muss den tatsächlichen Aufgaben  
und Investitionsbedarfen entsprechen, um gleich-  
wertige Lebensverhältnisse in allen Landesteilen  
zu ermöglichen. Das aktuelle System des Bund-Län-  
der-Finanzausgleichs werden wir in seiner jetzigen  
Form beibehalten.  
C. EIN KLIMA, IN DEM WIR  
GUT LEBEN KÖNNEN  
Für ein stabiles und sicheres Klima  
Die Staatengemeinschaft hat sich mit dem Pariser  
Klimaabkommen darauf verständigt, die Klima-  
krise einzudämmen. Alle großen Länder mit hohen  
Treibhausgasemissionen haben sich auf diesen Weg  
gemacht – darauf kommt es an. Die EU ist nach den  
USA und China aktuell der drittgrößte Emittent von  
klimaschädlichen Emissionen. Es kommt also auch  
auf unser gemeinsames Handeln an. Wir haben uns  
in der EU deshalb gemeinsam auf ein Ziel verpflich-  
tet: Europa soll bis 2050 der erste klimaneutrale  
Kontinent werden.  
Mit dem europäischen Green Deal haben wir in  
den vergangenen drei Jahren große Fortschritte  
auf dem Weg zu einem stabilen und sicheren Klima  
erzielt und gleichzeitig begonnen, die europäische  
Wirtschaft und Industrie zu modernisieren. Das  
wirkt: Die EU ist auf Kurs, ihre Klimaziele zu erfül-  
len. Jetzt braucht die Wirtschaft Planungssicherheit.  
Der Green Deal und das „Fit for 55“-Paket müssen  
nun europaweit konsequent und möglichst unbüro-  
kratisch umgesetzt werden. Neuer Aufschieberei  
und Verwässerung stellen wir uns entgegen.  
Deutschland spielt dabei eine entscheidende Rolle.  
Die Großen Koalitionen hatten hohe Klimaschutz-  
ziele beschlossen, aber keinen Plan und keine Maß-  
nahmen entwickelt, wie diese Ziele erreicht werden.  
Wir haben Deutschland und Europa erstmals auf  
einen Pfad gebracht, diese Lücke zu schließen. Es  
hängt vom entschiedenen Handeln der nächsten  
Bundesregierung ab, ob sie diese Chance nutzt und  
die Ziele auch erreicht.  
Die dafür notwendigen Veränderungen sind an-  
spruchsvoll und haben deshalb auch viele hitzige  
Diskussionen, Sorgen und Ängste ausgelöst und  
neue Fragen aufgeworfen. Es ist klar: Wir müssen  
noch mehr dafür tun, damit der Weg verlässlich ist  
und alle ihn mitgehen können. Wir machen Klima-  
schutz einfacher und bezahlbarer und lösen Um-  
setzungsprobleme pragmatisch. Dabei setzen wir  
gezielt verschiedene Instrumente ein – von markt-  
wirtschaftlichen Anreizen wie dem Emissionshan-  
del über eine gezielte Förderung für Wirtschaft und  
Haushalte bis hin zum Ordnungsrecht.  
Die Anstrengungen lohnen sich: Die klimaschäd-  
lichen Emissionen sinken. Erstmals ist Deutschland  
auf einem Kurs hin zum Erreichen der Klimaziele.  
Es kommt nun darauf an, diesen Kurs zu halten, um  
weiterhin Verlässlichkeit und Planungssicherheit  
herzustellen und eine Orientierung für die klima-  
neutrale Modernisierung unseres ganzen Konti-  
nents zu geben.  
Europa muss nach wissenschaftlichem Rat nun bis  
2040 seine Treibhausgasemissionen um 90 Prozent  
gegenüber 1990 verringern. Dazu braucht es ent-  
schiedene Anstrengungen und einen bedeutenden  
Beitrag von Deutschland als größtes Mitgliedsland  
mit den höchsten Emissionen und einem hohen  
Wohlstand. Wir halten deshalb an den rechtlich  
festgeschriebenen Zielen der Klimaneutralität 2045  
und den verbindlichen Zwischenzielen fest. Die  
Energiewende setzen wir ebenso fort wie den Um-  
stieg auf das klimaneutrale Heizen.  
Der Verkehrsbereich hat den größten Aufholbedarf  
beim Erreichen der Klimaziele. Deshalb erhöhen wir  
die Dynamik, indem wir den Ausbau der Bahn noch  
weiter intensivieren und den Umstieg auf E-Mobili-  
tät beschleunigen. Um das sicherzustellen, werden  
wir, wie rechtlich vorgesehen, das aktuelle Klima-  
schutzgesetz evaluieren und entsprechend die Ver-  
antwortung von Sektoren stärken, in denen Klima-  
schutz zu wenig vorankommt. Würden Ziele verfehlt,  
drohen Deutschland teure Strafzahlungen und  
21Entwurf zum Regierungsprogramm 2025  
zukünftig höhere CO₂-Preise, beides wollen wir für  
öffentliche Haushalte und Bürger\*innen vermeiden.  
Für sozial gerechten Klimaschutz  
Den Weg zur Klimaneutralität gestalten wir als  
Weg zu einer gerechteren Gesellschaft: Von einem  
erschwinglichen und flächendeckend gut ausge-  
bauten öffentlichen Verkehr profitieren vor allem  
Menschen, die sich kein Auto leisten können. Elek-  
tromobilität sowie der Fuß- und Radverkehr tragen  
zu besserer Luftqualität für alle bei. Gut gedämmte  
Häuser und klimaneutrale Wärme schützen die  
Menschen vor steigenden Heizkosten.  
Der Weg zur Klimaneutralität ist also mit vielen  
Vorteilen verbunden, aber er bedarf auch großer  
Investitionen – sei es bei der Installation neuer  
Heizungsanlagen, der Wärmedämmung, dem Ein-  
bau eines Energiespeichers oder dem Wechsel zum  
E-Auto. Investitionen brauchen Planungssicherheit  
und Vertrauen, gerade im Hinblick auf die Verfüg-  
barkeit von Fördermitteln. Dahin wollen wir mit  
einer berechenbaren Haushaltspolitik zurück. Viele  
Menschen werden diese Investitionen ohne Unter-  
stützung nicht leisten können. Die Finanzierung der  
Investitionen zur klimaneutralen Erneuerung ist  
eine Generationenaufgabe, die entscheidend für das  
langfristige menschliche Leben auf diesem Plane-  
ten ist und die deshalb teilweise auch über Kredit-  
aufnahme finanziert werden sollte.  
Wir achten besonders darauf, dass alle die not-  
wendige Modernisierung mitgehen können. Damit  
klimafreundliche Alternativen für alle Menschen  
erschwinglich werden, wollen wir in Zukunft För-  
derprogramme weiter ausbauen und durch soziale  
Staffelung insbesondere auf Menschen mit gerin-  
gen und mittleren Einkommen zuschneiden. Erste  
Schritte in diese Richtung haben wir bereits unter-  
nommen, zum Beispiel mit den sozial ausgestal-  
teten Förderprogrammen für die Modernisierung  
von Heizungssystemen und bei der Sanierung von  
Wohnungen und Häusern. Auch den Umstieg auf  
die E-Mobilität wollen wir für Menschen mit klei-  
nen und mittleren Einkommen fördern, gerade im  
ländlichen Raum. Dazu schlagen wir eine staatliche  
Unterstützung beim Erwerb eines verbrauchsarmen  
E-Autos vor, welches zusätzlich die europäische  
Automobilwirtschaft unterstützt. Sie besteht aus  
einer Ladekarte für das Tanken an öffentlichen  
Ladesäulen, einer steuerlichen Förderung für kleine  
und mittlere Einkommen und einem Social-Lea-  
sing-Programm. Zudem beenden wir überzogene  
Preise an Ladesäulen durch scharfe Anwendung  
des EU-Rechts und stärken den Verbraucherschutz,  
sodass Strom und Wärme durch mehr Wettbewerb  
bezahlbarer werden.  
Wir geben ein Sicherheitsversprechen: Alle Men-  
schen mit niedrigen und mittleren Einkommen  
bekommen zum Ausgleich einen Großteil der Ein-  
nahmen der CO₂-Bepreisung von Gebäudewärme  
und Transport als Klimageld zurück. Das Klimageld  
soll in der nächsten Legislatur so schnell wie mög-  
lich eingeführt werden und dann direkt und ohne  
vorherige Beantragung auf das Konto eingehen.  
Mieter\*innen wollen wir dauerhaft und verlässlich  
davor schützen, dass die CO₂-Kosten einseitig auf  
sie umgewälzt werden.  
Derzeit subventioniert der Staat klimaschädliches  
Verhalten. Das werden wir schrittweise abbauen  
und die frei werdenden finanziellen Mittel für den  
sozialen Ausgleich und Klimaschutz verwenden.  
Betroffene werden wir bei der Anpassung unter-  
stützen, auf soziale Ausgewogenheit achten und  
Planungssicherheit geben. Als ersten Schritt werden  
wir das Dienstwagenprivileg so reformieren, da-  
mit es noch deutlichere Anreize für klimaneutrale  
Mobilität setzt.  
Die Klimakrise und damit verbundene Extremwet-  
ter wie Überschwemmungen oder Dürren führen  
zu immer größeren Schäden. Zugleich machen  
Ölkonzerne, die maßgeblich für die weltweiten  
CO₂-Emissionen verantwortlich sind, weiter giganti-  
sche Gewinne. Wir werden uns dafür einsetzen, dass  
diese Verschmutzer einen Beitrag zum Ausgleich  
der Kosten der Klimakrise leisten und Bürger\*in-  
nen, Landwirt\*innen und Unternehmen nicht mit  
immer größeren Schäden allein dastehen. Auch  
in Deutschland gilt für uns ganz klar das Verursa-  
cherprinzip. Das bedeutet, dass beispielsweise die  
Folgekosten des Kohlebergbaus nicht auf die All-  
gemeinheit fallen dürfen.  
22BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN  
Weltweit und bei uns zu Hause: Es sind die Ärmsten,  
die am stärksten unter den Folgen einer eskalieren-  
den Klimakrise leiden. Die Klimakrise ist ein Be-  
schleuniger von Ungleichheit, dem stellen wir uns  
mit sozial gerechter Klimapolitik und unserem inter-  
nationalen Einsatz für Klimagerechtigkeit entgegen.  
Für günstige, verlässliche und  
klimaneutrale Energie  
Günstiger Strom aus erneuerbaren Energien wie  
Wind, Sonne, Wasserkraft, Geothermie und naturver-  
trägliche Bioenergie sichert unseren Wohlstand. Er  
ist auch die Grundlage für ein bezahlbares Leben,  
denn Wärme und Mobilität werden zunehmend  
elektrisch. Wir halten Kurs beim erreichten Rekord-  
Ausbautempo und bauen die Infrastruktur so aus,  
dass der günstige Strom bei Menschen und Unter-  
nehmen ankommt.  
Die vergangenen Jahre sind wir auf diesem Weg  
einen riesigen Schritt vorangekommen: 2024 ka-  
men circa 60 Prozent unseres Stroms aus erneuer-  
baren Quellen, 2021 waren es erst 40 Prozent. Bis  
2030 wollen wir 80 Prozent erreichen; 2035 wird  
der Strom komplett klimaneutral hergestellt. Eigen-  
tümer\*innen, Mieter\*innen, Unternehmen und Kom-  
munen sollen ohne große bürokratische Hürden  
eigene Energie nutzen oder an Energieprojekten  
teilhaben können. Dazu werden wir auch in Zukunft  
dezentrale Erzeuger von Solar- und Windenergie  
sowie Speicher, Elektrolyseure durch konsequenten  
Bürokratieabbau, Planungssicherheit und rentable  
Geschäftsmodelle unterstützen. Mit Energy Sharing  
werden wir es möglich machen, günstig erzeugten  
erneuerbaren Strom noch einfacher gemeinschaft-  
lich und kommunal zu teilen.  
Erneuerbare Energien liefern enorm günstig, aber  
nicht gleichmäßig Strom. Daher müssen wir Ange-  
bot und Nachfrage optimal und möglichst dezentral  
aufeinander abstimmen. Dies erreichen wir durch  
kosteneffizienten Netzausbau und bessere Netznut-  
zung, dezentrale Preissignale ohne eine Aufteilung  
der Gebotszone, Speichern aller Arten, eine neue  
Generation von wasserstofffähigen und flexibel  
einsetzbaren Kraftwerken und die effiziente Aus-  
nutzung der enormen Flexibilitätspotenziale von  
Industrie, Gewerbe, Verkehr und privaten Verbrau-  
cher\*innen. Wir setzen uns für einen leistungsfähi-  
gen europäischen Strombinnenmarkt ein und bauen  
die Stromnetze zu unseren europäischen Nachbarn  
aus. Außerdem setzen wir auf die konsequente Di-  
gitalisierung des Energiesektors. Mit digitalen und  
flexiblen Stromnetzen und dynamischen Stromta-  
rifen werden künftig die Bürger\*innen in die Lage  
versetzt, in Zeiten von viel Wind und Sonne den  
Strom per Batterie oder Wärmepumpe systemdien-  
lich zu speichern, die Waschmaschine laufen oder  
das E-Auto laden zu lassen. Damit kann jede und  
jeder Geld sparen und von den Vorteilen der er-  
neuerbaren Stromwelt direkt profitieren. Zugleich  
sinken die Kosten im Gesamtsystem.  
Notwendig sind dazu auch neue Regeln, wie unser  
Strommarkt funktioniert. Langfristige Sicherheit für  
Investitionen in Kraftwerke, zum Beispiel im Rahmen  
von Kapazitätsmärkten, müssen mit intelligenten  
kurzfristigen Anreizen zum effizienten Stromver-  
brauch einhergehen. Damit ermöglichen wir einen  
zunehmend sich selbst tragenden Ausbau von Sonne,  
Wind und Speichern sowie sonstiger Infrastruktur  
und entlasten Strompreise und Bundeshaushalt.  
Gerade weil der Umbau zum klimaneutralen  
Stromsystem hohe Investitionen erfordert, ach-  
ten wir besonders auf die Kosten. Wir senken die  
Finanzierungskosten durch langfristig sichere  
Rahmenbedingungen, Garantien und intelligente  
Regulierung. Für neu zu planende Hochspannungs-  
gleichstromleitungen werden wir die einfacheren  
Freileitungen wieder zum Standard machen und  
Erdverkabelung nur noch bei besonderen örtlichen  
Erfordernissen nutzen. Wir setzen zugleich den Weg  
fort, die Kosten nicht umzulegen, sondern anders zu  
finanzieren und Strom damit für Verbraucher\*innen  
und Unternehmen billiger zu machen. Die Umlage  
aus dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) wurde  
für die Verbraucher\*innen bereits abgeschafft und  
wird nun vollständig aus dem Haushalt finanziert.  
Im nächsten Schritt senken wir die Stromsteuer auf  
das europäische Mindestmaß. Zudem reformieren  
wir die Finanzierung des Netzausbaus, um die Netz-  
entgelte zu senken.  
Fossile Energieerzeugung ist ein Auslaufmodell.  
Gerade damit die Kohleregionen Planungssicher-  
heit haben und der Strukturwandel geordnet  
23Entwurf zum Regierungsprogramm 2025  
unterstützt werden kann, halten wir daran fest, alle  
verbliebenen Kohlekraftwerke ab 2030 nicht mehr  
zu befeuern. Wir stehen für eine endgültige Absage  
an die Gasförderung in ganz Deutschland – an Land  
wie auf dem Meer. Eine Rückkehr zur Atomkraft ist  
weder für das Erreichen der Klimaziele noch für die  
Versorgungssicherheit notwendig – zudem scheiden  
neue Atomkraftwerke wegen der extrem langen  
Planungs- und Bauzeiten, der hohen finanziellen  
Risiken und der Ewigkeitskosten als realistische  
Option ohnehin aus. Der lange geplante und partei-  
übergreifend beschlossene Atomausstieg hat unser  
Land sicherer gemacht. Die Suche eines verläss-  
lichen Endlagers bleibt eine Herausforderung, der  
sich das ganze Land stellen muss.  
Für verlässliche und bezahlbare Wärme  
Der Einstieg in eine verlässliche und klimafreund-  
liche Wärme ist jahrelang verschlafen worden. Jetzt  
sind die Weichen richtig gestellt. In den nächsten  
Jahren wollen wir gemeinsam mit den Kommunen  
den Weg dafür ebnen, allen Menschen den schritt-  
weisen Umstieg auf klimafreundliches und bezahl-  
bares Heizen zu ermöglichen.  
Wir geben mit dem bestehenden Gebäudeenergie-  
gesetz und einer Förderung von bis zu 70 Prozent  
für den Einbau von fossilfreien Heizungen den  
Eigenheimbesitzer\*innen, der Wirtschaft sowie  
den Mieter\*innen und Vermieter\*innen die nötige  
Planungssicherheit für Kauf und Einbau einer mo-  
dernen klimafreundlichen Heizung, wie der Wärme-  
pumpe, bis 2045. Die Unterstützung auf diesem Weg  
werden wir ausbauen. Ebenso ausbauen werden wir  
die Energieberatung. Zudem wollen wir die Klima-  
komponente im Wohngeld weiter stärken.  
Wärmenetze sind ein wichtiger Baustein auf dem  
Weg zu klimafreundlicher und bezahlbarer Wärme  
für alle. Vor allem in dicht besiedelten Gebieten  
können sie dazu beitragen, viele Häuser gleich-  
zeitig mit klimafreundlicher Wärme zu versorgen.  
Den Aus- und Umbau von Wärmenetzen wollen wir  
mit der Verlängerung und Stärkung der Förderung  
für effiziente Wärmenetze (BEW) absichern, Ge-  
nehmigungsprozesse optimieren und durch eine  
Senkung der Stromkosten auch die Erzeugung  
von klimafreundlicher Wärme bei den Energie-  
erzeugern vor Ort stärken. Ein gleichzeitig starker  
Verbraucherschutz ist dafür Voraussetzung. Durch  
die Einführung einer Preisaufsicht wollen wir den  
Verbraucherschutz bei der Fernwärme, die vor allem  
von Mietshaushalten bezogen wird, weiter stärken.  
Mögliche Preisanstiege bei der Fernwärme wollen  
wir analog zu den Regelungen im Gebäudeenergie-  
gesetz begrenzen. Außerdem werden wir privates  
Kapital für den Ausbau der Wärmenetze aktivieren  
und die Finanzierungskosten durch öffentliche  
Bürgschaften senken.  
Die Wärmewende kann sich auf eine Vielzahl von  
Technologien stützen. Entscheidend ist für uns je-  
doch, dass sich Verbraucher\*innen auf Klimafreund-  
lichkeit, Verlässlichkeit und Bezahlbarkeit verlassen  
können und sie nicht mit falschen Versprechen in  
Heiztechnologien investieren, mit denen sie einige  
Jahre später in der Kostenfalle landen.  
Für vorsorgende Anpassungen an ein  
verändertes Klima  
Dürren und Hitzeperioden, Waldbrände, Über-  
schwemmungen und Starkregen kosten Menschen-  
leben, zerstören Wohnhäuser, Straßen und Brücken,  
schädigen die Landwirtschaft und unsere Lebens-  
mittelerzeugung. Indem wir unser Wirtschaften und  
Leben klimaneutral gestalten, bekämpfen wir ihre  
Ursachen. Aber im Angesicht der sich verschärfen-  
den Auswirkungen der Klimakrise müssen wir weit-  
aus stärker Vorsorge leisten. Wie groß die Schäden  
durch die Klimakrise sind, hängt auch davon ab,  
wie gut wir uns darauf vorbereitet haben. Die An-  
passung an die Klimakrise ist deshalb eine gesell-  
schaftliche, ökonomische und soziale Kernaufgabe  
der kommenden Jahre und Jahrzehnte.  
Mit dem Klimaanpassungsgesetz haben wir Bund,  
Länder und Kommunen in Deutschland verpflichtet,  
diese Aufgabe anzugehen. Die Kommunen tragen  
die Hauptlast der Anpassungen, die uns als gesamte  
Gesellschaft betreffen. Deswegen wollen wir Klima-  
vorsorge zur Gemeinschaftsaufgabe von Bund und  
Ländern machen und mehr Bundesmittel für die  
Anpassung bereitstellen.  
Die vernichtende Ahrtalflut 2021 oder die zerstö-  
rerischen Fluten in Osteuropa 2024 führen uns vor  
24BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN  
Augen, wie verletzlich unsere Gesellschaft besonders  
angesichts von Hochwasserkatastrophen ist. Des-  
halb werden wir den Hochwasserschutz zusammen  
mit den Ländern verbessern. Zusätzlich brauchen wir  
Investitionen in natürliche Überschwemmungsräume  
wie Auenwälder oder Erlenbrüche. Flüsse und ihre  
natürlichen Auen werden wir im Interesse des Hoch-  
wasserschutzes stärken und ihnen, wo immer mög-  
lich, durch Renaturierungen mehr Raum geben. Wir  
brauchen aber auch Hochwasserschutzanlagen wie  
starke Deiche, funktionierende Rückhaltesysteme  
und einen gut ausgestatteten Katastrophenschutz.  
Den Versicherungsschutz gegen Elementarschäden  
werden wir sozialverträglich ausweiten.  
Besonders die Menschen in dicht bebauten Städ-  
ten müssen besser vor Hitzewellen und Starkre-  
gen geschützt werden. Dafür sorgen wir mit mehr  
Bodenentsiegelung, Frischluftschneisen, Gebäude-  
begrünung, Stadtgrün, Wasserflächen und öffentli-  
chen Trinkbrunnen. Als Schwammstädte sollen sie  
künftig mehr Wasser aufnehmen, speichern und im  
Sommer kühlend wirken.  
D. EINE MOBILE  
GESELLSCHAFT – STADT  
UND LAND ZUSAMMEN  
Für schnelles, nachhaltiges und sicheres  
Fortkommen  
Schienen, Straßen und Brücken sind Lebensadern  
unseres Landes, doch sie wurden über Jahrzehnte  
auf Verschleiß gefahren. Die Folgen spüren wir alle  
in unserem Alltag: verspätete Züge, Umwege und  
Staus. Das ist ein Schaden für Menschen, Wirtschaft  
und Umwelt. Zugleich ist unser Verkehrssystem  
noch weit davon entfernt, seinen Beitrag zum Er-  
reichen der Klimaziele zu leisten. Das ändern wir  
durch ein leistungsfähiges Angebot an Bussen und  
Bahnen und mit dem klaren Signal hin zur klima-  
freundlichen E-Mobilität.  
Wir wollen die Mobilität für alle verbessern. Wir  
brauchen eine Grundsanierung unserer Verkehrsin-  
frastruktur. Planungs- und Genehmigungsverfahren  
haben wir stark beschleunigt. Jetzt gilt es, das mit  
dem Deutschlandfonds verlässlich zu finanzieren  
und so Wirklichkeit werden zu lassen, dass der Ver-  
kehrssektor seine Klimaziele erfüllen kann. Wäh-  
rend unser Schienennetz deutschlandweit einen  
deutlichen Ausbau braucht, ist das Straßennetz  
bereits flächendeckend gut ausgebaut und benötigt  
daher Sanierungen statt Neubau. Dazu wollen wir  
einen integrierten Bundesmobilitätsplan erarbeiten,  
der Basis für eine klimaneutrale und flächenscho-  
nende Mobilität bis zum Jahr 2045 ist. Verkehrs-  
wege wollen wir erhalten und sanieren, das Schie-  
nennetz massiv ausbauen, stillgelegte Bahntrassen  
– gerade in den ländlichen Räumen – reaktivieren  
und modernisieren und ein bundesweites Netz von  
Radschnellwegen finanzieren.  
Um den Luft- und Schiffsverkehr klimaneutral zu  
modernisieren, unterstützen wir die Produktion  
nachhaltiger Kraftstoffe aus erneuerbaren Energien,  
zum Beispiel E-Kerosin, fördern Technologien zur  
Kraftstoffeinsparung und den schnellen Aufbau  
einer klimaneutralen Energieversorgung in Häfen,  
insbesondere einer klimaneutralen Landstromver-  
sorgung. Inlandsflüge wollen wir durch eine Verbes-  
serung der Bahn überflüssig machen.  
Wir wollen, dass alle in Stadt und Land günstig,  
sicher und klimafreundlich unterwegs sein können,  
egal mit welchem Verkehrsmittel. Mobil auf dem  
Land setzt vielerorts ein eigenes Auto voraus. Wir  
wollen den öffentlichen Verkehr so entwickeln, dass  
er auch auf dem Land eine alltagstaugliche Alterna-  
tive zum Auto wird. Rufbusse und andere Konzepte  
wie digital vernetzte Kleinbusse können den Takt-  
verkehr in der Fläche ergänzen. Bis zur nächsten  
Bundestagswahl wollen wir, dass dies exemplarisch  
in mindestens zehn Landkreisen Wirklichkeit wird.  
Wir wollen, dass ein funktionierendes Miteinan-  
der im Verkehr gelingt und alle sicher an ihr Ziel  
kommen. Das ist nur erreichbar, wenn überhöhte  
Geschwindigkeiten reduziert werden. In der Re-  
gierung haben wir mit der Reform des Straßenver-  
kehrsrechts für Kommunen in einem ersten Schritt  
die Chance geschaffen, leichter Tempo 30 anzu-  
ordnen und den Fuß- und Radverkehr zu stärken.  
Als einziges Land weltweit erlaubt Deutschland das  
unbegrenzte Rasen auf Autobahnen – zum Schaden  
von Menschenleben und Umwelt. Ein Sicherheits-  
tempo von 130 km/h auf Autobahnen als generelles  
25Entwurf zum Regierungsprogramm 2025  
Tempolimit ist deshalb überfällig. Den Bußgeldka-  
talog für schwere Verkehrsverstöße wollen wir auf  
europäisches Niveau bringen.  
Um Verkehrsräume attraktiver zu gestalten, Barrie-  
refreiheit auszuweiten und die Verkehrssicherheit  
insbesondere von Schulwegen zu erhöhen, wol-  
len wir Stadtumbau stärker fördern und veraltete  
Regelwerke erneuern. Unser Leitbild dabei ist die  
Vision Zero, also eine komplette Vermeidung von  
Verkehrstoten.  
Für eine verlässliche und  
bezahlbare Bahn  
Mit dem Deutschlandticket haben wir den Tarif-  
dschungel im öffentlichen Personennahverkehr  
(ÖPNV) gelichtet, Millionen von Kund\*innenen  
entlastet und ein attraktives Angebot entwickelt:  
Bus und Bahn im Nahverkehr sind heute so günstig  
wie nie zuvor. Diese Erfolgsgeschichte wollen wir  
fortschreiben und das Deutschlandticket weiter zu  
einem günstigen Preis für alle anbieten. Unser Ziel  
ist, gemeinsam mit den Ländern einen Ticketpreis  
von 49 Euro sicherzustellen. Wir begrüßen es, wenn  
Länder und Tarifverbünde Regelungen treffen, um  
junge Menschen kostenlos oder stark vergünstigt  
den ÖPNV nutzen zu lassen. Solche Angebote wol-  
len wir bundesweit ausbauen.  
Wir werden das Nahverkehrsangebot in Deutsch-  
land weiter verbessern, um die Fahrgastzahlen in  
klimaneutralen Bussen und Bahnen bis 2040 zu  
verdoppeln. Bundesmittel wollen wir zusammen  
mit höheren Ausgaben der Länder und Kommunen  
für den Nahverkehr weiter steigern. Der öffentliche  
Nahverkehr soll mittelfristig im ganzen Land ein  
alltagstaugliches Angebot mit verlässlichen Takt-  
verkehren garantieren. Unser mittelfristiges Ziel ist,  
alle Dörfer in der Zeit von 6 bis 22 Uhr mindestens  
einmal pro Stunde anzubinden.  
Deutschland soll ein Bahnland werden, in dem man  
seine Wege preiswert, bequem und klimaneutral  
zurücklegen kann. Hier bleibt viel zu tun, aber der  
Anfang ist gemacht: Immer mehr Menschen fah-  
ren Bahn, Takte werden verbessert und neue Züge  
eingesetzt. Unser Ziel ist der Deutschlandtakt, der  
Städte und Regionen regelmäßig und verlässlich  
miteinander verbindet. Das Schienennetz, das wir  
marode vorgefunden haben, werden wir weiter mit  
Hochdruck sanieren und im erforderlichen Maß  
ausbauen. Auch für den Schienengüterverkehr wol-  
len wir Kapazitäten, zum Beispiel im Kombiverkehr,  
ausbauen und die Verlagerung von Straßentrans-  
port auf die Schiene fördern.  
Für gleichwertige Lebensverhältnisse  
In den ländlichen Regionen ruht viel Kraft unseres  
Landes. In manchen haben Unternehmen Firmen-  
sitze, die Weltmarktführer sind, andere sind geprägt  
durch einzigartige Naturschätze. Sie alle haben  
eine eigene regionale Kultur und lokale Traditionen.  
Es gilt ihre Vielfalt zu schützen und die Gleichwer-  
tigkeit der Lebensverhältnisse zu verbessern.  
Damit sich Eigeninitiative, Unternehmergeist und  
Tatkraft voll entfalten können, braucht es eine  
zeitgemäße Infrastruktur in jedem Dorf, im ganzen  
Land. Mit erneuerbaren Energien und Klimaschutz  
lassen sich vor Ort schwarze Zahlen schreiben. Die  
Kommunen verdienen an der Energieerzeugung vor  
Ort aus Wind und Sonne mit und gewinnen damit  
eigene finanzielle Spielräume. Sie entscheiden  
selbst, ob das Schwimmbad saniert oder das Ge-  
meindezentrum erweitert wird. Eine digitale Infra-  
struktur auf der Höhe der Zeit ist unverzichtbar für  
wirtschaftliche Innovation – genauso wie für ge-  
sellschaftliche Teilhabe. Und das heißt: Glasfaser in  
Stadt und Land und Mobilfunk ohne Funklöcher. Mit  
digitalen Standards können regionale Wirtschafts-  
kreisläufe verbunden und gestärkt werden.  
Jede und jeder muss sich überall in unserem Land  
auf eine gute und erreichbare medizinische Versor-  
gung verlassen können. Kommunale Gesundheits-  
zentren, in denen Ärzt\*innen, Pflegekräfte und The-  
rapeut\*innen unter einem Dach arbeiten, können in  
vielen Regionen das Angebot verstärken. Lebendige  
Ortskerne und offene Gemeindezentren sind oft die  
Voraussetzung für ehrenamtliches Engagement und  
Stärkung des Zusammenlebens. Lebendige Regio-  
nen entstehen durch passende Rahmenbedingun-  
gen für das Zusammenleben und gute Infrastruktur  
– auch für junge Familien und ältere Menschen. Sie  
wollen wir unterstützen und fördern.  
26BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN  
E. EINE NATUR, DIE WIR  
SCHÜTZEN  
Für eine intakte Natur  
Indem wir die Natur wiederherstellen und schützen,  
schützen wir uns selbst: heute und in Zukunft. Mit  
dem Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz  
sind wir diese Aufgabe kraftvoll angegangen und  
haben die Naturschutzfinanzierung in Deutschland  
vervielfacht. Das wollen wir verstetigen, erweitern  
und inhaltlich fortentwickeln und damit die Mittel  
für den natürlichen Klimaschutz über 2028 hinaus  
anwachsen lassen.  
Europäisch ist ein Meilenstein gelungen: ein Gesetz  
zur Wiederherstellung der Natur. Das werden wir  
bis 2030 auf 20 Prozent der Fläche an Land und  
im Meer umsetzen. Dafür werden wir Flächen für  
die Wiederherstellung von Natur gesetzlich garan-  
tiert zur Verfügung stellen, denn auch sie liegen in  
einem überragenden gesellschaftlichen Interesse.  
Dazu wollen wir einen Schub für den Naturschutz:  
wirksame Maßnahmen gegen weiteren Flächenver-  
brauch, unbürokratische und schnellere Ausweisung  
von Naturschutzgebieten und zusammenhängende  
Biotopverbünde und Großschutzgebiete nach dem  
Vorbild des ostdeutschen Großschutzgebietspro-  
gramms nach der Wende. Frei fließende Flüsse,  
naturnahe Bäche und wilde Weiden nehmen dabei  
eine zentrale Rolle ein und müssen – wo immer  
möglich – erhalten bleiben oder wiederhergestellt  
werden. Den unnatürlichen Ausbau der Flüsse, wie  
er zum Beispiel an der Mittelelbe oder im Odertal  
geplant ist, lehnen wir ab.  
Unsere Verantwortung für besonders typische Le-  
bensräume wie das Wattenmeer, Buchenwälder und  
Streuobstbestände sowie für besonders bedrohte  
Arten wie die Wildkatze oder den Feuersalamander  
werden wir durch Artenhilfsprogramme und beson-  
dere Schutzmaßnahmen wahrnehmen. Den Bundes-  
naturschutzfonds werden wir weiter stärken.  
Um dies alles umzusetzen, braucht es mehr Unter-  
stützung für die Zivilgesellschaft, insbesondere in  
ländlichen Räumen. Denn der Erfolg des Aktions-  
programms zeigt: Die Menschen und die Kommu-  
nen wollen mehr Natur – es sind die Engagierten  
und Organisationen vor Ort, die sehr oft der Motor  
des Natur- und Artenschutzes sind.  
Die Staatengemeinschaft hat vor zwei Jahren in  
Montreal eine globale Vereinbarung für den Schutz  
der Natur und Artenvielfalt mit ambitionierten  
Zielen beschlossen – das ist auch für uns ein klarer  
Auftrag, für den Erhalt und die Wiederherstellung  
intakter Ökosysteme zu arbeiten. Mit einer verbind-  
lichen Nationalen Biodiversitätsstrategie werden  
wir diese Ziele national umsetzen.  
Dort, wo wir durch den Artenschutz bereits nach-  
haltige Erfolge erzielt haben, sind wir auch offen für  
pragmatische Herangehensweisen, um existierenden  
Zielkonflikten gerecht zu werden. Indem wir bei-  
spielsweise beim Wolf die Regeln für Abschüsse in  
problematischen Fällen vereinfacht haben, erhöhen  
wir die Akzeptanz des Artenschutzes als Ganzes.  
Unsere Wälder sind wichtig für die Artenvielfalt und  
Verbündete beim Klimaschutz. Gleichzeitig sind sie  
Erholungsraum und Grundlage für die forstwirt-  
schaftliche Nutzung. Aber wir erleben ein zweites  
Waldsterben. Klimawandel, Trockenheit und Schäd-  
lingsbefall haben inzwischen dazu geführt, dass  
Wälder mehr CO₂ emittieren als senken. Wir werden  
deshalb naturnahe Wälder mit heimischen und  
standortgerechten Baumarten erhalten und wieder-  
herstellen. Um das Ökosystem Wald zu erhalten,  
setzen wir auf ein modernes Bundeswaldgesetz,  
das natur- und klimaverträgliche Holznutzung zum  
Standard macht.  
Für eine gesunde Umwelt  
Die zunehmende Verschmutzung und Vermüllung  
ist neben der Klima- und Biodiversitätskrise die  
dritte große Herausforderung für den Schutz unse-  
rer natürlichen Lebensgrundlagen. Mit sauberen  
Böden, frischer Luft und Rückzugsorten, an denen  
man auch mal seine Ruhe genießen kann, sorgen  
wir für mehr Lebensqualität. Ob dreckige Luft oder  
Lärm, wir wollen die Leitlinien der Weltgesund-  
heitsorganisation (WHO) zum gesetzlichen Maßstab  
für ein gesundes Leben in Deutschland und Europa  
machen. Durch einen stärker vorsorgenden Ansatz  
bringen wir den Schutz unserer Böden ins 21. Jahr-  
27Entwurf zum Regierungsprogramm 2025  
hundert. Dies bedeutet weniger giftige Rückstände  
im Boden und einen insgesamt rücksichtsvolleren  
Umgang aller Nutzer\*innen, um die Kraft unserer  
Böden zu entfesseln.  
Unser Ziel ist es, den Verpackungsmüll wirksam zu  
reduzieren und die Vermüllung von Landschaft und  
Gewässern zu stoppen. Kunststoffhersteller werden  
wir stärker an den Umweltkosten ihrer Produkte be-  
teiligen. Spätestens ab 2045 soll kein vermeidbarer  
Verpackungsmüll mehr anfallen.  
Bei der Reform des europäischen Instruments für  
die Sicherheit von Chemikalien (REACH-Regelung)  
wollen wir schneller vorankommen. Wir unterstüt-  
zen einen risikobasierten Ansatz, der die Wechsel-  
wirkungen der Chemikalien berücksichtigt. Wichtig  
sind uns dabei die Beschleunigung der Verfahren  
und die Verbesserung der Sanktionsmöglichkeiten.  
Stoffe, die Mensch und Ökosysteme dauerhaft schä-  
digen, wie die sogenannten Ewigkeitschemikalien  
nehmen wir besonders in den Blick. Überall dort,  
wo sie gut ersetzt werden können und insbesonde-  
re in verbrauchernahen Produkten, wollen wir aus  
ihrer Verwendung rasch aussteigen.  
Für die Folgen der Verschmutzung von Wasser  
sollen die Verschmutzer aufkommen. Dafür wollen  
wir die Hersteller von wassergefährdenden Stoffen  
stärker in die Verantwortung nehmen. Der Ver-  
müllung von Flüssen und Meeren wollen wir durch  
Abwassermanagement entgegentreten, Nährstoff-  
einträge reduzieren und die Verhandlungen für ein  
internationales Plastikabkommen erfolgreich ab-  
schließen. Meere schützen wir auch durch ein Ende  
der Öl- und Gasförderung in Nord- und Ostsee bis  
2035\. Wir wollen Technik fördern, die eine Bergung  
der Munitionsaltlasten in Nord- und Ostsee und ein  
umweltverträgliches Abfischen von Müll aus dem  
Meer ermöglicht.  
Für sauberes Wasser und  
lebendige Meere  
Sauberes Wasser ist zentral für unsere Gesundheit,  
unsere Lebensqualität und das Funktionieren unse-  
rer Ökosysteme. Verschmutzung und die Klimakrise  
bedrohen unsere Wasserressourcen. Wir sorgen da-  
für, dass wir weiterhin sauberes Trinkwasser haben,  
dass die Landwirtschaft versorgt wird und unsere  
Flüsse, Seen und Meere intakt bleiben.  
Mit der Nationalen Wasserstrategie haben wir einen  
Masterplan vorgelegt, wie wir diese Ziele erreichen.  
Wir wollen die finanziellen und personellen Be-  
dingungen schaffen, damit wir sie – gemeinsam mit  
den Ländern, aber auch über unsere Landesgrenzen  
hinaus – effektiv umsetzen können.  
Wir wollen den natürlichen Wasserhaushalt wieder-  
herstellen. Dafür wollen wir Städte und Landschaf-  
ten so nutzen und gestalten, dass sie Wasser auf-  
nehmen, speichern und bei Bedarf wieder abgeben  
können. Durch faire Entgelte, besonders für inten-  
sive Nutzer, wollen wir die Nutzung lenken und  
Unternehmen zum Wassersparen anregen.  
Die verletzlichen Ökosysteme unserer Meere brau-  
chen besonderen Schutz – deshalb entwickeln wir  
eine ambitionierte Meeresstrategie und schaffen  
damit echte Rückzugsgebiete für Fischschwärme  
und Meeressäuger. In einem Zehntel der deutschen  
Nord- und Ostsee soll die Natur völlig unberührt  
bleiben, während neue Schutzregeln auch in den  
übrigen Gewässern das Leben im Meer bewahren.  
Weltweit setzen wir uns weiter für ein Moratorium  
beim Tiefseebergbau ein. Die Einnahmen aus dem  
Verkauf von Meeresflächen für Windkraftanlagen  
sollen auch künftig direkt in den Meeresschutz flie-  
ßen – so verbinden wir umweltfreundliche Strom-  
erzeugung mit dem Schutz der Meere.  
Wir fühlen uns dem Schutz des Wattenmeers be-  
sonders verpflichtet. Das Wattenmeer ist eines der  
bioproduktivsten Ökosysteme weltweit. Es ist nicht  
nur Lebensraum für Schweinswale und Robben,  
sondern auch eine unersetzliche Nahrungsquelle  
für zahlreiche Zugvögel und Fischpopulationen.  
Dieser Schatz der Natur darf durch Gasbohrungen  
um Borkum nicht zerstört werden.  
28BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN  
F. EINE ZUKUNFTSFESTE  
LANDWIRTSCHAFT  
Für starke Landwirtinnen und Landwirte  
Um die Ernährungssicherheit langfristig zu gewähr-  
leisten, braucht es krisenfeste Betriebe, die sich  
auf die Veränderungen einstellen können und ein  
verlässlicher Partner beim Schutz der natürlichen  
Grundlagen sind. Auf dem Weg zu einer zukunfts-  
festen Landwirtschaft setzen wir auf den Einsatz,  
den Unternehmergeist und das Wissen der Land-  
wirt\*innen.  
Die Landwirtschaft bekommt große finanzielle  
Unterstützung, insbesondere die Gelder aus der Ge-  
meinsamen Agrarpolitik (GAP). Sie muss die finan-  
zielle Basis für den Schutz der natürlichen Grundla-  
gen werden. Für die anstehende Neugestaltung ab  
2027 gilt für uns: öffentliche Gelder für öffentliche  
Leistungen.  
Die Wettbewerbsposition von Landwirt\*innen  
gegenüber anderen Akteuren der Wertschöpfungs-  
kette soll gestärkt werden. Deswegen führen wir  
das Gebot des Kaufs zu kostendeckenden Preisen  
entlang der gesamten Lebensmittelkette ein und  
verankern verbindliche schriftliche Verträge im  
Agrarorganisationen- und Lieferkettengesetz. Wir  
wollen eine kartellrechtliche Prüfung, um auch im  
oligopolen Lebensmittelhandel faire Erzeugerpreise  
und Wettbewerb zu sichern.  
Die Wiedervernässung von Mooren ist ein wichtiger  
Beitrag zum Klimaschutz. Wir werden die Rahmen-  
bedingungen deshalb so gestalten, dass landwirt-  
schaftliche Flächen durch die Wiedervernässung an  
wirtschaftlicher Attraktivität gewinnen. Zusätzliche  
Verdienstmöglichkeiten für die Landwirt\*innen  
treiben wir etwa durch den Ausbau von Agri-Photo-  
voltaik sowie die Stärkung von Hanf und auch  
Schilf als Dämmung im Bausektor voran. Und wir  
unterstützen Betriebe dabei, in neuen innovativen  
Märkten wie alternative und pflanzliche Proteine  
Fuß zu fassen.  
Für die Tierhalter in Deutschland braucht es eine  
Antwort auf die veränderten Konsumgewohnheiten  
und den stetig sinkenden Fleischkonsum, der sich  
aus tierethischen, gesundheits-, umwelt- und klima-  
politischen Gründen vollzieht. Eine gute Prämisse  
sowohl im Sinne von Unternehmen als auch Tieren  
ist: weniger Tiere besser halten. Dafür haben wir  
den Umbau der Ställe für Schweine hin zu einer  
tiergerechten Haltung so stark gefördert wie keine  
Bundesregierung zuvor. Wir setzen uns dafür ein,  
dass es auch in der nächsten Legislatur dafür aus-  
reichend Mittel gibt, um die Lebensbedingungen für  
alle Tierarten zu verbessern. Wir haben die Hal-  
tungskennzeichnung für Schweinefleisch eingeführt  
und ermöglichen Verbraucher\*innen damit eine  
bewusste Kaufentscheidung. Diese Kennzeichnung  
werden wir auch auf die anderen Tierarten und die  
Außer-Haus-Verpflegung ausweiten. Kleine Gastro-  
nomiebetriebe werden wir ausnehmen.  
Auch regionale Produkte sind bei immer mehr  
Verbraucher\*innen gefragt. Deshalb wollen wir  
landwirtschaftliche Betriebe mit dem regionalen  
Lebensmittelhandwerk zusammenbringen – bei-  
spielsweise mit der Förderung regionaler Wert-  
schöpfungsketten.  
Für die natürlichen Grundlagen  
unserer Ernährung  
Die Auswirkungen der Klimaerhitzung, des Insek-  
tensterbens und unseres Umgangs mit gesunden  
Böden sind zentrale Herausforderungen für unsere  
Ernährungssicherheit. Zukunftsfeste Landwirtschaft  
stellt sich diesen Herausforderungen. Dafür braucht  
es neben mehr Wertschätzung auch genügend  
Wertschöpfung. Unnötige Bürokratie werden wir  
aktiv abbauen, ohne notwendige Standards im Um-  
welt- und Verbraucherschutz abzubauen.  
Dafür braucht es einen möglichst sparsamen und  
bedachten Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln.  
Der Pestizideinsatz soll EU-weit bis 2030 halbiert  
werden, um die EU-Farm-to-Fork-Strategie umzuset-  
zen. Wir setzen hier auf Innovation, Digitalisierung  
sowie einkommenswirksame Honorierungen von  
Umweltleistungen. Und wir setzen auf marktwirt-  
schaftliche Lösungen wie eine Pestizidabgabe, die  
wirksam und unbürokratisch ist. Außerdem schaffen  
wir genügend geschützte Rückzugsräume für die  
Natur. Wir bringen Agroforstsysteme raus aus der  
29Entwurf zum Regierungsprogramm 2025  
Nische und rein in die Fläche. Wir unterstützen die  
Landwirt\*innen dabei, hier Bäume und Ackerkultur  
zu kombinieren. Damit leisten sie einen Beitrag zum  
Schutz der Böden und Artenvielfalt.  
Eine wichtige Rolle beim Schutz der natürlichen  
Grundlagen spielt die ökologische Landwirtschaft.  
Naturschonende Erzeugungsformen müssen einen  
Vorteil gegenüber Produktionsweisen haben, die  
starke Umweltfolgen nach sich ziehen. Wir unter-  
stützen sie daher und arbeiten deshalb weiter an  
dem Ziel 30 Prozent Ökolandbau bis 2030.  
Wir brauchen auch einen sorgsameren Umgang  
mit wertvollen Agrarflächen. Dafür führen wir im  
Planungsrecht Vorrangflächen für die Nahrungs-  
mittelproduktion ein. Bei der Biomasse setzen wir  
auf die sorgsame Kaskaden- und Mehrfachnutzung.  
Übernutzte und geschädigte Böden gefährden eine  
gesunde Ernährung. Sie speichern weniger Wasser  
und verlieren relevante Nährstoffe. Dem wollen wir  
durch ein neues Bodenschutzgesetz vorbeugen.  
Für gute Ernährung  
Jede und jeder kann selbst entscheiden, was er oder  
sie essen möchte. Aber nicht alle können sich so  
ernähren, wie sie gern würden. Das ist auch eine  
soziale Frage: Dort, wo Menschen sozial benachtei-  
ligt werden, sind ernährungsbedingte Krankheiten  
besonders häufig. Deshalb wollen wir die Rahmen-  
bedingungen so gestalten, dass die Wahlfreiheit bei  
der Ernährung verbessert wird.  
Dafür bauen wir auf die Ernährungsstrategie der  
Bundesregierung „Gutes Essen für Deutschland“ auf  
und schaffen eine bessere Ernährungsumgebung.  
Ein besonderes Augenmerk legen wir dabei auf die  
Gemeinschaftsverpflegung – von Kitas über Kanti-  
nen bis Pflegeeinrichtungen. Außerdem werden wir  
Kinder vor Werbung für ungesunde Lebensmittel  
schützen und Geschmacksaromen für E-Zigaretten,  
die besonders junge Menschen zum Konsum verlei-  
ten, vom Markt verbannen. Zudem tragen stark zu-  
ckerhaltige Softdrinks wesentlich zu Übergewicht,  
Adipositas und Folgeerkrankungen bei. Gerade im  
Sinne des Kinder- und Jugendschutzes setzen wir  
uns für wirksame Maßnahmen zum Senken des  
Zuckergehalts von Softdrinks ein.  
Und wir werden weiter daran arbeiten, dass immer  
weniger Lebensmittel, die noch gut sind, wegge-  
schmissen werden. Wir wollen deshalb, dass die  
Rettung und Weitergabe von Lebensmitteln Stan-  
dard wird.  
Für einen verbesserten Tierschutz  
Tierschutz ist für uns eine Frage der Haltung. Die  
Tiere, die wir nutzen, schlachten und essen, sollen  
keine Qualen erleiden. Das beginnt bei der Zucht  
und endet bei der Haltung. Wir wollen die Zucht lei-  
densfreier Tiere fördern und Qualzuchten beenden.  
Dazu gehören Puten, deren Brustfleisch so schnell  
wächst, dass sie sich nicht mehr auf den Beinen  
halten können, und Hunde, die kaum atmen können.  
Tierquälerei soll entschieden bestraft werden. Wir  
wollen allen Menschen, die Tiere halten, Zugang zu  
den notwendigen Kenntnissen geben. Da Tiere ihre  
Rechte nicht selbst einklagen können, setzen wir  
uns für ihre bessere rechtliche und politische Inter-  
essenvertretung ein. Dafür muss eine Tierschutzbe-  
auftragte bzw. ein Tierschutzbeauftragter, dieses Amt  
wurde in dieser Legislatur geschaffen, verbindlich  
verankert und ein Verbandsklagerecht für anerkann-  
te Tierschutzorganisationen eingeführt werden.  
Die meisten Tiere in Deutschland werden in der  
Landwirtschaft gehalten, viele immer noch mit zu  
wenig Platz und nicht tiergerecht. Deshalb setzen  
wir uns dafür ein, dass dort weniger Tiere besser  
gehalten werden, sich frei bewegen können und  
ihrer natürlichen Lebensweise nachgehen können.  
Die Dauer von Tiertransporten wollen wir europa-  
weit effektiv auf vier Stunden begrenzen, Trans-  
porte aus der EU heraus verbieten und Wege der  
Umgehung durch neue Transitländer verhindern.  
Schlachtmethoden wollen wir im Sinne des Tier-  
schutzes verbessern.  
Tierversuche wollen wir reduzieren und – wo im-  
mer möglich – durch innovative, tierversuchsfreie  
Methoden ersetzen. Das stärkt auch den modernen  
Forschungsstandort Deutschland.  
Tierheime sind bundesweit am Limit, sie müssen  
finanziell besser unterstützt und entlastet werden.  
Illegaler Tierhandel schadet Tieren und erzeugt  
Gesundheitsrisiken für den Menschen und gehört  
30BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN  
deshalb beendet. Wildtiere gehören in die Wildnis  
und nicht in Zirkusse, sie sollten nicht über gewerb-  
liche Onlineseiten und Wildtierbörsen angeboten  
werden. Kommerzielle Importe von Wildfängen  
wollen wir beenden.  
31Entwurf zum Regierungsprogramm 2025  
KAPITEL 2  
EINFACH  
DABEI SEINFAIR UND BEZAHLBAR  
Die Kraft unseres Landes fußt darauf, dass alle  
Menschen sich selbstbewusst einbringen und ent-  
falten können. Dass ihre Leistung, ihre Erfahrung  
und ihre Kompetenzen etwas zählen und sich der  
Einsatz lohnt. Die Kraft unseres Landes beruht auf  
den Menschen, die jeden Tag anpacken, in Fabriken  
und Büros, in Krankenhäusern und Pflegeheimen, in  
Kitas und Universitäten.  
Es geht darum, die aktuelle Verunsicherung in neue  
Sicherheit zu verwandeln. Denn viele Menschen  
fühlen sich überfordert: Steigende Mieten und  
Lebenshaltungskosten machen das Leben für viele  
kaum mehr bezahlbar. Zu wenig Kitapersonal und  
-plätze, die aufwendige Suche nach einem Arztter-  
min oder langwierige Behördengänge machen das  
Leben anstrengend und kompliziert. Die Leute wol-  
len gestalten, sich etwas aufbauen, für ihre Familie  
sorgen, aus eigener Kraft. Dafür haben sie gute Rah-  
menbedingungen verdient. Alle müssen sich darauf  
verlassen können, dass der Staat die Institutionen  
bereithält, die sie unterstützen.  
Ein gutes Bildungssystem ist gleich in mehrfacher  
Hinsicht der Zentralschlüssel für eine gute Zukunft  
unseres Landes. Hier entwickeln sich individuelle  
Freiheit, die Möglichkeit zu persönlicher Selbst-  
bestimmung ebenso wie die zu gesellschaftlicher  
Teilhabe. Mit der Bildung entscheiden sich die  
Lebenschancen junger Menschen: Das fängt grund-  
legend mit der Kita an und reicht bis zu Ausbildung  
oder Studium – und darf dort nicht enden. Und  
das gilt ganz gleich, ob man im späteren Leben im  
Handwerk, der Wissenschaft, im Dienstleistungs-  
gewerbe oder der Industrie arbeitet. Mit der Bil-  
dung entscheidet sich zudem, ob wir unser Land fit  
bekommen für die Anforderungen der neuen Zeit.  
Wir statten die jungen Menschen mit Fähigkeiten  
aus, die in der neuen, digitalen und klimaneutralen  
Arbeitswelt unverzichtbar sind. Es ist an der Zeit,  
dem endlich auch in der Bundespolitik Rechnung  
zu tragen – Hand in Hand mit Ländern und Kommu-  
nen in einem modernen Föderalismus. Wir stärken  
unsere Bildungssysteme, damit sie besser als heute  
Kindern mit Migrationsgeschichte und aus sozio-  
ökonomisch benachteiligten Familien die gleichen  
Chancen auf Teilhabe und Aufstieg ermöglichen.  
Gute Arbeit und faire Löhne sind die Grundla-  
ge dafür, sich etwas aufzubauen – in materieller  
Sicherheit. Arbeit ist der Ort, an dem die Menschen  
viel Lebenszeit verbringen, an dem sie ihren ge-  
sellschaftlichen Beitrag messen, an dem sie Stolz  
ausprägen – oder auch verlieren. Diesen Stolz in  
die Zukunft zu tragen – in einer Gesellschaft, in  
der man sich einbringen kann, in der Anstrengung  
honoriert wird und das Sicherheitsnetz für alle  
funktioniert. Das ist unser Ziel.  
Die Frage des Wohnens ist entscheidend für die  
Umstände unseres Lebens. Die Wahl eines Arbeits-  
platzes, die Möglichkeit einer Familiengründung und  
die Gestaltung des sozialen Umfelds hängen maß-  
geblich vom Wohnen ab. Es bezahlbar zu machen, ist  
also eine entscheidende soziale Herausforderung.  
Wir nehmen sie an, begrenzen effektiv Mieten, er-  
leichtern das Bauen und den Zugang zu Eigentum.  
Wir wollen für die Menschen eine angemessene  
und unkomplizierte soziale Absicherung, die die  
elementaren Dinge eines Lebens in Würde abdeckt.  
Das gilt für ein gutes und solidarisches Gesund-  
heitssystem, das für alle da ist. Das gilt für ein  
Pflegesystem, das verlässlich und bezahlbar ist und  
32BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN  
allen Menschen ein Alter in Würde ermöglicht. Das  
gilt ganz besonders für Kinder und Jugendliche,  
deren Zukunft nicht von der Lotterie ihrer sozialen  
Umstände abhängen darf. Es gilt für Menschen, die  
unverschuldet ihre Arbeit verlieren. Und es gilt für  
eine soziale Sicherung im Alter, die Geleistetes wür-  
digt und die Angst vor der Armut nimmt.  
A. STARKE TEILHABE:  
GUTE ARBEIT,  
BEZAHLBARES WOHNEN,  
FAIRE LÖHNE  
Für gute Arbeit und faire Löhne  
Gute Arbeit und faire Löhne sind entscheidend dafür,  
dass Menschen für sich und ihre Familien sorgen  
können, dass sie sich einbringen können und stolz  
auf den gemeinsam erreichten Wohlstand sein  
können. Wir wollen, dass alle Zugang zu guter Arbeit  
haben: durch eine gute Ausbildung, Fort- und Wei-  
terbildung, durch bessere Integration in einen in-  
klusiven Arbeitsmarkt sowie durch Erleichterung der  
Arbeitsaufnahme bzw. Abbau von Arbeitsverboten.  
Faire Löhne verlangen nach einem fairen Mindest-  
lohn, damit Leistung auch anerkannt wird. Um die  
Inflation der vergangenen Jahre auszugleichen,  
braucht es jetzt einen Mindestlohn von zunächst 15  
Euro im Jahr 2025, der auch für unter 18-Jährige gilt.  
Das entspricht auch den Vorgaben, die bei der Um-  
setzung der Mindestlohnrichtlinie der Europäischen  
Union (EU) einzuhalten sind. Und es braucht eine  
stärkere Tarifbindung. Denn wer nach Tarif arbeitet,  
verdient im Schnitt mehr und das unter besseren  
Arbeitsbedingungen. Deshalb wollen wir die All-  
gemeinverbindlichkeitserklärung von Tarifverträgen  
erleichtern. Durch ein Tariftreuegesetz werden wir  
öffentliche Aufträge des Bundes in der Regel an  
Unternehmen vergeben, die nach Tarif bezahlen.  
Die betriebliche Mitbestimmung ist gelebte De-  
mokratie. Sie macht die Beschäftigten zu aktiven  
Akteuren bei der Gestaltung ihrer Arbeitswelt. Wenn  
sich die Beschäftigten einmischen können, wenn  
sie ihre Arbeitsbedingungen mitgestalten können,  
dann entsteht auch in Zeiten von Veränderungs-  
prozessen Vertrauen und Akzeptanz. Die betrieb-  
liche Mitbestimmung werden wir daher stärken und  
auf Mitbestimmungsrechte in Sachen Klima- und  
Umweltschutz, Qualifizierungsmaßnahmen sowie  
Gleichstellung im Betrieb erweitern. Gegen Schein-  
selbstständigkeit, etwa bei Plattformunternehmen,  
den Missbrauch von Werkverträgen und Schwarzar-  
beit wollen wir entschieden vorgehen. In Branchen,  
die von Schwarzarbeit betroffen sind, sorgen wir für  
eine digitale und manipulationssichere Erfassung  
der Arbeitszeit.  
Gleicher Lohn für gleiche und gleichwertige Arbeit:  
Dieser Slogan wird Wirklichkeit, wenn Frauen ihr  
Recht auf gleiche Bezahlung auch in der Praxis  
umsetzen können. Deshalb werden wir die EU-Ent-  
gelttransparenzrichtlinie zügig und vollständig  
umsetzen. Wir wollen die Regeln verbindlicher und  
besser einklagbar machen und dadurch Gleich-  
stellung wirksam voranbringen. Die Erwerbsmög-  
lichkeiten für Frauen verbessern wir durch gleiche  
Löhne und flexible Arbeitszeitmodelle und durch  
das Rückkehrrecht in Vollzeit. Eine gute Kinderbe-  
treuung ist dabei wesentliche Voraussetzung für die  
Erwerbstätigkeit aller Erziehenden. Es kommt uns  
dabei darauf an, Arbeit und Familie vereinbarer zu  
gestalten und Sorgearbeit fairer zu verteilen.  
Minijobs wollen wir schrittweise in sozialversi-  
cherungspflichtige Beschäftigung überführen, mit  
Ausnahmen für Rentner\*innen, Schüler\*innen und  
Studierende. Denn sie führen vor allem für Frauen  
und in Kombination mit dem Ehegattensplitting zu  
einer Teilzeitfalle, weil sie den Anreiz setzen, weni-  
ger und ohne soziale Absicherung zu arbeiten. Dies  
verschärft auch den Arbeitskräftemangel und die  
Altersarmut. Um mit marktwirtschaftlichen Mitteln  
die Gehälter am unteren Ende zu erhöhen, wollen  
wir Gehaltsangebote in Stellenausschreibungen  
grundsätzlich transparent machen.  
Für bezahlbares Wohnen  
Bezahlbares Wohnen ist zu einer der entschei-  
denden sozialen Fragen unserer Zeit geworden.  
Es ist in der vergangenen Legislaturperiode leider  
nicht gelungen, entsprechende Abhilfe zu schaffen.  
Menschen aus allen Teilen der Gesellschaft stehen  
vor Fragen wie: Kann ich an meinem Wohnort eine  
33Entwurf zum Regierungsprogramm 2025  
Familie gründen? Kann ich mir dort eine Wohnung  
leisten, wo ich ein Jobangebot habe? Wie kann ich  
im Alter wohnen? Wir wollen, dass Menschen in  
Deutschland bezahlbaren Wohnraum finden und  
sich keine Ängste und Sorgen um den Verbleib in  
ihrer Wohnung machen müssen. Es braucht mehr  
Wohnungen, kluge und sozialverträgliche Moder-  
nisierung und den Schutz vor zu hohen Mietsteige-  
rungen im Bestand.  
Etwa die Hälfte der Menschen in unserem Land  
lebt zur Miete und gibt dafür immer mehr Geld  
aus. Die Mietpreisbremse muss verlängert werden.  
Sie soll Anstiege der Mieten über die ortsübliche  
Vergleichsmiete hinaus zudem stärker begrenzen.  
Den Betrachtungszeitraum zur Ermittlung der Ver-  
gleichsmiete wollen wir dafür deutlich verlängern.  
Wir wollen die Mietpreisbremse außerdem bereits  
auf Wohnungen anwenden, die älter als fünf Jah-  
re sind. Und wir werden Schlupflöcher schließen,  
etwa wenn Wohnungen nicht zu fairen Preisen,  
sondern überteuert als möblierte Wohnung oder  
Ferienwohnung angeboten werden. Auch einen  
Stopp von Mietensteigerungen über die ortsübliche  
Vergleichsmiete hinaus wollen wir für sehr ange-  
spannte Wohnungslagen regional ermöglichen. Bei  
bestehenden Mietverhältnissen, auch bei Staffel-  
und Indexmieten, werden wir dafür sorgen, dass die  
Menschen nicht durch sehr starke Mietsteigerungen  
aus ihren Wohnungen vertrieben werden.  
Obdachlosigkeit sollte in einem reichen Land wie  
Deutschland nicht vorkommen – ein eigenes Zu-  
hause ist eine wichtige Voraussetzung für ein Leben  
in Würde und für gesellschaftliche Teilhabe. Mit  
dem Housing-First-Ansatz können wir Obdachlose  
direkt in eigene Wohnungen vermitteln.  
Mieter\*innen wollen wir besser schützen, beson-  
ders vor dem Missbrauch von Kündigungen wegen  
Eigenbedarf oder Mietschulden. Viele Menschen  
haben das Interesse, ihre Wohnung zu tauschen,  
weil sich ihre Lebensumstände geändert haben.  
So könnte Wohnraum besser genutzt werden. Wir  
wollen Menschen bei diesen Plänen unterstützen,  
indem wir rechtliche Hürden abbauen und Förder-  
instrumente anpassen und flexibilisieren.  
Ein eigenes Haus oder eine eigene Wohnung gibt  
Sicherheit und Freiheit. Deshalb wollen wir die  
Chance auf ein Eigenheim leichter zur Realität  
werden lassen. Wir wollen den Kauf von selbst  
genutztem Wohneigentum und die Modernisie-  
rung leer stehender Wohnungen und Ausbauten zu  
günstigem Wohnraum stärker fördern. Wir entlasten  
bei den Nebenkosten wie den Makler- und Notar-  
gebühren. Eine Wohnungsbauprämie, deren Höhe  
mit der Inflation steigt und eine Klimakomponente  
beinhaltet, erleichtert auch Menschen mit gerin-  
gem Einkommen den Zugang zu Wohneigentum.  
Wenn Mieter\*innen gemeinschaftlich ihr Wohnhaus  
übernehmen wollen, beispielsweise durch eine Ge-  
nossenschaft, wollen wir das unbürokratisch durch  
günstige Kredite oder Bürgschaften unterstützen.  
Für schnelles, günstiges und  
klimaverträgliches Bauen  
Wir wollen da, wo Wohnraum fehlt, die Rahmenbe-  
dingungen für schnelles, möglichst preiswertes und  
klimaverträgliches Bauen schaffen.  
Dafür braucht es eine realistische Strategie. Der  
beste Weg liegt darin, vorhandenes Potenzial zu  
nutzen: bestehende Gebäude aufstocken, ungenutz-  
te Büroflächen zu Wohnraum umwandeln, Dachbö-  
den ausbauen und leer stehende Gebäude wieder  
aktivieren. Mehrere Millionen Wohnungen könnten  
auf diesem Weg bereitgestellt werden. Hier muss  
nicht aufwendig neue Infrastruktur gelegt werden,  
was das Bauen einfacher und günstiger macht. Das  
scheitert bislang oftmals an rechtlichen Hürden  
und Bürokratie. Wir wollen dieses Potenzial nutzen.  
Dazu werden wir das Baurecht vereinfachen, Ver-  
fahren digitalisieren und bundesweit angleichen –  
davon profitieren alle Formen des Bauens. Übertrie-  
bene Anforderungen an bauliche Standards werden  
wir auf ein sinnvolles Maß zurückführen. Wir wollen  
es erleichtern, dass die Sanierung von Wohnungen  
mit Aufstockung oder Erweiterung verbunden wird.  
Wohnraum und Bauflächen dürfen kein Spekula-  
tionsobjekt sein. Steuerschlupflöcher bei Immobi-  
liengeschäften, etwa über sogenannte Share Deals,  
sind deshalb zu schließen. Stattdessen stärken wir  
das Vorkaufsrecht von Kommunen. Den sozialen  
und gemeinnützigen Wohnungsbau unterstützen  
34BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN  
wir, indem im Bund die Fördermittel für sozialen  
Wohnungsbau erhöht werden. Gemeinnützige und  
genossenschaftliche Wohnungsunternehmen wol-  
len wir besonders unterstützen. Die Neue Wohnge-  
meinnützigkeit wollen wir weiter stärken.  
Klimaverträgliches Bauen und Sanieren nutzt nicht  
nur dem Klima, es reduziert auch zukünftige Wohn-  
kosten. Damit diese positiven Effekte auch bei Mie-  
ter\*innen ankommen, wollen wir klare Anreize dafür  
setzen, dass Vermieter\*innen verfügbare öffentliche  
Fördermittel zur Sanierung auch tatsächlich nutzen.  
Dazu gibt es viele Wege: Manchmal sind es neue  
Technologien, manchmal der Rückgriff auf bewährte  
Bautraditionen, die den Schlüssel dazu liefern. Die  
Kreislaufwirtschaft beim Bau ist ebenfalls entschei-  
dend, damit Bauschutt vermieden, Rohstoffe ge-  
schont und Material wiederverwendet werden kann.  
Wir reduzieren Vorschriften, die dem im Weg stehen.  
Um die Finanzierung von klimafreundlichen Sanie-  
rungen zu erleichtern, wollen wir sanierte Gebäude  
einfacher als taxonomiekonform anerkennen. Kom-  
fortables, preiswertes und klimaverträgliches Bauen  
bedarf technischer und rechtlicher Innovationen  
– es ermöglicht auch neue Formen des Zusammen-  
lebens. Dieses neue Zusammenspiel sollten wir als  
Gesellschaft mithilfe des Instruments des Reallabors  
unkompliziert ausprobieren und daraus lernen.  
Für ein gerechtes Steuersystem  
Deutschland ist ein wohlhabendes Land. Vielen  
Menschen geht es gut. Aber es gibt auch diejeni-  
gen, die sich außer Miete und Lebensmitteln kaum  
etwas leisten können. Diese Menschen haben be-  
sonders unter der Inflation der vergangenen Jahre  
gelitten. Und der Wohlstand in unserer Gesellschaft  
ist ungleich verteilt. Das reichste Prozent der Deut-  
schen besitzt mehr Vermögen als 90 Prozent der  
Gesellschaft zusammen.  
Insbesondere bei der Konzentration von sehr hohen  
Vermögen gibt es auch im internationalen Vergleich  
große Handlungsnotwendigkeit in Deutschland.  
Zum Angehen dieser großen Gerechtigkeitslücken  
gehören folgende Möglichkeiten: eine globale Mil-  
liardärssteuer, eine fairere Erbschaftssteuer, eine ge-  
rechte Immobilienbesteuerung ohne Schlupflöcher  
oder eine nationale Vermögenssteuer. Wir wollen die  
Ziele Gerechtigkeit, Gemeinwohlfinanzierung und  
den Erhalt von Betrieben, ihren Investitionsmöglich-  
keiten und ihren Arbeitsplätzen zusammenbringen.  
Das ist alles andere als einfach, aber wir möchten  
endlich etwas erreichen. Deswegen fokussieren wir  
uns auf folgende Maßnahmen: das effektive An-  
gehen der Ausnahmen bei der Erbschaftssteuer für  
außerordentlich große Erbschaften, den aktiven  
Einsatz für die Einführung der globalen Milliardärs-  
steuer sowie das Schließen weiterer offenkundiger  
Gerechtigkeitslücken im Steuersystem, vor allem  
bei der Immobilienbesteuerung wie Share Deals  
und beim Auseinanderklaffen der Besteuerung von  
Arbeits- und Kapitaleinkünften.  
Um die Erwerbstätigen bürokratisch und finanziell  
zu entlasten, werden wir die Arbeitnehmerpausch-  
beträge in der Einkommensteuererklärung anheben.  
Wir wollen eine Anhebung auf 1.500 Euro. Dies wird  
dazu führen, dass mehr als die Hälfte der Arbeit-  
nehmer\*innen keine Belege für ihre Steuererklärung  
mehr sammeln muss. Wer höhere Auslagen hat, kann  
sie bei der Steuererklärung wie gewohnt angeben.  
Um insbesondere niedrige Einkommen zielge-  
nau und unbürokratisch zu entlasten, führen wir  
Steuergutschriften ein. Das ist ein Baustein, um die  
Arbeitsanreize im Bürgergeldsystem zu erhöhen.  
Alleinerziehende entlasten wir gezielt durch eine  
Steuergutschrift. Den Grundfreibetrag erhöhen wir.  
Den Solidaritätszuschlag werden wir in den Ein-  
kommensteuertarif integrieren.  
B. EINE GUTE BILDUNG  
FÜR GUTE CHANCEN  
Für gute und verlässliche Kitas  
Gute Kitas und Ganztagsbildung sind der entschei-  
dende Grundstein für die Zukunft unserer Kinder.  
Eine gute und verlässliche Betreuungsinfrastruktur  
mit einem gestärkten Bildungsangebot bietet Kin-  
dern gleiche Chancen von Anfang an und ermög-  
licht Eltern, Familie und Beruf besser zu vereinba-  
ren. Ein Gewinn für unsere Gesellschaft insgesamt.  
35Entwurf zum Regierungsprogramm 2025  
Leider wird unser Land diesem Anspruch bei Wei-  
tem nicht gerecht. Kitaplätze fehlen in weiten Tei-  
len des Landes. Dort, wo Eltern einen Platz für ihren  
Nachwuchs ergattern, wird der Betrieb regelmäßig  
wegen Personalknappheit eingeschränkt oder ganz  
eingestellt. Es fehlen schon jetzt Erzieher\*innen,  
und wir wissen, dass bereits viele an oder über der  
Belastungsgrenze arbeiten. Deshalb investieren wir  
in gute Kitas und die Gewinnung von Erzieher\*in-  
nen und unterstützenden Arbeitskräften. Außerdem  
setzen wir uns für schulgeldfreie Ausbildungen, be-  
rufsbegleitende Anerkennungsverfahren, schnellere  
Anerkennung ausländischer Abschlüsse und flexib-  
lere Weiterbildungen und Umschulungen ein. Denn  
nur wenn ausreichend gut qualifizierte Fachkräfte  
ausreichend Zeit für ihre Arbeit haben, können  
unsere Kitas dauerhaft Bildung und Betreuung auf  
hohem pädagogischen Niveau ermöglichen.  
Mit dem Kita-Qualitätsgesetz investiert der Bund  
derzeit jährlich rund 2 Milliarden Euro in gute Kitas.  
Diesen Weg setzen wir fort, indem wir bundes-  
weite Qualitätsstandards im Kitabereich gesetz-  
lich festschreiben und im Bund die Investitionen  
in frühkindliche Bildung erhöhen und verstetigen.  
Ein besonderes Augenmerk haben wir dabei auf  
Kitas mit einem hohen Anteil sozioökonomisch  
benachteiligter Kinder. Dort wollen wir besonders  
unterstützen. Und wir werden steuerliche Anreize  
für Unternehmen einführen, die selbst oder in Ko-  
operation Kitaplätze schaffen, sodass Kinder von  
Beschäftigten in unmittelbarer Nähe zur Arbeits-  
stelle betreut werden können.  
Für starke Schulen mit starken Kindern  
Schulen sind für Heranwachsende neben der Fa-  
milie der Mittelpunkt ihres Lebens. Hier entwickelt  
sich die Persönlichkeit, hier wird gelebt und ge-  
lacht. Daher ist es so wichtig, dass jede bzw. jeder  
sich dort zugehörig fühlt und angenommen wird.  
Schulen befähigen Kinder und Jugendliche auch  
dabei, ihre selbstbestimmte und nachhaltige Zu-  
kunft zu gestalten. Daher hat jeder junge Mensch  
die beste Bildung verdient – ganz unabhängig von  
Herkunft oder Wohnort.  
Den Startschuss für einen Bildungsaufbruch haben  
wir in der Bundesregierung gegeben: Als größtes  
Bund-Länder-Schulprogramm der Geschichte unse-  
res Landes haben wir mit dem Startchancen-Pro-  
gramm in Höhe von 20 Milliarden Euro gemeinsam  
für einen kraftvollen Schub für mehr Bildungsge-  
rechtigkeit gesorgt.  
Aber unser Land braucht deutlich mehr: Eine ge-  
meinsame Bildungsoffensive, um noch mehr Schu-  
len, Kinder, Jugendliche und Heranwachsende zu er-  
reichen. Mit einem „Zukunftsinvestitionsprogramm  
Bildung“ wollen wir Hand in Hand mit Ländern und  
Kommunen bundesweit für mehr Chancen- und  
Generationengerechtigkeit sorgen.  
Dadurch sorgen wir für moderne und barrierefreie  
Schulgebäude mit dichten Dächern, funktionieren-  
den Toiletten und digital ausgestatteten Klassen-  
räumen. Wir schaffen mehr Stellen für Schulsozial-  
arbeit, Schulpsychologie und Inklusion. Wir stärken  
die Kompetenzen und Leistungen der Kinder und  
legen dabei einen Schwerpunkt auf den Erwerb  
von Basiskompetenzen, die für einen erfolgreichen  
Bildungsweg unverzichtbar sind. Wir fördern die  
digitalen Fähigkeiten, Medienkompetenz, Bildung  
für nachhaltige Entwicklung und politische Bildung.  
Die Digitalisierung unserer Schulen begreifen wir  
als Daueraufgabe von Bund, Ländern und Kommu-  
nen, in die wir weiter investieren werden. Genau  
wie in den Ausbau guter ganztägiger Bildungs- und  
Betreuungsangebote.  
Diese Unterstützung soll dort ankommen, wo sie be-  
sonders gebraucht wird. Statt nur nach dem König-  
steiner Schlüssel nach Einwohnerzahl und Finanz-  
kraft zu finanzieren, wollen wir die Finanzierung  
stärker an den tatsächlichen Bedarfen ausrichten. Wir  
brauchen eine engere Kooperation zwischen Bund  
und Ländern in der Bildungspolitik. Wo verfassungs-  
rechtliche Beschränkungen zuverlässige und not-  
wendige Investitionen in Bildung aktuell verhindern,  
werden wir mit den Ländern gemeinsame Ziele und  
tragfähige Lösungen vereinbaren, um die großen  
Herausforderungen im Bildungssystem erfolgreich  
gemeinsam zu bewältigen und auch über neue Ge-  
meinschaftsaufgaben im Grundgesetz sprechen.  
Einen besonderen Schwerpunkt werden wir außer-  
dem auf den Spracherwerb legen. Denn Sprache  
ist der Schlüssel zum Erfolg. Wir wollen erreichen,  
36BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN  
dass alle Kinder am Ende der Grundschule sicher  
lesen, schreiben und rechnen können, weil nur wer  
die deutsche Sprache versteht und beherrscht, am  
Unterricht und der Gemeinschaft teilhaben, sich  
entfalten und lernen kann. Die Sprachförderung  
muss deshalb als durchgängiger Prozess angelegt  
werden, der in der Kita beginnt und sich in der  
Schule fortsetzt.  
Für eine gute Bildung, die allen  
offensteht  
Unser Land braucht weitere energische Schritte für  
mehr Fachkräfte – in Industrie und Handwerk eben-  
so wie in Kitas, Schulen oder in der Pflege. Nur so  
können wir den notwendigen Umbau der Wirtschaft  
und den demografischen Wandel bewältigen. Oft  
bleiben Ausbildungsplätze aber unbesetzt, offene  
Stellen können nicht nachbesetzt werden. Dabei  
stehen 2,9 Millionen junge Menschen in Deutsch-  
land heute ohne Berufsabschluss da.  
Eine gute Ausbildung ist ein attraktives Versprechen  
für die berufliche Zukunft junger Menschen. Auf  
dem Weg dahin schaffen wir gute finanzielle und  
rechtliche Rahmenbedingungen für Auszubildende.  
Durch eine deutliche Anhebung der Mindestaus-  
bildungsvergütung werden wir die Attraktivität der  
Ausbildung erhöhen. Wir wollen für Azubis auch  
den Führerscheinerwerb fördern und eine Lösung  
für ein Azubi-Deutschlandticket finden. Mit einer  
solidarischen Ausbildungsumlage sorgen wir dabei  
für einen finanziellen Ausgleich, um die Ausbil-  
dungsbereitschaft kleiner und mittlerer Betriebe zu  
fördern. Zur Unterstützung des Handwerks erhöhen  
wir die Förderung der überbetrieblichen Lehrlings-  
unterweisung weiter. Außerdem stärken wir Ausbil-  
dungsverbünde, um die Anzahl passender Stellen  
für Auszubildende und Betriebe zu erhöhen.  
Wir verbessern die Berufsorientierung für junge  
Menschen und informieren dort, wo junge Menschen  
sind, insbesondere an Schulen. Dies erfordert die  
aktive Einbeziehung von Ausbildungsbetrieben und  
Hochschulen, Eltern sowie Vorbildern aus der beruf-  
lichen Bildung. Mehr praxisnahe Angebote können  
helfen, den Horizont für die Berufswahl zu weiten.  
Eine berufliche Ausbildung oder ein Studium ebnet  
gleichwertig einen starken Weg in die berufliche  
Zukunft. Wir wollen nicht, dass finanzielle Gründe  
oder die soziale Herkunft darüber entscheiden,  
welcher der beiden Wege eingeschlagen wird.  
Nach dem größten Update für das BAföG in dieser  
Wahlperiode machen wir es jetzt zukunftsfest, für  
Studium und berufliche Bildung: Das BAföG soll  
existenzsichernd sein, auch bei steigenden Lebens-  
haltungskosten. Wir erhöhen die Freibeträge bei  
den elterlichen Einkommen und öffnen das BAföG  
für mehr Menschen. Für Berufstätige, die beispiels-  
weise einen Meister machen wollen, reformieren  
wir das Aufstiegs-BAföG und ermöglichen den Be-  
zug in Teilzeit, die Förderung gleichwertiger Fort-  
bildungsabschlüsse sowie ein vollständig digitali-  
siertes Antragsverfahren.  
Für mehr bezahlbaren Wohnraum für Auszubil-  
dende und Studierende möchten wir den Bau von  
neuen Wohnheimen über das von uns in der lau-  
fenden Wahlperiode aufgelegte Programm „Junges  
Wohnen“ weiter fördern.  
Wir werden die Angebote der Alphabetisierung und  
Grundbildung ausbauen und dafür sorgen, dass die  
allgemeine Weiterbildung als wichtige Säule des  
lebensbegleitenden Lernens weiter gestärkt wird.  
Für eine starke Hochschul- und  
Wissenschaftslandschaft  
Hochschulen sind Orte der Bildung, Wissenschaft  
und Forschung. Sie sind Triebfedern unserer Gesell-  
schaft, indem sie Ideen und Lösungen für die gro-  
ßen und die ganz konkreten Probleme unserer Zeit  
entwickeln. Sie sind Orte der freien und kritischen  
Debatte und der produktiven Reibung, ohne die  
kein wissenschaftlicher Fortschritt möglich ist. Gute  
Ausstattung und Arbeitsbedingungen, Geschlechter-  
gerechtigkeit und Vielfalt garantieren den gerech-  
ten Zugang.  
Mit einer „Innovationsinitiative Zukunfts-Campus“  
wollen wir Hörsäle, Labore und Bibliotheken, die  
oftmals baufällig oder veraltet sind, gemeinsam mit  
den Ländern modernisieren und zu Experimentier-  
räumen für den nachhaltigen, digitalen Wandel  
machen. Die bestehenden Bund-Länder-Pakte für  
37Entwurf zum Regierungsprogramm 2025  
Hochschule, Wissenschaft und Forschung wollen wir  
fortführen, weiterentwickeln und gezielt ergänzen.  
Eine auskömmliche Grundfinanzierung stärkt die  
Hochschulen als Orte von Bildung, guter Arbeit und  
innovativer Forschung. Wenn sie richtig eingesetzt  
werden und die tatsächlich anfallenden Kosten  
abdecken, können Drittmittel zusätzliche Dynami-  
ken entfachen. Damit sich Wissenschaftler\*innen  
auf ihre eigentliche Arbeit konzentrieren können,  
wollen wir in diesem Kontext Bürokratie abbauen  
und vereinfachen.  
Gute Arbeitsbedingungen sind entscheidend für  
eine chancengerechte, zukunftsfeste Wissenschaft.  
Wir wollen den Anteil befristet Beschäftigter deut-  
lich senken, indem wir wissenschaftliche Quali-  
fikation als Sachgrund enger und klarer fassen, die  
Tarifsperre abschaffen und gemeinsam mit den  
Ländern mehr Dauerstellen neben der Professur  
garantieren. Wir wollen Frauen in der Wissenschaft  
gezielt fördern und Machtmissbrauch und Diskrimi-  
nierung entgegenwirken.  
Auch in Zeiten zunehmender geopolitischer Span-  
nungen wollen wir den internationalen Austausch  
der Wissenschaft fördern und vereinfachen, etwa  
durch schnellere Visavergaben, die Stärkung der  
Mittlerorganisationen und bessere Beratung für  
Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Wir  
wollen mehr Menschen den akademischen und  
beruflichen Austausch über Erasmus+ ermöglichen.  
Wissenschaftliche Erkenntnisse sind die Grund-  
lage verantwortungsbewusster Politik und es ist  
zugleich Aufgabe der Politik, die Freiheit der Wis-  
senschaft zu verteidigen. Der Verächtlichmachung  
ganzer Forschungsfelder wie etwa der Klima- oder  
Geschlechterforschung stellen wir uns entschieden  
entgegen, stärken die Wissenschaftskommunikation  
und schützen Betroffene vor Anfeindungen.  
C. MITTEN IM LEBEN –  
IN JEDER LEBENSPHASE  
Für starke Familien  
Steigende Mieten und Energiekosten, veränderte  
Anforderungen in der Arbeitswelt, die Angst, nicht  
mehr mitzukommen – diese Sorgen treffen Fami-  
lien in besonderem Maße. Und die vielerorts man-  
gelnde Kinderbetreuung kommt als weitere Belas-  
tung hinzu. Alle Familien sollen sich daher auf gute  
und unterstützende Rahmenbedingungen verlassen  
können, die zu ihrem Leben passen. Dafür braucht  
es finanzielle Unterstützungen, die Familien fördern  
und in schwierigen Lebensphasen Sicherheit geben.  
Kindergeld und Kinderfreibetrag sind die Basis für  
die Unterstützung von Familien. Mit der stärksten  
Erhöhung des Kindergeldes in den vergangenen  
30 Jahren und der Einführung des Kindersofort-  
zuschlags konnten wir Millionen von Familien auf  
dem Höhepunkt der Inflation gezielt entlasten. Per-  
spektivisch koppeln wir die Erhöhung des Kinder-  
geldes an die regelmäßige Erhöhung des Kinder-  
freibetrages und sorgen dafür, dass alle Kinder das  
gleiche Maß an finanzieller Unterstützung erhalten  
– egal wie viel ihre Eltern verdienen.  
Mit dem Start ins Familienleben stellen viele Paare  
bereits die Weichen für die spätere Aufgabenteilung.  
Teilen sich Eltern ihre Elternzeit gerecht auf, setzt sich  
das häufig später auch in der familiären Aufgaben-  
verteilung fort. Deshalb gestalten wir das Elterngeld  
attraktiver und setzen Anreize für eine partnerschaftli-  
chere Aufteilung. Den Mindest- und Höchstbetrag, der  
seit der Einführung des Elterngeldes unverändert ist,  
wollen wir auf 400 bzw. 2.400 Euro erhöhen.  
Wir werden Vätern oder Co-Müttern die Möglichkeit  
geben, sich die ersten zwei Wochen nach der Geburt  
eines Kindes mit einer Lohnersatzleistung von der  
Arbeit freizustellen. So können Eltern gemeinsam  
ins Familienleben starten. Durch die Einführung ei-  
nes gestaffelten Mutterschutzes wollen wir Frauen,  
die eine Fehlgeburt erleiden, besser unterstützen,  
wenn sie dies möchten.  
Für selbstständige Frauen ist der Sprung in die  
Familiengründung oft mit besonderem Wagnis  
verbunden. Doch auch sie brauchen Sicherheit und  
Schutz bei der Familiengründung. Wir setzen uns  
dafür ein, dass auch für Selbstständige die Wochen  
rund um die Geburt durch Mutterschaftsgeld finan-  
ziell abgesichert werden. Hierzu sollen sich künftig  
auch Selbstständige an der dafür vorgesehenen  
Umlagefinanzierung beteiligen.  
38BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN  
Auch über 2025 hinaus sollen Eltern jeweils an 15  
Tagen Kinderkrankengeld beziehen können, Allein-  
erziehende an 30 Tagen.  
Allein- und getrennt erziehende Familien leben in  
vielfältigen Konstellationen. Viele Alleinerziehen-  
de stemmen Kinderbetreuung, Job und Haushalt  
und kommen finanziell kaum über die Runden. Wir  
wollen die Steuerlast von Alleinerziehenden durch  
einen Freibetrag senken und ihnen das Kindergeld  
nur noch zur Hälfte auf den Unterhaltsvorschuss  
anrechnen. Damit entlasten wir Alleinerziehende  
und ihre Kinder gezielt. Insbesondere für junge Al-  
leinerziehende mit kleinen Kindern wollen wir die  
Arbeitsmarktchancen verbessern – mit Rechtsan-  
sprüchen auf Beratung und Qualifizierungsmaßnah-  
men. Wächst ein Kind in einer Trennungsfamilie bei  
beiden Elternteilen auf, wollen wir den sogenann-  
ten Umgangsmehrbedarf im Steuer- und Sozialrecht  
berücksichtigen.  
Für die Teilhabe der Jüngsten – gegen  
Kinderarmut  
Kinderarmut bedeutet Ausgrenzung, Diskriminie-  
rung und schlechtere Bildungschancen. Jedes fünfte  
Kind in Deutschland lebt in Armut oder ist armuts-  
gefährdet. Wir sind fest davon überzeugt, dass es  
keine Rolle spielen darf, in welchem Elternhaus ein  
Kind aufwächst oder woher es kommt.  
Mit der von uns angestoßenen breiten öffentlichen  
Debatte über Kinderarmut in Deutschland haben  
wir es geschafft, dass mehr Familien als bisher  
ihnen zustehende Leistungen wie den Kinderzu-  
schlag auch tatsächlich beantragen und erhalten.  
Auch konnten sich Millionen von Familien über die  
stärkste Erhöhung des Kindergeldes in den vergan-  
genen 30 Jahren und die Einführung des Kinderso-  
fortzuschlags freuen.  
Da unsere Sozialleistungen aber weiterhin nicht  
von allen Anspruchsberechtigten abgerufen werden,  
müssen sie einfacher, digitaler, bürgerfreundlicher  
und transparenter werden. Das gilt insbesondere für  
den bisherigen Kinderzuschlag und die Leistungen  
der Bildung und Teilhabe. Das Ziel der Kindergrund-  
sicherung ist deshalb klar: Wir wollen Leistungen  
bündeln, Antragsverfahren weiter verschlanken und  
stetig automatisieren, damit Kinder und ihre Fami-  
lien die ihnen zustehenden Leistungen auch tat-  
sächlich erhalten. Eltern müssen von Anfang an, bei  
Geburt ihres Kindes, über ihre Ansprüche informiert  
werden. Unser Ziel ist die Hilfe aus einer Hand, da-  
mit jede Familie nur noch eine zentrale Ansprech-  
stelle für Leistungen für Familien von Bund, Land  
und Kommune hat, die sowohl digital als auch vor  
Ort erreichbar ist. Die Beantragung und Auszahlung  
soll, soweit möglich und kosteneffizient, pauschal  
und automatisiert erfolgen, um den Zugang zu er-  
leichtern. Die Überwindung von unterschiedlichen  
Rechtskreisen und Zuständigkeiten der verschiede-  
nen staatlichen Ebenen muss dabei im Hintergrund  
automatisiert stattfinden.  
Diesen Ansatz wollen wir auch als Vorlage für die  
weitere Modernisierung unseres Sozialstaates neh-  
men. Die verschiedenen Sozialleistungen müssen  
besser aufeinander abgestimmt werden und inei-  
nandergreifen. Dafür wollen wir die notwendigen  
rechtlichen und technischen Grundlagen schaffen.  
Neben der Modernisierung der Verwaltung wollen  
wir weiterhin insbesondere das soziokulturelle  
Existenzminimum für Kinder neu berechnen und  
Alleinerziehende bei der Anrechnung von Unterhalt  
und Einkommen entlasten.  
Für einen guten Start der jungen  
Generation  
Junge Menschen haben in der Pandemie verantwor-  
tungsvoll und solidarisch mit älteren und vulne-  
rablen Teilen unserer Gesellschaft zurückgesteckt  
und auf Freiheiten verzichtet – und die großen  
Herausforderungen der vergangenen Jahre beson-  
ders gespürt. Deswegen legen wir ein besonderes  
Augenmerk darauf, der jungen Generation Gehör zu  
verschaffen, sie zu unterstützen und zu entlasten,  
sie in ihren Rechten zu stärken und ihre Beteili-  
gungsmöglichkeiten auszubauen.  
In den vergangenen Jahren sind viele Angebote der  
Kinder- und Jugendarbeit vor Ort weggebrochen.  
Damit sind besonders im ländlichen Raum wichti-  
ge Begegnungsorte verloren gegangen. Mit einem  
Sonderprogramm wollen wir über zehn Jahre Kom-  
munen dabei unterstützen, Strukturen für Kinder-  
39Entwurf zum Regierungsprogramm 2025  
und Jugendarbeit aufzubauen und zu stärken. Die  
Mittel des Kinder- und Jugendplans und der soge-  
nannten Frühen Hilfen wollen wir aufstocken.  
Migrantische Jugendverbände wollen wir gezielt  
unterstützen und Mehrsprachigkeit als eine wert-  
volle Kompetenz fördern und damit jungen Men-  
schen unabhängig von Herkunft oder Aufenthalts-  
status faire Chancen und Teilhabe bieten.  
Die psychische Gesundheit junger Menschen hat  
sich in den vergangenen Jahren verschlechtert. Das  
nehmen wir ernst. Mit den Mental Health Coaches  
und ihren Gruppenangeboten an weiterführenden  
Schulen konnten wichtige Anlaufstellen geschaffen  
werden, die wir ausbauen wollen. Bewährte Anlauf-  
stellen wie die Nummer gegen Kummer und andere  
Beratungsstellen brauchen eine bedarfsgerechte  
finanzielle Ausstattung.  
Wichtig ist, dass wir Verbesserungen für junge Men-  
schen mit jungen Menschen zusammen gestalten  
und sie stärker beteiligen. Damit junge Menschen  
ihre Ideen und Rechte auch wirksam einbringen  
und einfordern können, wollen wir Beteiligungs-  
gremien wie Kinder- und Jugendparlamente, ins-  
besondere auf kommunaler Ebene, stärken. Partei-  
übergreifend wollen wir darauf hinarbeiten, die  
Kinderrechte endlich ins Grundgesetz zu schreiben  
und das Wahlalter auch auf Bundesebene auf 16  
Jahre zu senken.  
Mit der inklusiven Kinder- und Jugendhilfe im SGB  
VIII sorgen wir dafür, dass alle Kinder und Jugend-  
lichen mit und ohne Behinderung eine zentrale An-  
sprechstelle haben und ganzheitlich und individuell  
gefördert werden. Junge Menschen, die die Jugend-  
hilfe verlassen, wollen wir im Übergang ins Erwach-  
senenleben besser unterstützen und Maßnahmen  
der Ausbildungsbegleitung fördern.  
Junge Menschen haben auch das Anrecht auf einen  
besonderen Schutz. Besonders wichtig sind der  
Schutz und ein entschiedenes Vorgehen gegen  
sexualisierte Gewalt. Wir werden die vorhandenen  
Strukturen zum Kinder- und Jugendschutz stärken  
und denken Maßnahmen vom Kind aus – durch  
einheitliche Kinderschutzstandards, gesetzlich ge-  
regelte Mindeststandards für Gutachter\*innen, eine  
gesetzliche Grundlage für die Arbeit der Unabhängi-  
gen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindes-  
missbrauchs, Strafverfolgung durch die Polizei im  
Netz und offline, bessere Meldestellen und gezielte  
Löschungen von Missbrauchsdarstellungen sowie  
Prävention in Schule, Jugendhilfe und Familie.  
Für ein aktives und selbstbestimmtes  
Leben im Alter  
Ältere Menschen stehen mitten im Leben – heute  
mehr denn je. Ältere sind wichtige Säulen in unse-  
rer Gesellschaft. In unzähligen Vereinen, Nachbar-  
schaftstreffs und Initiativen teilen sie ihre Zeit,  
Erfahrung und Lebensklugheit und bringen sich  
durch ihr Ehrenamt ein. Großeltern unterstützen in  
der Kinderbetreuung und sorgen in vielen Familien  
dafür, dass Kinder und Beruf gut miteinander ver-  
einbart werden können. Das schätzen und unter-  
stützen wir.  
Engagementstrukturen für Ältere wollen wir aus-  
bauen, damit sich auch diejenigen einbringen  
können, die bislang schwerer Zugang finden. Und  
wir erleichtern den selbstbestimmten Übergang  
vom Arbeitsleben in den Rentenbezug durch flexib-  
lere Übergänge und investieren in Präventions- und  
Rehamaßnahmen. Das ist auch ein wichtiger Bei-  
trag gegen Einsamkeit im Alter. In den vergangenen  
Jahren ist es gelungen, das Thema Einsamkeit aus  
der Tabuecke zu holen. Mit der nationalen Strategie  
gegen Einsamkeit binden wir auch Länder, Kommu-  
nen und Verbände ein.  
Mehrgenerationenhäuser sind wichtige Treffpunkte  
für Jung und Alt und sorgen für Zusammenhalt und  
Gemeinschaft, die wir unterstützen wollen. Doch  
auch das Mehrgenerationenwohnen, das gemein-  
schaftliches Wohnen mehrerer Generationen zum  
Ziel hat, wollen wir fördern.  
Damit auch ältere Menschen die vielfältigen Mög-  
lichkeiten der digitalen Welt nutzen können, arbei-  
ten wir an Strukturen, die digitale Kenntnisse ver-  
mitteln oder erneuern können. Mit Maßnahmen wie  
dem DigitalPakt Alter sorgen wir dafür, dass Ältere  
lange selbstbestimmt und aktiv am gesellschaftli-  
chen Leben teilnehmen können.  
40BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN  
D. IN JEDER LEBENSPHASE  
ABGESICHERT  
Für eine gute  
Gesundheitsversorgung überall  
Viele Menschen sind heutzutage bis ins hohe Alter  
aktiv. Zugleich sind ältere Menschen aber auch häu-  
fig auf Behandlungen und Pflege angewiesen. Das  
stellt uns vor eine doppelte Herausforderung: Denn  
wir brauchen Fachkräfte für eine angemessene Ver-  
sorgung und würdevolle Pflege. Und wir müssen die  
gestiegenen Kosten schultern, ohne dass die Versi-  
cherten zu große Lasten tragen müssen.  
Dabei wollen wir, dass die Patient\*innen zur richti-  
gen Zeit am richtigen Ort eine optimale Versorgung  
erhalten, statt lange und aufwendig nach Behand-  
lungsterminen zu suchen und darauf zu warten.  
Deshalb wollen wir die Primärversorgung insbeson-  
dere durch Hausärzt\*innen stärken, um eine bessere  
Behandlungsqualität zu erreichen.  
Unterversorgte Gebiete wollen wir stärker unter-  
stützen. Die Verteilung von niedergelassenen  
Ärzt\*innen muss enger mit der Krankenhauspla-  
nung der Länder verknüpft werden. Die bestehende  
Trennung der Finanzierungssysteme von ambulan-  
ter und stationärer Versorgung wollen wir über-  
winden, um bessere Kooperation und Koordination  
zu fördern. Durch regionale Verbünde (Gesundheits-  
regionen) sowie gemeinsame Versorgungszentren,  
in denen verschiedene Therapie- und Pflegeberufe  
unter einem Dach zusammenarbeiten, sorgen wir  
für eine gute Versorgung vor Ort. Und wir wollen  
Maßnahmen ergreifen, um Fehl- und Überversor-  
gung abzubauen.  
Vertragsärzt\*innen wollen wir von unnötiger Büro-  
kratie entlasten und den Sprechstundenanteil für  
gesetzlich Versicherte erhöhen, damit Patient\*innen  
schneller Termine erhalten.  
Die Krankenhausreform werden wir nachbessern,  
zusammen mit den Ländern umsetzen und nicht  
nur die gesetzlichen, sondern auch die privaten Ver-  
sicherungen an den Kosten beteiligen. Wir werden  
gemeinsam eine gute Krankenhausreform um-  
setzen. Oberste Priorität hat für uns dabei, dass für  
alle Menschen in unserem Land Krankenhäuser und  
bestmögliche Grundversorgung schnell erreichbar  
sind. Die Notfallversorgung, den Rettungsdienst und  
die Finanzierung der Apotheken wollen wir im Hin-  
blick auf eine gute, flächendeckende und effiziente  
Versorgung reformieren. Für die Gesundheitsberufe  
wollen wir mehr Kompetenzen und so eine bessere  
Arbeitsteilung und eine Zusammenarbeit auf Au-  
genhöhe erreichen. Auch in der Geburtshilfe wollen  
wir attraktive Arbeitsbedingungen für Hebammen,  
besonders im Krankenhaus.  
In den ländlichen Regionen – gerade in Ostdeutsch-  
land – ist das Durchschnittsalter in den vergange-  
nen Jahren kontinuierlich gestiegen. Darauf müs-  
sen wir reagieren. Daher schaffen wir zusätzliche  
Programme für Gemeindegesundheitspfleger\*innen,  
früher die Gemeindeschwester, und „Medizin auf Rä-  
dern“. Auch bei der Digitalisierung im Gesundheits-  
wesen wollen wir weiter vorankommen. Unnötige  
Bürokratie, die heutzutage digital und effizienter  
laufen könnte, muss abgebaut und der Nutzen für  
Patient\*innen erhöht werden, auch durch den Ein-  
satz Künstlicher Intelligenz. Die Nutzung von Daten  
für Forschung und Versorgung haben wir verbessert  
und werden auf diesem Wege weitergehen.  
Für eine verlässliche und würdige Pflege  
Alle pflegebedürftigen Menschen sollen die Pflege  
erhalten, die sie benötigen, egal ob durch Fach-  
kräfte oder nahestehende Mitmenschen, ob zu  
Hause oder in einer Einrichtung. Wir wollen, dass  
Menschen sich darauf verlassen können, würdevoll  
behandelt zu werden, wenn sie der Pflege bedürfen.  
Wir wollen Angebote im Quartier, also vor Ort, för-  
dern und so auch Pflegebedürftigkeit hinauszögern.  
Für uns ist es wichtig, dass die Pflege wieder bezahl-  
bar wird. Es ist eines Sozialstaates unwürdig, wenn  
Menschen am Ende eines langen Arbeitslebens  
aufgrund ihrer Pflegebedürftigkeit auf Sozialhilfe an-  
gewiesen sind. Wir haben die Leistungen der Pflege-  
versicherung erhöht und sorgen weiter für dringend  
benötigte Entlastung der Pflegebedürftigen.  
Wir wollen die Situation der Menschen verbessern,  
die selbst Angehörige oder nahestehende Personen  
41Entwurf zum Regierungsprogramm 2025  
pflegen. Eine Aufgabe, die erfüllend sein kann, aber  
auch Kraft und Zeit kostet und ohne die die Versor-  
gung der pflegebedürftigen Menschen in Deutsch-  
land nicht möglich wäre. Wer die eigene Arbeitszeit  
für die Pflege reduziert, braucht finanzielle Unter-  
stützung in Form eines zeitlich begrenzten Aus-  
gleichs der entgangenen Einkünfte. Die Leistung  
soll so ausgestaltet sein, dass mehrere Personen  
sich die Pflege teilen können. Berufliche Freistel-  
lungen sollen besser und flexibler möglich sein.  
Den Zugang zur Tagespflege wollen wir verbessern  
und Angebote ausbauen. Pflegebedürftige sollen  
Pflege, therapeutische Leistungen oder Unterstüt-  
zung bei der Haushaltsführung flexibler als bisher  
in Anspruch nehmen und miteinander kombinieren  
können, zum Beispiel in Form eines Pflegebudgets.  
Pflegekräfte brauchen Arbeitsbedingungen, die ih-  
nen die Zuwendung zu ihren Patient\*innen möglich  
machen. Fachkräfte, die aufgrund von Überlastung  
den Job verlassen haben, wollen wir mit einer Rück-  
kehroffensive zurückgewinnen. Hunderttausende  
wären dazu bereit, wenn sich die Arbeitsbedingun-  
gen verbessern – dazu zählt auch eine bessere Ver-  
einbarkeit von Familie und Beruf. Dieses Potenzial  
wollen wir durch Beratung, die weitere Umsetzung  
höherer Personalschlüssel, mehr Kompetenzen für  
den Pflegeberuf und bessere Aufstiegschancen  
nutzen. Wir wollen die Ausbildungsbedingungen  
verbessern und für die Pflegeassistenz vereinheit-  
lichen. Und wir wollen Dokumentationspflichten  
und Bürokratie in der Pflege auf ein Mindestmaß  
reduzieren, damit Pflegekräfte wieder dafür Zeit  
haben, wofür sie ihren Beruf gewählt haben: den  
Menschen.  
Für eine solidarische Kranken- und  
Pflegeversicherung  
Unser Gesundheits- und Pflegesystem ist dafür da,  
kranke Menschen zu heilen und Pflegebedürftige  
gut zu pflegen. In den vergangenen Jahren wur-  
den den Versicherungen jedoch viele Kosten zu-  
geschoben, die aus Steuermitteln hätten finanziert  
werden sollen. Diesen Trend wollen wir umkehren  
und damit die Versicherten und die Arbeitgeber von  
versicherungsfremden Leistungen entlasten. Dazu  
gehört, dass wir die Finanzierung der Rentenbeiträ-  
ge von pflegenden Angehörigen oder die Beiträge  
für Empfänger\*innen von Bürgergeld angemessener  
über den Staat finanzieren. Damit bleibt auch mehr  
Geld im System, um in gute Gesundheit und Pflege  
zu investieren.  
In Zeiten steigender Pflegekosten und Versiche-  
rungsbeiträge müssen wir auch dafür sorgen, dass  
öffentliches und beitragsfinanziertes Geld in der  
Versorgung bleibt und für die Menschen arbeitet.  
Wir wollen den Einfluss von Finanzinvestoren auf  
unsere Gesundheits- und Pflegeversorgung begren-  
zen. Deshalb wollen wir öffentliche und gemein-  
nützige Träger stärken und für eine bezahlbare und  
gerechtere Kranken- und Pflegeversorgung sorgen.  
Wir setzen uns für eine Finanzierung von Gesund-  
heit und Pflege unserer Gesellschaft ein, die ver-  
lässlicher und gerechter ist als der Status quo.  
Basis hierfür ist eine faire Beteiligung aller Ver-  
sicherten an der Finanzierung. Auf dem Weg hin zu  
einer Bürgerversicherung werden wir neben den  
gesetzlich Krankenversicherten auch die Privat-  
versicherten in den solidarischen Finanzausgleich  
des Gesundheitssystems einbeziehen. Auch in der  
Pflege wollen wir auf dem Weg hin zu einer Pflege-  
bürgerversicherung mit einem Ausgleich zwischen  
gesetzlicher und privater Pflegeversicherung dafür  
sorgen, dass sich alle gerecht an der Finanzierung  
des Pflegerisikos beteiligen. So tragen Versicherte  
mit finanziell starken Schultern stärker zur Finan-  
zierung von Pflege und Gesundheit bei als sol-  
che, die nur über geringe Einkünfte verfügen. Die  
Beitragsbemessung werden wir reformieren und  
beispielsweise auch Kapitaleinnahmen zur Finan-  
zierung unseres Gesundheits- und Pflegesystems  
heranziehen. Damit schützen wir auch Löhne und  
Gehälter vor höheren Beitragsabgaben. Um freiwil-  
lig versicherte, geringverdienende oder in Teilzeit  
beschäftigte Soloselbstständige besser abzusichern,  
werden wir die Mindestbemessungsgrenze in der  
gesetzlichen Krankenversicherung reformieren.  
Für die Beamt\*innen werden wir die Wahlfreiheit  
stärken.  
42BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN  
Für eine vorausschauende  
Gesundheitspolitik  
Für eine gesunde Gesellschaft braucht es eine vor-  
sorgende Politik, die die Ursachen von Krankheiten  
in den Blick nimmt und angeht. Prävention und  
Gesundheitsförderung wollen wir grundsätzlich als  
Querschnittsaufgabe in allen Politikbereichen ver-  
folgen. Wir wollen den öffentlichen Gesundheits-  
dienst stärken und dabei vor allem Menschen in  
sozioökonomisch benachteiligten Verhältnissen in  
den Blick nehmen.  
Seelische Gesundheit ist ein Fundament für Lebens-  
qualität und körperliche Gesundheit. Es ist nicht  
zumutbar, dass viele Menschen in einer psychischen  
Krise monatelang auf therapeutische Hilfe warten  
müssen. Wir schlagen daher einen Bund-Länder-  
Pakt für mentale Gesundheit vor. Alle Menschen,  
insbesondere Kinder und Jugendliche, sollen im Be-  
darfsfall niedrigschwellige Zugänge zu passgenau-  
en psychosozialen und therapeutischen Angeboten  
haben. Therapieplätze, Beratungsstrukturen und die  
Ausbildung von Fachpersonal werden wir ausbauen.  
Mit Blick auf die steigende Anzahl von Betroffenen  
von ME/CFS und Long Covid müssen Projekte zur  
Ursachen- und Versorgungsforschung ausreichend  
finanziert und vorangetrieben werden. Betroffene  
wurden oft viel zu lang stigmatisiert – wir wollen  
eine bestmögliche Versorgung nach dem Stand der  
wissenschaftlichen Erkenntnisse sicherstellen.  
Wir wollen unser Gesundheitswesen auf Epidemien,  
große Katastrophen und militärische Bedrohungen  
besser vorbereiten. Das betrifft zum Beispiel den  
Vorrat an Arzneimitteln und Medizinprodukten  
sowie regelmäßige Katastrophenschutzübungen.  
Auch den öffentlichen Gesundheitsdienst wollen  
wir weiter stärken.  
Mit dem Cannabisgesetz haben wir den Schutz von  
Gesundheit, Jugend und Verbraucher\*innen in den  
Mittelpunkt gestellt und setzen auf Vernunft statt  
Kriminalisierung. Diesen Wechsel in der Drogen-  
politik, der die Befähigung zum eigenverantwortli-  
chen Umgang mit Risiken in den Mittelpunkt stellt,  
wollen wir fortführen. An dem Ziel des Verkaufs von  
Cannabis in lizenzierten Fachgeschäften halten wir  
weiter fest und setzen uns auf europäischer und  
internationaler Ebene dafür ein, auch um damit  
den Schwarzmarkt und die Organisierte Kriminali-  
tät weiter einzudämmen. Mit Blick auf die enormen  
Mengen an Kokain, Crack und synthetischen Opioi-  
den, die in vielen deutschen Großstädten ankom-  
men, werden wir die Ressourcen der Polizei und  
des Zolls auch im Hinblick auf die Bekämpfung der  
dahinterstehenden Strukturen der Organisierten  
Kriminalität stärken. Gleichzeitig wollen wir die  
Angebote für Prävention, Therapie und Schadens-  
minderung ausbauen, damit Menschen gar nicht  
erst abhängig werden oder ihnen besser geholfen  
werden kann, wenn sie suchtkrank sind.  
Für eine zukunftsfeste und  
würdige Rente  
Die Sicherheit ihrer Altersvorsorge ist für viele  
Menschen gerade in Krisenzeiten ein entscheiden-  
der Stabilitätsanker. Die Menschen in diesem Land  
sollen sich auf stabile Renten verlassen können. Das  
gilt heute und morgen, für aktuelle und zukünftige  
Generationen, also auch und erst recht für diejeni-  
gen, die jetzt in ihre Rentenkasse einzahlen. Gleich-  
zeitig werden wir die Kosten des demografischen  
Wandels gerecht über die Generationen verteilen.  
Langjährig in der gesetzlichen Rentenversicherung  
Versicherte dürfen im Alter eine auskömmliche  
Rente erwarten, daher werden wir das gesetzliche  
Rentenniveau bei mindestens 48 Prozent halten.  
Das beste Mittel für eine verlässliche Altersvorsorge  
und einen möglichst geringen Rentenbeitragssatz  
sind gute Löhne und eine breite Basis derer, die in  
die Rente einzahlen. Deshalb fördern wir sozialver-  
sicherungspflichtige Beschäftigung und verbessern  
insbesondere die Erwerbsmöglichkeiten für Frauen  
durch gleiche Löhne, gute Kinderbetreuung, flexible  
Arbeitszeitmodelle, das Rückkehrrecht in Vollzeit  
und eine faire Verteilung von Sorgearbeit. Durch  
qualifizierte Zuwanderung stärken wir unsere Wirt-  
schaftskraft und steigern die Beitragszahlungen in  
die Rente. Und wir schaffen Anreize, um ältere Be-  
schäftigte gesünder und länger im Erwerbsleben zu  
halten. Dafür investieren wir auch in Präventions-  
und Rehamaßnahmen und ermöglichen flexible  
Übergänge in die Altersrente. Um die Renten zu  
stärken, werden wir auch den Mindestlohn anheben  
43Entwurf zum Regierungsprogramm 2025  
und prekäre Beschäftigung, insbesondere Minijobs,  
abbauen.  
Um das Alterssicherungssystem gerechter und zu-  
kunftsfest zu machen, wollen wir als ersten Schritt  
auf dem Weg zu einer Bürgerversicherung, dass  
auch Abgeordnete und perspektivisch Beamte, unter  
Beibehaltung des Alimentationsprinzips, in die ge-  
setzliche Rente einzahlen. Auch nicht anderweitig  
abgesicherte Selbstständige wollen wir unter fairen  
Bedingungen einbeziehen.  
Wir halten an der Rente mit 67 fest. Aber wir schaf-  
fen Anreize und machen es den Menschen leichter,  
länger zu arbeiten, wenn sie dies wollen, auch über  
die Regelaltersgrenze hinaus. Wir schaffen daher  
einen flexibleren Übergang in Altersteilzeit und  
Vorteile, damit sich die Weiterarbeit neben dem  
Rentenbezug noch mehr lohnt. Dafür werden wir  
den Arbeitgeberbeitrag zur Arbeitslosen- und Ren-  
tenversicherung an die Arbeitnehmer\*innen auszah-  
len, falls sie sich gegen freiwillige Beiträge in die  
Rentenversicherung entscheiden.  
Wir schaffen in der gesetzlichen Rentenversiche-  
rung den Einstieg in eine notwendige ergänzende  
Kapitaldeckung – und zwar mittels Darlehen aus  
dem Bundeshaushalt und der Übertragung von  
Eigenmitteln vom Bund. Hierfür führen wir einen  
öffentlich verwalteten Bürger\*innenfonds ein, der  
Nachhaltigkeitskriterien berücksichtigt und sich am  
1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens ausrich-  
tet. Der Bürger\*innenfonds soll auch in europäische  
und deutsche Start-ups und Wachstumsunterneh-  
men investieren. Mit den daraus resultierenden  
Erträgen werden wir geringe und mittlere Renten  
stärken, was insbesondere Frauen und Menschen in  
Ostdeutschland unterstützt.  
Darüber hinaus wollen wir, dass mehr Menschen als  
bisher von einer privaten Altersvorsorge profitieren.  
Auch hierfür greifen wir auf den Bürger\*innenfonds  
zurück, der kostengünstig die Vorteile des Kapital-  
marktes erschließt. Dafür werden wir die Freibe-  
träge für Kleinsparer\*innen erhöhen, sie dynamisch  
an die Inflation anpassen und die öffentliche  
Zulagenförderung auf niedrige und mittlere Ein-  
kommen fokussieren. Wer nicht teilnehmen möchte,  
kann widersprechen. Den Bürger\*innenfonds öffnen  
wir als fairen und transparenten Weg auch für die  
betriebliche Altersversorgung, damit noch mehr Be-  
schäftigte, insbesondere von kleinen und mittleren  
Unternehmen, von Betriebsrenten profitieren.  
Auch Menschen mit geringem Einkommen unter-  
stützen wir dabei, auskömmliche Rentenansprüche  
zu erwerben und so Altersarmut zu vermeiden.  
Die Grundrente werden wir zu einer Garantierente  
nach 30 Versicherungsjahren weiterentwickeln, die  
deutlich mehr Menschen als bisher einbezieht und  
finanziell besserstellt. Zur Finanzierung dieses Ins-  
truments können auch Erträge des Bürger\*innen-  
fonds beitragen.  
Menschen, die lange in die Rentenkasse eingezahlt  
haben, aber aus gesundheitlichen Gründen nicht  
länger arbeiten können, verdienen unsere solidari-  
sche Unterstützung. Deshalb wollen wir die Er-  
werbsminderungsrente verbessern. Für besonders  
langjährig Versicherte wollen wir die sogenannte  
Rente mit 63 beibehalten, welche insbesondere  
denjenigen zugutekommt, die nach jahrzehntelan-  
ger, anspruchsvoller und körperlicher Arbeit ihre  
Belastungsgrenze erreicht haben.  
Für verlässliche soziale Sicherung  
In schwierigen Zeiten braucht es einen verläss-  
lichen Sozialstaat, der Menschen unter die Arme  
greift, wenn sie in Not geraten. Denn jeder Mensch  
hat das Recht auf soziale Teilhabe, auf ein würde-  
volles Leben. Deswegen haben wir Hartz IV über-  
wunden und es durch das Bürgergeld ersetzt. Es  
schützt vor Armut und ermöglicht die Teilhabe an  
unserer Gesellschaft. Statt arbeitslose und arbeiten-  
de Menschen gegeneinander auszuspielen, unter-  
stützen wir und sorgen gleichzeitig für gute und  
auskömmliche Arbeit. Das heißt: Diejenigen, die  
arbeiten, sollen mehr haben. Zu einer verlässlichen  
sozialen Sicherung gehört für uns daher auch, den  
Mindestlohn zu erhöhen und prekäre Beschäftigung  
abzubauen. So stärken wir Menschen in Zeiten des  
Wandels, geben Sicherheit und eröffnen Perspekti-  
ven für ein selbstbestimmtes Leben.  
Wir stehen dafür ein, dass Menschen existenz- und  
teilhabesichernde Leistungen so lange erhalten, bis  
sie in Arbeit sind. Unser Ziel ist es, so viele Men-  
44BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN  
schen wie möglich in zumutbare Arbeit oder Selbst-  
ständigkeit zu führen. Auf dem Weg dahin unter-  
stützen wir sie durch Qualifizierung, Ausbildung,  
Weiterbildung und vor allen Dingen durch schnelle  
und nachhaltige Vermittlung. Wir fordern dabei ihre  
aktive Mitwirkung ein. Wir wollen den Arbeitsagen-  
turen und Jobcentern die Instrumente an die Hand  
geben, diesen Auftrag zu erfüllen.  
Wir verbessern die Anreize zur Aufnahme von Arbeit  
und schaffen Arbeitsgelegenheiten, um Menschen  
wieder zurück an den Arbeitsmarkt heranzuführen.  
Wenn Menschen trotz Arbeit auf zusätzliche Unter-  
stützung angewiesen sind, soll es sich für sie noch  
mehr als bisher lohnen, ihren Stundenumfang zu  
erhöhen.  
Zu den staatlichen Sozialversicherungssystemen  
sollen alle Zugang haben – unabhängig davon, ob  
sie selbstständig oder abhängig beschäftigt arbei-  
ten. Für Selbstständige vereinfachen wir daher den  
Zugang zur freiwilligen Arbeitslosenversicherung.  
45Entwurf zum Regierungsprogramm 2025  
KAPITEL 3  
FRIEDEN IN  
FREIHEIT SICHERNINNEN UND AUSSEN  
Unsere Demokratie ist das Fundament unseres  
Landes. Sie stellt das in den Mittelpunkt, was uns  
zusammenhält: die Freiheit und die Würde der  
Menschen. Unsere Demokratie ist Gemeinsamkeit  
in Vielfalt und sie ist wehrhaft. Sie lebt von einer  
gemeinsamen demokratischen Kultur ebenso wie  
von starken Institutionen. Und sie lebt von einem  
starken Europa.  
Demokratie geht von den Bürger\*innen aus – und  
hat deshalb die Kraft des Zusammenhalts. Liberale  
Demokratie heißt freier Wettbewerb um die beste  
Idee und Lösung - und hat deshalb die Kraft zur  
Erneuerung, die Kraft, die drängenden Probleme  
zu lösen. Sie lebt von gegenseitiger Zuwendung,  
vom Streit in Respekt, von der Kompromiss – und  
Koalitionsbereitschaft unter Demokrat\*innen. Im  
Angesicht der Bedrohungen für unsere Demokratie  
kommt es darauf an: Wir müssen uns als Land auf  
unsere demokratische Kraft neu besinnen. Unsere  
Demokratie stärken heißt, sie nach innen lebendig  
zu halten. Demokratie stärken heißt, jetzt die drän-  
genden Zukunftsfragen anzugehen.  
Unser Land weiß um seine Kraft als Einwande-  
rungsland, das Menschen willkommen heißt und  
Schutz bietet – im Inneren vereint und mit der Welt  
verbunden, streitbar unter Demokrat\*innen, aber  
mit klarer Kante gegen Diskriminierung. Unsere  
Demokratie entfaltet ihre Stärke dann, wenn alle  
Menschen gleichberechtigt teilhaben und mitbe-  
stimmen können.  
Eine starke Demokratie verbindet Freiheit und  
Sicherheit. Sie steht auf dem Fundament eines ver-  
lässlichen Rechtsstaats, einer unabhängigen Justiz.  
Sie schützt unsere Rechte und unsere Freiheiten.  
Sie wird geschützt durch Demokratinnen und  
Demokraten – und zugleich durch handlungsfähige  
Sicherheitsbehörden, engagierte Polizist\*innen und  
einen starken Bevölkerungsschutz.  
Zu lange haben wir in Deutschland geglaubt, unse-  
re Sicherheit in Europa sei selbstverständlich. Aber  
unsere Sicherheit wird von außen und innen ange-  
griffen, und beide Dimensionen greifen zunehmend  
ineinander über. Sicherheit im 21. Jahrhundert  
bedeutet, dass unsere Bundeswehr gut ausgerüs-  
tet ist, und ebenso, dass wir unsere Bahnstrecken,  
Häfen und Stromleitungen schützen, Lieferengpäs-  
se vermeiden, Cyberangriffe verhindern und unsere  
Demokratie wehrhaft machen. Sicherheit bedeutet:  
uns unabhängiger machen von autoritären Regimen  
wie Russland oder China.  
Dafür sind wir angewiesen auf ein starkes ge-  
meinsames Europa. Die Europäische Union ist  
das erfolgreichste Friedensprojekt seit Ende des  
Zweiten Weltkriegs. Wo uns einst Frontlinien und  
Stacheldraht trennten, später dann Mauern und  
Grenzposten, verbindet uns heute das Bekenntnis  
zu Freiheit, Rechtsstaat und Demokratie. Deshalb  
wollen wir die EU stärken, erweitern und reformie-  
ren. Als größtes und wirtschaftlich stärkstes Land  
tragen wir dafür besondere Verantwortung.  
Wir arbeiten an starken globalen Partnerschaften  
– für eine Welt in Frieden und Freiheit, in der sich  
Kooperation gegen Konkurrenz und Krieg behaup-  
tet und die Stärke des Rechts über das Recht des  
Stärkeren triumphiert. Der russische Angriffskrieg  
gegen die Ukraine, der Konflikt in Nahost, humani-  
täre Notlagen wie in Gaza oder im Sudan, aber auch  
die Klimakrise erfordern höchste Aufmerksamkeit.  
46BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN  
Auch das Weltmachtstreben Chinas ist eine Heraus-  
forderung für die internationale Zusammenarbeit.  
Mit der ganzen Kraft der Diplomatie stellen wir  
Kooperation und eine regelbasierte internationale  
Ordnung dem gefährlichen Modell der Autokra-  
ten entgegen. Wir setzen auf einen zukunftsfesten  
Multilateralismus und Partnerschaften zunehmend  
auch im Globalen Süden.  
Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine ist auch  
ein Angriff auf die europäische Friedensordnung  
– und damit auf unser Fundament aus Frieden,  
Freiheit, Demokratie und Menschenrechten. Diese  
Werte müssen wir in einem starken Europa und  
in einer starken NATO schützen und verteidigen  
können. Sicherheit denken wir von jedem einzel-  
nen Menschen aus, dessen Würde und Freiheit im  
Zentrum unserer Politik steht. Deshalb ist Frieden  
mehr als die Abwesenheit von Krieg. Frieden schafft  
Raum für Freiheit und Wohlstand, Teilhabe und  
Selbstbestimmung.  
A. EINE LEBENDIGE  
DEMOKRATIE  
Für demokratischen Zusammenhalt  
Zusammenhalt entsteht dort, wo Menschen zu-  
sammenkommen, bei der Arbeit oder in der Schule,  
beim Sport oder Musik machen oder beim Einsatz  
für gute Zwecke oder dem gemeinsamen Feiern. Im  
Dorfgemeinschaftshaus, auf dem Fußballplatz oder  
in Kirchen, Moscheen oder Synagogen kann Demo-  
kratie lebendig werden. Dazu gehören auch kultu-  
relle Einrichtungen wie Theater, Kinos, Bibliotheken  
oder Clubs, die Raum für neue Begegnungen und  
gemeinsame Erfahrungen oder Projekte geben.  
Damit wir gut zusammen leben, müssen Straßen,  
Parks und Bahnhöfe nicht nur funktional und sauber,  
sondern für alle Menschen sicher sein. Wir schaffen  
öffentliche Räume, an denen Menschen gern zusam-  
menkommen, weil sie Zugang haben und sich wohl-  
fühlen. Auch Kulturorte, Geschäfte und Gastronomie  
sind Teil davon: Wir wollen diese Orte im Gewerbe-  
mietrecht vor Verdrängung schützen.  
Vielfältige Medien sind zentrale Räume für den  
gesellschaftlichen Austausch und für unsere Demo-  
kratie. Hier entsteht ein gemeinsamer Informations-  
stand – lokal und mit der ganzen Welt. Hier wird Kri-  
tik geäußert und nach Lösungen gesucht. Deshalb  
müssen wir ihre Zukunft unter den neuen Bedin-  
gungen von Digitalisierung sichern. Wir setzen uns  
ein für eine lebendige regionale Medienlandschaft  
– und fördern gezielt den Lokaljournalismus. Eine  
kluge und mit den Ländern abgestimmte Förderung  
zielt auf die Unterstützung der Arbeit von Journa-  
list\*innen, stärkt die Medienvielfalt und schützt  
funktionierende Märkte – auch durch gemeinnützige  
Ansätze. Gleichzeitig machen wir den Journalismus-  
beruf attraktiver und sicherer, um gut ausgebildete  
Nachwuchskräfte für die Zukunft zu gewinnen.  
Wir würdigen den Beitrag der Kirchen sowie der Re-  
ligions- und Weltanschauungsgemeinschaften zum  
demokratischen und sozialen Zusammenhalt.  
Für eine Erinnerung, die uns wach hält  
Wir müssen unsere Erinnerung wach halten – auch  
damit sie uns und unsere Demokratie wach hält. Wir  
tragen Verantwortung für unsere Geschichte – auch  
weil aus ihr die Chance auf eine gute Zukunft er-  
wächst. Deshalb zählt ein guter Geschichtsunterricht  
an den Schulen zum Fundament unserer Demokra-  
tie. Deshalb pflegen wir unsere Erinnerungsorte – in  
denen wir etwas über das Menschheitsverbrechen  
der Shoah erfahren, aber auch über demokratische  
Aufbrüche und bürgerschaftlichen Mut.  
Die Massenverbrechen des Nationalsozialismus  
sind uns Mahnung: Nie wieder! Deswegen ist es  
wichtig, die KZ-Gedenkstätten mit ausreichend  
Mitteln auszustatten. Besonders nach dem Ver-  
schwinden der Zeitzeug\*innen sind sie wichtige  
Orte der Vermittlung eines kritischen Geschichts-  
bewusstseins an kommende Generationen. Deswe-  
gen wollen wir es allen Schüler\*innen ermöglichen,  
einmal in ihrer Schulzeit eine NS-Gedenkstätte zu  
besuchen und das auch finanziell unterstützen.  
Wir intensivieren die Beschäftigung mit dem Antizi-  
ganismus und dem aus ihm resultierenden histori-  
schen Unrecht, das die Betroffenen erfahren haben.  
Dabei nehmen wir explizit auch das fortgesetzte  
47Entwurf zum Regierungsprogramm 2025  
Unrecht nach 1945 in den Blick. Die Verbrechen der  
deutschen Geschichte gegenüber Menschen mit  
Behinderung werden wir weiter aufarbeiten und die  
Opfer angemessen entschädigen.  
Wir wollen auch neue Formen des Erinnerns entwi-  
ckeln und unterstützen. Wir stehen zur Realisierung  
des geplanten Dokumentationszentrums „Zweiter  
Weltkrieg und deutsche Besatzungsherrschaft“ und  
des Projekts „Deutsch-Polnisches Haus“. Die Aus-  
einandersetzung mit dem DDR-Unrecht werden  
wir konsequent fortführen und die Errichtung des  
Mahnmals für die Opfer kommunistischer Gewalt-  
herrschaft vorantreiben. Die Opfer der SED-Diktatur  
leiden bis heute an den oft schwerwiegenden Fol-  
gen, sie müssen besser unterstützt werden. Opfer  
des DDR-Doping-Systems wollen wir in den Kreis  
der Anspruchsberechtigten aufnehmen.  
Gleichzeitig erinnern wir uns an das einzigarti-  
ge Glück Deutschlands, die friedliche Revolution  
geschafft zu haben, weshalb wir heute in einem  
vereinten Deutschland im Herzen Europas leben  
können. Das Zukunftszentrum für Deutsche Einheit  
und Europäische Transformation in Halle wollen wir  
als einen Ort der Würdigung, des Austausches der  
Erfahrungen und der Forschung unterstützen.  
In der Bundesregierung haben wir die Aufarbeitung  
der deutschen Kolonialvergangenheit im Dialog mit  
den betroffenen Ländern vorangetrieben und wollen  
dies durch ein Lern- und Erinnerungszentrum und  
mithilfe lokaler Initiativen in die Gesellschaft tragen.  
Wir wollen die deutsche Erinnerungskultur weiter  
für die Realität der Einwanderungsgesellschaft  
öffnen und die Erinnerung an die Opfer von rechter  
Gewalt dauerhaft darin aufnehmen.  
Für handlungsfähige Kommunen  
Staatliche Leistungen müssen funktionieren – von  
Krankentransporten bis zu Kindergärten. In den  
Kommunen zeigt sich unmittelbar, ob der Staat  
seinen Aufgaben hinreichend nachkommt und  
Bürger\*innen verlässliche öffentliche Infrastruktur  
und soziale Dienstleistungen ermöglicht. Wenn  
diese Aufgabe gelingt, stärkt dies das Vertrauen  
der Menschen in die Demokratie. Die Kraft unseres  
Landes liegt in erster Linie in den Kommunen, bei  
den Menschen vor Ort.  
Aktuell ist jede zweite Kommune nicht mehr in der  
Lage, notwendige Vorhaben zu finanzieren. Allein  
zum Erhalt und zur Sanierung der kommunalen  
Infrastruktur, dazu zählen zum Beispiel Straßen,  
Schwimmbäder, Jugendclubs, Sportplätze und  
Kultureinrichtungen, fehlen bundesweit 186 Milliar-  
den Euro. Durch den Deutschlandfonds geben wir  
Kommunen endlich die Möglichkeit, diese dringend  
notwendigen Investitionen zu finanzieren.  
Viele finanzschwache Kommunen stecken in einem  
Teufelskreis. Um ihnen wieder eine Perspektive zu  
geben, setzen wir uns für eine faire Unterstützung  
bei kommunalen Altschulden ein. An die Kommunen  
übertragene Aufgaben wie die Bereitstellung von  
Rettungsdiensten, die Unterbringung von Geflüchte-  
ten oder Jugendsozialarbeit müssen vollständig von  
Bund und Ländern übernommen werden.  
Über die Bedürfnisse vor Ort sollen die Kommunen  
entscheiden – nicht allein die Vorgaben aus den  
Hauptstädten. Wir haben die Möglichkeiten der  
Kommunen, von Energieprojekten zu profitieren,  
gestärkt und werden sie weiter ausbauen. Förder-  
programme für die Kommunen werden wir daher  
weiter vereinfachen und nach klaren Regeln gestal-  
ten. Indem wir die Gelder den Kommunen künftig  
direkt zur Verfügung stellen und die ungebundenen  
kommunalen Mittel stärken, richten sich die Pro-  
gramme stärker nach den tatsächlichen Bedürfnis-  
sen vor Ort. Für mehr Transparenz im Umgang mit  
Fördergeldern bauen wir die Förderdatenbank aus.  
Für eine starke demokratische  
Gesellschaft  
Das Fundament unserer Demokratie sind starke  
Institutionen und eine lebendige Zivilgesellschaft.  
Die gemeinsame Trägerschaft unserer Demokratie  
lebt von Bürger\*innen, die sich informieren und  
einbringen. Diese Möglichkeit braucht Zeit und  
Ressourcen – und ist deshalb auch eine Frage der  
Gerechtigkeit. Durch eine verlässliche Förderung  
der demokratischen Zivilgesellschaft stärken wir  
unsere demokratische Kultur. Der Schutz der Demo-  
kratie ist eine zentrale Aufgabe des Staates, deswe-  
48BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN  
gen wollen wir Programme wie „Demokratie leben!“  
mit einem Demokratiefördergesetz absichern.  
Menschen, die sich zivilgesellschaftlich oder kom-  
munalpolitisch engagieren, werden immer wieder  
Ziel von Angriffen und Anfeindungen. Wir alle, Staat  
und Gesellschaft, müssen diese Menschen besser  
schützen. Üble Nachreden, Verleumdungen und Be-  
drohungen müssen sowohl im kommunalpolitischen  
Alltag als auch im Internet stärker geahndet werden.  
Politische Bildung ist für die demokratische De-  
batte von entscheidender Bedeutung. Neben den  
Landeszentralen spielt dabei die Bundeszentrale  
für politische Bildung eine wichtige Rolle, die wir in  
ihrer Unabhängigkeit und Unparteilichkeit stärken  
wollen. Auch die politischen Stiftungen liefern  
einen wichtigen Beitrag für die politische Bildungs-  
arbeit in unserer pluralen Demokratie, soweit sie  
auf dem gemeinsamen Boden unserer demokrati-  
schen Grundordnung stehen.  
Mit Bürgerräten besteht die Möglichkeit, den Rat  
der Menschen als „Expert\*innen des Alltags“ in  
einem repräsentativen Verfahren einzuholen. Auch  
das gilt es zu stärken.  
Wer dauerhaft seinen Lebensmittelpunkt in  
Deutschland hat, muss die Möglichkeit haben, an  
Wahlen, Abstimmungen und allen anderen demo-  
kratischen Prozessen gleichberechtigt teilzuneh-  
men. Deshalb wollen wir in einem ersten Schritt  
das kommunale Wahlrecht für Drittstaatsangehöri-  
ge einführen.  
Wir sind überzeugt: Transparente und nachvollzieh-  
bare Politik stärkt das Gemeinwohl, dafür müssen  
mögliche finanzielle Interessen offengelegt und  
Karenzzeiten für ausscheidende Regierungsmit-  
glieder erhöht werden. Wir stehen für ein starkes  
Parlament. Parlamentsarbeit und Gesetzgebungs-  
verfahren wollen wir transparenter gestalten und  
Lobbytreffen der Regierung wie in der Europäischen  
Kommission sichtbar machen. So sollen die Sit-  
zungen der Fachausschüsse in der Regel öffentlich  
stattfinden und gestreamt werden. Parteispenden  
und -sponsoring wollen wir durch einen jährlichen  
Höchstbetrag deckeln.  
Die systematische Unterstützung von Organisatio-  
nen an Parteien soll klarer geregelt werden, so dass  
die wesentlichen Transparenzregeln für Parteien  
auch für diese Organisationen gelten.  
Solange es keine gesetzliche Regelung gibt, wen-  
den wir die über das Parteiengesetz hinausgehen-  
den Regelungen unseres Spendenkodex an.  
Für die Unterstützung von freiwilligem  
Engagement  
In Deutschland engagieren sich knapp 30 Millionen  
Menschen freiwillig. Sie engagieren sich im Sport-  
verein, organisieren Kulturveranstaltungen oder  
unterstützen die Nachbarschaftshilfe. Sie bringen  
sich ehrenamtlich in die freiwillige Feuerwehr oder  
das Rote Kreuz ein. Viele junge Menschen entschei-  
den sich, ein Jahr ihres Lebens nach der Schule in  
den Dienst der Gesellschaft zu stellen.  
All dieses Engagement der Menschen in unserem  
Land ermöglicht überhaupt erst unser Zusam-  
menleben. Es hält uns zusammen und stärkt auch  
unsere demokratische Gemeinsamkeit in Vielfalt.  
Wir wollen deshalb Engagement unterstützen und  
Leistung anerkennen. Wenn für Ehrenämter Auf-  
wandsentschädigungen gezahlt werden, sollen sie  
einheitlich pauschal steuerfrei sein. Zusammen mit  
Ländern und Kommunen wollen wir eine bundes-  
weite Engagementkarte einführen, um den Besuch  
von Schwimmbädern und Kultureinrichtungen oder  
die Nutzung des öffentlichen Personennahverkehrs  
(ÖPNV) zu vergünstigen. Wir werden die Zugänge  
zum freiwilligen Engagement auch für Menschen  
mit geringem Einkommen, Migrationsgeschichte  
oder Behinderungen verbessern.  
Wir wollen ein Recht auf einen Freiwilligendienst  
verankern und Plätze im Bundesfreiwilligendienst  
ausreichend und verlässlich finanzieren. Viele Men-  
schen – ob jung oder alt – möchten sich im Freiwil-  
ligendienst engagieren und wir müssen die Türen  
dafür weiter aufmachen. Dafür wollen wir auch die  
Bedingungen für Freiwillige verbessern.  
Zivilgesellschaftliche Organisationen tragen das  
gemeinnützige Engagement. Ihre Arbeit wollen  
wir von überflüssiger Bürokratie entlasten. Zudem  
49Entwurf zum Regierungsprogramm 2025  
erweitern wir den Katalog gemeinnütziger Zwe-  
cke. Wir werden zudem gesetzlich klarstellen, dass  
gemeinnützige Zwecke auch durch Teilnahme an  
der politischen und öffentlichen Willensbildung  
verfolgt werden können und sich Organisationen  
gelegentlich auch außerhalb ihres gemeinnützigen  
Zwecks politisch äußern dürfen.  
Für Sport, der verbindet  
Eine herausragende Säule für das gesellschaftliche  
Zusammenleben ist der Sport. Bewegung und Sport  
verbindet Menschen, schafft und vermittelt regio-  
nale Identitäten und trägt zur Gesundheit bei. Sport  
vermittelt Grundwerte der Demokratie, Toleranz und  
fördert Integration.  
Wir unterstützen eine deutsche Bewerbung für  
Olympische und Paralympische Spiele, denn Sport-  
großereignisse müssen auch in den demokratischen  
Ländern Europas eine Zukunft haben. Wir wollen so  
zeigen, dass Menschenrechte und Nachhaltigkeits-  
ziele fester Bestandteil der Sportpolitik sein müs-  
sen. Wir wollen mit einer Agentur wirksam gegen  
Korruption in internationalen Sportverbänden vor-  
gehen und mehr Transparenz schaffen.  
Mit dem Ausbau des Bundesprogramms zur Sanie-  
rung von Sportstätten und Schwimmbädern werden  
wir den Breitensport stärken und gute Bedingungen  
für die Schwimmausbildung oder das Training vor  
Ort schaffen. Die Belange von Mädchen und Frau-  
en sowie Inklusion fördern wir gezielt mit unserer  
Sportpolitik. Mit einer nationalen Spitzensportstra-  
tegie wollen wir die Förderung von Leistungssport-  
ler\*innen verbessern und die Mittelvergabe trans-  
parenter gestalten. Wir wollen, dass der E-Sport  
stärkere Beachtung findet und anerkannt wird.  
Sport lebt von Fair Play – Maßnahmen gegen Do-  
ping und Korruption im Sport müssen ausgebaut  
und konsequent durchgesetzt werden.  
Fans sind essenziell. Deswegen wollen wir die  
Fanhilfen in ihrer Arbeit stärken. Gerade in dem  
Engagement gegen Rechtsextremismus nehmen die  
Fanprojekte eine wichtige Bedeutung ein.  
Für gute Justiz und einen  
handlungsfähigen Rechtsstaat  
Vertrauen in unseren Rechtsstaat entsteht, wenn  
die Justiz handlungsfähig ist, schnell entscheidet  
und Recht effektiv durchgesetzt wird. Dafür braucht  
es genügend Richter\*innen und Staatsanwält\*innen,  
gut ausgestattete Gerichte sowie eine entschiedene  
Digitalisierung der Justiz.  
Mit einer Neuauflage des Pakts für den Rechtsstaat  
wollen wir gemeinsam mit den Bundesländern  
die Modernisierung unserer Justiz fortsetzen. Wir  
wollen ein deutschlandweites Onlineverfahren für  
Zivilprozesse, das medienbruchfrei von Klage bis  
Urteil arbeitet. Mit der Gruppenklage wollen wir  
ermöglichen, dass mehrere Kläger\*innen gleich-  
artige Ansprüche gemeinsam gegen eine Beklagte  
bzw. einen Beklagten durchsetzen können und die  
Zivilgerichte in Massenverfahren entlasten. Wir  
wollen zusammen mit den Ländern mehr Schwer-  
punktstaatsanwaltschaften schaffen, die sich auf  
komplexe Rechtsfelder spezialisieren. Umweltkri-  
minalität gewinnt zunehmend an Bedeutung und  
ist ein wichtiges Betätigungsfeld der Organisierten  
Kriminalität. Dagegen gehen wir mit einem Natio-  
nalen Aktionsplan vor.  
Wir wollen weiter daran arbeiten, dass die Belange  
von Kindern als Geschädigte oder Zeug\*innen vor  
Gericht besser berücksichtigt werden.  
Die Unabhängigkeit der Justiz ist ein hohes Gut.  
Um sie zu schützen, werden wir das ministerielle  
Weisungsrecht an Staatsanwält\*innen transparent  
ausgestalten. Weisungen müssen frei von politi-  
scher Einflussnahme sein. Eine gute Justiz muss  
auch widerstandsfähig gegen Extremist\*innen sein.  
Daher werden wir rechtsstaatliche Regelungen er-  
greifen, damit die Justiz vor Verfassungsfeind\*innen  
geschützt ist.  
Menschen sollten nicht im Gefängnis landen, weil  
sie geringe Geldstrafen nicht begleichen können.  
Wir modernisieren das Strafrecht mit dem Ziel,  
die Justiz zu entlasten. Hierfür wollen wir prüfen,  
welche geringfügigen Delikte außerhalb des Straf-  
rechts geregelt werden können.  
50BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN  
Wir machen Europa zu einem starken und ge-  
meinsamen Raum des Rechts. Dafür stärken wir  
die Europäische Staatsanwaltschaft (EUStA) und  
die Agentur der Europäischen Union für justiziel-  
le Zusammenarbeit in Strafsachen (Eurojust) und  
harmonisieren Recht auf Basis hoher verfassungs-  
rechtlicher Grundsätze.  
Für digitale Bürger\*innenrechte  
Freiheitsrechte und Bürger\*innenrechte müssen  
auch im Digitalen durchgesetzt werden. Durch die  
rasanten Fortschritte von Künstlicher Intelligenz  
(KI) entstehen große Chancen, aber auch Risiken.  
Wir wollen KI im Rahmen unserer gemeinsamen  
Werte einsetzen, um große Innovationspotenziale  
zu heben und einen effektiven Schutz der Men-  
schenrechte und Diskriminierungsfreiheit zu ge-  
währleisten. Die Europäische Union (EU) hat mit  
der KI-Verordnung einen wichtigen Grundstein der  
Regulierung vorgenommen. Diese muss nun mög-  
lichst unbürokratisch umgesetzt werden.  
Meinungsfreiheit ist die Grundvoraussetzung einer  
freiheitlichen Demokratie. Ihre Grenzen findet  
sie, wenn Straftatbestände wie Beleidigung oder  
Volksverhetzung erfüllt sind. Solche Hassrede muss  
konsequent gelöscht und Accounts, die Hetze ver-  
breiten, schneller gesperrt werden. Dafür sorgen wir  
mit einem digitalen Gewaltschutzgesetz und stär-  
ken die Rechte der Nutzer\*innen. Die algorithmi-  
sche Verstärkung von Hass und Hetze nehmen wir  
ins Visier. Mit dem Digitale-Dienste-Gesetz (DSA)  
und dem Digitale-Märkte-Gesetz (DMA) haben wir  
wichtige Grundsteine für ein demokratisches Netz  
gelegt. Wir treten für eine konsequente Umsetzung  
und – wo nötig – für Verbesserungen in Europa und  
Deutschland ein. Wir wollen, dass Straftaten auch  
im Netz beharrlich und rechtsstaatlich von Polizei  
und Staatsanwaltschaft verfolgt werden.  
Wir stehen für einen effektiven und zugleich prakti-  
kablen Datenschutz. Ausufernde Bürokratie werden  
wir abbauen. Wir setzen auf bürgerrechtsschonende  
Instrumente wie das sogenannte Quick-Freeze zur  
Verfolgung von Straftaten. Anlasslose Vorratsdaten-  
speicherung und Chatkontrolle lehnen wir ab.  
Für eine vielfältige Gesellschaft ohne  
Diskriminierung  
Deutschland lebt von seiner Vielfalt und dem Mit-  
einander verschiedener Menschen. Wir stehen dafür  
ein, dass sich alle Menschen entfalten und gleich-  
berechtigt Teil unserer Gesellschaft sein können.  
Wir wollen Antisemitismus, Rassismus, Queer- und  
Behindertenfeindlichkeit überwinden, denn sie  
schwächen unseren Zusammenhalt.  
Damit Menschen, die zum Beispiel auf dem Woh-  
nungsmarkt oder bei der Arbeit Diskriminierung  
erfahren, den Rechtsstaat auf ihrer Seite wissen,  
werden wir das Allgemeine Gleichbehandlungsge-  
setz reformieren, den Anwendungsbereich auswei-  
ten und Schutzlücken schließen. Dazu gehört auch  
der Schutz vor Diskriminierung durch staatliche  
Stellen. Deutschland soll seinen Vorbehalt gegen  
die 5. Europäische Antidiskriminierungsrichtlinie  
aufgeben. Wir wollen, dass Beratungsstellen und  
Selbstorganisationen langfristig abgesichert und  
ausgebaut werden sowie die Antidiskriminierungs-  
stelle des Bundes gestärkt wird. Mit einem Nationa-  
len Aktionsplan Antidiskriminierung wollen wir eine  
wirksame Antidiskriminierungspolitik umsetzen. Mit  
der Schaffung der Beauftragten für Antidiskriminie-  
rung, Queeres Leben, Antirassismus und Antiziganis-  
mus haben wir die politische Stärkung von Vielfalt  
noch stärker verankert. Wir wollen ihre und die  
Arbeit der weiteren Beauftragten für gesellschaft-  
liche Vielfalt weiter stärken.  
Wir gehen entschlossen gegen den zunehmenden  
Antisemitismus in unserer Gesellschaft vor – egal  
von wem er ausgeht. Wir sorgen dafür, dass Jüdin-  
nen und Juden in Sicherheit leben können und ihre  
Einrichtungen geschützt werden. Antisemitische  
Vorfälle müssen konsequent verfolgt und dokumen-  
tiert werden. Die älteren jüdischen Generationen  
wollen wir stärker sozial absichern.  
Mit einem Aktionsplan gegen Islamfeindlichkeit  
gehen wir gegen die Diskriminierung von muslimi-  
schen Menschen vor. Die Imam\*innenausbildung in  
Deutschland treiben wir voran und stärken damit  
die Unabhängigkeit der islamischen Gemeinden.  
51Entwurf zum Regierungsprogramm 2025  
Um Antiziganismus zu bekämpfen, werden wir die  
Empfehlungen der Expertenkommission Antiziga-  
nismus umsetzen und einen Staatsvertrag mit der  
Minderheit auf Bundesebene schließen.  
Die Vielfalt unserer Gesellschaft soll sich auch in  
ihren Institutionen widerspiegeln. Wir setzen uns  
deshalb dafür ein, dass Vielfalt – sowohl personell als  
auch strukturell – in Behörden strategisch und kon-  
sequent gefördert wird und schaffen dafür auch die  
rechtlichen Grundlagen. Mit einem Bundespartizipa-  
tionsgesetz und einem Partizipationsrat stärken wir  
die Teilhabe von Menschen mit Migrationsgeschichte.  
Für Frauenrechte  
Eine gerechte Gesellschaft ermöglicht allen Men-  
schen, unabhängig vom Geschlecht, ein selbst-  
bestimmtes Leben. Feminismus und der Einsatz  
für Frauenrechte sind dafür essenziell. Nur wenn  
Diskriminierung, Sexismus und Frauenfeindlichkeit  
konsequent bekämpft werden, können Frauen alle  
Chancen nutzen. Gerade weil rückwärtsgewandte  
Kräfte stärker werden, müssen wir das Erreichte  
sichern und weiter voranschreiten.  
Unsere Priorität ist, das Leben für Frauen gerechter  
und besser zu machen. Das bedeutet, den gleichen  
Lohn für gleiche und gleichwertige Arbeit durchzu-  
setzen. Dazu gehört, dass frauendominierte Berufe  
nicht schlechter bezahlt werden als männerdomi-  
nierte. Frauen tragen den Großteil der Sorgearbeit  
und arbeiten daher oft in Teilzeit, was Aufstieg und  
Einkommen beeinträchtigt. Wir fördern eine bessere  
Vereinbarkeit von Familie und Beruf durch verlässli-  
che Betreuung und hochwertige Bildungseinrichtun-  
gen. Auf der Straße, in der U-Bahn und erst recht zu  
Hause: Alle Frauen müssen sicher sein und sich sicher  
fühlen können. Im Alltag sind sie aber täglich von  
Frauenfeindlichkeit, Sexismus und Gewalt bedroht.  
Um Betroffene bei Partnerschaftsgewalt, häusli-  
cher und geschlechtsspezifischer Gewalt besser zu  
schützen, sollen alle Betroffenen und ihre Kinder  
einen Rechtsanspruch auf Schutz und Beratung  
erhalten. Durch eine Bundesbeteiligung stellen wir  
gemeinsam mit den Ländern kostenfreie Hilfen  
wie Frauenhäuser, Beratungsstellen und Schutz-  
wohnungen flächendeckend sicher. Das muss auch  
einen Ausbau von Angeboten für Menschen mit  
Behinderung oder mit Sprachbarrieren beinhalten.  
Nach einer Trennung muss Partnerschaftsgewalt in  
Sorge- und Umgangsverfahren verpflichtend be-  
rücksichtigt werden. Dazu müssen Justiz sowie Poli-  
zei umfassend geschult werden. Um Annäherungs-  
verbote in Fällen von häuslicher Gewalt besser zu  
kontrollieren, kann der Einsatz der elektronischen  
Fußfessel ein sinnvolles Instrument sein. Opfer von  
Vergewaltigungen brauchen flächendeckend quali-  
fizierte medizinische Notfallversorgung – inklusive  
anonymer Spurensicherung und der „Pille danach“.  
Viele geflüchtete Frauen und Mädchen sind vor,  
während und/oder nach der Flucht von Gewalt be-  
troffen, deshalb müssen alle Aufnahmeeinrichtun-  
gen entsprechende Schutzkonzepte verpflichtend  
etablieren. Frauen, deren Aufenthaltsstatus von  
ihrem gewalttätigen Partner abhängt, sollen einen  
eigenständigen Aufenthaltstitel erhalten.  
Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung stellt  
eine schwerwiegende Menschenrechtsverletzung  
dar, die vor allem Frauen betrifft. Wir wollen den  
ressortübergreifenden Nationalen Aktionsplan um-  
setzen und weiterentwickeln.  
Die Rechte und die Gesundheitsversorgung von  
Sexarbeiter\*innen werden wir stärken. Denn so wie  
die Zustände zurzeit sind, können sie nicht bleiben.  
Gezielte Unterstützung, insbesondere für Prosti-  
tuierte in prekären Situationen, muss auch durch  
aufsuchende Hilfen und Beratungen, gerade beim  
Ausstieg aus der Prostitution, verstärkt werden.  
Prostitutionsstätten müssen strenger kontrolliert,  
die Standards zur Betriebserlaubnis erhöht und  
die Befugnisse des Zolls erweitert werden, um  
gesetzlich vorgeschriebene Arbeitsbedingungen  
zu gewährleisten und die Selbstbestimmung und  
Sicherheit der Betroffenen sicherzustellen. Eine  
Kriminalisierung und Stigmatisierung von Betrof-  
fenen schützt diese nicht, sondern verweist sie in  
die Illegalität, in der sie kaum von Hilfsangeboten  
erreicht werden können.  
Für Selbstbestimmung  
Frauen machen über die Hälfte der Bevölkerung  
aus, sind aber noch weit von der Hälfte der wirt-  
52BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN  
schaftlichen und politischen Macht entfernt – in  
Führungspositionen, in Wirtschaft und Gesellschaft,  
aber auch in Parlamenten und Kommunalvertretun-  
gen. Wir sind daher für Frauenquoten in Aufsichts-  
räten und Vorständen von großen Unternehmen.  
Die bereits bestehenden Regelungen wollen wei-  
terentwickeln und stärken, wo sie sich als nicht als  
effektiv genug erweisen.  
Selbstbestimmung über den eigenen Körper ist  
ein Grundrecht, das für alle gelten muss. Dazu  
gehört das Recht auf Zugang zu sicheren und  
legalen Schwangerschaftsabbrüchen. Wir wollen,  
dass selbstbestimmte Schwangerschaftsabbrüche  
grundsätzlich außerhalb des Strafrechts geregelt  
werden. Wir treten dafür ein, dass die notwendige  
Beratung durch ein abgesichertes Angebot von Be-  
ratungsstellen in vielfältiger Trägerschaft garantiert  
ist. Zudem muss es genügend Einrichtungen geben,  
die den Eingriff mit der gewünschten Methode vor-  
nehmen, denn das Angebot für Abbrüche hat sich in  
den vergangenen Jahren halbiert. Die Kosten sollen  
von den Krankenkassen übernommen und teleme-  
dizinische Betreuung ausgebaut werden.  
Selbstbestimmung über den eigenen Körper setzt  
ein geschlechtergerechtes Gesundheitssystem  
voraus: Forschung, Ausbildung und medizinische  
Praxis müssen geschlechtsspezifische Aspekte zur  
Verbesserung der Frauengesundheit zwingend be-  
rücksichtigen. Auch im Gesundheitswesen wollen  
wir durch Quoten und bessere Arbeitsbedingungen  
mehr Frauen in die Führungsgremien holen.  
Für queeres Leben: sicher  
und selbstbestimmt  
Als Gesellschaft verbindet uns der Wunsch, frei und  
selbstbestimmt zu leben. Politik muss den Rahmen  
dafür schaffen. Noch zu häufig erleben lesbische,  
schwule, bi, trans\*, inter\* und queere Menschen  
(LSBTIQ\*) Gewalt und Diskriminierung. Das nehmen  
wir nicht hin.  
Mit dem Aktionsplan „Queer leben“ haben wir in  
der Bundesregierung einen Plan zur Stärkung von  
queerem Leben vorgelegt. Diesen wollen wir ver-  
stetigen. Zur weiteren Umsetzung wollen wir mit  
einem Bundesförderprogramm die nötigen Mittel  
bereitstellen. So stärken wir queere Beratungs- und  
Projektstrukturen. Wir wollen den Schutz vor Dis-  
kriminierung aufgrund der sexuellen Identität in  
Artikel 3 des Grundgesetzes verankern und Hasskri-  
minalität gegen LSBTIQ\* entschlossen bekämpfen.  
Dazu verbessern wir die Erfassung von queerfeind-  
lichen Straftaten.  
Queere Menschen haben ein Recht auf gute und  
diskriminierungsfreie Gesundheitsversorgung. Des-  
halb soll es unter anderem einen Anspruch auf bei  
einer Transition notwendige medizinische Maßnah-  
men geben und die Kosten von den Krankenkassen  
übernommen sowie Beratungsangebote ausgebaut  
werden. Wir schließen die Gesetzeslücken, um nicht  
notwendige Operationen an intergeschlechtlichen  
Kindern zu verbieten. Zudem wollen wir das Un-  
recht gegenüber trans- und intergeschlechtlichen  
Menschen, deren körperliche Unversehrtheit ver-  
letzt oder Ehen zwangsgeschieden wurden, end-  
lich anerkennen. Lücken beim Verbot sogenannter  
Konversionstherapien werden wir schließen und die  
Aufklärungsarbeit über HIV sowie anderer sexuell  
übertragbarer Krankheiten und aktuelle Behand-  
lungs- und Präventionsmöglichkeiten bei Ärzt\*innen  
vorantreiben. Wir ermöglichen den diskriminie-  
rungsfreien Zugang zu reproduktionsmedizinischen  
Leistungen für alle.  
Familie ist, wo Menschen füreinander Verantwor-  
tung übernehmen. Das gilt auch für Regenbogen-  
familien. Wir passen deshalb das Familienrecht  
an, beenden schnellstmöglich die Diskriminierung  
von Regenbogenfamilien im Abstammungsrecht  
und berücksichtigen dabei die Elternschaft von  
trans\*, inter\* und nicht binären Menschen. Wir ver-  
bessern die rechtliche Situation von Familien mit  
mehr als zwei Eltern. Außerdem ermöglichen wir es  
Menschen, jenseits einer Ehe rechtlich verbindlich  
füreinander sorgen zu können. Wir werden zudem  
queeres Leben im Alter stärker in den Mittelpunkt  
rücken. So wollen wir die Bedürfnisse von älteren  
LSBTIQ\*-Personen auch in der Altenhilfe und in der  
Pflege besser berücksichtigen, damit sie auch im  
Alter diskriminierungsfrei teilhaben können.  
53Entwurf zum Regierungsprogramm 2025  
Für gleichberechtigte Teilhabe von  
Menschen mit Behinderung und eine  
inklusive Gesellschaft  
Wir wollen eine inklusive Gesellschaft schaffen, in  
der Menschen mit Behinderung gleichberechtigt  
und selbstbestimmt teilhaben können. Wir setzen  
uns dafür ein, dass dieses Recht endlich Wirklichkeit  
wird. Die Behindertenrechtskonvention der Vereinten  
Nationen (UN) ist dabei Maßstab unseres Handelns.  
Um das zu erreichen, richten wir eine Enquetekom-  
mission Inklusion ein, die unter Beteiligung von Be-  
troffenen umfassende Vorschläge erarbeiten soll.  
Barrierefreiheit soll endlich in allen Bereichen  
konsequent umgesetzt werden: Die Gebäude des  
Bundes wollen wir innerhalb von zehn Jahren  
barrierefrei machen. Auch Anbieter\*innen öffentlich  
zugänglicher Angebote und Dienstleistungen sollen  
Vorkehrungen zur Barrierefreiheit treffen, wobei wir  
kleine Unternehmen mit einer Überforderungsklau-  
sel schützen und sie mit einem digitalen Barrieref-  
reiheitstool unterstützen.  
Wir wollen, dass Menschen mit Behinderung ihre  
Potenziale gleichberechtigt auch auf dem ersten  
Arbeitsmarkt einbringen und zu unserem Wohlstand  
beitragen können. Wir wollen deshalb das heutige  
ausgrenzende Werkstättensystem in Richtung In-  
klusionsunternehmen weiterentwickeln, in denen  
Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam  
arbeiten, mindestens nach Mindestlohn entlohnt  
werden und Rentenansprüche erwerben können.  
Auch die inklusive Aus- und Weiterbildung wollen  
wir fördern. Die ergänzenden Beratungsstellen wol-  
len wir in allen Regionen verfügbar machen.  
Die Eingliederungshilfe mit ihren Schnittstellen –  
insbesondere zu Sozialhilfe, Behandlung und Pflege  
– wollen wir verbessern und vereinfachen, damit  
Betroffene niedrigschwellig und schnell Zugang  
zu Leistungen erhalten. Dazu gehört es auch, die  
Durchsetzung sozialrechtlicher Ansprüche auf Teil-  
habe bei Behörden und Gerichten zu beschleunigen.  
Wir wollen, dass Menschen mit Behinderung selbst  
entscheiden können, wo und wie sie wohnen. Auch  
deshalb wollen wir den Ausbau inklusiver Wohn-  
formen vorantreiben und fördern und die Beratung  
dazu verbessern. Hürden, die das Wunsch- und  
Wahlrecht von Menschen mit Behinderung ein-  
schränken, wollen wir abbauen. Deshalb stärken  
wir das persönliche Budget, mit dem Menschen mit  
Behinderung anstatt Dienst- oder Sachleistungen  
Geldleistungen oder einen Gutschein erhalten. Wir  
gehen weitere Schritte bei der Freistellung von Ein-  
kommen und Vermögen.  
Menschen mit Behinderung sind häufiger von Ge-  
walt betroffen als nicht behinderte Menschen. Wir  
wollen, dass der Schutz vor Gewalt für alle Men-  
schen gilt und bauen den Gewaltschutz in Einrich-  
tungen der Behindertenhilfe aus.  
Für lebendige Kunst und Kultur  
Kunst und Kultur handeln davon, was uns als Men-  
schen ausmacht – von der Realität und anderen  
Möglichkeiten, vom Denken und Fühlen, von Erinne-  
rungen und Zukünften. Eine freie Kultur ist deshalb  
ein unverzichtbarer Bestandteil unseres demokrati-  
schen Zusammenlebens. Gegen antidemokratische  
Bewegungen, die einen ideologischen Kampf gegen  
unsere offene Gesellschaft führen, arbeiten wir für  
die Unabhängigkeit und Freiheit der Kultur, der  
Künstler\*innen und ihrer diversen Ausdrucksformen  
– ob Literatur, Film, Musik, Theater, Tanz oder bilden-  
de Kunst, ob Mode, Architektur oder Design, ob Club  
oder Oper, ob öffentliche Einrichtung oder Teil der  
großen Kultur- und Kreativwirtschaft. Indem wir ein  
Staatsziel Kultur im Grundgesetz verankern, stärken  
wir Kunst und Kultur umfassend und in der Breite.  
Clubs und Livemusikstätten sind Kulturorte. Wir  
schaffen Rahmenbedingungen dafür, dass sie auch  
in Innenstädten zu einem attraktiven Kulturangebot  
beitragen können. Die großen Bundeskulturinstitu-  
tionen wollen wir als Stabilitätsanker der Kultur-  
landschaft stärken und weiter öffnen. Es kommt  
darauf an, diese Vielfalt der Kultur für die Menschen  
zugänglich zu machen. Deshalb werden wir den  
Kulturpass ausbauen. Mit ihm bekommen 18-Jähri-  
ge ein Guthaben, um Kultur zu entdecken. Gleich-  
zeitig stimulieren wir damit die Nachfrage und un-  
terstützen so verschiedene Kulturanbieter in Stadt  
und Land. Durch die Green Culture Anlaufstellen,  
die wir erfolgreich gestartet haben, unterstützen  
wir das gesamte Spektrum der Kulturlandschaft bei  
der Umstellung auf einen nachhaltigen Betrieb.  
54BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN  
Kulturproduzent\*innen brauchen nicht nur Frei-  
heit, sondern auch Sicherheit. Wir helfen der freien  
Szene durch den Ausbau der Bundeskulturfonds.  
Die begonnene Reform der Filmförderung für ver-  
lässliche, schnelle und auskömmliche Finanzierung  
durch eine Investitionsverpflichtung und eine  
Steueranreizförderung werden wir abschließen.  
Auch den Games-Standort Deutschland stärken wir  
mit einer steuerlichen Games-Förderung. Für die  
kleinen Verlage werden wir eine Verlagsförderung  
einführen. Sowohl auf nationaler als auch auf euro-  
päischer Ebene ist die Vielfalt der kleinen und mitt-  
leren Kulturunternehmen Teil unserer europäischen  
Identität und muss deshalb durch die richtigen  
politischen Rahmenbedingungen gestärkt werden.  
Kultur ist auch harte Arbeit. Deshalb wollen wir die  
soziale Lage der Künstler\*innen und Kulturprodu-  
zent\*innen nachhaltig verbessern, indem wir die  
Künstlersozialversicherung zukunftsfest machen,  
die soziale Absicherung für Soloselbstständige ver-  
bessern und an den in dieser Wahlperiode von der  
Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und  
Medien eingeführten Honoraruntergrenzen in der  
Bundeskulturförderung verstetigen.  
Im Urheberrecht werden wir weiter für die ange-  
messene Vergütung von Künstler\*innen kämpfen.  
Wir haben im EU-KI-Gesetz die Stellung von Urhe-  
ber\*innen gestärkt. Bei der Verwendung von künst-  
lerischen Werken als Trainingsdaten für KI-Systeme  
wollen wir prüfen, wie eine angemessene Vergü-  
tung von Urheber\*innen, zum Beispiel durch Lizenz-  
modelle, ermöglicht werden kann.  
Für die Gestaltung der  
Einwanderungsgesellschaft  
Deutschland ist und bleibt ein Einwanderungsland.  
Einwanderung ist Teil unserer gesellschaftlichen  
und ökonomischen Stärke. Sie ist deshalb für uns  
eine Gestaltungsaufgabe, der wir uns annehmen. Wir  
schotten uns nicht ab, schon gar nicht in Europa.  
Wir sind auf die Einwanderung von dringend be-  
nötigten Fach- und Arbeitskräften angewiesen, um  
unseren Wohlstand zu sichern und als Wirtschafts-  
standort attraktiv zu bleiben. Dabei stehen wir  
auch im internationalen Wettbewerb um Fach- und  
Arbeitskräfte, weswegen es so wichtig war, endlich  
ein Einwanderungssystem auf der Höhe der Zeit zu  
schaffen. Mit dem Fachkräfteeinwanderungsgesetz  
und zahlreichen Erleichterungen beim Arbeits-  
marktzugang Geflüchteter haben wir hierfür den  
Grundstein gelegt. Damit sich Fach- und Arbeits-  
kräfte für unser Land entscheiden, stellen wir nach  
Jahrzehnten der Abschottung unseres Arbeitsmark-  
tes endlich die Digitalisierung der Visavergabe  
vom Kopf auf die Füße. Das heißt: Visa komplett zu  
digitalisieren und Wartezeiten zu verkürzen. Darauf  
wollen wir weiter aufbauen, indem wir mehr Berufs-  
und Bildungsabschlüsse noch leichter anerkennen  
sowie die Anrechnung von Berufserfahrung ent-  
bürokratisieren und vereinfachen – für eine echte  
Willkommenskultur. Mit der Einführung eines mo-  
dernen Staatsangehörigkeitsrechts haben wir der  
Realität unserer vielfältigen Gesellschaft endlich  
Rechnung getragen. Die Staatsbürgerschaft stellt  
für Menschen, die schon lange hier leben – zum  
Beispiel die Generation der Gastarbeiter\*innen –,  
ein dauerhaftes Band rechtlicher Gleichheit, Teilha-  
be und Zugehörigkeit sicher.  
Dabei sind Flucht und Arbeitsmigration grund-  
sätzlich zu unterscheiden, denn sie folgen unter-  
schiedlichen Logiken. Arbeitsmigration folgt der  
Nachfrage nach Arbeitskräften, die Aufnahme von  
Schutzsuchenden den humanitären Verpflichtun-  
gen. Gleichzeitig vertreten wir den pragmatischen  
Ansatz des „Spurwechsels“, wo immer er sinnvoll  
ist. Außerdem braucht es für beides – Arbeits-  
migration und Asylrecht – wirksame Instrumente  
der Integration. Mit dem Chancenaufenthaltsrecht  
haben wir viele gut integrierte Menschen aus der  
Duldung geholt, ihnen eine echte Bleibeperspektive  
gegeben und gleichzeitig die Ausländerbehörden  
stark entlastet. Wir wollen eine funktionierende  
und pragmatische Flucht- und Migrationspolitik, die  
Humanität und Ordnung verbindet. Dafür wollen  
wir wissenschaftliche Expertise stärker in politische  
Entscheidungen einbeziehen und ein beratendes  
Gremium mit Expert\*innen aus Wissenschaft, For-  
schung, der kommunalen Praxis und mit Betroffe-  
nen einrichten.  
Eine Einwanderungsgesellschaft muss Perspektiven  
schaffen und Ankommen ermöglichen. Sie stellt  
aber auch Anforderungen an die, die zu uns kom-  
55Entwurf zum Regierungsprogramm 2025  
men, sowie an alle, die schon länger hier leben, und  
gelingt nur, wenn wir zusammenkommen und einen  
gemeinsamen Weg einschlagen. Damit das gelingt,  
braucht es auch dauerhafte Strukturen. Insbesonde-  
re dort, wo es schon bisher an bezahlbarem Wohn-  
raum fehlte, an Personal bei der Kinderbetreuung  
und in Behörden, haben sich die Herausforderungen  
verstärkt. Die Situation ist für viele herausfordernd,  
für einige überfordernd. Wir wollen für mehr be-  
zahlbaren Wohnraum sorgen und die Kommunen  
mit einer Integrationsoffensive stärker und verläss-  
licher finanziell unterstützen. Dazu zählt das Ange-  
bot von bedarfsgerechten und guten Integrations-  
und Sprachkursen. Ergänzend wollen wir digitale  
Angebote zum Spracherwerb vom ersten Tag an  
schaffen. Bund, Länder, Kommunen und die Zivil-  
gesellschaft haben in den zurückliegenden Jahren  
hart daran gearbeitet, den Menschen, die zu uns  
kommen, eine Unterkunft zu geben und sie zu ver-  
sorgen. Insbesondere die Verantwortlichen in Politik  
und Verwaltung der Kommunen sowie die vielen  
Freiwilligen haben dabei Unschätzbares geleistet.  
Der stärkste Motor für Integration sind Arbeit und  
Beschäftigung. Denn dort, wo Menschen gemein-  
sam etwas schaffen, wächst unsere Gesellschaft  
zusammen. Wer arbeiten kann, soll arbeiten dürfen.  
Das haben wir geändert und werden bestehende  
Arbeitsverbote weiter abbauen sowie die Verfah-  
ren vereinfachen und beschleunigen. Wenn sich  
Arbeitgeber und Geflüchtete einig sind, sollte der  
Staat nicht mit unnötiger Bürokratie im Weg stehen.  
Deswegen werden wir kurze Fristen einführen, nach  
denen arbeitsbezogene Genehmigungen als er-  
teilt, wenn durch die Ausländerbehörde nicht aktiv  
Widerspruch eingelegt wird. So schaffen wir auch  
Planungssicherheit für Arbeitgeber und Geflüchtete.  
Mit frühzeitiger Beratung und einem Kompetenz-  
check wollen wir sicherstellen, dass Menschen gute  
Perspektiven bekommen und ihre Qualifikationen  
einbringen können.  
Für ein Land, das Schutz bietet  
Weltweit fliehen so viele Menschen vor Krisen und  
Konflikten wie nie zuvor – die meisten innerhalb  
ihres Landes oder in Nachbarregionen. Hinzu kom-  
men die sich verschärfende Klimakrise sowie wirt-  
schaftliche und soziale Umstände, die Menschen  
zum Verlassen ihrer Heimat zwingen. Deswegen  
wollen wir Fluchtursachen bekämpfen. Mit voraus-  
schauender Diplomatie, verlässlicher und ausrei-  
chend finanzierter humanitärer Hilfe in Krisenlagen,  
einer nachhaltigen Entwicklungszusammenarbeit  
und fairen Handelsbedingungen leisten wir hier-  
zu unseren Beitrag und setzen uns dafür ein, dass  
andere Länder ebenso Verantwortung übernehmen.  
Deutschland bietet vielen Menschen Schutz, die vor  
Krieg und Verfolgung fliehen. So wie andere Län-  
der für Deutsche zur Heimat wurden, verteidigen  
wir heute das Grundrecht auf Asyl und stehen zu  
unseren völkerrechtlichen Verpflichtungen wie der  
Genfer Flüchtlingskonvention. Wir wollen schnelle  
und faire Verfahren und damit Klarheit für Betrof-  
fene und für die Kommunen schaffen. Wir stehen  
weiterhin zum Kirchenasyl. Asylrechtsänderungen  
sollen Integration unterstützen und nicht behin-  
dern. Kinder brauchen ihre Eltern, Eltern brauchen  
ihre Kinder – auch um anzukommen und sich zu  
integrieren. Daher wollen wir weiter den Familien-  
nachzug ermöglichen und existierende Einschrän-  
kungen aufheben.  
Nicht jede bzw. jeder, die bzw. der nach Deutschland  
kommt, kann bleiben. Wer nach individueller Prü-  
fung auf asyl- und aufenthaltsrechtliche Vorausset-  
zungen sowie nach Ausschöpfung aller Rechtsmittel  
kein Aufenthaltsrecht hat und bei dem keine Ab-  
schiebungshindernisse entgegenstehen, muss zügig  
wieder ausreisen. Die freiwillige Rückkehr hat für  
uns Vorrang. Ausreisepflichtige, die schwere Strafta-  
ten begangen haben, müssen nach Verbüßung ihrer  
Straftaten prioritär zurückgeführt werden.  
Für eine europäische und internationale  
Flucht- und Migrationspolitik  
Wir wollen eine gemeinsame europäische Migra-  
tionspolitik vorantreiben – mit einer fairen, verbind-  
lichen und solidarischen Verteilung von Schutzsu-  
chenden in Europa.  
Die Reform des Gemeinsamen Europäischen Asyl-  
systems (GEAS) setzen wir auf nationaler Ebene  
grund- und menschenrechtskonform um. Men-  
schenrechte müssen überall in der EU eingehalten  
werden – auch an den Außengrenzen. Dafür setzen  
56BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN  
wir uns für ein effektives Menschenrechtsmonito-  
ring und ein konsequentes Vorgehen gegen illegale  
Pushbacks ein. Die besonderen Bedürfnisse vulnera-  
bler Gruppen wie Frauen, Kinder, queere Menschen  
oder Menschen mit Behinderung müssen im Asyl-  
verfahren berücksichtigt werden.  
Unsere Haltung ist klar: Das Recht auf Einzelfallprü-  
fung und das Nichtzurückweisungsgebot gelten im-  
mer und überall. Der Asylantrag von Menschen, die  
in der EU ankommen oder bereits hier sind, muss  
in der EU inhaltlich geprüft werden. Wir stellen uns  
der Auslagerung von Asylverfahren in Drittstaaten  
entgegen, denn immer wieder hat sich gezeigt, dass  
diese Initiativen am Ende viel Steuergeld kosten,  
vor Gerichten scheitern und von tatsächlichen  
Lösungen ablenken. Daher setzen wir auf die Zu-  
sammenarbeit mit Dritt- und Transitstaaten und auf  
Modelle, die sichere Migrationswege ermöglichen  
und ungeordnete Migration reduzieren.  
Zugleich sehen wir, dass Putins Russland und Lu-  
kaschenkos Belarus das Recht auf Asyl auf dem Rü-  
cken von Geflüchteten für geopolitische Interessen  
missbrauchen. Wir werden alle rechtsstaatlichen  
und politischen Möglichkeiten ausschöpfen, um die  
Instrumentalisierung von Schutzsuchenden, ins-  
besondere durch Staaten wie Russland und Belarus,  
zu verhindern. Die Entrechtung von Menschen, die  
durch autoritäre Staaten instrumentalisiert werden,  
lehnen wir ab.  
Das Recht auf Freizügigkeit und der Abbau von  
Schlagbäumen an den Binnengrenzen zählen zu  
den größten Errungenschaften in Europa. Der of-  
fene europäische Binnenmarkt ist ein Grundpfeiler  
unserer Wirtschaft. Dauerhafte stationäre Binnen-  
grenzkontrollen lehnen wir deshalb ab. Für Freiheit  
und Sicherheit in Europa müssen wir aber wissen,  
wer nach Europa kommt. Daher sind rechtsstaatliche  
Kontrollen an den Außengrenzen und eine zuverläs-  
sige Registrierung der Menschen unabdingbar.  
Seenotrettung ist eine humanitäre Verpflichtung.  
Wir treten weiter für eine staatliche EU-Seenotret-  
tungsmission ein. Solange dies nicht erreicht ist,  
wollen wir die Förderung der zivilen Seenotrettung  
fortführen. Der Kriminalisierung der Seenotrettung  
oder humanitären Hilfe stellen wir uns entgegen.  
Wir wollen Migration besser ordnen bzw. steuern  
und hierfür weitere menschenrechtsbasierte Migra-  
tionsabkommen abschließen und bestehende zügig  
umsetzen. Das heißt: Wir schaffen durch Visaab-  
kommen und Ausbildungspartnerschaften für Stu-  
dierende, Auszubildende und Fachkräfte geregelte  
Migrationswege. Dafür nehmen die Partnerländer  
Staatsangehörige zurück, die bei uns kein Aufent-  
haltsrecht haben. Hierfür arbeiten wir stärker mit  
Herkunftsländern und Transitstaaten zusammen.  
Migrationsabkommen sollen auch bessere Lebens-  
bedingungen vor Ort schaffen.  
Wir wollen, dass besonders gefährdete Gruppen  
Schutz finden, ohne lebensgefährliche Fluchtrouten  
wählen zu müssen. Dazu wollen wir humanitäre  
Aufnahme- und Resettlementprogramme unter-  
stützen und sichere und geordnete Migrationswege  
ermöglichen. Dabei braucht es eine kooperative  
Zusammenarbeit von Bund, Ländern, Städten und  
Gemeinden.  
B. EIN LEBEN IN  
SICHERHEIT  
Für gute Polizeiarbeit gegen Kriminalität  
Die Freiheit aller bedeutet uns alles. Aber ohne  
Sicherheit ist Freiheit wenig wert. Damit alle Men-  
schen am gesellschaftlichen und politischen Leben  
teilhaben können, müssen sie sicher sein und sich  
auch sicher fühlen. Eine gut ausgestattete, moderne  
Polizei ergänzt dabei eine wirksame Kriminalprä-  
vention. Engagierte Polizist\*innen leisten ihre wich-  
tige Arbeit für unser Zusammenleben und unsere  
Bürger\*innenrechte, häufig unter hohem persön-  
lichen Einsatz.  
Wir wollen die Bundespolizei und das Bundeskri-  
minalamt (BKA) so aufstellen, dass sie das Personal,  
die Technik und auch die rechtsstaatlichen Befug-  
nisse haben, die sie für eine effektive Aufgabener-  
füllung benötigen. Die gesetzlichen Grundlagen der  
Polizeien des Bundes wie das Bundespolizeigesetz  
werden wir modernisieren und dabei auch Antwor-  
ten auf neue Bedrohungen geben.  
57Entwurf zum Regierungsprogramm 2025  
Wir wollen mit Investitionen auch dafür sorgen,  
dass die Polizei in modernen Liegenschaften und  
mit guter Ausrüstung arbeiten kann, auch digi-  
tal. Kriminalität verlagert sich zunehmend in den  
digitalen Raum – die Polizei muss hier technisch  
mithalten können.  
Um Kriminalität vorzubeugen, wollen wir ihre Ent-  
wicklung im Blick behalten und wissenschaftliche  
Expertise einbeziehen. Den periodischen Sicher-  
heitsbericht, der diese Arbeit bündelt, wollen wir  
daher gesetzlich verankern.  
Wir haben dafür gesorgt, dass es für Extremist\*in-  
nen in Zukunft schwieriger wird, legal in den Besitz  
von Waffen zu kommen. Die Anzahl an legalen und  
illegalen Schusswaffen hat in den vergangenen  
Jahren zugenommen. Noch immer werden zu viele  
Gewalttaten mit Schusswaffen begangen, gerade im  
häuslichen Bereich. Daher werden wir die Verfüg-  
barkeit von tödlichen Schusswaffen und anderer  
gefährlicher Waffen weiter einschränken.  
Polizeiarbeit beruht auf Vertrauen. Mit dem Polizei-  
beauftragten des Bundes haben wir eine Anlaufstel-  
le für Polizist\*innen und Bürger\*innen geschaffen,  
die wir stärken wollen. Mit einem Ticketsystem für  
Kontrollen, das die Gründe für Kontrollen darlegt,  
wollen wir polizeiliches Handeln transparenter  
machen. In der Aus- und Fortbildung wollen wir für  
Diversität sensibilisieren.  
Wenn die Sicherheitsbehörden in Europa zusam-  
menarbeiten, schaffen sie mehr Sicherheit für die  
Menschen in einem zusammenwachsenden Europa.  
Hierfür bauen wir die gemeinsamen Zentren der  
Polizei in den Grenzregionen aus. Die europäische  
Polizeibehörde Europol wollen wir zu einem Euro-  
päischen Kriminalamt weiterentwickeln und mit  
eigenen operativen Möglichkeiten ausstatten.  
Für einen verstärkten Einsatz gegen  
Organisierte Kriminalität  
Der Kampf gegen die Organisierte Kriminalität ist  
für uns ein Schwerpunkt. Kriminelle Gruppen be-  
drohen Menschen mit Gewalt und verursachen in  
Deutschland wirtschaftliche Schäden in Milliarden-  
höhe. Ihre Auswirkungen sind weltweit zu spüren  
und zersetzen auch durch Gewalt und Korruption  
ganze Staaten. Eine wesentliche Triebfeder für die  
Organisierte Kriminalität ist der illegale Drogen-  
handel. Der Schaden für die Gesellschaft ist enorm,  
wenn kriminelle Gruppierungen legale Wirtschafts-  
bereiche wie zum Beispiel die Bauwirtschaft oder  
den Immobilienhandel unterwandern und so Preise  
in die Höhe getrieben werden.  
Um dem entgegenzutreten, stärken wir die zustän-  
digen kriminalpolizeilichen Bereiche des BKA, der  
Bundespolizei sowie des Zolls. Wir verbessern die  
Zusammenarbeit und den Informationsaustausch  
der Sicherheitsbehörden von Bund und Ländern  
mit der Einrichtung eines Gemeinsamen Zentrums  
Organisierte Kriminalität auf gesetzlicher Grund-  
lage. Auch internationale Kooperationen werden  
wir stärken, zum Beispiel durch gemeinsame Ermitt-  
lungen oder den Einsatz von Kontaktbeamt\*innen  
in anderen Staaten. Die Kompetenzen der EUStA  
wollen wir auf die grenzüberschreitende Bekämp-  
fung der Organisierten Kriminalität ausweiten.  
Wir wollen, dass Organisierte Kriminalität härter  
bestraft wird. Deswegen wollen wir den Straftatbe-  
stand der kriminellen Vereinigung weiterentwickeln,  
damit er ein scharfes und zielgenaues Instrument  
wird. Ein nachhaltiges Vorgehen gegen kriminelle  
Aktivitäten kann nur in Zusammenarbeit mit der  
Zivilgesellschaft gelingen und muss auf Prävention  
und Aufklärung setzen.  
Für eine klare Kante gegen Geldwäsche  
und organisierten Steuerbetrug  
Deutschland wird häufig als Geldwäscheparadies  
bezeichnet. Rund 100 Milliarden Euro aus schweren  
Straftaten werden jährlich in Deutschland „gewa-  
schen“. Dem stellen wir uns entgegen: Mit klaren  
Regeln und schlagkräftig aufgestellten Behör-  
den wie dem Bundesamt für die Bekämpfung der  
Finanzkriminalität, das wir zu einer Finanzpolizei  
ausbauen.  
Wir müssen die Kriminellen dort treffen, wo es  
ihnen weh tut – beim Geld. Deswegen müssen wir  
es einfacher machen, Vermögen einzuziehen, das  
durch kriminelle Machenschaften erlangt wurde.  
Mit einer bundesweiten Servicestelle wollen wir die  
58BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN  
Expertise über den Missbrauch von Kryptowährun-  
gen bündeln und für die Länder nutzbar machen.  
Wir wollen es Kriminellen schwerer machen, ihr  
Geld mithilfe komplizierter Unternehmensstruk-  
turen zu verstecken. Deswegen entwickeln wir das  
Transparenzregister für Unternehmen weiter.  
Steuerhinterziehung und Manipulationen im  
Finanzmarkt kosten unsere Volkswirtschaft Mil-  
liardenbeträge. Wir werden Steuerschlupflöcher  
schließen, damit Betrugsfälle wie Cum-Ex und Cum-  
Cum der Vergangenheit angehören. Die Kapazitäten  
und Kompetenzen der Bundesebene zur Verfolgung  
schwerer Finanzkriminalität wollen wir deutlich  
steigern. Mehr Transparenz zu Unternehmens-  
steuern und Eigentumsverhältnissen und bessere  
Kapazitäten im Steuervollzug helfen dabei.  
Für ein entschiedenes Vorgehen gegen  
Extremismus und Terror  
Extremismus – egal ob politisch oder religiös moti-  
viert – sät Hass, spaltet unsere Gesellschaft und ist  
der Wegbereiter für Gewalt und Terror. Weil er sich  
stetig wandelt und durch Radikalisierung im digita-  
len Raum komplexer wird, müssen wir ihm aufmerk-  
sam und energisch entgegentreten und Instrumente  
entsprechend anpassen. Gerade junge Leute radikali-  
sieren sich heute vermehrt im digitalen Raum.  
Die größte Gefahr geht aktuell laut Bundesamt für  
Verfassungsschutz vom Rechtsextremismus aus.  
Und der Islamismus ist eine sehr ernste Bedrohung.  
Mit frühzeitiger Prävention verhindern wir, dass  
Menschen in den Extremismus abrutschen – diese  
Arbeit wollen wir durch eine starke, dauerhafte  
Finanzierung sichern. Wir brauchen Programme wie  
„Demokratie leben!“, die über Islamismus aufklären,  
Angebote für Aussteiger\*innen aus der rechtsext-  
remen Szene oder Deradikalisierungsprogramme  
für den Justizvollzug. Diese Arbeit wollen wir mit ei-  
nem Demokratiefördergesetz gesetzlich absichern.  
Extremistische Netzwerke müssen von den Sicher-  
heitsbehörden intensiv beobachtet und Vereinsver-  
bote konsequent ausgesprochen werden. Der Staat  
muss sicherstellen, dass Extremist\*innen keine  
öffentlichen Ämter bekleiden oder in Sicherheitsbe-  
hörden tätig sind. Verfassungsfeind\*innen müssen  
konsequent entwaffnet werden.  
Wir werden unsere Sicherheitsbehörden im Kampf  
gegen den Terrorismus stärken und das BKA und  
den Verfassungsschutz dafür mit ausreichend  
Personal, Technik und rechtsstaatlichen Befugnis-  
sen ausstatten, damit sie Terrorist\*innen ausfindig  
machen und Anschlagspläne rechtzeitig aufdecken  
können. Top-Gefährder\*innen müssen stets im Blick  
der Sicherheitsbehörden sein, lückenlos überwacht  
und – wo immer möglich – aus dem Verkehr ge-  
zogen werden. Damit das gelingt, muss europaweit  
einheitlich klar sein, wen wir als Gefährder\*innen in  
den Blick nehmen.  
Auf nationaler Ebene müssen alle zuständigen  
Behörden von Bund und Ländern engstens in den  
Gemeinsamen Zentren zur Terrorismusbekämpfung  
zusammenarbeiten – mit klar geregelten Verant-  
wortlichkeiten und einer soliden gesetzlichen Basis.  
Wir werden prüfen, ob die Sicherheitsbehörden alle  
notwendigen Befugnisse haben, um Terrorismus  
effektiv zu bekämpfen.  
Deutschland wurde in den vergangenen Jahren  
durch viele furchtbare rechtsextreme und islamis-  
tische Terrorakte erschüttert. Im Umgang mit deren  
Opfern wurden viele Fehler gemacht. Daher wollen  
wir, dass die Unterstützung für die Opfer und deren  
Angehörige vom Staat weiter gestärkt wird. Damit  
sie eine zuverlässige Anlaufstelle haben, haben  
wir das Amt des Opferbeauftragten geschaffen. Wir  
wollen die Aufarbeitung von Terroranschlägen fort-  
führen und der Opfer angemessen gedenken.  
Für einen krisenfesten  
Bevölkerungsschutz  
Naturkatastrophen oder schwere Unglücke: Außer-  
ordentliche Ereignisse können das Leben Tausender  
Menschen im Handumdrehen auf den Kopf stellen,  
Existenzen vernichten und enorme Umweltschäden  
verursachen. Durch die Klimakrise werden Stürme,  
Überschwemmungen oder Dürreperioden weiter  
zunehmen.  
Ein leistungsfähiger Bevölkerungsschutz und eine  
gute Krisenprävention können dazu beitragen,  
59Entwurf zum Regierungsprogramm 2025  
Schäden abzuwenden oder zu verringern. Deutsch-  
land verfügt mit rund 1,7 Millionen Freiwilligen im  
Bevölkerungsschutz und seiner dezentralen Struk-  
tur über ein leistungsfähiges Hilfenetz. Wir wollen  
das Ehrenamt bei der freiwilligen Feuerwehr, dem  
Technischen Hilfswerk oder den Hilfsorganisationen  
unterstützen und fördern – zum Beispiel mit guten  
Freistellungsregelungen oder Erleichterungen für  
Ehrenamtliche.  
Ein leistungsfähiger Bevölkerungsschutz braucht  
gute Liegenschaften, zeitgemäße Ausrüstung und  
moderne Fahrzeuge. Wir werden weiter in den  
Bevölkerungsschutz investieren und die Warninfra-  
struktur ausbauen. Wir wollen, dass sich der Bund  
stärker engagiert, das Bundesamt für Bevölkerungs-  
schutz und Katastrophenhilfe (BBK) mehr Kom-  
petenzen bekommt und die länderübergreifende  
Zusammenarbeit ausgebaut wird.  
Für die Verbindung von innerer und  
äußerer Sicherheit  
Damit unser Land sicher bleibt, damit unsere  
Stromnetze, Mobilfunkdienste oder Server ge-  
schützt sind – unsere Kritische Infrastruktur (KRI-  
TIS), die für unseren Wohlstand entscheidend ist  
–, müssen wir die innere und äußere Sicherheit  
stärker zusammendenken. Denn Grenzen zwischen  
kriminellen oder terroristischen Organisationen und  
Staaten verschwimmen immer mehr. Länder wie  
Russland nutzen gezielt hybride Angriffe, Sabotage-  
aktionen und Einflusskampagnen, um in Deutsch-  
land und Europa Angst zu schüren, Bündnisse zu  
destabilisieren und Schaden zuzufügen. Beschädi-  
gungen von Datenkabeln und KRITIS, Drohnenüber-  
flüge an Bundeswehrstandorten oder Brandsätze in  
der Luftfracht haben gezeigt, wie verletzlich unsere  
Infrastruktur bzw. wie konkret die Bedrohung ist.  
Für uns ist ein integrierter Sicherheitsbegriff lei-  
tend, den wir in der Nationalen Sicherheitsstrategie  
verankert haben.  
Die Nachrichtendienste spielen in der inneren und  
äußeren Sicherheit eine wichtige Rolle. Sie müs-  
sen angemessen ausgestattet sein und brauchen  
dringend eine gute Gesetzesgrundlage, damit sie  
Gefahren erkennen und bewältigen können. Das  
Bundesamt für Verfassungsschutz werden wir in  
der Spionageabwehr und den Bundesnachrichten-  
dienst in der Auslandsaufklärung so aufstellen, dass  
sie besser als bisher die Demokratie vor Angriffen  
schützen können. Den Militärischen Abschirmdienst  
wollen wir so aufstellen, dass er seine Aufgaben  
wahrnehmen und die Angehörigen der Bundeswehr  
weltweit gut schützen kann. Die europäische Zu-  
sammenarbeit wollen wir durch die Gründung einer  
Europäischen Nachrichtendienstagentur verbessern.  
Wir setzen auf rechtsstaatlich handelnde Nachrich-  
tendienste und parlamentarische Kontrolle.  
Mit dem KRITIS-Dachgesetz, das konkrete Sicher-  
heitsstandards formuliert, haben wir einen Grund-  
stein gelegt. Es braucht aber eine weitere Stärkung  
unserer Infrastruktur und zugleich einer resilienten  
Wirtschaft. Wir wollen, dass unsere Infrastrukturen  
sicher sind, die Kontrolle darüber hier verbleibt und  
unsere Schlüsseltechnologien geschützt werden.  
Mit einem Investitionsschutzgesetz wollen wir  
Schlupflöcher beim Erwerb von KRITIS durch aus-  
ländische Investor\*innen schließen.  
Für IT-Sicherheit und gegen  
systematische Desinformation  
Autoritäre Staaten und andere Akteure nutzen  
systematisch Desinformationskampagnen, um  
unsere Demokratie anzugreifen, unsere Wahlen zu  
beeinflussen und unsere Gesellschaften zu spal-  
ten. Das ist eine massive Herausforderung, vor  
der alle demokratischen Gesellschaften weltweit  
stehen und die auch den Zusammenhalt und die  
Demokratie in unserem Land gefährdet. Deswegen  
braucht es wachsame Institutionen und verlässliche  
Informationen, beispielsweise durch unabhängige  
Medien. Medienbildung kann die Menschen bei der  
Erkennung von Desinformation unterstützen. Zudem  
sehen wir in anderen demokratischen Gesellschaf-  
ten, wie wichtig es ist, Stellen zu haben, die Deep-  
fakes, groß angelegte und gesteuerte Kampagnen  
mit Falschnachrichten und andere, die Demokratie  
zersetzende Inhalte frühzeitig erkennen. Die großen  
Medienplattformen werden wir in die Pflicht neh-  
men, wirksame Maßnahmen gegen die Verbreitung  
von Desinformation vorzunehmen. Die systemati-  
sche Verbreitung von Desinformation im Auftrag  
eines fremden Staates wollen wir strafrechtlich  
fassen.Wir werden zur Bekämpfung von systemati-  
60BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN  
scher Desinformation und Organisierter Kriminali-  
tät sowie dem grenzenlosen Ausweiten von Hass  
und Hetze durch Bots anonymisierte Accounts, die  
derzeit strafrechtlich kaum verfolgt werden können,  
angehen und dafür die effektiven Möglichkeiten der  
deutschen Strafverfolgungsbehörden im digitalen  
Raum verbessern.  
Der öffentlich-rechtliche Rundfunk sichert die plu-  
ralistische, staatsferne und unabhängige Berichter-  
stattung und kann daher ein Punkt der Orientierung  
auch im Angesicht von Desinformationskampagnen  
sein. Es ist wichtig, dass er diese bewährte Funktion  
auch im Digitalen ausfüllen kann. Die dafür nötigen  
Reformen sichern wir mit einer auskömmlichen  
Finanzierung und verlässlichen Rahmenbedingun-  
gen. Auf europäischer Ebene unterstützen wir eine  
Plattform, die länderübergreifend die öffentlich-  
rechtlichen Informationsangebote zusammenführt  
und zugänglich macht.  
Die deutsche Wirtschaft erleidet jährlich einen  
Schaden von mehr als 200 Milliarden Euro durch  
Cyberangriffe, Datendiebstahl und Spionage. Diese  
Angriffe kommen hauptsächlich aus dem Ausland,  
insbesondere aus China und Russland. Wir werden  
mit einem Cybersicherheitsstärkungsgesetz unse-  
re IT-Infrastruktur härten und widerstandsfähiger  
gegen Angriffe machen. Das Bundesamt für Sicher-  
heit in der Informationstechnik muss eine stärkere  
Rolle beim Schutz digitaler Infrastruktur bekommen  
und zur Zentralstelle ausgebaut werden. Unser Ziel  
ist es, digitale Netze und Einrichtungen durch hohe  
IT-Sicherheitsanforderungen robust gegen Hacker-  
angriffe zu machen. Mit „digitalen Botschaften“  
wollen wir relevante öffentliche Datenbanken im  
europäischen Verbund absichern, um sie auch in  
Krisenfällen vorzuhalten. Wir werden die europäi-  
sche Richtlinie zur Cybersicherheit bürokratiearm  
und zügig umsetzen.  
Für die Verteidigung von Frieden und  
Freiheit  
Russlands Überfall auf die Ukraine verdeutlicht,  
dass Frieden, Freiheit und Demokratie keine Selbst-  
verständlichkeit sind. Sie müssen immer wieder  
aufs Neue verteidigt und gestärkt werden. Frieden  
erfordert gerade in diesen Zeiten Diplomatie und  
Kooperation, ebenso wie Widerstands- und Wehr-  
fähigkeit. Dafür braucht es eine europäische An-  
strengung. Es braucht eine umfassend angelegte  
Herangehensweise, um dem Spektrum an Her-  
ausforderungen und Bedrohungen zu begegnen.  
Sicherheitspolitik ist mehr als die Summe aus Dip-  
lomatie und Militär; sie muss alle Stränge unserer  
Politik zusammenführen. Integrierte Sicherheit für  
Deutschland heißt: innere und äußere Sicherheit  
zusammenzudenken sowie den Schutz unserer  
Demokratie und unseres Sozialstaates zu sichern  
– im Einklang mit einer feministischen Außen- und  
Entwicklungspolitik sowie einer starken inter-  
nationalen Klimapolitik. All diese Elemente einer  
integrierten Sicherheit brauchen eine verlässliche  
Finanzierung.  
Mit dem russischen Angriff auf die gesamte Ukraine  
am 24. Februar 2022 sind wir in einer anderen Welt  
aufgewacht. Millionen Ukrainer\*innen verteidigen  
seither Tag für Tag ihr Leben, ihre Freiheit und die  
europäische Friedensordnung gegen die brutale Ag-  
gression Russlands. Dabei stehen wir fest an ihrer  
Seite – mit diplomatischer, finanzieller, humanitärer  
und militärischer Unterstützung. Die Ukraine muss  
in der Lage sein, sich zu verteidigen und eine starke  
Position für einen möglichen Friedensprozess  
sicherzustellen. Das ist auch unser bester Eigen-  
schutz hier im Herzen Europas. Die Souveränität der  
Ukraine in europäischer Solidarität muss sicherge-  
stellt sein. Wir unterstützen die vielfältigen diplo-  
matischen Friedensbemühungen der Ukraine und  
ihrer Partner unter dem Grundsatz: „Nichts über die  
Ukraine, ohne die Ukraine“. Zudem bekräftigen wir  
das Recht auf freie Bündniswahl und unterstützen  
die Ukraine auf ihrem Weg zur Mitgliedschaft in der  
EU und NATO.  
C. EINE STARKE  
EUROPÄISCHE UNION  
Für eine EU, die unsere  
Demokratie verteidigt  
Die EU ist das erfolgreichste Friedensprojekt und  
Basis für unseren wirtschaftlichen Erfolg. Sie ist die  
Antwort auf zwei Weltkriege und den Holocaust. Sie  
ist unsere Lebensversicherung für Frieden, Sicher-  
61Entwurf zum Regierungsprogramm 2025  
heit und Wohlstand. Aber der europäische Zusam-  
menhalt ist bedroht: von außen durch Russlands  
Angriffskrieg gegen die Ukraine und gegen unsere  
europäische Friedensordnung, von innen durch Ex-  
tremist\*innen und Populist\*innen. Deshalb wollen  
wir die EU stärken. Als größtes und wirtschaftlich  
stärkstes Land tragen wir dafür besondere Ver-  
antwortung. Nationale Alleingänge lehnen wir ab  
und ein ständiges „German Vote“ ist schädlich. Wir  
arbeiten an einem Europa, das nach innen durch  
Freiheit und Demokratie geeint ist, das soziale Si-  
cherheit garantiert und das nach außen kooperative  
Angebote und robuste Antworten auf die großen  
Aufgaben gibt, die uns die Entwicklung der Welt  
bereithält. Deshalb wollen wir die EU erweitern,  
um unsere Nachbarschaft zu stabilisieren. Parallel  
werden wir die EU reformieren, um sie handlungs-  
fähiger zu machen. Und wir müssen die europäische  
Demokratie mit ihrem klaren Wertefundament  
wehrhaft machen. Europe United ist auch unsere  
Antwort auf Trumps America first.  
Unsere Grundwerte bilden das Fundament der EU.  
Wenn Mitgliedstaaten dagegen verstoßen, kann  
das nicht folgenlos bleiben. Wir wollen das Rechts-  
staatsverfahren nach Artikel 7 des EU-Vertrags  
nutzbar machen, indem in allen Stufen des Ver-  
fahrens Entscheidungen mit qualifizierter Mehrheit  
getroffen werden können. Den Rechtsstaatsdialog  
möchten wir stärken sowie die Freiräume der Zivil-  
gesellschaft gezielter und europaweit schützen. Für  
uns gilt außerdem: keine EU-Gelder für Antidemo-  
krat\*innen. Wir wollen mit dem Konditionalitätsme-  
chanismus im nächsten EU-Haushalt sicherstellen,  
dass Regierungen, die Demokratie und Rechtsstaat-  
lichkeit untergraben, keine europäischen Gelder  
mehr bekommen.  
Um die EU bürgernäher und demokratischer zu  
gestalten, soll das Europäische Parlament ein  
vollwertiges Initiativrecht für die Einbringung von  
Gesetzen bekommen. In Zukunft soll ein Teil der  
Abgeordneten über transnationale Listen gewählt  
werden. Bürger\*innen sollen breiter und effektiver  
beteiligt werden, die Europäische Bürgerinitiative  
wollen wir stärken.  
Für eine handlungsfähige EU  
Die Erweiterung der EU ist eine Erfolgsgeschichte  
und liegt in unserem geopolitischen Interesse. Wir  
unterstützen den Beitrittswunsch der Westbalkan-  
staaten, der Ukraine und Moldaus, sofern sie alle  
Beitrittskriterien erfüllen. Wir sehen den mutigen  
und unermüdlichen Einsatz der proeuropäischen  
Kräfte in Georgien und möchten diese unterstützen,  
um Georgien eine Zukunft in der EU zu ermög-  
lichen. Auch eine demokratische Türkei hat ihren  
Platz in der EU, doch eine Wiederaufnahme der Bei-  
trittsgespräche setzt einen glaubhaften Kurswech-  
sel bei Demokratie und Rechtsstaatlichkeit voraus.  
Mit dem Ziel einer starken, handlungsfähigeren  
EU möchten wir die laufende Legislatur zu einer  
Reformlegislatur machen. Dafür soll das Prinzip der  
Einstimmigkeit in allen Politikbereichen – auch in  
der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik –  
durch Mehrheitsentscheidungen ersetzt werden. Wo  
Reformen mit allen Mitgliedstaaten nicht möglich  
sind, soll eine „Koalition der Willigen“ vorangehen  
können, die stets offen für alle Mitgliedsländer ist.  
Besonders mit Frankreich und Polen wollen wir die  
EU gemeinsam voranbringen. Deshalb haben wir  
so stark in die deutsch-französische Kooperation  
und das Weimarer Dreieck investiert. Unsere Vision  
ist eine Föderale Europäische Republik mit eige-  
ner Verfassung.  
Nur ein starkes Europa ist in der Lage, der Wirtschaft  
im globalen Wettbewerb den Rücken zu stärken und  
damit gute Jobs zu sichern. Für die dringend benö-  
tigten Investitionen in Infrastruktur und den klima-  
neutralen Ausbau der europäischen Wirtschaft muss  
der nächste EU-Finanzrahmen stärker auf Innova-  
tion und auf die Zukunftsfähigkeit der europäischen  
Wirtschaft ausgerichtet werden. Europäische öffent-  
liche Güter wie Infrastruktur, Erasmus, grenzüber-  
schreitende Forschung oder gemeinsamen euro-  
päischen Grenzschutz werden wir stärken. Daneben  
braucht es verbindliche Ziele für den Klima- und  
Naturschutz und eine starke soziale Säule.  
Dafür braucht es aber auch mehr Finanzkraft auf  
europäischer Ebene. Wir wollen die finanzielle Aus-  
stattung der EU durch neue Eigenmittel verbessern.  
Einnahmen, die durch europäische Instrumente  
62BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN  
entstehen, sollen mehrheitlich dem EU-Haushalt  
zugutekommen. Sollten die USA die globalen Ver-  
einbarungen über die Besteuerung digitaler Groß-  
konzerne nicht mehr umsetzen, setzen wir uns in  
der EU für eine Europäische Digitalkonzernsteuer  
ein. Für die Bewältigung großer Herausforderungen  
haben sich zudem gemeinsame europäische An-  
leihen bewährt, etwa im Rahmen der Europäischen  
Investitionsbank.  
D. AUSSEN- UND  
SICHERHEITSPOLITIK IN  
VERANTWORTUNG  
Für eine aktive Außenpolitik  
Als Teil der Bundesregierung haben wir in schwieri-  
gen Zeiten Verantwortung übernommen, sind daran  
gewachsen und stehen bereit, diese weiterhin zu  
tragen. Dieser Verantwortung werden wir mit einer  
aktiven Außenpolitik in starken Bündnissen gerecht  
– für ein starkes Deutschland, in einem friedlichen  
Europa, in einer stabilen Welt.  
Die EU ist Garantin für Frieden und Freiheit, Wohl-  
stand und Demokratie. Die EU als weltpolitische Ak-  
teurin steht im Zentrum unserer Außenpolitik. Ge-  
meinsam stehen wir an der Seite der Ukraine – so  
lange und so entschlossen, bis die Ukrainer\*innen  
wieder in Frieden leben können. Frieden ist mehr  
als die Abwesenheit von Krieg. Frieden ist ein Leben  
in Freiheit, Sicherheit und Würde.  
Putins Russland stellt derzeit die größte Bedro-  
hung für Frieden und Sicherheit in Europa dar. Wir  
setzen auf wirtschaftliche und sicherheitspolitische  
Maßnahmen, die Russlands militärischen Sieg ver-  
hindern, den ökonomischen Druck auf das Regime  
erhöhen und unsere eigene Handlungsfähigkeit  
wahren. Wir reichen denjenigen Russ\*innen die  
Hand, die sich als Teil der demokratischen Zivilge-  
sellschaft glaubwürdig für ein Ende des Kriegs, für  
Frieden und Freiheit einsetzen.  
Die USA sind Europas zentraler Partner bei globalen  
Krisen und Konflikten. Trotz aller Unterschiede und  
Unsicherheiten hinsichtlich der künftigen Ausrich-  
tung der USA verbinden uns gemeinsame Werte,  
Interessen sowie tiefe kulturelle, historische und  
gesellschaftliche Bande. Auch zukünftig werden wir  
für die USA ein verlässlicher Verbündeter bleiben.  
Gleichzeitig müssen wir die europäische Souveräni-  
tät stärken, geschlossen und entschlossen für unse-  
re Werte und Interessen einstehen und politische  
Differenzen ehrlich und offen ansprechen.  
Wir bleiben fest in unseren Bündnissen verankert.  
Zugleich sind wir auf vielfältige und robuste Part-  
nerschaften angewiesen – vor allem im Globalen  
Süden. Wir wollen unsere Zusammenarbeit mit  
Ländern in Asien, Afrika, Lateinamerika und Nahost  
gezielt ausbauen und um Partnerschaften basierend  
auf gegenseitigem Vertrauen und gemeinsamen  
Interessen werben. So gewinnen wir Verbündete für  
die Reform des multilateralen Systems, für globa-  
le Herausforderungen wie den Kampf gegen den  
Klimawandel und in der systemischen Auseinander-  
setzung mit autoritären Regimen.  
China versucht zunehmend aggressiv, das interna-  
tionale System nach seinen Interessen umzubauen  
und den militärischen Druck in der Straße von  
Taiwan zu erhöhen. Für uns ist China systemischer  
Rivale, Wettbewerber und Partner, doch die Rivali-  
tät rückt immer mehr in den Fokus Pekings. Mit der  
ersten China-Strategie der Bundesregierung haben  
wir begonnen, die jahrelange Naivität in der deut-  
schen China-Politik zu beenden – diese gilt es nun  
konsequent umzusetzen und weiterzuentwickeln.  
Wir stärken unsere Zusammenarbeit mit Partner-  
staaten im Indopazifik, insbesondere in den Berei-  
chen Sicherheit, Handel und Klima.  
Unsere Außenpolitik steht im Bewusstsein für  
unsere Geschichte und die Verantwortung, die unser  
Land mit dem Grauen des Zweiten Weltkriegs und  
dem Holocaust auf sich geladen hat. Das Existenz-  
recht Israels ist für uns unverhandelbar. Wir stehen  
ein für die Sicherheit von Jüdinnen und Juden und  
das Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser\*in-  
nen. Dauerhafte Sicherheit für Israelis und Pa-  
lästinenser\*innen ist nur durch einen politischen  
Prozess und eine verhandelte Zwei-Staaten-Lösung  
auf Basis der Grenzen von 1967 möglich. Dafür  
setzen wir uns ein. Aus unserer Geschichte ergibt  
sich auch die Verantwortung, für das humanitäre  
Völkerrecht einzutreten, um menschliches Leid zu  
63Entwurf zum Regierungsprogramm 2025  
verhindern und Warnsignale ernst zu nehmen. Des-  
wegen haben wir uns so intensiv dafür eingesetzt,  
dass die von der Hamas festgehaltenen Geiseln  
befreit werden, die Zivilbevölkerung geschützt wird,  
die humanitäre Hilfe die Menschen erreicht und es  
zu einem Waffenstillstand kommt. Das Leid in Gaza  
ist unerträglich. Jedes Menschenleben ist gleich viel  
wert. Menschlichkeit ist unteilbar.  
Das Ende des Assad-Regimes in Syrien ist ein Aufat-  
men der syrischen Bevölkerung nach jahrzehntelan-  
ger Unterdrückung, Vertreibung und Folter. Damit  
verbunden ist die Hoffnung vieler Syrer\*innen auf  
ein Leben in Frieden und Freiheit. Auf diesem Weg  
wollen wir sie zusammen mit unseren Partnern  
unterstützen.  
Das iranische Regime begeht massive Menschen-  
rechtsverletzungen im eigenen Land und destabili-  
siert die ganze Region. Wir werden die Sanktionen  
gegen die Verantwortlichen des Regimes fortlaufend  
prüfen und weiterentwickeln sowie ihre Einhaltung  
streng überprüfen. Dazu gehört auch die rechtssiche-  
re Terrorlistung der Revolutionsgarden. Es braucht  
zudem weiter diplomatische Anstrengungen, um die  
nukleare Bewaffnung des Irans zu verhindern.  
Wir setzen uns für eine vorausschauende und kohä-  
rente Außen-, Sicherheits- und Entwicklungspolitik  
ein, die Krisen und Konflikte frühzeitig erkennt  
und mit gezielten und koordinierten Maßnahmen  
menschliches Leid verhindert. Grundlage dafür ist  
ein gemeinsames Lagebild über die Bedrohungen,  
Risiken und Chancen für unsere Sicherheit sowie  
eine starke ressortübergreifende Koordination.  
Für einen zukunftsfesten  
Multilateralismus  
Die regelbasierte internationale Ordnung ist das  
Fundament unseres Friedens. Die multilaterale Zu-  
sammenarbeit und starke internationale Organisa-  
tionen sind der Schlüssel zur Bewältigung globaler  
Herausforderungen. Diese Ordnung gerät zuneh-  
mend unter Druck: Verstöße gegen die gemeinsa-  
men Regeln nehmen zu, Abschottung und Protektio-  
nismus sind auf dem Vormarsch. Wir treten ein für  
eine Welt, in der sich Kooperation vor Konkurrenz  
und Krieg behauptet und die Stärke des Rechts über  
das Recht des Stärkeren triumphiert.  
Mit dem UN-Zukunftspakt haben wir den Grund-  
stein für eine Reform der UN gelegt. Dazu gehört  
eine Reform des Sicherheitsrats, mit der wir eine  
gerechtere Repräsentanz der Weltregionen gewähr-  
leisten wollen. Wir wollen diese Vereinbarungen nun  
gemeinsam mit den UN-Mitgliedstaaten umsetzen.  
Mehr Verantwortung in den UN erfordert von  
Deutschland und der EU, ihr Engagement diploma-  
tisch, finanziell und personell weiter zu verstärken.  
Mittel für humanitäre Hilfe sollen flexibler einge-  
setzt und mehrjährig vergeben werden, um Her-  
ausforderungen in fragilen Kontexten gerecht zu  
werden und die Planbarkeit zu verbessern. Während  
die UN eine unverzichtbare Rolle in der humanitä-  
ren Hilfe einnehmen, wollen wir auch lokale huma-  
nitäre Organisationen weiter stärken. Durch huma-  
nitäre Diplomatie tragen wir dazu bei, dass die Hilfe  
bei der notleidenden Bevölkerung ankommt und  
Helfer\*innen geschützt sind.  
Aus unserer historischen Verantwortung für die  
Verbrechen der Nazi-Herrschaft sowie der Kolonial-  
vergangenheit ergibt sich für uns eine besondere  
Verpflichtung zum Schutz des Völkerrechts. Als  
internationale Gemeinschaft tragen wir Verant-  
wortung, gegen schwerste Menschenrechtsver-  
letzungen vorzugehen und diese strafrechtlich zu  
ahnden. Deswegen wollen wir die internationale  
Strafgerichtsbarkeit und das Völkerstrafrecht stär-  
ken und seine Fortentwicklung aktiv vorantreiben.  
Denn niemand steht über dem Völkerrecht. In enger  
Abstimmung mit unseren internationalen Partnern  
setzen wir uns für die strafrechtliche Verfolgbarkeit  
des Verbrechens der Aggression ein.  
Für Menschenrechte und demokratische  
Entwicklung  
Eine starke Zivilgesellschaft ist das Rückgrat einer  
wehrhaften Demokratie und eines nachhaltigen  
Friedens. Menschen, die sich weltweit für Demokra-  
tie, Frauen- und Menschenrechte einsetzen, geraten  
zunehmend unter Druck. Autoritäre Regime schrän-  
ken die Meinungs- und Pressefreiheit ein, unter-  
drücken zivilgesellschaftliches Engagement, bedro-  
64BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN  
hen Aktivist\*innen und verfolgen Dissident\*innen  
– auch im Ausland. In diesem Systemwettbewerb  
setzen wir uns entschlossen für die liberale Demo-  
kratie ein und stärken dadurch auch unsere Sicher-  
heit, unsere Freiheit und unseren Wohlstand.  
Wir wollen zivilgesellschaftliche Organisationen  
in ihrem Kampf für Meinungsfreiheit und Rechts-  
staatlichkeit gezielt und unkompliziert unterstützen.  
Dazu gehören auch Schutzprogramme für Men-  
schenrechtsverteidiger\*innen – vor Ort oder notfalls  
im Exil. Auch Deutschland ist ein sicherer Zufluchts-  
ort für viele verfolgte Menschenrechtsverteidi-  
ger\*innen. Wir wollen die Aufnahme von besonders  
gefährdeten Aktivist\*innen durch humanitäre Visa  
und beschleunigte Verfahren weiter unterstützen  
sowie den Schutz vor transnationaler Repression  
durch gemeinsame europäische Ermittlungen und  
Sanktionen gegen die Verantwortlichen verbessern.  
Gerade in Krisenzeiten kann Kultur Brücken bauen  
und gegenseitiges Verständnis fördern. Deswegen  
wollen wir Mittlerorganisationen der auswärtigen  
Kultur- und Bildungspolitik stärken und internatio-  
nale Forschungskooperationen ausbauen. Mit ehe-  
maligen deutschen Kolonien wie Namibia haben  
wir den Versöhnungs- und Aufarbeitungsprozess  
vorangetrieben und Verantwortung für unsere Ver-  
gangenheit übernommen. Diese Schritte werden wir  
konsequent fortführen.  
Gleichberechtigung macht Gesellschaften fried-  
licher, gerechter, resilienter und wirtschaftlich  
erfolgreicher. Eine feministische Außen- und Ent-  
wicklungspolitik bedeutet, die Rechte, Ressour-  
cen und Repräsentanz von Frauen, Mädchen und  
marginalisierten Gruppen weltweit zu stärken. Wir  
wollen unseren Einsatz gegen sexualisierte und ge-  
schlechtsspezifische Gewalt verstärken, Überlebende  
besser unterstützen, den Schutz von queeren Men-  
schen vor Diskriminierung und Gewalt vorantreiben,  
Geschlechtergerechtigkeit in allen Projekten der  
internationalen Zusammenarbeit stärker verankern  
und mehr Mittel für Frauenrechtsorganisationen  
bereitstellen. Denn Gesellschaften sind immer nur  
so stark, wie Frauen an der Gesellschaft teilhaben.  
Das sehen wir insbesondere in den Ländern, in  
denen Frauenrechte mit Füßen getreten werden  
– wie in Afghanistan, im Iran oder unter der Schre-  
ckensherrschaft des sogenannten Islamischen  
Staates (IS). Wir setzen uns weiterhin für die Rechte  
und Unterstützung von Frauen in Afghanistan ein,  
stehen an der Seite der feministischen Protest-  
bewegung im Iran und wollen Jesid\*innen, die  
besonders schlimmes Leid und Vertreibung durch  
den IS erfahren haben, weiter schützen. Wir fordern  
die Innenminister\*innen der Länder dazu auf, einen  
bundesweiten Abschiebestopp in den Iran und von  
Jesid\*innen zu beschließen.  
Für die Sicherheit und Frieden in Europa  
und der Welt  
Unsere Sicherheit ist eingebettet in der EU und  
der NATO. Wir stärken den europäischen Pfeiler der  
NATO. Deutschland und Europa müssen unabhän-  
gig von der US-Politik mehr Verantwortung für ihre  
Sicherheit und darüber hinaus übernehmen. Das  
können wir wirksamer und kosteneffizienter bewerk-  
stelligen, je enger wir in der EU zusammenarbeiten.  
Wir stehen zu unseren Bündnisverpflichtungen  
und dem damit verbundenen notwendigen Ausbau  
unserer Fähigkeiten. Dafür braucht es verlässliche  
Finanzierung mit einem Verteidigungsetat, der  
dauerhaft die in der NATO vereinbarten und auch  
national definierten Ziele und Bedarfe erfüllt und  
dafür dauerhaft deutlich mehr als 2 Prozent des  
Bruttoinlandsprodukts in unsere Sicherheit und  
Verteidigungsfähigkeit investiert. Dies wird nicht  
allein aus laufenden Einnahmen finanzierbar sein,  
sondern wird mittelfristig auch über eine höhere  
Kreditaufnahme finanziert werden müssen. Wie  
zu Zeiten der Eurokrise und der Pandemie braucht  
es auch auf europäischer Ebene eine gemeinsame  
finanzielle Kraftanstrengung zur Friedenssicherung  
in Europa, wie es die Europäische Kommission vor-  
geschlagen hat. Damit wollen wir auch europäische  
Synergieeffekte nutzen.  
Es ist in unserem Interesse, auch global für Frieden  
und Stabilität zu wirken und menschliche Sicher-  
heit in den Fokus zu rücken. Dabei setzen wir auf  
zivile Krisenprävention und Konfliktbearbeitung,  
die eng mit unseren europäischen Partnern abge-  
stimmt ist. Die Fähigkeiten von zivilgesellschaftli-  
chen Akteuren, der EU und UN, der Organisation für  
65Entwurf zum Regierungsprogramm 2025  
Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE)  
sowie von Regionalorganisationen wie der Afrikani-  
schen Union wollen wir dahingehend stärken.  
Gerade in diesen Zeiten, in denen einige wenige  
wieder mit dem Einsatz von Atomwaffen drohen, ist  
es entscheidend, dass wir Abrüstungsinitiativen und  
Rüstungskontrollen vorantreiben. Nur mit gemein-  
samen Abrüstungsschritten schaffen wir dauerhaft  
mehr Sicherheit für alle und wahren Frieden und  
Stabilität. Dieser Einsatz ist und bleibt Pfeiler jeder  
Friedenspolitik.  
Das Ziel einer atomwaffenfreien Welt ist durch  
den aggressiven Imperialismus Russlands in weite  
Ferne gerückt. Dennoch bleibt es richtig. Wir werden  
den Vertrag zur Nichtverbreitung von Kernwaffen  
stärken, den Atomwaffenverbotsvertrag weiterhin  
konstruktiv begleiten und die Zusammenarbeit mit  
zivilgesellschaftlichen Organisationen ausbauen.  
Es braucht dringend neue Regeln in den Bereichen  
autonome Waffen, Cyber und Weltraum. Entwick-  
lungen in diesen Bereichen verändern grundlegend,  
wie Kriege geführt werden. Für uns ist klar: Wir  
halten die Entwicklung und den Einsatz von letalen  
vollautonomen Waffensystemen, die gänzlich ohne  
menschliche Kontrolle über Leben und Tod entschei-  
den, für falsch. Deswegen setzen wir uns intensiv auf  
internationaler Ebene für eine Ächtung ein.  
Die internationale Rüstungskontrollarchitektur wird  
in Zeiten von Krieg und Krisen extrem herausge-  
fordert. Wir stärken die Sicherheit aller Menschen,  
indem wir mit unseren Partnern unsere Verpflich-  
tungen zu völkerrechtlichen Verträgen auch in  
schwierigen Zeiten aufrechterhalten.  
Für eine moderne, verteidigungsfähige  
Bundeswehr  
Die Bundeswehr ist ein Grundpfeiler unserer Wehr-  
haftigkeit. Als fest in die NATO integrierte Armee  
dient sie der Wahrung von Frieden und Stabili-  
tät. Angesichts der veränderten Sicherheitslage in  
Europa rückt der Kernauftrag der Bundeswehr – die  
Landes- und Bündnisverteidigung – wieder ins  
Zentrum unserer Aufmerksamkeit. Es geht wieder  
darum, unseren Frieden und unsere Sicherheit im  
äußersten Notfall auch militärisch verteidigen und  
potenzielle Aggressoren wirksam abzuschrecken  
und von Angriffen abzuhalten.  
Auch global wachsen die sicherheitspolitischen  
Herausforderungen. Unsere internationale Verant-  
wortung werden wir deshalb auch weiterhin in inter-  
nationalen Friedenseinsätzen annehmen. Auslands-  
einsätze der Bundeswehr müssen in multilateralen  
Bündnissen verankert und in ein politisches Gesamt-  
konzept eingebettet sein, bei dem diplomatische,  
entwicklungspolitische und militärische Maßnahmen  
ineinandergreifen. Wir wollen die parlamentarische  
Mitbestimmung und Kontrolle weiter verbessern und  
dafür die Evaluierung von Einsätzen verstetigen.  
Als einer der größten Arbeitgeber der Bundesrepu-  
blik hat die Bundeswehr eine große gesellschaft-  
liche Verantwortung für alle, die in ihr dienen und  
dienten. Wir stehen ein für eine Bundeswehr, die die  
Vielfalt unserer Gesellschaft abbildet und für alle  
Menschen ein sicherer Ort ist. Auch nach dem Aus-  
scheiden aus dem Dienst muss klar sein: Wer bereit  
war, sein Leben für den Frieden einzusetzen, hat  
unsere Aufmerksamkeit und Unterstützung verdient.  
Um die Einsatzbereitschaft der Bundeswehr sicher-  
zustellen, wollen wir den freiwilligen Wehrdienst  
und die Reserve für eine breite Zielgruppe attrak-  
tiver machen und durch gute Lebens- und Arbeits-  
bedingungen für Soldat\*innen Personal langfristig  
binden. Für den potenziellen Verteidigungsfall  
braucht es schnelle Rekrutierungsmechanismen  
– unterstützt durch eine neue Form der Wehrerfas-  
sung, die auch den Zivil- und Heimatschutz stärkt.  
Darüber hinaus wollen wir die Kooperation von  
Streitkräften innerhalb der EU und NATO zur Regel  
machen, beispielsweise durch ständige multinatio-  
nale Einheiten.  
Wir wollen unsere Verteidigungsfähigkeit sicher-  
stellen und unsere Bundeswehr mithilfe einer leis-  
tungsfähigen europäischen Rüstungsindustrie gut  
und modern ausstatten. Ineffiziente Doppelstruktu-  
ren unter EU-Mitgliedstaaten wollen wir zugunsten  
gemeinsamer Entwicklung, Produktion und Beschaf-  
fung von Rüstungsgütern abbauen. Dafür braucht es  
finanzielle Anreize, gemeinsame Investitionen und  
den politischen Willen, um nationale industriepoli-  
tische Interessen in den Dienst von mehr gemein-  
66BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN  
samer Sicherheit zu stellen. Ein bedarfsorientierter  
europäischer Rüstungsmarkt und eine restriktive  
gemeinsame Exportpolitik sind zwei Seiten einer  
Medaille. Wir wollen klare, transparente und an  
Menschenrechten, unseren Werten und Sicherheits-  
interessen orientierte Kriterien für Rüstungsexporte  
auf nationaler und europäischer Ebene gesetzlich  
verankern – mit vorangehenden Risikoanalysen,  
einklagbaren Sanktionsmöglichkeiten und Endver-  
bleibskontrollen.  
Für globalen Klimaschutz  
Die Klimakrise ist eine der größten Sicherheitsrisi-  
ken des 21. Jahrhunderts: Sie zerstört Lebensgrund-  
lagen, verstärkt Konflikte und zwingt Menschen zur  
Flucht. Es ist in unserem unmittelbaren Interesse,  
die Klimakrise und ihre Folgen abzumildern.  
Viele Staaten haben die Chancen ambitionierter  
Klimapolitik erkannt: Die Energiewende und nach-  
haltige Technologien stabilisieren nicht nur das  
Klima, sie schaffen auch massive wirtschaftliche  
Wachstumsmöglichkeiten. Mit konsequenter Kli-  
mapolitik hierzulande und effektiver Klimaaußen-  
politik machen wir Deutschland zum Vorreiter und  
unterstützen gleichzeitig andere Staaten auf ihrem  
Weg zu klimaneutralem Wohlstand.  
Im Rahmen der Klimakonferenzen haben wir trotz  
widrigster Umstände erfolgreich für eine Abkehr  
von den fossilen Energien gestritten, die Energie-  
wende beschleunigt und Klimagerechtigkeit ent-  
schieden vorangetrieben. Wir haben gezeigt: Es  
macht einen Unterschied, wenn Grüne am Verhand-  
lungstisch sitzen. Diesen Weg wollen wir fortsetzen.  
Wir setzen uns dafür ein, dass Deutschland und  
Europa ihren fairen Beitrag zur internationalen  
Klimafinanzierung leisten, entsprechend der Be-  
schlüsse der internationalen Klimakonferenz COP.  
Dafür wollen wir innovative Finanzierungsinstru-  
mente nutzen und gemeinsam mit unseren Part-  
nern darauf hinwirken, dass Investitionen mit den  
Zielen der Klimaneutralität und der Agenda 2030 in  
Einklang gebracht werden. Im Sinne der Klimage-  
rechtigkeit gilt besondere Unterstützung den vom  
Klimawandel besonders betroffenen Staaten und  
Gemeinschaften, gerade in Afrika und den kleinen  
Inselentwicklungsstaaten. Wir unterstützen unsere  
Partner zudem beim Schutz der Biodiversität.  
Wir nutzen die Chancen einer ambitionierten Kli-  
mapolitik auch für unsere Wirtschafts-, Finanz- und  
Handelspolitik. Dabei setzen wir auf Instrumente  
wie die Außenwirtschaftsförderung oder das dichte  
Netz an Klima- und Energiepartnerschaften mit  
mittlerweile über 30 Ländern im Globalen Norden  
und Süden. Wir setzen uns dafür ein, dass in die-  
sem Rahmen auch Technologiepartnerschaften mit  
unseren Unternehmen geschlossen werden. Dazu  
gehört, dass Know-how transferiert wird und lokale  
Produktionskapazitäten aufgebaut werden, auch  
um zu verhindern, dass durch andere Kräfte neue,  
fatale Abhängigkeiten entstehen. Klimaaußenpolitik  
kann auch Brücken zu Partnern bauen, die nicht alle  
unsere Werte teilen.  
Für robuste Partnerschaften und  
internationale Gerechtigkeit  
Die großen Herausforderungen unserer Zeit sind  
global. Wir gehen sie an durch internationale Part-  
nerschaften in gegenseitigem Interesse: für Klima  
und Biodiversität, für globale Gesundheit, für nach-  
haltigen Wohlstand, für menschliche Sicherheit und  
für Menschenrechte. Damit stellen wir nicht zuletzt  
ein dringend benötigtes glaubhaftes Gegenangebot  
zum Einfluss insbesondere Chinas und Russlands.  
Wir stehen zu unserer historisch gewachsenen Ver-  
antwortung für die ärmsten Länder und der Ver-  
wirklichung sowie Weiterentwicklung der Agenda  
2030 für nachhaltige Entwicklung. Es braucht  
einen Endspurt und ambitionierte Folgeziele. Unser  
Ansatz dafür ist feministisch und dekolonial. Wir  
wollen eine eigenständige Entwicklungspolitik, die  
strukturelle Ungerechtigkeiten abbaut und weltweit  
gleichberechtigte Partnerschaften gestaltet.  
Wir unterstützen Länder des Globalen Südens bei  
ihrem Streben nach gerechter Repräsentanz in  
internationalen Organisationen – nur so bleiben  
multilaterale Foren zukunftsfähig. Reformen bei  
den internationalen Finanzinstitutionen treiben wir  
voran und gestalten Handelsabkommen fair und  
nachhaltig. Wir setzen uns für solide Schuldenre-  
strukturierungen und -erlasse für besonders belas-  
67Entwurf zum Regierungsprogramm 2025  
tete Länder ein, um ihre Autonomie und Handlungs-  
fähigkeit zu stärken. Daran arbeiten wir gemeinsam  
mit Partnern in der EU, den G20 und G7, interna-  
tionalen Organisationen, dem Privatsektor und der  
Zivilgesellschaft.  
Wir wollen das Recht auf Wasser und Nahrung  
verwirklichen. Dafür fördern wir beispielsweise  
agrarökologische Ansätze, schützen Landrechte  
von Kleinbäuer\*innen und unterstützen wirksame  
Mechanismen gegen exzessive Finanzmarktspeku-  
lationen mit Wasser, Land und Lebensmitteln. Die  
Covid-19-Pandemie hat erneut gezeigt, dass Gesund-  
heit globale und vorausschauende Zusammenarbeit  
erfordert. In diesem Sinne wollen wir Partnerländer  
im Aufbau ihrer Gesundheitssysteme unterstützen, die  
Weltgesundheitsorganisation stärken und langfristige  
Forschungs- und Entwicklungskooperation fördern.  
Wir setzen uns dafür ein, dass Deutschland seine  
internationalen Zusagen einhält und mindestens  
die in der Organisation für wirtschaftliche Zusam-  
menarbeit und Entwicklung (OECD) vereinbarte  
Quote von 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkom-  
mens in Entwicklungszusammenarbeit investiert.  
Darüber hinaus stellen wir zusätzliche Mittel für die  
internationale Klima- und Biodiversitätsfinanzie-  
rung bereit und setzen uns für ambitionierte neue  
Finanzierungsziele für Klima und die Agenda 2030  
ein. Um zur Deckung des massiven Investitionsbe-  
darfs beizutragen, wollen wir auch den deutschen  
Entwicklungsbanken einen verstärkten Zugang zum  
Kapitalmarkt ermöglichen, insbesondere durch die  
Erhöhung des Gewährleistungsrahmens des Bundes.  
Wirkungsorientierung und Kohärenz sind der An-  
spruch unseres gesamten internationalen Handelns.  
68BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN  
NOTIZEN  
69Entwurf zum Regierungsprogramm 2025  
70BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN

72BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN

# Wahlprogramm 2021

[https://www.bundestagswahl-bw.de/wahlprogramm-gruene-1](https://www.bundestagswahl-bw.de/wahlprogramm-gruene-1)

Deutschland.  
Alles ist drin.Bundestagswahlprogramm 2021  
Bereit, weil Ihr es seid.  
Dieses Bundestagswahlprogramm wurde auf der 46. Bundesdelegiertenkonferenz  
von BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN beschlossen, die vom 11. bis 13. Juni 2021 digital  
stattgefunden hat.  
Herausgeber\*in:  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN  
Platz vor dem Neuen Tor 1  
10115 Berlin  
Telefon: 030 28442-0  
Fax: 030 28442-210  
E-Mail: info@gruene.de  
Internet: gruene.de  
V. i. S. d. P.:  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN  
Annkathrin Schäfer  
Platz vor dem Neuen Tor 1  
10115 Berlin  
Layout und Satz:  
Twentyfour Seven Creative Media Service GmbH, Berlin  
twentyfour-7.de  
Titelgestaltung:  
neues tor eins Kommunikationsberatung GmbH, Berlin  
Druck:  
Frank Druck GmbH &amp; Co. KG, Preetz  
www.eversfrank.com  
Bundestagswahlprogramm 2021  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN4Inhalt  
Bereit, weil Ihr es seid.  
Eine Einladung 9  
Kapitel 1:  
Lebensgrundlagen schützen 12  
Wir schaffen klimagerechten Wohlstand 14  
Wir schaffen Versorgungssicherheit  
mit Erneuerbaren 21  
Wir sorgen für nachhaltige Mobilität 29  
Wir schützen Natur und Umwelt für ein  
gutes Leben 40  
Wir stärken Bäuer\*innen, Tiere und Natur 48  
Wir ermöglichen Tieren ein besseres Leben 53  
Kapitel 2:  
In die Zukunft wirtschaften 57  
Wir fördern Unternehmer\*innengeist,  
Wettbewerb und Ideen 60  
Wir geben dem Markt einen sozial-  
ökologischen Rahmen 72  
Wir bringen die Digitalisierung voran 74  
Wir kämpfen für einen fairen und  
nachhaltigen Handel 79  
Wir machen die Finanzmärkte stabiler  
und nachhaltiger 83  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN5Inhalt  
Bundestagswahlprogramm 2021  
Wir vollenden die Europäische Wirtschafts-  
und Währungsunion 87  
Wir haushalten solide, weitsichtig und gerecht 89  
Kapitel 3:  
Solidarität sichern 95  
Wir fördern Kinder, Jugendliche und Familien 97  
Wir sorgen für gute Arbeit und faire Löhne 103  
Wir schaffen Gerechtigkeit zwischen den  
Geschlechtern 109  
Wir sichern die sozialen Netze 111  
Wir geben Gesundheit und Pflege einen  
neuen Wert 116  
Wir schaffen bezahlbaren Wohnraum 130  
Wir investieren in lebenswerte Dörfer  
und Städte 135  
Kapitel 4:  
Bildung und Forschung ermöglichen 141  
Wir fördern gute Bildung von Anfang an 144  
Wir stärken Ausbildung und Studium 150  
Wir ermöglichen lebensbegleitendes Lernen 152  
Wir verbessern die Bedingungen für die  
Wissenschaft 154  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN6Inhalt  
Bereit, weil Ihr es seid.  
Kapitel 5:  
Zusammen leben 160  
Wir machen den Staat effektiver und  
bürger\*innennäher 162  
Wir treten ein für Vielfalt, Anerkennung und  
gleiche Rechte 169  
Wir erneuern das demokratische Fundament 175  
Wir gestalten die vielfältige Einwanderungs-  
gesellschaft 183  
Wir rücken Feminismus, Queerpolitik und  
Geschlechtergerechtigkeit in den Fokus 188  
Wir stärken Sicherheit und Bürger\*innenrechte 193  
Wir garantieren den Rechtsstaat und stärken  
den Verbraucherschutz 201  
Wir fördern die Kultur, die Künste und den Sport 205  
Wir bauen Europa weiter 211  
Kapitel 6:  
International zusammenarbeiten 217  
Wir treiben die sozial-ökologische Trans-  
formation voran 220  
Wir stärken die multilaterale Zusammenarbeit 224  
Wir arbeiten an guten Beziehungen in einer  
multipolaren Welt 226  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN7Inhalt  
Bundestagswahlprogramm 2021  
Wir verteidigen die Menschenrechte 234  
Wir schützen Geflüchtete 238  
Wir streiten für eine gerechte  
Weltwirtschaftsordnung 244  
Wir treten ein für Frieden und Sicherheit 245  
Regieren auf Augenhöhe  
mit der Zukunft 255  
Stichwortregister 259  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN8Bereit, weil Ihr es seid.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN9Einleitung  
Bundestagswahlprogramm 2021  
Eine Einladung  
Liebe Wähler\*innen,  
durch Wahlen entscheidet eine Gesellschaft, wer sie sein will. Das  
gilt erst recht für diese Bundestagswahl am 26. September. Mit ihr  
endet eine Ära und eine neue kann beginnen. Zukunft ist aber nichts,  
was uns einfach widerfährt. Sie, liebe Wähler\*innen, können mit Ihrer  
Stimme selbst entscheiden, welche Richtung sie nimmt.  
Wir, BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN, legen mit diesem Programm unser  
inhaltliches Angebot an Sie vor. Wir tun dies in einer Zeit des globalen  
Ausnahmezustands. Die Pandemie hat uns alle bis ins Mark getroffen.  
Sie hat im Guten gezeigt, zu welcher Gemeinsamkeit, Innovations-  
kraft und Widerstandsfähigkeit wir Menschen erreichen können. Sie  
hat aber auch die Schwachstellen unserer Gesellschaft schonungslos  
offengelegt, und das in einer ohnehin verwundbaren Welt. Die globa-  
len Krisen dieser Zeit – zuallererst die Klimakrise als wahre Mensch-  
heitskrise – wirken in unser aller Leben hinein und gefährden Freiheit,  
Sicherheit und Wohlstand.  
Wir haben aber die Wahl: Wir können entscheiden, ob uns die Kri-  
sen über den Kopf wachsen oder wir über sie hinaus. Die Erfahrungen  
in der Pandemie zeigen, dass wir Krisen in gemeinsamer Kraftanstren-  
gung bewältigen können. Durch die Solidarität, mit der unsere Gesell-  
schaft den Verletzlichsten den stärksten Schutz gegeben hat. Durch  
Rücksichtnahme, die so viele Menschen an den Tag legen. Durch Wis-  
senschaft und Fortschritt. Täglich wachsen in der Pandemie Menschen  
über sich hinaus – im Krankenhaus, im Altersheim, im Supermarkt, im  
Labor, Kinder, Eltern und Lehrkräfte im Distanzunterricht, Jugendliche  
allein zu Hause, Selbständige, die größte Anpassungsfähigkeit zeigen.  
Jetzt ist es Zeit, dass die Politik über sich hinauswächst.  
Wir können aus Fehlern lernen. Wir haben erlebt, wie fragil der  
Status quo ist, wie zerbrechlich eine rein auf Profit ausgerichtete  
Wirtschaft, aber auch, welche Bedeutung Grundrechte haben und wie  
stark unsere Gesellschaft ist. Wir haben erfahren, wie begrenzt natio-  
nale Antworten auf globale Fragen sind, gesehen, wie viel Unsicher-  
heit entsteht, wenn man nur auf Sicht fährt, und wie notwendig eine  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN10Einleitung  
Bereit, weil Ihr es seid.  
Politik mit Weitblick und für Frieden ist. Je besser wir vorsorgen, je  
widerstandsfähiger wir werden, je besser wir schützen, umso freier  
können wir leben.  
Als Gesellschaft haben wir den Schlüssel für so vieles schon in  
der Hand. Wir wissen, wie man eine Industriegesellschaft sicher ins  
Zeitalter der Klimaneutralität führt. Wie man dafür den Kohleausstieg  
beschleunigt und Versorgungssicherheit gewährleistet, wie viel mehr  
Strom aus Wind und Sonne gewonnen werden kann und der Natur-  
schutz gestärkt wird. Wir wissen, wie man eine sozial-ökologische  
Marktwirtschaft entwickelt, die zukunftsfähige Jobs, sozialen Schutz  
und fairen Wettbewerb in Deutschland und Europa zusammenbringt,  
wie man der Globalisierung klare Regeln setzt und multinationale  
Konzerne angemessen besteuert. Wir wissen, wie wir in eine starke  
Gesundheitsversorgung und eine moderne Infrastruktur, in gute Schu-  
len und öffentliche Räume, in einen gut funktionierenden und bür-  
ger\*innennahen Staat investieren können. Es ist möglich, Ungleich-  
heit zu verringern, gleichwertige Lebensverhältnisse auf dem Dorf,  
in der Kleinstadt und in der Metropole herzustellen und Kinder ins  
Zentrum zu rücken. Wir können eine volle Gleichberechtigung der  
Geschlechter erreichen und eine vielfältige Einwanderungsgesell-  
schaft gestalten. Wir sind in der Lage und fest entschlossen, Europa  
als Wertegemeinschaft demokratisch zu stärken und im globalen Sys-  
temwettbewerb gerechter und handlungsfähiger zu machen. Das lässt  
sich mit internationaler Solidarität meistern und wenn wir unsere Art,  
zu leben und zu wirtschaften, so gestalten, dass wir Krisen an anderen  
Orten der Welt nicht verschärfen. Aber Worte allein reichen nicht, wir  
müssen es auch tun. Jetzt ist die Zeit fürs Machen.  
Reaktive Politik hat die letzten Jahre über versucht das Schlimmste  
zu verhindern. Aber es geht darum, das Beste zu ermöglichen. In kur-  
zer Zeit eine klimaneutrale Gesellschaft zu werden, ist eine epochale  
Aufgabe mit inspirierender Kraft. Wir wollen einen Aufschwung schaf-  
fen, der über das rein Ökonomische hinausgeht. Einen Aufschwung,  
der das ganze gesellschaftliche Leben in seiner Stärke und Vielfalt  
erfasst: Bildung und Kultur, Arbeit und Digitalisierung, Wissenschaft  
und Innovation.  
Dieses Programm ist dafür ein Anfang. Es schlägt konkrete und  
ehrgeizige Projekte für politisches Handeln in einer Bundesregierung  
in den kommenden vier Jahren vor. Die Aufgaben sind groß, die Wider-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN11Einleitung  
Bundestagswahlprogramm 2021  
stände ebenfalls. Aber die letzten Jahre haben gezeigt, dass viele  
Menschen in der Gesellschaft der Politik weit voraus sind. Lassen  
Sie uns also gemeinsam die politische Arbeit auf die Höhe der Zeit  
bringen. Wenn Sie, liebe Wähler\*innen, uns das Mandat dafür erteilen  
und wir diese Projekte mit Ihnen Schritt für Schritt umsetzen dürfen,  
schaffen wir zusammen die Grundlagen für ein Jahrzehnt des mutigen  
Vorangehens, des Machens, des Gelingens. Macht ist in einer Demo-  
kratie nur geliehen. Diese Leihgabe verpflichtet zu sauberer Politik –  
zu einer Politik, die das Wohl der Bürger\*innen über das persönliche  
Interesse stellt, die Rechenschaft ablegt und sich selbst Grenzen setzt.  
In diesem Sinne werden wir handeln.  
Wir werden manch gute Tradition auf neue Weise zum Tragen  
bringen, manch Neues begründen, manch Gewohntes ablösen, aber  
wir schaffen Sicherheit im Übergang. Nach einer Ära der politischen  
Kurzfristigkeit bringen wir den langen Atem, den klaren Kompass  
und die Durchsetzungsfähigkeit mit, um unser Land – im Herzen  
Europas, der Welt zugewandt – in eine bessere Zukunft zu führen. Ja,  
zu führen. Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik kämpfen  
wir, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, um die politische Führung in diesem  
Land, inhaltlich und personell. Wir stehen auf einem festen Werte-  
fundament und sind tief verwurzelt in der Gesellschaft. Wir haben  
ein klares Ziel für dieses Jahrzehnt vor Augen: klimagerechten Wohl-  
stand. Wir sind gewachsen und gestärkt durchs Regieren in Kommu-  
nen, Ländern und im Bund. Mit Erfahrung und Kompetenz, mit Herz  
und Weitblick, mit Zuversicht und Leidenschaft, offen und lernfähig,  
so gehen wir in dieses Jahrzehnt. Das ist unser Angebot und so wer-  
ben wir um Mehrheiten für die kommenden vier Jahre. Wir laden Sie  
ein, mit uns diesen Weg zu gehen.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN12Kapitel 1  
Bereit, weil Ihr es seid.  
Kapitel 1:  
Lebensgrundlagen schützen  
Die Klimakrise ist die Existenzfrage unserer Zeit. Daher ist Klima-  
schutz keine Zukunftsaufgabe, sondern Klimaschutz ist jetzt. Wenn wir  
zu Beginn dieses Jahrzehnts konsequent handeln und die sozial-öko-  
logische Transformation einläuten, können wir die Klimakatastrophe  
noch verhindern und zu einer klimagerechten Welt beitragen. Klima-  
neutralität ist dabei eine große Chance für höhere Lebensqualität,  
mehr soziale Gerechtigkeit und einen klimagerechten Wohlstand. Sie  
gilt es zu ergreifen.  
Wir haben in den vergangenen Jahren mit Hitzesommern, Wald-  
sterben, Überschwemmungen und Dürren die Klimakrise bereits zu  
spüren bekommen. Sie hat dramatische Konsequenzen bei uns und  
auf der ganzen Welt: etwa für die Gesundheit der Menschen – und es  
sind vor allem die mit den geringsten Einkommen und insbesondere  
die Menschen im globalen Süden, die den Preis dafür zahlen, dass der  
ökologische Fußabdruck der Reichsten am größten ist. Oder für die  
Bäuer\*innen, denen zunehmend die Grundlage entzogen wird. Und für  
den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft. Alle diese Folgen werden  
sich vervielfachen, wenn wir jetzt nicht umsteuern. Je entschiedener  
wir handeln, desto mehr Freiheiten und Alternativen sichern wir für  
jetzige und künftige Generationen. Wir werden deshalb konsequent  
den Weg zur Klimaneutralität gehen.  
Das verlangt Können, Mut und Machen. Wir stellen in einer künftigen  
Regierung das Pariser Klimaabkommen in den Mittelpunkt und richten  
das Handeln aller Ministerien danach aus. Wir lenken all unsere Kraft  
darauf, Maßnahmen auf den Weg zu bringen, die uns auf den 1,5-Grad-  
Pfad führen. Klimagerechtigkeit ist eine Frage des politischen Kanons.  
Wir begreifen es als unsere Aufgabe, bessere Regeln zu schaffen, nicht  
den besseren Menschen. Solch klare politische Ordnungsrahmen ent-  
lasten auch uns als Menschen im Alltag und schaffen Freiheit.  
Natürlich bedeutet Klimaneutralität Veränderung, aber diese Ver-  
änderung schafft Halt in der Zukunft. Denn sie bewahrt uns davor,  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN13Kapitel 1  
Bundestagswahlprogramm 2021  
Kipppunkte zu überschreiten, und ermöglicht ein klimagerechtes,  
ein besseres Leben. Wir bringen deshalb Strom, Wärme, Verkehr und  
Industrie zusammen, beenden Energieverschwendung und sorgen so  
für eine effiziente Verzahnung dieser Bereiche. Statt auf Kohle, Öl und  
fossilem Gas wird das Energiesystem auf Sonnen- und Windenergie  
basieren. Statt an fossilen Verbrennungsmotoren festzuhalten, schaf-  
fen wir eine neue Mobilität mit der Bahn, dem Rad, zu Fuß oder mit  
emissionsfreien Autos. Statt Öl und Erdgas wärmt uns künftig die Kraft  
der Erneuerbaren. Die Zukunft wird damit leiser, sauberer, gesünder,  
günstiger und sozial gerechter. Weniger Autos in der Stadt bedeuten  
mehr Platz für uns Menschen. Leisere Straßen und saubere Luft die-  
nen besonders jenen, die sich nicht die Villa am ruhigen Stadtrand  
leisten können. Mehr Angebote an klima- und umweltfreundlichen  
Verkehrsmitteln, zum Beispiel Rufbussen oder Carsharing, erleichtern  
zu pendeln und befördern ein gutes Leben auf dem Land.  
Mit dieser großen Veränderung entstehen neue Geschäftsfelder,  
neue Industriezweige, neue Arbeitsplätze. Andere Bereiche werden  
sich wandeln, einige werden verschwinden. Für viele Menschen ist das  
auch eine große Herausforderung, ja Zumutung. Die sozial-ökologi-  
sche Transformation gelingt nur, wenn wir gemeinsam alles dafür tun,  
Verluste zu verringern und Brücken zu bauen. So müssen diejenigen,  
die neue Chancen oder Weiterbildung brauchen, sie auch bekommen.  
Und es ist unsere Aufgabe, Sorge dafür zu tragen, dass die Kosten und  
Belastungen dieser Veränderung gerecht verteilt sind. Klimagerechter  
Wohlstand bedeutet Ökologie und Soziales zusammenzudenken und  
den Übergang gut zu gestalten: für Menschen in der Stadt und auf  
dem Land. Für die Handwerkerin wie für den Stahlarbeiter.  
Der Verlust an intakter Natur und Umwelt ist ebenso dramatisch  
wie die Klimakrise und eine der größten Bedrohungen für ein gutes  
und gesundes Leben. Wenn wir unsere Lebensgrundlagen schützen  
wollen, wenn wir auch die zweite große ökologische Krise, das Arten-  
sterben, eindämmen wollen, dann bedarf es mehr als einer Kurskor-  
rektur, dann brauchen wir einen neuen Kurs. Wir machen die plane-  
taren Grenzen zum Leitprinzip unserer Politik und tragen so auch  
zu mehr Umweltgerechtigkeit bei. Entsprechend verändern wir die  
Wirtschaftsweise, denn auf einem endlichen Planeten kann es kein  
unendliches Wachstum geben. Wir setzen Prioritäten. Von jetzt an  
wird belohnt und gefördert, was Mensch und Tier, Klima und Natur  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN14Kapitel 1  
Bereit, weil Ihr es seid.  
schützt. Und was zerstörerisch wirkt, muss dafür auch die Kosten tra-  
gen und so schnell wie möglich überwunden werden. Indem wir den  
Schutz der Meere und Gewässer, des Klimas und der Böden, der Tiere  
und der Pflanzen zum Bestandteil unseres Wirtschafts- und Rechts-  
systems machen, kann es gelingen, die Stabilität der Ökosysteme und  
unserer Lebensgrundlagen zu gewährleisten. Und damit auch unsere  
Grundlagen für ein gutes und friedliches Zusammenleben.  
Wir schaffen klimagerechten Wohlstand  
Mehr Lebensqualität durch Klimaneutralität  
Der Weg in die Klimaneutralität bietet riesige Chancen auf mehr Lebens-  
qualität: Städte mit weniger Staus und Abgasen, mit Platz, um sicher  
Rad zu fahren und zu Fuß zu gehen, zu spielen und zu leben. Dörfer,  
die endlich angebunden sind an den öffentlichen Nahverkehr. Wälder,  
in denen auch unsere Kinder noch die Schönheit der Natur entdecken  
können. Gesundes Essen, hergestellt unter Wahrung von Tierrechten  
und Umweltschutz. Klimaschutz ist so viel mehr als reine Technik, er  
ist die Voraussetzung für ein gesundes Leben auf einer gesunden Erde.  
Die Energierevolution: erneuerbar heizen, wohnen, wirtschaften  
Klimaneutralität heißt: raus aus den fossilen Energien. Nicht nur der  
Strom, auch das Benzin in unseren Autos, das Kerosin im Flugzeug-  
tank, das Schweröl im Schiff, das Öl für die Heizung und das Gas im  
Industriebetrieb müssen auf erneuerbare Energien umgestellt wer-  
den. Das ist nichts weniger als eine Energierevolution. Dazu braucht  
es zuallererst eine massive Ausbauoffensive für die Erneuerbaren, die  
so schnell wie möglich umgesetzt wird. Daran hängen die Zukunft  
unseres Industriestandortes und unsere Versorgungssicherheit. Der  
Ausbaupfad wird durch die Kraft und Kapazität von Industrie und  
Handwerker\*innen beschränkt, darf aber nicht von den politischen  
Rahmenbedingungen begrenzt werden. Daher beseitigen wir in einem  
kontinuierlichen Prozess bestehende Ausbauhemmnisse – naturver-  
träglich und zugunsten der Bürger\*innen. Unser Ziel ist ab sofort ein  
jährlicher Zubau von mindestens 5 bis 6 Gigawatt (GW) Wind an Land,  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN15Kapitel 1  
Bundestagswahlprogramm 2021  
ab Mitte der 20er Jahre von 7 bis 8 GW, bei Wind auf See wollen wir  
35 GW bis 2035. Im Bereich Solarenergie werden wir den Ausbau von  
beginnend 10 bis 12 GW auf 18 bis 20 GW pro Jahr steigern ab Mitte  
der 20er. Mit einer umfassenden Steuer- und Abgabenreform wollen  
wir dafür sorgen, dass die Sektorenkoppelung vorankommt und Strom  
zu verlässlichen und wettbewerbsfähigen Preisen vorhanden ist. Das  
Energiemarktdesign ändern wir, sodass erneuerbarer Strom nicht  
länger ausgebremst wird. Wir stellen Sonne und Wind ins Zentrum  
und ermöglichen es Industrie, Gewerbe und Handel, über flexibleren  
Verbrauch besonders viel zur Integration der Erneuerbaren beizutra-  
gen. Erzeugungsspitzen machen wir nach dem Prinzip „nutzen statt  
abschalten“ für Speicher und die Produktion von Wärme oder grünem  
Wasserstoff nutzbar. Doppelte Belastungen und andere Bremsklötze  
schaffen wir ab. Kritische Infrastrukturen sichern wir mit notstrom-  
fähigen Solaranlagen. Verteilnetze und Verbraucher\*innen statten  
wir mit intelligenter Technik aus, damit sie flexibel reagieren können,  
wenn gerade viel erneuerbarer Strom produziert wird.  
Energieeffizienz – weniger ist mehr  
Auch in einer Welt der Erneuerbaren ist Energie ein wertvolles Gut,  
mit dem wir sparsam und effizient umgehen müssen. Das gilt umso  
mehr, solange wir noch Kohle, Öl und fossiles Gas verbrennen. Unser  
Ziel sind Gebäude, die gut gedämmt sind, verbrauchsarme Autos, auch  
wenn sie elektrisch betrieben werden, effiziente Gewerbe- und Indus-  
trieprozesse sowie Weitergabe und Nutzung von Abwärme. Dafür  
machen wir klare ordnungsrechtliche Vorgaben. Strompreisvergünsti-  
gungen für Unternehmen, die im internationalen Wettbewerb stehen,  
sollen an die Umsetzung von Energieeffizienzmaßnahmen geknüpft  
werden. Denn je weniger Energie benötigt wird, desto schneller schaf-  
fen wir 100 Prozent Erneuerbare, erreichen die Klimaziele und sparen  
Kosten für Energieinfrastruktur. Klimaschutz lohnt sich.  
Ein Ordnungsrahmen für eine sozial-ökologische  
Marktwirtschaft  
Wir müssen unsere Wirtschaft auf Klimaneutralität und die plane-  
taren Grenzen ausrichten und eine Kreislaufwirtschaft etablieren.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN16Kapitel 1  
Bereit, weil Ihr es seid.  
Den wirtschaftlichen Aufbruch nach der Corona-Krise und die öko-  
logische Modernisierung wollen wir zusammenbringen. Dazu braucht  
es eine sozial- ökologische Neubegründung unserer Marktwirtschaft.  
Wir wollen mit ehrgeizigen Vorgaben in Form von Grenzwerten, CO2-  
Reduktionszielen und Produktstandards der deutschen und europäi-  
schen Wirtschaft Planungssicherheit geben und Impulse für neue  
Investitionen setzen. Faire Preise sorgen dafür, dass sich klimagerech-  
tes Handeln lohnt. Forschung und Innovationen für klimagerechtes  
Wirtschaften wollen wir stärker fördern. Die öffentliche Beschaffung  
richten wir konsequent auf die ressourcenschonendsten und sozial  
verträglichsten Produkte und Dienstleistungen aus. So machen wir  
unsere Wirtschaft zur Spitzenreiterin bei den modernsten Technolo-  
gien und schützen unsere natürlichen Lebensgrundlagen.  
Grüne Digitalisierung  
Ob vernetzte Fahrzeuge, effiziente Industrie, punktgenaue Verteilung  
regenerativer Energie oder intelligente Bewässerung auf Feldern: Mit  
digitalen und datengetriebenen Innovationen können wir den Energie-  
und Ressourcenverbrauch besser reduzieren und bei Zukunftstechno-  
logien führend werden. Hierzu fördern und priorisieren wir digitale  
Anwendungen und Lösungen, die einen Beitrag zur Ressourcenscho-  
nung leisten oder nachhaltiger sind als analoge. Rebound-Effekte  
gilt es generell zu vermeiden, Suffizienz zu unterstützen. Wir fördern  
Alternativen zu kritischen Rohstoffen wie seltene Erden und deren  
menschenrechtskonforme Gewinnung. Ausschreibungs- und Beschaf-  
fungskriterien sind so anzupassen, dass möglichst sozial-ökologisch  
nachhaltige Technologien vorrangig zum Einsatz kommen. Bei IT-  
Beschaffungen des Bundes müssen Faktoren wie Herstellerabhängig-  
keit, Folgebeschaffung, technische Offenheit, Sicherheit, Datenschutz,  
Reparaturfähigkeit, Nachhaltigkeit und soziale Kriterien zwingend in  
die Bewertungen einfließen und Zertifizierungen wie der Blaue Engel  
für IT-Produkte zum Standard werden. Wir wollen alle Rechen- und  
Datencenter des Bundes nachhaltig umstellen, mit erneuerbarer Ener-  
gie betreiben und zertifizierte umweltfreundliche Hardware einset-  
zen. Zugleich gilt es, Anreize zu schaffen, um den Stromverbrauch von  
Rechenzentren zu reduzieren, einschließlich Umstellung auf Wasser-  
kühlungssysteme, und CO2-neutrale Rechenzentren zu fördern.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN17Kapitel 1  
Bundestagswahlprogramm 2021  
Neue Arbeitsplätze mit guten Bedingungen  
Eine ambitionierte Klimaschutzpolitik und der klimaneutrale Umbau  
der Wirtschaft sind die beste Chance, bestehende Arbeitsplätze in  
Deutschland und anderen Ländern zu erhalten und neue zu schaf-  
fen. Die sozial-ökologische Modernisierung stärkt die Wettbewerbs-  
fähigkeit der hiesigen Unternehmen und kann zu einer Renaissance  
von Industriearbeitsplätzen führen. Auf dem Weg zur Klimaneutrali-  
tät werden in den kommenden Jahren hunderttausende neue Jobs  
entstehen – Green Jobs. Sie entstehen im Handwerk und in der Bau-  
wirtschaft, in neuen Industriebereichen und der Kreislaufwirtschaft,  
in der Batteriezellenproduktion und der Wasserstoffindustrie sowie  
in neuen Dienstleistungsfeldern. Wir wollen, dass die neuen Jobs  
nach Möglichkeit einem Tarifvertrag oder mindestens gleichwertigen  
Bedingungen unterliegen. Darauf werden wir auch bei der Förderung  
von neuen Wirtschaftsfeldern achten.  
Sicher im Wandel mit einem Qualifizierungs-Kurzarbeitergeld  
Wir sehen es als unsere Verpflichtung, Unternehmen und ihre Beschäf-  
tigten auf dem Weg hin zu einem klimaneutralen Wirtschaftssystem  
zu unterstützen. Gerade auch dort, wo sich Jobprofile grundlegend  
verändern oder Arbeitsplätze verloren gehen. Es braucht in der ökolo-  
gischen Transformation ein noch viel besseres Angebot an Weiterbil-  
dung und Qualifizierung. Dazu wollen wir ein Recht auf Weiterbildung  
einführen und mit einem Weiterbildungsgeld auch für Erwerbstätige  
in Qualifizierungsphasen eine soziale Absicherung schaffen. Mit einem  
neuen Qualifizierungs-Kurzarbeitergeld ermöglichen wir Unterneh-  
men, in Phasen der Transformation ihre Beschäftigten im Betrieb  
zu halten und nachhaltig zu qualifizieren. Die Qualifizierungs-Kurz-  
arbeit koppeln wir eng an die Sozialpartnerschaft. Zudem wollen wir  
die betriebliche Mitbestimmung bei Entscheidungen über die öko-  
logische Transformation stärken. Unternehmen, Gewerkschaften und  
Betriebsräte wissen gemeinsam am besten, wie die Transformation zu  
gestalten ist.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN18Kapitel 1  
Bereit, weil Ihr es seid.  
Transformationsfonds für die Regionen  
Die ökologische Modernisierung ist gerade für viele industriell  
geprägte Regionen eine große Herausforderung. Um Regionen und  
insbesondere die dort ansässigen kleinen und mittleren Unterneh-  
men zu unterstützen, wollen wir regionale Transformationsfonds auf-  
legen. Die Förderung richtet sich an Unternehmen, die aus eigener  
Kraft den ökologischen Strukturwandel nicht bewältigen können, mit  
ihrem Standort aber fest in der Region verankert sind und dort blei-  
ben wollen. Regionale Akteur\*innen aus Wissenschaft, Politik, Wirt-  
schaft und Gewerkschaften sollen eingebunden werden und gemein-  
same Visionen erarbeiten, wo die Region sozial und wirtschaftlich in  
Zukunft stehen sollte. Gleichzeitig wollen wir neue Formate wie Real-  
labore und Experimentierräume fördern, in denen Zivilgesellschaft,  
Wissenschaft, Wirtschaft und Kommunen gemeinsam an Lösungen für  
Herausforderungen vor Ort arbeiten und forschen.  
Klimaschutz-Sofortprogramm auflegen  
Zentrale Grundlagen unserer Politik sind das Klimaabkommen von  
Paris sowie der Bericht des Weltklimarates zum 1,5-Grad-Limit, der  
verdeutlicht, dass jedes Zehntelgrad zählt, um das Überschreiten von  
relevanten Kipppunkten im Klimasystem zu verhindern. Es ist daher  
notwendig, auf den 1,5-Grad-Pfad zu kommen. Dafür ist unmittelba-  
res und substanzielles Handeln in den nächsten Jahren entscheidend.  
Doch aktuell lahmt der Ausbau der erneuerbaren Energien, der Koh-  
leausstieg kommt zu spät, im Verkehrs- und Gebäudesektor geht es  
kaum voran. Gemäß der Klimaentscheidung des Bundesverfassungs-  
gerichts, die auch auf den Sachverständigenrat für Umweltfragen ver-  
weist, müssen wir unsere Klimapolitik am Budgetansatz orientieren.  
Der Weltklimarat beziffert das globale CO2-Budget ab dem Jahr 2018  
für das 1,5-Grad-Ziel mit einer 67-prozentigen Wahrscheinlichkeit  
der Zielerreichung auf 420 Gigatonnen CO2. Der Sachverständigenrat  
hat daraus ein verbleibendes nationales Kohlenstoffbudget von 6,6  
Gigatonnen CO2 ab 2020 abgeleitet. Bei fortdauernden Emissionen  
auf heutigem Niveau wäre das deutsche CO2-Budget in weniger als  
neun Jahren verbraucht, bei einer linearen Reduktion rund um 2035.  
Ein längerer Zeitverlauf zur Treibhausgasneutralität erfordert über-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN19Kapitel 1  
Bundestagswahlprogramm 2021  
proportionale Reduktionserfolge in den nächsten Jahren. Deswegen  
werden wir ein Klimaschutz-Sofortprogramm auf den Weg bringen,  
das in allen Sektoren sofort wirksame Maßnahmen anstößt, beste-  
hende Ausbauhindernisse beseitigt, naheliegende Einsparmöglichkei-  
ten umsetzt und auch die Klima-und Entwicklungspartnerschaften  
im Sinne des globalen Budgetansatzes stärkt. Wir werden das noch  
immer ungenügende Klimaschutzgesetz generationen- und budget-  
gerecht nachschärfen, jahres- und sektorenscharf ausbuchstabieren,  
die Rolle des Expertenrates für Klimafragen stärken und das deutsche  
Klimaziel 2030 auf mindestens minus 70 Prozent anheben. Unser Ziel  
ist es, 100 Prozent erneuerbare Energien bis 2035 zu erreichen. So  
kann Deutschland in 20 Jahren klimaneutral werden.  
Klimagerechtes Wirtschaften belohnen  
Effektiver und sozial gerechter Klimaschutz muss sich auch ökono-  
misch lohnen. Derzeit sind die Kosten der Schäden, die durch den  
Ausstoß einer Tonne CO2 entstehen, nur sehr gering eingepreist. Nach  
aktuellen Berechnungen des Umweltbundesamtes verursacht die  
Emission einer Tonne CO2 Schäden von rund 195 Euro. Unser Ziel ist  
eine Wirtschaft, in der die nachhaltigsten Produkte auch die güns-  
tigsten sind. Das wollen wir durch einen klugen Mix aus CO2-Prei-  
sen, Anreizen und Förderung sowie Ordnungsrecht und Abbau von  
umweltschädlichen Subventionen ändern. Wollte man die Klimaziele  
allein über die Bepreisung von CO2 erreichen, würde das unweiger-  
lich zu erheblichen sozialen Unwuchten führen. Einige könnten sich  
rauskaufen, andere nicht mehr teilhaben. Wir sehen in der CO2-Beprei-  
sung also ein Instrument von vielen – und werden es wirksam und  
sozial gerecht einsetzen. Das EU-Emissionshandelssystem (ETS) ist  
im Lichte des neuen EU-Klimaziels für 2030 zu reformieren, um seine  
Lenkungswirkung endlich voll und ganz zu erfüllen. Mit einer deut-  
lichen Reduktion von Emissionszertifikaten und der Löschung über-  
schüssiger Zertifikate vom Markt erreichen wir einen CO2-Preis im  
Bereich Strom, Industrie und europäischem Luftverkehr, der dafür  
sorgt, dass erneuerbare Energien statt Kohle und Kerosin zum Einsatz  
kommen, die Industrie Planungssicherheit bekommt und einen Anreiz  
hat, in Dekarbonisierung und Technologieführerschaft zu investieren.  
Für die Bereiche Verkehr und Wärme wurde in Deutschland auf Druck  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN20Kapitel 1  
Bereit, weil Ihr es seid.  
der Klimabewegung und von uns Grünen zudem ein CO2-Preis einge-  
führt, dessen Lenkungswirkung aber weiter sozial gerecht verbessert  
werden muss. Wir wollen die Erhöhung des CO2-Preises auf 60 Euro  
auf das Jahr 2023 vorziehen. Danach soll der CO2-Preis so ansteigen,  
dass er im Konzert mit den Fördermaßnahmen und ordnungsrecht-  
lichen Vorgaben die Erreichung des neuen Klimaziels 2030 absichert.  
Die Einnahmen aus dem nationalen CO2- Preis geben wir als Energie-  
geld pro Kopf an die Menschen zurück.  
Energiegeld einführen  
Damit Klimaschutz sozial gerecht ist, wollen wir die Einnahmen aus  
dem nationalen CO2-Preis direkt an die Bürger\*innen zurückgeben.  
Dazu streben wir neben der Senkung der EEG-Umlage ein Energie-  
geld an, das jede\*r Bürger\*in erhält. Über das Energiegeld geben wir  
alle zusätzlichen Einnahmen transparent an die Menschen zurück und  
entlasten sie direkt, indem sie eine Rückerstattung pro Kopf bekom-  
men. So wird klimafreundliches Verhalten belohnt und es findet ein  
sozialer Ausgleich im System statt. Unterm Strich werden so Gering-  
verdiener\*innen und Familien entlastet und vor allem Menschen mit  
hohen Einkommen belastet. Bezieher\*innen von Transferleistungen  
wie Arbeitslosengeld II oder Sozialhilfe profitieren ebenfalls, da das  
Energiegeld nicht auf die Grundsicherung angerechnet werden soll.  
Um zum Beispiel Pendler\*innen mit niedrigen Einkommen bei der  
Anpassung zu unterstützen, legen wir einen Klimabonus-Fonds auf,  
der mit großzügigen Hilfen unterstützt, etwa beim Umstieg auf Bus  
und Bahn oder ein emissionsfreies Fahrzeug.  
CO2-Bremse für alle Gesetze  
Wir wollen Klimaschutz systematisch in unsere Rechtsordnung auf-  
nehmen. Die Vorgaben des Pariser Klimavertrages sowie den Atom-  
ausstieg wollen wir im Grundgesetz verankern und Ökologie als wei-  
teres Grundprinzip staatlichen Handelns stärken. Dem Staat geben  
wir mehr Möglichkeiten, durch eine intelligente Steuergesetzgebung  
ressourcenschonendes Verhalten zu belohnen und die Erzeugung von  
CO2 mit einem Preis zu versehen. Für Genehmigungsprozesse füh-  
ren wir eine Klimaverträglichkeitsprüfung ein. Mit einer CO2-Bremse  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN21Kapitel 1  
Bundestagswahlprogramm 2021  
machen wir Klimaschutz zur Querschnittsaufgabe, indem wir Gesetze  
auf ihre Klimawirkung hin prüfen, die Vereinbarkeit mit den nationa-  
len Klimaschutzzielen und dem CO2- Budget sicherstellen und den  
möglichen Einsatz von klimafreundlichen Alternativen gewährleisten.  
Wir schaffen Versorgungssicherheit  
mit Erneuerbaren  
Schneller raus aus der Kohle  
Nach dem Willen der Großen Koalition werden in Deutschland Kohle-  
kraftwerke noch bis 2038 dem Klima und unserer Gesundheit scha-  
den. Das ist mit den Klimazielen von Paris und dem 1,5- Grad-Pfad  
nicht vereinbar. Wir setzen uns dafür ein, den Kohleausstieg bis 2030  
zu vollenden. In diesem Sinne werden wir alle Möglichkeiten – auch  
auf EU-Ebene – nutzen. Um nicht erneut den Kohlekonzernen Mil-  
liarden an Steuergeldern zu schenken, werden wir die massiven Kli-  
maschäden der Kohleverstromung einpreisen. Das gelingt am bes-  
ten über den EU- Emissionshandel – mit einem lenkenden CO2-Preis.  
Sollte dieser auf europäischer Ebene nicht schnell genug erreicht  
sein, setzen wir auf einen nationalen CO2-Mindestpreis im ETS für  
Industrie und Strom von 60 Euro pro Tonne CO2. Ein beschleunigter  
Kohleausstieg bedarf im Sinne der Versorgungssicherheit eines mas-  
siven Ausbaus der erneuerbaren Energien und einer Ausrichtung des  
Energiemarktdesigns auf Sonne und Wind. Zugleich wollen wir für den  
Gesundheitsschutz die Grenzwerte für den Ausstoß von Schadstoffen,  
insbesondere Quecksilber, aus Großfeuerungsanlagen anschärfen.  
Niemand soll mehr für einen Tagebau sein Zuhause verlassen müssen.  
Den durch den Braunkohletagebau Garzweiler von Enteignung und  
Vertreibung bedrohten Menschen muss das Land Nordrhein-Westfa-  
len endlich Planungs- und Rechtssicherheit für Erhalt und Zukunft  
ihrer Dörfer geben. Dies wollen wir im Bund mit den richtigen Rah-  
menbedingungen unterstützen. Das Bergrecht werden wir grundle-  
gend überarbeiten und Betroffenenrechte, Umwelt- und Naturschutz  
stärken. Naturholz ist als Rohstoff vielfältig einsetzbar und zu wert-  
voll, um es in Großkraftwerken zu verbrennen.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN22Kapitel 1  
Bereit, weil Ihr es seid.  
Solardächer zum Standard machen  
Wir wollen eine Energiewende, bei der alle mitmachen können – Mie-  
ter\*innen wie Hausbesitzer\*innen. Unsere Dächer, Fassaden und Bal-  
kons können zu Kraftwerken werden – jede Fläche mit Solaranlage  
hilft dem Klimaschutz. Die eigene Strom- und Wärmeenergie wird  
dezentral und vor Ort erzeugt und genutzt. Unser Ziel sind 1,5 Millio-  
nen neue Solardächer in den kommenden vier Jahren. Deshalb wer-  
den wir Solardächer fördern und zum Standard machen. Beginnend  
mit Neubauten, öffentlichen und Gewerbegebäuden sowie Dachsa-  
nierungen wollen wir diesen neuen Standard perspektivisch auf den  
Bestand ausweiten. Leasing-, Pacht- und Contractingmodelle können  
hier unterstützend wirken. Für besonders erhaltenswerte Bausubs-  
tanz werden wir Lösungsansätze erarbeiten. Die Mieterstrom-Regeln  
werden wir deutlich vereinfachen und Mieterstromprojekte fördern.  
Bürokratische Hürden für die Nutzung des Stroms vom eigenen Dach  
wollen wir abbauen, Eigenverbrauch und Direktvermarktung stärken.  
Photovoltaik auf dem Land  
Die Photovoltaik wollen wir nicht nur auf die Dächer, sondern auch  
in die Fläche bringen, indem wir die politischen und rechtlichen Rah-  
menbedingungen verbessern und den Bau erleichtern. Der Ausbau  
soll vorzugsweise auf versiegelten Flächen, etwa über Parkplätzen,  
neben Autobahnen und Schienen und auf Konversions- oder Berg-  
baufolgeflächen, erfolgen und nicht auf wertvollem Ackerland. Neue  
Flächenkonkurrenzen wollen wir vermeiden und stellen den Mehr-  
fachnutzen für Energieerzeugung, Biodiversität und Landwirtschaft  
in den Vordergrund. Agri-Photovoltaikanlagen, d. h. Stromproduktion  
und landwirtschaftliche bzw. gartenbauliche Nutzung auf einer Flä-  
che, können einen wichtigen Beitrag für Klimaschutz und Ökologie  
leisten. Wenn man es richtig anstellt, können Freiflächenanlagen zu  
Lebensräumen werden. Landwirtschaftsbetriebe sollen für ökologi-  
sche Leistungen Geld erhalten und so zusätzliche Erträge erzielen.  
Wichtig ist zudem die Möglichkeit, direkte langfristige Stromlieferver-  
träge abschließen zu können. Bei der Planung gilt es die Bürger\*innen  
frühzeitig einzubeziehen und zu beteiligen, von den Erlösen müssen  
die Kommunen profitieren.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN23Kapitel 1  
Bundestagswahlprogramm 2021  
Mit Windenergieausbau den Wirtschaftsstandort  
Deutschland sichern  
Auch bei der Windkraft müssen wir schneller vorankommen, zum Bei-  
spiel indem wir den Ausbau außerhalb der Ausschreibungen stärken.  
Beim Windausbau gilt es den Konflikt mit Natur- und Artenschutz  
zu minimieren, Anwohner\*innen zu schützen und die Verfahren zur  
Genehmigung, auch durch den Abbau bürokratischer Hürden und  
klare Rahmenbedingungen, zu beschleunigen. In einem ersten Schritt  
wollen wir die erneuerbaren Energien als zwingend für die Versor-  
gungssicherheit definieren und dafür 2 Prozent der Fläche bundes-  
weit nutzen. Alle Bundesländer haben hierfür ihre entsprechenden  
Beiträge zu leisten. Verhinderungsplanungen lehnen wir ab. Exzessive,  
pauschale Mindestabstände zu Siedlungen leisten keinen Beitrag zur  
Akzeptanzsteigerung. Wir sorgen mit frühzeitiger Bürger\*innenbetei-  
ligung vor Ort, klaren Vorrang- bzw. Eignungsgebieten für Wind sowie  
mit Ausschlussgebieten und gezielten Artenschutzprogrammen für  
eine anwohner\*innenfreundliche und naturverträgliche Standort-  
wahl und stärken zugleich den Schutz von Vögeln und Fledermäusen.  
Wir werden die Planungen und Genehmigungen durch vereinfachte  
Verfahren, mehr Personal und einheitliche Bewertungsmaßstäbe  
beschleunigen. Repowering wollen wir erleichtern, sodass alte Wind-  
energieanlagen am gleichen Standort zügig durch leistungsstärkere  
ersetzt werden können. Über 20 Jahre alten Anlagen werden wir einen  
Weiterbetrieb ermöglichen. Den Bau von Windenergieanlagen auch in  
direkter Nähe zu Industrie und Gewerbe wollen wir unterstützen, um  
Strom dort zu produzieren, wo er gebraucht wird und wo der Lärm-  
schutz von Anwohner\*innen leichter zu gewährleisten ist. Wir bauen  
unsere Offshore-Parks weiter aus und verbinden sie in der Europäi-  
schen Energieunion mit den Solarparks der Mittelmeerstaaten, mit  
der Wasserkraft Skandinaviens und der Alpen. Je vernetzter, desto  
stärker. Ein Kontinent ist für die Energiewende eine gute Größe.  
Die Bürger\*innen an der Energiewende beteiligen  
Wir wollen, dass von der Energiewende möglichst viele profitieren.  
Deshalb werden wir Bürger\*innen-Projekte bei Wind- und Solarparks  
besonders fördern und alle europarechtlich garantierten Möglich-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN24Kapitel 1  
Bereit, weil Ihr es seid.  
keiten für Bürger\*innen-Energiegemeinschaften vollumfänglich aus-  
schöpfen. Die Kommunen beteiligen wir verbindlich an den Einnah-  
men aus den Erneuerbaren- Anlagen, sodass gerade der ländliche  
Raum von den Gewinnen profitiert. Zudem wollen wir Mieterstrom  
fördern, entbürokratisieren und so weiterentwickeln, dass Mieter\*in-  
nen stärker vom Ausbau der Erneuerbaren profitieren.  
Unsere Energieinfrastruktur klimaneutral machen  
Klimaneutralität in weniger als 30 Jahren heißt, dass die eine fos-  
sile Infrastruktur nicht einfach durch eine andere fossile Infrastruktur  
ersetzt werden darf. Wir leiten daher den Einstieg in den Ausstieg aus  
den Fossilen ein: Die Planung unserer Infrastruktur für Strom, Wärme  
und Wasserstoff braucht ein Update und muss Klimaneutralität in den  
Mittelpunkt stellen. Neue Gaskraftwerke oder Infrastrukturen, die wir  
für den Kohleausstieg brauchen, darf es deshalb überhaupt nur geben,  
wenn sie aktuell zwingend notwendig sind und bereits Wasserstoff-  
ready geplant und gebaut werden. Wir werden die rechtlichen Grund-  
lagen dafür schaffen, dass neue Betriebsgenehmigungen zeitlich  
befristet erteilt werden und den Wechsel von Erdgas zu erneuerbaren  
Energieträgern enthalten. Denn auch Erdgas ist ein klimaschädlicher  
Brennstoff, sein Gebrauch muss immer weiter abnehmen. Die extrem  
klimaschädlichen Emissionen, die bei Erdgasförderung und -transport  
entstehen, wollen wir schnellstmöglich reduzieren. Neue Hafenter-  
minals zur Anlandung von Flüssigerdgas sollen nicht mehr geneh-  
migt werden. Neue Erdgas-Pipelines wie Nord Stream 2, die nicht  
auf grünen Wasserstoff ausgerichtet sind, zementieren auf Jahrzehnte  
Abhängigkeiten von klimaschädlichen Ressourcen, konterkarieren die  
Energiewende und sollten gestoppt werden.  
Eine grüne Wasserstoffstrategie  
Wasserstoff aus erneuerbaren Energien, sogenannter grüner Wasser-  
stoff, ist zentral für die Versorgungssicherheit in einer klimaneutralen  
Welt. Denn Wasserstoff ist gut speicherbar und, wenn er mit Strom  
aus erneuerbaren Energien hergestellt wird, auch klimafreundlich.  
Deutschland ist bei den Technologien zur Erzeugung von Wasserstoff  
weit vorne. Diese Führungsrolle wollen wir weiter ausbauen und die  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN25Kapitel 1  
Bundestagswahlprogramm 2021  
entsprechende Infrastruktur dafür schaffen. Mit Marktanreizen und  
einem umfassenden Förderprogramm werden wir die Kapazitäten zur  
Wasserstoffherstellung in Deutschland schaffen. Auch wenn grüner  
Wasserstoff prioritär bei uns produziert werden sollte, werden wir zur  
Bedarfsdeckung Wasserstoff importieren müssen. Die Infrastruktur für  
Wasserstoffimporte müssen wir jetzt etablieren. Für die Importe wer-  
den wir faire Kooperationen mit wind- und sonnenreichen Ländern  
anstoßen und ausbauen und die Exportländer bei der Energiewende  
unterstützen. Für den Erfolg dieser Kooperationen ist es unabding-  
bar, die lokale Bevölkerung einzubeziehen, Menschenrechte zu schüt-  
zen, sich an den nachhaltigen Entwicklungszielen zu orientieren und  
dafür auch verbindliche Standards einzuführen. Damit Wasserstoff zur  
Klimaneutralität beiträgt, muss er aus erneuerbaren Energien herge-  
stellt werden. Das gilt auch für Wasserstoffimporte. Unser Ziel ist, dass  
erneuerbare Energien effizient und wirtschaftlich genutzt und Elek-  
trolyseure systemdienlich eingesetzt werden. Wasserstoff oder syn-  
thetische Kraftstoffe dürfen nicht Teil einer Verzögerungstaktik sein,  
sondern sollen aktiv zu Klimaneutralität beitragen. Die direkte Nut-  
zung von Strom über Batterien oder Wärmepumpen ist in der Regel  
viel effizienter. Es gilt daher, Wasserstoff und synthetische Kraftstoffe  
gerade dort zum Einsatz zu bringen, wo sie wirklich gebraucht wer-  
den: etwa in der Industrie, in der Schifffahrt oder beim Flugverkehr.  
Einen Markt für Ökostrom schaffen  
Die Einführung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) vor über  
20 Jahren war der Startschuss für die Energiewende in Deutschland,  
inzwischen sind Sonne und Wind zu den günstigsten Energiequel-  
len geworden. Doch jetzt, bei einem Erneuerbaren-Anteil von fast  
50 Prozent im Strombereich, brauchen wir ein Marktdesign, das die  
Rahmenbedingungen für ein klimaneutrales Energiesystem richtig  
setzt: Es sichert den schnellen und günstigen Ausbau der Erneuer-  
baren, den wirtschaftlichen Betrieb von Speichern, flexiblen Erzeu-  
gern und Verbrauchern sowie einen ausreichenden Netzausbau. Dafür  
treiben wir eine grundlegende Reform des Energierechts voran. Die  
Sektorenkopplung unterstützen wir, indem die systemdienliche Nut-  
zung von erneuerbarem Strom gestärkt wird und regionale Unter-  
schiede berücksichtigt werden. Erste Wind- und große Solaranlagen  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN26Kapitel 1  
Bereit, weil Ihr es seid.  
benötigen bereits heute keine EEG- Zahlungen mehr, und der Trend  
zu langfristigen Lieferverträgen zwischen Ökostromerzeugern und  
Verbraucher\*innen unterstützt diese Entwicklung. Ebenso sollen  
Endkund\*innen den Strom künftig besser direkt von Ökostromerzeu-  
gern kaufen können. Das EEG entwickeln wir so von einem Förder- zu  
einem Absicherungsinstrument des Erneuerbaren-Ausbaus weiter. Die  
EEG- Umlage wird damit langfristig automatisch auslaufen.  
Netzausbau beschleunigen  
Um die Energiewende zum Erfolg führen zu können, müssen wir auch  
die Netze schneller ausbauen. Sie sorgen dafür, dass die Energie von  
dort, wo sie erzeugt wird, so schnell wie möglich dorthin gelangt, wo  
sie benötigt wird. Ein kluger Mix aus lokaler Erzeugung, Speichern und  
flexiblen Verbrauchern senkt die Kosten und erhöht die Versorgungs-  
sicherheit. Voraussetzung für einen weiteren Netzausbau ist, dass er  
systemdienlich erfolgt und alle Möglichkeiten ausgeschöpft werden,  
die bestehenden Netze optimal auszunutzen und durch intelligente  
Systeme und Speicher zu ergänzen. Wesentlich ist eine frühzeitige  
Bürger\*innenbeteiligung. Sie erhöht die Qualität der Planung und  
trägt nachweislich dazu bei, dass potenzielle Klagegründe bereits  
zu Beginn gemeinsam ausgeräumt statt am Ende vor Gericht geklärt  
werden. Klar ist auch: Die Erneuerbaren genießen Vorrang im Netz.  
Da Stromübertragungsnetze natürliche Monopole und kritische Infra-  
struktur darstellen, wollen wir den öffentlichen Einfluss darauf stär-  
ken. Dazu wollen wir nach Möglichkeit die staatlichen Anteile an den  
vier Übertragungsnetzbetreibern in Deutschland erhöhen und sie in  
eine Bundesnetzgesellschaft in Bundeshand überführen. Wir treiben  
außerdem eine Reform der Netzentgelte voran, die die Transparenz  
stärkt, die Kosten der Energiewende fair verteilt und eine Benachteili-  
gung ländlicher Regionen – insbesondere im Norden und Osten – bei  
der Finanzierung notwendiger Netzausbaukosten beseitigt.  
Klima-Sanierungsoffensive bei Gebäuden  
Es ist höchste Zeit, dass alle Neubauten und Bauwerke inklusive der  
Baustoffe im gesamten Lebenszyklus klimaneutral geplant werden  
und entsprechend umfassende energetische Sanierungen erfolgen.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN27Kapitel 1  
Bundestagswahlprogramm 2021  
Dreh- und Angelpunkt ist die Festlegung hoher Bau- und Sanierungs-  
standards: bei Neubauten KfW 40, was in etwa dem Passivhausstan-  
dard entspricht, im Gebäudebestand nach Sanierung KfW 55 – mit  
Ausnahmen für denkmalgeschützte Gebäude. Die KfW-Förderpro-  
gramme werden wir weiterentwickeln, auch in Bezug auf die Ver-  
wendung nachhaltiger Baustoffe. Für die Aussöhnung von Baukultur  
und energetischer Sanierung wollen wir klare Regelungen schaffen,  
die beiden Zielen angemessen sind. Die Sanierungsquote muss sehr  
schnell verdoppelt und weiter gesteigert werden. Der Einsatz von  
serieller Sanierung kann hier ein Weg sein. Die öffentliche Hand muss  
mit ihren Gebäuden als Vorbild vorangehen. Für den Bestand muss  
gelten: Bei jedem Eigentümerwechsel muss ein Sanierungsfahrplan  
vorgelegt werden. Bei der Umsetzung des Sanierungsfahrplans kön-  
nen Förderprogramme unterstützend wirken. Wenn im Gebäudebe-  
stand ein Heizungsaustausch ansteht oder umfassend saniert wird,  
aber auch im Neubau, sollen, wo möglich, ausschließlich erneuerbare  
Wärmequellen zum Einsatz kommen. Wir legen dazu ein Investitions-  
programm für zwei Millionen hocheffiziente Wärmepumpen bis 2025  
auf. Auch die Fern- und Nahwärme wollen wir dekarbonisieren und  
richten die Förderung an klimaneutralen Lösungen aus. Für die Ener-  
gieeffizienz ist es maßgeblich, von der Einzelbefeuerung weg und hin  
zu verknüpften Systemen zu kommen, in denen aus verschiedenen  
Erneuerbaren-Quellen wie Abwärme, Geo- oder Solarthermie Wärme  
eingespeist und gespeichert wird. Dabei werden wir auch Industrie  
und Wirtschaft in die Wärmesysteme einbinden. Solche verbundenen  
klimaneutralen Energiesysteme werden wir fördern, besonders in  
städtischen Gebieten.  
Wärmewende fair gestalten  
Die Wärmewende muss mit wirksamem Mieter\*innenschutz und  
gezielter Förderung einhergehen. Wir wollen mit dem sogenannten  
Drittelmodell die Kosten für klimafreundliche Modernisierungen fair  
zwischen Vermieter\*innen, Staat und Mieter\*innen verteilen, sodass  
sie für alle bezahlbar und für die Vermieter\*innen angemessen wirt-  
schaftlich werden. Die Modernisierungsumlage wollen wir strikt  
begrenzen, damit Kosten nicht einfach auf die Mieter\*innen abge-  
wälzt werden können. Mit einem Zuschuss zum Wohngeld, dem Kli-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN28Kapitel 1  
Bereit, weil Ihr es seid.  
mawohngeld, ermöglichen wir auch Empfänger\*innen von Wohngeld,  
in klimafreundlichen Wohnungen zu leben. Bei der CO2-Bepreisung im  
Wärmebereich erreichen wir Lenkungswirkung, wenn diejenigen dafür  
aufkommen, die die Klima-Investitionen auch tätigen: die Hauseigen-  
tümer\*innen. Denn sie sind es, die etwas am Zustand der Gebäude und  
der Wärmeversorgung ändern können, während sie zugleich von der  
Wertsteigerung durch die Modernisierung profitieren. Für Kommunen  
sollen regionale Wärme- und Energie- sowie integrierte Quartiers-  
planungen verbindlich gelten. Dabei unterstützen wir durch das Akti-  
onsprogramm Faire Wärme mit Steuervergünstigungen, kostenloser  
Beratung und zielgerichteten Förderprogrammen den Umbau hin zu  
einer klimaneutralen Wärmeversorgung.  
Atomausstieg vollenden – Endlagersuche zum Erfolg führen  
Atomkraft ist nicht geeignet, die Klimakrise zu bekämpfen. Wir wer-  
den den Atomausstieg in Deutschland vollenden. Doch obwohl Atom-  
kraft eine Hochrisikotechnologie ist, wird bei uns immer noch Uran  
angereichert, werden Brennstäbe hergestellt und exportiert. Unser  
Ziel ist es, die Atomfabriken in Gronau und Lingen schnellstmöglich  
zu schließen. Der Betrieb des Forschungsreaktors Garching mit hoch-  
angereichertem Uran gehört beendet. Zum Erbe der Atomenergienut-  
zung gehört die Endlagersuche. Wir bekennen uns zum verabredeten  
Pfad der Standortsuche mit höchsten Sicherheitsstandards bei größt-  
möglicher Transparenz und Beteiligung der Bevölkerung. Der Rückbau  
der bestehenden Atomkraftwerke muss schleunigst und ohne Zeit-  
verzögerung auf höchstem Sicherheitsniveau erfolgen. Auch hier gilt,  
dass wir mit diesen Altlasten nicht die nachfolgenden Generationen  
belasten dürfen. Voraussetzung dafür ist eine Zwischen- und Endlage-  
rung von schwach-, mittel- und vor allem von hochradioaktivem Abfall  
bei höchsten Sicherheitsstandards. Dafür ist ein Gesamtkonzept Vor-  
aussetzung. Vor allem die Sicherheit gegen Terroranschläge muss  
gewährleistet sein, da die Zwischenlager noch lange Zeit benötigt  
werden. Wir werden dafür sorgen, dass die Lagerung und die Trans-  
porte streng überwacht werden. Auch in der EU wollen wir den Ein-  
stieg in den Ausstieg vorantreiben. Wir setzen uns für eine Reform  
von Euratom, gegen die weitere Privilegierung oder neue Förderun-  
gen der Atomkraft, und für verbindliche Sicherheitsstandards aller  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN29Kapitel 1  
Bundestagswahlprogramm 2021  
Atomanlagen in Europa ein. So können alte und unsichere Reakto-  
ren an Deutschlands Grenzen schnell vom Netz genommen werden.  
Einspruchsmöglichkeiten bei Neubau oder Laufzeitverlängerung von  
Atomanlagen in Europa wollen wir ausschöpfen und aus der gemein-  
samen Haftung der Staaten für Atomunfälle aussteigen.  
Wir sorgen für nachhaltige Mobilität  
Der Mobilitätswende eine Grundlage geben  
Der Weg zur Klimaneutralität erfordert, unsere Mobilität im 21. Jahr-  
hundert grundlegend neu zu denken. Darin liegt eine große Chance:  
Städte und Dörfer mit mehr Lebensqualität, Mobilität ohne Klima-  
zerstörung, ohne Staus und Verkehrstote, mehr Freiheit, Teilhabe und  
Wohlstand sind möglich. Mit einem Bundesmobilitätsgesetz wollen  
wir eine neue Grundlage für die Verkehrspolitik und -gesetzgebung  
schaffen. Statt eines Verkehrsmittels, des Autos, stellen wir den Men-  
schen und seine vielfältigsten Bedürfnisse in den Mittelpunkt, vor  
allem die der Verletzlichsten in unserer Gesellschaft, also der Kinder,  
Jugendlichen, Senior\*innen und Menschen mit Handicaps. Mobilitäts-  
politik wird konsequent an den Mobilitätsbedürfnissen der Menschen,  
an Sicherheit, Klimaschutz, Verkehrsvermeidung, Flächengerechtig-  
keit, Lärmschutz und Luftqualität, sozialer Teilhabe und Geschlechter-  
gerechtigkeit ausgerichtet. Statt wie seit Jahrzehnten einen Verkehrs-  
träger einseitig zu bevorzugen, sorgen wir für eine faire Balance – mit  
einer starken Bahn, einem modernen ÖPNV und besten Bedingun-  
gen für Radfahrer\*innen und Fußgänger\*innen. Die Mobilitätswende  
braucht nicht nur eine bessere gesetzliche Grundlage, sondern auch  
eine Beschleunigung in der Umsetzung. Dazu wollen wir eine umfas-  
sende Ausbildungs- und Forschungsoffensive starten.  
Investitionen für starke Bahnen  
Eine leistungsfähige, verlässliche Bahn ist das Rückgrat einer nach-  
haltigen Verkehrswende. Wir wollen den Deutschlandtakt weiterent-  
wickeln und realisieren, um den Menschen mit mehr, resilienteren und  
besser aufeinander abgestimmten Bahnangeboten in Stadt und Land  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN30Kapitel 1  
Bereit, weil Ihr es seid.  
attraktive und für alle bezahlbare Mobilitätsangebote zu machen.  
Dafür wollen wir alle deutschen Großstädte regelmäßig an den Fern-  
verkehr anbinden, die Takte im Regionalverkehr verdichten und den  
Zugverkehr wieder stärker in die Fläche bringen. Stillgelegte Bahn-  
strecken wollen wir schnellstmöglich reaktivieren. Ergänzen wollen  
wir diese Angebote durch schnelle Sprinterzüge und Nachtzüge, die  
alle großen europäischen Metropolen bezahlbar miteinander ver-  
binden. Lücken und Engpässe sowohl im innerdeutschen als auch  
im grenzüberschreitenden Schienennetz sowie in den Bahnknoten  
wollen wir schließen. Den Aus- und Neubau, die Elektrifizierung und  
Digitalisierung des Netzes treiben wir zügig voran. Die bundeseigene  
Infrastruktur wollen wir vom Druck, Gewinne erzielen zu müssen,  
und von der chronischen Unterfinanzierung befreien und dafür ent-  
sprechende Strukturen schaffen. Wir wollen 100 Milliarden Euro, ver-  
teilt auf die Jahre bis 2035, zusätzlich in Schienennetz und Bahnhöfe  
investieren und im Zusammenwirken mit den Ländern die Regionali-  
sierungsmittel zweckgebunden noch einmal erhöhen, sodass sich die  
Pro-Kopf-Investitionen an das europäische Niveau angleichen. Um die  
Investitionen langfristig und zuverlässig zu finanzieren, schaffen wir  
einen Infrastrukturfonds, der sich auch aus Einnahmen aus der Lkw-  
Maut speist. Die Trassenpreise wollen wir deutlich senken, um Anreize  
für Verkehrsverlagerungen auf die Schiene zu verstärken. Bahnhöfe  
wollen wir zu modernen, barrierefreien Mobilitätsstationen aufwer-  
ten. Die Kombination von Bahn mit dem Fahrrad- und Busverkehr wird  
dadurch deutlich verbessert, dazu sollen auch die Mitnahmemöglich-  
keiten für Fahrräder im Zug erweitert werden. Den Lärmschutz auch  
an dichtbefahrenen Bestandsstrecken verstärken wir, Barrierefreiheit  
der Bahn wollen wir in zehn Jahren erreichen. Wir sorgen dafür, dass  
Bahnfahren für alle bezahlbar ist. Gerade junge Menschen in Ausbil-  
dung oder Studium wollen wir bei klimafreundlicher und bezahlbarer  
Mobilität besonders unterstützen. Wir wollen, dass in Zukunft auch  
alle Freiwilligendienstleistende wie Soldat\*innen kostenfrei mit der  
Deutschen Bahn fahren dürfen. Den Deutsche-Bahn-Konzern wollen  
wir transparenter und effizienter machen und auf das Kerngeschäft  
ausrichten, die Eisenbahn in Deutschland und im benachbarten euro-  
päischen Ausland. Wir setzen auf starke Verlagerungen von Straßen-  
und Flugverkehr auf die Schiene. Mit uns wird die Bahnbranche ein  
noch stärker wachsender Jobmotor mit sicheren Arbeitsplätzen.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN31Kapitel 1  
Bundestagswahlprogramm 2021  
ÖPNV ausbauen  
Busse und Bahnen sind für alle da, bieten preiswerte Mobilität und  
verringern den Autoverkehr. Wir wollen die Fahrgastzahlen im ÖPNV  
bis 2030 verdoppeln. Dazu muss der öffentliche Personennahverkehr  
attraktiver, innovativer und vollständig barrierefrei werden. Wir wol-  
len den ÖPNV zudem besser verknüpfen – vom Fernverkehrsnetz bis  
hin zu Bike &amp; Ride – und regionale Kooperationen stärken. Zusam-  
men mit den Ländern werden wir eine Zukunfts- und Ausbauoffensive  
starten, durch eine Mobilitätsgarantie flächendeckende Anbindungen  
schaffen, Investitionen in Fahrzeuge und das ÖPNV-Netz erhöhen und  
Finanzierungsinstrumente wie das Gemeindeverkehrsfinanzierungs-  
gesetz und die Regionalisierungsmittel für diese Ziele ausbauen. Den  
Einsatz von emissionsfreien Bussen wollen wir durch ansteigende  
Quoten und durch attraktive Förderung für die Kommunen vorantrei-  
ben sowie, wo möglich, vorrangig den Ausbau und die Reaktivierung  
von Straßenbahnen unterstützen. Mobilität darf nicht vom Geldbeu-  
tel abhängen: Länder, Kommunen und Verbünde wollen wir dabei  
unterstützen, attraktive Preisangebote bis hin zu ticketlosem ÖPNV  
zu machen und neue Finanzierungsquellen wie eine Umlagefinanzie-  
rung zu erschließen.  
Deutschland wird Fahrradland und stärkt die Fußgänger\*innen  
Das Fahrrad hat für die Mobilitätswende riesiges Potenzial. Bereits  
jetzt boomt die Fahrradindustrie und schafft Arbeitsplätze. Um diese  
Potenziale auszuschöpfen, wollen wir Deutschland zum Fahrradland  
machen. Radfahren muss sicher und attraktiv sein – überall. Radwege  
in Städten, Pendelstrecken oder Verbindungen von Dorf zu Dorf wie  
auch touristische Radwege sollen sich durch hohe Qualität und hohe  
Sicherheitsstandards, wie eine separierte Radinfrastruktur, sowie eine  
gute Beschilderung und Kartierung auszeichnen. Unsere Vision ist ein  
lückenloses Fahrradnetz in ganz Deutschland mit Anschlüssen in den  
Grenzregionen. Die Empfehlungen des Nationalen Radverkehrsplans,  
die sich an den Bund richten, werden von uns schnellstmöglich umge-  
setzt; Kommunen, Länder und Unternehmen werden bei der Umset-  
zung ihres Teils der Aufgaben umfassend unterstützt. Die Anzahl der  
Wege mit Rad und zu Fuß soll bis 2030 verdoppelt werden. Um diese  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN32Kapitel 1  
Bereit, weil Ihr es seid.  
Ziele zu erreichen, wollen wir die Pro-Kopf-Investitionen gemein-  
sam mit Ländern und Kommunen deutlich erhöhen. Wir verstärken  
die Bundesförderung und Beratungsangebote für den Ausbau und  
die Modernisierung der Radinfrastruktur, schaffen ein schlagkräftiges  
Kompetenzzentrum Radverkehr und bezuschussen die Anschaffung  
von Job- und Lastenrädern sowie S-Pedelecs. Das Straßenverkehrs-  
recht reformieren wir, damit Radfahrer\*innen besser geschützt sind  
und einen gleichberechtigten Platz im Straßenraum bekommen. An  
Verkehrswegen des Bundes sollen gut ausgebaute Radwege nach  
niederländischem Vorbild im Bestand und bei Baumaßnahmen zur  
Regel werden. Mit einer nationalen Fußmobilitätsstrategie schaffen  
wir Barrierefreiheit, Verkehrssicherheit und mehr Aufenthaltsqualität  
für Fußgänger\*innen.  
Mobilpass einführen  
Autonomes Fahren, vernetzte Mobilitätsangebote, nutzen statt besit-  
zen – der digitale Fortschritt wird unseren Alltag in den nächsten  
Jahren grundlegend verändern. Wir wollen die deutsche Mobilitäts-  
wirtschaft zur Vorreiterin für neue Mobilitätslösungen machen und  
die Digitalisierung nachhaltig, inklusiv und ausgewogen für die Ver-  
kehrswende nutzen. Echtzeitinformationen und ein einheitliches  
Ticketsystem müssen im ÖPNV Standard werden. Damit man prob-  
lemlos überall von A nach B kommt, wollen wir mit dem Mobilpass  
die Angebote von 120 Verkehrs- und Tarifverbünden in Deutschland  
vereinfachen und verknüpfen und Sharing- und Ridepooling-Dienste  
so integrieren, dass Sozial- und Umweltdumping ausgeschlossen sind.  
Bei der Vernetzung sind das Open-Data-Prinzip und offene Schnitt-  
stellen zu beachten. Wir wollen den Wechsel zu Fahrrad, Bus und Bahn  
für alle attraktiv machen und auch finanziell fördern. Der Mobilpass  
soll ebenso Sozialtarife und ticketlose Nutzung fördern. Alle Mobili-  
tätskonzepte müssen barrierefrei sein und eine Teilnahme auch ohne  
eigene digitale Endgeräte ermöglichen. Für autonomes Fahren ver-  
bessern wir den Rechtsrahmen mit Schwerpunkt auf dem öffentlichen  
Verkehr. Fahrgastrechte wollen wir durch automatisierte Entschädi-  
gungsverfahren stärken.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN33Kapitel 1  
Bundestagswahlprogramm 2021  
Mehr Sicherheit durch die Mobilitätswende  
Alle Menschen sollen sich in ihrem Alltag angstfrei fortbewegen und  
unversehrt ihre Ziele erreichen können. Gerade Kinder, ältere Men-  
schen oder Menschen mit Behinderung brauchen eine besondere Auf-  
merksamkeit bei der Verkehrsplanung. Damit mehr Menschen auf das  
Fahrrad steigen oder öfter zu Fuß gehen, sind zeitgemäße Verkehrsre-  
geln, eine sichere Gestaltung der Verkehrsinfrastruktur und eine Neu-  
verteilung der Flächen entscheidend. Unser Ziel ist die Vision Zero,  
d. h. keine Toten und Schwerverletzten mehr im Straßenverkehr. Um  
mehr Sicherheit auf den Straßen zu erreichen, wollen wir in geschlos-  
senen Ortschaften das Regel- Ausnahme-Verhältnis umkehren. Tempo  
30 ist dann die Regel, Abweichungen wie Tempo 50 werden vor Ort  
ausgewiesen. Für die Autobahnen wollen wir ein Sicherheitstempo  
von 130 km/h. Wenn besondere Gründe es notwendig machen, wie  
beispielsweise in Städten oder Ballungsgebieten oder um sie herum,  
dann gelten maximal 120 km/h. Um die vielen Unfälle von Fahrrad-  
fahrer\*innen und Fußgänger\*innen in Innenstädten zu verhindern,  
wollen wir verbindlich technische Lösungen wie Lkw-Abbiegeassis-  
tenzsysteme, vollautomatische Assistenzsysteme oder Warnsysteme  
voranbringen. Wir setzen uns ein für eine Reduzierung von unnötigem  
und mutwilligem Lärm, wie er zum Beispiel auch von zu lauten Motor-  
rädern und Pkws ausgeht.  
Den Autoverkehr klimaneutral gestalten  
Der Automobilverkehr muss in den nächsten zehn Jahren endlich  
einen starken Beitrag zum Klimaschutz leisten. Bisher sind dort die  
Emissionen immer weiter gestiegen, es braucht jetzt die Trendwende.  
Zum Erreichen der Klimaneutralität muss der Autoverkehr abneh-  
men und gleichzeitig emissionsfrei werden. Wir werden dafür sorgen,  
dass dank besserer Züge, Busse, Rad- und Fußwege und flankierender  
Maßnahmen bis 2030 mehr als die Hälfte der Wege im Umweltver-  
bund zurückgelegt werden. Das Auto wird aber für viele weiterhin  
wichtig sein. Die Autos müssen in der Summe im Sinne der Lebens-  
qualität aller digitaler, leiser, kleiner und leichter sowie klimaneu-  
tral und besser recycelbar sein. Dabei geht es uns auch darum, mit  
Hilfe von Digitalisierung, autonomem Fahren und der Stärkung neuer  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN34Kapitel 1  
Bereit, weil Ihr es seid.  
Mobilitätsdienstleistungen Autos effizienter zu nutzen und auf diese  
Weise mehr Mobilität bei weniger Verkehr zu fördern. Ab 2030 dür-  
fen deshalb nur noch emissionsfreie Autos neu zugelassen werden;  
den Weg dorthin bereiten europäische CO2-Flottengrenzwerte und  
eine ansteigende nationale Quote, die sich am 1,5-Grad-Pfad orien-  
tieren. Bis 2030 müssen aber bereits in relevantem Maße bisherige  
Verbrennerfahrzeuge durch E-Autos ersetzt werden, deren Anteil soll  
daher bis 2030 auf mindestens 15 Millionen Fahrzeuge steigen. So  
sorgen wir für saubere Luft, erfüllen unsere Klima- und Umweltziele  
und die Automobilindustrie kann ihre Entwicklungsarbeit und ihre  
Investitionen verlässlich planen. Das sichert zukunftsfähige Arbeits-  
plätze und neue Geschäftsmodelle. Die Kaufförderung emissions-  
freier Autos wollen wir in ein Bonus-Malus-System überführen und  
für Elektro- Leichtfahrzeuge öffnen. Klimafreundliche Autos werden  
billiger, klimaschädliche teurer. Auch die Umrüstung bestehender  
Verbrenner zu emissionsfreien Autos wollen wir fördern. Zudem nut-  
zen wir Regulierung, verpflichtende Verbraucherinformationen und  
Anreize, um Autos insgesamt leichter und effizienter zu machen. Wir  
beenden schrittweise die Dieselsubvention und gestalten die Dienst-  
wagenbesteuerung sozial-ökologisch um. Wir beschleunigen den flä-  
chendeckenden Ausbau einer einheitlichen Ladeinfrastruktur, beson-  
ders im ländlichen Raum, inklusive Schnellladesäulen. Laden muss  
flächendeckend in Deutschland und Europa schnell, ökologisch, güns-  
tig und bequem möglich sein.  
Moderne Verkehrsinfrastruktur  
Die Verkehrspolitik hat jahrzehntelang einseitig Straßenbau und Pkw-  
Verkehr gefördert. Sie reißt damit alle Klima- und Nachhaltigkeitsziele  
und führt doch tagtäglich zu Staus. Das hat keine Zukunft – moderne  
Mobilität für dieses Jahrhundert verlangt neue Prioritäten. Deutsch-  
land braucht eine Infrastrukturentwicklung, die den 1,5-Grad-Pfad  
einhält und allen Menschen zukunftsfähige und sichere Mobilität  
ermöglicht. Wir legen den Fokus auf den Ausbau von Geh-, Rad- und  
Schienenwegen, eine gleichberechtigte Verteilung von Flächen, die  
Umnutzung bestehender Infrastrukturen sowie eine intelligente  
barrierefreie Vernetzung umweltfreundlicher Verkehrsmittel. Auch  
die Vermeidung von Verkehr und daraus resultierenden Belastun-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN35Kapitel 1  
Bundestagswahlprogramm 2021  
gen, unter anderem durch bessere Bedingungen für Homeoffice und  
die Wiederkehr der Nahversorgung in Orte und Stadtviertel, werden  
wir unterstützen. An den Verkehrswegen wollen wir für zusätzliche  
Bäume und ihren Bestandserhalt als Teil einer grünen Infrastruktur  
sorgen. Der bisherige Bundesverkehrswegeplan wird diesen Ansprü-  
chen überhaupt nicht gerecht. Trotz Klima- und Artenkrise und obwohl  
Deutschland eines der dichtesten Straßennetze der Welt hat, enthält  
der Bundesverkehrswegeplan noch hunderte weitere Straßenbaupro-  
jekte, die unsere Landschaften und unsere Natur zerschneiden und den  
Klimaschutz gefährden. Deutschland hat keinen Mangel an Straßen,  
erst recht keinen an Autobahnen. Wir wollen deshalb den Bundesver-  
kehrswegeplan schnellstmöglich durch einen neuen Bundesnetzplan  
ersetzen, der die Verkehrsinfrastrukturplanung systematisch an den  
Erfordernissen der Mobilitätswende ausrichtet und die bis 2030 vor-  
gesehenen Neu- und Ausbauten von Autobahnen und Bundesfernstra-  
ßen deutlich reduziert. Dies erfordert eine grundsätzliche Änderung  
der bisherigen standardisierten Bewertungsverfahren, Berechnungs-  
grundlagen und Kriterien unter Berücksichtigung der tatsächlichen  
Klima- und Umweltkosten, die gründliche Prüfung von Alternativen,  
die auch andere Verkehrsträger einbezieht, eine Verbesserung der  
bisher unzureichenden Beteiligung der Bürger\*innen und Verbände  
sowie die Abkehr vom sogenannten Finanzierungskreislauf Straße.  
Wir schützen damit unsere Wohngebiete, Wald und Wasser, Moore und  
Artenvielfalt und so unsere eigenen Lebensgrundlagen. Angesichts  
der Klimakrise darf nicht gelten: Nur weil es schon immer so geplant  
war, muss das jetzt auch gemacht werden. Die anstehende Überprü-  
fung des aktuellen Bundesverkehrswegeplans werden wir zudem nut-  
zen, um alle nicht im Bau befindlichen Abschnitte sowie besonders  
umweltschädliche Straßenneubau- und Straßenausbauprojekte einer  
Klima-, Umwelt- und Bedarfsprüfung zu unterziehen und sie dadurch  
deutlich zu reduzieren. Bis zum Abschluss der Überprüfung dürfen  
bei diesen Projekten keine irreversiblen Fakten geschaffen werden.  
Das gilt umso mehr, weil der ausufernde Straßenneubau Mittel bin-  
det, die wir anderswo viel dringender brauchen. Die Mittel für den  
Straßenneu- und -ausbau werden wir deshalb weitgehend umschich-  
ten – zugunsten der Sanierung maroder Infrastruktur und des Aus-  
baus der Schienen- und Radwegeinfrastruktur. Dazu gehört auch eine  
gründliche Bewertung der finanziellen Risiken des Straßenbaus und  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN36Kapitel 1  
Bereit, weil Ihr es seid.  
der neuen Autobahngesellschaft. Straßenfahrzeuge und Züge sollen  
leiser werden, durch mehr aktiven Lärmschutz auch im Bestand. Dort,  
wo wir den Lärm nicht direkt an der Quelle mindern können, sorgen  
wir für besseren Lärmschutz.  
Mobil auf dem Land durch eine Mobilitätsgarantie  
In ländlichen Räumen ist die Mobilitätswende am anspruchsvollsten,  
denn viele Menschen sind dort auf das Auto angewiesen. Zugleich  
schränkt diese einseitige Autozentrierung die Autonomie von Kin-  
dern, Jugendlichen und Menschen ohne Auto besonders stark ein. Wir  
wollen erreichen, dass Mobilität auch auf dem Land ohne Auto und  
barrierefrei möglich ist. Wir wollen mit den Ländern eine Mobilitäts-  
garantie mit gesetzlich definierten Standards für Erreichbarkeit und  
Erschließung einführen, erweiterte Angebote an öffentlicher Mobilität  
in ländlichen Räumen entwickeln, lokale Initiativen unterstützen und  
Radwege ausbauen. Gerade in strukturschwachen Regionen braucht  
es eine regelmäßige, verlässliche und barrierefreie Anbindung an den  
ÖPNV, zum Beispiel durch Schnellbuslinien, und an Mobilitätsdienst-  
leistungen wie Ridepooling- und On-Demand-Verkehre. Dennoch ist  
das Auto für viele Menschen im ländlichen Raum unverzichtbar und  
dort gerade für viele Familien kaum wegzudenken. Deshalb setzen wir  
hier auch besonders auf die Chancen der Antriebswende. Das E-Auto  
ist insbesondere im Paket mit Solaranlagen auf dem Dach, einem  
Stromspeicher im Keller und einer Wandladestation in der Garage  
eine zukunftsfähige Lösung. Zugleich wollen wir Carsharing flächen-  
deckend verfügbar machen und die Errichtung von Carsharing-Statio-  
nen fördern, auch an zunächst weniger rentablen Standorten.  
Mobilitätswende in der Stadt  
Nirgendwo wird die Mobilitätswende sehnlicher erwartet als in den  
Innenstädten: Unfälle, Staus, Abgase, Lärm, zu wenig Platz für Kinder  
zum Spielen und für Begegnungsräume – die autozentrierte Stadt ist  
nicht nur klimaschädlich, sondern auch kein schöner Ort zum Leben.  
Wir wollen unsere Städte lebenswerter machen und sie dazu bei der  
Mobilitätswende gezielt unterstützen. Wir werden es ihnen erleichtern,  
den Raum Straße vielfältig nutzbar zu machen, attraktive Rad- und  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN37Kapitel 1  
Bundestagswahlprogramm 2021  
Fußwege anzulegen, verkehrsberuhigte oder autofreie Innenstädte  
und Stadtviertel voranzutreiben und mehr Grünflächen auch durch  
Entsiegelung zu schaffen. Temporäre Umgestaltungen wie Pop-up-  
Bikelanes sollen erleichtert werden, um Best-Practice- Lösungen tes-  
ten zu können. Den Städten und Kommunen wollen wir die Planungs-  
hoheit zurückgeben, damit sie öffentlichen Raum gerecht aufteilen  
können, zum Beispiel durch eine stringente Parkraumbewirtschaf-  
tung, indem Autos nicht mehr überall, sondern nur noch auf expli-  
zit dafür ausgewiesenen Flächen geparkt werden dürfen, oder durch  
bessere Möglichkeiten, Fahrradparkplätze vorzugeben und Auto- in  
Fahrradparkplätze umzuwidmen. Wir wollen, auch durch angemes-  
sene Bußgelder, Schluss machen mit Falschparken auf Radwegen  
und Fußwegen und zugestellten Straßenkreuzungen. Zudem stärken  
wir die Möglichkeiten, auch durch europäische Erfolgsmodelle wie  
eine City-Maut oder eine Nahverkehrsabgabe die Mobilitätswende zu  
finanzieren, zu fördern und aktiv zu gestalten. Die Ausweitung von –  
insbesondere stationsbasierten – Carsharing-Angeboten werden wir  
fördern, da diese für eine Verringerung des Pkw-Bestands in den Städ-  
ten sorgen.  
Flugverkehr zukunftsfähig ausrichten  
Fliegen bringt unsere Welt näher zusammen, ist aber eine der klima-  
schädlichsten Fortbewegungsarten. Nach der Pandemie wollen wir  
kein Zurück zum unbegrenzten Wachstum des Luftverkehrs, sondern  
diesen am Ziel der Klimaneutralität ausrichten. Kurzstreckenflüge  
wollen wir ab sofort Zug um Zug verringern und bis 2030 überflüs-  
sig machen, indem wir massiv Bahnangebote – gerade Direkt- und  
Nachtzugverbindungen – ausweiten und für faire Wettbewerbsbedin-  
gungen zwischen den Verkehrsmitteln sorgen, die die ökologischen  
Kosten wiederspiegeln. Die Zahl von Mittel- und Langstreckenflügen  
gilt es zu vermindern, zum Beispiel indem öffentliche und privatwirt-  
schaftliche Geschäftsreisen durch die Nutzung von Videokonferenzen  
entfallen. Das Fliegen wollen wir nachhaltig, zukunftsfähig und lang-  
fristig unabhängig von fossilen Treibstoffen machen. Dafür sorgen ein  
strikter europäischer Emissionshandel, die Förderung moderner Flug-  
zeugtechnologien und die Erhöhung der Beimischungsquoten mit  
einem klaren Anstiegspfad, der fossiles Kerosin durch strombasierte  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN38Kapitel 1  
Bereit, weil Ihr es seid.  
Kraftstoffe aus Erneuerbaren Schritt für Schritt ersetzt. Bis 2030 soll  
die Quote statt 2 Prozent mindestens 10 Prozent betragen und im Fol-  
gejahrzehnt deutlich anwachsen. Den Aufbau von Produktionsanlagen  
dafür fördern wir. Umweltschädliche Subventionen sind abzubauen  
und fortlaufende Finanzhilfen für Flughäfen zu beenden. Außerdem  
setzen wir uns für die Einführung einer europäischen Kerosinsteuer  
ein. Bis diese in der EU umgesetzt ist, werden wir auf nationaler Ebene  
eine Kerosinsteuer für innerdeutsche Flüge einführen. Lohndumping  
durch Billigflüge muss beendet werden. Einen weiteren Ausbau der  
Flughafeninfrastruktur lehnen wir ab. Neue Entwicklungen im Flug-  
verkehr, wie zum Beispiel Drohnen, müssen sich daran messen lassen,  
ob sie einen Beitrag zu einer nachhaltigen Mobilitätswende leisten  
können. Zur Reduktion von Fluglärm braucht es weniger Flugzeuge,  
eine Pflicht zum aktiven Schallschutz für leisere Flugzeuge, ein ech-  
tes Nachtflugverbot, die Gleichstellung von militärischen und zivi-  
len Flughäfen sowie eine Novellierung der gesetzlichen Grundlagen  
mit strengeren Grenzwerten. Für den Gesundheitsschutz wollen wir  
außerdem Grenzwerte für Ultrafeinstaub festlegen.  
Zukunftsfähiger Güterverkehr  
Jeden Tag werden durch Deutschland Millionen Tonnen an Gütern  
transportiert, heute zumeist in Form endloser Lkw-Karawanen auf  
unseren Straßen. In einem klimaneutralen Deutschland muss auch  
der Güterverkehr zukunftsfähig, emissionsfrei und weniger lärminten-  
siv sein. Für weniger Lkw-Verkehr wollen wir den Güterverkehr von  
der Straße auf die Schiene verlagern. Dafür werden wir die Kombina-  
tion von Straße, Schiene und Wasser ertüchtigen und Industrie und  
Gewerbe wieder ans Bahnnetz anschließen – auch in der Fläche. Wir  
fördern Investitionen in moderne Güterverkehrstechnik, intermodale  
Güterverkehrszentren und Umschlagterminals für den kombinierten  
Güterverkehr. Wir setzen zudem auf regionale Wirtschaftskreisläufe  
und die Chancen der Digitalisierung und Vernetzung bei der Organisa-  
tion der Logistik. Den ausufernden Lkw-Verkehr wollen wir durch eine  
CO2-orientierte Maut so regulieren, dass die entstehenden Kosten von  
den Verursacher\*innen getragen werden. Zusammen mit ambitionier-  
ten CO2-Flottengrenzwerten und Quoten, der Förderung klimafreund-  
licher Antriebe und dem schnellen Aufbau der entsprechenden Infra-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN39Kapitel 1  
Bundestagswahlprogramm 2021  
strukturen werden auch Lkw absehbar lokal emissionsfrei. Für mehr  
Sicherheit im Lkw-Bereich braucht es eine bessere Durchsetzung von  
Arbeitszeitvorschriften. Auch die Arbeitsbedingungen der Lkw-Fah-  
rer\*innen müssen erheblich verbessert werden. Dafür werden wir das  
Bundesamt für Güterverkehr personell aufstocken und diesem mehr  
Befugnisse erteilen. In der städtischen Logistik wollen wir den Einsatz  
von Lastenrädern und Cargo-Trams fördern sowie neue Verteilkon-  
zepte wie Cityhubs und die Güterbeförderung auf der letzten Meile  
per Konzession vorantreiben.  
Die Schifffahrt klima- und umweltverträglich machen  
Für ein außenhandelsorientiertes Land wie Deutschland ist eine inter-  
national wettbewerbsfähige maritime Wirtschaft von entscheidender  
Bedeutung. Wir setzen uns für die Entwicklung eines gemeinsamen  
Seehafenkonzepts durch Bund und Länder ein, das auf Kooperation  
der Standorte statt auf Konkurrenz setzt. Die Schifffahrt wollen wir  
durch verbindliche Emissionsminderungsziele und eine Einbeziehung  
in den EU-Emissionshandel klimaneutral machen. Wir setzen die poli-  
tischen Rahmenbedingungen dafür, dass die Schifffahrt schnellst-  
möglich wegkommt vom Schweröl mit seinen giftigen Abgasen und  
dass sich stattdessen Landstromanlagen, emissionsarme Terminals,  
alternative Schiffsantriebe und klimaneutrale Treibstoffe ebenso wie  
faire Arbeitsbedingungen für alle an der Seefahrt Beteiligten durch-  
setzen. Dafür drängen wir auf weltweit höhere Standards. Moderni-  
sierte Binnenschiffe müssen künftig einen wichtigen Beitrag zum  
klimaneutralen Gütertransport liefern. Wir sehen uns in der Verant-  
wortung für einen guten ökologischen Zustand aller Wasserstraßen.  
Marode Wasserstraßen müssen umweltverträglich saniert werden,  
für Flussvertiefungen soll es ein Moratorium und eine grundsätzliche  
Überprüfung im Rahmen der Neuaufstellung des Bundesnetzplans  
im Sinne der neuen UN-Dekade für die Wiederherstellung von Öko-  
systemen geben.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN40Kapitel 1  
Bereit, weil Ihr es seid.  
Wir schützen Natur und Umwelt  
für ein gutes Leben  
Artensterben stoppen  
Biologische Vielfalt sichert das Leben auf der Erde. Ökologische Leit-  
planken müssen daher unser Handeln definieren – als „Barometer  
des Lebens“. Um die Krise der Artenvielfalt zu überwinden und das  
massenhafte Artensterben zu beenden, brauchen wir vor allem eine  
andere Landnutzung. Wie beim Klimaschutz zählt auch beim Natur-  
schutz jeder Tag. Deshalb werden wir ein Sofortprogramm Artenschutz  
auflegen, mit dem wir den Pestizideinsatz deutlich verringern und den  
Einsatz besonders schädlicher Umweltgifte wie Glyphosat untersagen.  
Wir wollen den Verkauf von naturwertvollen bundeseigenen Flächen  
sowie die Entwässerung von Moorstandorten stoppen und militärische  
Konversionsflächen dem Naturschutz zur Verfügung stellen. Zur bes-  
seren Vernetzung der Schutzgebiete wollen wir Naturschutzkorridore  
schaffen. Gemeinsam mit den Ländern werden wir die Naturschutzwir-  
kung der Natura-2000-Gebiete verbessern, wo möglich Nationalparks  
und andere Schutzgebiete vergrößern bzw. neue schaffen sowie das  
nationale Naturerbe stärken. Damit der Naturschutz endlich ausrei-  
chend finanziert wird, werden wir neue Wege gehen: 10 Prozent der  
Gelder aus dem Energie- und Klimafonds sollen für Klimaschutz durch  
Naturschutzmaßnahmen eingesetzt werden. Wir werden den Wildnis-  
fonds ausbauen, damit sich auf mindestens 2 Prozent der Landesflä-  
che wieder echte Wildnis entwickelt, wo Pflanzen und Tiere ungestört  
leben können. Wir wollen erreichen, dass vor jeder Planung von Inf-  
rastrukturvorhaben die Auswirkungen auf Klima, Natur und Umwelt  
umfassend geprüft und berücksichtigt werden. Auch einer vielfälti-  
gen Kulturlandschaft kommt eine große Bedeutung für den Schutz  
unserer Natur zu. Deshalb wollen wir wertvolle Landschaftselemente  
wie artenreiche Blumenwiesen, Streuobstbestände, Weinbau-Terras-  
sen, Alleen, Einzelbäume und Blühstreifen entlang von Straßen und  
auf kommunalen Flächen besser schützen und neu schaffen. Den Ver-  
brauch an Boden in Natur und Landwirtschaft werden wir endlich  
drastisch reduzieren – in einem ersten Schritt auf unter 30 Hektar pro  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN41Kapitel 1  
Bundestagswahlprogramm 2021  
Tag deutlich vor 2030. Dazu werden wir gemeinsam mit den Ländern  
und Kommunen Instrumente umsetzen, mit denen Bauen auf jetzigem  
Ackerland und Naturboden wirksam begrenzt wird.  
Unseren Wald retten  
Unser Wald ist durch die Klimakrise – durch Hitzewellen, Dürre und  
Stürme – stark bedroht. Wir erleben heute schon ein Waldsterben, das  
weitaus größere Schäden anrichtet, als in den 80er Jahren durch den  
sauren Regen entstanden sind. Naturnahe, artenreiche und klimasta-  
bile Waldökosysteme sind widerstandsfähiger als Monokulturen. Sie  
halten den Wasserkreislauf in Balance und die Böden fruchtbar, spei-  
chern Kohlenstoff, reinigen die Luft, sind der Lebensraum zahlreicher  
bedrohter Tiere, Pflanzen und Pilze, produzieren Rohstoffe und dienen  
der Erholung und Gesundheitsvorsorge. Wir fördern die Entwicklung  
gesunder Wälder, die mehr Kohlenstoff binden, als aus ihnen heraus-  
geholt oder freigesetzt wird. Wir wollen gesetzliche Mindeststandards  
festlegen, damit die Waldbewirtschaftung naturnah wird, den Umbau  
und die Wieder- und Neubewaldung nach ökologischen Bewirtschaf-  
tungsvorgaben ausrichten und die Waldbesitzer\*innen dabei mit qua-  
lifizierter Förderung und Beratung unterstützen. Das dient auch dem  
ökonomischen Mehrwert. Im Einklang mit Naturschutz- und Wald-  
besitzerverbänden setzen wir uns für wald-, natur- und tierschutzge-  
rechte Bejagungsmethoden ein. Die Bewirtschaftung aller Flächen der  
öffentlichen Hand soll an ökologische Kriterien geknüpft werden –  
im Wald nach FSC- oder Naturlandstandards, in der Landwirtschaft  
nach Ökolandbau zertifiziert. Wir wollen als ersten Schritt mindestens  
5 Prozent unserer Wälder der Natur überlassen. So schaffen wir die  
Urwälder von morgen. Weitere Dürrejahre vergrößern die Waldbrand-  
gefahr. Gemeinsam mit Kommunen und Ländern wollen wir eine bun-  
desweite Präventions- und Bekämpfungsstrategie erarbeiten.  
Biologische Vielfalt an Land und im Meer schützen  
Der Artenrückgang und die Zerstörung natürlicher Lebensräume schrei-  
ten auch global weiter voran. Wir werden uns für ein ambitioniertes  
Abkommen der Vereinten Nationen zum Erhalt der biologischen Viel-  
falt einsetzen und es in Deutschland umsetzen. Entsprechend der  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN42Kapitel 1  
Bereit, weil Ihr es seid.  
Biodiversitätsstrategie der Europäischen Union sollen mindestens 30  
Prozent der Landfläche und 30 Prozent der Meere wirksam geschützt  
werden. Die UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung wollen wir über-  
all als neue Leitprinzipien verankern und für eine kohärente Politik  
sorgen. Im Meeresbereich verfolgen wir eine gemeinsame internatio-  
nale Meeresstrategie. Wir werden uns dafür einsetzen, den Schutz der  
Meere über verbindliche Abkommen zu schärfen, Vollzugsdefizite und  
Regellücken zu schließen und damit in den Fokus zu rücken, damit  
auch bisher legale Verschmutzung, wie zum Beispiel Tankwäschen auf  
hoher See, verboten und Übernutzung verhindert wird. Wir unterstüt-  
zen Programme zum Stopp der globalen Entwaldung und zum Schutz  
oder zur Wiedereinwanderung oder -ansiedlung besonders bedrohter  
Arten. Landnutzer\*innen, deren Lebensunterhalt durch Schutzmaßnah-  
men bedroht wird, müssen einen Ausgleich erhalten. Gezielte Arten-  
schutzprogramme von Zoos und wissenschaftlichen Instituten wollen  
wir unterstützen und zugleich die Haltung der Tiere dort verbessern.  
Lebensräume, für die wir in Deutschland internationale Verantwor-  
tung tragen, wie das Wattenmeer und alte Buchenwälder, wollen wir  
gemeinsam mit den Ländern besser als bisher schützen und entwi-  
ckeln. Bei Eingriffen in die Natur müssen nicht verantwortbare Risiken,  
wie die Manipulation oder Ausrottung ganzer Populationen oder Arten  
durch gentechnische Methoden, sogenannte Gene Drives, ausgeschlos-  
sen werden. Es braucht eine umfassende Biomassestrategie, damit die  
Produktion und der Import von Biomasse zur Energieerzeugung oder  
für Tierfutter nicht zur Zerstörung der Artenvielfalt führt.  
Flüsse und Moore schützen und renaturieren  
Die Renaturierung von Flüssen, Auen und Wäldern und die Wiederver-  
nässung von Mooren – all das schützt nicht nur seltene Lebensräume  
und die biologische Vielfalt, sondern auch das Klima. Deshalb werden  
wir eine Renaturierungsoffensive starten. Naturnahe Bäche und die  
letzten frei fließenden Flüsse wie die Elbe müssen erhalten bleiben,  
einen Ausbau der Oder lehnen wir ab, das gilt auch für die Tideelbe.  
Maßnahmen, die den ökologischen Zustand unserer Fließgewässer  
verschlechtern, sind nicht erlaubt. Diese Vorgabe aus dem europäi-  
schen Recht werden wir durchsetzen. Flüsse mit weiten Auen und  
Überschwemmungsgebieten sind auch der beste Schutz gegen Hoch-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN43Kapitel 1  
Bundestagswahlprogramm 2021  
wasser und halten das Wasser in der Landschaft. Wir werden des-  
halb die Aufgaben der Bundeswasserstraßenverwaltungen nach öko-  
logischen Kriterien neu ausrichten. Spezifische Programme für wilde  
Bäche, naturnahe Flüsse, Seen, Auen und Feuchtgebiete wie das Blaue  
Band wollen wir stärken und gemeinsam mit den Ländern die EU-  
Wasserrahmenrichtlinie endlich konsequent umsetzen. Moorschutz ist  
Klimaschutz. Daher wollen wir ein Ende der Torfnutzung und unsere  
Moore so schnell und umfassend wie möglich wiedervernässen. Dazu  
legen wir gemeinsam mit den Ländern ein großflächig wirksames  
Moor- Renaturierungsprogramm auf. Um die noch intakten Moore vor  
Torfabbau, Überdüngung und Entwässerung zu retten, werden wir sie  
unter strengen Schutz stellen. Für genutzte Moorböden wollen wir  
ökonomische Perspektiven für eine nachhaltige nasse Landwirtschaft  
ermöglichen und extensive Weidewirtschaft und Paludikultur stärken.  
Sauberes Wasser ist Leben  
Wasser ist unser wichtigstes Lebensmittel. Düngemittel, Pestizide,  
Waschmittelrückstände und Medikamentenreste gehören nicht in  
unser Wasser. Zum Schutz unseres Grundwassers, der Seen, Flüsse  
und Meere wollen wir deshalb klare gesetzliche Vorgaben, etwa  
zur Flächenbindung der Tierhaltung und des Pestizid- und Dünge-  
mitteleinsatzes, verankern sowie die Kläranlagen verbessern. Ein  
Verursacherfonds und eine Reform der Abwasserabgabe sollen so  
zu einer fairen Verteilung der Kosten von Abwasser- und Trinkwas-  
seraufbereitung führen. Wir wollen die Produktverantwortung von  
Hersteller\*innen stärken. So verringern wir etwa durch verbesserte  
Genehmigungs- und Entsorgungsvorschriften für Medikamente die  
Bildung von Resistenzen und andere Gefahren von Arzneimittelrück-  
ständen im Wasser. Besonders gefährliche und schlecht abbaubare  
Schadstoffe dürfen nicht mehr in den Wasserkreislauf gelangen. Wir  
setzen das EU-Wasserrecht endlich konsequent um und reduzieren  
den Eintrag von hormonverändernden Stoffen und Mikroplastik ins  
Wasser deutlich. Den Vorrang der Trinkwasserversorgung gegenüber  
gewerblicher Nutzung gilt es sicherzustellen, Wiederverwendung von  
Abwässern und Speicherung von Regenwasser wollen wir fördern  
und Anreize zum Wassersparen schaffen. Wir machen das Vorsorge-  
prinzip auch im Gewässerschutz zur Richtschnur, deswegen wollen  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN44Kapitel 1  
Bereit, weil Ihr es seid.  
wir im Bergrecht Fracking und künftige Projekte zur Förderung von  
Erdöl und Erdgas ausschließen.  
Meere schützen, Plastikmüllflut stoppen  
Die Meere befinden sich in einem katastrophalen Zustand – und  
dieser droht sich durch weitere Versauerung, Überdüngung, Überfi-  
schung, Verschmutzung und Plastikmüll noch zu verschlechtern. Um  
der Plastikmüllflut Einhalt zu gebieten, wollen wir ein international  
verbindliches Abkommen zum Stopp der Plastikvermüllung unserer  
Meere auf den Weg bringen sowie ein Sofortprogramm mit ehrgei-  
zigen Müllvermeidungszielen auflegen. Wir wollen Technik fördern,  
die eine Bergung der Munitionsaltlasten in Nord- und Ostsee und  
ein umweltverträgliches Abfischen von Müll aus dem Meer ermög-  
licht. Aus den Erdölförderanlagen in der Nordsee treten durch Unfälle,  
ölhaltigen Bohrschlamm mit Bohrabfällen und auch durch die Abfa-  
ckelung von Gas giftige Stoffe aus. Wir setzen uns für ein Ende der  
Förderung fossiler Energieträger ein. In der deutschen Ausschließ-  
lichen Wirtschaftszone wollen wir einen sofortigen Stopp neuer  
Öl- und Gasbohrungen umsetzen sowie ein Förderende bis 2025.  
Auf europäischer und internationaler Ebene setzen wir uns für ein  
Ende der Öl- und Gasförderung in der gesamten Nord- und Ostsee  
ein. Wir wollen auch den Ausstieg aus dem Kies- und Sandabbau in  
Schutzgebieten vorantreiben und zugleich Raubbau in Ländern des  
globalen Südens durch Importstandards verhindern. Um die Überfi-  
schung zu beenden, die Fischbestände zu stabilisieren und Fischer\*in-  
nen eine nachhaltige Perspektive zu geben, wollen wir Fangquoten  
und Fischereiabkommen anpassen, Schonzeiten ausdehnen und die  
Umstellung der Fischerei auf umwelt-, klima- und artenschonende  
Fangmethoden erreichen. Dazu gehören auch ein schnellstmöglicher  
Ausstieg aus der klima- und umweltschädlichen Grundschleppnetz-  
fischerei und eine naturschutzgerechte Regulierung von Stellnetzen.  
Wir wollen die Fischereisubventionen auf eine ökologische Meeres-  
nutzung ausrichten. Regionale Fischereibetriebe werden wir bei der  
Umstellung ebenso unterstützen wie beim Aufbau von Alternativen  
durch umweltfreundliche touristische Angebote. Ein wichtiger Schritt,  
um ökologische Fischerei und Aquakultur auskömmlich zu honorie-  
ren, ist eine verbindliche und für die Verbraucher\*innen transparente  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN45Kapitel 1  
Bundestagswahlprogramm 2021  
Kennzeichnung. Für lebendige Weltmeere sind die Umsetzung der  
EU-Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie, ein Tiefseebergbaumorato-  
rium sowie die Ausweisung von großflächigen nutzungsfreien Mee-  
resschutzgebieten notwendig.  
Das Ende des Mülls  
Der Plastikmüll wird immer mehr, der Mehrweganteil bei Geträn-  
ken sinkt seit Jahren. Einwegbecher werden nur für wenige Minuten  
genutzt, bevor sie zu Müll werden. Ausgediente Handys und Tablets  
verstauben in Schubladen, obwohl sie wiederverwendet oder recycelt  
werden könnten. Unser Ziel ist Zero Waste. Es soll kein Müll mehr  
verursacht und die Ressourcenverschwendung gestoppt werden. Das  
kann nur gelingen, wenn Hersteller\*innen und Müllverursachende  
stärker in die Verantwortung genommen werden und das Konzept  
der Kreislaufwirtschaft ganzheitlich bei Design, Herstellung, Nutzung  
und Entsorgung von Produkten berücksichtigt wird. Unerwünschte,  
oft sogar noch in Plastikfolie eingepackte Werbung gehört nicht in  
unsere Briefkästen. Wir werden das komplizierte Pfandsystem ent-  
wirren. Jede Flasche soll in jeden Pfandautomaten passen, den To-  
go-Mehrwegbecher machen wir bis 2025 zum Standard. Wir fördern  
Mehrweg bei Transport, Online-Handel, Einkauf und Lebensmittel-  
verpackungen. Wir treten für ein EU-weites Pfandsystem ein. Damit  
Ressourcenschätze aus alten Elektrogeräten zurück in den Kreislauf  
finden, schaffen wir in einem ersten Schritt ein Pfand auf Handys,  
Tablets und energieintensive Akkus. Das bisherige Lizenzgeld für  
Plastikverwertung entwickeln wir zu einer Ressourcenabgabe weiter.  
Bei der Ausgestaltung der Müllsammlung wollen wir die Position der  
Kommunen stärken. Das Verpackungsgesetz wird zum Wertstoffge-  
setz, das allen ökologisch vorteilhaften Mehrwegprodukten Vorrang  
einräumt sowie Müllvermeidung und hochwertiges Recycling fördert.  
Dazu müssen Kunststoffsorten und Verbundstoffe reduziert und gift-  
frei werden. Biowertstoffe gehören nicht in die Verbrennung, sondern  
müssen verwertet werden. Plastikmüll soll nicht mehr exportiert wer-  
den, wenn er nicht hochwertig recycelt wird. Stoffe im Kreislauf zu  
führen, wird auch ökonomisch vorteilhafter werden, als sie wegzu-  
werfen. Kreislaufwirtschaft wird das neue Normal.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN46Kapitel 1  
Bereit, weil Ihr es seid.  
Giftfreie Produkte im Alltag  
Plastik- und Schadstoffrückstände finden sich mittlerweile sogar  
schon in den Körpern von Kindern und Jugendlichen. Die Weltge-  
sundheitsorganisation sieht in hormonstörenden Chemikalien eine  
globale Gesundheitsbedrohung. Wir wollen giftige Chemikalien, die  
Erkrankungen wie Krebs, Diabetes oder Allergien und ungewollte  
Kinderlosigkeit auslösen können, aus allen Alltagsprodukten verban-  
nen, indem wir das EU-Recht im Chemikalienbereich verbessern und  
schnell und konsequent durchsetzen. Der Eintrag von Mikroplastik,  
das sich heute schon überall in unserer Umwelt findet, muss dringend  
minimiert werden. In Kosmetika und Pflegeprodukten hat Mikroplas-  
tik nichts verloren. Besonderes Augenmerk richten wir auf Spielzeug,  
Kinderpflegeprodukte und andere Alltagsprodukte wie Textilien,  
Möbel oder Elektronik. Deutschland sollte dem Beispiel Frankreichs  
folgen und nachgewiesen giftige Chemikalien wie Bisphenol A in  
Kochgeschirr und Lebensmittelverpackungen oder per- und polyfluo-  
rierte Kohlenwasserstoffe in Papier und Pappe verbieten. Wir wollen  
Verbraucher\*innen besser schützen, indem wir gemeinsam mit den  
Ländern importierte Güter stärker auf Giftstoffe kontrollieren, die  
Produktkennzeichnung verbessern und Produktrückrufe erleichtern.  
Unser Ziel ist, dass die Menschen gesund in einer gesunden Umwelt  
leben können.  
Saubere Luft zum Atmen  
Wir alle brauchen saubere Luft zum Atmen. Doch Abgase aus dem  
Verkehr, aus Kohlekraftwerken oder alten Ölheizungen machen krank.  
Schlimmer noch: Nach Berechnung der Europäischen Umweltagen-  
tur sterben allein in Deutschland pro Jahr 70.000 Menschen vorzeitig  
durch von Luftverschmutzung verursachte Krankheiten. Die ökologi-  
sche Modernisierung bietet riesige Chancen, die Luft zu verbessern.  
E-Autos, Solar- und Windenergie schützen unsere Luft. Wir wollen  
diese Entwicklung beschleunigen und die Grenzwert-Empfehlungen  
der Weltgesundheitsorganisation für Luftschadstoffe schnellstmög-  
lich umsetzen. Auch durch mehr Grün in unseren Städten verbessern  
wir dort die Luftqualität. Um diese Ziele zügig zu erreichen, werden  
wir alle Emissionsquellen wie Verkehr, Industrie und Landwirtschaft  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN47Kapitel 1  
Bundestagswahlprogramm 2021  
in den Blick nehmen und in diesem Zusammenhang die Entschei-  
dung darüber, ob und wie Feuerwerk im Einzelnen zu regeln ist, dahin  
geben, wo sie hingehört – vor Ort.  
Klimaanpassung und mehr Natur in der Stadt  
Die Klimakrise verändert zunehmend die Rahmenbedingungen unse-  
res Zusammenlebens. Schon heute hat sich die Erde um 1,2 Grad  
erhitzt. Die Folgen sind mit Hitzesommern, Überschwemmungen und  
Stürmen längst auch in unserem Land spürbar und treffen oft die  
am härtesten, die in schwierigsten Umständen leben. Während wir  
um jedes Zehntelgrad weniger an Erderhitzung kämpfen, müssen wir  
uns zugleich an diese Veränderungen anpassen. In ländlichen Räu-  
men gilt es insbesondere Land- und Forstwirtschaft, Tourismus und  
Fischerei bei der Anpassung zu unterstützen, um Schäden durch Dür-  
ren, Ernteausfälle und Waldsterben zu verringern. Unsere Städte wol-  
len wir besser gegen Hitzewellen und Starkregen wappnen – mit Hit-  
zeaktionsplänen und einem Stadtumbau im Großen wie im Kleinen:  
mehr Stadtgrün, Bodenentsiegelung, Frischluftschneisen, Gebäudebe-  
grünung, Wasserflächen und öffentliche Trinkbrunnen. Als Schwamm-  
städte sollen sie künftig mehr Wasser aufnehmen, speichern und im  
Sommer kühlend wirken. Das erhöht auch die Lebensqualität gerade  
für all jene, die sich keinen eigenen Balkon oder Garten leisten kön-  
nen: Dachgärten sind natürliche Klimaanlagen für Wohnungen und  
Büros, Parks und Stadtwälder spenden Schatten und frische Luft. Wir  
wollen durch Verbesserungen im Baurecht und in der Städtebau-  
förderung Stadt und Land helfen, all das schnellstmöglich vor Ort  
umzusetzen. Auch für Tiere und Pflanzen sind unsere Städte immer  
wichtigere Lebensräume. Deshalb wollen wir die Natur in der Stadt  
ausweiten. Das vorhandene Grün werden wir schützen und ökologisch  
aufwerten, Gärtner\*innen und Kleingärtner\*innen wollen wir dabei  
als Verbündete gewinnen. Wir werden die Lichtverschmutzung ein-  
dämmen, die Menschen, Tiere und Pflanzen schädigt und wesentlich  
zum Verschwinden von Insekten und Vögeln beiträgt.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN48Kapitel 1  
Bereit, weil Ihr es seid.  
Wir stärken Bäuer\*innen, Tiere und Natur  
Landwirtschaft fit für die Zukunft machen  
Wir wollen Klima-, Umwelt-, Tier- und Gewässerschutz und landwirt-  
schaftliche Erzeugung miteinander versöhnen. Die Landwirtschaft fit für  
die Zukunft zu machen – das begreifen wir als Aufgabe für die nächsten  
Jahre. Das geht nur mit der Natur zusammen und mit einem Verständ-  
nis von Natur, das sich an Kreisläufen orientiert und sich dem Ressour-  
censchutz verpflichtet sieht. Das bedeutet fruchtbare kohlenstoffspei-  
chernde Böden, sauberes Wasser und intakte Ökosysteme, aber auch  
ein faires Auskommen von Landwirt\*innen und eine gute und gesunde  
Ernährung für alle. Das können und werden wir nur gemeinsam mit  
den Bürger\*innen und Bäuer\*innen erreichen. Insbesondere kleine  
Betriebe wollen wir bei der notwendigen Transformation unterstützen  
und pragmatische Lösungen für sie finden. Unser Leitbild ist eine sich  
weiterentwickelnde ökologische Landwirtschaft mit ihren Prinzipien  
Tiergerechtigkeit, Gentechnikfreiheit und Freiheit von chemisch-syn-  
thetischen Pestiziden. Dafür wollen wir den Ökolandbau umfangreich  
fördern und die Voraussetzungen dafür schaffen, dass künftig immer  
mehr Bäuer\*innen und Lebensmittelhersteller\*innen umstellen. Ziel  
sind 30 Prozent Ökolandbau bis 2030. Die Agrarforschung für eine  
Ökologisierung der Landwirtschaft werden wir deutlich ausweiten. Wir  
werden vielfältige Fruchtfolgen und widerstandsfähige Anbausysteme  
wie Agroforst ebenso stärken wie die Nutzung von robusten Pflanzen-  
sorten und Tierrassen. Stickstoffüberschüsse werden wir deutlich redu-  
zieren. Auch digitale Anwendungen können bei entsprechender Aus-  
richtung die Landwirtschaft umwelt- und klimafreundlicher machen,  
müssen aber auch – zum Beispiel über Sharing-Konzepte – kleineren  
Betrieben offenstehen und bezahlbar sein. Monokulturen, Pestizide  
und chemisch-synthetischer Dünger führen auch im globalen Süden zu  
erheblichen Schäden für Gesundheit und Umwelt, während Kleinbäu-  
er\*innen durch europäische Dumpingexporte, patentiertes Saatgut und  
Landraub weiter in die Abhängigkeit getrieben werden. Das Recht auf  
Nahrung muss garantiert sein, kleinbäuerliche Strukturen wollen wir  
stärken. Dafür unterstützen wir mit unserer Agrar- und Entwicklungs-  
politik eine globale sozial-ökologische Agrarwende.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN49Kapitel 1  
Bundestagswahlprogramm 2021  
Öffentliches Geld für öffentliche Leistung  
Die Gemeinsame Agrarpolitik der EU sollte zu einem Instrument für  
eine sozial- ökologische Agrarpolitik werden – und nicht wie bisher  
für die Industrialisierung der Landwirtschaft. Das muss der Ausgangs-  
punkt für einen Gesellschaftsvertrag zwischen Bäuer\*innen, Verbrau-  
cher\*innen und Politik für Klima- und Naturschutz sein. Wir wollen  
eine Reform, damit die Milliarden an öffentlichen Geldern künftig  
für öffentliche Leistungen wie Klima-, Umwelt- und Tierschutz ein-  
gesetzt werden und dabei die regionale Landwirtschaft stärken. Um  
den nachhaltigen Umbau der Landwirtschaft gemeinsam mit den  
Bäuer\*innen voranzutreiben, gilt es, die nationalen Spielräume für  
die bevorstehende Förderperiode bestmöglich für diese Ziele zu nut-  
zen. Wir wollen das System der Direktzahlungen schrittweise durch  
eine Gemeinwohlprämie ablösen, die konsequent gesellschaftliche  
Leistungen honoriert. Wir setzen uns für innovative Instrumente der  
Agrarumweltförderung ein, bei denen Klima- und Naturschutz sowie  
agrarökologische Ziele gemeinsam gedacht werden. Bis zum Jahr  
2028 wollen wir für mindestens die Hälfte der Gelder eine ökologi-  
sche Zweckbindung erreicht haben.  
Pestizide reduzieren  
Es gibt viele Gründe, den Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft  
deutlich herunterzufahren. Der Schutz der menschlichen Gesundheit  
gehört dazu. Vor allem sind weniger Pestizide der wichtigste Hebel,  
um den Rückgang der Artenvielfalt zu stoppen. Wir wollen den Aus-  
stieg aus der Pestizidabhängigkeit unserer Landwirtschaft schnell  
und machbar gestalten: durch eine systematische Pestizidreduktions-  
strategie, ein Sofortverbot für besonders umwelttoxische Wirkstoffe  
und das immer noch häufig eingesetzte Pestizid Glyphosat. Um den  
Einsatz von Pestiziden insgesamt zu reduzieren, führen wir eine Pes-  
tizidabgabe ein. Um wirksamen Artenschutz zu betreiben und unser  
Trinkwasser zu schützen, wollen wir die Ausbringung von Pestiziden  
in Naturschutzgebieten und Trinkwasserschutzgebieten untersagen  
und ein flächendeckendes Pestizidmonitoring einführen. Betroffene  
Landwirt\*innen werden wir bei der Umsetzung finanziell unterstüt-  
zen. Wir werden außerdem den Export von Pestiziden beenden, die  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN50Kapitel 1  
Bereit, weil Ihr es seid.  
in Deutschland oder der EU aufgrund von Umwelt- und Gesundheits-  
risiken nicht zugelassen oder verboten sind. Wir wollen die Zulas-  
sungsverfahren für Pestizide verbessern, indem wir Transparenz und  
Unabhängigkeit stärken. Für ökologischen Pflanzenschutz werden wir  
in Kooperation mit den Ländern ein umfassendes, kombiniertes For-  
schungs-, Umsetzungs- und Beratungsprogramm für nicht chemisch-  
synthetischen Pflanzenschutz auflegen.  
Vielfältiges Saatgut ohne Patente  
Eine vielfältige, gerechte und nachhaltige Landwirtschaft beginnt  
beim Saatgut. Angesichts der Klima- und Biodiversitätskrise wollen  
wir die Züchtung von robusten Sorten und die Forschung für öko-  
logisches Saatgut vorantreiben sowie die Forschung zu alternativen  
Ansätzen stärken, die auf traditionelle und ökologische Züchtungs-  
verfahren setzen. Dabei muss wie bei jeder Technologie der Umgang  
mit alten wie neuen gentechnischen Verfahren einerseits die Freiheit  
der Forschung gewährleisten und andererseits bei der Anwendung  
Gefahren für Mensch und Umwelt ausschließen. Nicht die Techno-  
logie, sondern ihre Chancen, Risiken und Folgen stehen im Zentrum.  
Wir werden daher an einem strengen Zulassungsverfahren und am  
europäisch verankerten Vorsorgeprinzip festhalten. Dazu bleiben  
Risikoprüfungen auf umfassender wissenschaftlicher Basis und eine  
Regulierung, die unkontrollierbare Verbreitung ausschließt, sowie  
eine verbindliche Kennzeichnung, die gentechnikfreie Produktion  
und die Wahlfreiheit der Verbraucher\*innen schützt, nötig. Entspre-  
chend braucht es eine Stärkung der Risiko- und Nachweisforschung.  
Wir wollen das Patentrecht so ausrichten, dass es keine Patente auf  
Lebewesen und ihre genetischen Anlagen mehr gibt.  
Gerechte Einkommen und Arbeitsbedingungen für Bäuer\*innen  
Bäuer\*innen müssen von ihrer Arbeit leben können. Wir wollen daher  
gegen Dumpingpreise, den Verkauf von Lebensmitteln unter Erzeu-  
gerpreis und Konzentration in der Lebensmittelbranche vorgehen und  
dazu die Möglichkeiten des Wettbewerbs- und Kartellrechts sowie der  
EU-Richtlinie gegen unlautere Handelspraktiken nutzen. Wir wollen  
Junglandwirt\*innen und Neueinsteiger\*innen unterstützen und Maß-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN51Kapitel 1  
Bundestagswahlprogramm 2021  
nahmen gegen Bodenspekulation und den Ausverkauf ländlicher  
Fläche ergreifen. Dazu gehört, dass künftig die Flächen der bundes-  
eigenen Bodenverwertungs- und -verwaltungs GmbH nicht mehr pri-  
vatisiert, sondern vorzugsweise an ortsansässige, bäuerliche Betriebe  
und Existenzgründer\*innen verpachtet werden, mit dem Ziel, die Flä-  
chen klima- und naturfreundlich zu bewirtschaften. Share Deals bei  
landwirtschaftlichen Betrieben werden wir regulieren, um den Aus-  
verkauf von Boden an außerlandwirtschaftliche Investoren zu unter-  
binden. Auch in der Lebensmittelerzeugung und -verarbeitung müssen  
faire Bedingungen herrschen. Ein besserer Arbeits- und Gesundheits-  
schutz für Beschäftigte in Landwirtschaft und Fleischindustrie sind  
ebenso notwendig wie mehr Rechte für die Arbeitnehmer\*innen, tarif-  
liche Löhne und starke Gewerkschaften. In der Saisonarbeit gibt es  
zu viel prekäre Beschäftigung ohne Sozialversicherungsschutz. Hier  
trifft häufig körperlich schwere Arbeit auf karge Löhne und schlechte  
Unterkünfte. Diese sozialen Ungerechtigkeiten wollen wir beenden.  
Regionale Produktion, Verarbeitung und Vermarktung stärken  
Der Wunsch, wieder mehr regional und handwerklich erzeugte Lebens-  
mittel zu kaufen, in der Bäckerei, der Metzgerei, auf dem Bauernhof,  
wächst stetig. Gleichzeitig hat uns die Corona-Krise vor Augen geführt,  
wie wichtig regional funktionierende Lieferketten sind. Wir wollen die  
regionale Erzeugung, Verarbeitung und Vermarktung stärken und so  
dem Betriebesterben der letzten Jahre entgegentreten. Dazu gehö-  
ren auch faire Wettbewerbsbedingungen gegenüber importierten  
Lebensmitteln. In öffentlichen Einrichtungen wollen wir verstärkt  
regionale und ökologische Produkte, auch Umstellungsware, einset-  
zen – so schaffen wir Nachfrage und faire Preise. Wir unterstützen  
Regionalsiegel und Direktvermarktungen der Betriebe durch lokale  
Einkaufs-Apps und Regionalwerbung und sorgen mit einer klaren  
Definition von regionalen Produkten für Schutz vor Betrug. Öffent-  
liche Gelder und gezielte Beratung zum Umgang mit Auflagen und  
Kennzeichnungsvorschriften sollen vorrangig kleinen und mittleren  
bäuerlichen Betrieben und Handwerker\*innen zugutekommen. For-  
schung und Beratung zur Regionalvermarktung und für innovative  
und partizipative Ansätze wie Erzeuger\*innengemeinschaften, solida-  
rische Landwirtschaft oder Ernährungsräte unterstützen wir.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN52Kapitel 1  
Bereit, weil Ihr es seid.  
Gute Ernährung fördern – Lebensmittel retten  
Gesunde und ökologisch wertvolle Lebensmittel sollen allen Menschen  
in Deutschland leicht zugänglich sein, gesunde Ernährung darf nicht  
vom Geldbeutel abhängen. Ernährungsbedingte Krankheiten wollen  
wir gezielt eindämmen. Deshalb werden wir umsteuern und viele  
Stellschrauben neu justieren – sich gut und gesund zu ernähren, muss  
einfacher werden. Kitas, Schulen, Krankenhäuser, Pflegeheime, Mensen  
und Kantinen unterstützen wir dabei, mehr gesundes regionales und  
ökologisch erzeugtes Essen anzubieten; auch vollwertiges vegetari-  
sches und veganes Essen soll zum täglichen Angebot gehören. Gutes  
Essen scheitert allzu oft an unzureichendem Angebot und mangelnder  
Transparenz. Um das zu ändern, nehmen wir die Lebensmittelindustrie  
in die Pflicht. Wir brauchen verbindliche Reduktionsstrategien gegen  
zu viel Zucker, Salz, Fett und Zusatzstoffe in Fertiglebensmitteln und  
ökonomische Anreize für gesündere Produkte. Für Lebensmittelwer-  
bung, die sich an Kinder richtet, wollen wir klare Regeln, die sich an  
den Kriterien der Weltgesundheitsorganisation orientieren. Umwelt-  
gerechte Ernährung gehört in die Lehrpläne aller relevanten Ausbil-  
dungsbereiche. Auch die Ernährungspolitik muss sich an den Pariser  
Klimaschutzzielen ausrichten. Klimaschutz heißt auch, dass wir als  
Gesellschaft weniger tierische Produkte produzieren und konsumie-  
ren werden. Wir wollen vegetarische und vegane Ernährung attrakti-  
ver und zugänglich für alle Menschen machen. Die Markteinführung  
von pflanzlichen Alternativen und Fleischersatzprodukten wollen wir  
fördern und sie steuerlich besserstellen. So sollen pflanzliche Milchal-  
ternativen mit dem reduzierten Mehrwertsteuersatz verkauft werden.  
Auch für fair gehandelten Kaffee wollen wir die Steuer runtersetzen.  
Insgesamt wollen wir die Forderung der EU-Kommission, Umweltfol-  
gekosten auch im Lebensmittelbereich steuerlich zu berücksichtigen,  
mit einer ökologischen Steuerreform aufgreifen, damit sich auch bei  
pflanzlichen und tierischen Lebensmitteln der Preis ökologisch und  
sozial gerecht darstellt. Gegen die Lebensmittelverschwendung gehen  
wir entschlossen vor. Wir wollen mit einem Rettet- die-Lebensmittel-  
Gesetz verbindliche Reduktionsziele einführen, Lebensmittelhandel  
und produzent\*innen verpflichten, genusstaugliche Lebensmittel wei-  
terzugeben, statt sie wegzuwerfen. Lebensmittel aus dem Müll zu ret-  
ten – das sogenannte Containern – muss entkriminalisiert werden.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN53Kapitel 1  
Bundestagswahlprogramm 2021  
Klare Lebensmittelkennzeichnung  
Gutes, nachhaltiges und gesundes Essen soll leicht zu erkennen sein.  
Mit verständlichen Informationen über Zutaten, Herkunft, Herstellung  
und zum ökologischen Fußabdruck wollen wir für die nötige Transpa-  
renz sorgen. Wir werden eine verpflichtende Tierhaltungskennzeich-  
nung mit anspruchsvollen Kriterien für Fleisch und andere Lebens-  
mittel aus oder mit tierischen Bestandteilen einführen und uns dafür  
einsetzen, dass dies auch EU-weit verbindlich wird. Dabei soll der Wei-  
terentwicklung von Tierschutzstandards Rechnung getragen werden.  
Die Nährwertkennzeichnung Nutriscore wollen wir weiterentwickeln  
und EU-weit für alle Fertigprodukte anwenden. Außerdem wollen wir  
die Transparenz über die Herkunft von Lebensmitteln verbessern. Ent-  
haltene Allergene sollen besser gekennzeichnet werden. Zur einheit-  
lichen Kennzeichnung von vegetarischen und veganen Lebensmitteln  
brauchen wir eine EU-weite rechtsverbindliche Definition von „vege-  
tarisch“ und „vegan“. Transparenz muss auch bei der Lebensmittelhygi-  
ene gelten, deshalb sollen die Ergebnisse von Lebensmittelkontrollen  
für alle erkennbar sein.  
Wir ermöglichen Tieren ein besseres Leben  
Tierhaltung mit mehr Platz für weniger Tiere  
Das System des „Immer billiger, immer mehr“ hat die Landwirtschaft  
in einen Teufelskreis getrieben: Bäuer\*innen werden von Dumping-  
preisen erdrückt und müssen immer mehr produzieren, um zu überle-  
ben, die Tiere werden immer mehr auf Leistung gezüchtet und leben  
immer kürzer, die ökologischen und gesellschaftlichen Probleme  
wachsen. Industrielle Massentierhaltung und Billigfleischexport in  
alle Welt sind mit einer klimagerechten Zukunft nicht vereinbar. Es  
braucht einen Ausweg. Ein Teil der Lösung ist, dass deutlich weniger  
Tiere gehalten werden als bisher und diesen Tieren ein wesentlich  
besseres Leben ermöglicht wird. Tiere brauchen mehr Platz, Auslauf  
im Freien und Beschäftigung – das wollen wir artspezifisch verbind-  
lich regeln und uns auch auf EU-Ebene für eine deutliche Anhebung  
der Tierschutzstandards einsetzen. Damit Tierschutz wirtschaftlich  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN54Kapitel 1  
Bereit, weil Ihr es seid.  
machbar ist, wollen wir die Landwirt\*innen unterstützen: durch eine  
Umbauförderung, die durch einen Tierschutz-Cent auf tierische Pro-  
dukte finanziert wird, durch faire Preise und durch eine verpflichtende  
Haltungskennzeichnung für tierische Produkte. Die Tierhaltung soll  
so an die Fläche und an Obergrenzen pro Stall gebunden werden,  
dass eine umwelt- und tiergerechte Bewirtschaftung gewährleistet  
ist. Den tiergerechten und brandsicheren Umbau von Ställen werden  
wir zum Standard machen, an den sich alle halten müssen. Das wer-  
den wir ebenso gezielt fördern wie die Weidetierhaltung, die ökolo-  
gisch wertvolles Grünland erhält und sinnvoll nutzt. Ställe, in denen  
Tiere nicht zumindest entsprechend der EU-Ökoverordnung gehalten  
werden können, sollen nicht mehr gebaut werden. Statt tierquäleri-  
sche Züchtung auf Hochleistung wollen wir robuste Rassen und Zwei-  
nutzungsrassen fördern. Amputationen, Eingriffe ohne Betäubung und  
qualvolle Betäubungsmethoden sowie Käfig- und Anbindehaltung  
wollen wir beenden. Den Einsatz von Antibiotika in der landwirt-  
schaftlichen Tierhaltung werden wir deutlich senken. Um diese Medi-  
kamente gezielt einzusetzen und Resistenzen zu vermeiden, sollen  
vorrangig kranke Einzeltiere behandelt werden. Reserveantibiotika  
sollen der Humanmedizin vorbehalten werden. Um Lebendtiertrans-  
porte zu vermeiden, ziehen wir die regionale und mobile Schlach-  
tung dem Schlachten im zentralen Schlachthof vor und werden diese  
fördern. Wir wollen Tiertransporte auf vier Stunden begrenzen und  
besser kontrollieren, Lebendtiertransporte in Drittstaaten außerhalb  
der EU sollen ganz verboten werden.  
Tiere schützen und respektieren  
Tiere sind fühlende Lebewesen und brauchen Schutz, deshalb wer-  
den wir die gesetzlichen Regelungen zur Tierhaltung verbessern. Für  
alle Tiere, die wir Menschen halten, haben wir eine besondere Ver-  
antwortung. Wir wollen ihnen ein würdevolles, gutes und gesundes  
Leben frei von Schmerzen, Angst und Stress ermöglichen. Dafür gilt  
es, wirkungsvolle Sanktionen bei Tierschutzvergehen im Tierschutz-  
und Strafrecht zu verankern und gemeinsam mit den Ländern und  
Kommunen auf einen effektiven Vollzug hinzuwirken. Wir werden ein  
umfassendes Verbandsklagerecht für anerkannte Tierschutzorgani-  
sationen einführen. Die anerkannten Tierschutzorganisationen und  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN55Kapitel 1  
Bundestagswahlprogramm 2021  
ein\*e unabhängige\*r Bundestierschutzbeauftragte\*r sollen Auskunfts-  
und Akteneinsichtsrechte wahrnehmen und Rechtsverstöße bean-  
standen können. Der oder die Tierschutzbeauftragte soll zudem die  
zuständigen Bundesbehörden unterstützen sowie bei Gesetzesvor-  
haben und Tierschutzangelegenheiten beteiligt werden. Wir wollen  
bessere Regeln für Zucht, Haltung und Handel mit Tieren. Die Haltung  
von Wildtieren in Zirkussen werden wir beenden. Wir streben die wei-  
tere konsequente Reduktion von Tierversuchen in der Wissenschaft  
an und wollen sie mit einer klaren Ausstiegsstrategie und innovati-  
ven Forschungsmethoden schnellstmöglich ersetzen. Dafür arbeiten  
wir mit allen beteiligten Akteur\*innen an einer zukunftsorientierten  
tierfreien Forschung, fördern Investitionen in tierfreie Innovationen  
sowie die Weiterentwicklung von verbesserten Medikamenten- und  
Sicherheitsprüfungen und beschleunigen die Zulassung tierversuchs-  
freier Verfahren. Die EU-Vorgaben für Tierversuche werden wir end-  
lich in deutsches Recht umsetzen.  
Wildtierhandel an die Leine legen  
Die Covid-19-Pandemie hat deutlich gemacht, dass die Gesundheit  
von Umwelt, Tier und Mensch zusammengedacht werden und die-  
ser Planetary-Health-Ansatz zum Prinzip unseres Handelns werden  
muss. Der Raubbau an der Natur hat keine Zukunft. Die Pandemie  
basiert auf einer Zoonose, einer vom Tier auf den Menschen über-  
tragenen Infektionskrankheit. Solche Krankheiten werden immer  
häufiger, sie werden durch die fortschreitende Zerstörung der Natur  
und das Vordringen der Menschen in die letzten natürlichen Lebens-  
räume begünstigt. Dem gilt es überall auf der Welt entgegenzuwirken.  
Wildtiere gehören in die Wildnis, der Handel mit ihnen muss stren-  
ger reguliert, existierende Regularien müssen konsequent umgesetzt  
werden. In den Herkunftsländern müssen wirtschaftliche Alternativen  
aufgebaut werden. Wildtierhandel auf Online-Portalen und gewerb-  
lichen Börsen sowie kommerzielle Importe von Wildfängen und die  
Einfuhr von Jagdtrophäen müssen ganz verboten werden. Die Haltung  
von Tieren aus Wildtiernachzuchten sollte an eine Positivliste und  
einen Sachkundenachweis geknüpft werden, der sich an der Schwie-  
rigkeit der Haltung der jeweiligen Tierart bemisst. Auch die indust-  
rielle Tierhaltung kann zu Pandemien beitragen, wie sich an coronain-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN56Kapitel 1  
Bereit, weil Ihr es seid.  
fizierten Nerzen gezeigt hat. Die Tierhaltung ist deshalb auch an den  
Notwendigkeiten zur Eindämmung möglicher Zoonosen auszurichten.  
Wir werden uns dafür einsetzen, dass die Haltung von Tieren in und  
der Handel mit Pelzen aus Pelztierfarmen beendet werden.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN57Kapitel 2  
Bundestagswahlprogramm 2021  
Kapitel 2:  
In die Zukunft wirtschaften  
Klimaneutralität ist die große Chance für den Industriestandort  
Deutschland. Grüne Technologien aus Deutschland werden weltweit  
nachgefragt. Beim erneuerbaren Wasserstoff sind wir Europäer\*innen  
noch führend. Für große Teile der deutschen Industrie ist das Pariser  
Klimaabkommen fester Bestandteil der Planungen geworden, unter-  
nehmerische Investitionsstrategien sind auf Klimaschutz ausgerich-  
tet. Die meisten wissen, dass die Märkte der Zukunft klimaneutral sind.  
Und sie wissen: Deutschland kann so viel mehr. In den Unternehmen,  
den Köpfen und den Strukturen stecken die Innovationskraft und der  
Wille, in die Zukunft zu wirtschaften. Wir sehen, mit welcher Agilität  
Unternehmer\*innen neue Ideen oder Geschäftsmodelle entwickeln  
und dabei auch ihrer sozialen Verantwortung gerecht werden wol-  
len. Und wir sind überzeugt, dass das freie und kreative Handeln, die  
Dynamik eines fairen Wettbewerbs und die Stärke von gesellschaft-  
licher Kooperation innovativ Probleme lösen.  
Die Digitalisierung bedeutet einen weiteren großen Umbruch, der  
unsere Wirtschaft und die Gesellschaft maßgeblich prägt. Wir wollen  
die Digitalisierung gestalten und dafür sorgen, dass notwendige Inno-  
vationen in Europa entwickelt und marktfähig werden. Deutschland  
und Europa sollen auch bei Zukunftstechnologien die Spitze bean-  
spruchen. Dafür nutzen wir auch die Gestaltungsmöglichkeiten der  
deutschen G7-Präsidentschaft 2022.  
Allerdings steht die deutsche und europäische Wirtschaft unter gro-  
ßem Druck: Unser Industrieland muss sich im globalen Wettbewerb mit  
autoritärem Staatskapitalismus und weitgehend unregulierten Tech-  
giganten behaupten. Die Pandemie hat viele Wirtschaftszweige hart  
getroffen, einige Sektoren hatten schon zuvor die Transformation ver-  
schlafen. Die Klimakrise und die Endlichkeit von Ressourcen verlangen  
ein Umsteuern. Zugleich ist unser Verständnis von dem, was Wohlstand  
ist, im Wandel. Wenn wir es jetzt aber klug anstellen, können wir unser  
Wirtschafts- und Finanzsystem neu eichen. Dann können wir dafür sor-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN58Kapitel 2  
Bereit, weil Ihr es seid.  
gen, dass Wachstum nur im Einklang mit den planetaren Grenzen statt-  
findet, statt unsere natürlichen Ressourcen zu übernutzen.  
Unsere Sozialsysteme, den Arbeitsmarkt und die Staatsfinanzie-  
rung richten wir darauf aus, auch beim Wirtschaften innerhalb die-  
ser Grenzen stabil zu bleiben. Wir können eine sozial-ökologische  
Marktwirtschaft im Sinne des Gemeinwohls in Europa begründen, die  
Wohlstand mit Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit versöhnt und den  
Menschen dient. Sie ist Ausgangspunkt für eine neue wirtschaftli-  
che Dynamik, die zukunftsfähige Jobs schafft, im Handwerk, bei Start-  
ups oder in der Dienstleistungsbranche, die Lebensqualität sichert,  
uns Menschen freie Entfaltung ermöglicht und einen klimagerechten  
Wohlstand schaffen kann.  
Dafür ist eine Politik nötig, die will, die nach vorne führt und ver-  
lässlich steuert. Nicht weil der Staat besser wirtschaften kann, sondern  
weil die Wirtschaft klare Verhältnisse, verlässliche politische Rahmen-  
bedingungen und Anreize braucht. Nur dann haben Unternehmen Pla-  
nungssicherheit und wissen, dass sich klimaneutrales, nachhaltiges  
Wirtschaften lohnt. Und nur dann kann sich die Innovationskraft von  
Beschäftigten und Unternehmer\*innen entfalten in einzelbetrieblich  
sinnvollen Entscheidungen für nachhaltigen Wohlstand.  
Ungeregelte Märkte können sehr viel zerstören. Wenn wir Märkte  
aber nachhaltig und sozial gestalten, können sie Innovationen ent-  
fachen, die wir für die Transformation brauchen. Damit das gelingt,  
stellen wir die Weichen konsequent auf Klimaneutralität und Kreis-  
laufwirtschaft und ermöglichen der Wirtschaft neue Spielräume  
innerhalb der planetaren Grenzen. Wir schaffen Anreize, streichen  
umweltschädliche Subventionen und setzen ordnungspolitische  
Regeln, damit nachhaltig produziert, gehandelt und konsumiert wird.  
Wir nutzen Konzepte wie Wachstum, Effizienz, Wettbewerb und Inno-  
vation als Mittel zum Zweck und bemessen klimagerechten Wohl-  
stand, das eigentliche Ziel von Politik, neu. Wir starten eine umfas-  
sende Investitionsoffensive, öffentlich wie privat, um dem immensen  
Investitionsstau in unserem Land zu begegnen und Klimaschutz, Digi-  
talisierung und Bildung deutlich zu stärken. Dafür setzen wir auf eine  
vorsorgende Haushaltspolitik.  
Wir gehen die Ungerechtigkeiten im Steuersystem entschlossen  
an und nutzen die Lenkungswirkung von Steuern für Klimaschutz  
und Kreislaufwirtschaft. Wir sorgen dafür, dass sich sehr wohlha-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN59Kapitel 2  
Bundestagswahlprogramm 2021  
bende und reiche Menschen und große Konzerne ihrer Verantwor-  
tung stärker stellen. Globale Konzerne sollen nicht mächtiger sein als  
Staaten – es gilt das Primat der demokratischen Politik zu behaup-  
ten. Wir wollen die enorme Kluft zwischen Arm und Reich verrin-  
gern, denn Gesellschaften, in denen die Ungleichheit gering ist, sind  
insgesamt zufriedenere Gesellschaften. Hohe Einkommen und Ver-  
mögen sollen deshalb mehr zur Finanzierung unseres Gemeinwe-  
sens beitragen und niedrige werden entlastet. Anhaltende schwere  
wirtschaftliche Ungleichgewichte in Europa und weltweit wollen  
wir ebenfalls helfen abzubauen, indem wir in Deutschland verstärkt  
öffentlich investieren und gute Löhne durchsetzen.  
Wirtschafts- und Finanzpolitik muss europäisch gemacht werden.  
Als Europäer\*innen können wir mit unserem starken gemeinsamen  
Binnenmarkt internationale Standards setzen und Innovationen vor-  
antreiben. Solange es Wettbewerbsverzerrung gibt, braucht es auch  
den Schutz des EU-Binnenmarktes und vor allem der kritischen Infra-  
struktur. Zugleich setzen wir uns für eine gemeinsame strategische  
Außenwirtschaftspolitik ein, die Fairness zu einem Gebot des inter-  
nationalen Wettbewerbs und des freien Welthandels macht und welt-  
weit nachhaltiges und menschenrechtskonformes Wirtschaften beför-  
dert. Als Europäer\*innen investieren wir gemeinsam in Klimaschutz,  
Forschung und den Wohlstand der Zukunft, den Weg dahin bereit ein  
Green New Deal. In einer Bundesregierung werden wir alles dafür tun,  
dass die Europäische Union der erste CO2-freie Wirtschaftsraum wird.  
So legen wir die Grundlagen dafür, dass Deutschland und Europa  
erfolgreiche Industriestandorte mit einem leistungsfähigen Mittel-  
stand, hoher Wertschöpfung, starkem Sozialstaat und guten Arbeits-  
plätzen bleiben – in traditionsreichen und innovativen Industrie-  
unternehmen, im Maschinenbau, in kleinen und mittelständischen  
Betrieben. Mit einer aktiven Wirtschafts- und Industriepolitik zeigen  
wir eine Richtung auf und bieten zukunftsfähigen Unternehmen gute  
Bedingungen. So machen wir aus der Marke „Made in Germany“ ein  
Gütesiegel für eine zukunftsfähige Wirtschaft in einem klimaneut-  
ralen und sozialen Europa. Außerdem fördern wir eine kooperative  
und fürsorgende Wirtschaftsweise. So entstehen viele Arbeitsplätze  
in regionalen Wertschöpfungsketten, gemeinwohlorientiert statt  
gewinnorientiert. Wir brauchen eine vielfältige Wirtschaft, die wider-  
standsfähig gegenüber Krisen wird.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN60Kapitel 2  
Bereit, weil Ihr es seid.  
Wir fördern Unternehmer\*innengeist,  
Wettbewerb und Ideen  
Ein Jahrzehnt der Zukunftsinvestitionen  
Nach der Corona-Pandemie braucht unser Land einen neuen wirt-  
schaftlichen Aufbruch. Das Beste, was die Politik dazu beitragen kann,  
ist, das zu tun, was sie die letzten zehn Jahre sträflich versäumt hat:  
in unsere gemeinsame Zukunft zu investieren. Nur wenn auch der  
Staat seinen Teil beiträgt, wenn öffentliche und private Investitio-  
nen gemeinsam auf ein Ziel ausgerichtet werden, wird Europa den  
Anschluss im Bereich moderner Zukunftstechnologien halten und  
sich im Wettbewerb mit den USA und China behaupten können. Wir  
starten in der nächsten Legislaturperiode eine Investitionsoffensive.  
Mit Investitionen in schnelles Internet, überall. Spitzenforschung vom  
Quantencomputer bis zur modernsten Biotechnologie. In klimaneut-  
rale Infrastrukturen, in Ladesäulen, einen Ausbau von Bahn-, Fuß- und  
Radverkehr, emissionsfreie Busse, in Energiespeichertechnologien,  
erneuerbare Energien und moderne Stadtentwicklung. Wir wollen,  
dass Deutschland bei den öffentlichen Investitionen im Vergleich  
der Industrieländer vom Nachzügler zum Spitzenreiter wird und in  
diesem Jahrzehnt pro Jahr 50 Milliarden Euro zusätzlich investieren.  
Diese Investitionen sollen auch dem Gender Budgeting unterliegen.  
So gelingt die sozial-ökologische Transformation, so schaffen wir  
nachhaltigen Wohlstand und sichern die Wettbewerbsfähigkeit unse-  
res Landes in einer handlungsfähigen Europäischen Union.  
Neustart nach der Corona-Krise  
Die Corona-Pandemie hat viele Unternehmen hart getroffen. Wäh-  
rend die einen sich hoch verschulden mussten, haben es andere nicht  
durch die Krise geschafft und mussten ihr Geschäft aufgeben. Beson-  
ders hart sind Restaurants, Gaststätten, Hotels, die Tourismus- und  
Veranstaltungsbranche, die Kulturwirtschaft, aber auch viele Einzel-  
händler\*innen und Solo-Selbständige betroffen. Ein Neustart nach der  
Corona-Krise muss daher gezielt den besonders betroffenen Branchen  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN61Kapitel 2  
Bundestagswahlprogramm 2021  
helfen – und zugleich ein Signal für den Richtungswechsel zur Kli-  
maneutralität setzen. Damit sichern wir Existenzen, erhalten Arbeits-  
plätze und setzen zielgenaue konjunkturelle Impulse. Hierfür dehnen  
wir vor allem für kleine und mittlere Unternehmen den steuerlichen  
Verlustrücktrag aus, führen attraktive und zeitlich begrenzte Abschrei-  
bungsbedingungen ein und helfen kleinen und mittleren Unterneh-  
men, sich mit vereinfachten Restrukturierungsverfahren leichter neu  
aufzustellen, ohne Insolvenz anmelden zu müssen. Falls Coronahilfen  
zurückgezahlt werden müssen, benötigen die Unternehmen groß-  
zügige Konditionen. Für viele Selbständige können sichere Aufträge  
durch handlungsfähige Kommunen den Neustart nach der Pandemie  
unterstützen. Die Kunst- und Kulturbranche wollen wir unter anderem  
durch eine abgestimmte Kulturförderpolitik stärken und eine zweite  
Gründungschance. In der Corona-Krise wurden viele Aktiengesell-  
schaften durch staatliche Hilfen gestützt. Mittels Kurzarbeiter\*innen-  
geld, Beteiligungen oder anderer Finanzhilfen wurden die Unterneh-  
men vor der Pleite bewahrt. Für neue Hilfen muss gelten: Firmen, die  
Staatshilfen erhalten, dürfen keine Dividenden ausschütten.  
Klimaschutztechnologien made in Germany  
Der globale Wettbewerb um die Technologien von morgen ist in vol-  
lem Gange. Made in Germany soll zukünftig nicht nur für Qualität,  
sondern noch stärker für nachhaltige und innovative Produkte und  
Prozesse stehen. Digitalisierung und Klimaneutralität müssen Staat  
und Unternehmen gemeinsam in Angriff nehmen. Während der Staat  
mehr öffentliche Investitionen realisiert, wollen wir zugleich Anreize  
für mehr Investitionen durch Unternehmen setzen. Dafür erweitern  
wir zielgerichtet die Spielräume für die Unternehmen: Investitionen  
sollen zeitlich befristet degressiv mit mindestens 25 Prozent abge-  
schrieben werden können. Die steuerliche Förderung von Forschung  
soll künftig gezielter an KMUs und Start-ups fließen, ihre Wirksamkeit  
wollen wir evaluieren und erhöhen. Öffentliche Investitionszuschüsse  
sollen gerade bei neuen Technologien eine Starthilfe geben; Klima-  
verträge helfen, dauerhafte Planungssicherheit für langfristige Klima-  
schutzinvestitionen zu geben.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN62Kapitel 2  
Bereit, weil Ihr es seid.  
Ein Gründungskapital einführen  
Um den Wohlstand von morgen zu sichern, brauchen wir eine neue  
Gründer\*innenwelle. Mit einem Gründungskapital, das für Gründer\*in-  
nen und Nachfolger\*innen einen Einmalbetrag bis maximal 25.000  
Euro sicherstellt, wollen wir dafür sorgen, dass keine gute Idee und  
kein Neustart an zu wenig Eigenkapital scheitert. Bedingung ist, dass  
die geförderte Gründung sich an den UN-Nachhaltigkeitszielen aus-  
richtet und eine Wirtschaftlichkeitsprüfung durch Sachverständige  
durchgeführt wird. Gründer\*innen sollen es leicht haben: Statt sich  
durch ein Verwaltungsdickicht quälen zu müssen, sollen sie Infor-  
mation, Beratung und die Möglichkeit zur Anmeldung in einer zen-  
tralen Anlaufstelle erhalten – überall in Deutschland. In den ersten  
zwei Jahren sollen sie weitgehend von Melde- und Berichtspflichten  
befreit werden. Frauen sind bei Gründungen und Nachfolgen noch  
unterrepräsentiert, sie wollen wir gezielt fördern mit einem staat-  
lichen Wagniskapitalfonds nur für Frauen. Vergabe- und Auswahl-  
gremien besetzen wir paritätisch. Hürden sollten auch für Menschen  
mit Migrationsgeschichte abgebaut werden, hier lässt unser Land ein  
riesiges Potenzial brachliegen. Bei der öffentlichen Vergabe beziehen  
wir Start-ups besser ein und vereinfachen dafür Vergabeverfahren  
und Regeln zur Eignungsprüfung. Wir werden die Mitarbeiterbeteili-  
gung breiter zugänglich machen und erleichtern. Immer mehr Start-  
ups wollen mit digitalen Lösungen das Gemeinwohl stärken. Dazu  
integrieren wir sozial-ökologische Kriterien stärker in die bestehende  
Gründungsfinanzierung.  
Fairer Wettbewerb um klimaneutrale Industrietechnologien  
Die energieintensiven Industrien – Stahl, Zement, Chemie – stehen  
für 15 Prozent des deutschen CO2-Ausstoßes. Zugleich bieten sie hun-  
derttausende gute Arbeitsplätze und sind ebenso Eckpfeiler unseres  
Wohlstandes. Wir wollen diese Industrien zum Technologievorreiter  
bei der Entwicklung klimaneutraler Prozesse machen. Der Maschi-  
nenbau kann beim weltweiten Einsatz grüner Technologien made in  
Germany eine Schlüsselrolle einnehmen. So bekämpfen wir die Kli-  
makrise und tragen zur Sicherung des deutschen Industriestandorts  
bei. Damit die Investitionen schon heute in auch langfristig klima-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN63Kapitel 2  
Bundestagswahlprogramm 2021  
verträgliche Anlagen fließen können, fördern wir mit Investitionszu-  
schüssen und degressiven Abschreibungen direkt die Transformation.  
Mit dem Abbau von Hürden bei der grünen Eigenstromversorgung  
und einem zunehmenden Einsatz von grünem Wasserstoff treiben  
wir die Dekarbonisierung der Prozesse voran. Klimaverträge (Carbon  
Contracts for Difference), die die Differenz zwischen dem aktuellen  
CO2-Preis und den tatsächlichen CO2-Vermeidungskosten finanzie-  
ren, sorgen für Investitionssicherheit. Und mit Quoten für den Anteil  
CO2-neutraler Grundstoffe schaffen wir Leitmärkte für CO2-freie Pro-  
dukte. Pilotanlagen für noch nicht marktreife emissionsarme Techno-  
logien wollen wir besonders fördern. Und sofern möglich, sollte das  
Ziel sein, dass neue Industrieanlagen bereits emissionsfrei betreib-  
bar gebaut bzw. exportiert werden. Bei der Transformation der Che-  
mieindustrie setzen wir auf neue innovative Produkte, Prozesse und  
Verfahren, die neben der Treibhausgasneutralität auch die Kreislauf-  
wirtschaft fördern, die Effizienz steigern, Emissionen und Abfälle von  
vornherein vermeiden und uns unabhängig von fossilen Rohstoffen  
wie Erdöl oder Erdgas machen.  
Zukunftsfähige Automobilindustrie  
Die Automobilindustrie steht vor gewaltigen Umbrüchen. Weltweit  
läuft der Wettbewerb um das emissionsfreie und digitale Auto der  
Zukunft. Nach Jahren des Stillstands hat sich auch die Branche in  
Deutschland endlich auf den Weg gemacht. Jetzt braucht es Entschlos-  
senheit und Zusammenarbeit, um zukunftsfähige Arbeitsplätze und  
klimagerechte Wertschöpfung in der Autoindustrie zu schaffen. Die  
Transformation der Automobilwirtschaft hin zum wichtigen Akteur  
für nachhaltige Mobilität ist notwendig. Der Politik kommt dabei  
eine zentrale Rolle zu, sie muss den Rahmen setzen und den Trans-  
formationsprozess gestalten. Klar ist dabei: Der Verbrennungsmotor  
hat keine Zukunft. Wir wollen ab 2030 nur noch emissionsfreie Autos  
neu zulassen. Zudem wollen wir auch in der Autoindustrie Standards  
für eine Kreislaufwirtschaft und klimaneutrale Produktion sowie die  
Dekarbonisierung im Stahlbereich setzen, sodass der ökologische  
Fußabdruck der Fahrzeuge immer kleiner wird. Wir unterstützen diese  
Transformation mit Forschungs- und Innovationsförderung für alle  
Technologieoptionen und wollen den schnellen Aufbau der Ladesäu-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN64Kapitel 2  
Bereit, weil Ihr es seid.  
leninfrastruktur und den Markthochlauf von emissionsfreien Fahrzeu-  
gen im Rahmen eines kostenneutralen Bonus-Malus-Systems fördern.  
Die Potenziale neuer Mobilitätsdienstleistungen und des autonomen  
Fahrens für den Industriestandort und auch für Klimaschutz und Ver-  
kehrssicherheit wollen wir dabei heben. Zudem gilt es, die Chancen für  
Wertschöpfung und Arbeitsplätze der Mobilitätswende in den Blick zu  
nehmen: von neuen Jobs im ÖPNV bis zur Fahrzeugproduktion. Wich-  
tig ist zudem, dass Deutschland und Europa schnell den Anschluss  
bei der Batteriezellenproduktion finden. Gerade für die Batterien der  
nächsten Generation, die günstiger und ressourcensparender sind,  
wollen wir in Europa eine eigene, nachhaltige Batteriezellenproduk-  
tion schaffen, zu der ein wirksames Recyclingsystem gehört sowie die  
Forschung und Entwicklung der nächsten Batteriegeneration. Dazu  
setzen wir auf klare Vorgaben bei den Ökostandards und ein umfas-  
sendes Forschungs- und Förderprogramm. Wir wollen die besonders  
betroffenen Autoregionen mit regionalen Transformationsdialogen  
und -fonds unterstützen. Damit erhalten wir die Wertschöpfungskette  
im Mittelstand und sichern Arbeitsplätze vor Ort. Die Beschäftigten  
der Automobilindustrie und ihrer Zulieferer wollen wir mit Qualifizie-  
rungsangeboten und Weiterbildung unterstützen.  
Europäische Halbleiterindustrie stärken  
Eine erfolgreiche und weitsichtige Industriepolitik wird nur dann  
funktionieren, wenn auch gesamteuropäisch gedacht wird. Gerade  
mit Blick auf eine nötige sektorale Strukturförderung, wie den Aufbau  
einer Wasserstoffinfrastruktur, der Solarmodul- und Batteriezellferti-  
gung oder die Förderung der Halbleiterindustrie, ist eine europäische  
Ausrichtung entscheidend. Um kritische Abhängigkeiten zu verringern,  
setzen wir auf europäische Kooperation mit offenen Standards. Die EU-  
Kapazität im Bereich der Halbleitertechnologie soll wie von der EU-  
Kommission vorgeschlagen auf 20 Prozent der weltweiten Produktion  
ausgebaut werden. Das gilt vor allem für die Bereiche, in denen wir  
bei der Halbleitertechnologie für industrielle Anwendungen bereits  
eine starke europäische Stellung haben oder in denen eine besonders  
dynamische zukünftige Entwicklung zu erwarten ist, wie zum Beispiel  
bei den erneuerbaren Energien. Hierzu müssen Investitionen entlang  
der Halbleiter-Wertschöpfungskette erhöht werden.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN65Kapitel 2  
Bundestagswahlprogramm 2021  
Erneuerbare Energien made in Europe:  
Schlüsselbranche für den Klimaschutz  
Um klimaneutral zu werden, brauchen wir vor allem eins: richtig viel  
erneuerbare Energien. Um die Anlagen dafür bauen zu können, wollen  
wir nicht komplett von außereuropäischen Lieferanten abhängig sein  
und so in die nächste Importabhängigkeit geraten. Die gute Nachricht  
ist: Noch gibt es Hersteller von wichtigen Komponenten wie Windrä-  
dern und Wechselrichtern in Europa und auch für die enorm wichtige  
PV-Modul-Produktion gibt es wieder erste Investitionen in Produk-  
tionskapazitäten. Zahlreiche Innovationen in der Photovoltaik deuten  
darauf hin, dass das Potenzial dieser Technologie bei weitem nicht  
ausgeschöpft ist. Die deutsche Solarindustrie soll zur Impulsgeberin  
werden. Diese Entwicklung wollen wir mit gezielten Investitionshil-  
fen unterstützen.  
Kreislaufwirtschaft zum Standard machen,  
Reparatur- und Recyclingindustrie voranbringen  
Müll ist ein Designfehler und eine Verschwendung wichtiger Ressour-  
cen und Rohstoffe – die endlich sind und uns abhängig machen. Auf  
dem Weg zur Kreislaufwirtschaft brauchen wir eine neue Rohstoff-  
politik, die den Einsatz von Primärrohstoffen reduziert, fossile durch  
nachwachsende Rohstoffe ersetzt und die globale Rohstoffgewin-  
nung an hohe Transparenz-, Sozial- und Umweltstandards bindet. Bei  
der Gewinnung heimischer Rohstoffe wollen wir den Dialog zwischen  
den beteiligten Akteuren forcieren. Ob Verpackung, Gebäude, Auto  
oder Laptop – wir schaffen die gesetzlichen Rahmenbedingungen  
und ökonomischen Anreize dafür, dass alle Produkte lange verwen-  
det, wiederverwendet, gemeinsam genutzt, repariert und hochwertig  
recycelt werden können. Im Ergebnis heißt das bis spätestens 2050:  
kein Müll mehr, Schluss mit geplantem Verschleiß, dafür mehr grüne  
Jobs vor Ort in einer neuen europäischen Reparatur- und Recyclingin-  
dustrie, die die Abhängigkeit von endlichen Ressourcen und Rohstoff-  
importen verringert. Den Weg dorthin weisen wir mit verbindlichen  
Herstellerverpflichtungen, ambitionierten Recyclingquoten, Steuer-  
und Abgaberegelungen, Normen und Standards und gezielten För-  
derprogrammen. Bis 2030 werden wir alle Güter und Materialien, die  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN66Kapitel 2  
Bereit, weil Ihr es seid.  
auf den Markt kommen, mit einem digitalen Produktpass ausstatten,  
der Unternehmen und Verbraucher\*innen alle für sie wichtigen Infor-  
mationen über Design, CO2-Fußabdruck, Reparierbarkeit und Materia-  
lien bereitstellt, die für eine klimaneutrale Kreislaufwirtschaft nötig  
sind. Effizienter Materialeinsatz und Kreislaufwirtschaft reduzieren  
den Energiebedarf und tragen wesentlich zum Gelingen der Energie-  
wende bei.  
Forschungsergebnisse in die Praxis bringen,  
Gründungskultur beleben  
An unseren Hochschulen und Forschungseinrichtungen wird nach  
höchsten Standards geforscht. Vielversprechende Forschungsergeb-  
nisse – gerade auch aus der Grundlagenforschung – müssen aber  
noch öfter in die Praxis gelangen. Die Impfstofferfolge machen dabei  
Mut: Eine völlig neue Technologie ermöglichte in Rekordzeit die Ent-  
wicklung und Produktion gleich mehrerer Corona-Impfstoffe. Struk-  
turelle Hemmnisse verhindern aber immer noch Ausgründungen. Die  
bestehenden Förderprogramme zum Transfer in die Anwendung rei-  
chen nicht aus. Wir wollen den Ausbau von Förderprogrammen für  
Hightech-Start-ups, Gründungszentren und Entrepreneurship-Ausbil-  
dungen vorantreiben. Die stille Beteiligung der öffentlichen Institu-  
tionen soll zum neuen Ausgründungsstandard werden. Zudem wollen  
wir die Entwicklung von Impfstoffen, Medikamenten und Medizinpro-  
dukten stärker fördern. Wenn sie mit einem erheblichen Anteil öffent-  
licher Gelder erforscht und entwickelt werden, sind an die Förderung  
klare Bedingungen bezüglich der Transparenz der Forschungskosten,  
fairer Preisgestaltung und weltweit gerechten Zugangsmöglichkeiten  
zu knüpfen. Zusätzlich setzen wir uns für eine mittelfristige Verein-  
heitlichung des Gründungs- und des Gesellschaftsrechts innerhalb  
des Europäischen Wirtschaftsraums ein.  
Führungsgremien vielfältiger machen  
Deutschland ist vielfältig, seine Führungsetagen sind es (noch) nicht.  
Dabei führen diverse Teams Unternehmen erfolgreicher. Die Vielfalt  
der deutschen Gesellschaft muss sich deshalb auch dringend in den  
Führungs- und Entscheidungsgremien und der Wirtschaft abbilden.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN67Kapitel 2  
Bundestagswahlprogramm 2021  
Obwohl Frauen mindestens gleich gut qualifiziert sind wie Män-  
ner, fehlen sie dort. Unser Ziel ist und bleibt: die Hälfte der Macht  
den Frauen. Freiwillige Regelungen haben nichts gebracht. Deshalb  
brauchen wir Quoten, die wirklich die kritische Masse herstellen, um  
zu unserem Ziel von 50 Prozent Frauenanteil zu gelangen. So soll  
zukünftig verpflichtend mindestens ein Drittel der Vorstandssitze grö-  
ßerer und börsennotierter Unternehmen bei Neubesetzung an Frauen  
gehen. Um das zu erleichtern, wollen wir auch Hindernisse wie feh-  
lende Elternzeitregelungen im Aktienrecht beseitigen. Die Aufsichts-  
räte dieser Unternehmen sollen bei Neubesetzungen verpflichtend  
einen Frauenanteil von mindestens 40 Prozent anstreben. Unter-  
nehmen, die in der Hand des Bundes sind oder an denen der Bund  
beteiligt ist, Ministerien und Behörden sollen mit klaren Plänen für  
paritätische Betriebsstrukturen als gutes Beispiel vorangehen. Karrie-  
reförderung beginnt nicht erst an der Spitze. Wir setzen uns deshalb  
dafür ein, in Unternehmen und Organisationen Hürden für den Auf-  
stieg von Frauen abzubauen. In Ministerien, Verwaltungen, Anstalten  
des öffentlichen Rechts, kommunalen Verbänden und kommunalen  
Unternehmen werden perspektivisch ebenfalls 50 Prozent Frauen in  
Führungspositionen angestrebt. Die Wirtschaftsförderung wollen wir  
geschlechtergerechter ausgestalten und Frauen dort, wo sie unter-  
repräsentiert sind, mit gezielten Maßnahmen fördern, zum Beispiel  
durch einen staatlichen Wagniskapitalfonds nur für Gründerinnen.  
Fachkräftemangel bekämpfen  
Durch den demografischen Wandel wird in den kommenden 15 Jah-  
ren die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter um sechs Millio-  
nen schrumpfen. Gleichzeitig erfordern die Berufe der Zukunft ganz  
neue Fähigkeiten. Der Arbeits- und Fachkräftemangel wird sich ver-  
stärken. Dem wollen wir entgegenwirken. Dafür investieren wir mehr  
in berufliche und berufsbegleitende Bildung. Die duale Berufsaus-  
bildung soll durch eine Weiterentwicklung und Modernisierung ins-  
besondere der Lehrinhalte und der Ausstattung aufgewertet werden.  
Die Finanzierung bedarf der Anpassung. Der Meisterbrief soll wie ein  
Studium kostenfrei werden. Wir lassen keine Potenziale mehr unge-  
nutzt: Hürden, die Frauen, Älteren, Menschen mit Behinderungen,  
Jugendlichen aus einkommensarmen Elternhäusern oder Menschen  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN68Kapitel 2  
Bereit, weil Ihr es seid.  
mit Migrationsgeschichte oft noch im Weg stehen, bauen wir ab und  
werden Geschlechterstereotypen entgegenwirken. Einwanderung in  
unser Land erleichtern wir mit der Einführung einer Talentkarte und  
einer schnelleren Anerkennung ausländischer Bildungs- und Berufs-  
abschlüsse, auch wechselseitig in der EU. Allgemein wollen wir die  
Anerkennung ausländischer Bildungsabschlüsse beschleunigen sowie  
das Anerkennungsverfahren kostengünstiger gestalten. Um faire Ver-  
fahren bei der Anerkennung akademisch anerkannter Hochschul-  
abschlüsse, die bisher ohne staatliche Anerkennung sind, für alle zu  
gewährleisten, wollen wir mögliche Anpassungsbedarfe überprüfen  
und die Anerkennungspraxis verbessern. Geflüchtete sollen die Mög-  
lichkeit zum Spurwechsel bekommen, der ihnen während Ausbildung,  
Studium und Arbeit mehr Rechtssicherheit und damit eine berufliche  
Perspektive in Deutschland ermöglicht. Wir unterstützen Betriebe, die  
Geflüchteten und Einwander\*innen eine Chance auf Ausbildung und  
Beschäftigung geben, bei Bedarf durch konkrete Ansprechpersonen,  
Qualifizierung, Beratung und Begleitung.  
Mittelstandspolitik ist Innovationspolitik  
Der deutsche Mittelstand ist vielfältig, innovativ und international  
wettbewerbsfähig. Hier entstehen die Lösungen für die Herausforde-  
rungen der Zukunft, er sichert Wertschöpfung in den Regionen und  
für sie. Unsere Mittelstandspolitik setzt auf den Dreiklang aus einer  
Verringerung bürokratischer Lasten, einer innovationsfreundlichen  
Steuerpolitik sowie einer breitenwirksamen Forschungslandschaft.  
Mit schnelleren Planungen und Genehmigungen und einer effizienten,  
digitalen Verwaltung unterstützen wir den Mittelstand bei Innovation  
und Transformation. Berichtspflichten sollen vereinfacht werden. Dafür  
sollten Vorhaben ausgetestet und mit Anwender\*innen aus Verwaltung  
und Unternehmen aller Größen gemeinsam verbessert werden. Dafür  
ist die konsequente Anwendung und Verbesserung sogenannter KMU-  
Tests auf nationaler und europäischer Ebene ebenso erforderlich wie  
der Ausbau innovationsorientierter öffentlicher Beschaffung. Zur Ent-  
lastung und Förderung der Solo-Selbständigen und Kleinstunterneh-  
men wird die Gewinngrenze für die Buchführungspflicht angehoben.  
Wir setzen uns für gute Bedingungen für kleine Betriebe und Selb-  
ständige ein, damit sie im Wettbewerb faire Chancen erhalten. För-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN69Kapitel 2  
Bundestagswahlprogramm 2021  
derprogramme und Investitionszuschüsse wollen wir nachhaltig aus-  
gestalten und dafür sorgen, dass sie vor allem KMUs zugutekommen.  
Dafür sollen sie deutlich einfacher zu beantragen und zu dokumen-  
tieren sein. Außerdem sollen passgenaue Beratungen für Klimaschutz  
und Digitalisierung gefördert werden, auch über längere Zeiträume.  
Die Förderung regionaler Innovationsökosysteme aus Hochschulen,  
Mittelstand und Zivilgesellschaft wollen wir durch die Gründung einer  
eigenständigen Innovationsagentur (D.Innova) konsequent stärken.  
Ausgerichtet an den globalen Nachhaltigkeitszielen soll die D.Innova  
solche Innovationsnetzwerke systematisch, proaktiv und flexibel för-  
dern – von Aachen bis Anklam, von Flensburg bis Füssen. Wir wollen  
die regionale Wirtschaft mit den vor Ort agierenden Unternehmen,  
Wertschöpfungsketten und Produkten stärken und setzen auf klar defi-  
nierte regionale Kennzeichnungen und Förderkonzepte.  
Bezahlbare Mieten für kleine und mittlere Unternehmen  
Mit der Immobilienspekulation sind in den Städten vielfach auch die  
Gewerbemieten wirtschaftlich unverträglich angestiegen und ein  
Ende dieser Entwicklung ist nicht in Sicht. Viele kleine Händler\*innen  
und Gewerbetreibende werden verdrängt. Wir wollen, dass kleine und  
mittlere Unternehmen, genau wie soziale Einrichtungen, dauerhaft  
einen verbesserten Kündigungsschutz bekommen und mehr Rechte,  
befristete Mietverträge zu angemessenen Bedingungen zu verlän-  
gern. Darüber hinaus streben wir die Einführung einer Gewerbemiet-  
preisbremse an, die in Städten mit angespanntem Gewerberaummarkt  
die Begrenzung von Gewerbemieten erlaubt.  
Wettbewerbsrecht für das 21. Jahrhundert  
Ein starkes Wettbewerbsrecht ist die Voraussetzung für faire Wirt-  
schaftsbeziehungen, verhindert Monopole und schützt die Verbrau-  
cher\*innen. Im Wettbewerb dürfen auch der Umweltschutz und sozi-  
ale Standards nicht zum Kollateralschaden werden. Deshalb wollen  
wir die nationalen Regeln zu unlauterem Wettbewerb so anpassen,  
dass ein Verstoß gegen Umwelt- und Sozialstandards als unlauterer  
Wettbewerb verfolgt werden kann. Zudem wollen wir erreichen, dass  
Umweltschutzaspekte grundsätzlich im Rahmen von deutschen und  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN70Kapitel 2  
Bereit, weil Ihr es seid.  
europäischen Fusionskontrollverfahren berücksichtigt werden. Den  
Verbraucherschutz wollen wir zu einem Zweck des Gesetzes gegen  
Wettbewerbsbeschränkungen machen und seine behördliche Durch-  
setzung effektiv stärken. Das umstrittene Ministererlaubnisverfahren  
im Rahmen von Fusionskontrollen wollen wir so anpassen, dass Ver-  
fahrensgegner\*innen wieder ihre vollständigen Klagemöglichkeiten  
erhalten. Datenschutzbehörden sollen bei der Zusammenschlusskon-  
trolle des Bundeskartellamts konsultiert und ihre Stellungnahmen  
bei der Entscheidung über eine Fusion berücksichtigt werden.  
Zukunftsfähigkeit eines starken Handwerks sichern  
Das Handwerk ist in unserem Alltag überall präsent und unverzicht-  
bar. Es zeichnet sich durch eine große Heterogenität aus: vom Hei-  
zungsinstallateurbetrieb bis zur Bäckerei, vom mittelständischen  
Unternehmen mit hunderten Beschäftigten bis zum Kleinstbetrieb.  
Es ist einer der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren in Deutschland.  
Das Handwerk bietet in einer nachhaltigen Wirtschaft krisensichere  
Arbeitsplätze und trägt entscheidend zur ökologischen Wende bei.  
Es bietet auch im ländlichen Raum jungen Menschen eine Perspek-  
tive. Gerade für sie liegen in der ökologischen Transformation riesige  
Chancen – von der Gebäudesanierung bis zum Heizungstausch. Durch  
Bürokratieabbau, die Unterstützung bei Nachfolgen und die gezielte  
Förderung der Ausbildung im Handwerk wollen wir die Rahmenbe-  
dingungen verbessern. Oberstes Ziel ist der Erhalt und die Zukunfts-  
fähigkeit der Betriebe. In verschiedenen Bereichen wie dem Gebäu-  
debereich bedarf es auch der deutlichen Aufstockung der Anzahl der  
Aus- und Weitergebildeten. Damit Handwerksberufe noch attraktiver  
werden, setzen wir auf eine stärkere Tarifbindung, branchenspezifi-  
sche Mindestvergütungen und mehr Gleichwertigkeit von beruflicher  
und akademischer Ausbildung. Die Durchlässigkeit vom Studium zum  
Handwerk und zurück sollte selbstverständlich werden, genauso wie  
internationaler Austausch und Zugang zu Stipendien.  
Kultur schafft Wohlstand  
Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist eine der am meisten unter-  
schätzten Branchen in Deutschland. Vor Corona erzielten die über 1,2  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN71Kapitel 2  
Bundestagswahlprogramm 2021  
Millionen Kreativen und Kulturschaffenden allein im Jahr 2019 einen  
Umsatz von knapp 180 Milliarden Euro – mehr als beispielsweise die  
chemische Industrie oder Finanzdienstleister. Doch die Kultur- und  
Kreativwirtschaft ist durch die Corona-Krise existenziell bedroht,  
besonders auch kleinere Betriebe wie unabhängige Verlage, Privat-  
theater, Programmkinos, kleine Clubs und Veranstaltungsorte. Nur mit  
gezieltem Schutz und verbesserter Förderung werden wir große Teile  
unseres kulturellen Lebens vor dem Wegbrechen retten können. Wir  
erweitern den Innovationsbegriff in den Programmen zur Existenz-  
gründungsförderung, sodass davon auch die Kultur- und Kreativwirt-  
schaft profitiert. Förderprogramme schneiden wir spezifisch auf die  
Bedürfnisse der Kultur- und Kreativwirtschaft zu und wir bauen die  
Gründungsförderung aus der Arbeitslosigkeit bedarfsgerecht aus.  
Der Tourismuswirtschaft nachhaltig auf die Beine helfen  
Die Reise- und Tourismuswirtschaft – ein zentraler Wirtschaftsfak-  
tor und millionenfache Arbeitgeberin – ist durch die Corona-Krise  
schwer getroffen. Wir wollen ihr wieder auf die Beine helfen und  
zugleich den Nach-Corona-Tourismus klimaschonender, ökologischer  
und sozial nachhaltiger gestalten. Ein ökologisch und sozial blin-  
der Massentourismus mit klimaschädlichen Kreuzfahrtschiffen, end-  
loser Müllproduktion und riesigem Ressourcenverbrauch hat keine  
Zukunft. Im Gegenteil, die Kreuzschifffahrt muss endlich ihren Bei-  
trag leisten über neue Antriebe, die Verwendung von Landstrom und  
bessere Umweltstandards. In einem nachhaltigen Tourismus liegen  
hingegen riesige Chancen. Nachhaltigen oder sanften Tourismus  
wollen wir gerade in ländlichen Regionen gezielt entwickeln, zum  
Beispiel durch den Ausbau touristischer Rad- und Wasserwege. Mit  
einem Shelter-System wie in Dänemark wollen wir Natur für alle  
erlebbar machen. Zugleich sollen Nationalparks, Biosphärenreser-  
vate und Naturschutzgebiete durch einen regulierten Tourismus  
nachhaltig geschützt werden. Die Bahn soll zum Tourismus-Reise-  
mittel Nummer 1 werden – durch ein europäisches Nachtzugnetz  
und die gezielte Anbindung touristischer Regionen an das Bahnnetz.  
So kann der Tourismus dabei mithelfen, eine Welt zu erhalten, die es  
sich auch in Zukunft noch zu bereisen lohnt.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN72Kapitel 2  
Bereit, weil Ihr es seid.  
Wir geben dem Markt einen  
sozial-ökologischen Rahmen  
Wohlstand und unternehmerischen Erfolg neu bemessen  
Wohlstand definiert sich nicht allein durch Wachstum des BIP, son-  
dern lässt sich viel breiter als Lebensqualität verstehen. Wir wollen  
den Erfolg Deutschlands und der Unternehmen neben ökonomischen  
auch anhand inklusiver, sozialer, ökologischer und gesellschaftlicher  
Kriterien messen und die politischen Leitplanken wie Anreize und  
Wirtschaftsförderung entsprechend neu ausrichten. Dafür soll in  
Zukunft gemeinsam mit dem Jahreswirtschaftsbericht ein Jahreswohl-  
standsbericht veröffentlicht werden. Dieser berücksichtigt dann zum  
Beispiel auch den Beitrag des Naturschutzes, einer gerechten Ein-  
kommensverteilung oder auch guter Bildung zum Wohlstand unserer  
Gesellschaft. Entsprechend ändern wir die Erfolgsmessung auf Unter-  
nehmensebene und ergänzen die Bilanzierungsregeln um soziale und  
ökologische Werte, wie beispielsweise ihre Treibhausemissionen, und  
setzen uns auch bei internationalen Vorschriften dafür ein. So errei-  
chen wir endlich einheitliche Regelungen für die Messung von nach-  
haltigem unternehmerischem Erfolg und leisten einen wichtigen Bei-  
trag dazu, dass im Wettbewerb Nachhaltigkeit nicht mehr wie heute  
eher bestraft, sondern positiv angereizt wird.  
Den europäischen Green Deal ambitioniert gestalten  
Mit dem Europäischen Green Deal hat die EU-Kommission ein Pro-  
gramm vorgelegt, um die Europäische Union zum ersten klimaneu-  
tralen Kontinent zu machen. Es umfasst Gesetzesvorschläge in den  
Bereichen Klima- und Umweltschutz sowie für eine gestärkte Wett-  
bewerbsfähigkeit, Energiesicherheit und Innovationsdynamik einer  
dekarbonisierten europäischen Wirtschaft. Wir setzen uns für eine  
ambitionierte Ausgestaltung und eine ehrgeizige Umsetzung auf allen  
Ebenen ein. Wir machen weiter Druck, damit die ökologische Wende  
dazu beiträgt, Ungleichheit zu verringern. Dafür wollen wir den Just  
Transition Fund aufstocken und ausbauen. In der Landwirtschaftspoli-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN73Kapitel 2  
Bundestagswahlprogramm 2021  
tik kämpfen wir dafür, dass die Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik  
und ihre Umsetzung unter die Ziele des Green Deal und des Pariser  
Klimaabkommens gestellt werden, da sie immense Auswirkungen auf  
Umwelt- und Artenschutz entfalten. In der Handelspolitik wollen wir  
Umwelt- und Sozialkapitel von zukünftigen Handelsverträgen rechts-  
verbindlich und sanktionierbar machen.  
Die Macht des EU-Binnenmarkts für die Transformation nutzen  
Der EU-Binnenmarkt ist eine Erfolgsgeschichte, die gerade im glo-  
balen Wettbewerb auf seinen hohen Standards beruht: im Verbrau-  
cher- und Datenschutz, im Umwelt- und Gesundheitsschutz sowie  
für die soziale und Produktsicherheit. Diese hohen Standards wollen  
wir im Sinne einer sozial-ökologischen Transformation des Binnen-  
markts erhalten und ausbauen, denn sie stärken die Innovationskraft  
der Unternehmen, ermöglichen die Ausnutzung von Skaleneffekten  
und begünstigen den internationalen Handel. Um die Digitalisierung  
zu gestalten, müssen wir Dienstleistungen von Plattformen und ihre  
Marktmacht regulieren. Plattformen müssen verpflichtet werden, euro-  
päische Qualitäts- und Sicherheitsstandards auch im Online-Handel  
zu gewährleisten. Die globale Lenkungswirkung des Binnenmarkts  
wollen wir steigern, indem wir sicherstellen, dass Unternehmen auf  
dem europäischen Markt auch international Verantwortung für ihre  
Produktions- und Vertriebsweise entlang der gesamten Wertschöp-  
fungskette übernehmen. Die Handlungsspielräume von Kommunen  
in der Europäischen Union wollen wir ausbauen und die Daseinsvor-  
sorge vor Liberalisierungsdruck schützen.  
Sozialunternehmen und Genossenschaften stärken  
Wir wollen die Bereiche der Wirtschaft stärken, in denen langfristige  
Nachhaltigkeit mehr zählt als kurzfristige Rendite, und die oft auch einen  
Beitrag zur Demokratisierung der Wirtschaft leisten. Wir unterstützen  
daher einerseits Genossenschaften, da sie krisenfester und gemein-  
wohlorientierter als andere Rechtsformen sind. Andererseits fördern  
wir Sozialunternehmen, weil sie gesellschaftliche Anliegen mit unter-  
nehmerischem Handeln direkt mit sozial-ökologischen Zielen verbin-  
den. Und wir begrüßen das Konzept der Gemeinwohlökonomie, weil es  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN74Kapitel 2  
Bereit, weil Ihr es seid.  
die Idee des Gemeinwohls in die privatwirtschaftliche Breite trägt. Wir  
schaffen zielgruppenspezifische Finanzierungsinstrumente und wollen  
die Programme der klassischen Gründungs- und Innovationsfinanzie-  
rung ausweiten. Unser Ziel ist eine Gründungswelle neuer Genossen-  
schaften und von sozial-ökologisch inspirierter und am Gemeinwohl  
orientierter Unternehmen. Dazu werden wir die Rahmenbedingungen  
für ihr Wirtschaften systematisch verbessern und bestehende Benach-  
teiligungen beseitigen. Den Gründungszuschuss der Arbeitsagenturen  
wollen wir nicht allein vom wirtschaftlichen Gewinn, sondern auch  
von sozial-ökologischen Wirkungskriterien abhängig machen. Nicht  
genutzte Guthaben auf verwaisten Konten wollen wir – sofern keine  
Erbansprüche vorhanden sind – für einen Fonds nutzen, der zielgerich-  
tet in nachhaltige und soziale Innovationen investiert.  
Neue Formen für nachhaltiges Unternehmertum  
Wir setzen uns für die Einführung einer Unternehmensform für Ver-  
antwortungseigentum ein. Immer mehr Unternehmer\*innen verste-  
hen ihr Unternehmen nicht als individuell konsumierbares Vermögen.  
Sie wollen, dass ihr Unternehmen nicht dem kurzfristigen Sharehol-  
der-Value dient, sondern langfristig ausgerichtet und dem Gemein-  
wohl verpflichtet ist. Dafür brauchen sie eine Rechtsform, die eine  
hundertprozentige Vermögensbindung an das Unternehmen ermög-  
licht. Gewinne werden reinvestiert oder gespendet. Die Stimmrechte  
können von den Beschäftigten im Kollektiv oder von Einzelnen treu-  
händerisch gehalten werden – sie werden nicht an den/die Meist-  
bietende\*n verkauft, sondern ähnlich wie in anwaltlichen Partner-  
schaften, immer an aktiv mit dem Unternehmen verbundene Personen  
weitergegeben.  
Wir bringen die Digitalisierung voran  
Eine europäische Cloud-Infrastruktur  
Daten sind eine Schlüsselressource der digitalen Welt, insbesondere  
für Anwendungen der Künstlichen Intelligenz. Gerade im industri-  
ellen Bereich wollen wir neue Ansätze schaffen, um eine gemein-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN75Kapitel 2  
Bundestagswahlprogramm 2021  
same, freiwillige Nutzung sowohl von nicht personenbezogenen als  
auch von personenbezogenen, aber anonymisierten Daten, zum Bei-  
spiel aus Entwicklungs- und Fertigungsprozessen, zu verbessern und  
rechtssicher zu gestalten. Davon profitiert vor allem der Mittelstand.  
Hierfür braucht es klare gesetzliche Spielregeln für kooperative und  
dezentrale Datenpools und Datentreuhandmodelle wie zum Beispiel  
Datengenossenschaften, die eine gemeinsame und durch Kartellbe-  
hörden überprüfbare Nutzung dieser Daten ermöglichen. Wir wollen  
eigene europäische Standards und Regeln setzen. Die eigene kritische  
Infrastruktur wollen wir schützen und eine gemeinsame europäische  
Cloud-Infrastruktur auf Basis von Open-Source-Technologien reali-  
sieren. Europa muss in eigene Expertise im Bereich der Verarbeitung  
großer Datenmengen für Künstliche Intelligenz investieren.  
Hightech-Standort ausbauen  
Die rasante Entwicklung des Corona-Impfstoffs von Wissenschaft-  
ler\*innen und Unternehmer\*innen aus Mainz hat gezeigt, welche  
Innovationskraft in unserer Forschungs- und Unternehmensland-  
schaft steckt. Eine Innovationskraft, die der Staat mit Tempo und ent-  
schlossenen Investitionen unterstützen muss. Vor allem die Bereiche  
Künstliche Intelligenz (KI), Quantencomputing-, IT-Sicherheits-, Kom-  
munikations- und Biotechnologie oder auch die weitere Entwick-  
lung von ökologischen Batteriezellen wollen wir besonders fördern,  
damit wir unsere technologische Souveränität sichern können und in  
der weltweiten Konkurrenz vorne mitspielen. Dabei legen wir einen  
besonderen Fokus darauf, die ökologischen und sozialen Potenziale  
der Technologien zu heben. So verbessern Innovationen die Lebens-  
bedingungen der Menschheit und sichern den Wohlstand von morgen.  
Dafür benötigen wir auch privates Risikokapital, das wir durch staatli-  
che Fonds stark hebeln wollen. Um im internationalen Standort-Wett-  
bewerb mithalten zu können, bedarf es einer starken europäischen  
Vernetzung von Spitzenforschung. Wir investieren in Spitzenforschung  
und die Bildung von Clustern in diesen Bereichen. Wir wollen bereits  
heute den Grundstein legen für die europäische Souveränität in wei-  
teren Trends der KI, etwa mit der Unterstützung eines europäischen  
Ökosystems für das Erproben von allgemeiner Künstlicher Intelligenz  
(„Artificial General Intelligence“). Den Hightech-Standort auszubauen,  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN76Kapitel 2  
Bereit, weil Ihr es seid.  
heißt aber auch, die dringend benötigten Talente anzuziehen. In der  
Forschung bedeutet das angemessene Finanzierung.  
Start-up-Wagniskapital eine Richtung geben  
Wir müssen nicht nur technologisch exzellent sein, sondern bahnbre-  
chende Technologien auch in neue Geschäftsmodelle, Märkte, Dienst-  
leistungen und Produkte umwandeln können. Fördermöglichkeiten  
und Netzwerke für Start-ups und junge Unternehmen auf nationa-  
ler und europäischer Ebene können den Unterschied zwischen einer  
guten Idee auf dem Flipchart und einem weltweit erfolgreichen Unter-  
nehmen ausmachen. Ein staatlicher Wagniskapitalfonds kann helfen,  
unseren Gründer\*innen dauerhaft eine Heimat zu geben. Wir fordern,  
noch mehr und noch schneller zu investieren. Dieser Zukunftsfonds  
soll verstreute Förderangebote bündeln und ein Vielfaches an privaten  
Geldern hebeln. Gleichzeitig sollte auch ein funktionierender Sekun-  
därmarkt für Direktinvestitionen und Anteile an Wagniskapitalfonds  
aufgebaut werden, etwa durch eine Co-Investing-Plattform. Die Mis-  
sion des Zukunftsfonds ist Nachhaltigkeit. Er finanziert insbesondere  
Projekte in Bereichen wie Greentech, Künstlicher Intelligenz, nach-  
haltiger Mobilität, Bioökonomie und Zirkulärwirtschaft, die wegen  
ihres Risikoprofils keine einfache Finanzierung am Markt bekommen.  
Wir wollen Finanzierungsformen gezielt für Gründungen von Start-  
ups der Green Economy anpassen und Barrieren beim Zugang zu Auf-  
trägen der öffentlichen Beschaffung abbauen. Regionale Greentech-  
Hubs wollen wir fördern, um die Zusammenarbeit zwischen Start-ups  
und etablierten Unternehmen zu erleichtern.  
Internetgiganten regulieren  
Wir setzen uns für einen funktionierenden und fairen Wettbewerb auf  
digitalen Märkten ein. Durch übermäßige Marktmacht einzelner Inter-  
net- und Techgiganten wird dieser eingeschränkt oder gar aufgeho-  
ben. Relevante Erwerbsvorgänge von Tech-Konzernen sollten durch  
das Bundeskartellamt geprüft werden, um den strategischen Aufkauf  
von aufkeimender Konkurrenz („Killer Acquisitions“) zu verhindern.  
Dabei sollten Datenschutzbehörden eine Gelegenheit zur Stellung-  
nahme erhalten. Die Interoperabilität ihrer Software und ihrer digita-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN77Kapitel 2  
Bundestagswahlprogramm 2021  
len Dienste sowie Datenportabilität und offene Schnittstellen sind wo  
immer möglich von bereits marktbeherrschenden Unternehmen ver-  
pflichtend zu gewährleisten. Wir setzen uns für eine dementsprechend  
ambitionierte Umsetzung des Digital Markets Act auf europäischer  
Ebene ein. Unter dem Dach eines eigenständigen europäischen Kar-  
tellamts wollen wir deshalb eine europäische Digitalaufsicht etablie-  
ren, die als Frühwarnsystem fungiert und sanktionsbewährte Koope-  
rations- sowie Transparenzpflichten aussprechen kann. Unternehmen  
sollen auch unabhängig von einem Missbrauch aufgespalten werden  
können, wenn ihre Marktmacht zu groß wird oder bereits zu groß ist.  
Geschlechtervielfalt in der Digitalwirtschaft  
Alle sollen an der Gestaltung der digitalen Transformation beteiligt  
sein und ihre Potenziale einbringen können. Deshalb werden wir eine  
Strategie „Frauen in der Digitalisierung“ vorlegen und umsetzen. Mäd-  
chen sollen schon in der Grundschule für Digitalthemen begeistert  
werden und ohne Technikgenderstereotype aufwachsen. Wir brauchen  
eine geschlechtersensible Lehre, die gezielte Ansprache von Frauen  
für MINT-Studiengänge und Ausbildungsberufe sowie mehr Frauen in  
den Gremien, wo diese Richtungsentscheidungen getroffen werden.  
Darüber hinaus fördern wir familiengerechte Ausbildungswege für  
Frauen mit anderem beruflichem Hintergrund als Zugang zur Digital-  
branche. In der Digitalbranche ist ein Kulturwandel erforderlich, auch  
um unser volles Innovationspotenzial auszuschöpfen. Freiwillige und  
verpflichtende Maßnahmen für die Unternehmen sind notwendig,  
um diskriminierungsfreie Arbeitsplätze und einen gleichberechtig-  
ten Zugang zu Gestaltungspositionen in der digitalen Transformation  
zu ermöglichen. Bei der Vergabe von Fördermitteln und öffentlichen  
Investitionen muss der Frauenanteil einer Organisation bzw. eines  
Start-ups berücksichtigt werden. Für staatliche Institutionen soll  
Diversität ein Leitprinzip für alle Digitalstrategien sein.  
Transparente Algorithmen  
Datenverarbeitende und algorithmische Entscheidungssysteme  
haben das Potenzial, neues Wissen zu generieren und so nachhalti-  
geres Handeln zu ermöglichen. Datengetriebene Systeme sind nicht  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN78Kapitel 2  
Bereit, weil Ihr es seid.  
neutral, da sie ein Produkt ihrer zugrunde liegenden Daten sind und  
somit diskriminierend und vorurteilsbehaftet sein können. Wir wollen  
daher Qualitätskriterien sowie die europäischen Anstrengungen für  
Transparenz und Überprüfbarkeit vorantreiben, damit algorithmische  
Entscheidungssysteme nicht diskriminierend wirken. Wir setzen uns  
ein für einen nach Risiken abgestuften europäischen Ordnungsrahmen  
für den Einsatz automatischer Systeme, klare Regeln zur Nachvoll-  
ziehbarkeit, zum Datenschutz, zum Arbeitsrecht und zur Datenqualität,  
um Kontrolle und Haftung, aber auch Rechtssicherheit für betroffene  
Betriebe zu ermöglichen. Hier wollen wir verstärkt gleiche Standards  
auf europäischer Ebene definieren und umsetzen. Für eine öffentliche  
Kontrolle dieser Regeln müssen Behörden gut geschult und technisch  
dementsprechend aufgestellt sein. Das bedeutet auch eine Moderni-  
sierung des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes sowie strenge  
Kriterien für den Einsatz von algorithmischen und automatischen  
Entscheidungen, insbesondere in der öffentlichen Verwaltung. Auch  
Plattformanbieter müssen ihre automatisierten Entscheidungen, Ver-  
gleiche oder Preise transparent machen und erklären können.  
IT-Sicherheit als Standortfaktor  
Gute IT-Sicherheit und klare rechtsstaatliche Standards sichern Grund-  
rechte und sind die Voraussetzung, damit der digitale Wandel gelingt.  
Der Staat bleibt in der Pflicht, diese zu gewähren. Gerade die kritische  
Infrastruktur wie beispielsweise unsere Stromnetze muss besonders  
geschützt werden. Gute IT-Sicherheit ist längst auch ein wichtiger  
Standortfaktor. Wer digital souverän sein will, muss entsprechend han-  
deln und darf die Sicherheit aller nicht unterlaufen. Ein effektiver und  
moderner Datenschutz schützt die Menschenwürde und nimmt ver-  
stärkt auch die Gesellschaft in Gänze in den Blick, um die Abwehr auch  
überindividueller Risiken kollektiv zu gestalten. Wir setzen Anreize für  
guten Datenschutz und beste IT-Sicherheit, wollen innovative, tech-  
nische Ansätze zum effektiven Schutz der Privatsphäre ausbauen und  
Auditierungen und europäisch einheitliche Zertifizierungen voran-  
treiben. Vor allem KMUs sollen sehr viel stärker durch ein dezent-  
rales und unabhängiges IT-Beratungsnetzwerk unterstützt werden.  
Der Staat selbst muss mit gutem Beispiel vorangehen, die wichtige  
Arbeit der Aufsichtsbehörden stärker unterstützen sowie ihre Koope-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN79Kapitel 2  
Bundestagswahlprogramm 2021  
ration im föderalen und europäischen Zusammenspiel verbessern, bis  
hin zur gemeinsamen Aufgabenwahrnehmung und Durchsetzung. Die  
Unabhängigkeit des BSI stärken wir. Bei staatlichen IT-Projekten muss  
IT-Sicherheit von Anfang an mitgedacht und implementiert werden.  
Zudem wollen wir die Entwicklung sicherer Hardware gezielt fördern.  
Im Sinne der Nachhaltigkeit digitaler Produkte führen wir eine Ver-  
pflichtung zu einer angemessenen, risikoorientierten und benutzer-  
freundlichen Bereitstellung von Sicherheitsupdates ein. Beim Ausbau  
digitaler Infrastrukturen, wie zum Beispiel 5G, wollen wir die Integrität  
unserer kritischen Infrastruktur, die digitale Souveränität Europas und  
die Einhaltung der Menschenrechte wie das Recht auf Privatsphäre  
sicherstellen. Dafür sind einerseits höchste IT-Sicherheitsstandards  
für Komponenten in digitalen Infrastrukturen nötig. Andererseits wol-  
len wir die technologische Unabhängigkeit Europas durch verstärkte  
Eigenentwicklungen und Produktionen, durch vielfältige digitale  
Ökosysteme und offene Standards stärken. Um Gefahrenlagen kon-  
kret bewerten zu können, müssen neben technischen auch rechtliche,  
rechtsstaatliche, sicherheitsrelevante und geostrategische Aspekte in  
die Prüfung einbezogen werden. Eine Beteiligung von nicht vertrau-  
enswürdigen Unternehmen, insbesondere aus autoritären Staaten, an  
kritischer Infrastruktur lehnen wir ab.  
Wir kämpfen für einen fairen  
und nachhaltigen Handel  
Neustart für gute Handelsverträge  
Handel ist eine wichtige Grundlage unseres Wohlstandes: Fairer Han-  
del trägt zur Vertiefung internationaler Partnerschaften und damit  
auch zu einer sicheren Welt bei. Gerade in Zeiten, die zunehmend  
unter den Vorzeichen eines Systemwettbewerbs zwischen demokra-  
tischen und autoritären Staaten stehen, setzen wir auf eine proak-  
tive Handelspolitik. Wir wollen einen multilateralen Welthandel und  
Handelsabkommen, die dem Wohlstand aller Menschen dienen, die  
Umwelt- und Klimaschutz sowie die Einhaltung der Menschenrechte  
einfordern und die Beziehungen mit unseren Partner\*innen im Einsatz  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN80Kapitel 2  
Bereit, weil Ihr es seid.  
für Demokratie und Freiheit stärken. Eine Zersplitterung von Handels-  
beziehungen erschwert ein internationales Miteinander. Eine nach-  
haltig und fair reformierte Welthandelsorganisation (WTO) muss zu  
einer echten globalen Partnerschaft beitragen. In einem ersten Schritt  
wollen wir die WTO-Berufungsinstanz zur Streitbeilegung wiederbe-  
leben, um die Multiplizierung von Handelskonflikten nach dem Recht  
des Stärkeren einzudämmen. Die Chance, mit der neuen US-Adminis-  
tration die Handelskonflikte beizulegen und einen transatlantischen  
Markt für klimaneutrale Produkte zu schaffen, wollen wir ergreifen.  
Abkommen mit negativen Auswirkungen auf die Umwelt oder die  
Ernährungssouveränität wie das EU-Mercosur-Abkommen mit latein-  
amerikanischen Staaten lehnen wir ab. Die Europäische Union kann  
aufgrund des großen gemeinsamen Binnenmarktes selbstbewusst in  
Handelsverhandlungen gehen. Europäische Handelsverträge müssen  
verbindliche und durchsetzbare Menschenrechts-, Umwelt- und Sozi-  
alstandards enthalten und Marktöffnungen im Dienstleistungsbe-  
reich grundsätzlich nur in Positivlisten regeln. Dazu zählt, das Pariser  
Klimaschutzabkommen sowie ILO-Kernarbeitsnormen zur Bedingung  
und einklagbar zu machen. Das europäische Vorsorgeprinzip ist stets  
zu wahren. Gute Handelspolitik muss die kommunale Daseinsvorsorge  
und die Möglichkeit der Rekommunalisierung ausreichend schützen.  
Handelsabkommen sollten nicht nur Rechte für Unternehmen, son-  
dern auch ihre Pflichten regeln. Deshalb setzen wir uns für einen  
multilateralen Handelsgerichtshof bei den Vereinten Nationen ein,  
der beides abdeckt. Internationale Konzerne dürfen durch Handels-  
und Investitionsklagen nicht noch mächtiger werden, daher lehnen  
wir Klageprivilegien oder eine Sonderjustiz für ausländische Inves-  
tor\*innen ab. Wir wollen, dass die EU und ihre Mitgliedstaaten aus  
dem vollkommen aus der Zeit gefallenen Energiecharta-Vertrag aus-  
steigen, auch um die Ziele des Green Deal der EU nicht zu gefährden.  
Wir lehnen Handelsabkommen ab, die Klima, Umwelt und Verbrau-  
cher\*innen nicht ausreichend schützen. Das CETA-Abkommen werden  
wir deshalb in seiner jetzigen Fassung nicht ratifizieren. Wir werden  
so sicherstellen, dass die gefährlichen Investor-Staat-Schiedsgerichte  
nicht zur Anwendung kommen. Auch an den derzeit vorläufig ange-  
wendeten Teilen von CETA üben wir erhebliche Kritik. Wir wollen das  
Abkommen gemeinsam mit Kanada weiterentwickeln und dadurch  
neu ausrichten. Wir wollen insbesondere die demokratische Kontrolle  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN81Kapitel 2  
Bundestagswahlprogramm 2021  
bei der regulatorischen Kooperation verbessern. Hier muss das Euro-  
paparlament künftig besser eingebunden werden. Zudem braucht es  
stärkere Regelungen zu Umwelt-, Klima- und Verbraucherschutz und  
die Sicherung des europäischen Vorsorgeprinzips. Das EU-China-  
Investitionsabkommen, das maßgeblich von der deutschen Bundes-  
regierung vorangetrieben wurde, ist in den Bereichen Level Playing  
Field und Menschenrechte unzureichend. Wir können ihm in seiner  
jetzigen Form nicht zustimmen.  
Aktive Außenwirtschaftspolitik und fairer Wettbewerb  
Um legitime Sicherheitsinteressen zu schützen und gleiche Wettbe-  
werbsbedingungen für alle Marktteilnehmer\*innen durchzusetzen,  
muss die EU reagieren, wenn aus Drittländern mit unfairen Mitteln  
auf dem EU-Binnenmarkt agiert wird, sowie eine aktive Außenwirt-  
schaftspolitik betreiben. Anti-Dumping- und Anti-Subventions-Instru-  
mente müssen weiterentwickelt werden, um ein Level Playing Field  
auf globalen Märkten zu erreichen. Die Anti-Dumping-Regeln müssen  
noch stärker als bisher auch bei Dumping durch niedrige ökologi-  
sche und soziale Standards anwendbar sein. Durch eine Reform des  
EU-Beihilferechts können Wettbewerbsverzerrungen durch staatlich  
geförderte Konzerne aus anderen Weltregionen verhindert werden.  
Der EU-Prüfmechanismus für ausländische Direktinvestitionen muss  
verbessert werden, um zu verhindern, dass europäische Unterneh-  
men von hochsubventionierten ausländischen Firmen übernommen  
werden, und ein neues EU-Instrument gegen wirtschaftlichen Zwang  
soll der EU helfen sich gegen rechtswidrigen ökonomischen Druck  
von außen zu wehren. Die deutsche Außenwirtschaftsförderung und  
ihre Instrumente müssen in Zukunft – anstelle von fossilen Anlagen  
und Kraftwerken – Hidden Champions unterstützen, die beispiels-  
weise Hightech für bessere Umwelt- und Lebensbedingungen her-  
stellen. Dazu müssen sie konsequent am 1,5-Grad-Ziel, an der Agenda  
für nachhaltige Entwicklung und an Menschenrechten ausgerichtet  
werden. Mit der EU-Kommission setzen wir uns für einen Grenzaus-  
gleich von CO2-Kosten ein, damit ambitionierter Klimaschutz nicht  
zum Wettbewerbsnachteil wird. Wir werden uns dafür einsetzen, dass  
die EU mit den Einnahmen aus diesem Grenzausgleich auch ärmere  
Handelspartnerländer bei der Dekarbonisierung unterstützt.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN82Kapitel 2  
Bereit, weil Ihr es seid.  
Fairer Handel für eine nachhaltige Entwicklung  
im globalen Süden  
Die Entwicklungschancen der Länder des globalen Südens sind stark  
davon abhängig, wie fair die Handelspolitik gestaltet wird. Fairer Han-  
del muss zum Standard werden, auch um postkoloniale Kontinuitäten  
zu durchbrechen. Dieser muss sich am Pariser Klimaabkommen, an  
der Agenda für nachhaltige Entwicklung sowie an den UN-Kernmen-  
schenrechtsverträgen orientieren. Bestehende Fair-Handels-Initiati-  
ven müssen gefördert werden. Es braucht im Sinne einer nachhalti-  
gen globalen Strukturpolitik dringend eine gerechte Handelspolitik  
mit den Ländern des globalen Südens, die regionale Wertschöpfung,  
regionalen Handel und Integration fördert und ihnen genügend Raum  
lässt, durch Zölle und Quoten ihre Märkte zu schützen sowie durch  
Exportsteuern die Ausfuhr heimischer Rohstoffe zu beschränken. So  
wird der Aufbau heimischer Industrien gefördert. Zölle für Länder des  
globalen Südens auf verarbeitete Produkte sollen gesenkt bzw. abge-  
schafft werden. Eine Instrumentalisierung der Entwicklungszusam-  
menarbeit zur Flüchtlingsabwehr lehnen wir ab.  
Lieferkettengesetz europäisch umsetzen  
Viel zu oft kaufen wir Dinge, deren Herstellung auf dem Raubbau an  
Mensch und Natur basiert, obwohl wir das gar nicht wollen. Damit  
Unternehmen künftig Umwelt- und Sozialstandards, Menschenrechte  
sowie Klima- und Artenschutz entlang der gesamten internationa-  
len Wertschöpfungskette durchsetzen, braucht es ein verbindliches  
und wirksames Lieferkettengesetz auf nationaler wie europäischer  
Ebene. Zudem schafft ein solcher verbindlicher Rahmen gleiche Wett-  
bewerbsbedingungen am Markt und er schafft Rechtssicherheit. Den  
Kern einer solchen Regelung stellt eine zivilrechtliche Haftung dar, auf  
deren Grundlage Unternehmen im Schadensfall zur Verantwortung  
gezogen werden können. Nachbesserungen am deutschen Lieferket-  
tengesetz sind dringend notwendig, zum Beispiel eine Ausweitung  
der erfassten Unternehmen, aber auch eine Erweiterung der umwelt-  
bezogenen Sorgfaltspflichten. Darüber hinaus setzen wir uns auch auf  
europäischer Ebene für eine ambitionierte, verbindliche Regelung in  
internationalen Lieferketten ein. Waren, deren Herstellung mit schwe-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN83Kapitel 2  
Bundestagswahlprogramm 2021  
ren Menschenrechtsverletzungen wie zum Beispiel Kinder- oder  
Zwangsarbeit im Zusammenhang steht, soll der Zugang zum EU-Bin-  
nenmarkt verwehrt werden. Auf EU-Ebene werden wir uns zudem für  
einen Importstopp für Agrarprodukte einsetzen, die im Zusammen-  
hang mit illegaler Entwaldung und Menschenrechtsverletzungen wie  
Vertreibung stehen. Weltweit wird Wald, insbesondere so wichtiger  
Tropen-, Ur- und Mangrovenwald, mit fortschreitender Geschwindig-  
keit abgeholzt und abgebrannt – vor allem für die agrarindustrielle  
Produktion wie den Anbau von Soja und Palmöl, für Bergbau oder  
Holzeinschlag. Ein Großteil der Güter wird in die EU importiert. Die  
EU-Holzhandelsverordnung wollen wir stärken, die Verwendung von  
Soja und Palmöl als Kraftstoff jetzt stoppen und Strategien zur Reduk-  
tion von Palmöl und Soja in anderen Bereichen voranbringen. Wir  
schützen hier und weltweit den Wald, fördern die Wiederbewaldung  
und Renaturierung zerstörter Flächen und wollen dazu Verträge und  
Partnerschaften mit entsprechenden Ländern schließen. Wir setzen  
uns zudem für gentechnikfreie Lieferketten ein. Auf internationaler  
Ebene muss die Erarbeitung eines rechtsverbindlichen UN-Abkom-  
mens zu Wirtschaft und Menschenrechten (Binding Treaty) vorange-  
trieben werden.  
Wir machen die Finanzmärkte  
stabiler und nachhaltiger  
Grüne Finanzmärkte  
Im Kampf gegen die Klimakrise und beim sozial-ökologischen Umbau  
unserer Wirtschaft spielt das Finanzsystem eine bedeutende Rolle.  
Noch immer werden Milliarden in fossile Energien und Geschäftsmo-  
delle, die auf der Zerstörung der Ökosysteme und der Verletzung der  
Menschenrechte aufbauen – und damit gegen unsere Zukunft –, inves-  
tiert. Wir werden durchsetzen, dass sich die öffentliche Hand voll-  
ständig aus diesen Investitionen zurückzieht, wenn weiterhin keine  
verlässlichen Schritte für eine nachhaltige Transformation der dahin-  
terstehenden Unternehmen eingeleitet werden. Öffentlich-rechtliche  
Banken, Versicherer und Pensionsfonds sowie der Bund als Investor  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN84Kapitel 2  
Bereit, weil Ihr es seid.  
und Miteigentümer von Unternehmen müssen eine Vorreiterrolle bei  
der grünen Finanzwende und der Transformationsfinanzierung ein-  
nehmen. Klima- und Umweltrisiken sollen offengelegt und bei Ban-  
ken und Versicherungen mit Eigenkapital unterlegt werden sowie bei  
Ratings berücksichtigt werden. Alle Anlagen, nicht nur grüne, müs-  
sen eine Nachhaltigkeitsbewertung haben, die für alle Anleger\*in-  
nen transparent ist. Dabei sind neben den Klimazielen auch andere  
Umweltwirkungen, Menschenrechte, Arbeitsnormen und Entwick-  
lungsziele zu berücksichtigen. Dafür braucht die BaFin eine robuste  
ESG-Aufsichtskompetenz gemäß der Sustainable-Finance-Regulie-  
rung. Auch in die Anlageberatung muss diese Bewertung einfließen.  
Zum Schutz des Klimas, aber auch zum Schutz der Anleger\*innen,  
brauchen wir eine einheitliche Zertifizierung nachhaltiger Finanzpro-  
dukte auf europäischer Ebene. So sorgen wir dafür, dass Kapital von  
schmutzigen in grüne und nachhaltige Investitionen umgelenkt wird.  
Atomkraft ist keine grüne Geldanlage.  
Saubere Bilanzen am deutschen Kapitalmarkt  
Beim Bilanzskandal Wirecard sind die zuständigen Wirtschaftsprü-  
fer\*innen und die staatliche Aufsicht an ihrer Aufgabe gescheitert.  
Erst nachdem ein neues Unternehmen auf die Bilanzen geblickt hatte,  
wurde ordentlich geprüft, während man die Jahre davor immer wieder  
Bilanzen durchwinkte, um die eigenen Versäumnisse der Vorjahre zu  
vertuschen. Wir wollen, dass Unternehmen in der Regel nach sechs  
Jahren ihre Wirtschaftsprüfer\*innen wechseln müssen. Wirtschafts-  
prüfungsgesellschaften dürfen nicht gleichzeitig Unternehmen bera-  
ten, die sie prüfen. Die Aufdeckung von Bilanzbetrug muss als Ziel  
gesetzlich verankert werden. Wirtschaftsprüfungsgesellschaften müs-  
sen wirksam staatlich beaufsichtigt werden. Die persönliche Haftung  
von Entscheider\*innen in Unternehmen muss bei Rechtsverstößen  
tatsächlich wirksam werden. Auch Aufsichtsräte müssen gestärkt und  
kompetent besetzt werden. Die Vergütung von Vorständen muss sich  
am langfristigen Unternehmenserfolg statt am kurzfristigen Börsen-  
kurs orientieren.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN85Kapitel 2  
Bundestagswahlprogramm 2021  
Eine Finanzaufsicht mit Zähnen  
Wir brauchen eine Finanzaufsicht mit Zähnen, die Missstände auf-  
zeigt, statt sie zu ermöglichen. Bei Wirecard hat auch die deutsche  
Finanzaufsicht (BaFin), wie so häufig zuvor kläglich versagt. Als Aufse-  
herin verbot die BaFin Leerverkäufe gegen Wirecard und zeigte Jour-  
nalist\*innen an, die Unregelmäßigkeiten aufdeckten. Das kam einem  
Persilschein für Wirecard gleich. Anleger\*innen haben im Ergebnis  
nicht nur ihr Geld, sondern zugleich auch das Vertrauen in den Finanz-  
platz Deutschland und seine Aufsicht verloren. Für ehrliche Unter-  
nehmen wird die Finanzierung so künftig schwieriger und teurer. Kul-  
tur und Selbstverständnis der BaFin müssen sich deshalb komplett  
ändern. Es braucht eine Fehlerkultur innerhalb der Aufsicht und eine  
Kultur der Skepsis und des Hinterfragens. Wir wollen eine Finanz-  
polizei mit umfassenden Prüfungsrechten schaffen, die Informationen  
mit allen zuständigen Behörden im In- und Ausland austauscht. Dem  
Zoll als Bundesbehörde kommen wichtige Aufgaben im Bereich der  
Bekämpfung der Finanzkriminalität, Steuerhinterziehung und Geld-  
wäsche zu. Momentan ist er personell und organisatorisch nicht in der  
Lage, diese Funktion zu erfüllen. Wir werden ihn besser und mit den  
notwendigen rechtsstaatlich abgesicherten Befugnissen ausstatten,  
damit er künftig schwere Finanzkriminalität effektiv bekämpfen kann.  
Das Bankgeschäft muss wieder langweilig werden  
Auch über zehn Jahre nach der Finanzkrise geht von Banken noch  
immer eine Gefahr für die Wirtschaft aus. Noch immer ist nicht aus-  
geschlossen, dass im Falle einer Pleite die Steuerzahler\*innen haf-  
ten. Wir wollen deshalb zurück zum „Boring Banking“. Banken sollen  
nicht spekulieren, sondern die Realwirtschaft finanzieren. Statt der  
immer undurchsichtigeren Regulierungsflut wollen wir einfache und  
harte Regeln. Die Regulierungslücken bei Schattenbanken, Zahlungs-  
dienstleistern und Fintechs schließen wir, jedes Produkt und jeder  
Akteur muss reguliert sein. Wir werden die Schuldenbremse (Lever-  
age Ratio) für Banken verbindlich machen und schrittweise auf 10  
Prozent erhöhen. Das riskante Investmentgeschäft muss vom Einla-  
gen- und Kreditgeschäft getrennt werden (Trennbankensystem). Auch  
Investmentbanken müssen konsequent beaufsichtigt und Geschäfts-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN86Kapitel 2  
Bereit, weil Ihr es seid.  
bereiche, die zu Interessenskonflikten führen, ausgegliedert werden.  
Es braucht eine starke Fusionskontrolle und zu große Banken sollen  
entflochten werden. Für kleine Banken, von denen kein Risiko für das  
Finanzsystem ausgeht, sollten hingegen einfachere Regeln gelten.  
Spekulation und Kurzfristorientierung werden wir, unter anderem  
durch eine EU-weite Finanztransaktionssteuer mit breiter Bemes-  
sungsgrundlage, unattraktiv machen. Um die Stabilität und Bere-  
chenbarkeit der Finanzmärkte zu erhöhen, werden wir den schäd-  
lichen Hochfrequenzhandel eindämmen.  
Schmutziges Geld einziehen  
Unser Land ist derzeit ein Paradies für Geldwäsche. Wir werden mit  
einer umfassenden Strategie gegen Geldwäsche vorgehen. Bei allen  
Gesellschaften, Stiftungen und sonstigen Konstrukten muss umfas-  
sende Transparenz über die wirtschaftlich Berechtigten bestehen. Wir  
befürworten eine Absenkung der Identifizierungspflicht auf 10 Pro-  
zent. Lücken und Umgehungsmöglichkeiten des Transparenzregisters  
werden geschlossen. Die Finanzaufsicht muss in der Geldwäschebe-  
kämpfung eine aktive Rolle spielen, statt Verdachtsmeldungen nur  
weiterzureichen. Im Nichtfinanzsektor, gerade bei Immobilien, bleibt  
Geldwäsche besonders oft unentdeckt. Wir werden bundesweite  
Mindeststandards für Aufsicht, Prüfungen, Ressourcen und Personal  
durchsetzen. Die Zuständigkeit für die Bekämpfung der Geldwäsche  
soll vollständig auf den Bund übergehen. Illegale Gelder und Vermö-  
genswerte werden wir umfassend abschöpfen. Das Einfrieren von ver-  
dächtigen Finanztransaktionen wollen wir erleichtern und die Dauer  
von Transaktionsverboten verlängern, um die Strafverfolgung zu  
sichern. Wir werden die Einführung einer hohen Obergrenze für Bar-  
geldzahlungen, wie von der EU-Kommission vorgeschlagen, prüfen.  
Digitalen Euro einführen  
Digitales Bezahlen gewinnt in unserem Alltag stetig an Bedeutung.  
Es ist bequem, schnell und soll noch sicherer werden. Wir befürwor-  
ten die Initiative der Europäischen Zentralbank (EZB), einen digitalen  
Euro zu schaffen. Sie gewährleistet dabei Daten- und Rechtssicherheit  
für Verbraucher\*innen und Unternehmen und erhöht die Effizienz der  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN87Kapitel 2  
Bundestagswahlprogramm 2021  
Euro-Transaktionen. Sie wirkt ungerechtfertigten Kosten durch Oligo-  
pole entgegen. Private Firmen können auf dieser Grundlage Produkte  
und Apps aufbauen. Ein digitaler Euro löst klassisches Bargeld nicht  
ab, sondern ergänzt es. Eine Aushöhlung des Geld- und Währungs-  
monopols durch private Währungen mächtiger Großkonzerne leh-  
nen wir strikt ab. Bei allen digitalen Zahlungen und Kryptowährun-  
gen müssen die tatsächlichen wirtschaftlich Berechtigten analog zu  
Regelungen beim Bargeld ab einer gewissen Schwelle ermittelt wer-  
den. Zur Bekämpfung von Verbrechen wie Geldwäsche, Darstellung  
sexualisierter Gewalt gegen Kinder, Steuerhinterziehung und Terror-  
Finanzierung braucht es auch für den Bereich des digitalen Bezahlens  
klare Regeln. Bestehende Kooperationspflichten von Kryptotausch-  
börsen wollen wir erweitern und Ermittlungsbehörden angemessen  
in diesem Bereich schulen. Wir wollen den rasanten Entwicklungen  
im Bereich dezentraler Finanzanwendungen gerecht werden und die  
Chancen und Risiken von Kryptowährungen und Blockchains differen-  
ziert ausloten.  
Wir vollenden die Europäische  
Wirtschafts- und Währungsunion  
In Europas Zukunft investieren  
Europas Gesellschaften und Unternehmen leben von einer starken  
öffentlichen Infrastruktur. Daher ist es umso gefährlicher, dass in den  
letzten Jahren so sehr auf Verschleiß gefahren und nicht investiert  
wurde. Wir wollen die Europäische Währungsunion zu einer Sozial-  
union ausweiten. In wichtigen Zukunftsfeldern wie der Digitalisierung  
oder der Batterieproduktion droht Europa den Anschluss zu verlieren.  
Wir werden in der EU konsequent in Klimaschutz, Digitalisierung, For-  
schung und Bildung investieren. Dafür wollen wir das neu geschaf-  
fene Wiederaufbauinstrument verstetigen und in ein permanentes  
Investitions- und Stabilisierungsinstrument unter der Kontrolle des  
Europäischen Parlaments überführen. Damit sollte die EU sowohl in  
wichtige Zukunftsbereiche investieren als auch in Krisen stabilisie-  
rend wirken können. Gleichzeitig stärken wir den EU-Haushalt, indem  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN88Kapitel 2  
Bereit, weil Ihr es seid.  
wir ihn mit eigenen Einnahmen ausstatten. Die EU soll die Einnah-  
men des CO2-Grenzausgleichs erhalten. Auch die Besteuerung von  
Plastik und Digitalkonzernen und möglichst auch der Finanztrans-  
aktionen soll den EU-Haushalt stärken. Wir wollen gemeinsam mit  
unseren europäischen Partnern den Stabilitäts- und Wachstumspakt  
so reformieren, dass ein zu hoher Kürzungs- und Privatisierungsdruck  
verhindert wird und Zukunftsinvestitionen in allen Mitgliedsländern  
weiter erhöht werden können. Öffentliche Daseinsfürsorge, gute  
Gesundheitsversorgung und Bildung müssen in allen europäischen  
Mitgliedsländern gestärkt werden.  
Währungsunion vollenden, Europa krisensicher aufstellen  
Es war ein Fehler, dass die Konservativen jahrzehntelang eine eigene  
Fiskalpolitik Europas verhindert haben. Wir wollen dafür Sorge tra-  
gen, dass die EU mit einem nachhaltigen Investitionsfonds ein Inst-  
rument für eine dauerhafte, eigene Fiskalpolitik erhält. Der Fonds sta-  
bilisiert im Krisenfall und investiert in europäische öffentliche Güter  
wie Klima, Forschung, digitale Infrastruktur, Eisenbahn und Bildung. Er  
muss so gestaltet werden, dass er im Krisenfall nicht durch einzelne  
Länder blockiert werden kann und eine starke Kontrolle durch das  
Europaparlament sichergestellt ist. Der Europäische Stabilitätsme-  
chanismus wird zu einem Europäischen Währungsfonds weiterentwi-  
ckelt. In ihm erhalten die Länder eine nicht konditionierte kurzfris-  
tige Kreditlinie. So wird Spekulation gegen einzelne Staaten schon im  
Vorfeld abgewendet. Die Bankenunion wird durch eine gemeinsame  
Einlagensicherung als Rückversicherung vollendet, damit jeder Euro  
überall gleich sicher ist. Durch eine gemeinsame und stärker antizy-  
klische Fiskalpolitik entlasten wir die Zentralbank und sorgen dafür,  
dass sie künftige Brände nicht wieder alleine löschen muss. Darüber  
hinaus begrüßen wir, dass die EZB ihrer Verantwortung für die Sta-  
bilität des Euro in allen Mitgliedstaaten nachkommt, indem sie Zins-  
unterschiede innerhalb der Eurozone in Grenzen hält. Wir stehen zur  
Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank. Gleichzeitig begrüßen  
wir die Debatte der EZB über ihre neue geldpolitische Strategie. Die  
Klimakrise hat massive Rückwirkungen auf unsere Volkswirtschaften,  
es ist deshalb sinnvoll, dass alle geldpolitischen Maßnahmen den  
Einfluss der Klimakrise auf die Geldwert- und Finanzstabilität berück-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN89Kapitel 2  
Bundestagswahlprogramm 2021  
sichtigen. Zudem hat die EZB die Aufgabe, die allgemeine Wirtschafts-  
politik der EU zu unterstützen. Wie sie den Europäischen Green Deal  
mit seinen ökologischen und sozialen Zielen als wirtschaftspolitische  
Leitstrategie der EU stärkt, obliegt ihrer unabhängigen Entscheidung.  
Euro zur Leitwährung machen  
Wir wollen, dass sich der Euro zu einer glaubwürdigen, internationa-  
len Leitwährung entwickelt, damit Europa seine Souveränität bewahrt  
und ausbaut. Langfristig soll ein starker und stabiler Euro seinen  
Platz in einem kooperativen globalen Weltwährungssystem finden.  
Der Euro ist ein wesentlicher Baustein einer umfassenden Strategie,  
die europäische Werte auf der globalen Ebene stärkt und durchsetzt.  
Wir werden sichere europäische Vermögenswerte schaffen, in denen  
die Welt sparen kann. In Zukunftsmärkten wie Investitionen in Klima-  
schutz soll der Euro das internationale Zahlungsmittel werden. Um  
die internationale Rolle des Euro zu stärken, braucht es aber auch  
innereuropäische Solidarität: Wir wollen Ungleichgewichte gemein-  
sam in Überschuss- und Defizitländern reduzieren sowie wirtschafts-  
und finanzpolitische Entscheidungen als Gemeinschaft treffen.  
Wir haushalten solide,  
weitsichtig und gerecht  
Bundeshaushalt wird zukunftstauglich  
Wir wollen den Bundeshaushalt nachhaltiger, gerechter und trans-  
parenter machen. Nachhaltiger wird er, wenn wir die umweltschäd-  
lichen Subventionen endlich beenden. Immer noch subventionieren  
die öffentlichen Haushalte des Landes mit über 50 Milliarden Euro  
klimaschädliches Verhalten. Wir werden diese Subventionen schritt-  
weise abbauen und den Bundeshaushalt klimagerecht machen. In  
einem ersten Schritt können wir so über 15 Milliarden Euro jährlich  
einnehmen und sie für die Finanzierung von Klimaschutz und sozialer  
Gerechtigkeit einsetzen. Für die Ausgaben des Bundes streben wir  
eine Klima- und Biodiversitätsquote an, die schrittweise steigen soll.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN90Kapitel 2  
Bereit, weil Ihr es seid.  
Zur Finanzierung dieser nachhaltigen Ausgaben setzen wir auf grüne  
Anleihen. Mit dem Gender Budgeting erreichen wir eine konsequente  
Berücksichtigung und Einbeziehung von Gleichstellungsaspekten  
bei finanz- und haushaltspolitischen Entscheidungen. Das macht den  
Haushalt gerechter. Durch die Gestaltung des Bundeshaushaltes nach  
den Grundsätzen der doppelten Buchführung machen wir ihn trans-  
parenter und generationengerechter. Unser Steuersystem wollen wir  
schrittweise so umbauen, dass Umweltbelastung und Ressourcenver-  
brauch stärker besteuert werden und dafür beispielsweise Steuern  
und Abgaben auf Arbeit verringert werden, oder die Einnahmen etwa  
als Energiegeld zurückgegeben werden.  
Sorgsamer Umgang mit Steuergeld  
In den vergangenen Jahren wurde im großen Umfang Geld im Bun-  
deshaushalt verschwendet. Die Pkw-Maut war ein Desaster mit  
Ansage. Das Verteidigungsministerium hat Millionen in teure Bera-  
terverträge versenkt. Schlecht gemachte öffentlich-private Partner-  
schaften haben sich für die privaten Unternehmen als lukrativ und für  
die Steuerzahler\*innen als teuer erwiesen. Wir werden sorgsam mit  
dem Geld der Steuerzahler\*innen umgehen. Das und das Streichen  
von überflüssigen Ausgabeposten hat für uns Vorrang vor Kreditauf-  
nahme und Einnahmeerhöhungen. Wir werden künftig Transparenz  
herstellen und alle ÖPP-Verträge veröffentlichen. Grundsätzlich wol-  
len wir, dass ÖPP nur dann in Betracht kommen dürfen, wenn sich  
durch sie, langfristig und sicher, ein Mehrwert oder geringere Kosten  
für die Steuerzahler\*innen ergeben. Im Verkehrsbereich wollen wir  
ÖPP-Projekte gesetzlich ausschließen. Die Kontrolle bei Bauvorhaben  
und großen öffentlichen Beschaffungen wird verbessert. Weitere Pri-  
vatisierungen öffentlicher Unternehmen im Bereich der öffentlichen  
Pflichtaufgaben der Daseinsvorsorge lehnen wir ab.  
Schuldenbremse reformieren, Investitionsregel einführen  
Deutschland verfügt auch nach der Corona-Krise über tragfähige  
Staatsfinanzen. Die Zinsen sind historisch niedrig, das Vertrauen in  
deutsche Staatsanleihen ist hoch. Wir haben aber ein Zukunftspro-  
blem. Die Erde erhitzt sich, die Schulen verfallen und Deutschland  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN91Kapitel 2  
Bundestagswahlprogramm 2021  
gehört beim schnellen Internet zu den Schlusslichtern der EU. Wir  
investieren zu wenig in unser Land. Das sind Schulden, die nicht in  
den Büchern stehen, aber unseren Wohlstand gefährden. Wir wollen  
die Schuldenbremse im Grundgesetz für Bund und Länder zeitgemäß  
gestalten, sodass die Tragfähigkeit der zukünftigen Zinslast gewähr-  
leistet ist, und zugleich die so dringenden Investitionen zu ermögli-  
chen. Bei konsumtiven Ausgaben bleibt es bei den derzeitigen strik-  
ten Regelungen; bei Investitionen, die neues öffentliches Vermögen  
schaffen, erlauben wir eine begrenzte Kreditaufnahme in Höhe der  
Netto-Investitionen. So schaffen wir öffentliches Vermögen, das uns  
allen gehört, denn die Rendite öffentlicher Investitionen ist hoch,  
während der Bund keine Zinsen für seine Kredite bezahlt.  
Mehr Steuergerechtigkeit schaffen  
Steuern sind die Grundlage für die Finanzierung unseres Gemeinwe-  
sens und zentraler Hebel für Gerechtigkeit. Wir möchten es gerech-  
ter und transparenter für die Bürger\*innen machen. Angesichts der  
Corona-Krise wird die Lage der öffentlichen Haushalte in den kom-  
menden Jahren sehr angespannt sein. Daher müssen alle Verände-  
rungen im Steuerrecht mindestens aufkommensneutral sein. Ziel ist,  
dass alle einen fairen Beitrag leisten. Heute aber tragen die obers-  
ten 10 Prozent der Einkommen über Steuern und Abgaben relativ  
weniger bei als die mittleren Einkommen. Das ändern wir, indem wir  
den Grundfreibetrag der Einkommensteuer erhöhen, um kleine und  
mittlere Einkommen zu entlasten. Im Gegenzug wollen wir den Spit-  
zensteuersatz moderat anheben. Ab einem Einkommen von 100.000  
Euro für Alleinstehende und 200.000 Euro für Paare wird eine neue  
Stufe mit einem Steuersatz von 45 Prozent eingeführt. Ab einem Ein-  
kommen von 250.000 bzw. 500.000 Euro folgt eine weitere Stufe mit  
einem Spitzensteuersatz von 48 Prozent. Zusätzlich werden hohe  
Manager\*innengehälter oberhalb von 500.000 Euro nicht mehr zum  
Abzug als Betriebsausgaben zugelassen. Kapitalerträge werden unter  
Beibehaltung des Sparerfreibetrages mit dem individuellen Steuer-  
satz veranlagt. Banken und andere Finanzinstitute behalten weiterhin  
Kapitalertragsteuer ein, die eine Vorauszahlung auf die persönliche  
Einkommensteuer darstellt. Für auf Unternehmensebene bereits ver-  
steuerte Einkommen wie Dividenden gilt wieder generell das Teilein-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN92Kapitel 2  
Bereit, weil Ihr es seid.  
künfteverfahren, das die Kapitalerträge auf Anlegerebene teilweise  
steuerlich freistellt. Aktienkleinanleger\*innen entlasten wir so spür-  
bar und nähern uns dem Ideal eines finanzierungsneutralen Steuer-  
systems an. Wir werden die bislang nach einer Zehn-Jahres-Frist gel-  
tende Steuerfreiheit für Veräußerungsgewinne von Grundstücken und  
Immobilien abschaffen. Auch werden wir die Steuerfreiheit für andere  
Veräußerungsgewinne, beispielsweise beim Handel mit Edelmetallen,  
Rohstoffen oder Kryptowerten, abschaffen. Untere und mittlere Ein-  
kommen entlasten wir unter anderem durch die Einführung einer Kin-  
dergrundsicherung und durch unser Energiegeld. Soweit durch mobi-  
les Arbeiten Kosten für Arbeitnehmer\*innen entstehen, müssen diese  
vom Arbeitgeber erstattet werden oder steuerlich als Werbungskos-  
ten absetzbar sein. Die Vermögensungleichheit in Deutschland hat  
stark zugenommen und liegt weit über dem EU-Durchschnitt. Das  
liegt unter anderem daran, dass es sehr reichen Menschen möglich  
ist, durch Gestaltungen einer Besteuerung von Vermögen, etwa bei  
der Erbschaftssteuer, nahezu komplett zu entgehen. Wir wollen solche  
Gestaltungsmöglichkeiten abbauen und große Vermögen wieder stär-  
ker besteuern. Dafür gibt es verschiedene Instrumente wie zum Bei-  
spiel die Erbschaftssteuer oder die Vermögensteuer. Die Einführung  
einer neuen Vermögensteuer für die Länder ist unser bevorzugtes  
Instrument. Die Länder sollten die Einnahmen dieser Steuer für die  
Finanzierung der wachsenden Bildungsaufgaben einsetzen. Die Ver-  
mögensteuer sollte für Vermögen oberhalb von zwei Millionen Euro  
pro Person gelten und jährlich 1 Prozent betragen. Begünstigungen  
für Betriebsvermögen werden wir im verfassungsrechtlich erlaubten  
und wirtschaftlich gebotenen Umfang einführen. Dabei streben wir  
Lösungen an, die zusätzliche Anreize für Investitionen schaffen und  
die besondere Rolle und Verantwortung von mittelständischen und  
Familienunternehmen berücksichtigen. Ungerechtfertigte Ausnah-  
men im Bereich der Umsatzsteuer bauen wir ab und sorgen dadurch  
auch hier für mehr Fairness bei der Finanzierung staatlicher Aufgaben.  
Konsequent gegen Steuerhinterziehung  
und -vermeidung vorgehen  
Jedes Jahr verlieren die Steuerzahler\*innen hohe Milliardenbeträge  
durch Steuerhinterziehung und aggressive Steuervermeidung. Wir  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN93Kapitel 2  
Bundestagswahlprogramm 2021  
wollen mit einer umfassenden Strategie dagegen vorgehen. Die EU-  
weite Anzeigepflicht für Steuergestaltungen muss um eine Verpflich-  
tung für rein nationale Gestaltungen ergänzt werden. Wir setzen uns  
auf internationaler Ebene für eine globale Allianz gegen Steuerhin-  
terziehung ein. Zusätzlich zur bestehenden Steuerpflicht nach dem  
Wohnsitz wird eine Steuerpflicht auch nach der Nationalität für Men-  
schen mit hohem Einkommen, ähnlich wie in den USA, eingeführt, um  
rein steuerlich motivierte Wohnsitzwechsel zu verhindern. Wir werden  
regelmäßig die Steuerlücke schätzen lassen. Die Steuerverwaltung  
muss deutlich gestärkt werden. Um Vollzugsdefizite bei der Bekämp-  
fung von Steuervermeidung großer Konzerne und reicher Bürger\*in-  
nen zu beheben, schaffen wir eine Spezialeinheit auf Bundesebene.  
Steuerhinterziehung ahnden wir härter, die Umgehung der Grund-  
erwerbssteuer mit Share Deals muss endlich unterbunden werden.  
Cum-ex- und Cum-cum-Geschäfte beenden wir, wo sie immer noch  
möglich sind, und kümmern uns mit Nachdruck um eine konsequente  
Einziehung der entstandenen Schäden durch die Länder.  
Konzerne angemessen besteuern  
Durch Buchungstricks verschieben große Konzerne ihre Gewinne in  
Steuersümpfe, aus Europa wie aus vielen armen Ländern. So fehlen  
Milliarden für unsere Infrastruktur, und die Firmen verschaffen sich  
unfaire Wettbewerbsvorteile gegenüber kleineren Unternehmen.  
Darum kämpfen wir für ein international verbindliches Regelwerk,  
das Mindeststandards für die Steuerpflichten von Unternehmen und  
Staaten setzt, sowie die Stärkung des UN-Steuer-Komitees. Die inter-  
nationalen Mindeststeuersätze für Großunternehmen wollen wir in  
Deutschland und Europa ambitioniert umsetzen. Europa soll die Min-  
deststeuersätze Amerikas nicht unterbieten, sondern transatlantisch  
für höhere Mindeststeuersätze streiten. Zudem brauchen wir harte  
EU-Regeln gegen den Missbrauch von Briefkastenfirmen zur Steuer-  
vermeidung. Auch zu Hause werden wir aktiv: Wir wollen dafür sor-  
gen, dass Konzerne ihre Gewinne, Umsätze und Steuerzahlungen nach  
Ländern umfänglich öffentlich machen müssen. In der EU führen wir  
eine gemeinsame Bemessungsgrundlage für die Unternehmenssteu-  
ern und einen Mindeststeuersatz von mittelfristig 25 Prozent ohne  
Ausnahmen ein. Google, Facebook und Co. werden mit einer Digi-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN94Kapitel 2  
Bereit, weil Ihr es seid.  
talkonzernsteuer endlich angemessen besteuert. Eine Übergewinn-  
steuer für andere Sektoren werden wir prüfen. Banken und Steuerbe-  
rater\*innen verbieten wir, Geschäfte in Steuersümpfen zu tätigen oder  
dorthin zu vermitteln. Wir setzen uns dafür ein, auch in Steuerfragen  
zu Mehrheitsentscheidungen in der EU überzugehen. Soweit euro-  
päische Einigungen nicht gelingen, gehen wir voran, in verstärkter  
Zusammenarbeit oder gemeinsam mit einzelnen Staaten. National  
gehen wir gegen Gewinnverschiebungen mit einer verschärften Zins-  
und Lizenzschranke und mit Quellensteuern vor.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN95Kapitel 3  
Bundestagswahlprogramm 2021  
Kapitel 3:  
Solidarität sichern  
Die Pandemie hat uns gezeigt, was eine Gesellschaft stark macht –  
dass man sich unterhakt und einander vertraut. Sie hat uns spüren  
lassen, wie kostbar Gemeinsamkeit für unser individuelles Glück ist,  
wie sehr wir andere Menschen brauchen und wie groß die Gefahr  
ist, wenn eine Gesellschaft auseinanderdriftet. Diese alte und doch  
noch mal neu erlebte Erfahrung ist Auftrag, Solidarität und Schutz in  
konkrete, bessere Politik zu übersetzen. Wir wollen alles dafür tun, die  
Bedingungen für ein gutes Leben – von Kindesbeinen an – zu schaf-  
fen: materielle Sicherheit, Chancen und Teilhabe zu garantieren und  
ein Sicherheitsversprechen für jede Lebenslage zu geben, das umso  
stärker ist, je mehr Unterstützung gebraucht wird. Freiheitsrechte  
bleiben ein Privileg von wenigen, wenn die sozialen Voraussetzun-  
gen dafür nicht für alle gewährleistet werden. Gesellschaften ohne  
existenzielle Not sind krisenfester, solidarische und gleichberechtigte  
Gesellschaften stärker.  
Corona hat uns schonungslos die Stärken und Schwächen unseres  
Sozialstaates vor Augen geführt: wie wichtig ein robustes Gesund-  
heitssystem für alle ist, wie zentral eine Wirtschaftskraft ist, die für  
gesellschaftlichen Wohlstand und damit einen Sozialstaat sorgt, der  
Menschen bei Jobverlust oder Wirtschaftseinbruch vor Obdachlosig-  
keit bewahrt. Die Pandemie hat aber zugleich bestehende Ungleich-  
heiten verschärft. Wer arm ist, wird schneller krank. Frauen tragen  
eine besondere Last in den systemrelevanten Berufen der Pflege,  
der Erziehung und im Einzelhandel, sind aber deutlich schlechter  
bezahlt und in Entscheidungsprozessen weniger repräsentiert. Frei-  
berufler\*innen und Selbständige, die ohnehin schon größere Risi-  
ken eingehen, stürzen ohne Verdienst in Existenzangst oder -not.  
Wer Kinder oder Jugendliche allein oder getrennt erzieht, ist durch  
Kinderbetreuung, Homeschooling und Homeoffice noch mal mehr  
gefordert. Die Pandemie hat uns auf unsere individuellen Lebens-  
umstände zurückgeworfen. Wenn die Wohnung eng ist, der Garten  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN96Kapitel 3  
Bereit, weil Ihr es seid.  
fehlt, aber die Schwimmhalle geschlossen ist, ist es dreifach schwer.  
Einsamkeit wird größer.  
Jetzt ist die Zeit, die richtigen Lehren zu ziehen. Der Weg aus der  
Pandemie muss zu einem neuen sozialen Sicherheitsversprechen füh-  
ren. Wir wollen Schritt für Schritt die sozialen Systeme so verändern,  
dass sie allen Menschen Sicherheit und Halt geben, auch in Zeiten  
persönlicher und gesellschaftlicher Umbrüche, und ihnen Teilhabe  
ermöglichen. Unsere Bibliotheken und Bolzplätze, Sport- und Musik-  
vereine, Theater und Jugendzentren – kurz, unsere öffentlichen und  
sozialen Orte – sollten zu den schönsten und stärksten Räumen des  
Miteinanders werden.  
Glück und Chancen dürfen nicht davon abhängen, ob man im  
Norden oder Süden, Osten oder Westen, in der Stadt oder auf dem  
Land lebt, entsprechend sind gleichwertige Lebensverhältnisse Ver-  
fassungsgrundsatz. Wir setzen alles daran, aus diesem oftmals noch  
unerfüllten Anspruch Realität zu machen. Wer auf dem Land wohnt,  
braucht genauso einen Zugang zu Ärzt\*innen, schnellem Internet,  
öffentlicher Daseinsvorsorge wie Städter\*innen. Und wer in der Stadt  
lebt, muss auch dort guten und bezahlbaren Wohnraum finden kön-  
nen. Wohnen ist die soziale Frage unserer Zeit und für viele Menschen,  
viele Familien bis weit in die Mittelschicht hinein eine der Existenz.  
Unser Gesundheitssystem soll allen eine gleichwertige Gesund-  
heitsversorgung garantieren, aber es klaffen Lücken: Gesundheits-  
ämter wurden kaputtgespart, in Krankenhäusern und der Verwaltung  
fehlt Personal, die, die da sind, arbeiten am Anschlag. Wir wollen die  
Vorzeichen ändern und Vorsorge zum Leitprinzip machen: Kliniken  
sollen ihrem gesellschaftlichen Auftrag entsprechend finanziert wer-  
den, auch auf dem Land braucht es Zugang zu Geburtshilfe und Not-  
fallhilfen. In der Pflege setzen wir uns ein für bessere Arbeitsbedin-  
gungen, mehr Personal, Sicherheit für Menschen, die Pflege benötigen,  
und für diejenigen, die Angehörige oder Freund\*innen pflegen.  
Digitalisierung, globaler Wettbewerb und der nötige Umbau  
der Wirtschaft bedeuten für viele Menschen große Veränderungen,  
die mit der Angst vor Verlusten einhergehen. Aber Angst lähmt und  
macht mürbe. Menschen benötigen auch im Übergang Sicherheit. Es  
gilt die Risiken abzusichern und Perspektiven zu geben, etwa durch  
eine Arbeitsversicherung und durch Weiterbildung. Starke Tarifpart-  
ner, starke Gewerkschaften und demokratische Mitbestimmung kön-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN97Kapitel 3  
Bundestagswahlprogramm 2021  
nen ebenfalls dazu beitragen, die großen Herausforderungen beim  
Übergang in eine sozial-ökologische Marktwirtschaft gemeinsam zu  
bewältigen. Wir werden zeigen, dass Transformation und Digitalisie-  
rung hin zu einem klimagerechten Wohlstand zukunftsfähige Jobs  
schaffen, mit guten Arbeitsbedingungen und gerecht verteilter Arbeit.  
Wir fördern Kinder, Jugendliche und Familien  
Kinder in den Mittelpunkt  
Kinder müssen sich bestmöglich und frei entfalten können. Dabei  
haben sie ein Recht auf besonderen Schutz, Förderung und Betei-  
ligung. Kinder sind Menschen mit eigenen Bedürfnissen, die es zu  
erkennen und zu stärken gilt. Wir werden sicherstellen, dass die  
Rechte und das Wohl von Kindern bei staatlichen Entscheidungen  
ein größeres Gewicht bekommen und maßgeblich berücksichtigt  
werden. Deshalb müssen starke Kinderrechte entlang der Grundprin-  
zipien der UN-Kinderrechtskonvention ins Grundgesetz. Mit einem  
Nationalen Aktionsplan für Kinder- und Jugendbeteiligung wollen  
wir sicherstellen, dass alle Kinder und Jugendlichen über ihre Rechte  
informiert sind und unabhängig vom soziokulturellen Hintergrund  
und vom Aufenthaltsstatus altersgerecht und niedrigschwellig Betei-  
ligung leben können. Die Jugendarbeit spielt hierbei eine wichtige  
Rolle, darum wollen wir die Jugendverbände mit einem Verbands-  
klagerecht gegenüber Kommunen stärken. Demokratie darf kein abs-  
trakter Begriff sein, sondern muss immer wieder im eigenen Alltag  
erfahren und erprobt werden können. Werdende Demokrat\*innen  
brauchen Mitmach- und Medienkompetenz sowie politische Bildung,  
die wir als Querschnittsaufgaben in Kitas, Schulen und Jugendhilfe  
konzeptionell und finanziell stärken. Auch wollen wir die Unabhän-  
gigkeit der Bundeszentrale für politische Bildung stärken. Bei allen  
Angeboten im Sozialraum, bei allen Bau- und Wohnumfeldmaßnah-  
men, die Kinder und Jugendliche betreffen, werden wir sie beteiligen,  
ihr Wohl sichern und dies im Baugesetzbuch und im Bundesimmis-  
sionsschutzgesetz berücksichtigen.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN98Kapitel 3  
Bereit, weil Ihr es seid.  
Eine Kindergrundsicherung gegen Kinderarmut  
In einem reichen Land wie Deutschland darf kein Kind in Armut auf-  
wachsen – doch vor allem bei Ein-Eltern-Familien (Alleinerziehenden),  
Geringverdienenden mit Kindern oder Familien mit mehr als zwei Kin-  
dern reicht das Geld oft vorn und hinten nicht. Kinderarmut bedeutet  
auch Ausgrenzung, Diskriminierung und schlechtere Bildungschan-  
cen. Jedes Kind verdient unsere Unterstützung, denn Zukunftschancen  
dürfen nicht von der sozialen Herkunft abhängen. Daher werden wir  
eine Gesamtstrategie zur Prävention und Bekämpfung von Kinder-  
armut entwickeln und umsetzen. Neben hervorragender Infrastruktur  
werden wir Familien mit einer einfachen und gerechten Kinder- und  
Familienförderung stärken: der Kindergrundsicherung. Unser Vorha-  
ben: Kindergeld, Kinderfreibeträge, Kinderzuschlag, das Sozialgeld für  
Kinder und die Bedarfe für Bildung und Teilhabe in eine neue, eigen-  
ständige Leistung zusammenzufassen. Mit der Kindergrundsicherung  
bekommt jedes Kind einen festen Garantie-Betrag, Kinder in Fami-  
lien mit geringem oder gar keinem Einkommen erhalten zusätzlich  
noch einen GarantiePlus-Betrag. Je niedriger das Familieneinkom-  
men, desto höher der GarantiePlus-Betrag. Nach einmaliger Beantra-  
gung bei der Geburt wird die Höhe der Kindergrundsicherung auto-  
matisch von der Familienkasse berechnet, die sie dann auch auszahlt.  
So kommt die Kindergrundsicherung garantiert bei jedem Kind an  
und Schritt für Schritt beenden wir Kinderarmut. Sie ist gerecht, denn  
Kinder, die mehr brauchen, bekommen auch mehr. Die Kindergrund-  
sicherung verbinden wir mit einer Neuermittlung dessen, was Kinder  
zum Leben brauchen.  
Kinder- und Jugendhilfe für alle Kinder  
Ob Kita, Kindertagespflege, Hortbetreuung, Familienberatung, Hilfen  
zur Erziehung oder Angebote der Jugendarbeit – die öffentlichen und  
freien Träger der Kinder- und Jugendhilfe begleiten Familien beim  
Aufwachsen der Kinder. Sozialarbeiter\*innen und pädagogische Mit-  
arbeiter\*innen leisten dabei unter hohem Zeit- und Arbeitsdruck  
Enormes. Durch gesetzliche Vorgaben zur Personalplanung wollen  
wir für besser ausgestattete Jugendämter und Entlastung der Fach-  
kräfte sorgen. Qualitätsstandards wollen wir überall in der Kinder-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN99Kapitel 3  
Bundestagswahlprogramm 2021  
und Jugendhilfe verbindlich erstellen und gemeinsam mit Verbänden,  
Trägern und Wissenschaft weiterentwickeln. Leistungsansprüche von  
Kindern und Jugendlichen mit körperlichen und geistigen Behinde-  
rungen werden bisher in einem eigenen Sozialgesetzbuch für Men-  
schen mit Behinderungen geregelt. Mit einem Bundesinklusionsge-  
setz soll sichergestellt werden, dass alle Angebote der Kinder- und  
Jugendhilfe künftig so ausgestaltet sind, dass sie sich auch an Kinder  
und Jugendliche mit Behinderungen und ihre Familien richten. Die  
bestehenden Rechtsansprüche gelten für sie weiter. Wir wollen auf  
dem eingeschlagenen Weg hin zu einem inklusiven SGB VIII zügi-  
ger voranschreiten. Daher werden wir die Länder und Kommunen,  
die bereits vor Umsetzung des Bundesinklusionsgesetzes alle Kinder  
unter dem Dach der Jugendhilfe vereinen wollen, mit einem Bundes-  
modellprogramm unterstützen. So können wertvolle Anregungen für  
den bundesweiten Umstrukturierungsprozess gewonnen werden. Den  
Kostenbeitrag von Jugendlichen in einer vollstationären Einrichtung  
oder Pflegefamilie wollen wir abschaffen.  
Selbstwirksamkeit und Mitbestimmung –  
Jugend als eigenständige Lebensphase stärken  
Jugendliche und junge Erwachsene müssen sich frei und selbstbe-  
stimmt entwickeln können. Verantwortungsvolle, selbstbewusste  
und mündige Jugendliche sollen über alle Angelegenheiten, die sie  
betreffen, mitentscheiden und sichere Lernorte und Freiräume haben,  
die sie selbst mitgestalten. Damit junge Menschen ihre Ideen und  
Rechte auch wirksam einbringen bzw. einfordern können, wollen wir  
niedrigschwellige Beteiligungsgremien wie Kinder- und Jugendpar-  
lamente, insbesondere auf kommunaler Ebene, stärken. Wir werden  
Jugendarbeit, Jugendverbandsarbeit und Demokratiebildung verläss-  
lich unterstützen. Die Offene Kinder- und Jugendarbeit, Jugendsozial-  
arbeit, Frühe Hilfen und alle Formen von Hilfen zur Erziehung wer-  
den wir gemeinsam mit Ländern und Kommunen sicherstellen und  
Räume für Jugendliche nachhaltig fördern. Politik mit und für junge  
Menschen braucht in Zeiten der Globalisierung eine internationale  
Ausrichtung. Deshalb stärken wir internationale Begegnungen und  
Austauschprogramme.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN100Kapitel 3  
Bereit, weil Ihr es seid.  
Teilhabe und Schutz in der digitalen Welt  
Viele Kinder und Jugendliche wachsen mit Tablets, Smartphones und  
Co. auf – wir müssen sicherstellen, dass sie selbstbestimmt, sicher und  
gesund in der digitalen Welt groß werden. Wir stärken die digitale  
Bildung als Gemeinschaftsaufgabe von Eltern, Bildungseinrichtungen  
und der Jugendhilfe mit Fortbildungen für Fachkräfte und Unterstüt-  
zungsangeboten für Eltern. Alle sollen digitale Kompetenzen erwer-  
ben können, das geht nur mit entsprechender Hardware und Inter-  
netanbindung: Kinder, die in Armut leben, erhalten für die Schule ein  
digitales Endgerät, wenn sie dieses benötigen. Auch dem Suchtpo-  
tenzial und den Gesundheitsrisiken der übermäßigen Nutzung digi-  
taler Anwendungen möchten wir begegnen. Kinder und Jugendliche  
brauchen im Netz besonderen Schutz vor Straftaten wie Hassrede,  
Cybergrooming oder sexualisierter Gewalt. Dem Mobbing im Netz  
wollen wir einen Riegel vorschieben. Dafür setzen wir auf eine Prä-  
ventionsstrategie mit verpflichtenden sicheren Voreinstellungen für  
Plattformen und altersgerechten und leicht auffindbaren Informati-  
ons- und Beschwerdemöglichkeiten. Die Bundeszentrale für Kinder-  
und Jugendmedienschutz soll in ihren Kompetenzen gestärkt werden.  
Vor kommerziellem Sammeln ihrer Daten durch private Anbieter wer-  
den wir Kinder schützen.  
Kinder vor Gewalt schützen  
Für viele Kinder und Jugendliche ist psychische, körperliche, sexuali-  
sierte Gewalt und Vernachlässigung leidvoller Alltag. Dagegen gehen  
wir hart vor – mit starker Prävention, konsequenter Aufarbeitung und  
Strafverfolgung sowie weiteren Maßnahmen zur Qualitätssicherung  
und zum Kinderschutz in familiengerichtlichen Verfahren. Das oberste  
Ziel ist es, Taten zu verhindern. Dafür braucht es Aufklärung, Quali-  
fizierung, altersgerechte Präventionsprogramme und gelebte Schutz-  
konzepte sowie die Kooperation aller Akteur\*innen überall dort, wo  
Kinder und Jugendliche sich aufhalten und betreut werden. Basis-  
wissen über Kinderrechte, insbesondere Beteiligung, Sensibilisierung  
und Schutz bei Kindeswohlgefährdung und sexualisierter Gewalt,  
gehören in die Curricula für Jura, Medizin, Pädagogik und Polizei. Die  
Fortbildungspflicht für Familienrichter\*innen und die Anforderungen  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN101Kapitel 3  
Bundestagswahlprogramm 2021  
an die Qualifikation von Verfahrensbeiständen sind klar gesetzlich  
zu regeln. Alle zivilgesellschaftlichen und politischen Ebenen und  
Kräfte müssen den Kampf gegen sexualisierte Gewalt an Kindern zu  
einem zentralen Thema machen. Organisationen, die Kinder betreuen,  
tragen dabei eine besondere Verantwortung. Die wichtige Arbeit des  
Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmiss-  
brauchs werden wir auf eine gesetzliche Grundlage stellen und damit  
dauerhaft absichern und dabei auch die Zuständigkeiten der Unab-  
hängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs  
adäquat verankern. Wir werden bundesweit spezialisierte Fachbera-  
tungsstellen systematisch ausbauen sowie telefonische und Online-  
Beratungsangebote finanziell absichern.  
Mehr Zeit für Familien  
Den Kopf frei haben für die Familie und die Kinder, auch wenn sie  
krank sind, das ist unser Ziel. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf  
ist eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung, der wir uns gemein-  
sam mit Wirtschaft und öffentlichen Institutionen stellen. Alle Eltern  
sollen Elternzeit unkompliziert in Anspruch nehmen können. Mit der  
KinderZeit Plus wollen wir das Elterngeld auf 24 Monate ausweiten:  
Pro Elternteil je acht Monate, weitere acht Monate können flexibel  
untereinander aufgeteilt werden. Wird die KinderZeit Plus Teilzeit in  
Anspruch genommen, verlängert dies entsprechend den Bezugszeit-  
raum. Sie kann bis zum 14. Geburtstag des Kindes genommen werden,  
denn auch bei älteren Kindern kann zeitweise mehr Aufmerksamkeit  
nötig sein. Die Bedarfe der Familien von Kindern mit Behinderung  
sollen zusätzlich Berücksichtigung finden. Wir unterstützen Eltern  
dabei, Familie und Arbeit mit einer neuen Arbeitszeitkultur und einem  
flexiblen Vollzeitkorridor in eine ausgewogene Balance zu bringen,  
Familien- und Hausarbeit partnerschaftlich zu teilen und Teilzeit-  
fallen zu vermeiden. Niemand soll sich zwischen Kind und Job, Aus-  
bildung oder Studium entscheiden müssen, darum soll der Anspruch  
auf ein Kinderkrankengeld auf 15 Tage im Jahr pro Kind und Eltern-  
teil steigen, Alleinerziehende bekommen 30 Tage. Weil gerade in den  
ersten Lebensjahren viele Infekte mitgenommen werden, sollte es in  
dieser Zeit einen zusätzlichen erhöhten Anspruch auf Kinderkranken-  
geld geben. Die Altersgrenze wollen wir auch hier auf 14 Jahre anhe-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN102Kapitel 3  
Bereit, weil Ihr es seid.  
ben, ein ärztliches Attest wird erst ab dem vierten Erkrankungstag des  
Kindes verpflichtend. Für die besondere Zeit direkt nach der Geburt  
wollen wir neben dem Mutterschutz auch für den zweiten Elternteil  
eine 14-tägige Freistellung einrichten. Die Mutterschutzregelungen  
sollen auch nach einer Totgeburt ab der 20. Schwangerschaftswoche  
möglich sein.  
Alleinerziehenden den Rücken stärken  
Ein-Eltern-Familien (Alleinerziehende) leisten enorm viel und den-  
noch ist mehr als ein Drittel von Armut bedroht. Mit der Kinder-  
grundsicherung helfen wir mehrfach: Mit der Neuermittlung der  
Mindestbedarfe von Kindern und Jugendlichen steigt auch der Min-  
destunterhalt. Und anders als beim heutigen Kindergeld soll nur die  
Hälfte auf den Unterhaltsvorschuss angerechnet werden. Nach einer  
Trennung soll es für getrennt erziehende Eltern bei der Betreuung  
nicht zusätzlich knirschen, darum werden Mehrkosten für die Aus-  
übung des Umgangs und Betreuungsleistungen angemessen berück-  
sichtigt. Für getrennt erziehende Eltern im Grundsicherungsbezug  
wollen wir einen Umgangsmehrbedarf einführen. Das Betreuungsmo-  
dell soll im Einzelfall am Kindeswohl orientiert gefunden und nicht  
schematisch definiert werden. Ob ein wichtiger Abendtermin im Job,  
ein Beratungsgespräch oder Arztbesuch – Kinder können und sollten  
nicht immer dabei sein. Es gilt, familienunterstützende Dienstleistun-  
gen zu fördern, zum Beispiel für ergänzende Kinderbetreuung oder  
haushaltsnahe Dienstleistungen. Das ist besonders im Krankheitsfall  
wichtig, denn Kinder und Haushalt müssen trotzdem versorgt sein.  
Absicherung für alle Familienformen  
Ob Alleinerziehende, Patchwork-, Stief- oder Regenbogenfamilie –  
Familien sind vielfältig und diese Vielfalt muss ein modernes Fami-  
lienrecht auch abbilden. Dazu gehört auch ein modernes und libera-  
les Namensrecht. Soziale Eltern übernehmen innerhalb der Familie  
oft Verantwortung und sind wichtige Wegbegleiter. Rechtlich gese-  
hen sind sie aber auch nach Jahren Außenstehende für ihr Kind: Im  
Kindergarten, in der Schule oder bei Ärzt\*innen ist es nicht vorgese-  
hen, dass sie Entscheidungen für ihre Kinder treffen. Mit der Weiter-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN103Kapitel 3  
Bundestagswahlprogramm 2021  
entwicklung des „kleinen Sorgerechts“ hin zu einem Rechtsinstitut  
der elterlichen Mitverantwortung, die, auch schon vor Zeugung, auf  
Antrag beim Jugendamt auf bis zu zwei weitere Erwachsene neben  
den leiblichen Eltern übertragen werden kann, geben wir allen Betei-  
ligten mehr Sicherheit und stärken Mehr-Eltern-Familien und soziale  
Elternschaft. Zwei-Mütter-Familien sollen nicht mehr durch das Stief-  
kindadoptionsverfahren müssen, darum streben wir an, das Abstam-  
mungsrecht zu reformieren, sodass die Co-Mutter analog zu Vätern in  
Ehen zwischen einem Mann und einer Frau automatisch als zweites  
rechtliches Elternteil gilt. Das Abstammungsrecht muss zudem die  
Elternschaft von Menschen mit Geschlechtseintrag „divers“ berück-  
sichtigen. Bei Kinderwunsch sollen alle Paare und alleinstehende  
Frauen die Möglichkeit einer Kostenerstattung für die künstliche  
Befruchtung erhalten. Alle Kinder benötigen einen klaren Rechtssta-  
tus; das Persönlichkeitsrecht auf Kenntnis der eigenen Abstammung  
muss für alle Kinder gewahrt werden. Verantwortung wird nicht nur  
da füreinander übernommen, wo Kinder sind. Mit dem Pakt für das  
Zusammenleben werden wir eine neue Rechtsform schaffen, die das  
Zusammenleben zweier Menschen, die füreinander Verantwortung  
übernehmen, unabhängig von der Ehe rechtlich absichert.  
Wir sorgen für gute Arbeit und faire Löhne  
Mindestlohn anheben  
Arbeit muss gerecht bezahlt werden. Und die Menschen brauchen  
gute Arbeitsbedingungen. Aber in unserem reichen Land arbeiten  
noch immer Millionen Menschen im Niedriglohnsektor mit schlech-  
ten Löhnen und in unsicheren Beschäftigungsverhältnissen. Beson-  
ders oft sind davon Frauen und Menschen mit Migrationsgeschichte  
betroffen. Das wollen wir ändern. Den gesetzlichen Mindestlohn wer-  
den wir sofort auf 12 Euro anheben. Anschließend muss der Min-  
destlohn weiter steigen, um wirksam vor Armut zu schützen und  
mindestens der Entwicklung der Tariflöhne zu entsprechen. Die Min-  
destlohnkommission wollen wir reformieren und mit diesem Auftrag  
ausstatten. Die bestehenden Ausnahmen für unter 18-Jährige und  
Langzeitarbeitslose werden wir abschaffen. Leiharbeiter\*innen sol-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN104Kapitel 3  
Bereit, weil Ihr es seid.  
len vom ersten Tag an den gleichen Lohn für gleiche Arbeit bekom-  
men wie Stammbeschäftigte – plus Flexibilitätsprämie. Fair zahlende  
Unternehmer\*innen dürfen keine Wettbewerbsnachteile erleiden. In  
Zeiten von Corona zeigt sich besonders, dass das Kurzarbeitergeld  
für Beschäftigte mit kleinen Löhnen zu niedrig ist. Deshalb braucht  
es ein branchenunabhängiges Mindestkurzarbeitergeld. Ohne sach-  
lichen Grund dürfen Arbeitsverträge nicht mehr befristet werden.  
Gegen den vielfachen Missbrauch von Werkverträgen und die Abwäl-  
zung unternehmerischer Verantwortung mittels Subunternehmerket-  
ten gehen wir ordnungspolitisch vor. Wir wollen den Arbeitsschutz  
stärken, damit er wirksam vor Stress, Burn-out und Entgrenzung der  
Arbeit schützt. Mobbing und Diskriminierung am Arbeitsplatz nehmen  
wir ernst und wollen durch klare Sanktionen und verpflichtend zu  
schaffende Anlaufstellen besser davor schützen.  
Vollbeschäftigung schaffen  
Wir wollen allen Menschen ermöglichen, am Arbeitsleben teilzuha-  
ben, denn ein guter Arbeitsplatz ist eine wichtige Quelle für Einkom-  
men, Anerkennung und Selbstverwirklichung. Dazu müssen wir gute  
und sichere Jobs schaffen. Wir wollen die Beschäftigung weiter erhö-  
hen und damit auch verhindern, dass Corona langfristige Spuren am  
Arbeitsmarkt hinterlässt. Mit dauerhaft höheren öffentlichen Investi-  
tionen, mehr Gründungsgeist und Forschung sowie Innovation wollen  
wir ein Umfeld für viele neue Jobs schaffen. Der deutsche Arbeits-  
markt war dabei in den letzten Jahren gespalten: Fachkräftemangel  
und deutliche Lohnsteigerungen für Hochqualifizierte in einigen  
Branchen, prekäre Beschäftigung, unfreiwillige Teilzeit und stagnie-  
rende Reallöhne in anderen. Dem wollen wir mit einer sozial gerech-  
ten Arbeitspolitik entgegentreten. Damit sorgen wir für gute Löhne  
und trocknen den Niedriglohnsektor mittelfristig aus. Selbständige  
brauchen gute Rahmenbedingungen und eine bessere soziale Absi-  
cherung. Strukturelle Ursachen für Langzeitarbeitslosigkeit wollen  
wir bekämpfen. Für Menschen, die lange arbeitslos sind, schaffen wir  
einen dauerhaften sozialen Arbeitsmarkt, der sinnstiftende Tätigkei-  
ten vermittelt.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN105Kapitel 3  
Bundestagswahlprogramm 2021  
Sozialpartnerschaft stärken, Tarifbindung erhöhen  
Sozialpartnerschaft, Tarifverträge und Mitbestimmung sind Eckpfeiler  
der sozialen Marktwirtschaft. Sie haben unser Land stark gemacht.  
Da, wo sie gelten, sorgen sie meistens für anständige Löhne und gute  
Arbeitsbedingungen. Wir wollen, dass Tarifverträge und starke Mit-  
bestimmung wieder für mehr anstatt für immer weniger Beschäftigte  
und Betriebe gelten. Bei der öffentlichen Vergabe sollen im Einklang  
mit europäischem Recht die Unternehmen zum Zug kommen, die tarif-  
gebunden sind oder mindestens Tariflöhne zahlen. Dafür setzen wir  
auf ein Bundestariftreuegesetz. Zudem wollen wir es leichter machen,  
Tarifverträge für allgemeinverbindlich zu erklären, damit sie für alle  
in einer Branche gelten. Tarifflucht darf sich für Unternehmen nicht  
lohnen. Wir wollen Betriebe verpflichten zu veröffentlichen, ob sie  
Tarifvertragspartei sind. Bei Umstrukturierungen sollen die bisherigen  
tariflichen Regelungen gelten, bis ein neuer Tarifvertrag abgeschlos-  
sen wurde. Paritätische Mitbestimmung soll es zukünftig bereits in  
Unternehmen mit mehr als 1.000 Beschäftigten geben und wir wol-  
len ein Schlichtungsverfahren einführen, wenn sich Entscheidungen  
besonders stark auf die Beschäftigten auswirken. Betriebsräte, die sich  
für Mitarbeiter\*innen einsetzen, brauchen auch selbst mehr Schutz.  
Gleiches gilt auch für die Beschäftigten, die erstmals einen Betriebs-  
rat gründen wollen. Die Mitbestimmungsrechte für Betriebsräte, Per-  
sonalräte und auch Jugend- und Ausbildungsvertretungen wollen wir  
ausbauen und modernisieren, unter anderem wenn es um Personal-  
entwicklung, Weiterbildung, Standortverlagerungen ins Ausland, die  
Stärkung von Frauen, die Förderung von Vielfalt oder die Verbesse-  
rung der Klimabilanz im Unternehmen geht. Die stärkere finanzielle  
Beteiligung von Mitarbeiter\*innen an den Unternehmen, zusätzlich  
zu Lohn und Gehalt, kann mehr Mitgestaltung bewirken. Der Wandel  
der Arbeitswelt, den Digitalisierung und ökologische Transformation  
mit sich bringen, muss gemeinsam mit den Beschäftigten im Betrieb  
gestaltet werden.  
Selbstbestimmter arbeiten, digitale Chancen nutzen  
Wir wollen Beschäftigte dabei unterstützen, ihre Arbeit besser an ihr  
Familien- und Privatleben anzupassen. Eine moderne Arbeitswelt  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN106Kapitel 3  
Bereit, weil Ihr es seid.  
bedeutet für uns auch mehr Mitsprache bei Ort, Lage und Umfang der  
Arbeit. In der Corona-Krise wurde das Arbeiten von zu Hause zu einer  
weit verbreiteten Erfahrung, für viele verbunden mit mehr Eigenstän-  
digkeit und weniger Stress, wenn etwa das lange Pendeln wegfiel.  
Für andere aber auch zur echten Belastungsprobe – wenn zu Hause  
Arbeitszimmer, Arbeitsschutz und auch Kolleg\*innen fehlen oder  
Arbeit entgrenzt. Die Möglichkeit zur Selbstbestimmung im Arbeits-  
leben wollen wir daher erhalten und stärken, indem wir ein Recht  
auf mobiles Arbeiten einführen – mit Blick auf betriebliche Möglich-  
keiten, aber auch mit strikten Schutzkriterien und starkem Einfluss  
der Interessenvertretungen versehen. Das mobile Arbeiten kann im  
Homeoffice oder im nahe gelegenen Co-Working-Space stattfinden,  
der Wechsel dorthin muss immer freiwillig stattfinden und mit einem  
Rückkehrrecht sowie mit ausreichend Zeit an einem Arbeitsplatz im  
Unternehmen verbunden sein.  
Mehr Freiraum bei der Arbeitszeit  
Ob im Büro, in der Pflege oder auf Montage – für viele Menschen  
ist der körperliche oder psychische Druck durch Arbeit gewachsen.  
Gleichzeitig ist Zeit zu haben – für sich selbst oder die Familie – für  
viele Menschen ein immer größerer Wert. Kürzere Arbeitszeiten, wie  
beispielsweise die IG Metall sie als Beitrag zur Bewältigung des Struk-  
turwandels in der Automobilbranche vorgeschlagen hat, begrüßen  
wir, denn sie bieten die Chance, Arbeit gerechter zu verteilen, Arbeits-  
plätze zu sichern und Arbeitnehmer\*innen zu entlasten. Wir wollen  
Beschäftigte in Branchen, in denen die Belastung besonders hoch ist,  
mit besseren Arbeitsbedingungen unterstützen. Darüber hinaus sol-  
len die Möglichkeiten aller Arbeitnehmer\*innen, selbst flexibler über  
die eigene Arbeitszeit zu bestimmen – gerade um die Vereinbarkeit  
von Familie und Beruf zu erleichtern und Zeit für sich selbst zu haben  
–, verbessert werden. Dafür wollen wir die starre Vollzeit umgestalten,  
etwa mit Hilfe eines flexiblen Arbeitszeitkorridors, und insbesondere  
die Sozialpartner unterstützen, flexible Arbeitszeitmodelle zum Vor-  
teil der Arbeitnehmenden zu ermöglichen. Versuche, das Arbeitszeit-  
gesetz zum Nachteil der Arbeitnehmer\*innen aufzuweichen, lehnen  
wir ab. Die Arbeitszeit soll künftig dokumentiert werden, so wie es  
der Europäische Gerichtshof in einem Urteil entschieden hat. Wir set-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN107Kapitel 3  
Bundestagswahlprogramm 2021  
zen uns für eine bessere Kontrolle existierender Regelungen ein, um  
Beschäftigte, deren tatsächliche Arbeitszeit regelmäßig über 40 Stun-  
den liegt, zu stärken.  
Arbeitsversicherung stärkt Chancen  
Wir wollen die Arbeitsmarktpolitik auf die Zukunft ausrichten und  
die Arbeitslosenversicherung zu einer Arbeitsversicherung umbauen.  
Zentral dafür sind ein Rechtsanspruch auf Weiterbildung und die  
Stärkung der beruflichen Qualifikation. In einer Welt, in der häufige  
Berufswechsel für Viele Normalität sind und man nicht mehr automa-  
tisch 40 Jahre im gleichen Betrieb arbeitet, brauchen alle Menschen  
Anlaufstellen und Unterstützung, um ihr Berufsleben selbstbestimmt  
zu gestalten. Überall dort, wo es eine Arbeitsagentur gibt, sollen Bil-  
dungsagenturen zentrale Anlaufstellen werden und Menschen bei  
der Neuorientierung unterstützen, Weiterbildungsberatung und -för-  
derung sollen damit vereinfacht werden. Die Förderung des lebens-  
begleitenden Lernens für Menschen mit Behinderungen wollen wir  
ausbauen. Den Zugang zur Arbeitsversicherung werden wir deutlich  
erleichtern und bereits ab vier Monaten sozialversicherungspflich-  
tiger Beschäftigung einen Anspruch auf Arbeitslosengeld einführen.  
Auch selbständige Berufstätigkeit muss sozial besser abgesichert  
werden. Dafür vereinfachen wir den Zugang zur freiwilligen Arbeitslo-  
senversicherung und schaffen eine Zugangsmöglichkeit für alle Selb-  
ständigen, auch über die Auswahl zwischen zwei Tarifen. Selbständige  
sollen damit neben dem Anspruch auf Arbeitslosengeld I auch einen  
Anspruch auf Kurzarbeitergeld in besonderen Notsituationen wie  
beispielsweise während einer Pandemie erhalten. Wir wollen Grün-  
dungen aus Phasen der Arbeitslosigkeit heraus besser fördern und  
durch die Krise zurückgeworfenen Berufsanfänger\*innen mit einem  
Einstiegszuschuss eine Brücke in den Arbeitsmarkt bauen.  
Besserer Schutz bei online vermittelter Arbeit  
Vom Handwerkerdienst über Software-Entwicklung bis zur Reini-  
gung – immer mehr Dienstleistungen werden über Online-Plattfor-  
men vermittelt (Gig-Working) oder finden sogar ortsunabhängig in  
der Cloud statt (Crowd-Working). Die Digitalisierung von Tätigkeiten  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN108Kapitel 3  
Bereit, weil Ihr es seid.  
und die digitale Vermittlung von Arbeit bergen viele neue Chancen.  
Aber Arbeitsrecht und Arbeitsschutz müssen an die Onlinewelt ange-  
passt werden, damit daraus nicht neue Formen von Ausbeutung und  
Abhängigkeiten entstehen. Wir wollen online getätigte oder vermit-  
telte Arbeit regulieren, um dort arbeitenden Menschen den gleichen  
Schutz zu gewähren wie den analog Arbeitenden. Wir wollen Schein-  
selbständigkeit verhindern, indem wir bei der Abgrenzung zwischen  
selbständiger Tätigkeit und abhängiger Beschäftigung für mehr  
Rechts- und Planungssicherheit sorgen. Wenn der/die Auftragneh-  
mer\*in angibt, einen Arbeitnehmerstatus zu haben, soll künftig der/die  
Auftraggeber\*in beweisen, dass dem nicht so ist. Unfaires Preis-Dum-  
ping gilt es durch ein Mindesthonorar für zeitbasierte Dienstleistun-  
gen zu unterbinden. Arbeitnehmerähnliche Personen und Solo-Selb-  
ständige sollen sich künftig leichter tariflich organisieren können und  
branchenspezifisch sollen weitere verbindliche Honoraruntergrenzen  
vereinbart werden können, die auch für allgemeinverbindlich erklärt  
werden können. Plattformbetreiber tragen eine Verantwortung für  
ihre Auftragnehmer\*innen. Wir wollen mit klaren Mindeststandards  
beim Arbeits- und Datenschutz und bei den allgemeinen Geschäftsbe-  
dingungen, mit einem starken Beschäftigtendatenschutz und einem  
digitalen Zugangsrecht für Gewerkschaften für Fairplay bei der Platt-  
formökonomie und insgesamt in der digitalen Arbeitswelt sorgen.  
Faire Arbeitsbedingungen für Beschäftigte  
aus europäischen Nachbarstaaten  
In jedem europäischen Nachbarland arbeiten zu können, das ist eine  
der großen Errungenschaften unseres vereinten Europas. Was in hoch-  
qualifizierten Berufen viel Freiheit gebracht hat, führte in manchen  
Dienstleistungsbereichen zu ausbeuterischen Arbeitsrealitäten. Miss-  
stände in den deutschen Schlachthöfen haben das schlaglichtartig  
gezeigt. Doch auch anderswo, zum Beispiel auf dem Bau oder in der  
Pflege, herrschen vielfach ausbeuterische Verhältnisse. Wir wollen,  
dass alle Beschäftigten – egal, wie lange sie hier arbeiten – genauso  
gut bezahlt und abgesichert sind wie ihre deutschen Kolleg\*innen.  
Dafür braucht es ein wirksames Vorgehen gegen Schwarzarbeit und  
Scheinselbständigkeit, ein Verbandsklagerecht der Gewerkschaften,  
eine europäische Sozialversicherungsnummer, höhere Mindeststan-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN109Kapitel 3  
Bundestagswahlprogramm 2021  
dards für Unterkünfte von entsandten Beschäftigten, die Abschaf-  
fung der sozialversicherungsfreien kurzfristigen Beschäftigung, eine  
bessere Regulierung der Vermittlungsagenturen und mehr Kontrolle  
durch eine gestärkte Europäische Arbeitsbehörde. Arbeitnehmer\*innen  
aus anderen EU-Staaten müssen besser über ihre Rechte informiert  
werden und wir setzen uns auf europäischer Ebene für eine bessere  
soziale Absicherung für arbeitssuchende EU-Bürger\*innen ein.  
Wir schaffen Gerechtigkeit  
zwischen den Geschlechtern  
Gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit  
Gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit, von dieser Selbstverständ-  
lichkeit sind wir immer noch weit entfernt. Durchschnittlich verdie-  
nen Frauen, vor allem wenn sie sich um Kinder oder Pflegebedürftige  
kümmern, im gesamten Erwerbsleben etwa nur halb so viel wie Män-  
ner, was sich auch in ihrer ungenügenden Alterssicherung bemerk-  
bar macht. Deswegen setzen wir uns auf europäischer Ebene für eine  
ambitionierte EU-Richtlinie für Lohngleichheit ein und werden nati-  
onal ein effektives Entgeltgleichheitsgesetz einführen, das auch für  
kleine Betriebe gilt und die Unternehmen verpflichtet, von sich aus  
über die Bezahlung von Frauen und Männern und über ihre Maßnah-  
men zum Schließen des eigenen Pay-Gaps zu berichten. Dieses Gesetz  
muss auch ein wirksames Verbandsklagerecht enthalten, damit bei  
strukturellen Benachteiligungen auch Verbände die Klage überneh-  
men können und die Betroffenen nicht auf sich allein gestellt sind.  
Lohncheckverfahren können Diskriminierungen aufdecken. Deshalb  
werden wir Tarifpartner und Unternehmen verpflichten, alle Lohn-  
strukturen auf Diskriminierung zu überprüfen und den Beschäftigten  
anonymisierte Spannen der Gehalts- und Honorarstruktur zugäng-  
lich zu machen. Wir setzen uns dafür ein, dass Berufe, die vor allem  
von Frauen ausgeübt werden, eine höhere Wertschätzung erfahren  
als bisher, insbesondere in Form besserer Arbeitsbedingungen und  
besserer Bezahlung. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf muss für  
alle vereinfacht werden.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN110Kapitel 3  
Bereit, weil Ihr es seid.  
Wirtschaftliche Unabhängigkeit von Frauen stärken  
Um selbstbestimmt leben zu können, ist wirtschaftliche Unabhängig-  
keit unabdingbar. Deshalb müssen Steine, die dies behindern, aus dem  
Weg geräumt werden. Frauen übernehmen nach wie vor den Großteil  
der Sorgearbeit, die systemrelevant für unsere Gesellschaft ist. Wir  
wollen für eine eigenständige Absicherung in allen Lebensphasen  
sorgen – von der Berufswahl bis zur Rente. Minijobs, mit Ausnahmen  
für Studierende, Schüler\*innen und Rentner\*innen, wollen wir in sozi-  
alversicherungspflichtige Beschäftigung überführen und Regelungen  
für haushaltsnahe Dienstleistungen schaffen. Das durch enge Rollen-  
erwartungen eingeschränkte Berufswahlverhalten wollen wir durch  
eine gendersensible Berufsberatung erweitern. Die gläserne Decke,  
die Frauen am Aufstieg hindert, wollen wir aufbrechen. Dies gelingt  
durch eine kluge Zeitpolitik, die es auch Partner\*innen erleichtert,  
Verantwortung in der Familie zu übernehmen und Arbeit geschlech-  
tergerecht aufzuteilen. Wir wollen, dass die Sorge in der Familie  
gemeinsam und gleichberechtigt getragen wird, und sehen darin eine  
Voraussetzung für Chancengerechtigkeit und Gleichberechtigung der  
Geschlechter. Dafür ist es notwendig, dass insbesondere Väter glei-  
chermaßen Verantwortung und Sorgearbeit in der Familie überneh-  
men. Alleinerziehende dürfen dabei gegenüber Paaren nicht benach-  
teiligt werden. Von Diskriminierungen am Arbeitsmarkt Betroffene  
wollen wir stärken, unter anderem mit einem Verbandsklagerecht,  
dem Ausbau entsprechender Rechtsberatung und durch ein echtes  
Recht auf die Rückkehr in Vollzeit, das auch für kleinere Betriebe gilt.  
Damit Eltern nicht aufgrund der Tatsache, dass sie Kinder haben, in  
der Arbeitswelt benachteiligt werden, werden wir notwendige Maß-  
nahmen inklusive erforderlicher Gesetzesänderungen ergreifen.  
Gleichberechtigung auch bei der Steuer  
Das deutsche Steuerrecht steckt noch im letzten Jahrhundert fest.  
Während sich viele Paare Familien- und Erwerbsarbeit gleichberech-  
tigter aufteilen, als es noch vor Jahren der Fall war, gilt bei der Steuer  
nach wie vor das Modell eines männlichen Ernährers und einer Frau,  
die höchstens dazuverdient und sich hauptsächlich um Haushalt und  
Kinder kümmert. Dieses Modell ist ungerecht, weil es Ehen privile-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN111Kapitel 3  
Bundestagswahlprogramm 2021  
giert, Ein-Eltern-Familien (Alleinerziehende) und nicht verheiratete  
Paare außen vor lässt, die Erwerbstätigkeit von Frauen hemmt und  
Frauen gleichzeitig nicht wirklich absichert. In Krisen bekommen vor  
allem Frauen die Nachteile zu spüren, zum Beispiel durch weniger  
Kurzarbeiter- oder Arbeitslosengeld. Im Zusammenspiel mit Minijobs  
und der kostenlosen Mitversicherung wirken sich diese Maßnahmen  
negativ auf die Erwerbstätigkeit von Frauen aus. Deshalb wollen wir  
für neu geschlossene Ehen eine individuelle Besteuerung mit über-  
tragbarem Grundfreibetrag einführen. Bei der Lohnsteuer soll die/  
der heute über Gebühr belastete Zweitverdiener\*in entlastet wer-  
den, indem das Faktorverfahren zur Regel und die Steuerklasse 5 für  
Zuverdiener\*innen abgeschafft wird. So sorgen wir dafür, dass gleich-  
berechtigte Lebensentwürfe nicht länger benachteiligt werden. Paare,  
die bereits verheiratet sind, können sich entscheiden, ob sie sich ein-  
zeln veranlagen oder weiterhin das Ehegattensplitting nutzen wollen.  
Zugleich stärken wir mit der Kindergrundsicherung Familien. Allein-  
erziehende, die heute am stärksten von Armut betroffen sind, entlas-  
ten wir mit einer Steuergutschrift.  
Wir sichern die sozialen Netze  
Garantiesicherung statt Hartz IV  
Jeder Mensch hat das Recht auf soziale Teilhabe, auf ein würdevolles  
Leben ohne Existenzangst. Deswegen wollen wir Hartz IV überwin-  
den und ersetzen es durch eine Garantiesicherung. Sie schützt vor  
Armut und garantiert ohne Sanktionen das soziokulturelle Existenz-  
minimum. Sie stärkt so Menschen in Zeiten des Wandels und kann  
angesichts großer Veränderungen der Arbeitswelt Sicherheit geben  
und Chancen und Perspektiven für ein selbstbestimmtes Leben eröff-  
nen. Die grüne Garantiesicherung ist eine Grundsicherung, die nicht  
stigmatisiert und die einfach und auf Augenhöhe gewährt wird. Das  
soziokulturelle Existenzminimum werden wir neu berechnen und  
dabei die jetzigen Kürzungstricks beenden. In einem ersten Schritt  
werden wir den Regelsatz um mindestens 50 Euro und damit spürbar  
anheben. Die Leistungen der Garantiesicherung wollen wir schritt-  
weise individualisieren. Die Anrechnung von Einkommen werden wir  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN112Kapitel 3  
Bereit, weil Ihr es seid.  
deutlich attraktiver gestalten, sodass zusätzliche Erwerbstätigkeit  
immer zu einem spürbar höheren Einkommen führt. Jugendliche in  
leistungsempfangenden Familien sollen ohne Anrechnung Geld ver-  
dienen dürfen. Vermögen werden künftig unbürokratischer und mit  
Hilfe einer einfachen Selbstauskunft geprüft. Das Schonvermögen  
wird angehoben. Wir streben an, die soziale Sicherung schrittweise  
weiter zu vereinfachen, indem wir die existenzsichernden Sozialleis-  
tungen zusammenlegen und ihre Auszahlung in das Steuersystem  
integrieren. Wir begrüßen und unterstützen Modellprojekte, um die  
Wirkung eines bedingungslosen Grundeinkommens zu erforschen.  
Durch die Abschaffung der bürokratischen und entwürdigenden Sank-  
tionen schafft die Garantiesicherung Raum und Zeit in den Jobcentern  
für wirkliche Arbeitsvermittlung und Begleitung. Wir brauchen einen  
Perspektivenwechsel bei der Arbeitsförderung mit ausreichend Per-  
sonal, um der Unterschiedlichkeit der langzeitarbeitslosen Menschen  
gerecht zu werden. Notwendig sind intensive Betreuung, individuelle  
Unterstützung und anstelle eines Vermittlungsvorrangs in prekäre  
Arbeit wollen wir einen Vorrang für Ausbildung und Qualifizierung.  
Wichtig ist insbesondere soziale Teilhabe durch einen dauerhaf-  
ten sozialen und inklusiven Arbeitsmarkt, der niedrigschwellig und  
bedarfsgerecht ausgestaltet ist und von dem die Langzeitarbeitslosen  
auch aufgrund einer guten Begleitung vielfältig profitieren.  
Selbstbestimmung und gleichberechtigte Teilhabe  
für Menschen mit Behinderungen  
Menschen mit Behinderungen haben das Recht auf gleichberechtigte  
Teilhabe und auf Schutz vor Diskriminierung in allen Bereichen der  
Gesellschaft. Auf Basis der UN-Behindertenrechtskonvention und des  
Grundsatzes der Selbstbestimmung werden wir Inklusion vorantreiben  
und wollen deren verbindliche Umsetzung mit einer Enquete-Kom-  
mission begleiten. Leistungen zur Teilhabe müssen in jeder Phase  
allgemeiner, beruflicher und hochschulischer Bildung gewährt sein.  
Wir wollen einen inklusiven Arbeitsmarkt schaffen und dafür Arbeit-  
geber\*innen, die Menschen mit Behinderungen beschäftigen, besser  
unterstützen. Die Selbstvertretungsstrukturen werden wir stärken und  
absichern. Arbeitgeber\*innen, die hingegen nicht genügend schwerbe-  
hinderte Menschen beschäftigen, sollen eine höhere Ausgleichsabgabe  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN113Kapitel 3  
Bundestagswahlprogramm 2021  
zahlen, die wir in die Förderung inklusiver Beschäftigung investieren  
werden. Wir wollen das heutige Werkstattsystem zu einem System  
von Inklusionsunternehmen weiterentwickeln, in dem Menschen mit  
Behinderungen über die Inanspruchnahme von bedarfsgerechten  
Nachteilsausgleichen eine sozialversicherungspflichtige Beschäfti-  
gung mindestens auf Mindestlohnniveau ermöglicht wird. Wir werden  
Arbeitnehmer\*innen-Rechte sicherstellen und fördern den Wechsel in  
den allgemeinen Arbeitsmarkt. Die Tagesförderstätten wollen wir in  
diesen Prozess mit einbeziehen. Das Budget für Arbeit werden wir aus-  
bauen und Menschen, die es nutzen, in der Arbeitslosenversicherung  
absichern. Auszubildende und Studierende mit Behinderung erhalten  
bei Auslandsaufenthalten ein Budget zur Deckung ihrer Bedarfe, das  
den Leistungen entspricht, die sie im Inland erhalten. Unser Ziel ist es,  
das Bundesteilhabegesetz weiterzuentwickeln und Teilhabe zu garan-  
tieren – kein Poolen von Leistungen gegen den Willen der Betrof-  
fenen, echtes Wunsch- und Wahlrecht, Leistungen unabhängig vom  
Einkommen und Vermögen der Leistungsberechtigten und ein Bun-  
desteilhabegeld. Anträge auf Teilhabeleistungen sollen einfach und  
unbürokratisch sein und Entscheidungen im Sinne der Menschen mit  
Behinderung schnell erfolgen.  
Gemeinsame soziale Mindeststandards in der EU  
Wir treten ein für eine Europäische Union, die soziale Absicherung  
und Mindeststandards EU-weit garantiert. Soziale Rechte müssen den  
gleichen Stellenwert erhalten wie die wirtschaftlichen Freiheiten des  
Binnenmarkts. Dafür sind gemeinsame europäische Arbeits- und Sozi-  
alstandards essentiell. Wir machen uns für eine europäische Grundsi-  
cherungsrichtlinie stark, die soziale Mindeststandards für jedes Land  
festlegt, angepasst an die jeweilige ökonomische Situation. Länder-  
spezifische Mindestlöhne sollen überall in der EU dafür sorgen, dass  
Menschen von ihrer Arbeit leben können. Das in der Corona-Krise ein-  
geführte europäische Kurzarbeitsprogramm wollen wir verstetigen.  
Zur Stabilisierung im Falle von Krisen setzen wir uns für die Einführung  
einer europäischen Arbeitslosenrückversicherung ein. Wir wollen die  
europäischen Betriebsräte stärken und die Mitbestimmung in grenz-  
überschreitenden Unternehmen weiter absichern durch gestärkte  
Informationsrechte und verschärfte Sanktionen. Unser langfristiges  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN114Kapitel 3  
Bereit, weil Ihr es seid.  
Ziel ist, dass die in der Europäischen Grundrechtecharta verankerten  
sozialen Rechte als Grundrechte gegenüber den Mitgliedstaaten vor  
dem Europäischen Gerichtshof einklagbar sind.  
Eine verlässliche Alterssicherung für alle  
Die langfristige Sicherung des Rentenniveaus bei mindestens 48 Pro-  
zent hat für uns hohe Priorität. Bei einem weiteren Absinken wären  
immer mehr Menschen auf Grundrente angewiesen und die Akzep-  
tanz der gesetzlichen Rente wäre gefährdet. Um das Rentenniveau  
zu sichern, wollen wir die Frauenerwerbstätigkeit unter anderem  
durch ein Recht auf Rückkehr in Vollzeit erhöhen, ein echtes Ein-  
wanderungsgesetz schaffen und die Beschäftigungssituation älterer  
Arbeitnehmer\*innen verbessern. Um die Belastungen der Versicher-  
ten und der Arbeitgeber\*innen zu begrenzen, sollen bei Bedarf die  
Steuerzuschüsse erhöht werden. Prekäre Beschäftigung muss über-  
wunden werden, denn nur armutsfeste Löhne führen auch zu einer  
auskömmlichen Rente. Die gesetzliche Rentenversicherung wollen  
wir schrittweise zu einer Bürger\*innenversicherung weiterentwickeln,  
in die perspektivisch alle einbezogen werden, damit alle gut abgesi-  
chert sind. In einem ersten Schritt zu einer Bürger\*innenversicherung  
sorgen wir dafür, dass Selbständige ohne obligatorische Absicherung,  
zum Beispiel in berufsständischen Versorgungswerken, und Abge-  
ordnete verpflichtend in die gesetzliche Rentenversicherung aufge-  
nommen werden. Dabei werden bereits bestehende private Alters-  
vorsorgeformen sowie Altersgrenzen berücksichtigt. Um Altersarmut  
zu verhindern, werden wir die Grundrente reparieren und zu einer  
echten Garantierente weiterentwickeln, die deutlich mehr Menschen  
als bisher einbezieht und finanziell besserstellt. Wir führen darüber  
hinaus eine von den Arbeitgeber\*innen finanzierte Mindestbeitrags-  
bemessungsgrundlage ein, mit der vollzeitbeschäftigte Geringverdie-  
nende bei langjähriger Beschäftigung im Alter eine auskömmliche  
Rente erhalten. Grundsätzlich halten wir an der Rente mit 67 fest.  
Wir wollen es Menschen aber leichter machen, selbst darüber zu ent-  
scheiden, wann sie in Rente gehen wollen, auch über die Regelein-  
trittsgrenze hinaus.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN115Kapitel 3  
Bundestagswahlprogramm 2021  
Ein Bürger\*innenfonds für die Rente  
Eine kapitalgedeckte Altersvorsorge kann das Umlagesystem sinnvoll  
ergänzen. Die Riester-Rente hat sich aber als ein völliger Fehlschlag  
herausgestellt und die Rürup-Rente hat gravierende Schwächen. Die  
Produkte sind teuer und undurchschaubar und haben zum Teil eine  
geringere Rendite als Omas Sparstrumpf. Profitabel sind sie oft nur  
für die Versicherungswirtschaft oder dank der öffentlichen Förderung.  
Deswegen haben bei weitem nicht alle davon Gebrauch gemacht. Wir  
wollen die Riester- und die Rürup-Rente durch einen öffentlich verwal-  
teten Bürger\*innenfonds ersetzen. Die öffentliche Zulagenförderung  
der privaten Altersvorsorge werden wir reformieren und auf niedrige  
und mittlere Einkommen fokussieren. Für Menschen mit einem beste-  
henden Riestervertrag besteht, falls von ihnen gewünscht, Bestands-  
schutz. Der Fonds kann langfristig orientiertes Eigenkapital für die  
Wirtschaft bereitstellen. In den Bürger\*innenfonds zahlen alle ein, die  
nicht aktiv widersprechen. So wird ein Volumen geschaffen, das die  
Verwaltungskosten gering hält, die Risiken breit streut und auf teure  
Garantien verzichten kann. Der Bürger\*innenfonds wird öffentlich und  
politisch unabhängig verwaltet und investiert anhand von ESG-Nach-  
haltigkeitskriterien. Er investiert langfristig und hilft so, die Kurzfrist-  
orientierung der Märkte zu überwinden. So bietet er das Potenzial  
einer guten Rendite. Arbeitgeber\*innen sollen künftig eine betrieb-  
liche Altersvorsorge anbieten, einen eigenen Finanzierungsbeitrag  
leisten und den Bürger\*innenfonds als Standard dafür nutzen kön-  
nen. Um es kleinen Unternehmen einfacher zu machen, eine betrieb-  
liche Altersvorsorge anzubieten, wollen wir die reine Beitragsgarantie  
für kleine Unternehmen einführen, sie bei der Haftung entlasten und  
so für eine bessere Verbreitung der betrieblichen Altersvorsorge sor-  
gen. Zusätzlich wollen wir erreichen, dass Selbständige vergleichbare  
Chancen auf eine angemessene Altersversorgung haben wie abhän-  
gig Beschäftigte.  
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Bereit, weil Ihr es seid.  
Wir geben Gesundheit und Pflege  
einen neuen Wert  
Vorsorge als Leitprinzip  
Wir wollen den Zugang zu guter Gesundheitsversorgung von der Kind-  
heit bis ins hohe Alter sicherstellen – aber gute Gesundheitspolitik  
umfasst mehr. Wer in der Fleischindustrie unter prekären Bedingun-  
gen arbeitet, in einer schimmeligen Wohnung oder an einer vielbe-  
fahrenen Straße wohnt oder mit Hartz IV in Armut lebt, kann seine  
Gesundheit nur schwer schützen, hat eine höhere Wahrscheinlichkeit  
zu erkranken und oft einen schlechteren Zugang zur Gesundheitsver-  
sorgung. Für eine gesunde Gesellschaft braucht es eine Politik, die  
vorsorgt, die die Ursachen von Krankheiten bekämpft, Präventionsfor-  
schung fördert und vorausschauend handelt. Statt nur auf die nächste  
Krise zu reagieren, sollen in Zukunft durch gemeinsame Gesund-  
heitsziele und eine Ausweitung der Gesundheitsberichterstattung  
Krankheitsursachen und der Stand der gesundheitlichen Versorgung  
in den Blick genommen werden. Prävention, Gesundheitsförderung  
und gesundheitliche Versorgung wollen wir grundsätzlich als Quer-  
schnittsaufgabe in allen Politikbereichen verfolgen.  
Für Pandemien gewappnet sein  
Die Corona-Krise hat gezeigt, dass unser Gesundheitssystem für künf-  
tige Pandemien besser gewappnet sein muss. Deshalb stoßen wir eine  
umfassende Analyse des Pandemiemanagements an. Spätestens jetzt  
ist der Moment, längst überfälligen Wandel einzuleiten, beispiels-  
weise die Krankenhaus- und Notfallversorgung zu reformieren und  
die Digitalisierung, insbesondere in den Gesundheitsämtern, beherzt  
voranzutreiben. Um Pandemien zukünftig effektiv und nachvollzieh-  
bar zu bekämpfen, sollen Stufen zur Eindämmung von Pandemien im  
Infektionsschutzgesetz definiert, Pandemieschutzpläne aktualisiert  
und soll ein unabhängiger und interdisziplinärer Pandemierat ein-  
gerichtet werden. Getroffene Maßnahmen müssen evidenzbasiert  
und verhältnismäßig sein. Mit einer klaren Kommunikationsstrate-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN117Kapitel 3  
Bundestagswahlprogramm 2021  
gie sollen den Bürger\*innen Datengrundlagen, Entscheidungsgründe  
und -wege transparent gemacht werden. Wir investieren in Gesund-  
heitsforschung, zum Beispiel bei Medikamenten, Impfstoffen oder  
der Entwicklung neuer Testverfahren. Dort, wo es keine ausreichen-  
den Anreize für die Therapieentwicklung gibt, wie zum Beispiel bei  
Antibiotika oder antiviralen Medikamenten, schaffen wir alternative  
Anreizsysteme. Auch die Produktion von Medikamenten und Medi-  
zinprodukten soll – in europäischer Kooperation – vorangetrieben  
werden, die Versorgung, zum Beispiel mit Atemschutzmasken, durch  
eigene Produktionsstandorte sichergestellt werden. Die Universi-  
tätsmedizin werden wir angesichts ihrer wichtigen Rolle in der Pan-  
demiebekämpfung weiter stärken – von der Spitzenforschung über  
die Vernetzung bei Daten und Digitalisierung bis zur Versorgung per  
Telemedizin im ländlichen Raum. Auf europäischer Ebene braucht  
es mehr gemeinsame Strategie und Koordinierung, etwa durch die  
gemeinsame Planung und Nutzung medizinischer Notfallkapazitä-  
ten oder durch ein europäisches Frühwarnsystem und die gemein-  
same Erhebung und Nutzung relevanter Daten. Daher setzen wir uns  
für den zügigen Aufbau von HERA ein, einer EU-Behörde, die künftig  
staatliche und privatwirtschaftliche Aktivitäten besser koordinieren  
soll. Das Europäische Zentrum für die Prävention und Kontrolle von  
Krankheiten wollen wir stärken und uns für eine engere Kooperation  
mit nationalen Gesundheitsbehörden einsetzen.  
Gesundheitsämter stärken  
Nicht erst in der Corona-Pandemie wird sichtbar, dass wir als Gesell-  
schaft größere Anstrengungen unternehmen müssen, um die öffentli-  
che Gesundheit zu stärken und Menschen ein gutes Leben zu ermögli-  
chen. Ob der Besuch der mobilen Zahnärzt\*innen in der Schule oder die  
Impfaktion im Pflegeheim – für Gesundheitsförderung, die Menschen  
unkompliziert erreicht, braucht es eine Stärkung des Öffentlichen  
Gesundheitsdienstes. Unser Ziel ist es, im Zusammenspiel zwischen  
den Gesundheitsdiensten der Länder und Kommunen, Strukturen der  
öffentlichen Gesundheitsfürsorge an Universitäten und Hochschulen  
und einem neu zu schaffenden Bundesinstitut für Gesundheit gemein-  
sam eine starke Säule der öffentlichen Gesundheitsfürsorge aufzu-  
bauen. Das Institut soll gemeinsame, langfristige Gesundheitsziele  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN118Kapitel 3  
Bereit, weil Ihr es seid.  
entwickeln, zur Funktionsfähigkeit des Gesundheitswesens berichten,  
die Qualität und Koordination der Gesundheitsdienste sichern und  
als zentrales Public-Health-Organ durch die Bündelung bestehender  
Strukturen des Bundes zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung  
beitragen. Bisher sind die Gesundheitsämter chronisch unterfinanziert  
und unterbesetzt, die personelle und technische Ausstattung muss dau-  
erhaft verbessert werden. Wir wollen deshalb, dass Bund und Länder  
gemeinsam dafür sorgen, dass die Mittel für den Öffentlichen Gesund-  
heitsdienst schrittweise auf mindestens 1 Prozent der Gesundheits-  
ausgaben angehoben werden, sodass er seine Aufgaben des Gesund-  
heitsschutzes und der Gesundheitsförderung dauerhaft wahrnehmen  
kann. Die Gesundheitsdienste wollen wir stärker in die Gesundheits-  
förderung und Prävention in den Lebenswelten vor Ort einbinden. Die  
Mitarbeiter\*innen im Öffentlichen Gesundheitsdienst, insbesondere  
Amtsärzt\*innen, müssen vergleichbar zu anderen Beschäftigungsver-  
hältnissen im Gesundheitswesen bezahlt werden. Auch pflegerische  
Fachkompetenz soll stärker eingebunden werden – als sogenannte  
Community Health Nurses oder in der Schulgesundheitspflege.  
Gute gesundheitliche Versorgung in Stadt und Land  
Gesundheit ist Daseinsvorsorge. Wir wollen, dass Menschen im gan-  
zen Land gut und verlässlich versorgt werden. Viele niedergelassene  
Ärzt\*innen, Hebammen, Heilmittelerbringer\*innen und andere medi-  
zinische Fachkräfte arbeiten jeden Tag hart daran, diese Versorgung  
zu ermöglichen. Doch wenn mancherorts der Weg zur Hebamme kaum  
zu bewältigen ist, die Kinderstationen Patient\*innen abweisen müs-  
sen oder Hausarztpraxen auf dem Land schließen müssen, weil ein\*e  
Nachfolger\*in fehlt, gefährdet das die gesundheitliche Versorgung.  
Wir wollen die Primärversorgung durch Hausärzt\*innen und wei-  
tere Gesundheitsberufe weiter stärken. Um die Versorgung in Stadt  
und Land sicherzustellen, wollen wir, dass ambulante und stationäre  
Angebote in Zukunft übergreifend geplant werden und etwa regio-  
nale Versorgungsverbünde mit enger Anbindung an die Kommunen  
gefördert werden. Perspektivisch soll es eine gemeinsame Abrech-  
nungssystematik für ambulante und stationäre Leistungen geben.  
Außerdem heben wir die strikte Trennung der ambulanten Gebüh-  
renordnungen EBM und GOÄ auf. Auch die zahnmedizinische Regel-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN119Kapitel 3  
Bundestagswahlprogramm 2021  
versorgung in der GKV muss regelmäßig an den aktuellen Stand der  
Wissenschaft angepasst werden. Gleichzeitig wollen wir die interdis-  
ziplinäre Zusammenarbeit zwischen den Gesundheitsberufen stärken.  
Denn die Versorgung muss von den Patient\*innen aus gedacht wer-  
den. Dafür wollen wir insbesondere die Einrichtung von gemeinwohl-  
orientierten regionalen Gesundheitszentren unterstützen, in denen  
alle Gesundheitsberufe unter gemeinsamer Trägerschaft auf Augen-  
höhe zusammenarbeiten. Die Aufgabenverteilung im Gesundheitswe-  
sen werden wir so reformieren, dass nichtärztliche Gesundheits- und  
Pflegeberufe mehr Tätigkeiten sowie die Verordnung von Hilfsmit-  
teln und pflegenahen Produkten eigenverantwortlich übernehmen  
können. Bei nachgewiesener Qualifikation wollen wir den Direktzu-  
gang für Therapeut\*innen. Die Arbeitsbedingungen in und die Vergü-  
tung von Therapieberufen müssen dringend ihrer wichtigen Rolle im  
Gesundheitswesen angepasst, das Schulgeld für diese Ausbildungen  
muss abgeschafft werden. Die Ausbildung in den Therapieberufen  
muss in regulären Studiengängen möglich sein.  
Krankenhäuser nach gesellschaftlichem Auftrag finanzieren  
In Krankenhäusern sollen alle die Versorgung erhalten, die sie  
benötigen. Doch falsche politische Weichenstellungen und der dar-  
aus folgende ökonomische Druck haben zu Fehlanreizen zu Lasten  
des Patient\*innenwohls und zu Kosteneinsparungen zu Lasten des  
Personals geführt. Es braucht eine verbindlichere Landeskranken-  
hausplanung, die die öffentlichen Versorgungsinteressen an Grund-,  
Schwerpunkt- und Maximalversorgung definiert. Der Bund soll die  
Möglichkeit haben, dafür gemeinsame bundesweite Grundsätze für  
die Krankenhausplanung zu definieren. Welche Angebote es vor Ort  
gibt, darf nicht davon abhängen, was sich rentiert oder was sich Trä-  
ger noch leisten können, sondern muss sich danach richten, was nötig  
ist. Dabei hat die flächendeckende, erreichbare Grundversorgung der  
Bevölkerung einen eigenen Stellenwert. Die Gemeinwohlorientierung  
im Gesundheitswesen soll gestärkt und der Trend hin zu Privatisie-  
rung umgekehrt werden. Die Konzentration auf ertragreiche Ange-  
bote muss ein Ende haben. Kliniken sollen deshalb in Zukunft nicht  
mehr nur nach Fallzahl, sondern auch nach ihrem gesellschaftlichen  
Auftrag finanziert werden. Dafür braucht es ein neues Finanzierungs-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN120Kapitel 3  
Bereit, weil Ihr es seid.  
system, das eine starke Säule der Strukturfinanzierung beinhaltet,  
sodass Entscheidungen danach getroffen werden, was das Beste für  
Patient\*innen und Beschäftigte ist – und eine bürokratiearme Kosten-  
kontrolle dem nicht zuwiderläuft. Vorgaben zur Personalbemessung,  
Behandlungs- und Versorgungsqualität sichern eine qualitativ hoch-  
wertige und bedarfsgerechte Versorgung. Die seit Jahren zunehmende  
Lücke in der staatlichen Investitionsfinanzierung wollen wir durch  
eine gemeinsame Finanzierung durch Bund und Länder schließen.  
Organspende rettet Leben. Wir wollen die Strukturen bei der Organi-  
sation und Qualität der Organspende in den Kliniken und des Trans-  
plantationsregisters weiter verbessern.  
Notfallversorgung reformieren  
Wie gut ein Gesundheitssystem funktioniert, zeigt sich oft erst im  
Notfall – und dann wird es häufig ernst. Damit die Notfallversorgung  
in Deutschland besser funktioniert, muss sich einiges ändern. Das  
fängt beim Rettungsdienst an, der Menschen in Not heute umfas-  
sender medizinisch behandeln kann und deshalb wie die übrige  
Gesundheitsversorgung im Gesetz geregelt werden muss. Die Not-  
rufleitstellen der Nummern 112 und 116117 müssen organisatorisch  
zusammengeführt werden, damit es im Zweifelsfall keine Rolle spielt,  
wo Menschen anrufen, sondern sie nach einer standardisierten Not-  
rufabfrage immer die passende Hilfe bekommen. Deshalb wollen  
wir diese Notrufleitstellen zu Gesundheitsleitstellen verbinden, die  
rund um die Uhr eine verlässliche Lotsenfunktion übernehmen. An  
zentralen Klinikstandorten soll in Notfallzentren eine nahtlose Ver-  
zahnung der bislang getrennten ambulanten und stationären Versor-  
gungsmöglichkeiten der Notfallversorgung erfolgen. Gerade nachts  
und am Wochenende sollen diese personell so unterstützt werden,  
dass Patient\*innen in weniger ernsten Situationen auch ambulant gut  
versorgt werden können. Durch eigene Budgets für die Notfall- und  
Intensivmedizin sowie einheitliche Stufen und Vorgaben zur Notfall-  
versorgung wollen wir sicherstellen, dass Menschen in Not, in der  
Stadt und auf dem Land, stets die erwartbare Hilfe auch verlässlich  
vorfinden.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN121Kapitel 3  
Bundestagswahlprogramm 2021  
Versorgung psychisch Erkrankter verbessern  
Starke Prävention und angemessene Versorgung – für beides wollen  
wir die Weichen stellen, denn seelische Gesundheit ist Fundament für  
Lebensqualität, soziale Teilhabe und körperliche Gesundheit und mehr  
als nur Abwesenheit psychischer Krankheiten. Es ist nicht zumutbar,  
dass viele Menschen in einer psychischen Krise monatelang auf thera-  
peutische Hilfe warten müssen. Wer eine psychische Erkrankung hat,  
braucht schnelle und leicht zugängliche Hilfen, damit das Leid sich  
nicht verschlimmert. Stigmatisierungen, zum Beispiel am Arbeitsplatz,  
muss vorgebeugt werden. Flächendeckende und bedarfsgerechte Ver-  
sorgung mit ambulanten und stationären Therapie- sowie Hilfs- und  
Beratungsangeboten, zum Beispiel auch für Suizidprävention oder bei  
Abhängigkeiten, ist zentral. Wir wollen ambulante Psychotherapie-  
plätze durch mehr Kassenzulassungen von Psychotherapeut\*innen  
schaffen. Es braucht eine gemeindenahe und personenzentrierte Ver-  
sorgung und eine verbesserte, sektorübergreifende Zusammenarbeit.  
Dabei müssen auch die Besonderheiten der Versorgung von Kindern  
und Jugendlichen, von LSBTIQ\*, geflüchteten und traumatisierten Men-  
schen sowie von Frauen, die von Gewalt betroffen sind, berücksichtigt  
werden. Behandlungen unter Zwang müssen auf ein unumgängliches  
Mindestmaß reduziert werden. Dafür braucht es eine systematische  
Dokumentation und die konsequente Patient\*innenorientierung des  
therapeutischen Angebots. Hilfsangebote zwischen ambulanter und  
stationärer Behandlung müssen flexibler werden und die verschiede-  
nen Berufsgruppen im Team eine miteinander abgestimmte Behand-  
lung übernehmen können. Bei der unzureichenden Reform der Psy-  
chotherapie-Ausbildung muss nachgebessert werden, unter anderem  
damit angehende Psychotherapeut\*innen endlich unter guten Bedin-  
gungen ausgebildet werden.  
Geburtshilfe verbessern, Gesundheit von Frauen stärken  
Eine gute Geburtshilfe stellt das Wohl von Gebärenden und Kindern  
in den Mittelpunkt. Um den notwendigen Kulturwandel zu schaf-  
fen, sollen Hebammen und andere Akteur\*innen bei einem Geburts-  
hilfegipfel Qualitätsstandards, orientiert an dem Gesundheitsziel  
„Gesundheit rund um die Geburt“, entwickeln. Dazu gehören neben  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN122Kapitel 3  
Bereit, weil Ihr es seid.  
der 1:1-Betreuung die Wahlfreiheit des Geburtsortes, die Sicher-  
stellung wohnortnaher Versorgung, die Sensibilisierung für Gewalt  
in der Geburtshilfe und die Etablierung eines Betreuungsbogens  
vor, während und nach der Geburt. Um die Versorgungssicherheit zu  
gewährleisten und den Hebammenberuf zu stärken, sind außerdem  
eine Reform der Haftpflicht für Gesundheitsberufe, die Aufnahme der  
Rufbereitschaftspauschale in den Katalog der Kassenleistungen, der  
erleichterte nachträgliche akademische Titelerwerb für ausgebil-  
dete Hebammen und der Ausbau hebammengeführter Kreißsäle und  
Geburtshäuser nötig. Finanzielle Fehlanreize für einen medizinisch  
nicht notwendigen Kaiserschnitt darf es nicht geben. Wir wollen das  
Gesundheitssystem geschlechtergerecht machen. Geschlechtsspezifi-  
sche Aspekte in Forschung und Ausbildung und in der medizinischen  
Praxis werden nicht ausreichend berücksichtigt, etwa bei der Medika-  
mentenforschung. Das gefährdet die Gesundheit von Frauen wie auch  
von Trans\*- und Inter\*-Menschen. Die Forschung zu geschlechtsspe-  
zifischer Medizin und Pflege sowie Frauengesundheit muss sicher-  
gestellt, in der medizinischen und pflegerischen Praxis umgesetzt  
und in der Ausbildung verankert werden. Damit einhergehend muss  
gezielter in die Forschung und Weiterentwicklung von Verhütungs-  
mitteln für alle Geschlechter investiert werden. Mit Hilfe einer pari-  
tätischen Frauenquote für Führungspositionen im Gesundheitswesen  
und durch bessere Arbeitsbedingungen holen wir mehr Frauen in die  
Führungsgremien unseres Gesundheitswesens.  
Zugang zum Gesundheitssystem sichern,  
Diskriminierung beenden  
Auch im Gesundheitswesen wollen wir Diskriminierung bekämpfen.  
Beispielsweise erhalten Menschen mit Behinderungen häufig nicht  
alle dringend benötigten Gesundheitsleistungen, Hilfsmittel oder  
häusliche Pflege und werden so in ihrer Teilhabe beschränkt. Des-  
halb wollen wir mit einem ressortübergreifenden Inklusionsplan  
diese Hürden umfassend abbauen, die Gesundheitsleistungen auf die  
jeweiligen Bedarfe gezielt ausrichten und bürokratische Vorgänge so  
weit wie möglich reduzieren. Das umfasst auch verpflichtende Vor-  
gaben zur Barrierefreiheit bei der Bedarfsplanung und eine Reform  
der Heilmittelversorgung. Das Gesundheitswesen muss insgesamt  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN123Kapitel 3  
Bundestagswahlprogramm 2021  
inklusiv ausgestaltet werden, unter anderem auch in der Aus- und  
Fortbildung des Personals. Auch für LSBTIQ\* muss diskriminierungs-  
freie Gesundheitsversorgung gesichert sein. Dafür werden wir den  
Anspruch auf medizinische Maßnahmen für Trans\*- und Inter\*-Men-  
schen gesetzlich verankern. Die bestehenden Lücken beim Verbot  
sogenannter „Konversionstherapien“ werden wir schließen. Wir wol-  
len die Aufklärungsarbeit über HIV und aktuelle Behandlungs- und  
Präventionsmöglichkeiten bei Ärzt\*innen stärker in Aus-, Fort- und  
Weiterbildung berücksichtigen, um Stigmatisierung vorzubeugen.  
Der Zugang zu gesundheitlicher Versorgung muss auch für Menschen  
ohne Krankenversicherungsschutz oder Wohnungslose und unab-  
hängig vom Aufenthaltsstatus gewährleistet sein. Das gilt auch für  
Unionsbürger\*innen und Menschen, die ohne Papiere in Deutschland  
leben, etwa durch einen anonymen Krankenschein, die Abschaffung  
der Mitteilungs- und Unterrichtungspflichten an öffentlichen Stel-  
len oder die Stärkung von Beratungsnetzwerken für Menschen ohne  
Papiere. Damit Sprache keine unüberwindbare Hürde darstellt, wollen  
wir einen Anspruch auf qualifizierte Sprachmittlung im SGB V schaf-  
fen. Die erleichterte Abschiebung von erkrankten und traumatisier-  
ten Geflüchteten wollen wir zurücknehmen und die Anerkennung von  
psychotherapeutischen Gutachten im Verfahren wieder ermöglichen.  
Auf dem Weg zur Bürger\*innenversicherung  
für Gesundheit und Pflege  
Gesetzlich Versicherte warten länger auf Termine bei Fachärzt\*innen  
und viele privat Versicherte können sich die hohen Prämien nicht  
mehr leisten. Von dieser Zwei-Klassen-Medizin profitieren wenige,  
zum Nachteil vieler. Unser Ziel ist eine solidarisch finanzierte Bür-  
ger\*innenversicherung, in der jede\*r unabhängig vom Einkommen die  
Versorgung bekommt, die er oder sie braucht. Dafür wollen wir in der  
nächsten Wahlperiode die Weichen stellen. Mit der Bürger\*innenver-  
sicherung wollen wir alle in die Finanzierung eines leistungsstarken  
Versicherungssystems einbeziehen und so auch vor dem Hintergrund  
künftiger Kostensteigerungen im Gesundheitswesen für eine stabile  
und solidarische Lastenteilung sorgen. Auch Beamt\*innen, Selbstän-  
dige, Unternehmer\*innen und Abgeordnete beteiligen sich mit ein-  
kommensabhängigen Beiträgen, ohne fiktive Mindesteinkommen. Die  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN124Kapitel 3  
Bereit, weil Ihr es seid.  
Beiträge sollen auf alle Einkommensarten erhoben werden, zum Bei-  
spiel neben Löhnen und Gehältern auch auf Kapitaleinkommen. Wir  
verbessern die Versorgung gesetzlich Versicherter – zum Beispiel bei  
der Erstattung von Brillen. Außerdem wollen wir die Benachteiligung  
gesetzlich versicherter Beamt\*innen durch einen beihilfefähigen Tarif  
beenden und privat Versicherte, die sich nur den Basistarif leisten  
können, besser absichern. Für gesetzlich Versicherte mit Beitrags-  
schulden wollen wir die vollwertige Rückkehr in die Krankenkasse  
erleichtern und wir wollen die Absicherung von gering verdienenden  
Selbständigen in der Krankenversicherung verbessern, um sie nicht  
durch zu hohe Beiträge finanziell zu überfordern.  
Patient\*innenrechte stärken  
Für uns stehen die Bedürfnisse der Patient\*innen und Pflegebedürf-  
tigen und der Nutzen für sie im Mittelpunkt. Sie sollen von Zuschau-  
er\*innen zu Beteiligten in unserem Gesundheitswesen werden. Dazu  
wollen wir die Möglichkeiten der Patient\*innen- und Versichertenver-  
tretung in den Gremien des Gesundheitswesens ausbauen, insbeson-  
dere auch durch ein eigenes unparteiisches Mitglied im Gemeinsamen  
Bundesausschuss, größere Beteiligungs- und Informationsrechte und  
eine Reform der Sozialwahlen. Patient\*innen sollen selbstbestimmt  
und auf informierter Grundlage Entscheidungen treffen und bei Pro-  
blemen ihre Rechte wirksam und zeitnah durchsetzen können, etwa  
gegenüber ihrer Krankenkasse. Wir wollen mehr Qualitätstransparenz  
im Gesundheitswesen und setzen uns für die Gründung einer von den  
Patient\*innen- und Selbsthilfeorganisationen getragenen Stiftung  
ein, die der Unabhängigen Patientenberatung eine verlässliche und  
gemeinnützige neue Heimat gibt. Die Patient\*innensicherheit wol-  
len wir voranbringen. Opfer von Behandlungsfehlern müssen leichter  
Entschädigungen erhalten und Strukturen zur Fehlervermeidung flä-  
chendeckend eingeführt werden.  
Digitalisierung verbessert Gesundheitsversorgung  
Wir wollen die Chancen der Digitalisierung – ob Robotik zur Unter-  
stützung in der Pflege, Telemedizin oder die elektronische Patienten-  
akte – nutzen, um das Gesundheitssystem zukunftsfähig zu machen.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN125Kapitel 3  
Bundestagswahlprogramm 2021  
Per App sollen Patient\*innen sicher auf den digitalen Impfpass,  
Gesundheitsinformationen wie die eigene Blutgruppe, die Krankheits-  
geschichte oder die neuesten Blutwerte zugreifen können. Zur Koor-  
dination all dieser Vorhaben wollen wir mit allen Nutzer\*innen des  
Gesundheitswesens eine Strategie für die Digitalisierung entwickeln.  
Damit sie den Patient\*innen wirklich nützt, muss die elektronische  
Patientenakte weiterentwickelt werden und für alle Patient\*innen  
einfach zugänglich und verständlich sein; eine Informationskam-  
pagne soll Patient\*innen auch unabhängig von sozialer Lage oder  
digitaler Gesundheitskompetenz erreichen. Dabei sind unter anderem  
Patient\*innenorganisationen stärker einzubinden. Gesundheitsdaten  
sollen anonymisiert und wo nötig pseudonymisiert der Wissenschaft  
zur Verfügung gestellt werden, um die Gesundheitsversorgung in  
Deutschland zu verbessern. Eine Weitergabe der Daten erfolgt dabei  
nicht gegen den Willen der Patient\*innen. Die ärztliche Schweige-  
pflicht und das Patient\*innengeheimnis müssen auch für digitalisierte  
Gesundheitsdaten jederzeit gewahrt bleiben. Ihre eigenen Gesund-  
heitsdaten müssen für Patient\*innen barrierefrei und sicher zugäng-  
lich sein. Es braucht eine dezentrale Forschungsdateninfrastruktur.  
Die Ergebnisse, die aus weitergegebenen Gesundheitsdaten gewon-  
nen werden, sollen der Allgemeinheit nach dem Open-Data-Prinzip  
zur Verfügung stehen. Alle von der Solidargemeinschaft finanzier-  
ten digitalen Angebote müssen barrierefrei sein und den höchsten  
Ansprüchen an Datenschutz und Datensicherheit genügen. Wir setzen  
uns für eine unabhängige Nutzenbewertung von digitalen Gesund-  
heitsanwendungen ein. Den Ausbau digitaler Infrastruktur und tech-  
nischer Assistenzsysteme in der Pflege wollen wir unterstützen. Um  
Sicherheit und Interoperabilität zu gewährleisten und so zum Beispiel  
auch den administrativen Aufwand für medizinisches und pflegeri-  
sches Personal zu verringern, sollen Hersteller von Medizinprodukten  
und Software offene Schnittstellen anbieten, die sich an länderüber-  
greifenden (Schnittstellen-)Standards orientieren.  
Klimaschutz ist Gesundheitsschutz  
Dem Gesundheitswesen kommt bei der Bewältigung der Klimakrise  
eine besondere Bedeutung zu, etwa durch die Anpassung an ein ver-  
ändertes Krankheitsspektrum und an vermehrte Extremwetterlagen  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN126Kapitel 3  
Bereit, weil Ihr es seid.  
wie Hitzewellen. Unter diesen leiden heute schon vor allem ältere  
und armutsgefährdete Menschen, auch Allergien und Erkrankungen  
beispielsweise der Haut treten vermehrt auf. Das ist eine Herausfor-  
derung für das Gesundheitswesen, der wir durch mehr Vorsorge, eine  
bessere Notfallversorgung, verstärkte Hilfen für besonders verletzli-  
che Menschen wie etwa chronisch Kranke begegnen wollen. Wir wer-  
den außerdem einen Sonderfonds zur Umsetzung von Hitzeaktions-  
plänen schaffen. Gleichzeitig muss auch das Gesundheitswesen dazu  
beitragen, CO2-Emissionen zu verringern. Investitionen zum Beispiel  
in grüne Krankenhäuser und Gesundheitszentren werden wir unter-  
stützen. Umwelt- und Klimaschutz sollen auch bei der Produktion von  
Arzneimitteln stärker beachtet und ein Qualitätsmerkmal bei Verträ-  
gen der Krankenkassen werden. Die Verknüpfung von Klimaschutz  
und Gesundheit kann so zu einem Motor der Transformation hin zu  
mehr Nachhaltigkeit werden.  
Ambulante Pflege stärken  
Wer pflegebedürftig ist, hat die bestmögliche Pflege und Unterstüt-  
zung für einselbstbestimmtes und würdevolles Leben verdient. Gerade  
in einer alternden Gesellschaft braucht es dafür überall vielfältige,  
auf den Bedarf vor Ort angepasste pflegerischeAngebote, die auf die  
individuellen Bedürfnisse und biografischen Hintergründe der Pfle-  
gebedürftigen eingehen. Statt weiterer Großeinrichtungen sind mehr  
ambulante Wohn- und Pflegeformen nötig, zum Beispiel Angebote der  
Tages-, Kurzzeit- und Verhinderungspflege oder Pflege-Wohngemein-  
schaften – eingebettet in ein Umfeld, das Menschen im Alter oder bei  
Assistenzbedarf dabei unterstützt, aktiv am gesellschaftlichen Leben  
teilzuhaben. Gerade im ländlichen Raum können Community Health  
Nurses wie früher die Gemeindeschwestern eine große Stütze sein. So  
wird die Pflege auch für Angehörige einfacher. Dafür wollen wir die  
rechtlichen Rahmenbedingungen für Quartierspflege schaffen und  
den Kommunen ermöglichen, eine verbindliche Pflegebedarfspla-  
nung vorzunehmen, um das Angebot an Pflege vor Ort zu gestalten.  
Ein Bundesprogramm soll eine Anschubfinanzierung für Kommunen  
bereitstellen, die sich hier auf den Weg machen. Leistungen der Pfle-  
geversicherung sollen bedarfsgerecht, wohnformunabhängig und als  
persönliches Budget verfügbar sein. Jemanden zu pflegen verdient  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN127Kapitel 3  
Bundestagswahlprogramm 2021  
unsere Anerkennung und die Unterstützung der Gesellschaft. Deshalb  
wollen wir Menschen, die Verantwortung für Angehörige, Nachbar\*in-  
nen oder Freund\*innen übernehmen, mit der PflegeZeit Plus beson-  
ders unterstützen. Wir ermöglichen damit allen Erwerbstätigen eine  
Lohnersatzleistung bei dreimonatigem Vollausstieg und dreijährigem  
Teilausstieg, die pflegebedingte Arbeitszeitreduzierungen finanziell  
abfedert.  
Eine doppelte Pflegegarantie  
Pflegebedürftige Menschen und ihre Angehörigen müssen immer  
mehr eigenes Geld für ihre Versorgung aufbringen. Wir wollen, dass  
pflegebedürftige Menschen die für sie notwendigen Pflegeleistungen  
erhalten, ohne von Armut bedroht zu sein. Mit einer doppelten Pfle-  
gegarantie wollen wir die Eigenanteile schnell senken und dauerhaft  
deckeln. So garantieren wir, dass die selbst aufzubringenden Kosten  
verlässlich planbar werden. Die Pflegeversicherung soll alle über die-  
sen Betrag hinausgehenden Kosten für eine bedarfsgerechte (ambu-  
lante wie stationäre) Pflege tragen. Mit einer solidarischen Pflege-  
Bürger\*innenversicherung wollen wir dafür sorgen, dass sich alle mit  
einkommensabhängigen Beiträgen an der Finanzierung des Pflege-  
risikos beteiligen.  
Arbeitsbedingungen in der Pflege und der  
Gesundheitsversorgung verbessern  
Pflegekräfte leisten einen unschätzbaren Beitrag für unsere Gesell-  
schaft. Menschen, die im Alter, aufgrund einer Behinderung oder bei  
Krankheit Unterstützung brauchen, wünschen sich zu Recht Pflege-  
kräfte, die sich professionell und mit Sorgfalt um sie kümmern können.  
Aktuell müssen Beschäftigte in medizinischen Berufen zu oft über ihre  
Belastungsgrenzen hinaus arbeiten. Unterbesetzung, Überstunden,  
physische und psychische Überforderung sind Alltag, nicht nur in Pan-  
demiezeiten. Darunter leiden alle, Patient\*innen wie Pflegende. Diese  
Arbeitsbedingungen wollen wir verbessern. Dafür braucht es nicht nur  
mehr Lohn, Arbeitsschutz und Anerkennung – sondern vor allem mehr  
Kolleg\*innen und mehr Zeit. Wir wollen durch verbindliche, bedarfs-  
gerechte Personalbemessung – auch in der Langzeitpflege –, die bes-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN128Kapitel 3  
Bereit, weil Ihr es seid.  
sere Vereinbarkeit von Beruf und Familie, mehr eigenverantwortli-  
che Arbeit von Fachkräften, den Abbau unnötiger Bürokratie und die  
Ermöglichung neuer Arbeitszeitmodelle, etwa der 35-Stunden-Woche  
in der Pflege bei vollem Lohnausgleich, Arbeitsbedingungen schaffen,  
unter denen viele Menschen – ganz neu, weiter oder wieder – gerne  
in der Pflege arbeiten. Die Ausnahmen im Arbeitszeitgesetz für den  
Gesundheitsbereich wollen wir beschränken, um Überlastung vorzu-  
beugen und den Personalverlust im medizinischen und pflegerischen  
Bereich einzudämmen. Für potenziell traumatisierende Ereignisse  
braucht es eine Stärkung der psychosozialen Unterstützung für alle  
Gesundheitsberufe. Wertschätzung braucht auch Löhne, die sie bezeu-  
gen – am besten über gute Tarifverträge. Wir wollen die soziale Pfle-  
geversicherung verpflichten, nur noch mit Anbietern zusammenzuar-  
beiten, die nach Tarif bezahlen. Um die Attraktivität der Pflegeberufe  
nachhaltig zu steigern, wollen wir Ausbildung, Selbstorganisation,  
Einflussmöglichkeiten der professionellen Pflege und ihre Strukturen  
auf Bundesebene stärken, beispielsweise durch eine Bundespflege-  
kammer und vor allem durch starke Mitspracherechte im Gemeinsa-  
men Bundesausschuss und in anderen Entscheidungsgremien. Das  
Studium der Pflegewissenschaften und der Pflegepädagogik sowie  
Forschung in der Pflege wollen wir finanziell und strukturell unter-  
stützen. Für die Arbeit von migrantischen Haushaltshilfen und Betreu-  
ungskräften wollen wir einen gesetzlichen Rahmen entwickeln, der  
Rechte und Pflichten für beide Seiten (Pflegehaushalt und Carebe-  
schäftigte) definiert.  
Palliative und hospizliche Versorgung ausbauen,  
selbstbestimmtes Sterben regeln  
Zu einem Leben in Würde gehört auch ein Sterben in Würde. Pati-  
ent\*innen und deren Angehörige müssen ausführlich über Krankheit  
und Behandlungsoptionen aufgeklärt werden, sodass Entscheidun-  
gen getroffen werden können, mit denen sie sich wohlfühlen. Hierfür  
wollen wir bundesweite Aufklärungsprogramme zu Patient\*innenver-  
fügungen und Vorsorgevollmachten anstoßen. Eine bedarfsgerechte  
Palliativversorgung von Schwerstkranken und Sterbenden jeden  
Alters muss überall gewährleistet sein. Wir werden die stationären  
Hospize und ambulanten SAPV- und Kinder-SAPV-Teams stärken und  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN129Kapitel 3  
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ausbauen. Die Wahrung der Selbstbestimmung bis ans Lebensende  
schließt selbstbestimmtes Sterben ein. Wir setzen uns dafür ein, dass  
der Bundestag entsprechend der Entscheidung des Bundesverfas-  
sungsgerichts in freier Abstimmung den mit einem Schutzkonzept  
verbundenen Zugang zur Sterbehilfe regelt.  
Für eine verantwortungsvolle Drogen- und Suchtpolitik  
Wir wollen einen Wechsel in der Drogenpolitik, der Gesundheits-  
und Jugendschutz sowie die Befähigung zum eigenverantwortlichen  
Umgang mit Risiken in den Mittelpunkt stellt. Grüne Drogenpolitik  
beruht auf den vier Säulen Prävention, Hilfe, Schadensminimierung  
und Regulierung. Das heutige Betäubungsmittelrecht ist reformbe-  
dürftig. Auf dem Schwarzmarkt existiert kein Jugend- und Verbrau-  
cherschutz. Wer abhängig ist, braucht Hilfe und keine Strafverfolgung.  
Grundsätzlich soll sich die Regulierung von Drogen an den tatsäch-  
lichen gesundheitlichen Risiken orientieren. Wir wollen Kommunen  
ermöglichen Modellprojekte durchzuführen und sie dabei unterstüt-  
zen, zielgruppenspezifische und niedrigschwellige Angebote in der  
Drogen- und Suchthilfe auszubauen. Hierzu zählen etwa aufsuchende  
Sozialarbeit, Substanzanalysen (Drug Checking), Substitutions- und  
Diamorphinprogramme (auch in Haftanstalten) und Angebote für  
Wohnsitzlose sowie die bessere Vermittlung in ambulante und sta-  
tionäre Therapie. Wir wollen Hindernisse für die Substitution durch  
Ärzt\*innen und Ambulanzen abbauen. Wir stärken die Suchtprävention  
mit modernen Ansätzen und digitalen Medien unter Einbeziehung der  
Zielgruppe, auch für Alkohol, Medikamente und Tabak. Den Nichtrau-  
cherschutz wollen wir stärken. Für Drogen soll nicht geworben wer-  
den. Das derzeitige Verbot von Cannabis verursacht mehr Probleme,  
als es löst. Deshalb werden wir dem Schwarzmarkt den Boden entzie-  
hen und mit einem Cannabiskontrollgesetz auf der Grundlage eines  
strikten Jugend- und Verbraucherschutzes einen regulierten Verkauf  
von Cannabis in lizenzierten Fachgeschäften ermöglichen und klare  
Regelungen für die Teilnahme am Straßenverkehr einführen. Die Ver-  
sorgung mit medizinischem Cannabis wollen wir verbessern und die  
Forschung dazu unterstützen.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN130Kapitel 3  
Bereit, weil Ihr es seid.  
Wir schaffen bezahlbaren Wohnraum  
Ein Recht auf Wohnen ins Grundgesetz  
Alle Menschen brauchen angemessenen Wohnraum. Wohnen ist ein  
Menschenrecht. Aber es wird immer schwieriger, überhaupt Wohnun-  
gen zu finden. Und die Mieten und Immobilienpreise steigen vieler-  
orts immer noch weiter. Großstädte teilen sich immer stärker in Ein-  
kommensstadtteile auf, Innenstädten geht das Leben verloren. Viele  
Städte brauchen eine Neuausrichtung hin zu einem gemeinwohlori-  
entierten Wohnungsmarkt. Deshalb gilt es zu handeln, damit gerade  
auch Familien, Studierende, Menschen mit Behinderungen, ältere  
Menschen oder Geringverdiener\*innen nicht in Bedrängnis geraten,  
sondern gut und sicher wohnen können. Wir wollen das Recht auf  
Wohnen ins Grundgesetz aufnehmen. In Deutschland sind derzeit –  
nach Schätzungen – etwa 700.000 Menschen wohnungslos, 40.000  
von ihnen leben ohne Obdach auf der Straße, mehr und mehr junge  
Menschen, Frauen und Familien. Um diesen Zustand zu beenden, wol-  
len wir ein nationales Aktionsprogramm zur Vermeidung und Bewäl-  
tigung von Wohnungs- und Obdachlosigkeit auflegen. Dabei ist der  
Housing-First-Ansatz ein zentraler Baustein, bei dem Obdachlose in  
eine Wohnung einziehen können, ohne sich zuvor für Hilfe „qualifizie-  
ren“ zu müssen. Kein Mensch soll ohne Obdach und eine dauerhafte  
würdevolle Unterbringung sein. Zudem werden wir einen Wohn- und  
Mietengipfel einberufen, der einen echten Dialog auf Augenhöhe  
zwischen den Mieter\*innen-Vertretungen, der Wohnungswirtschaft  
sowie Bund, Ländern und Kommunen schafft und gemeinsam neue,  
zukunftsfähige wie soziale Konzepte erarbeitet.  
Krisenbedingte Wohnungsverluste verhindern  
Wir wollen Mieter\*innen und Familien wie Lebensgemeinschaften  
mit selbstgenutztem Wohneigentum entlasten und vor einem kri-  
senbedingten Verlust der eigenen Wohnung bewahren. Die Möglich-  
keit, die Miete oder Kreditrate nachzuzahlen, soll Kündigungen und  
Zwangsräumungen abwenden. Zwangsräumungen auf die Straße darf  
es nicht geben. Wir wollen kostenfreie Mieter\*innenberatungen und  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN131Kapitel 3  
Bundestagswahlprogramm 2021  
die Schuldner\*innenberatung in den Kommunen ausbauen. Bei kri-  
senbedingten Einkommensausfällen soll ein Programm der KfW Bank  
(„Sicher-Wohnen-Programm“) eine finanzielle Unterstützung von Mie-  
ter\*innen und Kreditnehmer\*innen sicherstellen. Vermieter\*innen, die  
auf diese Mietzahlungen angewiesen sind, sollten dann eine staat-  
liche Unterstützung erhalten.  
Neue Gemeinnützigkeit für sozialen Wohnraum  
Wir wollen neuen Wohnraum schaffen – und zwar vor allem fami-  
liengerecht und öffentlich, sozialraum- und gemeinwohlorientiert.  
Stattdessen gehen immer noch viele weitere Sozialwohnungen ver-  
loren – rund 100 jeden Tag. Wir werden deshalb die Mittel für den  
sozialen Wohnungsbau deutlich erhöhen und verstetigen, statt sie  
zu kürzen. Wir werden die Kommunen unterstützen, ihre bestehen-  
den Wohnungsgesellschaften und gemeinwohlorientierten Bauge-  
nossenschaften zu stärken und neue zu gründen. Dazu werden wir  
mit einer neuen Wohngemeinnützigkeit für eine Million zusätzliche  
Mietwohnungen sorgen, sicher und auf Dauer. Die noch vorhandenen  
bundeseigenen Bestände sollen nicht mehr an private Investor\*innen  
veräußert, sondern ausschließlich verbilligt an Kommunen mit einer  
dauerhaften Sozialbindung abgegeben werden. So wollen wir in den  
nächsten zehn Jahren den Bestand an Sozialwohnungen um eine Mil-  
lion erhöhen. Zudem wollen wir Kommunen ermöglichen, mehr sozia-  
len Wohnungsbau in Bebauungsplänen festsetzen zu können.  
Starke Mieter\*innen, faire Mieten  
Viele Menschen geben einen immer größeren Anteil ihres Einkom-  
mens für ihre Wohnung aus, viele können sich ihre Mieten nicht  
mehr leisten. Unser Ziel sind deshalb faire und bezahlbare Mieten  
und starke Rechte für Mieter\*innen. Es wird ein bundeseinheitliches  
Gesamtkonzept benötigt, das in einem Bundesgesetz gewährleistet,  
dass Mietobergrenzen im Bestand ermöglicht werden und die Miet-  
preisbremse entfristet und deutlich nachgeschärft wird. Unnötige  
Ausnahmen, beispielsweise beim möblierten Wohnen, schaffen wir  
ab. Reguläre Mieterhöhungen sollen auf 2,5 Prozent im Jahr inner-  
halb des Mietspiegels begrenzt werden. Dazu wollen wir qualifizierte  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN132Kapitel 3  
Bereit, weil Ihr es seid.  
Mietspiegel stärken, verbreiten und rechtssicher ausgestalten. Zur  
Berechnung sollen die Mietverträge der letzten 20 Jahre herangezo-  
gen werden. Wir streben an, die Modernisierungsumlage weiter abzu-  
senken und auf maximal 1,50 Euro pro Quadratmeter zu begrenzen,  
damit energetische Sanierungen perspektivisch warmmietenneutral  
möglich sind. Innerhalb eines solchen Gesamtkonzepts soll es im BGB  
ermöglicht werden, in Regionen mit einem angespannten Wohnungs-  
markt landesgesetzliche Regelungen dann zu treffen, wenn sie min-  
destens den Vorgaben des Gesamtkonzepts entsprechen. Dies muss  
selbstverständlich verfassungsfest geschehen. Die Umlagefähigkeit  
der Grundsteuer auf Mieter\*innen schaffen wir ab. Außerdem setzen  
wir auch auf flächensparendes Wohnen, damit der bestehende Wohn-  
raum besser genutzt wird. So wollen wir es beispielsweise Mieter\*in-  
nen erleichtern, ihre Wohnungen samt den bestehenden Verträgen zu  
tauschen. Das Umwandlungsverbot im Baugesetzbuch und den Mili-  
euschutz auszuweiten sind weitere Instrumente. Dazu stärken wir das  
kommunale Vorkaufsrecht auf Basis eines Ertragswerts, der bezahl-  
bare Mieten sichert und spekulative Wertsteigerungen unterbindet.  
Mietwucher muss – nach § 5 Wirtschaftsstrafgesetz – auch tatsächlich  
geahndet werden. Eigenbedarfskündigungen sollen zudem deutlicher  
als heute auf die tatsächliche Nutzung durch die Eigentümer\*innen  
und die nahen Verwandten beschränkt werden, um Missbrauch zu  
unterbinden. Wir prüfen, inwiefern es möglich ist, in angespannten  
Wohnungsmärkten bei besonders schutzwürdigen Personengruppen  
Eigenbedarfskündigungen ganz auszuschließen. Um die Gemein-  
schaften der Mieter\*innen zu stärken und die Gemeinwohlorientie-  
rung auf dem Wohnungsmarkt umzusetzen, wollen wir echte Mitbe-  
stimmungsrechte und -instrumente entwickeln.  
Immobilienspekulation und Geldwäsche  
am Wohnungsmarkt beenden  
Wohnen ist ein soziales Grundrecht und der Wohnungsmarkt darf kein  
Ort für Spekulant\*innen sein. Zu häufig werden Immobilien zur Geld-  
wäsche genutzt, das gilt es zu beenden. Wir planen, Transparenz durch  
ein Immobilienregister der Eigentümer\*innen einzuführen, die Grund-  
bücher auch für Journalist\*innen, Nichtregierungsorganisationen und  
die Bewohner\*innen der Immobilien kostenfrei zugänglich zu machen  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN133Kapitel 3  
Bundestagswahlprogramm 2021  
und Bargeld beim Immobilienkauf zu verbieten. Außerdem wollen wir  
den Missbrauch von sogenannten „Share Deals“ zur Steuerumgehung  
beenden und setzen auf eine anteilige Besteuerung des Immobilien-  
besitzes bei Unternehmensverkäufen. Veräußerungsgewinne aus pri-  
vaten Immobiliengeschäften müssen angemessen besteuert werden.  
Die Spekulation mit Bauland soll unterbunden werden. Wenn in Kom-  
munen große Wohnungsnot herrscht, ergibt sich daraus eine Pflicht  
für Eigentümer\*innen, Grundstücke zu bebauen, statt auf höhere  
Preise zu spekulieren. Auch gegen Fehlnutzungen und spekulativen  
Leerstand von Wohnraum werden wir verstärkt vorgehen. Wir wollen  
zudem im Baugesetzbuch die Möglichkeit einer Ausgleichsabgabe  
zugunsten der Kommunen eröffnen.  
Grund und Boden gemeinwohlorientiert  
Grund und Boden unterscheidet sich von anderen Gütern, weil sie prin-  
zipiell nicht vermehrbar und gleichzeitig unverzichtbar sind. Steigende  
Preise von Grund und Boden haben steigende Bau- und Wohnkosten  
zur Folge, was wiederum zu Verdrängung führt. Bei Fehlentwicklun-  
gen ergibt sich hieraus eine besondere Verpflichtung, staatlich einzu-  
greifen. Wir wollen erreichen, dass die öffentliche Hand wieder eine  
strategische und gerechte Bodenpolitik betreibt. Der Bund soll seine  
eigenen Immobilien nicht länger meistbietend verkaufen, sondern  
gezielt die Schaffung von bezahlbarem und nachhaltigem Wohnraum,  
kulturellen, sozialen und gemeinwohlorientierten Einrichtungen för-  
dern. Dafür wollen wir die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben in  
einen gemeinnützigen Bodenfonds umwandeln. Der Fonds kauft neue  
Flächen strategisch zu und überträgt sie an gemeinwohlorientierte  
Träger. Die Flächen sollen bevorzugt in Erbpacht vergeben werden, um  
Sozialwohnungen dauerhaft sichern zu können. Werden sie veräußert,  
sollen Kommunen und kommunale Wohnungsgesellschaften ein Erst-  
zugriffsrecht erhalten. Die Einnahmen des Fonds fließen nicht in den  
Haushalt, sondern werden für den Zukauf weiterer Flächen verwendet.  
Erwerb von Wohneigentum erleichtern  
Wohneigentum ist für viele Menschen ein Wunsch, der wegen explo-  
dierender Immobilienpreise in den meisten Regionen des Landes  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN134Kapitel 3  
Bereit, weil Ihr es seid.  
immer schwerer zu erfüllen ist. Wir wollen den Erwerb von Wohn-  
eigentum – auch im Bestand – erleichtern. Deshalb soll das Prinzip  
„Wer den Makler bestellt, bezahlt“ genauso für Immobilienkäufe ein-  
geführt werden, so wie es für Maklerprovisionen bei Vermietungen  
bereits gilt. Wir streben an, die Courtage deutlich zu reduzieren, damit  
sie nicht auf verstecktem Weg zu noch höheren Kaufpreisen führt.  
Dazu wollen wir die Kaufnebenkosten weiter senken, indem wir es  
den Ländern ermöglichen, den Steuersatz der Grunderwerbssteuer  
beispielsweise für große Wohnungsunternehmen zu erhöhen und für  
Selbstnutzende zu senken. Wir wollen Mietkauf für selbstgenutztes  
Wohneigentum über die Länder und Kommunen fördern, auch den  
Kauf und die Modernisierung leerstehender Wohnungen und Aus-  
bauten zu günstigem Wohnraum unterstützen wir. Beteiligungen an  
Genossenschaften und den gemeinschaftlichen Erwerb durch Mie-  
ter\*innen, beispielsweise im Rahmen des Mietshäusersyndikats und  
anderer gemeinschaftlicher Projekte, wollen wir unterstützen, zum  
Beispiel indem wir unbürokratisch günstige Kredite oder Bürgschaf-  
ten gewähren.  
Ressourcenschonendes und kreislaufgerechtes Bauen  
vorantreiben  
Wir können die Klimaziele nur mit einer konsequenten Bauwende  
hin zu ressourcenschonendem und nachhaltigem Bauen erreichen.  
Bei jeder Städtebau- und Gebäudeplanung sind künftig der gesamte  
Stoff- und Energieverbrauch für Bau, Betrieb und späteren Rückbau  
umfassend zu berücksichtigen. Eine Lebenszyklusbetrachtung soll  
verpflichtend für alle Baumaßnahmen werden, Erhalt und Aufbau  
auf Bestehendem bekommt Vorrang vor Neubau. Ziel ist eine kom-  
plette stoffliche Wieder- oder Weiterverwertung. Dafür setzen wir  
auf eine Veränderung der ökonomischen Rahmenbedingungen, ein  
Gebäude-Ressourcen-Gesetz und verbindliche Klimaschutzstandards  
bei allen gesetzlichen Vorgaben, Normen und Bauordnungen sowie  
eine nachhaltige Holzbaustrategie, damit künftig energie- und res-  
sourcenschonend und giftfrei gebaut wird. Die öffentliche Hand muss  
bei alldem ihrer Vorbildfunktion gerecht werden. Die Forschung an  
und Markteinführung von nachhaltigen, klimafreundlichen Bauma-  
terialien wollen wir stärken. Holz ist dabei ein wertvoller Rohstoff,  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN135Kapitel 3  
Bundestagswahlprogramm 2021  
seinen gezielten und effizienten Einsatz behalten wir im Blick, damit  
unsere Häuser nachhaltig, aber zugleich unsere Wälder nicht über-  
nutzt werden. Wir fördern außerdem die Digitalisierung von Planen  
und Bauen. Um Gebäude kreislaufgerecht planen, bauen und moder-  
nisieren zu können, führen wir einen digitalen Gebäude-Materialpass  
mit allen relevanten Informationen über die verwendeten Materia-  
lien ein – unsere Gebäude und Bauschuttdeponien werden so zu Roh-  
stoffminen. Die Reduktion des Flächenverbrauchs bei der Siedlungs-  
entwicklung spielt eine zentrale Rolle beim Natur- und Artenschutz.  
Mit entsprechenden rechtlichen Vorgaben und Anreizen realisieren  
wir den Vorrang der Innenentwicklung und flächensparendes Bauen.  
Nicht mehr benötigte versiegelte Flächen werden der Natur zurück-  
gegeben. Künftig wird mehr hoch als breit gebaut, Verkehrsflächen  
werden reduziert. Flächen, die noch versiegelt werden, müssen orts-  
nah durch Entsiegelung ausgeglichen werden. So steigen wir in eine  
Flächenkreislaufwirtschaft ein, die letztlich keinen Nettoverbrauch an  
Boden mehr benötigt. Wir setzen uns ferner dafür ein, dass § 13 b des  
Baugesetzbuches nicht über das Jahr 2022 hinaus verlängert wird.  
Wir investieren in lebenswerte  
Dörfer und Städte  
Regionale Daseinsvorsorge stärken  
Für ein gutes, selbstbestimmtes Leben in allen Regionen brauchen  
wir eine Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse. Einschränkungen  
gibt es vielerorts, häufig unterscheiden sie sich von Region zu Region:  
Hier fehlt ein Zentrum im Dorf, dort werden in einer Kommune die  
Schwimmbäder geschlossen und vielerorts ist das Internet noch viel  
zu langsam. Unser Ziel ist es, dass individuelle Entfaltung, demokra-  
tische Teilhabe und gesellschaftliches Engagement überall im Land  
möglich sind. Wir brauchen gute Infrastruktur und den Zugang zu  
öffentlichen Gütern in den Kommunen. Deshalb wollen wir eine neue  
Gemeinschaftsaufgabe „Regionale Daseinsvorsorge“ im Grundgesetz  
verankern. Regionen, die heute mit großen Versorgungsproblemen zu  
kämpfen haben, sollen wieder investieren und gestalten können. Ziel  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN136Kapitel 3  
Bereit, weil Ihr es seid.  
ist, anhand von regionalen Indikatoren in den Bundesländern För-  
derregionen auszuwählen und die Stärkung der Kommunen in die-  
sen Regionen zu unterstützen. Mit Regionalbudgets geben wir Bür-  
ger\*innen und Akteur\*innen vor Ort die Möglichkeit, ihre Dörfer und  
Städte selbstbestimmt zu entwickeln und zu gestalten. Für zentrale  
Versorgungsbereiche wie Gesundheit, Mobilität und Breitband wollen  
wir nötige Mindeststandards formulieren. Eine inklusive und solida-  
rische Gesellschaft braucht Orte des Miteinanders, Orte gegen die  
Einsamkeit, Orte des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Das kann ein  
Marktplatz sein oder ein Familienzentrum, der Jugendclub oder der  
Skatepark, die Stadtteilbibliothek, der Kulturbahnhof oder die freie  
Bewegungsfläche. Wir erarbeiten gemeinsam mit Expert\*innen und  
Bürger\*innen eine nationale Strategie gegen Einsamkeit. Und wir  
wollen mit den Kommunen und Initiativen vor Ort eine Bundesstra-  
tegie „Orte des Zusammenhalts“ auf den Weg bringen. Mit Bundes-  
einrichtungen in Ostdeutschland und der gezielten Ansiedlung von  
neuen Forschungsinstituten werden wir in strukturschwachen Regio-  
nen wichtige Impulse setzen. Außerdem unterstützen wir die Idee der  
Errichtung eines „Zukunftszentrums für Deutsche Einheit und Euro-  
päische Transformation“.  
Solide Finanzausstattung für Kommunen  
Für eine starke kommunale Selbstverwaltung und eine belastbare  
öffentliche Daseinsvorsorge braucht es eine solide Finanzausstattung.  
Viele Kommunen schaffen es jedoch nicht einmal mehr, den ihnen  
übertragenen Pflichtaufgaben wie etwa der Reparatur von Gemeinde-  
straßen oder der Schulsanierung nachzukommen. Sie waren bereits  
vor der Corona-Krise finanzschwach oder verschuldet und ihr Hand-  
lungsspielraum verkleinert sich zunehmend. Das spüren die Men-  
schen vor Ort unmittelbar. Wenn keine Finanzmittel für sogenannte  
freiwillige Leistungen wie Sport- oder Kultureinrichtungen und deren  
Erhaltung übrig ist, hat das Auswirkungen auf das gemeinschaftliche  
Leben in den Kommunen und auf das Vertrauen in den Staat. Wir wol-  
len die Gemeindefinanzen besser und krisenfester aufstellen. Wenn  
Bund und Länder den Kommunen neue Aufgaben zuweisen, müssen  
sie auch eine Finanzierung bereitstellen. Wir werden eine faire Unter-  
stützung bei den kommunalen Altschulden und bei gemeindlichen  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN137Kapitel 3  
Bundestagswahlprogramm 2021  
krisenbedingten Steuerausfällen umsetzen, um auch hoch verschul-  
deten Kommunen wieder eine Perspektive zu geben. Für ihr Schulden-  
management sollen die Kommunen auf die Unterstützung des Bun-  
des zurückgreifen können, sofern sie dies wünschen. Wir wollen daher,  
dass für 2021 und 2022 die Gewerbesteuerausfälle vollständig durch  
Bund und Länder übernommen werden. Außerdem wollen wir eine  
Übernahme der Kosten für Unterkunft und Heizung für Geduldete.  
Wir wollen mehr kommunale Investitionen ermöglichen, beispiels-  
weise in Klimaschutz, die Verkehrswende, Gründungsinfrastruktur und  
Kultureinrichtungen. Dafür soll in einem ersten Schritt der Zugang  
zu Fördermitteln einfacher und unbürokratischer werden und sollen  
die Hürden für die Teilnahme besonders für finanzschwache Kommu-  
nen gesenkt werden. Wir wollen, dass Bund und Länder den Kommu-  
nen mit einer gemeinsamen Kompetenzagentur für Förderpolitik und  
Investitionen mit Rat und Tat zur Seite stehen und die Umsetzung von  
Projekten ermöglichen. Es braucht mittelfristig aber eine grundsätz-  
liche Neuordnung der Finanzierung der Kommunen: weg von immer  
mehr einzelnen Förderprogrammen, hin zu einer höheren Grundfinan-  
zierung, damit vor Ort entschieden werden kann, welche Ausgaben  
priorisiert werden.  
Innenstädte neu gestalten  
Innenstädte und Ortskerne, die man gerne besucht, in denen man  
verweilt und andere Menschen trifft, tragen enorm zu unserer Lebens-  
qualität bei. Sie bieten kulturellen Austausch und geben dem Leben  
in Stadt und Land eine Bühne. Mit einer guten Baukultur wollen wir  
Stadtzentren und Ortskerne lebenswerter, attraktiver und auch für  
alle Menschen sicherer machen durch neues Wohnen, Gewerbe, Bil-  
dung und Kultur. Eine kluge Stadtentwicklungspolitik, nachhaltige  
Verkehrskonzepte und ein Städtebaunotfallfonds sind die besten Vor-  
aussetzungen, dass auch der Einzelhandel und das Handwerk dort  
eine Zukunft haben. Dafür wollen wir die Städtebauförderung neu  
ausrichten: für schönere Städte, mehr Stadtgrün und Wasserflächen,  
damit man auch in Zeiten immer heißerer Sommer gut in der Stadt  
leben kann. Mit zusätzlichen Mitteln für Smart-City-Projekte unter-  
stützen wir den Aufbau unabhängiger digitaler Plattformen, mit denen  
insbesondere der inhabergeführte stationäre Einzelhandel attraktive  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN138Kapitel 3  
Bereit, weil Ihr es seid.  
Angebote machen kann. Dazu arbeiten wir gegen Verdrängung und  
Leerstand an. Eine Million neue gemeinnützige Wohnungen sollen in  
den nächsten Jahren in unseren Städten entstehen. Mit dem „100.000  
Dächer und Häuser“-Programm investieren wir in den Dachausbau  
und die Modernisierung leerstehender Wohnungen. Dafür braucht es  
ausreichend Planer\*innen in den Kommunen und Kapazitäten im Bau-  
gewerbe. Kleineren Gewerben wie Handwerksbetrieben, sozialen und  
Kulturprojekten sowie Clubs wollen wir mit einem Gewerbemietrecht  
und über die Baunutzungsverordnung eine zentrale Lage in den Städ-  
ten bewahren und neu ermöglichen. Bundeseigene Immobilien sollen  
zukünftig nur noch an gemeinnützige, öffentliche oder am Gemein-  
wohl orientierte Träger abgegeben werden.  
Ländlich leben, digital arbeiten  
Das Leben auf dem Land und im Dorf hat viel zu bieten. Grün-  
der\*innen, Familien oder Freischaffende – alle brauchen schnelles  
und zuverlässiges Internet für ihr Leben. Eine ausreichend schnelle  
Breitband- und Mobilfunkversorgung gehört zur Daseinsvorsorge.  
Das Recht darauf muss jede\*r Bürger\*in schnell und unbürokratisch  
durchsetzen können. Wir schaffen Ankommens- und Bleibeperspekti-  
ven für Jung und Alt. Über die Gemeinschaftsaufgabe für Agrar- und  
Küstenschutz fördern wir Wohnprojekte für alle Generationen, Co-  
Working, die Aktivierung von Leerstand sowie gemeinschaftliche und  
genossenschaftliche Wohnformen. Wir schaffen Anreize für die Revi-  
talisierung alter Bausubstanzen statt für Neubauten auf der grünen  
Wiese und unterstützen Programme und Initiativen zur Umnutzung  
von Leerstand, beispielsweise für Co-Working-Spaces, soziale und  
kulturelle Einrichtungen oder die Wiederansiedlung von Lebensmit-  
telgeschäften in kleinen Ortschaften. Bahnhofsgebäude wollen wir  
als gemeinwohlorientierte Räume zu einladenden Mobilitätsknoten-  
punkten weiterentwickeln und attraktiver machen. Damit verknüpfen  
wir die Bahn mit den Ortschaften. Wir unterstützen die Landespro-  
gramme zu Markttreffs: wenn zum Beispiel Supermärkte ihre Flächen  
so umbauen, dass sie Café, Bank- und Postfiliale integrieren. Kommu-  
nen sollen Zuschüsse bekommen, wenn sie öffentliche Einrichtungen,  
Sporthalle, Bibliothek, Spielplatz, Working-Space oder Kino unter dem  
Dach eines Kulturzentrums zusammenfassen.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN139Kapitel 3  
Bundestagswahlprogramm 2021  
Schnelles Internet überall  
Egal ob Stadt oder Land, ob mobiles Arbeiten, innovative Wirtschaft  
oder Unterricht – schnelles Internet ist die essentielle Voraussetzung  
für gesellschaftliche Teilhabe sowie gleichwertige Lebensverhältnisse  
und gehört für uns zur öffentlichen Daseinsvorsorge. Mit weniger als  
zwei Millionen aktiven Glasfaseranschlüssen ist Deutschland aber in  
allen europäischen und internationalen Vergleichen weit abgehängt.  
Dabei gehört Glasfaser die Zukunft. Unser Ziel ist schnelles, kosten-  
günstiges und zuverlässiges Glasfaserinternet (FTTB) in jedem Haus.  
Wir sorgen dafür, dass Fördergelder unbürokratisch dort ankom-  
men, wo sie am nötigsten gebraucht werden. Wir stärken den offe-  
nen Zugang zu bestehender Glasfaser und bauen Blockaden ab, um  
den Ausbau zu beschleunigen. Der umfassende Glasfaserausbau soll  
auch im Rahmen von Betreibermodellen vorangetrieben und langfris-  
tig gesichert werden. Um den Menschen auch kurzfristig schnellere  
Internetzugänge zu ermöglichen, wollen wir einen Rechtsanspruch auf  
schnelle Internet-Grundversorgung so ausgestalten, dass er unbüro-  
kratisch und leicht durchsetzbar wird. Mit Mindestbandbreiten, die sich  
an den Nutzungsgewohnheiten der Menschen orientieren. So sorgen  
wir für eine zügige Schließung der weißen Flecken. Die Netzneutrali-  
tät wollen wir weiter absichern und konsequent durchsetzen. Und wir  
machen Schluss mit der Bandbreiten-Schummelei: Wenn Telekommu-  
nikationsunternehmen nicht die versprochenen Download-Geschwin-  
digkeiten liefern, soll es unkomplizierten pauschalierten Schadens-  
ersatz und hohe Bußgelder geben. Beim Mobilfunkausbau gilt es eine  
flächendeckende Versorgung sicherzustellen, egal in welchem Netz  
man surft. Wo die Anbieter keine Kooperationsvereinbarungen treffen,  
um Funklöcher zu schließen, muss notfalls lokales Roaming angeord-  
net werden, natürlich mit entsprechender Vergütung. Bei zukünftigen  
Frequenzversteigerungen sollen die Versorgungsauflagen für die Flä-  
che so angepasst werden, dass sie mit dem steigenden Bedarf Schritt  
halten – insbesondere entlang von Bahnstrecken und Straßen.  
Selbstbestimmt im Alter, in Stadt und Land  
Wir wollen Selbstbestimmung auch im Alter ermöglichen. Wir wollen  
den Abbau von Barrieren in Wohnungen und im Wohnumfeld stärker  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN140Kapitel 3  
Bereit, weil Ihr es seid.  
finanziell fördern und somit älteren Menschen ermöglichen, länger  
als bisher in ihrer vertrauten Umgebung selbstbestimmt wohnen zu  
bleiben. Gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht Selbstbestimmung.  
Wir verfolgen den generationenfreundlichen Ansatz der „Age-friendly  
Cities and Communities“ der Weltgesundheitsorganisation – auch  
für ältere Menschen in Stadt und Land und im digitalen Raum. Den  
wollen wir mit einem Programm fördern, bei dem Ansprechstellen  
und Gemeindezentren über altersgerechtes Wohnen, Weiterbildungs-  
angebote, Pflege und soziale Sicherung sowie Möglichkeiten, sich  
im Dorf oder im Stadtteil zu engagieren, informieren. Um die Teil-  
habe auch in der digitalen Welt zu verbessern, wollen wir Initiativen  
praktischer Bildung und Anwendung im Lebensumfeld und in den  
Treffpunkten älterer Menschen wie Nachbarschaftszentren und Bib-  
liotheken fördern. Zur Selbstbestimmung gehört auch, den eigenen  
Bedürfnissen entsprechend mobil zu sein, unabhängig vom eigenen  
Pkw. Dafür muss das Nahverkehrsangebot in den Städten und auf  
dem Land ausgebaut und intelligent vernetzt sowie mit intelligen-  
ten On-Demand-Systemen wie beispielsweise Rufbussen ergänzt  
werden. Es braucht flächendeckend barrierefreie Zugänge zu allen  
öffentlichen Verkehrsmitteln und die Wege zu ÖPNV und Nahversor-  
gung sollen mit genügend Möglichkeiten zum Ausruhen und „Kräfte-  
sammeln“ ausgestattet werden.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN141Kapitel 4  
Bundestagswahlprogramm 2021  
Kapitel 4:  
Bildung und Forschung  
ermöglichen  
Bildung ermöglicht. Von Anfang an gibt Bildung Kindern, jungen Men-  
schen und Erwachsenen bis ins hohe Alter die Möglichkeit, sich zu  
entfalten. Altes zu hinterfragen und Neues zu entdecken. Bildung und  
Inklusion schaffen die Grundlagen, den eigenen Weg im Leben selbst-  
bestimmt gehen zu können. In zukunftsgerichteter Bildungspolitik,  
Aus- und Weiterbildung, in visionärer Forschung und kluger Wissen-  
schaftspolitik liegt unendlich viel Potenzial, um dieses Land gerechter,  
moderner und krisenfester zu machen. Deshalb brauchen wir sozial  
diverse und inklusive Schulen, in denen junge Menschen so lange  
wie möglich gemeinsam lernen. Bildung für nachhaltige Entwicklung  
(BNE) sowie die klassische Umweltbildung sind der Schlüssel zur  
notwendigen gesellschaftlichen Transformation. Sie befähigt Men-  
schen zu zukunftsfähigem Denken und Handeln, zur Gestaltung und  
Teilhabe an einer demokratischen und pluralen Gesellschaft sowie  
zum Verstehen der Auswirkungen des eigenen Handelns auf die Welt.  
BNE ermöglicht den Menschen, sich aktiv an der Gestaltung einer  
ökologisch verträglichen, wirtschaftlich leistungsfähigen und sozial  
gerechten Gesellschaft zu beteiligen.  
Ein gutes Bildungssystem ist essenziell für gleiche Lebenschan-  
cen und Zusammenhalt in einer vielfältigen Gesellschaft. Aber viel zu  
sehr hängt der Lebenslauf in Deutschland noch von der Familie, dem  
Namen oder dem Wohnort ab statt von den eigenen Fähigkeiten. Und  
die Pandemie verschärft die ohnehin zu große soziale Ungleichheit:  
Wo Kinder und Jugendliche auf wenig Förderung von zu Hause hoffen  
können, wo der Zugang zu Laptops oder Tablets fehlt und kein Eltern-  
teil helfen kann, drohen sie dauerhaft den Anschluss zu verlieren. Die  
Kinder und Jugendlichen, die am stärksten von der Krise getroffen wur-  
den, benötigen daher die meiste Unterstützung. Doch auch insgesamt  
führten die Schulschließungen zu einer Bildungslücke quer durch  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN142Kapitel 4  
Bereit, weil Ihr es seid.  
alle Jahrgänge, es fehlten das gemeinsame Lernen, die Gespräche, das  
Zusammensein auf dem Pausenhof, was sich bei Kindern und Jugend-  
lichen auch auf die kognitive und soziale Entwicklung auswirken kann.  
Kinder und Jugendliche haben in der Pandemie besondere Verzichts-  
leistungen erbracht – die Einschränkung von Kontakten trifft sie in  
ihren Entwicklungsmöglichkeiten härter als Erwachsene. Wir sind es  
ihnen schuldig, sie endlich in den Mittelpunkt von Politik zu stellen.  
Gleiche Lebenschancen für alle Kinder heißt, dass wir uns für  
gemeinsames Lernen und individuelle Förderung für alle Kinder von  
der KiTa (Kita und Kindertagespflege) bis zum Schulabschluss einset-  
zen. Die soziale Spaltung zwischen Schulen sowie KiTas möchten wir  
überwinden, auch durch gezielte Investitionen des Bundes, die lokal  
verteilt werden. Denn wir wollen KiTas und Schulen, in die Kinder und  
Jugendliche, aber auch Erzieher\*innen und Lehrer\*innen gleicherma-  
ßen gerne gehen. Und zwar egal ob auf dem Land oder in der Stadt, ob  
in ärmeren oder reicheren Vierteln. Erzieher\*innen und Lehrer\*innen  
sind jederzeit systemrelevant, diese Wertschätzung sollte sich in ihrer  
Arbeit, ihrer Bezahlung und in der Ausstattung widerspiegeln. Schulen  
sollen attraktive Orte sein. Dafür brauchen sie nicht nur schnelles  
Internet und saubere Toiletten, sondern auch zeitgemäße Raumkon-  
zepte mit genügend Platz für vielfältige und inklusive Lernformen.  
Multiprofessionelle Teams sollen Kindern in ihren unterschiedlichen  
Bedürfnissen bestmögliche Unterstützung bieten. Dafür brauchen sie  
gute Aus- und Weiterbildung, sichere Berufswege und einen guten  
Lohn. Kulturelle Bildung muss zu einem elementaren Bestandteil  
unseres Bildungssystems werden. Da die Weichen am Anfang gestellt  
werden, müssen dorthin auch die meisten Ressourcen fließen. Vor  
allem für KiTas und den Primarbereich werden wir die Investitionen  
deutlich erhöhen, auch um den Sanierungsstau an Schulgebäuden  
zu beheben. Zur bundesweiten Förderung von Schüler\*innen bedarf  
es einer einfachen Fördermittelbeantragung durch die Schulen ohne  
bürokratische Hürden des Bundes.  
Bildung ist ein Recht für jedes Alter und jeden Lebensweg. Ein  
Lebenslauf lässt sich nicht am Reißbrett planen, darum müssen unsere  
Bildungswege flexibel und durchlässig sein. Abitur auf dem zweiten  
Bildungsweg, der Beginn einer Lehre mit Mitte 30 oder der erste Stu-  
dienabschluss überhaupt in der Familie – das alles muss möglich sein  
und darf nicht davon abhängen, ob es von zu Hause finanzielle Unter-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN143Kapitel 4  
Bundestagswahlprogramm 2021  
stützung gibt. Ob Ganztags- oder Abendschule, ob duale Berufsbil-  
dung, Weiterbildung oder Studium, ganz gleich, ob als Handwerker\*in  
am Bau, als Angestellte\*r im Büro, freiberuflich oder selbständig im  
eigenen Betrieb: Wir unterstützen die vielfältigen Lebensbahnen und  
die dazu passenden Bildungsverläufe. Dem Trend, dass eine wach-  
sende Zahl von Schüler\*innen ohne Abschluss die Schule verlässt,  
wollen wir entgegenwirken.  
Auch die Auszubildenden und Student\*innen leiden unter den  
Auswirkungen der Pandemie. Sicher geglaubte Ausbildungsplätze  
sind weggefallen, manche Studierende haben noch nie einen Hör-  
saal von innen gesehen. Gerade weil dies eine entscheidende Lebens-  
phase der Neuorientierung ist, stehen wir in der Pflicht, Sicherheit und  
Perspektiven zu schaffen. Alle Studierenden, die durch die Pandemie  
in finanzielle Schwierigkeiten geraten sind, sollen im Rahmen einer  
Nothilfe über das BAföG Unterstützung erhalten. Studienkredite hal-  
ten wir aufgrund des Verschuldungsrisikos für kein geeignetes Unter-  
stützungsmittel. Für alle, die eine Ausbildung anstreben, wollen wir  
einen guten Ausbildungsplatz und eine gute Ausbildung garantieren.  
Um die großen Krisen einzudämmen – die Klimakrise, Pande-  
mien –, sind Kreativität, Forschungsgeist sowie die Transformation  
unseres Bildungs- und Wissenschaftssystems die Grundlage. Damit  
Innovationen der Allgemeinheit zugutekommen, muss für die Entwick-  
lung auch öffentliche Infrastruktur zur Verfügung stehen. Ein gutes  
Leben wird auch künftig möglich sein, weil Wissenschaftler\*innen,  
Künstler\*innen und Forscher\*innen in Betrieben, Hochschulen und  
außeruniversitären Einrichtungen permanent und mit Leidenschaft  
an neuen Ideen arbeiten, an Antworten auf Fragen, die wir noch gar  
nicht gestellt haben. Aber sie können neuartige Impf- oder alternative  
Antriebsstoffe, neue ökonomische Wohlstandskonzepte oder nachhal-  
tige Geschäftsmodelle nur dann entwickeln, wenn sie eine gut ausge-  
stattete Forschungsumgebung haben und sie Neues mit ungewissem  
Ausgang erforschen und ausprobieren können. Sie brauchen für ihre  
Arbeit optimale und verlässliche Bedingungen, unnötige bürokrati-  
sche Hürden sollten wir abbauen. Wissenschaftliche Kooperationen  
mit den europäischen Partner\*innen, vor allem unter den Hochschu-  
len, tragen maßgeblich zur Attraktivität und Innovationsdynamik des  
deutschen Wissenschaftssystems bei, deshalb wollen wir sie stärker  
fördern. Bildungs-, Forschungs- und Innovationspolitik wollen wir  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN144Kapitel 4  
Bereit, weil Ihr es seid.  
vermehrt zusammen denken, um den Europäischen Forschungs- und  
Hochschulraum mit Leben zu füllen und Quellen zukünftigen Wohl-  
stands zu begründen.  
Wissenschaft zeigt immer wieder neue Denkhorizonte und Mög-  
lichkeiten auf und ändert so den Lauf der Dinge. Sie gibt eine zent-  
rale Orientierung für politisches Handeln, das zeigen Klimakrise und  
Pandemie. Aber in Zeiten von Informationsfilterblasen und Verschwö-  
rungsideologien werden wissenschaftliche Erkenntnisse öffentlich in  
Zweifel gezogen. Nötig ist ein verständlicher und interdisziplinärer  
Wissenschaftsdialog, der Wissenschaft und Gesellschaft näher zusam-  
menbringt – durch partizipative Formate und Förderung der Wissen-  
schaftskommunikation.  
Wir fördern gute Bildung von Anfang an  
Für jedes Kind einen KiTa-Platz in einer guten KiTa  
Egal, aus welcher Ecke Deutschlands und aus welchem Elternhaus,  
alle Kinder brauchen die Chance auf ein gutes und geborgenes Auf-  
wachsen. KiTas haben einen entscheidenden Anteil daran. Als Orte  
früher Bildung schaffen sie Halt, wecken Neugier, vermitteln Freude  
am Zusammensein mit Gleichaltrigen und begleiten beim Großwer-  
den. Aus Neugier und Entdeckungslust wird hier der Grundstein für  
Lernen und Kompetenzerwerb gelegt. Sie sind die erste Stufe des  
Bildungssystems. Jedes einzelne Kind hat eigene Bedürfnisse und  
braucht individuelle Förderung, auf die in der KiTa eingegangen  
wird. Mit einem Bundesqualitätsgesetz sorgen wir dafür, dass Spit-  
zenqualität in die Einrichtungen kommt, denen wir unsere Kleinsten  
anvertrauen. Diese Spitzenqualität muss sich auch in einer entspre-  
chenden Infrastruktur abbilden. Kinder brauchen Bewegung und aus-  
reichende Bewegungsflächen. Die Zeit, die Fachkräfte für die Kinder  
haben, ist entscheidend dafür, dass sich Kinder wohlfühlen und indi-  
viduell gefördert werden können. Deshalb wollen wir mit Mindest-  
standards sicherstellen, dass sich Erzieher\*innen und andere päda-  
gogische Fachkräfte um höchstens vier unter Dreijährige oder neun  
Kinder ab drei Jahren gleichzeitig kümmern. Inklusive Einrichtungen  
benötigen abhängig vom Förderbedarf der Kinder einen besseren  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN145Kapitel 4  
Bundestagswahlprogramm 2021  
Betreuungsschlüssel. Darüber hinaus müssen sie genügend Zeit für  
Vor- und Nachbereitung, Zusammenarbeit mit Familien, Netzwerkar-  
beit im Sozialraum und Fortbildungen haben. Den Fachkräften in den  
KiTas stärken wir den Rücken mit Fachberatung, Supervisions- und  
Mentoring-Programmen, Lernortkooperationen und Unterstützung  
für berufliche Weiterentwicklung innerhalb des KiTa-Systems. Damit  
alle Kinder einen Platz in einer guten und inklusiven KiTa bekommen  
können, wollen wir das Engagement des Bundes beim Platzausbau  
weiterführen und verstärken. Eltern, insbesondere Alleinerziehenden,  
ermöglicht ein Kinderbetreuungsplatz gesellschaftliche wie beruf-  
liche Teilhabe. Der KiTa-Platz muss den Lebens- und Arbeitsrealitäten  
von Eltern gerecht werden. Auch bei Schicht- und Wochenendarbeit  
muss es Angebote geben.  
Mehr Fachkräfte in KiTas, Horten und Schulen  
Die pädagogischen Fachkräfte in KiTas, Horten oder Schulen tra-  
gen eine hohe Verantwortung, denn sie prägen den Lebensweg von  
Kindern bereits in sehr frühen Jahren entscheidend mit. Doch diese  
Verantwortung spiegelt sich noch nicht ausreichend in der Bezah-  
lung der Fachkräfte wider. Für die wichtige Arbeit, die Erzieher\*innen,  
Lehrkräfte und andere Pädagog\*innen im Bildungssystem und in der  
Jugendhilfe leisten, brauchen sie einen guten Lohn und gute Arbeits-  
bedingungen. Mit einer wirkungsvollen Fachkräfteoffensive wollen  
wir zudem für faire Ausbildungsvergütungen, Weiterentwicklungs-  
möglichkeiten und gute Arbeitsbedingungen sorgen, dabei darf die  
Ausbildung zum Erzieherinnenberuf nicht am Schulgeld scheitern.  
Um den Mangel an pädagogischen Fach- und Lehrkräften mit gut qua-  
lifiziertem Personal nachhaltig bewältigen zu können, wollen wir mit  
einem Bund-Länder-Programm hochwertige Quereinstiegsbildung  
fördern, bestehende Weiterbildungs- und Qualifizierungsangebote  
stärken und gemeinsame Qualitätsstandards sichern.  
Recht auf einen Ganztagsplatz für jedes Grundschulkind  
und gute Lernbedingungen an weiterführenden Schulen  
Schulen sollen starke Orte der Bildung, der Begegnung und der Inspi-  
ration sein. Dafür brauchen sie motivierte Fachkräfte, gut ausgestat-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN146Kapitel 4  
Bereit, weil Ihr es seid.  
tete barrierefreie Räume und Zeit. Zeit für gemeinsames Lernen und  
Spielen, Forschen und Entdecken, gemeinsame kulturelle, soziale und  
demokratische Erfahrungen, Sprach- und Bewegungsförderung, indi-  
viduelle Förderung und Betreuung. Dafür sind Ganztagsplätze in einer  
Grundschule oder einem Hort und gute Lernbedingungen an weiter-  
führenden Schulen wichtig. Unser Ziel ist, einen individuellen Rechts-  
anspruch für jedes Grundschulkind auf Ganztagsbildung und -betreu-  
ung mit Qualitätsstandards umzusetzen – mit genügend Fachkräften  
in multiprofessionellen Teams, anregenden Räumen und Schulhöfen,  
einem gesunden Mittagessen und einer breit gefächerten Zusammen-  
arbeit mit Vereinen, Musikschulen und anderen Akteur\*innen vor Ort.  
Derartige Kooperationen wollen wir finanziell unterstützen. In der  
Gestaltung des Ganztages ist die Jugendhilfe ein wichtige Partnerin  
der Schulen, da im Ganztag neben dem schulischen Lernen die infor-  
melle Bildung unerlässlich ist. Leitbild sind integrierte Ganztagskon-  
zepte für eine umfassende Persönlichkeitsbildung. Es gilt, Ganztag  
und gute weiterführende Schulen für alle Kinder zu ermöglichen, ob  
mit Behinderungen oder ohne. Wir bekennen uns zum Bewegungs-  
ziel der WHO, die körperliche Inaktivität von Kindern, Jugendlichen  
und Erwachsenen bis 2030 um 15 Prozent zu senken. In jedem Ganz-  
tag soll mindestens ein Bewegungsangebot zur Auswahl stehen. Der  
Anspruch auf Integrationshilfe muss überall gelten – über die indi-  
viduelle Hilfe oder über eine Poollösung, gleich ob in der Ganztags-  
schule oder bei Hortangeboten durch die Jugendhilfe. Die Arbeitsbe-  
dingungen und die Entlohnung der Integrationshelfer\*innen sollen  
ihre anspruchs- und verantwortungsvolle Tätigkeit widerspiegeln.  
Eltern von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen dürfen keine  
zusätzlichen Kosten entstehen. Die Umsetzung des Rechtsanspruchs  
wird ein gesamtdeutscher Kraftakt. Das muss sich in der Beteiligung  
des Bundes an den Kosten widerspiegeln. Um alle Grundschulen auf  
ihrem Weg zu inklusiven Orten der Ganztagsbildung zu unterstützen,  
werden wir ein Begleitprogramm zur Förderung einer integrierten,  
professionsübergreifenden Schulentwicklung auf den Weg bringen  
und damit Koordinierungsstellen fördern. Langfristig wollen wir die  
Schulsozialarbeit ausbauen und flächendeckend als Bestandteil des  
Ganztags verankern.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN147Kapitel 4  
Bundestagswahlprogramm 2021  
Corona-Rettungsschirm für Kinder und Jugendliche  
Die Pandemie hat tiefe Spuren hinterlassen, gerade bei Kindern, die  
es zu Hause auch davor schon schwerer hatten. Sommercamps und  
Nachhilfe in den Kernfächern alleine werden nicht ausreichen, um die  
Folgen der Krise zu bewältigen. Wir wollen die Kinder und Jugendli-  
chen in den Mittelpunkt rücken. Sie brauchen jetzt eine helfende Hand,  
ein offenes Ohr und freie Räume, um den Weg in ihr normales Leben  
zurückzufinden. Dafür bauen wir Sport-, Erlebnis-, und Kulturangebote  
aus und stärken die Beratung und Einzelfallhilfe für Schüler\*innen  
sowie die Vermittlung von Wissen zur psychischen Gesundheit und zu  
Krisen an Schulen. Mit Mentor\*innen, Bildungslots\*innen, Schulsozial-  
arbeiter\*innen und Psycholog\*innen knüpfen wir ein sicheres Netz  
an breiter Unterstützung, um die psychische Gesundheit von unse-  
ren Kindern und Jugendlichen nachhaltig besser zu schützen. Jedes  
zusätzliche Angebot für die Krisenbewältigung soll die Qualität an  
KiTas, Horten und Ganztagsschulen langfristig voranbringen.  
Programm für Schulen in benachteiligten Regionen  
und Quartieren  
Bildungschancen sind Zukunftschancen. Jedes Kind hat ein Recht  
auf eine gute Schule, egal, wo es lebt. Der Alltag sieht aber anders  
aus. Wir wollen dauerhafte Finanzierungswege für mehr Bildungs-  
gerechtigkeit schaffen, um Regionen oder Quartiere mit Schulen mit  
besonderem Unterstützungsbedarf zu stärken. Nachhaltige Bildungs-  
erfolge ergeben sich nur durch die abgestimmte Zusammenarbeit  
aller am Bildungsprozess beteiligten Institutionen und Menschen  
und durch langfristige Finanzierungswege. Wir fördern multiprofes-  
sionelle Teams, in denen sich Lehrkräfte, Schulsozialarbeiter\*innen,  
Erzieher\*innen, Schulpsycholog\*innen und weitere in der Schule  
oder Region tätige Fachkräfte gegenseitig ergänzen und mit unter-  
schiedlichen Perspektiven bereichern, um die Schüler\*innen und ihre  
Familien bestmöglich unterstützen zu können. Dazu gehört es, syste-  
matische Vorsorgearbeit zu leisten, Lernrückstände zu schließen und  
deutsche wie auch muttersprachliche Sprachfertigkeiten zu fördern.  
Mehrsprachigkeit sollte als Reichtum begriffen werden und nicht als  
Defizit. Alle Akteur\*innen kooperieren auf Augenhöhe. So werden  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN148Kapitel 4  
Bereit, weil Ihr es seid.  
auch die Partizipation der Schüler\*innen und die Kooperation mit  
Eltern verbessert und Schulen werden zu Unterstützungsorten für die  
ganze Familie. Wir wollen die psychische Gesundheit von Kindern und  
Jugendlichen nachhaltig besser schützen. Schüler\*innen sollen sich  
wohlfühlen können und sich in der Schule sicher fühlen. Nicht nur  
im Klassenzimmer, sondern auch auf dem Pausenhof, in den Gängen  
und in den sanitären Räumlichkeiten. Darum wollen wir in eine bes-  
sere Lernumgebung und höhere Bildungsqualität investieren. Welche  
Maßnahmen für Bildungsgerechtigkeit, auch im internationalen Ver-  
gleich, gut funktionieren, soll wissenschaftlich intensiver eruiert und  
mit Handlungsempfehlungen versehen werden.  
Bildung auf die Höhe der Zeit bringen  
Bildung in der digitalen Welt ist viel mehr als Wissensvermittlung,  
sie ist ein Schlüssel für Zukunftskompetenzen. Die Digitalisierung hat  
unsere Art zu leben verändert, also muss sich auch unsere Art, Schule  
zu denken, wandeln. Dazu gehören selbstverständlich auch Berufs-  
schulen und -kollegs. Mit Lehrer\*innen, die Kompetenzorientierung  
in den Mittelpunkt des Lernens rücken, Schüler\*innen, die sich spie-  
lerisch, zum Beispiel durch Game-based Learning, kooperativ neue  
Inhalte erschließen, und Schulen, die dafür technisch optimal auf-  
gestellt sind. Dabei müssen sowohl das technische Grundverständnis  
als auch die soziale Dimension der digitalen Entwicklung Thema sein.  
Allerdings hat die Pandemie gezeigt, dass es schon an den Grundlagen  
fehlt, auch im Vergleich mit anderen Ländern. Das wollen wir ändern:  
mit einer zeitgemäßen, datenschutzfreundlichen digitalen Ausstattung  
und mit Strukturen, die die Schulen beim digitalen Lehren und Lernen  
wirkungsvoll unterstützen – mit kontinuierlichen Fort- und Weiter-  
bildungsangeboten für das pädagogische Fachpersonal sowie einem  
zentralen Ort der Beratung und des Austauschs zur Bildung in einer  
digitalen Welt. Hauptberufliche Administrator\*innen sind notwendig,  
um die technische Infrastruktur an Schulen aufzubauen und zu pfle-  
gen. Wir wollen dies im Rahmen der Befugnisse des Bundes fördern.  
Gemeinsam mit den Ländern wollen wir die digitale Ausbildung der  
Lehrer\*innen verbessern. Wir wollen, dass Tablet oder Laptop selbst-  
verständliche Lernmittel sind. Unser Ziel ist es, allen Schüler\*innen  
neue Arten des Lernens zu ermöglichen und sie auch auf eine selbst-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN149Kapitel 4  
Bundestagswahlprogramm 2021  
bestimmte und gesunde Teilhabe in einer digitalisierten Welt vorzu-  
bereiten. Dafür wollen wir Anwendungen wie quelloffene und sichere  
Lernplattformen oder Videokonferenzsysteme umfassend fördern und  
setzen uns für die Umsetzung des Rechts auf Löschung personenbe-  
zogener Daten für Kinder ein. Zukunftskompetenzen wie Kooperation,  
Kommunikation, Kreativität und kritisches Denken werden immer rele-  
vanter. Diese Zukunftskompetenzen möchten wir so fördern, wie es am  
pädagogisch sinnvollsten ist, ob digital oder analog. Dazu gehört auch  
die Förderung der MINT-Themen an Schulen. Durch die Digitalisierung  
ist Bildung weniger ortsgebunden: Neue Freiräume für überregionale  
und internationale Kooperationen mit Bildungs- und Kultureinrich-  
tungen entstehen. Um das alles umzusetzen, wollen wir auch den  
DigitalPakt zu einem echten gemeinsamen Vorhaben nachhaltig und  
dauerhaft weiterentwickeln – mit klaren Zielen und Zeithorizonten, die  
gemeinsam im Rahmen der jeweiligen Verantwortung von Bund, Län-  
dern und Kommunen erreicht werden sollen.  
Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) stärken  
Wir fördern die Umsetzung des UNESCO-Programms Bildung für nach-  
haltige Entwicklung, das weltweit die Integration von BNE in alle Bil-  
dungsnetzwerke und auf kommunaler Ebene vorantreiben soll. BNE  
ist deshalb in allen Bildungsphasen und Bildungsbereichen gemäß  
des nationalen Aktionsplans BNE zu verankern. Um Anreize für Kom-  
munen zu schaffen, werden in Kooperation mit den Ländern lokale  
und regionale Bildungsnetzwerke initiiert und unterstützt. Das vom  
Bund geförderte BNE-Kompetenzzentrum begleitet bereits rund 50  
der über 10.000 Kommunen in Deutschland. Es muss gestärkt werden,  
um mehr Kommunen Angebote machen zu können.  
Bildungszusammenarbeit von Bund und Ländern  
Unser Ziel ist ein Bildungssystem, das überall und für alle gute Aus-  
gangsbedingungen für eine gebührenfreie, zukunftsgerichtete und  
inklusive Bildung sichert und unabhängig von Geschlecht, Herkunft,  
Aufenthaltstitel oder Behinderungen gleiche und gerechte Chan-  
cen garantiert. Für notwendige Maßnahmen braucht es einerseits  
eine ausreichende finanzielle Ausstattung der Länder, andererseits  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN150Kapitel 4  
Bereit, weil Ihr es seid.  
wollen wir die Zusammenarbeit zwischen Bund, Ländern und Kom-  
munen verfassungsrechtlich absichern. So sollen Schulen zu Orten  
werden, die – verankert in der Nachbarschaft – auf die Entwick-  
lung der jeweiligen Potenziale der Kinder ausgerichtet sind. Schu-  
len brauchen dafür eigene Entscheidungsspielräume. Grundlage all  
dessen ist jedoch eine kluge, vorausschauende, mehr Flexibilität  
ermöglichende Bildungsfinanzierung, vor allem in den Grundschu-  
len und KiTas, da hier die Basis gelegt wird. In Abstimmung mit den  
Ländern setzen wir uns für moderne, nachhaltige und einheitlichere  
Bildungsziele und die Umsetzung des grundgesetzlich verbrieften  
Sonderungsverbots ein. In der KiTa sowie allen Schulformen müssen  
Kinder und Jugendliche sich frei entwickeln können und vor Dis-  
kriminierung geschützt sein. Sie brauchen dafür Ansprechpersonen  
und es braucht Bildungsprogramme zu Antidiskriminierung, Diversi-  
tät, LSBTIQ\* und Demokratieverständnis.  
Wir stärken Ausbildung und Studium  
Sichere Ausbildungsperspektiven  
Trotz enormen Fachkräftemangels sinkt die Zahl der jungen Men-  
schen, die eine Berufsausbildung beginnen. Gleichzeitig landen  
immer mehr in den Warteschleifen des Übergangssystems. Die duale  
Ausbildung muss auf sichere Beine gestellt werden. Wir wollen mit  
der Ausbildungsgarantie allen jungen Menschen den Beginn einer  
anerkannten Ausbildung ermöglichen und das Recht auf Ausbildung  
absichern. Dafür fördern wir verstärkt Verbundausbildungen und  
nutzen, wo notwendig, auch außerbetriebliche Ausbildungen. Unter-  
nehmen, die ausbilden wollen, unterstützen wir über eine Umlage-  
finanzierung. So kann es gelingen, dass Betriebe ermutigt werden,  
weiterhin und verstärkt auszubilden, und junge Menschen – gerade  
in ländlichen Regionen – erhalten eine Bleibeperspektive. Mit dem  
Ausbau und der Verbesserung der inklusiven assistierten Ausbildung  
und ausbildungsbegleitender Hilfen wollen wir mehr Jugendliche in  
Ausbildung unterstützen. Einzelne Ausbildungsbausteine sollen als  
Teilqualifikationen zertifiziert und anerkannt werden können, damit  
keine Leistung auf dem Weg zum vollwertigen Berufsabschluss verlo-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN151Kapitel 4  
Bundestagswahlprogramm 2021  
ren geht. Zudem wollen wir uns bei den zuständigen Stellen dafür ein-  
setzen, dass Prüfungen in leichter Sprache vermehrt möglich gemacht  
werden. Damit alle Jugendlichen am Übergang von der Schule in den  
Beruf gute Beratung und in der Anfangsphase ihrer Ausbildung eine  
gute Betreuung aus einer Hand und unter einem Dach erhalten, unter-  
stützen wir den Ausbau flächendeckender Jugendberufsagenturen.  
Wir werden die Berufsberatung und die Leistungen zur Förderung der  
beruflichen Qualifizierung bis zur beruflichen Ersteingliederung bün-  
deln und gemeinsam mit der Arbeitsagentur stärken.  
Gleichwertige Chancen durch berufliche und  
akademische Bildung  
In Deutschland gibt es hochwertige Bildungswege, sowohl an Hoch-  
schulen als auch im dualen Berufsbildungssystem. Wir wollen, dass  
berufliche und akademische Bildung gleichwertige Chancen auf eine  
selbstbestimmte Lebensplanung und ein erfolgreiches Arbeitsle-  
ben bieten und eine echte Wahlfreiheit für junge Menschen besteht.  
Sowohl Ausbildung als auch Studium vermitteln wertvolle und viel-  
fältig einsetzbare Fähigkeiten. Dafür müssen alle berufsbildenden  
Schulen gut ausgestattet sein und Ausbildungen müssen ein eigen-  
ständiges Leben oberhalb der Armutsgrenze ermöglichen. Deshalb  
setzen wir uns für eine Mindestausbildungsvergütung von mindes-  
tens 80 Prozent der durchschnittlichen, tariflichen Ausbildungsver-  
gütungen ein. Abschlussvoraussetzungen für die Eingruppierung in  
Entgeltgruppen des öffentlichen Dienstes im gehobenen und höhe-  
ren Dienst wollen wir im Bund flexibilisieren und die Gleichwertigkeit  
von beruflicher und akademischer Bildung bei Ausschreibungen der  
Bundesbehörden stärken. Daneben sind Talentscouting-Programme  
genauso wie die Begabtenförderung unabhängig vom Bildungsgang  
auszubauen. Ausbildung und Studium sind Zeit Neues zu entdecken.  
Deshalb sollen mehr Auslandsaufenthalte für Auszubildende und Stu-  
dierende ermöglicht werden. Ebenso wollen wir Studium und Ausbil-  
dung für Menschen aus dem Ausland erleichtern. Wir unterstützen die  
Aufstockung der europäischen Förderprogramme wie ERASMUS+ und  
möchten, dass mindestens 10 Prozent der Auszubildenden einen Aus-  
landsaufenthalt antreten können. So internationalisieren wir neben  
der akademischen auch die berufliche Bildung.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN152Kapitel 4  
Bereit, weil Ihr es seid.  
Eine Grundsicherung in Ausbildung und Studium  
Wir wollen, dass sich jede\*r eine schulische Ausbildung oder ein Stu-  
dium leisten kann, unabhängig von der Einkommens- und Vermögens-  
situation der Eltern. Dafür wollen wir das BAföG neu aufsetzen und  
zu einer Grundsicherung für alle Studierenden und Auszubildenden  
umbauen. Sie soll in einem ersten Schritt aus einem Garantiebetrag  
und einem Bedarfszuschuss bestehen, der den Gesamtbetrag im Ver-  
gleich zum heutigen BAföG substanziell erhöht und dem Großteil des  
in Frage kommenden Personenkreises zugutekommt. Studierende  
oder Auszubildende bekommen den Betrag direkt überwiesen. Pers-  
pektivisch soll sie elternunabhängig gestaltet sein. Da nicht jeder Bil-  
dungsweg linear ist oder zum Teil berufsbegleitend verläuft, wollen  
wir die Bildungsfinanzierung noch stärker altersunabhängig konzipie-  
ren. Ein Schritt in diese Richtung ist die Einführung eines Weiterbil-  
dungs-BAföGs. Menschen mit Behinderung erhalten weiter gehende,  
unbürokratische Unterstützung. Studien- und Verwaltungsgebühren  
an staatlichen Hochschulen lehnen wir ab. Die studentische Kranken-  
versicherung wollen wir, insbesondere mit Blick auf die Alters- und  
Semestergrenzen, weiterentwickeln. Solange die Regelstudienzeit  
relevant für die Studienfinanzierung ist, soll Engagement von Stu-  
dierenden durch verbesserte Anrechnungsmöglichkeiten von ehren-  
amtlicher Arbeit gefördert werden. Wir wollen Studierende und ihre  
Vertretungen auf Bundesebene stärker einbeziehen und ihre Mitspra-  
chemöglichkeiten in hochschul- und wissenschaftspolitischen Fragen  
ausbauen. Dafür wollen wir zum Beispiel auf Bundesebene den Weg  
bereiten, eine Vertretung aller Studierenden einzuführen. Sie soll von  
Studierenden vollständig selbst verwaltet werden und unabhängig  
von anderen Institutionen agieren.  
Wir ermöglichen lebensbegleitendes Lernen  
Ein Rechtsanspruch auf Weiterbildung  
Die Möglichkeit zur beruflichen Neuorientierung und der Freiraum,  
Neues zu lernen, sind in einer modernen Wissensgesellschaft und  
Arbeitswelt im Umbruch, die Chancen bieten soll, unerlässlich. Auch  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN153Kapitel 4  
Bundestagswahlprogramm 2021  
durch die Corona-Pandemie ist bei vielen die Notwendigkeit entstan-  
den, sich neue Arbeitsfelder zu erschließen. Wir wollen, dass jede\*r,  
egal ob arbeitslos, selbständig oder angestellt, künftig selbstbestimmt  
neue berufliche Perspektiven entwickeln kann. Wir treten daher für  
einen individuellen Rechtsanspruch auf Weiterbildung und Quali-  
fizierung ein. Zur sozialen Absicherung ist für arbeitsmarktbedingte  
Weiterbildungen und Qualifizierungen ein auskömmliches Weiterbil-  
dungsgeld nötig, für alle anderen, die sich beruflich entwickeln oder  
neuorientieren wollen, ein Weiterbildungs-BAföG. So profitieren auch  
diejenigen, die bei der beruflichen Weiterbildung und Qualifizierung  
bislang das Nachsehen haben, etwa Frauen, Menschen mit Migrati-  
onsgeschichte oder Behinderungen und alle prekär Beschäftigten. Um  
abhängig Beschäftigten die Zeit für eine berufliche Qualifizierung und  
Weiterbildung einzuräumen, wollen wir einen Freistellungsanspruch  
mit Rückkehrrecht auf den vorherigen Stundenumfang einführen.  
Daneben werden wir für eine verbesserte und gebündelte Beratung  
und Unterstützung Bildungsagenturen aufbauen. Dort sollen sich die  
relevanten regionalen Träger von Weiterbildung vernetzen. Wir setzen  
uns für gute Arbeitsbedingungen und faire Vergütung in der Weiter-  
bildung ein und wollen die Volkshochschulen und ähnliche öffent-  
liche und gemeinnützige Bildungseinrichtungen als wichtige Part-  
ner\*innen der Weiterbildung unterstützen.  
Alphabetisierung vorantreiben  
Immer noch können mehr als gut sechs Millionen Menschen ab 18  
Jahren in Deutschland nicht ausreichend lesen und schreiben. Sie  
haben also Schwierigkeiten, ganze Texte zu verstehen und sind somit  
in ihrer gesellschaftlichen Teilhabe beeinträchtigt. Diese Zahlen sind  
100 Jahre nach Einführung der allgemeinen Schulpflicht und in einer  
der reichsten Industrienationen der Welt nicht hinnehmbar. Wir wol-  
len Geld und Kurskapazitäten bereitstellen – für Erwachsene, aber  
auch für Kinder. Denn die Ursachen liegen oft schon im Vorschulalter.  
Wir wollen konkrete Reduktionsziele für Analphabetismus festlegen  
und evaluieren. In öffentlichen Bereichen wollen wir die barrierefreie  
Kommunikation fördern, um allen Menschen gesellschaftliche Teil-  
habe zu ermöglichen.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN154Kapitel 4  
Bereit, weil Ihr es seid.  
Wir verbessern die Bedingungen  
für die Wissenschaft  
Mehr Raum für große Ideen  
Die großen Herausforderungen unserer Zeit wie die Klimakrise, Pan-  
demien oder auch eine effizientere Nutzung von Rohstoffen kön-  
nen wir nur mit der Hilfe von innovativen Lösungen und Fortschritt  
bewältigen. Der Markt kann dabei nicht alles allein. Bei der Lösung  
solch großer Aufgaben muss der Staat Innovationen missions-  
orientiert vorantreiben. Er soll klare Zielvorgaben machen, Anreize  
schaffen, Kooperationen von Unternehmen, Hochschulen und Zivil-  
gesellschaft organisieren und mit gezielter Forschungsförderung  
und strategischer Industrie- und Beschaffungspolitik Dynamik ent-  
fachen. Ein Hochschul-Campus wird hier zum Experimentierraum  
für reale Veränderungen, der stark mit seiner Umgebung vernetzt  
ist und Strahlkraft in die ganze Region entwickelt. Große Probleme  
können nur gemeinsam und umfassend gelöst werden. Wir wollen  
deshalb die Förderpolitik des Bundes an den VN-Nachhaltigkeits-  
zielen (SDGs) ausrichten. Die zivile Ausrichtung von Wissenschaft  
ist zentral. Technische, soziale und ökologische Innovationen, die  
auch in der sozial-ökologischen Forschung verbunden sind, sind für  
uns gleichwertig. Wir wollen die dringend notwendige nachhaltige  
Transformation auch durch den Auf- und Ausbau von Forschungs-  
verbünden und -infrastrukturen in Deutschland und Europa voran-  
treiben. Die „Agentur für Sprunginnovation“ (SprinD) soll flexibler  
ausgestaltet werden, damit sie sich auf ihre Kernaufgaben konzen-  
trieren kann. Insgesamt wollen wir die Kompetenz für Wissenschaft  
und Forschung in allen Ministerien sowie den zentralen, obersten  
Bundesbehörden stärken und die ressortübergreifende Zusammen-  
arbeit bei den großen Forschungsherausforderungen verbessern.  
Unsere Behörden sollen nachhaltigen Wandel ermöglichen und nicht  
bremsen. Auch den unabhängigen Zugang zum All, wo die Raumfahrt  
wichtige Erkenntnisse über fundamentale Fragen gewinnt, gilt es zu  
erhalten. Deshalb wollen wir die Europäische Weltraumorganisation  
(ESA) und den Bereich New Space stärken und uns für einen europäi-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN155Kapitel 4  
Bundestagswahlprogramm 2021  
schen und neuen internationalen Rechtsrahmen einsetzen, der auch  
private Akteur\*innen reguliert.  
Die Wissenschaft auskömmlich finanzieren  
Wir wollen die Verantwortung übernehmen, Deutschland als Wis-  
sensgesellschaft voranzubringen, beste Bedingungen für Forschung  
und Innovation zu schaffen und die Vielfalt des Wissenschaftssys-  
tems stärken. Dazu gehören herausragende außeruniversitäre For-  
schungseinrichtungen genauso wie breit aufgestellte Hochschulen  
mit Spitzenforschung. Wir wollen erreichen, dass Staat und Unterneh-  
men bis 2025 insgesamt mindestens 3,5 Prozent der Wirtschaftsleis-  
tung in Forschung und Entwicklung investieren und perspektivisch  
die Investitionen weiter ausbauen. So ermöglichen wir mehr Krea-  
tivität, Freiräume, auch mal Neuland zu betreten, und internationale  
Vernetzung und schaffen Planbarkeit für die Forschungslandschaft.  
Außerdem brauchen wir eine auskömmliche Grundfinanzierung in  
der Wissenschaft, um die Abhängigkeit von den in den letzten Jahren  
stark gestiegenen Drittmitteln wieder einzudämmen. Damit die ein-  
gesetzten Drittmittel zusätzliche Dynamiken freisetzen können, wol-  
len wir öffentliche Drittmittel länger als die üblichen drei Jahre auf-  
setzen und die übernommenen Overheadkosten an den tatsächlich  
anfallenden Kosten orientieren. International sichtbare universitäre  
Spitzenforschung soll auch vermehrt den Studierenden zugutekom-  
men und wir wollen die Exzellenzstrategie kooperativ weiterentwi-  
ckeln. Mit den Ländern wollen wir den Zukunftsvertrag Studium und  
Lehre sowie den Pakt für Forschung und Innovation verstetigen und  
qualitativ voranbringen. Auskömmliche und nachhaltige Finanzierung  
erhöht auch in zukünftigen Krisen die Reaktionsfähigkeit des Wissen-  
schaftssystems. Denn die Zukunft unseres Landes hängt auch davon  
ab, wie flexibel und frei unsere Forschungslandschaft ist.  
Wissenschaft für alle  
In Zeiten von Informationsfilterblasen und Verschwörungsideologien  
einerseits und epochalen neuen Herausforderungen andererseits ist  
wissenschaftliche Beratung und die verständliche Vermittlung wis-  
senschaftlicher Methodik wichtiger für die demokratische Debatte  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN156Kapitel 4  
Bereit, weil Ihr es seid.  
denn je. Die Fähigkeiten des richtigen Umgangs mit Informationen  
und wissenschaftlichen Erkenntnissen sind fundamental für eine auf-  
geklärte Gesellschaft. Eine stärkere Einbeziehung der Zivilgesellschaft  
durch partizipative und vernetzende Formate, ein sicherer Zugang zu  
Informationen für alle sowie die verständliche Vermittlung wissen-  
schaftlicher Erkenntnisse sind Voraussetzungen für ein konstrukti-  
ves, sich gegenseitig stimulierendes Verhältnis von Wissenschaft und  
Gesellschaft. Außerdem wollen wir die Wissenschaftskommunikation  
stärken und die Aus- und Weiterbildung von Wissenschaftler\*innen in  
diesem Bereich fördern. Durch mehr partizipative Formate wie Realla-  
bore, Citizen-Science oder Experimentierräume kann die Gesellschaft  
besser an Forschungsvorhaben teilhaben. Das bringt weitere Perspek-  
tiven ein und hilft, reale Veränderungsprozesse wissenschaftlich zu  
begleiten. Im Kontext wissenschaftsgeleiteter Politik wollen wir inter-  
und transdisziplinäre wissenschaftliche Expertise frühzeitiger – etwa  
durch „Gesetzgebungslabore“ – in die Politikentwicklung einbeziehen.  
Die Technikfolgenabschätzung und das Monitoring der gesellschaft-  
lichen Folgen politischer Maßnahmen sollten ausgebaut werden, um  
Entscheidungsträger\*innen zu unterstützen.  
Hochschule fit für morgen machen  
Wir wollen an Hochschulen eine nachhaltige, klimagerechte und bar-  
rierefreie Modernisierung ermöglichen, die auch digitale Infrastruktur  
und die IT-Sicherheit mit einschließt. Wir werden sie dabei unterstüt-  
zen, neue Lösungen für den Klimaschutz zu entwickeln und vor Ort als  
Reallabore für Klimaneutralität Ideen praktisch erproben zu können.  
Darüber hinaus werden wir über eine Digitalisierungspauschale die  
IT-Infrastruktur an Hochschulen stärken und die IT-Barrierefreiheit  
einfordern, Aus- und Weiterbildung der Lehrenden ausbauen und digi-  
tale Beratungs- und Betreuungsangebote für Studierende ausweiten.  
Der Zugang zu Forschungs- und Bildungsdaten soll erleichtert und  
FAIR Data das Grundprinzip werden. Wir wollen zudem Open Access  
bei Publikationen zum Standard erklären und als wissenschaftliche  
Leitidee stärker fördern und zusammen mit der Wissenschaft voran-  
treiben. Die dadurch anstehende Reform der Finanzierung wissen-  
schaftlicher Publikationen darf nicht zu Lasten der Forscher\*innen  
oder ihrer Einrichtungen gehen. Hochschulen sind Zukunftslabore für  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN157Kapitel 4  
Bundestagswahlprogramm 2021  
Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft. Als Schlüsselakteur\*innen  
unseres Innovations- und Bildungsökosystems tragen sie die Verant-  
wortung für die Bildung der Gestalter\*innen unserer Zukunft und für  
die Erneuerungsfähigkeit von Wissenschaft und Gesellschaft. Wir wol-  
len die nationale Forschungsdateninfrastruktur stärken und die Chan-  
cen der europäischen Cloud für Wissenschaft und Forschung ergreifen.  
Zu einer zukunftsfesten Infrastruktur an den Hochschulen gehören  
moderne Bibliotheken, Lehr- und Lernräume, die klimafreundliche  
Sanierung von in die Jahre gekommenen Hochschulbauten sowie  
Nachhaltigkeit und Klimaschutz für Neubauten in der Wissenschaft.  
Auch wollen wir den Nationalen Aktionsplan „Bildung für Nachhal-  
tige Entwicklung“ vollumfänglich umsetzen und auch an den Hoch-  
schulen die Entwicklung neuer Lehr- und Lernformate unterstützen,  
um den großen gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit  
begegnen zu können. Wir wollen die Einheit von Forschung und Lehre  
an den Hochschulen stärken. Um gute Lehre für alle Studierenden  
sicherzustellen, wollen wir Betreuungsrelationen verbessern und die  
„Stiftung Innovation in der Hochschullehre“ stärken, um beste Praxis  
in die Fläche zu bringen. Gute Lehre ist für uns studierendenzent-  
riert, forschungs- und projektorientiert, sie basiert auf Methoden- und  
Perspektiven-Vielfalt, sie stärkt Neugierde und Gestaltungskompe-  
tenz. Gemeinsam mit den Ländern wollen wir darauf hinwirken, dass  
Studierende Zugang zu guten Beratungsdienstleistungen haben. Mit  
einer Offensive für studentisches Wohnen fördern und sichern wir  
günstigen Wohnraum für Studierende.  
Bessere Arbeitsbedingungen und sichere Berufswege  
Sichere Arbeitsbedingungen und gleiche Karrierechancen für alle  
sind die Voraussetzungen für eine lebendige und innovative Wissen-  
schaftslandschaft, die auch für Wissenschaftler\*innen aus dem Aus-  
land attraktiv ist. Für Nachwuchswissenschaftler\*innen gibt es vor  
allem an Hochschulen jedoch kaum planbare und sichere Berufswege.  
Das gefährdet den Forschergeist und verschleudert Potenziale bei  
Innovation, Leistung und Qualität. Und es ist für die Betroffenen eine  
Zumutung. Wir wollen das Wissenschaftszeitvertragsgesetz weiter-  
entwickeln und den Anteil der unbefristeten Mitarbeiter\*innen-Stel-  
len, insbesondere im Mittelbau, substanziell erhöhen. Daueraufgaben  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN158Kapitel 4  
Bereit, weil Ihr es seid.  
sollen auch mit Dauerstellen gesichert sein. Hierzu gehören unbefris-  
tete Berufswege neben der Professur, um Hierarchien abzubauen und  
die kooperativen Arbeitsweisen in der Wissenschaft zu stärken. Die  
Qualifizierung im Rahmen der Sachgrundbefristung wollen wir klar  
definieren und die familienpolitische Komponente verbindlich ausge-  
stalten. Die Tarifsperre soll entfallen. Das Tenure-Track-Programm wol-  
len wir weiterentwickeln, damit frühzeitig nach der Promotion sichere  
Berufswege entstehen. Gerade in der Lehre werden viele Aufgaben  
weiterhin oft über schlecht bezahlte Lehraufträge abgedeckt. Wir wol-  
len den Stellenwert der Lehre erhöhen und dafür entfristete Stellen  
schaffen. Die Wissenschafts- und Hochschullandschaft ist immer noch  
vorwiegend männlich, weiß, westdeutsch und von Menschen aus aka-  
demischen Elternhäusern geprägt und bildet somit die Vielfalt der  
Gesellschaft nur unzureichend ab. Dadurch gehen wichtige Potenziale  
und Perspektiven verloren. Das wollen wir durch die gezielte Förde-  
rung von Diversität an Hochschulen und Wissenschaftseinrichtungen,  
Förderformate für Diversitäts- und Antidiskriminierungspolitik, chan-  
cengerechte Zugänge, gleichberechtigte Integration, Inklusion und  
Perspektivenvielfalt ändern, damit sich die gesellschaftliche Vielfalt  
auch auf dem Campus widerspiegelt. Nur ein Viertel aller Professuren  
in Deutschland sind durch Frauen besetzt. Hinzu kommt, dass viele  
junge Wissenschaftlerinnen nur in befristeten Arbeitsverhältnissen  
sind. Dies sind strukturelle Hindernisse, die es abzubauen gilt. Wir wol-  
len einen Frauenanteil von mindestens 40 Prozent auf allen Ebenen  
durch die Einführung konkreter Zielquoten, eine Strategie für die bes-  
sere Vereinbarkeit von Familie und Beruf im Wissenschaftsbereich, die  
Einführung eines verbindlichen Kaskadenmodells sowie den Ausbau  
des Professorinnenprogramms erreichen. In allen Beschäftigungsver-  
hältnissen wollen wir flexible Arbeitszeitmodelle ermöglichen, die es  
erlauben, Care- und Familienarbeit zu leisten. Eine größere Diversität  
in der Wissenschaft hilft auch, geschlechterspezifische Datenlücken  
zu verringern und neue Perspektiven einzubringen.  
Wissenschaftsfreiheit verteidigen  
Politisches Handeln in der geistigen Tradition der Aufklärung sowie  
die Orientierung an den Erkenntnissen der Wissenschaft stehen  
immer stärker unter Druck, auch in Deutschland. Dem stellen wir uns  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN159Kapitel 4  
Bundestagswahlprogramm 2021  
entgegen und wollen gemeinsam mit den Wissenschaftsorganisatio-  
nen Strategien gegen menschenfeindliche, diskriminierende und ver-  
schwörungsideologische Anfeindungen gegen Wissenschaftler\*innen  
entwickeln. Wir wollen weltweit verfolgte Wissenschaftler\*innen und  
Studierende hier in Deutschland und auf EU-Ebene besser schützen  
und ihnen im Exil eine Perspektive bieten. Dazu wollen wir die vor-  
handenen Programme und Initiativen vom Bund besser finanzieren  
und koordinieren sowie einen gemeinsamen europäischen Fonds  
aufbauen. Die Anerkennung von ausländischen Berufsabschlüssen  
und die Visavergabe sollen vereinfacht werden. Konsequent werden  
wir Angriffen auf die Wissenschaftsfreiheit in anderen Staaten der  
EU, etwa in Ungarn, widersprechen und uns für die Sanktionierung  
im Rahmen des Rechtsstaatsmechanismus einsetzen. Die Stärkung  
der Wissenschaftsfreiheit muss zentraler Aspekt der Außenpolitik  
sein. Dafür wollen wir die Außenwissenschaftspolitik ausbauen und  
die Mittlerorganisationen der auswärtigen Kultur- und Bildungs-  
politik besser finanzieren. Sensible Daten sowie die Forscher\*innen,  
die diese für ihre Arbeit nutzen, wollen wir vor behördlichem Zugriff  
schützen. Es muss wirksamen Schutz gegen Anfeindungen geben, wie  
sie mittlerweile auch Forscher\*innen und ausländische Studierende  
häufig erleben. Ein kritischer Diskurs und eine Vielfalt an Meinungen  
innerhalb der Hochschulen und der Wissenschaft sind Voraussetzung  
für eine demokratische, pluralistische Gesellschaft. In Zeiten zuneh-  
mender Polarisierung gesellschaftlicher Debatten sind wir auf die  
Wissenschaft als sachlich-rationalen Diskursraum angewiesen. Auch  
kontroverse Themen und Fragen müssen in diesem Raum konstruktiv  
erörtert werden können.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN160Kapitel 5  
Bereit, weil Ihr es seid.  
Kapitel 5:  
Zusammen leben  
Unsere vielfältige Gesellschaft ist stark. Weil Menschen sich engagie-  
ren, beim Sport, bei der freiwilligen Feuerwehr, in Musikschulen, in  
religiösen Gemeinden oder am Sorgentelefon, Junge für Alte, Alte für  
Junge. Weil es ein breites Kulturangebot gibt, eine vielfältige Medien-  
landschaft. Weil die Jugend sich einmischt, weil Menschen in Kom-  
munalparlamenten Verantwortung übernehmen, sich Bürger\*innen in  
Foren einbringen und das Schicksal ihrer Orte in die Hand nehmen.  
Aber Demokratie ist nie fertig. Unser demokratisches Zusammen-  
leben in Deutschland und Europa ist ein Versprechen, das wir immer  
wieder neu erfüllen müssen. Es verspricht gleiche Entfaltungsmög-  
lichkeiten und Rechte für alle, die hier leben. Für Demokratie, Frei-  
heit und Toleranz sind mutige Menschen in der Vergangenheit auf die  
Straße gegangen: Bürgerrechtler\*innen, Umweltbewegte, Friedens-  
aktivist\*innen und Frauenrechtler\*innen. Und auch in der Gegenwart  
kämpfen Menschen für eine vielfältige, offene und tolerante Gesell-  
schaft. Bündnisgrüne Politik knüpft daran mit einem gesamtdeut-  
schen Blick an, der die Besonderheiten der Regionen anerkennt. Es  
ist oft anstrengend, teils eine Zumutung, wenn andere Ansichten und  
Werthaltungen akzeptiert und respektiert werden müssen, wenn es  
den einen zu schnell und den anderen zu langsam vorangeht. Aber  
vor allem ist es eine Stärke: zuhören, den Dialog suchen, inhaltlich  
ringen. So haben wir als demokratische Gesellschaft die Herausfor-  
derungen der letzten Jahrzehnte gemeistert. Nun gilt es mit voller  
Gleichberechtigung und mehr Beteiligung unsere liberale Demokra-  
tie zu stärken, in Deutschland und in Europa, auf den Straßen, in den  
Parlamenten, und unsere Institutionen fit zu machen für die Aufgaben  
dieses Jahrzehnts.  
Menschen sind unterschiedlich, aber gleich in ihrer Würde und  
ihren Rechten. Nur wenn Würde und gleiche Rechte unverhandel-  
bar sind, wenn alle Menschen in unserer Gesellschaft, in unserem  
Europa gleichen Schutz und gleiche Chancen haben und ihre Rechte  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN161Kapitel 5  
Bundestagswahlprogramm 2021  
in Anspruch nehmen können, kommen Freiheit und Sicherheit – indi-  
viduelle und gesellschaftliche – heraus und wird Gerechtigkeit beför-  
dert. Dieser Anspruch ist jedoch noch nicht voll verwirklicht. Wenn mit  
Frauen die Hälfte der Bevölkerung nicht gleichberechtigt beteiligt,  
repräsentiert und bezahlt wird und Menschen noch immer Diskrimi-  
nierung, Rassismus und Antisemitismus erleben, ist die Demokratie  
nicht vollkommen. Nötig sind mehr Zugänge, mehr Teilhabe, mehr  
Selbstwirksamkeit und mehr Repräsentanz, zum Beispiel für Men-  
schen in prekären Lebensverhältnissen, Menschen mit Migrationsge-  
schichte oder mit Behinderung. Eine gleichberechtigte Gesellschaft  
braucht Politik, die Strukturen verändert.  
Rassismus trifft uns nicht alle, aber er geht uns alle an. Wenn wir  
als Gesellschaft lernen, Vielfalt als kulturellen, gesellschaftlichen und  
wirtschaftlichen Reichtum zu begreifen, schützen wir uns gegensei-  
tig vor Gewalt, Hetze, Ausgrenzung, Frauenhass, Queerfeindlichkeit  
und Rassismus. Aber das reicht noch nicht. Wir wissen, dass aus dis-  
kriminierenden Worten Taten werden. Die Angriffe von Demokratie-  
feind\*innen, insbesondere von rechts, treffen unsere demokratische  
Gesellschaft bis ins Mark. Sie zielen auf Menschen beim Beten, beim  
ausgelassenen Beisammensein oder in den Institutionen des Staates.  
Ihnen muss mit einer antirassistischen und antifaschistischen Hal-  
tung klar entgegengetreten werden. Unsere Demokratie muss wehr-  
haft dagegenhalten, mit einer starken Zivilgesellschaft, selbstbewuss-  
ten Parlamenten, einer gut ausgestatteten und bürger\*innennahen  
Polizei und einer schnell handlungsfähigen, unabhängigen Justiz. Es  
ist Aufgabe der Politik, die Voraussetzungen dafür zu schaffen.  
Wie wir unser Zusammenleben gestalten, hängt stark vom Zusam-  
menspiel zwischen Bürger\*innen und dem Staat ab. Wenn Menschen  
beteiligt und gehört werden, geht Planung schneller. Wenn Jugend  
mitentscheidet, werden Entscheidungen besser und zukunftsfester.  
Wenn Gleichberechtigung und Vielfalt herrschen, werden sie ausge-  
wogener und nachhaltiger. Wir wollen deshalb mehr Möglichkeiten  
schaffen, damit Menschen sich einbringen können.  
Immer mehr Herausforderungen sind europäisch und global. Sie  
bewältigen wir nur in einer starken Europäischen Union, die Hand-  
lungswillen und Handlungsfähigkeit zusammenbringt und die von  
ihren Bürger\*innen aktiv und demokratisch mitgestaltet wird. Darum  
denken wir unsere Demokratie konsequent europäisch, wollen diese  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN162Kapitel 5  
Bereit, weil Ihr es seid.  
vertiefen und stärken, lähmende Blockaden strukturell überwinden –  
und so Zukunftsfragen beherzt angehen. Unser Fixstern für die Wei-  
terentwicklung der Europäischen Union ist die Föderale Europäische  
Republik mit einer europäischen Verfassung.  
Die Pandemie hat etliche Defizite bei ihrer Bekämpfung wie unter  
dem Brennglas offenbart: Faxgeräte im Dauerbetrieb, fehlendes Per-  
sonal und überbordende Bürokratie verhindern ein effektives staat-  
liches Handeln. Unser Ziel ist ein moderner, engagierter Staat, der mit  
einer effizienten, zugänglichen Verwaltung transparent, offen und in  
der Lage ist, Krisen effektiv zu managen, digitale Teilhabe zu sichern  
und es den Bürger\*innen insgesamt leicht macht, ihren Alltag zu  
bewältigen und ihre Rechte in Anspruch zu nehmen. Gewohnte Tradi-  
tionen und Prinzipien müssen überdacht werden, denn eine inklusive  
digitale Transformation und die Modernisierung von Verfahren sind  
zentrale Bausteine, um Demokratie, Teilhabe und Zusammenarbeit zu  
stärken. Um diese Aufgabe zu stemmen, ist eine bessere strukturelle  
Verankerung der Digitalisierung auf allen Verwaltungsebenen not-  
wendig. Wir wollen mit Anstand und Transparenz regieren. Gleich-  
berechtigung, Kooperation sowie der Zusammenhalt in Vielfalt sind  
Maßstäbe, um einen bürger\*innennahen Staat zu verwirklichen.  
Wir machen den Staat effektiver  
und bürger\*innennäher  
Planungs- und Investitionsbeschleunigung:  
bessere Qualität für schnellere Umsetzung  
Deutschland braucht im nächsten Jahr eine Modernisierungsoffen-  
sive. Die Schieneninfrastruktur, erneuerbare Energien und die Ener-  
gienetze müssen ausgebaut, Schulen, Straßen und Brücken saniert,  
digitale Infrastrukturen aufgebaut werden. Doch derzeit dauert es oft  
viel zu lange, solche Projekte zu realisieren, Investitionsmittel flie-  
ßen nicht ab. Das wollen wir ändern. Für eine Planungsbeschleuni-  
gung schaffen wir mehr öffentliche Planungskapazitäten. Wir starten  
auf allen Ebenen eine Personaloffensive in Planungsbehörden und  
zuständigen Gerichten. Verfahren werden durch die Bündelung von  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN163Kapitel 5  
Bundestagswahlprogramm 2021  
Genehmigungen verschlankt und die vorhandenen Ansätze von „kon-  
zentrierten Genehmigungen“ auf alle zentralen Infrastrukturprojekte  
ausgedehnt. Außerdem führen wir behördeninterne Fristen ein und  
achten bei allen Planungen auf Inklusion. Zudem soll der Bundestag  
mehr Verantwortung bei Infrastrukturprojekten übernehmen, wenn  
darüber Konfliktlösungen schneller erreicht werden können. Auch die  
frühzeitige Einbindung der Bürger\*innen vor Ort führt in der Regel  
dazu, dass Projekte schneller und besser abgeschlossen werden kön-  
nen. Ziel ist, alle Planungs- und Umsetzungszeiten zu halbieren.  
Digitale Ämter – serviceorientiert, schnell und zuvorkommend  
Jeden Tag verrichten gut ausgebildete Fachleute in den Behörden  
ihre Arbeit, um das Land am Laufen zu halten. Dennoch ist für viele  
Menschen der Kontakt zu deutschen Behörden unkomfortabel und  
unzeitgemäß. Ein Grund dafür sind unzureichende Technik und ver-  
altete und überkommene Abläufe. Mit barrierefreien E-Government-  
Dienstleistungen, sicheren digitalen Beteiligungsformaten und Open  
Government wollen wir unsere Verwaltung modernisieren und unnö-  
tige Bürokratie wie Schriftformerfordernisse abbauen. Verwaltungs-  
verfahren sollen stets digital gedacht und gestaltet werden, vor allem  
auch in der Zusammenarbeit mit Unternehmen. Gleichzeitig muss  
gewährleistet sein, dass die Türen des Staates auch für den persönli-  
chen Kontakt mit den Bürger\*innen geöffnet bleiben und durch mobile  
Angebote ergänzt werden. Die Nutzung der digitalen Verwaltungsleis-  
tungen soll über einen zentralen Zugang erfolgen. Der Austausch von  
Unterlagen unter den Behörden muss nach Zustimmung und unter  
Beachtung des Datenschutzes möglich sein. Damit die Verwaltung all  
dies leisten kann, muss sie selbst digitalisiert werden. Wir setzen uns  
gemeinsam mit den Ländern dafür ein, dass die Verwaltung flächen-  
deckend mit der modernsten Technik ausgestattet wird, vom Gesund-  
heits- bis zum Bürger\*innenamt. Digitalisierung wird das Verhältnis  
von Staat und Bürger\*innen auf eine neue Basis stellen. Wir verfolgen  
dabei die Vision eines digitalen, antragslosen und proaktiven Sozial-  
staats. In diesem werden Leistungen des Staates ohne komplizierte  
Anträge geprüft und automatisch den Berechtigten bereitgestellt.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN164Kapitel 5  
Bereit, weil Ihr es seid.  
Der Personalausweis auf dem Smartphone  
Wer mit einer digitalen Identität ausgestattet ist, kann sich bequem  
authentifizieren und sicher kommunizieren. Was in skandinavischen  
Ländern schon lange Praxis ist – Behördengänge einfach mit dem  
Smartphone erledigen zu können –, wollen wir auch hier erreichen  
und dabei auch von Anfang an Möglichkeiten für Staat, Wirtschaft  
und Gesellschaft ganzheitlich denken. Wir wollen digitale Service-  
angebote der Verwaltung als Plattform für Staat, Wirtschaft und  
Zivilgesellschaft begreifen und durch modulare sowie sichere Kom-  
ponenten einen Mehrwert für alle schaffen. Bestehende Systeme  
wollen wir zusätzlich öffnen und ermöglichen, dass öffentliche Stel-  
len auch Identitätsmerkmale bestätigen können. So wollen wir eine  
Identitätsinfrastruktur schaffen, die es natürlichen und juristischen  
Personen erlaubt, ihre digitale Identität mit Hilfe von Smartphones,  
Onlinediensten oder Ausweisdokumenten zu nutzen. Mit Offenheit  
und Technologieneutralität wollen wir EU-weit interoperable digi-  
tale Identitäten zu einer Basisinfrastruktur unseres digitalen Gemein-  
wesens machen. Für die Kommunikation mit der öffentlichen Hand  
wollen wir ein offenes System schaffen, das einen Ende-zu-Ende-ver-  
schlüsselten Austausch von Nachrichten ermöglicht. Bürger\*innen  
sollen einen Anspruch auf die digitale Zustellung von Behördendo-  
kumenten erhalten. Dabei benötigen Menschen, die nur analog unter-  
wegs sind, Unterstützung durch Weiterbildung und Hilfe. Jede Person  
soll mit einer kostenfreien digitalen Identität ausgestattet sein, um  
sich digital ausweisen und digital unterschreiben zu können. Ein sol-  
ches Smartphone-Wallet kann in allen Sektoren verwendet werden.  
Im Rahmen einer ganzheitlichen E-Government-Strategie wollen wir  
einen Mobilpass für unterschiedlichste Mobilitätsangebote, Service-  
angebote der Verwaltung, E-Health- und E-Justice-Infrastrukturen und  
auch digitale Beteiligungsformate ermöglichen. Gleichzeitig wollen  
wir die gesetzlichen Grundlagen dafür schaffen, dass auch die Wirt-  
schaft branchenübergreifend dieses Verfahren nutzen kann, etwa  
für sichere Loginverfahren, Finanz- und Versicherungsdienstleistun-  
gen oder durch digitale Vollmachten erlaubte Zugriffe auf öffentli-  
che Register, etwa zur Verifikation von Führerscheinen. Die EU und  
Deutschland müssen bei hoheitlichen digitalen Identitäten Vorreiter  
sein und Vertrauen durch Souveränität schaffen.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN165Kapitel 5  
Bundestagswahlprogramm 2021  
Transparenzgesetz für Open Data  
Der Zugang zu staatlichen Datenbeständen ermöglicht innovative,  
elektronische Dienstleistungen sowie neue demokratische Beteili-  
gungsmöglichkeiten. Auch für neue technologische Anwendungen ist  
der geregelte Zugang zu offenen Daten aus staatlichen Beständen  
wichtig. Durch die Vorlage eines Bundestransparenzgesetzes werden  
wir staatliche Datenbestände der Allgemeinheit nach den Prinzipien  
der Open Data zur Verfügung stellen. So heben wir den Schatz von  
mit öffentlichen Mitteln erwirtschafteten, nicht personenbeziehba-  
ren Daten. Das bestehende Datenportal GovData wollen wir zu einem  
zentralen und nutzerfreundlichen Open- und E-Government-Portal  
ausbauen. Zur Sicherung umfassender, gleichberechtigter Teilhabe  
und einer souveränen Verwaltung wollen wir, wo immer dies möglich  
ist, offene Standards, Schnittstellen und Software nutzen, die entste-  
hende Software unter freier Lizenz veröffentlichen und werden sie  
als Standard in die Vergabe- und Vertragsordnungen für öffentliche  
Gelder aufnehmen.  
Erneuerung braucht gute Daten  
Auch die Corona-Krise hat wieder einmal gezeigt, dass Deutschland  
bei der Verfügbarkeit von Daten weit hinter vergleichbaren Ländern  
zurückliegt. Während in den USA viele Daten quasi in Echtzeit vor-  
lagen und politische Maßnahmen zeitnah evaluiert werden konnten,  
fehlen bei uns hinreichende und schnell verfügbare Daten. Wir wollen  
das ändern und zeitnah Daten der Forschung, den politischen Ent-  
scheidungsträger\*innen und der Zivilgesellschaft zur Verfügung stel-  
len. Wir richten ein öffentliches Dateninstitut mit einem gesetzlichen  
Forschungsauftrag ein, um Grundsatzfragen zur besseren Verfügbar-  
machung oder Anonymisierung von Daten zu behandeln und die Ver-  
netzung, Entwicklung von Standards und Lizenzmodellen voranzu-  
treiben. Ziel ist es, die Forschung in dem Bereich zu verbreitern, neue  
Ansätze zu testen, den Austausch zwischen verschiedenen Projekten  
zu befördern und beratend bei der Zusammenführung von Daten zu  
unterstützen, damit soll auch Missbrauch verhindert und Schlichtun-  
gen sollen begleitet werden. Es braucht einen Paradigmenwechsel  
hin zu gemeinsamen Standards statt abgeschotteter Datensilos und  
Bundestagswahlprogramm 2021  
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Bereit, weil Ihr es seid.  
zum Beispiel die Möglichkeit, über Datentreuhandmodelle einfaches  
und datenschutzfreundliches Datenteilen zu ermöglichen. Das Statis-  
tische Bundesamt stärken wir ebenfalls, um die Datenverfügbarkeit  
für Politik, Öffentlichkeit und die Forschung zu verbessern und die  
Daten zeitnäher zur Verfügung zu stellen.  
Klimaneutrale Bundesverwaltung  
Klimaschutz braucht Vorreiter und Vorbilder. Wir wollen, dass die Bun-  
desverwaltung endlich beides wird. Die Bundesverwaltung muss kli-  
maneutral werden. Das umfasst sowohl die Versorgung mit Ökostrom  
und den Fuhrpark der Bundesbehörden als auch die Gebäude des  
Bundes, die mit erneuerbaren Heiz- und Kühlsystemen ausgestattet  
und umfassend energetisch modernisiert werden. Mit der Einführung  
eines Solarstandards über Neubauten hinaus werden die Dächer der  
Bundesbehörden zu Kraftwerken. Bei Dienstreisen sind Flugreisen auf  
ein Minimum zu begrenzen. Zudem sorgen wir dafür, dass der Bund  
seine Beschaffung und seine Förderkriterien an der Einhaltung von  
ökologischen, Menschenrechts- und sozialen Standards orientiert. Bei  
der Ausschreibung und Förderung von öffentlichen Vorhaben wollen  
wir bei der Wirtschaftlichkeitsberechnung einen CO2-Schattenpreis  
zugrunde legen. So geht die Politik mit gutem Beispiel voran.  
Der lernende Staat  
Corona- und Klimakrise führen uns vor Augen, mit welch großen Her-  
ausforderungen Regierung und Verwaltung heute umgehen müssen.  
Wir wollen, dass die öffentliche Verwaltung in die Lage versetzt wird,  
vorausschauend zu handeln und sich zugleich zügig und konsequent  
an ihre jeweiligen Aufgaben anpassen zu können. Dafür braucht es  
eine Kultur behördlicher Zusammenarbeit sowie der Ermöglichung  
innovativer Ansätze. Innovationseinheiten und agile Projektteams in  
den Behörden sollen diesen Kulturwandel befördern und zugleich für  
Zusammenarbeit über alle Ebenen hinweg sorgen. Flexible Arbeits-  
zeiten und eine positive Fehlerkultur stärken die Akzeptanz neuer  
Verhaltensmuster. Die Behörden sollen eng und transparent mit Wis-  
senschaften, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zusammenarbeiten, sich  
untereinander vernetzen sowie neue Ideen testen. Künstler\*innen und  
Bundestagswahlprogramm 2021  
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Bundestagswahlprogramm 2021  
andere Kreative sollen als Ideen- und Impulsgeber\*innen in Transfor-  
mationsprozesse einbezogen werden. Mitarbeitende und Beamt\*in-  
nen der öffentlichen Verwaltung sollen außerdem in ihrer Expertise  
und Kreativität, etwa durch Fortbildungen, gefördert und gestärkt  
werden. Wir setzen uns zudem für mehr Kooperation der Ministerien  
bei der Verfolgung gemeinsamer Ziele ein.  
Justiz entlasten und digitalisieren  
Gerichte und Strafverfolgungsbehörden haben mit einer hohen  
Arbeitsbelastung zu kämpfen. Verfahren dauern zu lang. Hier braucht  
es dringend Entlastung durch mehr Personal, durch außergerichtli-  
che Streitbeilegung, durch die Entkriminalisierung von Bagatellde-  
likten und durch eine flächendeckende Ausstattung der Justiz mit der  
nötigen Technik. Wir wollen grundsätzlich die Justiz serviceorientier-  
ter gestalten und hierzu neue Wege suchen. Die Digitalisierung der  
Justiz wie auch ihren Personalbedarf werden wir durch einen Bund-  
Länder-Digitalpakt Justiz in Fortsetzung und Konkretisierung des  
Ende 2021 auslaufenden Pakts für den Rechtsstaat mit ausreichen-  
der Finanzierung umsetzen. Polizei und Staatsanwaltschaft müssen  
digital zusammenarbeiten können, wozu es einheitliche Programme  
und zureichende Bandbreiten braucht. Wir fördern und vereinfachen  
die elektronische Kommunikation zwischen Bürger\*innen und Justiz.  
Dazu gehört der leichte Zugang zum Recht durch schnelle Online-  
Verfahren für einfache Rechtssachen und zu stärkenden konsensualen  
Verfahren der Streitbeilegung. Wir wollen das externe ministerielle  
Einzelfallweisungsrecht gegenüber der Staatsanwaltschaft beschrän-  
ken und transparent machen und den Ländern ermöglichen, Modelle  
der gerichtlichen Selbstverwaltung zu erproben.  
Den öffentlichen Dienst stärken und modernisieren  
Der öffentliche Dienst, die Millionen Menschen, die in Verwaltun-  
gen, Ministerien und Behörden arbeiten, sind ein Rückgrat unserer  
Demokratie und das Fundament unseres Gemeinwesens. Doch in den  
letzten Jahrzehnten wurde zu oft am öffentlichen Dienst gespart und  
gekürzt – die Konsequenzen spüren wir heute alle. Damit unser Staat  
mit den großen Herausforderungen Schritt halten kann, müssen die  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN168Kapitel 5  
Bereit, weil Ihr es seid.  
Mitarbeiter\*innen unseres Gemeinwesens dazu in die Lage versetzt  
werden. Wir wollen deshalb den öffentlichen Dienst wieder stärken  
und ihn zugleich modernisieren. Mehr Stellen, gerade im IT- und Pla-  
nungsbereich, gute Bezahlung, flexible Laufbahnen, mehr Durchläs-  
sigkeit machen den öffentlichen Dienst fit für das 21. Jahrhundert.  
Dazu starten wir eine große Fortbildungsoffensive für die öffentliche  
Verwaltung und werden die Digitalisierung zum Schwerpunkt einer  
jeden Verwaltungsausbildung machen.  
Vielfalt in der Verwaltung  
Die Vielfalt der Gesellschaft muss sich auch in ihrer Verwaltung  
widerspiegeln. Das stärkt die staatlichen Institutionen und trägt zu  
Vertrauen und Bürger\*innennähe bei. Eine diverse und diskriminie-  
rungskritische Verwaltung entsteht aber nicht von selbst, sondern  
benötigt Mittel, Strukturen und gezielte Förderung. Im Bereich des  
öffentlichen Dienstes und der Unternehmen mit Bundesbeteiligung  
hat der Staat die Möglichkeit, als gutes Beispiel in Sachen Vielfalt  
voranzugehen und ein Diversity-Mainstreaming in der gesamten Ver-  
waltung einzuführen. Dazu gehört beispielsweise, Mehrsprachigkeit  
in der Verwaltung zu fördern und bei der Einstellungs- und Beförde-  
rungspraxis nicht nur die Gleichstellung der Geschlechter, sondern  
auch die gesellschaftliche Vielfalt zu beachten, diskriminierungs-  
kritische Organisationsentwicklungen in öffentlichen Behörden und  
Unternehmen durchzuführen und in den Unternehmensleitbildern  
das Ziel der Gleichberechtigung und der Repräsentanz diskriminier-  
ter Gruppen zu verankern sowie diversitätssensible Weiterbildungen  
anzubieten. Ganz besonders gilt dies für die im Bewerbungsprozess  
besonders relevanten Einheiten wie die Personalabteilung oder Ein-  
stellungskommissionen, die so weit wie möglich geschlechtergerecht  
und vielfältig zu besetzen sind. Wir werden verbindliche Zielvorgaben  
zur Erhöhung des Anteils von Menschen mit Migrationshintergrund  
auf allen Ebenen einführen. Das Diversity Budgeting, also den Einsatz  
und die Evaluierung von Haushaltsmitteln in einer Vielfalt besonders  
fördernden Weise, wollen wir voranbringen.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN169Kapitel 5  
Bundestagswahlprogramm 2021  
Wir treten ein für Vielfalt,  
Anerkennung und gleiche Rechte  
Einheit in Vielfalt  
Wir alle sind unterschiedlich, aber an Rechten und Würde gleich.  
Zusammenhalt in Vielfalt setzt voraus, respektiert, anerkannt und  
gehört zu werden, mitgestalten und teilhaben zu können, ohne Angst  
frei zu leben und sich als Gleichberechtigte zu begegnen, das Gemein-  
same neben den Unterschieden zu sehen. Deshalb werden wir das  
Leitbild „Einheit in Vielfalt“ zur Gestaltung einer rassismuskritischen  
und chancengerechten Einwanderungsgesellschaft gesetzlich veran-  
kern. Damit die Perspektive und Expertise derjenigen, die von Diskri-  
minierung und struktureller Benachteiligung betroffen sind, gehört  
werden, sie als Gleichberechtigte die Möglichkeit zur vollen Teilhabe  
erhalten, wollen wir einen Partizipationsrat, ähnlich dem Deutschen  
Ethikrat, als ein gesetzlich verankertes und unabhängiges Gremium  
einführen, mit Vertreter\*innen aus der (post-)migrantischen Zivilge-  
sellschaft, Wissenschaft und Forschung, die die unterschiedlichen  
Dimensionen von Vielfalt abbilden. Um Diskriminierung systematisch  
abzubauen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu fördern,  
wollen wir die Themen und Zuständigkeiten, die Gleichberechtigung  
und Teilhabe an der offenen und vielfältigen Gesellschaft betreffen,  
bei einem Ministerium bündeln. Dazu werden wir die Aufgaben zur  
Einwanderungsgesellschaft aus dem Innenministerium herauslösen.  
Für mehr Repräsentanz und Teilhabe werden wir ein Bundesparti-  
zipations- und Teilhabegesetz vorlegen und das Bundesgremien-  
besetzungsgesetz reformieren. Staatliches Handeln soll auf unsere  
vielfältige Gesellschaft ausgerichtet sein und Gleichberechtigung  
sicherstellen. Wer hier dauerhaft seinen Lebensmittelpunkt hat, muss  
die Möglichkeit haben, an Wahlen, Abstimmungen und allen anderen  
demokratischen Prozessen gleichberechtigt teilzunehmen, in einem  
ersten Schritt wollen wir das kommunale Wahlrecht für Drittstaats-  
angehörige einführen.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN170Kapitel 5  
Bereit, weil Ihr es seid.  
Konsequent gegen Rassismus  
Rassismus ist Realität im Alltag, auf der Straße, im Netz, in Institu-  
tionen. Er betrifft nicht alle von uns gleichermaßen, aber er geht uns  
alle gleichermaßen an. Der Kampf gegen Rassismus und seine unter-  
schiedlichen Formen, wie zum Beispiel anti-Schwarzer und anti-asia-  
tischer Rassismus, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe mit dem  
Ziel der Stärkung der individuellen Rechte aller Menschen. Rassismus  
und alle Formen von Diskriminierungen stellen nicht nur eine große  
Gefahr für die betroffenen Menschen dar, sondern bedrohen auch das  
gleichberechtigte und friedliche Zusammenleben sowie die Sicher-  
heit in Deutschland. Wir wollen den Schutz vor und die Beseitigung  
von Diskriminierungen, strukturellem und institutionellem Rassismus  
mit einem staatlichen Gewährleistungsanspruch in der Verfassung  
verankern, ergänzend zur überfälligen Ersetzung des Begriffs „Rasse“.  
Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) soll zur obersten  
Bundesbehörde aufgewertet werden – mit mehr Personal, Budget und  
Kompetenzen. Ihre Leitung soll als Antidiskriminierungsbeauftragte\*r  
vom Deutschen Bundestag gewählt werden. Das Allgemeine Gleich-  
behandlungsgesetz wollen wir zu einem echten Bundesantidiskrimi-  
nierungsgesetz weiterentwickeln, das Schutzlücken endlich schließt,  
Klagen gegen Diskriminierung für Betroffene vereinfacht und ein  
umfassendes Verbandsklagerecht einschließt, damit gegen Diskrimi-  
nierung strukturell und nachhaltig vorgegangen werden kann. Das  
Netz zivilgesellschaftlicher Beratungsstellen soll flächendeckend aus-  
gebaut und so finanziert werden, dass diese planungssicher und kon-  
tinuierlich ihrer Aufgabe nachkommen können. In den staatlichen Ins-  
titutionen sollen Anlauf- und Beschwerdestellen geschaffen werden.  
Das Empowerment von Menschen, die von Diskriminierung betrof-  
fen sind, wollen wir fördern. Die Black-Lives-Matter-Proteste haben  
deutlich gemacht, dass Rassismus gegen Schwarze Menschen auch  
in Deutschland umfassend bekämpft werden muss. Deshalb wollen  
wir die UN-Dekade für Menschen afrikanischer Herkunft vorantreiben.  
Straftaten gegen Schwarze Menschen sollen in Verfassungsschutzbe-  
richten explizit ausgewiesen werden. Außerdem setzen wir uns dafür  
ein, dass anti-asiatischer Rassismus im Nationalen Aktionsplan gegen  
Rassismus benannt wird. Wir werden die unabhängige Forschung zu  
Postkolonialismus, Diskriminierung und Rassismus ausbauen, regel-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN171Kapitel 5  
Bundestagswahlprogramm 2021  
mäßig Antidiskriminierungs- und Gleichstellungsdaten erheben und  
wissenschaftliche Studien in Bezug auf staatliche Institutionen und  
Wirksamkeit von Antidiskriminierungsmaßnahmen durchführen. Anti-  
rassismus, Antidiskriminierung und Postkolonialismus wollen wir in  
der Lehrer\*innenausbildung und in den Lehrplänen verankern.  
Stärkung und Sicherheit für Jüdinnen und Juden in Deutschland  
Jüdisches Leben in seiner Vielfalt in Deutschland werden wir konse-  
quent fördern und sichtbar machen. Wir unterstützen Projekte und  
Initiativen, die sowohl jüdisch-säkulares als auch jüdisch-religiö-  
ses Leben, jüdische Kultur und jüdische Bildung stärken. Wir wollen  
politische und kulturelle Bildungsangebote für alle Bürger\*innen  
zugänglich machen, um Wissen über das jüdische Leben allgemein  
sowie Kontakte und Erfahrungen mit jüdischen Menschen und Ein-  
richtungen in Deutschland zu vermitteln. Jüdische Menschen in  
Deutschland müssen sich sicher fühlen können. Ihre Sicherheit und  
der Schutz jüdischer Einrichtungen und Gemeinden muss umfas-  
send sein. Antisemitische Anschläge in der Gegenwart, allen voran  
der Anschlag von Halle im Jahr 2019, erinnern uns daran, wie stark  
weiterhin Judenfeindlichkeit und Judenhass sowie Unwissenheit über  
die Realität jüdischen Lebens in Deutschland verbreitet sind. Es ist  
unsere gemeinsame Verantwortung, Antisemitismus, antisemitischen  
Hassreden – auch im Alltag und egal aus welchen Motiven – mit aller  
Entschlossenheit entgegenzutreten. Dafür braucht es bessere Analy-  
sekapazitäten und eine entschlossene Ahndung und Dokumentation  
antisemitischer Vorfälle. Antisemitische Narrative, israelbezogener  
Antisemitismus und verschwörungsideologische Erzählungen – auch  
im Zusammenhang mit Demonstrationen von Pandemieleugner\*in-  
nen – müssen an unterschiedlichsten Orten präventiv adressiert wer-  
den, auch und gerade im digitalen Raum. Dafür bedarf es konkreter  
Sensibilisierungs- und Präventionsprojekte in Vereinen und zivilge-  
sellschaftlichen Organisationen, für die wir eine Regelfinanzierung  
wollen. Die Prävention von und Auseinandersetzung mit Antisemitis-  
mus soll auch abseits des Geschichtsunterrichts als Leitperspektive  
in den Lehrplänen verankert werden. Fortbildungen, allen voran der  
Mitarbeiter\*innen von Sicherheits- und Strafverfolgungsbehörden  
sowie der Gerichte, wollen wir gezielt ausbauen. Es braucht Leitli-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN172Kapitel 5  
Bereit, weil Ihr es seid.  
nien für einen effektiven Schutz jüdischer Einrichtungen, bei deren  
Entwicklung die jüdischen Gemeinden einbezogen werden müssen.  
Wir wollen die soziale Absicherung der älteren jüdischen Generation  
in Deutschland stärken, meist Holocaustüberlebende und ihre Nach-  
kommen, viele aus der ehemaligen Sowjetunion. Sie müssen bei der  
Rente mit den eingewanderten (Spät-)Aussiedler\*innen aus den Staa-  
ten der ehemaligen Sowjetunion gleichgestellt werden.  
Muslim\*innen schützen und stärken  
Muslimisches Leben in seiner ganzen Vielfalt gehört in Deutschland  
zu unserer gesellschaftlichen Realität. Gleichzeitig sind Muslim\*innen  
besonders von struktureller Diskriminierung sowie von gewalttätigen  
Übergriffen betroffen. Die fortdauernden Bedrohungen muslimischer  
Einrichtungen zeigen, wie dringend nötig Präventionsprogramme  
sowie umfassende Schutzkonzepte für als muslimisch gelesene Per-  
sonen und Räume sind. Opfer müssen geschützt, beraten und gestärkt,  
die Ursachen verstärkt in den Blick genommen werden. Der Staat darf  
keine Religion diskriminieren oder ungerechtfertigt bevorzugen. Die  
heterogene und von Muslim\*innen als Stärke wahrgenommene Struk-  
tur des Islams, die weder eine religiös noch strukturell verankerte Hie-  
rarchie kennt, darf ihnen von Seiten des Gesetzgebers deshalb nicht  
zum Nachteil gereichen. Tatsächliche Gleichstellung setzt rechtliche  
Gleichstellung voraus. Wir unterstützen daher Staatsverträge mit isla-  
mischen Religionsgemeinschaften, die in keiner strukturellen Abhän-  
gigkeit zu einem Staat, einer Partei oder politischen Bewegung und  
dessen oder deren jeweiliger Regierungspolitik stehen und sich reli-  
giös selbst bestimmen. Wir wollen auch progressive, liberale musli-  
mische Vertretungen einbinden, die für Werte wie Gleichberechtigung  
der Geschlechter, LSBTIQ\*-Rechte und Feminismus einstehen und  
einen lebendigen Glauben innerhalb des islamischen Religionsspek-  
trums praktizieren. Auch zeigen wir uns solidarisch mit Kritiker\*innen  
von fundamentalistisch-politischen Kräften, wenn sie massiv bedroht  
werden. Für die eigenständige und selbstbewusste Religionsausübung  
von Muslim\*innen ist eine Imam\*innen-Ausbildung in Deutschland  
dringend notwendig. Dafür wollen wir islamisch-theologische und  
praxisorientierte Aus- und Weiterbildungsprogramme für Imam\*innen  
und islamische Religionsbedienstete in Kooperation mit den Institu-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN173Kapitel 5  
Bundestagswahlprogramm 2021  
ten für islamische Theologie bundesweit etablieren und unterstützen.  
Langfristig geht es darum, den Bedarf der muslimischen Gemeinden  
an religiösem Personal durch in Deutschland ausgebildete Personen  
zu decken.  
Antiziganismus entschlossen bekämpfen  
Immer noch werden Menschen mit Romani-Hintergrund in Europa  
und Deutschland aufgrund eines tiefsitzenden Rassismus diskrimi-  
niert, der bis in die Mitte der Gesellschaft reicht. Immer noch wer-  
den Angehörige der größten Minderheit in der Europäischen Union  
beim Zugang zu Bildung, Gesundheit, Wohnen und Arbeit benachtei-  
ligt. Wir wollen deshalb die neue EU-Roma-Rahmenstrategie (Post-  
2020\) umsetzen und die ambitionierten Inklusionsziele der EU errei-  
chen. Dafür braucht es eine mit ausreichend finanziellen Mitteln und  
Befugnissen ausgestattete „Nationale Koordinierungsstelle“, die die  
Umsetzung und das Monitoring der deutschen Strategie in Abstim-  
mung mit den Bundesländern, Verwaltungen und Selbstorganisatio-  
nen übernimmt. Minderheitenrechte wie der Erhalt von Sprache, der  
Geschichte und Kulturen von Sinti\*zze und Rom\*nja müssen gewähr-  
leistet werden. Wir wollen eine unabhängige, zivilgesellschaftliche  
Monitoring- und Informationsstelle zur Dokumentation und Aufarbei-  
tung rassistischer Vorfälle und zur Unterstützung der Betroffenen ein-  
richten sowie die Empfehlungen der unabhängigen Expertenkommis-  
sion Antiziganismus prüfen und umsetzen. Wir werden die Einrichtung  
eines Studierendenwerks für Sinti\*zze und Rom\*nja vorantreiben und  
setzen uns für ein Museum der Geschichte und Kulturen der Sinti\*zze  
und Rom\*nja in Deutschland ein. Noch immer werden Rom\*nja aus  
Deutschland abgeschoben, selbst wenn sie seit Jahrzehnten hier leben  
und in ihren Herkunftsländern Diskriminierung erleiden. Deshalb soll  
die Situation von Rom\*nja in ihren Herkunftsländern in Asylverfahren  
und bei der Prüfung asylunabhängiger Bleiberechte stärkere Berück-  
sichtigung finden.  
Für eine inklusive und barrierefreie Gesellschaft  
Wir treten für eine inklusive Gesellschaft gemäß der UN-Behinderten-  
rechtskonvention ein, in der Menschen mit Behinderung ihre Fähig-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN174Kapitel 5  
Bereit, weil Ihr es seid.  
keiten und Talente selbst einbringen können. Stufen, zu enge Türen  
oder schwer lesbare Webseiten – in unserem Alltag gibt es viele  
unterschiedliche Dinge, die für Menschen mit Behinderung, aber auch  
für ältere Menschen, Eltern mit Kinderwagen oder Verletzte mit Gips-  
bein eine Barriere darstellen. Es ist mühsam, manchmal unmöglich,  
Angebote zu nutzen, die für andere selbstverständlich sind. Wir wol-  
len Barrierefreiheit schaffen, damit Menschen mit unterschiedlichen  
Behinderungen, auch psychischen Erkrankungen, gleichberechtigt  
am öffentlichen Leben teilhaben und selbstbestimmt, gemeinsam  
mit nichtbehinderten Menschen leben, lernen und arbeiten können.  
Das wollen wir mit einem „Barrierefreiheits-Gesetz“ erreichen, das  
private wie öffentliche Anbieter\*innen öffentlich zugänglicher Ange-  
bote und Dienstleistungen zu umfassender Barrierefreiheit und den  
Bund innerhalb von zehn Jahren zur Herstellung der Barrierefreiheit  
seiner Gebäude verpflichtet. Kleine Unternehmen werden durch eine  
Überforderungsklausel geschützt, aber zu angemessenen Vorkehrun-  
gen verpflichtet. Durch eine Erhöhung der Bundesförderung soll der  
Anteil barrierefreier Wohnungen deutlich erhöht werden. Um selbst-  
bestimmte Mobilität und selbstbestimmtes Wohnen zu ermöglichen,  
wollen wir außerdem die Städtebauförderung für inklusive Stadtquar-  
tiere stärken und die soziale Wohnraumförderung an Barrierefreiheit  
binden. Im ÖPNV, den alle Menschen mit Schwerbehinderung kosten-  
frei nutzen sollen können, in öffentlichen Einrichtungen, Ladenge-  
schäften, Gewerbe- und Bürogebäuden soll Barrierefreiheit zum Stan-  
dard werden. Die Verbrechen der deutschen Geschichte gegenüber  
Menschen mit Behinderung wollen wir weiter aufarbeiten und die  
Opfer angemessen entschädigen.  
Verhältnis Staat und Kirchen weiterentwickeln  
Die christlichen Kirchen und Gemeinden sind wichtige Akteur\*innen  
der Zivilgesellschaft. Sie verleihen unserer Gesellschaft vielfältige  
Impulse und leisten einen Beitrag für den gesellschaftlichen Zusam-  
menhalt. Für die Arbeit mit Pflegebedürftigen, Menschen mit Behin-  
derungen und Kindern sind auch die kirchlichen Träger von großer  
Bedeutung. Ihre tatkräftige Unterstützung, wenn es um Seenotrettung  
und die Integration von Geflüchteten geht, ist ein wichtiger gesell-  
schaftlicher Beitrag. Das Grundrecht auf Religions-, Gewissens- und  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN175Kapitel 5  
Bundestagswahlprogramm 2021  
Weltanschauungsfreiheit wollen wir, auch weltweit, weiter stärken  
und religiös oder weltanschaulich Verfolgte schützen. Wir wahren das  
Selbstbestimmungsrecht der Religionsgemeinschaften, suchen die  
Kooperation und den Dialog mit allen Religions- und Weltanschau-  
ungsgemeinschaften, die das Grundgesetz achten, und stehen dabei  
stets zum säkularen Staat und seinem Neutralitätsprinzip. Auch Kon-  
fessionsfreie haben einen Anspruch auf umfassende Berücksichtigung  
ihrer Belange und auf gleichberechtigte Teilhabe. Die gewachsene  
Beziehung zwischen Staat und den christlichen Kirchen wollen wir  
erhalten und wo nötig der gesellschaftlichen Realität anpassen. So  
wollen wir, dass beispielsweise das kirchliche Arbeitsrecht reformiert  
und die gewerkschaftliche Mitbestimmung gefördert wird sowie die  
Ausnahmeklauseln für die Kirchen im Betriebsverfassungsgesetz und  
im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz aufgehoben werden. Der  
religiöse Verkündigungsbereich bleibt hiervon unberührt. Die vielen  
Gläubigen, die sich für eine notwendige Modernisierung der christ-  
lichen Kirchen einsetzen und auf eine lückenlose Aufklärung der  
Fälle sexualisierter Gewalt dringen, unterstützen wir. Die Vollendung  
des Verfassungsauftrags zur Ablösung der Staatsleistungen werden  
wir umsetzen. Den § 166 des Strafgesetzbuchs („Beschimpfung von  
Bekenntnissen, Religionsgesellschaften und Weltanschauungsver-  
einigungen“) wollen wir streichen sowie uns für eine unabhängige  
wissenschaftliche Einrichtung zur Erforschung der religiösen und  
weltanschaulichen Landschaft einsetzen.  
Wir erneuern das demokratische Fundament  
Für eine transparentere Politik  
Demokratie lebt vom Vertrauen der Bürger\*innen, jeder Anschein käuf-  
licher Politik richtet Schaden an. Wir wollen das Vertrauen in demo-  
kratische Institutionen und Mandatsträger\*innen stärken und das Pri-  
mat der Politik gegenüber intransparenter Einflussnahme schützen.  
Wir sind überzeugt: Transparente und nachvollziehbare Politik stärkt  
das Gemeinwohl. Deshalb wollen wir Lobbyismus transparenter und  
den Einfluss organisierter Interessensgruppen und von Lobbyist\*in-  
nen sichtbar machen. Das Lobbyregister wollen wir für Bundesregie-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN176Kapitel 5  
Bereit, weil Ihr es seid.  
rung, Bundesministerien und Bundestag nachschärfen und die vie-  
len Ausnahmen für maßgebliche Akteur\*innen abschaffen. Mit dem  
legislativen Fußabdruck schaffen wir Klarheit, wer bei der Entstehung  
von Gesetzen Einfluss nimmt. Interessenskonflikte wollen wir stärker  
in den Blick nehmen und den Wechsel aus Regierungsämtern in die  
Wirtschaft während einer Karenzzeit von zwei Jahren prüfen lassen.  
Für Abgeordnete ist das freie Mandat der Mittelpunkt ihrer Tätigkeit.  
In Zukunft werden Einkünfte aus Nebentätigkeiten auf Euro und Cent  
veröffentlicht, für Unternehmensbeteiligungen und Aktienoptionen  
gibt es striktere Regeln und Spenden an Abgeordnete und die Lob-  
bytätigkeit für Abgeordnete werden verboten. Die Anwendung dieser  
Maßnahmen soll evaluiert werden. Für Nebenverdienste von Abge-  
ordneten wollen wir zudem eine verpflichtende Angabe der Branche.  
Unabhängige Kontrolle stärkt die Transparenz und Integrität. Zur wir-  
kungsvollen Bekämpfung von Korruptionsfällen braucht es eine Neu-  
fassung des Straftatbestandes der Abgeordnetenbestechung und eine  
Überarbeitung der Beweisanforderungen. Spenden an Parteien müs-  
sen transparenter gemacht werden. Deshalb wollen wir striktere Ver-  
öffentlichungsregeln. Parteispenden sollen auf natürliche Personen  
beschränkt und auf einen jährlichen Höchstbetrag von 100.000 Euro  
je Spender\*in gedeckelt werden. Schon ab 5.000 Euro sollen Spen-  
den im Rechenschaftsbericht genannt werden, ab 25.000 Euro soll  
die Pflicht zur sofortigen Veröffentlichung greifen. Solange es keine  
gesetzliche Regelung gibt, wenden wir die über das Parteiengesetz  
hinausgehenden Regelungen unseres Spendenkodex an. Für das Par-  
teiensponsoring wollen wir endlich eine gesetzliche Regelung und  
eine Veröffentlichung ab dem ersten Euro und eine jährliche Höchst-  
grenze je Sponsor\*in einführen. Das Parteiengesetz und die unab-  
hängige Kontrolle werden wir stärken, damit verdeckte Wahlkampf-  
finanzierung besser bekämpft werden kann. Politische Werbung und  
Kampagnen im Netz müssen transparenter werden – solange es keine  
verpflichtenden Regulierungen gibt, gehen wir mit unserer Selbstver-  
pflichtung voran.  
Parlament stärken, Wahlrecht reformieren  
Der Bundestag ist der zentrale Ort für öffentliche Debatten, Rede und  
Gegenrede und Entscheidungen unserer Demokratie. Für gute Gesetz-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN177Kapitel 5  
Bundestagswahlprogramm 2021  
gebung braucht es ausreichende Beratung und eine Stärkung der  
Kontrollrechte des Parlaments. Wir wollen die Rolle des Bundestages  
bei der Gesetzgebung ausbauen. Seine Arbeitsfähigkeit ist zu garan-  
tieren und zu stärken. Deshalb setzen wir uns für eine Wahlrechtsre-  
form ein, die das Parlament deutlich verkleinert, unter anderem durch  
die Reduzierung von Wahlkreisen, die außerdem fair und verfassungs-  
gemäß ist, und bei der jede Stimme gleich viel wert ist. Im Rahmen  
dieser Reform sollten unter anderem die Verlängerung der Legislatur-  
periode und die Amtszeitbegrenzung für das Amt der Bundeskanzle-  
rin oder des Bundeskanzlers geprüft werden. Die Sitzungen der Fach-  
ausschüsse sollen in der Regel öffentlich stattfinden und gestreamt  
werden. Die Abgeordneten sollen in ihren Kontrollrechten gegenüber  
der Regierung mit einem Akteneinsichtsrecht gestärkt werden. Kom-  
plexe Gesetzgebungsverfahren wollen wir verständlicher machen,  
indem Textgegenüberstellungen der Gesetzesänderungen öffentlich  
gemacht werden.  
Macht fair teilen, auch in den Parlamenten  
Es ist höchste Zeit für eine faire Verteilung von Macht. Unsere reprä-  
sentative Demokratie muss diverser werden, unsere Parlamente brau-  
chen die Vielfalt der Herkunft und Lebenswege, die Debatten brauchen  
die Perspektiven, die daraus entstehen. Wir werden Hürden abbauen  
damit auch queere Menschen, Nicht-Akademiker\*innen, Menschen  
mit Behinderung und Menschen mit Migrationsgeschichte gleichbe-  
rechtigt und selbstverständlich vertreten sind. Macht fair teilen heißt  
auch, dass es dringend mehr Frauen in den Parlamenten und Kommu-  
nalvertretungen braucht, denn sie stellen 51 Prozent der Wahlberech-  
tigten. Gleichberechtigung von Frauen ist ein historischer und ver-  
fassungsrechtlicher Auftrag für uns alle und soll sich bereits bei den  
Nominierungsverfahren niederschlagen. Dass Parität per Gesetz wirk-  
sam und angemessen ist, zeigen Beispiele aus dem europäischen Aus-  
land. Dass verfassungsrechtlich hohe Hürden bestehen, haben Urteile  
von Verfassungsgerichten aus zwei Bundesländern aufgezeigt. Diese  
Hürden gilt es abzubauen, um rechtlich gute Lösungen zu finden. Wir  
setzen uns daher auch im Bund für ein Paritätsgesetz ein und werden  
entsprechende Gesetzesänderungen auf den Weg bringen. Um Frauen  
das politische Engagement zu erleichtern, braucht es auch Maßnah-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN178Kapitel 5  
Bereit, weil Ihr es seid.  
men und Angebote, die Frauen den Einstieg in und die Gestaltung von  
Politik erleichtern.  
Jugendwahlrecht  
Demokratie lebt von der Gestaltung und dem Engagement aller Bür-  
ger\*innen, vom Kindes- bis ins hohe Alter. Viele politische Entschei-  
dungen von heute sind entscheidend für die Zukunft junger Men-  
schen, und viele junge Menschen übernehmen früh Verantwortung  
für die Gesellschaft. Wenn Jugendliche in ihrem Lebensalltag demo-  
kratische Erfahrungen machen und ihre Rechte wahrnehmen können,  
stärkt das die Demokratie und macht sie zukunftssicherer. Um mög-  
lichst breite Bündnisse für eine verfassungsändernde Wahlalterab-  
senkung schmieden zu können, wollen wir das Wahlalter für Bundes-  
tags- und Europawahlen in der kommenden Legislaturperiode auf 16  
Jahre absenken. Auf Basis einer Evaluation des Wahlalters 16 wollen  
wir das Wahlalter ggf. weiter absenken.  
Bürger\*innenräte für mehr Beteiligung  
Direkte Beteiligungsmöglichkeiten bereichern die Demokratie und  
stärken die Repräsentanz. Mit Bürger\*innenräten schaffen wir die  
Möglichkeit, bei ausgewählten Themen die Alltagserfahrung von Bür-  
ger\*innen in die Gesetzgebung einfließen zu lassen. Wir sorgen in  
einem ersten Schritt dafür, dass es eine gesetzliche Grundlage für  
Bürger\*innenräte gibt und sich das Parlament mit den Ergebnissen  
beschäftigen muss. In der kommenden Wahlperiode wollen wir wei-  
tere Optionen für eine stärkere Institutionalisierung von Bürger\*in-  
nenräten prüfen, unter anderem direktdemokratische Verfahren zu  
einzelnen Beratungsergebnissen. Auf Initiative der Regierung, des Par-  
laments oder eines Bürger\*innenbegehrens beraten zufällig ausge-  
wählte Menschen, die in Deutschland leben und mindestens 16 Jahre  
alt sein müssen, in einem festgelegten Zeitraum über eine konkrete  
Fragestellung. Sie erarbeiten Handlungsempfehlungen und geben  
Impulse für die öffentliche Auseinandersetzung und die parlamen-  
tarische Entscheidung. Eine freie, gleiche und faire Beratung muss  
sichergestellt werden, unter anderem durch zivilgesellschaftliche  
und wissenschaftliche Beratung. Außerdem werden wir ein digitales  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN179Kapitel 5  
Bundestagswahlprogramm 2021  
Portal, wie es zum Beispiel in Baden-Württemberg schon erfolgreich  
angewendet wird, für die aktive Beteiligung an der Gesetzgebung ein-  
führen und das Petitionsrecht zu einem leicht zugänglichen Instru-  
ment für bessere Mitwirkung am demokratischen Prozess ausbauen.  
Wir wollen Beteiligung fördern und politische Bildung als wichtige  
Querschnittsaufgabe auch auf kommunaler Ebene voranbringen.  
Öffentlich-rechtlicher Rundfunk für alle  
und eine vielfältige Medienlandschaft  
Kritischer und unabhängiger Journalismus ist eine Säule unserer  
Demokratie. Wir stehen zu einem pluralistischen, kritischen und  
staatsfernen öffentlich-rechtlichen Rundfunk für alle, genauso wie für  
Qualität und Vielfalt der privaten und Non-Profit-Medienlandschaft.  
Damit der öffentlich-rechtliche Rundfunk stark und zukunftsfest auf-  
gestellt ist, arbeiten wir für eine funktionsgerechte Finanzierung, die  
einem definierten Programmauftrag folgt. Weil er von allen finanziert  
wird, muss er auch alle erreichen. Aus seiner besonderen Stellung und  
dem Anspruch, die Vielfalt der Lebenswelten, Meinungen und Interes-  
sen der Bevölkerung abzubilden, ergibt sich auch sein Reformbedarf.  
Die Digitalisierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks muss voran-  
getrieben und seine bisherigen Angebote müssen überprüft werden.  
Hierfür wollen wir gemeinsam mit den Ländern eine Initiative auf den  
Weg bringen und eine gesellschaftliche Debatte anstoßen. Wir setzen  
uns für Rundfunkräte ein, die die Vielfalt unserer heutigen Gesellschaft  
besser abbilden, durchsetzungsstärker sowie sender- und staatsferner  
werden. Die Mediatheken der Öffentlich-Rechtlichen sollen bei ange-  
messener Vergütung der Urheber\*innen dauerhaft zugänglich und  
europäisch verzahnt werden. Lokale Medien brauchen eine mit den  
Ländern abgestimmte, staatsfern organisierte Förderung. Qualitäts-  
journalismus braucht deutlich bessere Rahmenbedingungen, etwa  
durch Verbesserungen bei Quellenschutz und Auskunftsansprüchen  
oder die Öffnung der Künstlersozialkasse für Journalist\*innen samt  
Beitragspflicht für Medienplattformen. Gemeinnütziger Journalismus  
braucht Rechtssicherheit.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN180Kapitel 5  
Bereit, weil Ihr es seid.  
Hasskriminalität im Netz bekämpfen  
Digitale Plattformen und Anwendungen müssen den Menschen  
dienen und nicht umgekehrt. Uns geht es darum, Nutzerrechte und  
demokratischen Diskurs zu stärken und dabei die Balance zwischen  
Persönlichkeitsschutz und Meinungsfreiheit zu wahren. Wir wollen  
Hasskriminalität im Netz und das bewusste Verbreiten von Falsch-  
informationen wirksamer bekämpfen. Dafür wollen wir einen effekti-  
ven Gesetzesrahmen entwickeln. Betroffene müssen sich schnell und  
effektiv gegen Angriffe im Netz wehren können. Das wollen wir durch  
die ambitionierte Ausgestaltung und dann zügige Umsetzung des  
Digital Services Act der EU erreichen. Wir treten für einen effektiven  
Umgang mit Nutzerbeschwerden, eine Verbesserung der Strafverfol-  
gung und der zivilrechtlichen Durchsetzung ein. Dafür brauchen wir  
personell wie technisch bestmöglich aufgestellte Strafverfolgungsbe-  
hörden. Diese müssen, gut geschult, auf Grundlage klarer Rechtsvorga-  
ben arbeiten können. Plattformbetreiber\*innen müssen ihrer großen  
Verantwortung europaweit gerecht werden. Sie dürfen bestehende  
Rechte nicht aushöhlen, sind für Inhalte haftbar und müssen beim  
Moderieren von Inhalten die Grundrechte wahren. Bei Entscheidun-  
gen darüber, welche Inhalte auf digitalen Plattformen keinen Platz  
haben dürfen, könnte der gezielte Einsatz von repräsentativen, zivil-  
gesellschaftlichen Plattformräten eine Möglichkeit sein. Große Anbie-  
ter\*innen sollen sich durch eine Abgabe an den unabhängigen Bera-  
tungsangeboten für Betroffene von Hass und Hetze beteiligen. Dies  
wollen wir bündeln in einem Gesetz für digitalen Gewaltschutz, das  
die Möglichkeit beinhaltet, gegen Accounts vorzugehen, wenn kein\*e  
Täter\*in festgestellt wird. Jeder Mensch hat das Recht auf eine eigene  
Meinung, aber nicht auf eigene Fakten. Für Porno-Plattformen, die  
nutzergenerierte Inhalte hosten, müssen besondere Sorgfaltspflich-  
ten gelten, um Menschen zu schützen, deren Bildmaterial gegen ihren  
Willen dort gezeigt wird. Für den Umgang mit Desinformation, aber  
auch für die Rechtskontrolle der Anbieter\*innen insgesamt wollen wir  
die Aufsicht national wie auch europäisch besser strukturieren, unter  
anderem mit einer gemeinsamen Medienanstalt der Länder. Eine Ver-  
pflichtung zum Einsatz von Uploadfiltern lehnen wir ab.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN181Kapitel 5  
Bundestagswahlprogramm 2021  
Software für die Allgemeinheit  
Unser Alltag wird immer häufiger von Teilhabe an und Zugang zu Soft-  
ware geprägt. Freie und offene Software bildet dabei die Grundlage  
unzähliger Anwendungen, seien es digitale Lernplattformen, sichere  
Anwendungen für die Heimarbeit, Stärkung der IT-Sicherheit mit  
guter Verschlüsselung oder sichere und einfache Abstimmungsmög-  
lichkeiten in der Vereins- und Parteiarbeit. Sie spielt in immer mehr  
gesellschaftlich relevanten Bereichen eine entscheidende Rolle und  
ist Grundlage für unsere Anforderungen in Bezug auf Offenheit, Teil-  
habe und Sicherheit. Doch oftmals fehlt es den Entwickler\*innen an  
Unterstützung, diese dauerhaft auf dem neuesten Stand der Technik zu  
halten und anwendungsfreundlich, barrierefrei und inklusiv zu gestal-  
ten. Wir treten daher dafür ein, eine eigenständige öffentliche Förder-  
stiftung zu schaffen, die gesellschaftlich relevante, freie und offene  
Software fördert, deren Ergebnisse Gesellschaft, Wissenschaft, Schu-  
len, Wirtschaft und Verwaltung zur Verfügung stehen und barriere-  
frei zugänglich sind. Durchgehende Ende-zu-Ende-Verschlüsselungen  
schützen Grundrechte, schaffen Vertrauen in digitale Anwendungen  
und müssen zum Standard bei allen staatlichen IT-Vorhaben werden.  
Demokratiefördergesetz für eine starke Zivilgesellschaft  
Eine lebendige Zivilgesellschaft ist elementar für die politische Aus-  
einandersetzung in unserer Demokratie. Engagierte Menschen in Ini-  
tiativen, Verbänden, Vereinen oder NGOs stärken den Zusammenhalt,  
tragen dazu bei, wichtige Anliegen, wie beispielsweise den Kampf  
gegen Rassismus, auf die öffentliche Tagesordnung zu setzen, und  
leisten ihren Beitrag zur Willensbildung. Wir machen uns dafür stark,  
dass sie ihrer Arbeit in Zukunft gut abgesichert, ohne Einschüchte-  
rung und Kriminalisierung nachgehen können. Mit einem Demokra-  
tiefördergesetz wollen wir ihr Engagement und das demokratiebele-  
bender Initiativen und Organisationen nachhaltig, projektunabhängig  
und unbürokratisch finanziell absichern. Die Arbeit der politischen  
Stiftungen wollen wir verbindlicher regeln. Wir wollen sicherstellen,  
dass sie an den Werten des Grundgesetzes orientiert sind und – auch  
in ihrem Verhältnis zu den Parteien – Transparenz herstellen. Dafür  
schaffen wir eine eigenständige gesetzliche Grundlage.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN182Kapitel 5  
Bereit, weil Ihr es seid.  
Gemeinnützigkeit reformieren  
Alle Bürger\*innen sollen gleichberechtigt an der Willensbildung  
unserer Gesellschaft teilhaben können. Die Gemeinnützigkeit ist dafür  
ein wichtiger Status, der an vielen Stellen überhaupt erst Zugänge  
öffnet. Damit Initiativen und Verbände eigenständig bleiben, sorgen  
wir deshalb für Klarheit und Rechtssicherheit im Gemeinnützigkeits-  
recht. Ihre gemeinnützigen Ziele sollen sie auch durch politische Mei-  
nungsäußerungen und Aktivitäten wie Studien und Demonstrationen  
verwirklichen dürfen. Nicht nur die Förderung des demokratischen  
Staatswesens, sondern auch die Förderung tragender Grundsätze  
sollte klar gemeinnützig sein. Die Gemeinnützigkeit zusätzlicher  
Zwecke wie des Friedens, der Durchsetzung der nationalen und inter-  
nationalen Grund- und Menschenrechte, der Rechtsstaatlichkeit, der  
Durchsetzung des Sozialstaatsgebotes und allgemein der gleichbe-  
rechtigten Teilhabe und der Bekämpfung von Diskriminierung wollen  
wir anerkennen und stärken. Mit der Einführung einer Demokratie-  
klausel stellen wir sicher, dass sich Vereine aktiv an gesellschaftlichen  
Debatten beteiligen können. Die Beweislastumkehr in § 51 Absatz 3  
Abgabenordnung wollen wir abschaffen. Für mehr Transparenz sor-  
gen wir mit einem Gemeinnützigkeitsregister und einfach handhab-  
baren Transparenzpflichten sowie mit Regeln zur Offenlegung der  
Spendenstruktur.  
Engagement und Ehrenamt als Säule der Gesellschaft  
Engagement und Ehrenamt stützen unsere Gesellschaft auf vielfältige  
Weise. Die Aufgabe des Staates ist es, Engagement und Ehrenamt zu  
ermöglichen, zu fördern und zu stärken. Dazu gehören zunehmend auch  
digitale Formen des Ehrenamtes, denn sie ermöglichen Vernetzung bei  
weiten Entfernungen oder wenn dem physischen Engagement anderes  
im Wege steht. Dafür wollen wir die bürokratischen Hürden für Enga-  
gement ab- und Bildungsangebote für Engagierte ausbauen sowie die  
Förderpolitik neu aufstellen. Die Deutsche Stiftung für Engagement  
und Ehrenamt wollen wir zu einer echten Förderstiftung weiterentwi-  
ckeln, die lokal und dezentral Organisationen unterstützt. Zusammen  
mit Ländern und Kommunen wollen wir eine Engagementkarte ein-  
führen, um den Besuch von Schwimmbädern und Kultureinrichtungen  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN183Kapitel 5  
Bundestagswahlprogramm 2021  
oder die Nutzung von ÖPNV zu vergünstigen. Die Übungsleiter- und  
Ehrenamtspauschale wollen wir sukzessive angleichen.  
Freiwilligendienste ausbauen und für alle ermöglichen  
Freiwilligendienste stärken den Zusammenhalt und fördern die aktive  
Teilhabe an unserer Gesellschaft. Jeder Mensch, der das möchte, soll  
garantiert einen Freiwilligendienst in Deutschland oder Europa machen  
können. Wir wollen die Jugendfreiwilligendienste (wie das Freiwillige  
Soziale Jahr und das Freiwillige Ökologische Jahr) und den Bundesfrei-  
willigendienst auf 200.000 Plätze jährlich verdoppeln. Die Freiwilligen-  
dienste sollen besser ausfinanziert werden, damit sich junge Menschen  
unabhängig vom Einkommen ihrer Eltern engagieren können. Dafür  
wollen wir die Taschengeldsätze auf ein einheitliches Niveau anhe-  
ben und kostenlose ÖPNV-Tickets ermöglichen. Die Rahmenbedingun-  
gen sollen inklusiver werden, damit jede\*r, egal ob jung oder alt, ob zu  
Beginn, in einer Orientierungsphase oder nach Beendigung des Berufs-  
lebens, einen passenden Freiwilligendienstplatz für sich findet.  
Wir gestalten die vielfältige  
Einwanderungsgesellschaft  
Einbürgerung erleichtern  
Die Staatsangehörigkeit stellt ein dauerhaftes Band rechtlicher Gleich-  
heit, Teilhabe und Zugehörigkeit sicher. Wer in Deutschland geboren  
wird, soll die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten, wenn ein Elternteil  
rechtmäßig seinen gewöhnlichen Aufenthalt in Deutschland hat. Die  
Staatsangehörigkeit darf, auch als Lehre aus dem nationalsozialisti-  
schen Unrecht, nicht entzogen werden. Für Menschen, die hier jahrelang  
leben und Teil dieser Gesellschaft geworden sind, sollen Einbürgerun-  
gen früher möglich werden. Nach fünf Jahren Aufenthalt in Deutsch-  
land sollen alle einen Antrag auf Einbürgerung stellen können, auch  
für anerkannte Geflüchtete gilt ein beschleunigtes und vereinfachtes  
Einbürgerungsverfahren. Den Optionszwang im Staatsangehörigkeits-  
recht wollen wir abschaffen und Mehrstaatigkeit anerkennen. Die vor-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN184Kapitel 5  
Bereit, weil Ihr es seid.  
genommenen Aushöhlungen des Staatsangehörigkeitsrechts wollen  
wir zurücknehmen und die Einbürgerungsverfahren entbürokratisieren.  
Hindernisse bei der Identitätsklärung, die nicht in der Hand der Einzu-  
bürgernden liegen, dürfen ihnen nicht angelastet werden. Für binatio-  
nale Familien und Paare, egal ob mit oder ohne Trauschein, wollen wir  
die Einreise unbürokratisch und fair gestalten. Um sich in Deutschland  
ein Leben aufzubauen, braucht es langfristige Perspektiven.  
Ein modernes Einwanderungsgesetz für eine  
vielfältige Einwanderungsgesellschaft  
Deutschland ist ein Einwanderungsland, doch bis heute fehlen eine  
aktive Einwanderungspolitik und ein Einwanderungsrecht, das Einwan-  
derung tatsächlich fördert und nicht komplizierter macht. Wir wollen ein  
modernes Einwanderungsgesetz beschließen, das neue Zugangswege  
für Bildungs- und Arbeitsmigration schafft – auch für Menschen, die ihre  
Talente und Fähigkeiten nicht durch formale oder anerkannte Bildungs-  
abschlüsse nachweisen können –, das transparente, unbürokratische  
und faire Verfahren bietet, das globale und regionale Notwendigkeiten  
berücksichtigt . Dafür soll auf Basis des jährlichen Arbeitskräftebedarfs  
eine punktebasierte Talentkarte eingeführt werden. Wir erleichtern die  
Bildungsmigration über Stipendien und Ausbildungsvisa, genauso wie  
die Voraussetzungen für eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis und die  
Anerkennung von im Ausland erworbenen Berufsqualifikationen. Außer-  
dem beenden wir den automatischen Verlust der Aufenthaltserlaubnis  
nach einem sechsmonatigen Aufenthalt im Ausland. Für Menschen, die  
sich ohne sicheren Aufenthaltstitel in Deutschland befinden, jedoch  
in den Arbeitsmarkt integriert sind oder deren Qualifizierung in den  
Arbeitskräftebedarf passt, soll es die Möglichkeit zum echten Spurwech-  
sel geben. Gut funktionierende Konzepte der Arbeitsmigration, wie die  
Westbalkanregelung, bauen wir aus und verstetigen sie.  
Integration gelingt nur mittendrin –  
Sprache, Zugang, Teilhabe von Anfang an  
Ankommen ist in einer vielfältigen Einwanderungsgesellschaft ein  
wechselseitiger Prozess mit dem Ziel, gleiche Zugänge und Teilhabe-  
chancen in allen Bereichen des Lebens zu schaffen. Er stellt sowohl  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN185Kapitel 5  
Bundestagswahlprogramm 2021  
Anforderungen an die, die zu uns kommen, als auch an alle, die schon  
länger hier leben, und gelingt nur, wenn alle zusammenkommen und  
einen gemeinsamen Weg einschlagen. Für das Zusammenleben sind  
die Werte des Grundgesetzes die Grundlage. Der Zugang zu und die  
Teilnahme an Sprachkursen ist essentiell, deshalb treten wir dafür  
ein, dass alle neu ankommenden Migrant\*innen und Geflüchteten  
von Anfang an ein Recht auf einen kostenfreien Zugang zu passge-  
nauen, gut erreichbaren und bundesfinanzierten Sprach- und Integ-  
rationskursen haben. Besonders wollen wir die Zugänglichkeit der  
Kurse für Frauen sicherstellen und auch Angebote für Menschen mit  
Lernschwierigkeiten aufbauen. Denn derzeit ist das für viele Perso-  
nen, etwa Familiennachzügler oder EU-Bürger\*innen, nur schwer und  
kostenpflichtig möglich. Zudem wollen wir die nach 2015 ausgebau-  
ten Angebote an weiterführenden Sprachkursen aufrechterhalten.  
Genauso wichtig für eine gelingende Integration sind eine dezentrale  
Unterbringung und ein selbstbestimmtes Leben in eigenen Wohnun-  
gen, ein breites Beratungsangebot gerade auch für Familien sowie  
der unterschiedslose Zugang zu Gesundheits- und Sozialleistungen  
sowie zu Kitas, Bildungseinrichtungen, Ausbildung und Arbeit, also  
die Teilhabe am kulturellen und gesellschaftlichen Leben. So stärkt  
gezielte Unterstützung den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt.  
Wir wollen auf europäischer Ebene einen kommunalen Integrations-  
fonds auflegen, um EU-weit das Ankommen in den Kommunen direkt  
zu unterstützen. Damit sollen unter anderem Migrationsberatungs-  
stellen gestärkt und aufgebaut, Dolmetschleistungen im Gemein-  
wesen finanziert, zivilgesellschaftliche Unterstützungsstrukturen  
gefördert und strukturelle Entlastungen der Kommunen, die sich  
zur Aufnahme von Geflüchteten bereit erklären, in der EU gesichert  
werden. Betriebe, die Geflüchteten eine Chance auf Ausbildung oder  
Beschäftigung geben, brauchen entsprechende Unterstützung und  
Förderung. Für anerkannte Flüchtlinge wollen wir die Hürden für die  
Freizügigkeit innerhalb der Europäischen Union absenken.  
Asylverfahren fair und transparent  
Wir wollen, dass Asylverfahren in Deutschland rechtssicher, fair und  
transparent gestaltet sind und eine Entscheidung in angemessener Zeit  
erfolgt. Dafür muss die Identifizierung besonderer Schutzbedarfe vor  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN186Kapitel 5  
Bereit, weil Ihr es seid.  
der Anhörung erfolgen. Insbesondere die Berücksichtigung erlittener  
geschlechtsspezifischer Verfolgung und die dazugehörige Beratung im  
Asylverfahren sind zu gewährleisten. Wir wollen dafür sorgen, dass es  
zügig zu einer Entscheidung über den Aufenthaltstitel kommt, damit  
Menschen früh verbindliche Gewissheit haben. Dazu gehören eine aus-  
reichende personelle Ausstattung des Bundesamts für Migration und  
Flüchtlinge (BAMF) sowie ein funktionierendes Qualitätsmanagement.  
Eine nichtstaatliche unabhängige Asylverfahrensberatung für alle  
Asylsuchenden, von der Ankunft bis zum Abschluss des Asylverfahrens,  
wollen wir sicherstellen und die auf mögliche 18 Monate verlängerte  
Verweildauer von Geflüchteten in den Erstaufnahmeeinrichtungen  
rückgängig machen auf maximal drei Monate. AnkER-Zentren in ihrer  
jetzigen Form lehnen wir ab. Danach sollte das dezentrale Wohnen  
immer Vorrang haben. Wir wollen das Recht von Kindern, unabhängig  
von der Bleibeperspektive, auf Zugang zu Kitas, Schulen und anderen  
Bildungsangeboten garantieren. Wir beenden die flächendeckenden  
und anlasslosen Widerrufsprüfungen durch das BAMF und optimieren  
das Asylprozessrecht. Anträgen auf Familienzusammenführung im Rah-  
men der Dublin-Verordnung ist schnell zuzustimmen. Wir wollen das  
Asylbewerberleistungsgesetz abschaffen –und damit eine verfassungs-  
rechtlich nicht gerechtfertigte Ungleichbehandlung von Geflüchteten,  
die ein echtes Ankommen und Teilhabe erschwert. Integrationsfeind-  
liche gesetzliche Regelungen wie Arbeitsverbot und pauschale Wohn-  
sitzauflage sowie Leistungskürzungen wollen wir abschaffen. Die in  
den vergangenen Jahren vorgenommenen Aushöhlungen des Aufent-  
halts- und Asylrechts wollen wir zurücknehmen. Wir wollen insbeson-  
dere den Schutz von Geflüchteten, die Menschenrechtsverletzungen  
erlebt haben oder schwer erkrankt sind, garantieren. Die Ausrufung  
„sicherer“ Herkunfts- oder Drittstaaten lehnen wir ab – auch auf euro-  
päischer Ebene. Flughafenverfahren sowie sofortige Zurückweisung an  
den deutschen Binnengrenzen wollen wir abschaffen. Ein pandemie-  
bedingter Verlust von Arbeits-, Ausbildungs- oder Studienplätzen darf  
nicht zu aufenthaltsrechtlichen Nachteilen führen.  
Raus aus der Duldung  
Mehr als 200.000 Menschen – darunter viele Kinder und Jugendliche –  
leben über viele Jahre in einem Zustand der Perspektivlosigkeit und  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN187Kapitel 5  
Bundestagswahlprogramm 2021  
Rechtsunsicherheit in Deutschland, weil sie nur geduldet sind. Das ist  
weder für die Betroffenen noch für das gesellschaftliche Zusammen-  
leben gut. Rechtliche Unsicherheit und fehlende Teilhabechancen  
erschweren es massiv, anzukommen und in Deutschland ein Zuhause  
zu finden. Wir wollen die Anzahl der Menschen, die sich von Duldung  
zu Duldung hangeln müssen, deshalb möglichst auf null reduzieren.  
Für diese Menschen braucht es nach fünf Jahren Aufenthalt ein siche-  
res Bleiberecht. Heranwachsende, Jugendliche und Familien mit min-  
derjährigen Kindern sollen nach drei Jahren einen Aufenthaltstitel  
bekommen. In Fällen, in denen Menschen trotz nachgewiesener ernst-  
hafter Bemühungen keinen Nationalpass erhalten können, wollen wir  
einen Passersatzausweis ausstellen, wenn die Betroffenen in Deutsch-  
land geboren sind und ihre Identität geklärt ist. Durch die Umwand-  
lung der Ausbildungs- und Beschäftigungsduldung in Aufenthalts-  
rechte verschaffen wir den Menschen einen verlässlichen Zugang zu  
Ausbildung und Arbeitsmarkt und sorgen für Planungssicherheit in  
den Betrieben. Opfer von Menschenhandel sollen ein sicheres Bleibe-  
recht bekommen. Menschen, die nach sorgfältiger Prüfung der asyl-  
und aufenthaltsrechtlichen Voraussetzungen sowie nach Ausschöp-  
fung aller Rechtsschutzmöglichkeiten kein Aufenthaltsrecht erhalten  
und bei denen keine Abschiebehindernisse entgegenstehen, müssen  
zügig wieder ausreisen. Wir wollen dies durch umfassende und unab-  
hängige Beratung und Unterstützung begleiten. Jede Abschiebung  
ist mit großen menschlichen Härten verbunden. Abschiebungen, zum  
Beispiel über Rückübernahmeabkommen, sind das letzte Mittel, wenn  
die Rückkehr verweigert wird, freiwillige Ausreisen haben immer Vor-  
rang. Haft ohne Verbrechen zur Durchsetzung der Ausreise ist ein  
massiver Eingriff in das verfassungsrechtlich garantierte Freiheits-  
recht. Die Berücksichtigung des Trennungsgebots und die Gewäh-  
rung von Rechtsbeistand ist daher sicherzustellen. Abschiebungen in  
Kriegs- und Krisenländer werden wir beenden, den Abschiebestopp  
nach Syrien und Afghanistan bundesweit wieder einsetzen. Wir treten  
dafür ein, dass es keine Zusammenarbeit mit syrischen Behörden für  
Abschiebungen geben und die Abschiebepartnerschaft mit Afghanis-  
tan beendet wird. Die Ausweisung sicherer Gebiete darf keine Grund-  
lage für Rückführungen in unsichere Länder begründen. In Länder, für  
die das Auswärtige Amt aufgrund von Covid-19 eine Reisewarnung  
ausgesprochen hat, darf nicht abgeschoben werden.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN188Kapitel 5  
Bereit, weil Ihr es seid.  
Wir rücken Feminismus, Queerpolitik und  
Geschlechtergerechtigkeit in den Fokus  
Gleichberechtigung in allen Lebensbereichen  
Feminismus nimmt alle in den Blick und schafft Selbstbestimmung,  
Teilhabe und Gerechtigkeit. Ziel ist eine Gesellschaft, in der alle unab-  
hängig vom Geschlecht selbstbestimmt leben und auch Frauen über-  
all gleichberechtigt mitgestalten können – von der Arbeitswelt bis  
in die Parlamente. Das ist eine Aufgabe für alle Geschlechter. Dafür  
braucht es auch Männer, die für eine Gesellschaft einstehen, in der  
Macht, Möglichkeiten und Verantwortung gerecht geteilt werden und  
Sexismus entschieden bekämpft wird. Geschlechtergerechtigkeit ist  
eine Querschnittsaufgabe, die wir intersektional denken. Mit einem  
Gender-Check wollen wir prüfen, ob eine Maßnahme oder ein Gesetz  
die Gleichberechtigung der Geschlechter voranbringt, und dort, wo es  
ihr entgegensteht, dementsprechend eingreifen. Die Vergabe öffent-  
licher Aufträge soll auch Kriterien der Geschlechtergerechtigkeit  
berücksichtigen. Die neu geschaffene Bundesstiftung Gleichstellung  
werden wir zu einer effektiven, verlässlich finanzierten und unabhän-  
gigen Institution ausbauen, die gesichertes Wissen zu den Lebens-  
lagen aller Geschlechter bereitstellt und wirksame Maßnahmen für  
Gleichberechtigung entwickelt, bündelt und für Wirtschaft, Politik  
und Öffentlichkeit zugänglich macht. Hierfür leisten die Sozialwis-  
senschaften und die Genderstudies einen unverzichtbaren Beitrag.  
Wir brauchen eine verbindliche Gleichberechtigungsstrategie, die alle  
Lebens- und Politikbereiche umfasst, ressortübergreifend arbeitet und  
die Erkenntnisse in umsetzbare Ziele übersetzt. Es wird Zeit für eine  
feministische Regierung, in der Menschen aller Geschlechter gleicher-  
maßen für Geschlechtergerechtigkeit eintreten.  
Geschlechtsspezifische Gewalt bekämpfen  
Schutz vor geschlechtsspezifischer Gewalt, die vor allem Frauen  
betrifft, ist eine gesellschaftliche Gemeinschaftsaufgabe. Gewalt im  
häuslichen und persönlichen Nahbereich ist ein strukturelles Prob-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN189Kapitel 5  
Bundestagswahlprogramm 2021  
lem, das sowohl in der medialen Darstellung als auch in der Recht-  
sprechung oft verharmlost wird. Wir brauchen daher mehr Aufklä-  
rungsarbeit und spezifische Gewaltpräventionsprogramme. Mit der  
Istanbul-Konvention haben wir ein Instrument an der Hand, das die  
notwendigen Maßnahmen beschreibt. Dazu gehört auch eine Erweite-  
rung der Kriminalstatistik, damit das Ausmaß von in Deutschland ver-  
übten Femiziden und anderen Straftaten, die aus Frauenhass began-  
gen werden, differenziert erfasst wird und diese Taten systematisch  
als Hasskriminalität eingestuft werden. Zur Verbesserung des Schut-  
zes vor geschlechterspezifischer Gewalt muss das Gewaltschutzge-  
setz evaluiert und novelliert werden. Gewaltbetroffene Frauen, deren  
Aufenthaltsstatus von dem Aufenthaltsstatus ihres Ehemanns oder  
Partners abhängt, sollen einen eigenständigen Aufenthaltstitel erhal-  
ten können. Polizei und Justiz müssen im Umgang mit Betroffenen  
sexualisierter Gewalt umfassend geschult und sensibilisiert sein. Ver-  
bale sexuelle Belästigung im öffentlichen Raum wollen wir nicht hin-  
nehmen und werden auch geeignete Ordnungsmaßnahmen dagegen  
prüfen. Opfer von Vergewaltigungen brauchen eine flächendeckende  
qualifizierte Notfallversorgung einschließlich anonymer Spurensiche-  
rung und der Pille danach. Angebote für psychosoziale Prozessbeglei-  
tung sollen gestärkt werden. Wir werden Monitoringstelle einrichten  
und die getroffenen Maßnahmen regelmäßig auf ihre Wirksamkeit  
prüfen. Unser Ziel ist eine Gesellschaft, in der alle Menschen ohne  
Angst verschieden sein können.  
Frauenhäuser absichern  
Jeder Mensch hat das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Es ist  
die Pflicht des Staates, Frauen vor geschlechtsspezifischer Gewalt zu  
schützen. Frauenhäusern kommt hierbei eine Schlüsselrolle zu. Des-  
halb müssen deutlich mehr Frauenhausplätze geschaffen werden,  
auch im ländlichen Raum. Denn jede von Gewalt betroffene Frau, ob  
mit oder ohne Kinder, braucht eine Anlaufstelle und Schutz – unab-  
hängig von ihrem aufenthaltsrechtlichen Status, ihrer Wohnsituation  
oder davon, ob sie eine Beeinträchtigung hat. Mit einem gesetzlichen  
Rechtsanspruch auf Schutz vor geschlechtsspezifischer Gewalt sichern  
wir über eine Geldleistung des Bundes Betroffene unabhängig von  
ihrem Einkommen ab und verbessern den Zugang zu Schutzeinrich-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN190Kapitel 5  
Bereit, weil Ihr es seid.  
tungen und deren Angeboten für alle Frauen. Länder und Kommunen  
müssen weiterhin ihrerseits ihrer Finanzierungsverantwortung nach-  
kommen. Für die Aufenthaltszeit in einem Frauenhaus sollen Betrof-  
fene, die Sozialleistungen erhalten, nicht schlechtergestellt werden.  
Wir brauchen Frauenhäuser, in denen Kinder, auch wenn sie älter  
sind, mit aufgenommen werden können. Auch Männer, die Opfer von  
Partnerschaftsgewalt geworden sind, brauchen Unterstützung und  
Zufluchtsräume. Dieses Angebot wollen wir ausbauen. Zudem müssen  
intersektionale Schutzkonzepte und Zufluchtsräume, insbesondere  
auch für queere, nichtbinäre Menschen, entwickelt und bereitgestellt  
werden. Wir fördern die Barrierefreiheit von Frauenhäusern und Bera-  
tungseinrichtungen, damit auch für von Gewalt betroffene Frauen mit  
Behinderungen Schutzmöglichkeiten zur Verfügung stehen.  
Vor Zwang und Ausbeutung schützen,  
Selbstbestimmung ermöglichen  
Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung ist ein abscheu-  
liches Verbrechen, das wir mit den Mitteln des Strafrechts, aber auch  
präventiv durch ein gemeinsames europäisches Vorgehen, Information  
sowie Schutz und Hilfe für die Opfer konsequent bekämpfen werden.  
Dazu wollen wir auch einen nationalen Aktionsplan gegen Menschen-  
handel auflegen. Opfer von Menschenhandel einfach abzuschieben,  
ist falsch. Stattdessen würden ihre Anzeige- und Aussagebereitschaft  
durch ein dauerhaftes Bleiberecht erhöht und die Strafverfolgung der  
Täter\*innen würde erleichtert. Zwangsverheiratungen sind Menschen-  
rechtsverletzungen. Alle Menschen, die davon bedroht sind, brauchen  
Hilfe und Schutz und gute Beratung durch verlässlich finanzierte Bera-  
tungsstellen. Weibliche Genitalverstümmelung ist eine massive Ver-  
letzung der körperlichen Integrität. Es ist entscheidend, dass wir den  
Betroffenen helfen und sie schützen, auch durch internationale Auf-  
klärungs- und Hilfekampagnen. Doch auch in Deutschland brauchen  
wir eine Strategie dagegen. Zivilgesellschaftliche Organisationen, die  
sich in diesem Bereich engagieren, wollen wir besser unterstützen,  
die Kontaktpersonen der Mädchen sowie pädagogisches Personal und  
Jugendämter sollen geschult und sensibilisiert werden. Menschen,  
die in der Prostitution arbeiten, brauchen Rechte und Schutz – auch  
vor Stigmatisierung und Kriminalisierung. Das Prostituiertenschutz-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN191Kapitel 5  
Bundestagswahlprogramm 2021  
gesetz werden wir dementsprechend evaluieren und überarbeiten  
mit dem Ziel, die Arbeitsbedingungen in der legalen Prostitution zu  
verbessern. Damit sie ihrer Arbeit sicher nachgehen können, müssen  
auch die Prostitutionsstätten strenger kontrolliert werden. Freiwillige,  
niedrigschwellige und mehrsprachige Beratungsangebote werden wir  
ausbauen und finanziell unterstützen. Menschen, die aus der Prosti-  
tution aussteigen wollen, unterstützen wir durch individuelle Hilfen  
und Beratung bei der Umorientierung. Dies kann gelingen durch Wei-  
terbildung, finanzielle Unterstützung und Hilfe bei der Vermittlung in  
Erwerbsarbeit außerhalb der Prostitution.  
Selbstbestimmung durch Gesundheitsversorgung  
Alle Menschen müssen selbst über ihren Körper und ihr Leben ent-  
scheiden können. Eine gute Gesundheitsversorgung inklusive eines  
gesicherten Zugangs und umfassender Informationen zum Schwan-  
gerschaftsabbruch ist dafür notwendig. Die Entscheidung, ob eine Frau  
eine Schwangerschaft abbricht oder nicht, ist allein ihre. In dieser Zeit  
sind gute Beratungs- und Versorgungsstrukturen notwendig. Wir strei-  
ten für eine ausreichende und wohnortnahe Versorgung mit Ärzt\*in-  
nen, Praxen und Kliniken, die Schwangerschaftsabbrüche vornehmen.  
Das Thema muss in die Ausbildung von Ärzt\*innen nach international  
anerkannten Standards integriert werden. Neben der professionel-  
len medizinischen Versorgung sind gute Beratungsangebote wichtig.  
Deshalb werden wir das breite Angebot an Familienplanungs- und  
Beratungsstellen absichern und die freiwilligen Beratungsangebote  
ausbauen. Um die Versorgung dauerhaft zu gewährleisten, braucht es  
eine Entstigmatisierung und Entkriminalisierung von selbstbestimm-  
ten Abbrüchen sowie eine generelle Kostenübernahme. Das ist nur  
möglich, wenn der selbstbestimmte Schwangerschaftsabbruch nicht  
mehr im Strafgesetzbuch (§ 218 und § 219), sondern außerhalb gere-  
gelt wird. Schwangere, die eine Beratung aufsuchen, sowie die Bera-  
tungsstellen und Ärzt\*innen müssen mit einem bundeseinheitlich  
verankerten Schutz vor Anfeindungen und Gehsteigbelästigungen  
geschützt werden. Bei einer ungewollten Schwangerschaft muss der  
bestmögliche Zugang zu Informationen gewährleistet werden. Um  
Ärzt\*innen vor drohenden Anzeigen zu schützen, gilt es insbesondere  
den § 219 a schnellstmöglich aus dem Strafgesetzbuch zu streichen.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN192Kapitel 5  
Bereit, weil Ihr es seid.  
In einem ersten Schritt müssen die Kosten für ärztlich verordnete  
Mittel zur Empfängnisverhütung für Empfänger\*innen von staatli-  
chen Transferleistungen und Geringverdiener\*innen unbürokratisch  
übernommen werden. Perspektivisch soll der kostenfreie und leichte  
Zugang zu Verhütungsmitteln für alle gelten. Am einfachsten wäre es,  
diesen Zugang über die Krankenkassen zu regeln.  
Queerfeindlichkeit bekämpfen  
Lesbische, schwule, bisexuelle, trans\*, inter\* und queere Menschen sol-  
len selbstbestimmt und diskriminierungsfrei ihr Leben leben können.  
Dafür und gegen gesetzliche Diskriminierungen sowie Benachteili-  
gungen und Anfeindungen im Alltag werden wir ein starkes Signal  
setzen und den Schutz von Menschen aufgrund ihrer sexuellen und  
geschlechtlichen Identität durch die Ergänzung des Artikels 3 Absatz  
3 des Grundgesetzes sicherstellen. Wir werden gemeinsam mit den  
Organisationen der Community einen bundesweiten ressortübergrei-  
fenden Aktionsplan „Vielfalt leben!“ für die Akzeptanz sexueller und  
geschlechtlicher Vielfalt vorlegen – mit dem Ziel, LSBTIQ\* gleichbe-  
rechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu garantieren, um die  
Akzeptanz von Vielfalt zu fördern. Dazu gehören auch Maßnahmen  
zur LSBTIQ\*-inklusiven Gesellschaftspolitik sowie die institutionelle  
Förderung und Projektförderung der LSBTIQ\*-Verbände, -Organisa-  
tionen und -Stiftungen. Das diskriminierende Blutspendeverbot für  
schwule und bisexuelle Männer sowie transgeschlechtliche Personen  
wollen wir aufheben. LSBTIQ\* sind besonders oft von sexualisierter  
Gewalt betroffen. Gegen LSBTIQ\* gerichtete Hasskriminalität werden  
wir entschieden bekämpfen. Um queere Jugendliche insbesondere  
auch im ländlichen Raum zu schützen und zu stärken, wollen wir mit  
einer bundesweiten Aufklärungskampagne für junge Menschen über  
die Vielfalt sexueller Orientierungen und geschlechtlicher Identitäten  
informieren und bezüglich Homo-, Bi-, Trans\*- und Queerfeindlichkeit  
sensibilisieren. Wir werden uns gemeinsam mit den Ländern dafür  
einsetzen, dass sich geschlechtliche und sexuelle Vielfalt und Diver-  
sität in den Lehr- und Bildungsplänen wiederfinden und diese kon-  
sequent umgesetzt werden. Queerfeindliche Straftaten sollen statis-  
tisch gesondert erfasst werden.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN193Kapitel 5  
Bundestagswahlprogramm 2021  
Selbstbestimmung garantieren, Transsexuellengesetz aufheben  
Mit einem Selbstbestimmungsgesetz werden wir dafür sorgen, dass  
das überholte Transsexuellengesetz endlich aufgehoben wird. Eine  
Änderung des Geschlechtseintrags und des Namens auf Antrag der  
betroffenen Person werden wir ermöglichen, ohne dass dafür psycho-  
logische Zwangsgutachten notwendig sind. Das Offenbarungsverbot  
werden wir konkretisieren und vorsätzliche Verstöße dagegen sank-  
tionieren. Wir schreiben fest, dass alle nicht notwendigen Operatio-  
nen und Behandlungen an intergeschlechtlichen Kindern verboten  
werden und Lücken in den entsprechenden Gesetzen geschlossen  
werden. Operationen, die als medizinisch notwendig durchgeführt  
wurden, sollen, unter Berücksichtigung eines strengen Datenschut-  
zes, zentral erfasst werden, um eine bessere Nachvollziehbarkeit  
für Betroffene und eine bessere Datengrundlage zu erreichen. Bei  
Gesundheitsleistungen sowie körperangleichenden Operationen und  
Hormontherapien muss das Selbstbestimmungsrecht gesichert sein.  
Den Anspruch auf medizinische körperangleichende Maßnahmen  
wollen wir gesetzlich verankern und dafür sorgen, dass die Kosten-  
übernahme durch das Gesundheitssystem gewährleistet wird. Wir  
werden einen Entschädigungsfonds für die Opfer aus dem Kreis der  
trans\*- und inter\*geschlechtlichen Personen, deren körperliche Unver-  
sehrtheit verletzt wurde oder deren Ehen zwangsgeschieden wurden,  
einrichten.  
Wir stärken Sicherheit  
und Bürger\*innenrechte  
Sicherheit für alle und eine gut ausgestattete  
und bürger\*innennahe Polizei  
Deutschland ist grundsätzlich ein sicheres Land. Das liegt auch an  
der guten Arbeit der Polizei. Wir wollen, dass das so bleibt. Diebstahl,  
Einbrüche, Gewalttaten, Hassverbrechen oder organisierte Kriminali-  
tät belasten Opfer und ihre Angehörigen dennoch schwer. Für ihre  
Aufgaben wie Prävention, Aufklärung und Strafverfolgung und den  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN194Kapitel 5  
Bereit, weil Ihr es seid.  
Schutz der Grundrechte wollen wir die Polizei stärken, in der Stadt  
und auf dem Land, analog und digital. Den früheren Personalabbau  
bei Bundespolizei und Bundeskriminalamt wollen wir durch eine  
Offensive bei der Besetzung offener Stellen beheben und gleichzei-  
tig spezialisierte Ausbildungen und Studiengänge ermöglichen. Wir  
wollen, dass die Polizei die Diversität der Bevölkerung widerspiegelt.  
Die Polizist\*innen verdienen unsere Wertschätzung, genauso wie  
gute Arbeitsverhältnisse und leistungsfähige Strukturen innerhalb  
der Behörden. Sichere und leistungsfähige Datenverarbeitung, kom-  
biniert mit mobiler IT und klar geregelten Kompetenzen, ist dabei  
eine Grundvoraussetzung moderner Polizeiarbeit. Gutes polizeiliches  
Handeln kann jedoch kein Ersatz für gesellschaftliche Problemlösung  
sein. Deswegen werden wir die Zusammenarbeit mit zivilen Trägern  
und externen Expert\*innen unterstützen und weiter ausbauen.  
Die besondere Verantwortung der Polizei  
Wir wollen eine Gesellschaft, in der alle frei und sicher leben können.  
Sicherheit muss überall gleichermaßen garantiert sein. Freiheits- und  
Bürger\*innenrechte behandeln wir nicht als Streichposten der Innen-  
politik, sondern als ihre zentralen Schutzgüter. Sicherheit darf keine  
Frage der sozialen Schicht, der Herkunft, des Geschlechts, der sexuel-  
len Identität, des Aussehens oder des Wohnorts sein. Damit die Polizei  
ihren komplexen Aufgaben nachkommen kann, muss sie auf das Ver-  
trauen der gesamten Bevölkerung bauen können. Als ausführendes  
Organ des staatlichen Gewaltmonopols hat die Polizei zudem eine  
besondere Verantwortung. Dem entspricht die Einführung einer indi-  
viduellen, aber anonymisierten Kennzeichnung für die Bundespolizei  
sowie der Stelle einer/eines unabhängigen Bundespolizeibeauftrag-  
ten mit umfassenden Kompetenzen, an die/den sich im Falle von auf-  
tretenden Problemen oder erkannten Missständen sowohl Polizist\*in-  
nen wie auch Bürger\*innen wenden können. Straftaten im Amt und  
Todesfälle in Polizeigewahrsam müssen ohne Wenn und Aber aufge-  
klärt werden. Wir werden die Kontrollbefugnisse der Bundespolizei  
so ausgestalten, dass sie nicht mehr zu Racial Profiling führen, und  
die Einführung sogenannter Ticketsysteme erproben, um Gründe für  
polizeiliche Kontrollen für die Betroffenen transparent zu machen.  
Polizist\*innen sollten sich auch nach der Ausbildung verpflichtend  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN195Kapitel 5  
Bundestagswahlprogramm 2021  
fortbilden können und müssen. Wichtige Fortbildungsbereiche sind  
beispielsweise der Umgang mit Menschen mit psychischen Erkran-  
kungen sowie Antidiskriminierung und die Gefahr von Racial Profiling.  
Besondere Belastungen im Dienst sollen regelmäßig, beispielsweise  
im Rahmen von Supervision, nachbereitet werden. Eine bundesweite,  
externe Fachstelle zur Seelsorge und ethischer Bildung ist einzu-  
richten. Das bereits bestehende ZeBuS (Zentrum für ethische Bildung  
und Seelsorge in der Polizei NRW) kann hierbei als Vorbild dienen.  
Längst überfällig sind unabhängige wissenschaftliche Studien zu  
Rechtsextremismus, Antisemitismus und Rassismus in den Sicher-  
heits- und Strafverfolgungsbehörden. Wir wollen Polizeiforschung  
besser ermöglichen und die Polizei dafür stärker öffnen. Rationale  
Sicherheitspolitik setzt eine solide Faktenlage und klare Zuständig-  
keiten voraus. Deshalb werden wir unter anderem den Periodischen  
Sicherheitsbericht wieder einführen, dessen Aussagekraft sich in der  
Vergangenheit bewährt hat.  
Europäisches Kriminalamt schaffen,  
organisierte Kriminalität verfolgen  
Zahlreiche Straftaten finden grenzüberschreitend statt, insbesondere  
die organisierte Kriminalität und islamistische oder rechtsextreme  
Terrornetzwerke machen nicht an Landesgrenzen halt. Zum Schutz  
der Bürger\*innen und zur Verteidigung unserer Freiheit brauchen  
wir eine stärkere grenzüberschreitende Zusammenarbeit von Polizei  
und Justiz: durch gemeinsame europäische Polizeiteams, durch die  
Aufwertung von Europol zu einem Europäischen Kriminalamt sowie  
durch eine engere justizielle Zusammenarbeit der Mitgliedstaaten,  
auch mit Hilfe von Eurojust und bei der Bekämpfung von Betrug zu  
Lasten der EU-Finanzen mit dem EU-Betrugsbekämpfungsamt OLAF  
und der Europäischen Staatsanwaltschaft unter Nutzung modernster  
Analysemethoden. Wegen der zunehmenden Vernetzung von euro-  
päischen Datenbanken sind hohe Datenschutzstandards und eine  
Verbesserung des grenzüberschreitenden Rechtsschutzes unabding-  
bar. Diese Zusammenarbeit braucht eine unabhängige Justiz und faire  
Strafverfahren in allen EU-Mitgliedstaaten.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN196Kapitel 5  
Bereit, weil Ihr es seid.  
Verfassungsschutz neu ordnen  
Der Verfassungsschutz hat in der Vergangenheit viel Vertrauen ver-  
spielt, vor allem im Hinblick auf den NSU-Komplex. Hier sind Ver-  
änderungen, insbesondere durch einen personellen Neuanfang, zu  
beobachten, dennoch muss ein struktureller Neustart folgen, mit dem  
die Analysefähigkeit des Verfassungsschutzes verbessert wird. Der in  
Wissenschaft und Zivilgesellschaft schon heute vorhandene Sach-  
verstand über verfassungsfeindliche Bestrebungen muss systema-  
tischer genutzt werden. Diese Expertise soll einbezogen und durch  
ein Demokratiefördergesetz flächendeckend gestärkt und dauerhaft  
gefördert werden. Wir wollen den Verfassungsschutz strukturell neu  
aufstellen: zum einen mit einem unabhängigen, wissenschaftlich aus  
öffentlichen Quellen arbeitenden Institut zum Schutz der Verfassung.  
Zum anderen mit einem verkleinerten Bundesamt für Gefahrenerken-  
nung und Spionageabwehr, das mit rechtsstaatskonformen nachrich-  
tendienstlichen Mitteln klar abgegrenzt von polizeilichen Aufgaben  
arbeitet. Hier braucht es auch eine engere und effektivere parlamen-  
tarische Kontrolle. Um Vertrauen zurückzugewinnen, werden wir die  
Kontrolle der Arbeit der Nachrichtendienste stärken und den Einsatz  
von menschlichen Quellen gesetzlich regeln.  
Rechtsextremismus bekämpfen, Netzwerke zerschlagen  
Es gibt mehr als 32.000 Rechtsextremist\*innen in Deutschland, die  
sich trotz des ausgrenzend völkischen Ansatzes auch transnational  
immer stärker vernetzen. Die Bekämpfung rechtsextremistischer  
Strukturen – auch innerhalb der Sicherheitsbehörden – muss Prio-  
rität für alle Sicherheitsorgane haben. Dazu braucht es ein Bün-  
del aus Prävention, Schutz- und Sanktionsmaßnahmen. Durch eine  
bundesweit vernetzte Präventionsstrategie wollen wir die Präven-  
tionsarbeit massiv ausbauen und dabei auch die antifeministische  
und nationalistisch-völkische Dimension des Rechtsextremismus  
in den Blick nehmen. Zu Letzterer gehört zum Beispiel die rechts-  
extreme und gewaltbereite „Ülkücü-Bewegung“, umgangssprachlich  
„Graue Wölfe“ genannt, die wir mit allen politisch und rechtlich zur  
Verfügung stehenden Mitteln zurückdrängen wollen. Zivilgesell-  
schaftliche Gruppen leisten eine wichtige Arbeit zur Aufklärung und  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN197Kapitel 5  
Bundestagswahlprogramm 2021  
Zurückdrängung rechtsextremer Strukturen. Sie sollen strukturell  
und langfristig durch ein Demokratiefördergesetz gefördert werden.  
Wir werden unabhängige wissenschaftliche Studien zu Rassismus  
und Rechtsextremismus in den verschiedenen Sicherheitsbehörden  
initiieren, Hassgewalt erfassen und konsequent verfolgen. Rechts-  
extreme müssen konsequenter und zügiger als bisher aus Sicher-  
heitsbehörden entfernt werden. Hierfür wollen wir die rechtlichen  
Voraussetzungen schaffen. Die Mordserie des rechtsterroristischen  
NSU sowie andere rassistische und rechtsextremistische Terrorakte  
in Deutschland – zum Beispiel die Morde in Hanau – sind nach wie  
vor nicht vollständig aufgearbeitet. Deshalb richten wir nach dem  
Vorbild der Stasi-Unterlagen-Behörde ein Archiv über rechten Terror  
ein, in dem auch die Dokumente und Ergebnisse der 13 parlamen-  
tarischen Untersuchungsausschüsse zum NSU ausgewertet werden  
und die langfristig Wissenschaftler\*innen, Journalist\*innen und der  
Zivilgesellschaft zugänglich sind. Unsere Solidarität gilt allen Opfern  
und Betroffenen von rechtsterroristischen, extrem rechten und ras-  
sistischen Angriffen. Wir wollen daher auf Bundesebene einen Fonds  
für Opfer und Betroffene, insbesondere rechtsextremer, rassistischer  
oder islamistischer Gewalt, einrichten.  
Vor Terrorismus schützen  
Jede Form politisch motivierter Gewalt gefährdet unseren Rechts-  
staat. Insbesondere durch Terrorismus von gewaltbereiten Rechts-  
extremist\*innen und Islamist\*innen ist die öffentliche Sicherheit in  
Deutschland bedroht. Um die offene Gesellschaft, unsere Demokra-  
tie und die Menschen zu schützen, müssen wir Terror entschieden  
bekämpfen – durch effektive intersektional ausgerichtete Präven-  
tionsarbeit, bessere Vernetzung der Sicherheitsbehörden und eine  
konsequente Überwachung von sogenannten Gefährder\*innen. Dazu  
braucht es eine europäisch abgestimmte Definition des Gefährder-  
begriffs mit rechtlich überprüfbaren Ein- und Ausstufungskriterien.  
Gefährder\*innen müssen engmaschig überwacht werden. Ziel ist,  
dass gegenüber Gefährder\*innen offene Haftbefehle konsequent  
vollstreckt und laufende Verfahren über Ländergrenzen hinweg  
zusammengezogen werden. Die Kooperation und Kommunikation  
zwischen den Sicherheitsbehörden, auch über Ländergrenzen, muss  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN198Kapitel 5  
Bereit, weil Ihr es seid.  
reformiert werden, wozu die Schaffung rechtlicher Grundlagen für die  
Terrorabwehrzentren GTAZ und GETZ gehört. Jenseits der Terrorab-  
wehr lehnen wir Grundrechtseingriffe aufgrund einer Einstufung als  
sogenannte\*r Gefährder\*in ab. Aussteigerprogramme für Menschen  
aus der rechtsextremistischen und islamistischen Szene werden wir  
ebenso ausbauen wie Hilfs- und Beratungsangebote für Opfer und  
deren Angehörige. Es braucht ein bundeseinheitliches, professionali-  
siertes Präventions- und Deradikalisierungsnetzwerk – analog zu den  
zivilgesellschaftlichen Trägern, die sich bereits besser als die politi-  
schen Ebenen in Bund und Ländern vernetzt haben. Prävention und  
Deradikalisierung in Haftanstalten wollen wir stärken. Um Attentate  
zu erschweren, werden wir illegalen Waffenhandel, auch und gerade  
auf Online-Marktplätzen, verstärkt verfolgen.  
Mehr Sicherheit durch weniger Waffen  
In Deutschland gibt es über fünf Millionen legale Waffen. Jedes Jahr  
sterben Menschen auch durch legale Waffen, beim Hantieren mit  
ihnen oder durch Straftaten. Diese reichen von häuslicher Gewalt  
über Amokläufe bis hin zu extremistischen Attentaten. Solche Straf-  
taten werden nicht unbedingt durch die berechtigten Legalwaffen-  
besitzer\*innen begangen, sondern auch durch Menschen, die sich  
rechtswidrig Zugang zu diesen Waffen verschaffen, weil sie über ent-  
sprechende Zugänge, zum Beispiel im gemeinsamen Haushalt, verfü-  
gen. Um ein valides Bild über die Dimensionen und Ursachen solcher  
Straftaten zu erhalten, braucht es eine verbesserte kriminalstatistische  
Erfassung. Es muss dokumentiert werden, ob eine Straftat mit einer  
legalen oder illegalen Schusswaffe begangen wurde, ob es bei der Tat  
auch zu einer Schussabgabe kam und ob die oder der Tatverdächtige  
berechtigt war, die Waffe zu besitzen oder nicht. Jeder Mensch, der  
durch eine Waffe stirbt, ist einer zu viel. Deshalb wollen wir die Ver-  
fügbarkeit von tödlichen Schusswaffen – außer für Jäger\*innen, die  
ohne diese Waffen ihre Aufgaben nicht erfüllen können – schrittweise  
beenden. Auch im Bereich des Schießsports setzen wir uns im Dialog  
mit Sportschütz\*innen für die Umstellung auf nichttödliche Schuss-  
waffen ein.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN199Kapitel 5  
Bundestagswahlprogramm 2021  
Bevölkerungsschutz krisenfest machen  
Deutschland verfügt über ein herausragendes Netz von Akteur\*innen,  
die im Katastrophenfall handlungsfähig sind. Das Rückgrat hierfür  
bilden die überwiegend freiwilligen Mitglieder der Hilfsorganisati-  
onen, Feuerwehren und des Technischen Hilfswerks. Die Klimakrise  
und die Herausforderungen unserer modernen Gesellschaft setzen  
dieses System unter Druck. Gerade länderübergreifende Katastro-  
phen, wie Pandemien, Hochwasserereignisse, Waldbrände oder flä-  
chendeckende Stromausfälle, haben ein enormes Schadenspotenzial  
und erfordern koordiniertes Handeln, wenn einzelne Länder an ihre  
Grenzen stoßen. Wir wollen, dass sich der Bund hier stärker engagiert  
und das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe  
mehr Kompetenzen bekommt. Das freiwillige und Spontanhelfer\*in-  
nen-Engagement wollen wir weiter stärken und für digitale Bereiche,  
zum Beispiel über ein Cyber-Hilfswerk, fit machen. Außerdem setzen  
wir uns für eine Stärkung des gesundheitlichen Bevölkerungsschut-  
zes ein, um die interdisziplinäre Bekämpfung von zukünftigen Pande-  
mien sicherzustellen.  
Schutz für Whistleblower\*innen  
Abgasmanipulationen, Missstände in Pflegeeinrichtungen, der Ver-  
kauf von Facebook-Nutzerdaten – kaum einer der großen Wirtschafts-  
skandale der vergangenen Jahre wäre ohne die Hinweise aus den  
Unternehmen überhaupt an die Öffentlichkeit gelangt. Missstände in  
Unternehmen, Behörden und anderen Bereichen wie Doping im Sport  
bis hin zu kriminellen Aktivitäten in Unternehmen und Behörden  
brauchen mutige Menschen, die sie ans Licht bringen. Diese „Whistle-  
blower\*innen“ müssen im Interesse von uns allen besser vor Repres-  
salien aus dem Aus- und Inland, gesundheitlichen, finanziellen und  
sozialen Folgen ihrer Meldung geschützt werden. Das werden wir mit  
einem Hinweisgeberschutzgesetz, das die EU-Whistleblower-Richt-  
linie ambitioniert und umfassend auch für das gesamte nationale  
Recht umsetzt, erreichen. Darin festgeschrieben sind ein zweistufiges  
Meldeverfahren sowie ein Entschädigungsfonds, mit dem das per-  
sönliche Risiko minimiert wird. Die Furcht vor einem ökonomischen  
und persönlichen Schaden als Hemmnis für eine Hinweisgabe soll so  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN200Kapitel 5  
Bereit, weil Ihr es seid.  
abgebaut und potenzielle Hinweisgeber\*innen sollen ermutigt wer-  
den. Wir wollen, dass Whistleblower\*innen wie Edward Snowden, dem  
wir die Aufdeckung der weltweiten Ausspähung und Massenüberwa-  
chung durch zahlreiche Nachrichtendienste zu verdanken haben, frei  
und sicher in einem demokratischen Land leben können, und ihnen  
dies auch in Deutschland anbieten.  
Zielgerichtete Abwehr konkreter Gefahren  
Ein funktionierender, demokratischer Rechtsstaat muss Sicherheit  
gewährleisten und die ihn konstituierenden Freiheitsrechte wahren.  
Wir stehen für eine rationale Sicherheits- und Kriminalpolitik, die  
Rechtsgüter vor realen Beeinträchtigungen schützt, konkrete Gefah-  
ren anlassbezogen und zielgerichtet abwehrt sowie eine verhältnis-  
mäßige Strafverfolgung gewährleistet, statt die Bevölkerung mit  
pauschaler Massenüberwachung unter Generalverdacht zu stellen.  
Sicherheitsgesetze müssen auf den Prüfstand, zukünftig auf vali-  
der Empirie beruhen und hinsichtlich ihrer Wirksamkeit regelmäßig  
unabhängig evaluiert werden. Wir stellen dazu eine Überwachungs-  
gesamtrechnung auf, die laufend fortgeführt wird. Den Einsatz bio-  
metrischer Identifizierung im öffentlichen Raum, wie beispielsweise  
Gesichtserkennung, lehnen wir ebenso wie die undifferenzierte Aus-  
weitung der Videoüberwachung, die anlasslose Vorratsdatenspeiche-  
rung, generelle Hintertüren in digitalen Geräten und Anwendungen  
oder das Infiltrieren von technischen Geräten (Online-Durchsuchung  
bzw. Quellen-TKÜ) ab. Zudem soll eine Verpflichtung eingeführt  
werden, Sicherheitslücken zu melden und aktiv auf ihre Behebung  
hinzuwirken. Unternehmen dürfen nicht dazu verpflichtet werden,  
die IT-Sicherheit und Netzintegrität auf Kosten der Allgemeinheit  
zu gefährden. Wir streiten für eine technisch und personell gut aus-  
gestattete und zielgerichtete Polizeiarbeit auf klaren Rechtsgrund-  
lagen. Damit stärken wir auch die Rechtssicherheit für die Arbeit der  
Behörden und schaffen Vertrauen. Die digitale Kompetenz in den  
Sicherheitsbehörden wollen wir stärken, damit bestehende Möglich-  
keiten zur Verbrechensverhütung und -aufklärung effektiv angewen-  
det werden.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN201Kapitel 5  
Bundestagswahlprogramm 2021  
Wir garantieren den Rechtsstaat  
und stärken den Verbraucherschutz  
Konsequent gegen Korruption  
Korruption, Steuerhinterziehung, Geldwäsche oder Manipulationen  
im Finanzmarkt sind Rechtsverstöße, die verheerende Auswirkun-  
gen auf den Wettbewerb und den freien Markt, für Umwelt und Men-  
schen(rechte) haben können. Wirtschaftsstraftaten machen einen  
Großteil der polizeilich erfassten finanziellen Schädigungen aus. Bei  
Rechtsverstößen werden wir Unternehmen deshalb künftig wirksa-  
mer zur Rechenschaft ziehen. Ziel ist, die bereits verstreut bestehen-  
den Regelungen in einem eigenständigen Gesetz gegen Wirtschafts-  
kriminalität zusammenzufassen und zu ergänzen. Um zu verhindern,  
dass Rechtsverstöße von Unternehmen wegen organisierter Unver-  
antwortlichkeit nicht geahndet werden können, soll künftig auch an  
das Organisationsverschulden angeknüpft werden können. Die Pflicht  
zum Nachweis der legalen Herkunft großer Zahlungen wollen wir  
verstärken. Sanktionen müssen gemäß den EU-Vorgaben wirksam,  
angemessen und abschreckend sein, zum Beispiel indem unrechtmä-  
ßiger Gewinn bei der Abschöpfung geschätzt werden darf und die  
nötigen Ressourcen dafür bereitgestellt werden. Den Sanktionskata-  
log wollen wir um weitere Maßnahmen, wie den Ausschluss von der  
Vergabe öffentlicher Aufträge, die Schadenswiedergutmachung sowie  
verpflichtende Vorkehrungen für Unternehmen zur Verhinderung von  
Straftaten, erweitern und ein öffentliches Sanktionsregister einführen.  
Rechtsschutz für jede\*n, Gruppenklagen einführen  
Menschen müssen ihr Recht auch gegenüber wirtschaftlich Stärke-  
ren wirksam durchsetzen können, zum Beispiel in Fällen wie dem  
Diesel-Abgas-Betrug. Dazu führen wir die Gruppenklage ein, damit  
Menschen auch bei kleineren, aber massenhaft auftretenden Schäden  
effektiv zu ihrem Recht kommen und zum Beispiel Schadensersatz  
bekommen. Die bisher eingeführten kollektiven Klageverfahren, wie  
die Musterfeststellungsklage, die nur Verbraucher\*innen zusteht, und  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN202Kapitel 5  
Bereit, weil Ihr es seid.  
das Kapitalanleger-Musterverfahrensgesetz, sind unzureichend. Die  
immer beliebtere und oft wirkungsvolle Rechtsdurchsetzung durch  
Legal-Tech-Unternehmen kann andererseits vielen Menschen schnell  
und unkompliziert zu ihrem Recht verhelfen. Den kollektiven Rechts-  
schutz wollen wir deshalb verallgemeinert und vereinheitlicht in die  
Zivilprozessordnung integrieren und die Bündelung individueller  
Ansprüche im Rahmen einer Gruppenklage ermöglichen. Für eine bes-  
sere Durchsetzung des Rechts sollen die Zugangsschranken gesenkt,  
die Verfahren vereinfacht sowie die Beratungs- und Prozesskosten-  
hilfe gestärkt werden. Die Verbandsklage-Richtlinie der EU setzen  
wir verbraucherfreundlich und zügig in nationales Recht um. Die Aus-  
wirkungen unterschiedlicher Finanzkraft der Parteien, Möglichkeiten  
der Prozessverzögerung und der Einfluss von tatsächlich betroffenen  
Dritten (zum Beispiel Versicherungen) auf Gerichtsverfahren müssen  
minimiert werden.  
Strafrechtliche Sanktionen mit Vernunft und Augenmaß  
Wir überprüfen die Wirkungen der Straf- und Strafverfahrensrechts-  
Änderungen der letzten Jahre anhand des Maßstabs rationaler, fakten-  
basierter Kriminalpolitik und reformieren das Sanktionensystem mit  
dem Ziel von Prävention und Resozialisierung. Dazu gehören Verzicht  
auf nutzlose Ersatzfreiheitsstrafen, größere Wirksamkeit von Bewäh-  
rungsauflagen und Stärkung von ambulanten Sanktionsmöglichkeiten.  
Kinderschutz vor Gericht verbessern  
In familienrechtlichen Verfahren werden Entscheidungen getroffen,  
die erhebliche Auswirkungen auf das weitere Leben von Kindern  
und ihren Familien haben können. Häusliche Gewalt muss in Ent-  
scheidungen über Besuchs- und Sorgerecht berücksichtigt werden.  
Es gilt den Kinderschutz vor Gericht zu stärken und die Meinung von  
Kindern zu berücksichtigen. Anhörungen müssen kindgerecht ausge-  
staltet sein und mehrfache Befragungen nach Möglichkeit vermieden  
werden. Im familiengerichtlichen Verfahren braucht es entsprechende  
interdisziplinäre Angebote, wie zum Beispiel Childhood-Häuser. Wir  
machen einerseits die Fortbildungen für Familienrichter\*innen ver-  
bindlich und werden diese andererseits beim Arbeitspensum der  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN203Kapitel 5  
Bundestagswahlprogramm 2021  
Richter\*innen berücksichtigen. Auch in Kindschaftssachen wollen wir  
die Rechtsbeschwerdemöglichkeit zum Bundesgerichtshof herstellen.  
In Strafverfahren wollen wir die Opferrechte von Kindern weiter stär-  
ken. Sexualisierte Gewalt gegen Kinder muss konsequent aufgeklärt  
und verfolgt werden, vor allem durch mehr – insbesondere auch auf  
Internetkriminalität spezialisiertes – Personal bei Polizei und Staats-  
anwaltschaften.  
Vor Kostenfallen schützen, Online-Kündigung mit nur  
einem Klick  
Online-Verträge kann man mit einem Klick abschließen, die Kündi-  
gung bedarf aber der Textform. Auch lange Mindestlaufzeiten und  
automatische Vertragsverlängerungen um ein Jahr sind alles andere  
als verbraucherfreundlich. Immer noch werden Verbraucher\*innen an  
Telefon oder Haustür überrumpelt und ihnen ungewollte Verträge  
untergeschoben. Wir wollen Verbraucher\*innen vor Vertragsfallen  
schützen und durchsetzen, dass die Online-Kündigung so einfach ist  
wie die Online-Bestellung. So wie es einen Bestellbutton gibt, muss  
es auch einen Kündigungsbutton geben sowie eine verpflichtende  
Eingangsbestätigung für Online-/E-Mail-Kündigungen. Vertrags-  
laufzeiten und automatische Verlängerungen müssen verkürzt wer-  
den – zugunsten des Verbraucherschutzes und des Wettbewerbs. Wir  
wollen die maximale Mindestlaufzeit von Verträgen von zwei Jahren  
halbieren und die stillschweigende Vertragsverlängerung von einem  
Jahr auf einen Monat verkürzen. Telefonisch abgeschlossene Verträge  
sollen erst gelten, wenn sie nachträglich bestätigt werden. Auch vor  
unseriösen Haustürgeschäften wollen wir Verbraucher\*innen besser  
schützen.  
Ein Recht auf Reparatur  
Von der Waschmaschine bis zum Handy – viele Geräte landen schon  
nach kurzer Zeit auf dem Müll, weil sie schnell kaputtgehen, nicht  
reparierbar sind oder keine Softwareupdates mehr angeboten wer-  
den. Das ärgert die Verbraucher\*innen, es verschwendet wertvolle  
Ressourcen und verursacht Berge von Elektroschrott. Wir setzen statt-  
dessen auf Qualität und Langlebigkeit. Durch ein Recht auf Reparatur  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN204Kapitel 5  
Bereit, weil Ihr es seid.  
wollen wir Elektroschrott von vornherein vermeiden. Die Grundlage  
dafür sind verbindliche Designvorgaben, damit elektronische Geräte  
so gestaltet sind, dass sie möglichst langlebig, reparierbar und recyc-  
lingfähig sind. Dabei darf es nicht nur um die Hardware eines Geräts  
gehen. Mindestens für die erwartbare Lebensdauer müssen Ersatz-  
teile und Softwareupdates kostengünstig erhältlich sein. Ein Label  
soll erkennbar und vergleichbar machen, wie lange Ersatzteile und  
Softwareupdates zur Verfügung gestellt werden. Durch die Verdopp-  
lung der Gewährleistungsfristen auf vier Jahre, die Erweiterung der  
Beweislastumkehr auf zwei Jahre und eine Angabe der vom Hersteller  
vorgesehenen Lebensdauer wollen wir erreichen, dass Geräte für eine  
längere Lebensdauer gebaut werden. So werden wir die Spielräume  
der EU-Vorgaben voll ausschöpfen und uns gleichzeitig für mehr  
Verbraucherschutz in der EU engagieren. Außerdem werden wir den  
reduzierten Mehrwertsteuersatz für Reparaturdienstleistungen ein-  
führen und uns auf EU-Ebene für die Ausweitung auf die Reparatur  
von Elektrogeräten einsetzen.  
Finanzberatung im Interesse der Kund\*innen  
Häufig werden Kund\*innen Finanz- und Versicherungsprodukte ver-  
mittelt, die am persönlichen Bedarf vorbeigehen. Diese Produkte sind  
häufig gut für die Gewinne der Banken und Versicherungen, aber  
schlecht für die Kund\*innen. Wir wollen die Finanzberatung vom Kopf  
auf die Füße stellen. Dafür schaffen wir ein einheitliches und trans-  
parentes Berufsbild für Finanzberater\*innen. Alle Vermittler\*innen  
und Berater\*innen sollen künftig von der BaFin beaufsichtigt wer-  
den. Wir wollen weg von der Provisionsberatung und schrittweise zu  
einer unabhängigen Honorarberatung übergehen. Dafür schaffen wir  
eine gesetzliche Honorarordnung, die Finanzberater\*innen stärkt und  
unabhängiger macht. Zusammen mit den Verbraucherzentralen und  
der Branche entwickeln wir Honorarmodelle (Ratenzahlungen, Flat-  
rates), die zu Lebenssituation und Präferenzen der Menschen passen,  
und senken mit Standardprodukten in der Altersvorsorge die Kos-  
ten insbesondere für Menschen mit kleinen und mittleren Einkom-  
men. Die Finanzaufsicht soll von der Möglichkeit, den Vertrieb von  
schädlichen irreführenden Finanzprodukten zu untersagen, häufiger  
Gebrauch machen und für mehr Finanzbildung sorgen. Zusätzlich  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN205Kapitel 5  
Bundestagswahlprogramm 2021  
wollen wir die Kompetenzen der BaFin im Verbraucherschutz stärken  
und die Beteiligungsrechte des Verbraucherbeirats ausweiten. Über-  
höhte Dispozinsen und Gebühren, insbesondere für das Basiskonto,  
werden wir begrenzen.  
Wir fördern die Kultur,  
die Künste und den Sport  
Krisenfeste Strukturen für die Kultur  
Die Künste sind frei und müssen keinen Zweck erfüllen. Sie sind  
gleichzeitig von zentraler Bedeutung für die Selbstreflexion der  
Gesellschaft, den Zusammenhalt und die Persönlichkeitsbildung der/  
des Einzelnen. Wir wollen, dass die Kulturlandschaft nach der Pan-  
demie mit ihren monatelangen Schließungen zu neuer Lebendigkeit,  
Vielfalt und Reichhaltigkeit findet und Kultur und kulturelle Bildung  
endlich selbstverständlicher Teil der Daseinsvorsorge werden. Deswe-  
gen wollen wir Kultur als Staatsziel im Grundgesetz verankern. Eine  
nachhaltige (Wiederaufbau-)Strategie muss die Kommunalfinanzen  
als eine wichtige Grundlage für das Kulturleben stärken, das Zuwen-  
dungsrecht reformieren, mehr Kooperationen zwischen Bund, Ländern  
und Kommunen bei der Finanzierung von Kultureinrichtungen und  
-projekten ermöglichen sowie einen Fonds zum Schutz von Kultur-  
einrichtungen vor Verdrängung und Abriss einrichten, der Kulturorte  
wie beispielsweise Clubs langfristig absichert. Die öffentliche Kultur-  
förderung soll künftig partizipativ, inklusiv und geschlechtergerecht  
abgestimmt sowie nach transparenten Kriterien angelegt sein. Ebenso  
braucht es eine gleiche Wertschätzung bei der Finanzierung und den  
Rahmenbedingungen für alle Kulturformen und -sparten, für die freie  
Szene und institutionell geförderte Kultureinrichtungen.  
Kulturschaffende und Kreative besser absichern  
Die Corona-Krise zeigt, unter welch prekären Bedingungen viele Kul-  
tur- und Medienschaffende arbeiten. Für eine vielfältige Kulturland-  
schaft braucht es eine Absicherung, die Freiräume bietet und künst-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN206Kapitel 5  
Bereit, weil Ihr es seid.  
lerisches und kreatives Schaffen ermöglicht. Wir setzen uns für gute  
Arbeits- und Ausbildungsbedingungen und faire Bezahlung ein, damit  
an privaten und insbesondere öffentlichen Kulturinstitutionen pre-  
käre Arbeitsverhältnisse überwunden werden. Solo-Selbständige und  
Kulturschaffende sollen für die Zeit der Corona-Krise mit einem Exis-  
tenzgeld von 1.200 Euro im Monat abgesichert werden. Eine Absiche-  
rung braucht es aber auch darüber hinaus. Die Künstlersozialkasse  
(KSK) muss finanziell gestärkt, Rechtssicherheit für die Mitgliedschaft  
in der KSK, auch für Künstler\*innen, die nur zeitweise für Produktionen  
versicherungspflichtig angestellt sind, geschaffen und die freiwillige  
Weiterversicherung für Selbständige in der Arbeitslosenversicherung  
vereinfacht werden. Es muss sichergestellt werden, dass Urheber\*in-  
nen für ihre Werke eine angemessene Vergütung erhalten. Eine ange-  
messene Beteiligung, insbesondere an den Gewinnen der Vertriebs-  
plattformen, sorgt dafür, dass Kultur- und Medienschaffende weiter  
an ihren Werken verdienen können. Nutzer\*innen sollen bei digitalen  
Inhalten bei der Ausleihe und Weiterveräußerung nicht schlechter-  
gestellt werden als bei analogen Gütern. Aus diesem Grund sollen  
Bibliotheken unter denselben Bedingungen E-Books verleihen dürfen,  
die sich für physische Bücher bewährt haben, ohne dafür Lizenzver-  
träge abschließen zu müssen.  
Kultur in der Gesellschaft  
Aktives Kulturleben ist die Basis von demokratischen Gesellschaf-  
ten. Hier findet die Auseinandersetzung darüber statt, wie wir leben  
wollen. Deshalb muss die Gesellschaft in ihrer ganzen Vielfalt im  
Kulturschaffen sichtbar sein. Wir wollen Kultureinrichtungen öffnen  
und stärken, damit jede\*r einfachen Zugang zu ihnen hat und ihre  
Angebote nutzen und gestalten kann. Bestehende soziale, finanzielle  
oder bauliche Hürden müssen dafür abgebaut werden, etwa durch  
den kostenlosen Eintritt für Schüler\*innen in staatlichen Museen,  
durch die Sonntagsöffnung von öffentlichen Bibliotheken oder durch  
einen Kulturpass für Menschen mit geringem Einkommen. Wir wollen  
gerade solche Kulturangebote kontinuierlich und flächendeckend för-  
dern, die die Situation und die Bedürfnisse in ihrer Stadt oder ihrer  
Gemeinde mitdenken und das als ihre zentrale Zukunftsaufgabe ver-  
stehen. In ländlichen Regionen, aber auch in urbanen Zentren sollen  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN207Kapitel 5  
Bundestagswahlprogramm 2021  
Kultureinrichtungen Knotenpunkte von Begegnungen und zu soge-  
nannten „Dritten Orten“ werden, die auch Menschen einen Zugang  
zu Kultur ermöglichen, die davon bislang wenig profitieren. Bei der  
Besetzung von Intendanzen, bei der Zusammensetzung von staat-  
lich geförderten Kulturbetrieben, bei der Vergabe von Stipendien und  
Werksaufträgen und bei staatlichen Jurys wollen wir eine Quoten-  
regelung einführen, um Geschlechtergerechtigkeit zu gewährleisten,  
sowie flache Hierarchien und partizipative Strukturen fördern. Zudem  
muss auf angemessene Repräsentanz der vielfältigen Gesellschaft  
geachtet werden. Themen wie Nachhaltigkeit, Diversität und inklusive  
Teilhabe müssen fester Bestandteil der Ausbildung zu Kulturberufen  
sein. Auch kulturelle Vielfalt sowie Transkulturalität, also die gegen-  
seitige Durchdringung von Kulturen, wollen wir fördern.  
Den Kulturbetrieb ökologischer machen  
Der Kulturbetrieb und die Künste können eine wichtige Rolle bei  
der Bewältigung der Klimakrise spielen. Es gibt viele Initiativen und  
Akteur\*innen, die mit großem Einsatz versuchen, ressourcenschonen-  
der zu arbeiten und den Kulturbetrieb ökologisch auszurichten. Die-  
ses Engagement werden wir durch eine zentrale Beratungsstelle, den  
Green Culture Desk, unterstützen und einen Green-Culture-Fonds als  
Förderinstrument einrichten. Künstler\*innen geben außerdem wich-  
tige Impulse für die nachhaltige Transformation. Wir wollen im Sinne  
eines Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit ein Instrument zur ressort-  
übergreifenden, transdisziplinären Förderung schaffen, das den Auf-  
bau von langfristigen Strukturen ermöglicht sowie freie Experimen-  
tier- und Handlungsräume schafft. Damit sind auch hybride Modelle  
der Kooperation zwischen Künstler\*innen, Wissenschaftler\*innen und  
Akteur\*innen der Zivilgesellschaft gemeint.  
Film- und Kinokultur stärken und ins digitale Zeitalter führen  
Den Film als prägendes Medium des Bewegtbildes und Kinos als  
öffentliche Kulturorte wollen wir angesichts des schnellen Wandels  
der Produktions- und Vertriebsformen stärken. Um die künstlerische  
Qualität und Anziehungskraft des deutschen und europäischen Films  
zu steigern, vereinfachen wir Entscheidungsprozesse: Wir entflech-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN208Kapitel 5  
Bereit, weil Ihr es seid.  
ten die Struktur aus Fernsehsendern und einer Vielzahl an Gremien  
zugunsten kriterienbasierter, automatischer Förderungen und richten  
unser Augenmerk verstärkt auf die Förderung von Stoffen und Dreh-  
büchern sowie des Nachwuchses. Verbindliche Quoten sorgen dafür,  
dass Frauen im Film gleiche Chancen haben. Soziale Mindeststan-  
dards und faire Verwertungswege verbessern die ökonomische Lage  
der Filmschaffenden. Ökologische Produktion wird mit finanziellen  
Anreizen belohnt. Kinos und Festivals unterstützen wir durch verläss-  
liche Förderinstrumente.  
Erinnerungskultur stärken und öffnen  
Erinnerungskultur trägt entscheidend zur Selbstverständigung und  
zum Zusammenhalt bei und ist eine grundlegende Voraussetzung für  
den Schutz unserer Demokratie. Doch noch immer gibt es Leerstellen  
in der Aufarbeitung der deutschen Verbrechensgeschichte. Der Natio-  
nalsozialismus muss weiter konsequent aufgearbeitet werden. Bis-  
her wenig beachtete Opfergruppen wie die sogenannten „Asozialen“,  
„Berufsverbrecher“ und „Euthanasie“-Opfer wollen wir würdigen und  
durch eine angemessene Entschädigung anerkennen. Ihre Lebensge-  
schichten sowie die Tatorte der Morde sollen erforscht und gekenn-  
zeichnet werden. Die finanzielle Förderung der Forschungsarbeiten,  
die Weiterentwicklung der pädagogischen und wissenschaftlichen  
Arbeit der Gedenkstätten sowie die weitere Aufarbeitung und Rück-  
gabe von NS-Raubkunst stehen im Mittelpunkt. Dazu gehört auch,  
den weiteren Verpflichtungen gegenüber Ländern, die unter der deut-  
schen Besatzung gelitten haben, nachzukommen. Auch die SED-Dik-  
tatur soll durch die Fortsetzung der Forschung und der politischen  
Bildungsarbeit an den Außenstellen des Bundesbeauftragten für  
die Stasi-Unterlagen weiter aufgearbeitet werden. Erinnerungsorte  
an die friedliche Revolution von 1989, die deutsche Wiedervereini-  
gung und die folgenden tiefgreifenden Transformationsprozesse in  
Ostdeutschland werden wir in Bundesträgerschaft fördern. Auch die  
regionalen Aufarbeitungsinitiativen wollen wir stärker in ihrer Arbeit  
unterstützen und setzen uns für unbürokratische und höhere Ent-  
schädigungsleistungen für die Opfer und Verfolgten der SED-Diktatur  
ein. Wir wollen außerdem rechtliche Regelungen für die Rückgabe  
von Raubkunst der NS- und der DDR-Zeit schaffen. Durch eine zen-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN209Kapitel 5  
Bundestagswahlprogramm 2021  
trale Erinnerungs- und Lernstätte werden wir die Kontinuitäten des  
Kolonialismus ins Bewusstsein rücken und so eine gesellschaftliche  
Debatte über unser koloniales Erbe fördern, die eine antirassistische  
Perspektive auf Geschichte und Gesellschaft ermöglicht. Dazu sind die  
kritische Aufarbeitung der kolonialen Verbrechen und die Dekoloni-  
sierung öffentlicher Räume zentral und es bedarf einer umfänglichen  
Provenienzforschung, Digitalisierung und transparenten Veröffentli-  
chung sowie verbindlicher Regelungen zur Restitution von Kulturerbe  
aus kolonialen Kontexten. Das gelingt nur in enger Zusammenarbeit  
mit den Nachkommen und zivilgesellschaftlichen Initiativen der ehe-  
mals Kolonisierten und Geschädigten weltweit. Gleichzeitig muss sich  
die deutsche Erinnerungskultur für die vielfältigen Erfahrungen und  
Geschichten der Menschen öffnen, die nach Deutschland eingewan-  
dert sind oder deren Geschichte mit der deutschen verwoben ist, und  
das Gedenkstättenkonzept muss entsprechend weiterentwickelt wer-  
den. Wir werden uns auch für eine aktive Erinnerungskultur in allen  
öffentlichen Institutionen einsetzen.  
Ein Entwicklungsplan für den Sport  
Im Sport, dem größten Träger der organisierten Zivilgesellschaft und  
des freiwilligen Engagements, werden täglich demokratische Werte  
wie Gemeinsamkeit, Toleranz, Integration, Inklusion, Engagement und  
Gesundheitsprävention gelebt und vermittelt. Damit übernimmt der  
Sport eine herausragende Rolle für das gesellschaftliche Zusammen-  
leben. Dies werden wir fördern und bessere Rahmenbedingungen  
schaffen. Wir setzen uns dafür ein, dass sich die Teilhabe von Frauen  
im Sport und die Diversität von Sportler\*innen und Athlet\*innen auch  
in der Besetzung von Entscheidungsgremien niederschlägt. Wir wol-  
len Ideen und Energien bündeln und zusammen mit den Sportverbän-  
den, Ländern, Kommunen, der Wissenschaft und unter Beteiligung der  
Bürger\*innen einen Entwicklungsplan Sport erarbeiten und umset-  
zen – ähnlich dem Goldenen Plan aus den 1960ern. Ein besonderer  
Fokus muss dabei vor allem auf strukturschwachen Regionen, gerade  
in Ostdeutschland, liegen, denn die Diskrepanz zwischen Ost und  
West ist beim Breitensport auch 30 Jahre nach der friedlichen Revo-  
lution ein Problem. Ausreichend vorhandene und barrierefreie Sport-  
stätten und Bewegungsräume zählen in Städten und ländlichen Räu-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN210Kapitel 5  
Bereit, weil Ihr es seid.  
men zur Daseinsvorsorge, deshalb wollen wir, dass Bewegungs- und  
Sportflächen in der Wohnungsbaupolitik und Quartiersplanung fest  
verankert und die bestehenden Anlagen unter Beachtung der ener-  
getischen Vorschriften durch die Kommunen saniert werden können.  
Dazu gehören auch insbesondere Schwimmsportstätten, denn unser  
Anspruch ist, dass jedes Kind schwimmen lernen kann. Das wollen  
wir mit einem Bundesprogramm zur Sanierung und Instandsetzung  
von Schwimmstätten erreichen. Sportgroßveranstaltungen sollen  
klimaneutral, sozial, nachhaltig und menschenrechtskonform ermög-  
licht, ihre Kosten transparent dargestellt werden, sodass sie auch  
einen bleibenden Infrastrukturgewinn für die Bürger\*innen vor Ort  
schaffen. Dafür braucht es eine bundesweit einheitliche und föderal  
abgestimmte Gesamtstrategie, bei der von Beginn an Bürger\*innen-  
beteiligung Teil der Planung ist. Das Prinzip Prävention ist die beste  
Vorsorge, daher wollen wir für alle zugängliche öffentliche Bewe-  
gungsräume unterstützen, die es auch Menschen mit einem gerin-  
gen Einkommen ermöglichen, Sport zu betreiben. E-Sport ist längst  
kein Nischenthema mehr und begeistert immer mehr Menschen.  
Wir wollen neue Wege in Sport- und Jugendvereinen ermöglichen –  
mit der Anerkennung der Gemeinnützigkeit für E-Sport stärken wir  
ehrenamtliches Engagement. Potenziale für Nachwuchsgewinnung  
in IT- und Kreativwirtschaft wollen wir aktivieren. Die Entwicklungen  
von E-Sport und Gaming werden wir insbesondere im Hinblick auf  
Diversität, Nachhaltigkeit, Jugendschutz sowie Medienkompetenz för-  
dern und zusammen mit Gamer\*innen, Verbänden und Wissenschaft  
gestalten; gemeinsam mit allen Akteur\*innen stellen wir uns gegen  
Diskriminierung und Hatespeech.  
Spitzensport braucht Breitensport  
Ein starker Breitensport braucht Vorbilder. Im Leistungssport muss es  
um die bestmögliche Förderung von Talenten gehen und nicht allein  
um die Fixierung auf eine bestimmte Medaillenanzahl. Deshalb wol-  
len wir bei der Förderung des Spitzensports die Bedingungen und  
Perspektiven für Leistungssportler\*innen insbesondere für den Nach-  
wuchs in den Mittelpunkt stellen. Die bisherigen staatlichen Beschäf-  
tigungsmöglichkeiten für Leistungssportler\*innen werden durch zivile  
Alternativen ergänzt. Die wichtige soziale und pädagogische Arbeit  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN211Kapitel 5  
Bundestagswahlprogramm 2021  
von Trainer\*innen im Ehrenamt und Hauptberuf wollen wir aufwerten.  
Bei der Doping-Prävention und im Anti-Doping-Kampf stärken wir die  
NADA und fordern auf internationaler Ebene weitreichende Reformen  
der WADA, die ihre Aufgaben vollständig unabhängig ausführen und  
Athlet\*innen echte Mitbestimmung ermöglichen muss. Die Dopingver-  
gangenheit gilt es lückenlos aufzuklären, Dopingopfer unterstützen  
wir angemessen. Auch Korruptionsskandale auf höchster Ebene der  
Sportfunktionär\*innen sowie die zunehmende Kommerzialisierung  
bedrohen den Spitzensport. Gerade beim Fußball als Publikumssport  
gilt es die Partizipationsmöglichkeiten von Fans zu erhöhen und ihn  
wieder stärker gesellschaftlich zu verankern. Deswegen sollen Trans-  
parenz und Good Governance auch im Sport vorangetrieben werden.  
Die Einhaltung von Menschenrechten muss von Sportverbänden auf  
Grundlage der UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte  
umgesetzt und bei der Vergabe von Sportgroßereignissen zur Voraus-  
setzung gemacht werden. Wir setzen uns für eine nationale Strategie  
gegen psychische, physische und sexualisierte Gewalt im Sport ein, bei  
der der Aufbau eines unabhängigen Zentrums für Safe Sport ein inte-  
graler Bestandteil ist. Gegen Rechtsextremismus und andere Formen  
gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit im Sport gehen wir mit  
einem langfristigen finanziell starken Bundesprogramm vor, das von  
einer unabhängigen Stelle beraten wird. Für die sozialpädagogischen  
Fußballfanprojekte und deren Koordinationsstelle sichern wir verläss-  
liche Rahmenbedingungen. Wir schützen die Bürger\*innenrechte von  
Fans und diese vor ausufernden Datensammlungen und Kollektivstra-  
fen. Noch immer vorhandene sexistische Strukturen müssen aufgebro-  
chen und Sportstätten gendersensibel geplant werden.  
Wir bauen Europa weiter  
Die Zukunft der EU demokratisch gestalten  
Wir sehen Deutschland in einer zentralen und historischen Verantwor-  
tung für den Zusammenhalt und die Fortentwicklung der EU. Zuletzt  
aber wurde von Berlin aus bestenfalls verwaltet, oftmals gebremst.  
Wir wollen die Europapolitik aktiv und koordiniert gestalten – mit  
klarem Wertekompass, entlang einer starken deutsch-französischen  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN212Kapitel 5  
Bereit, weil Ihr es seid.  
Zusammenarbeit und im Zusammenspiel mit unseren europäischen  
Partner\*innen. Unser Ziel ist eine demokratisch gestärkte EU, die  
zusammenhält, voranschreitet und ihr ganzes Gewicht gegen die Kli-  
makrise und das Artensterben in die Waagschale wirft. Wir stehen  
ein für ein vereintes Europa ohne Schlagbäume, denn die Freizügig-  
keit ist eine der größten Errungenschaften des europäischen Pro-  
jekts. In manchen Bereichen kommen wir nur mit unterschiedlichen  
Geschwindigkeiten voran. Die verstärkte Zusammenarbeit im Rah-  
men der Verträge bietet dafür gute Möglichkeiten und muss stets im  
Bestreben, dass sich letztlich alle anschließen können, und mit vollen  
Parlamentsrechten erfolgen. Die Weiterentwicklung europäischer Ins-  
titutionen steht für uns in engem Zusammenhang mit dem Ausbau  
des sozialen Zusammenhalts in der EU. In den kommenden Monaten  
bietet die „Konferenz über die Zukunft Europas“ eine große Chance,  
die europäische Öffentlichkeit zu stärken und gemeinschaftlich mit  
den Bürger\*innen Reformen der EU zu entwickeln. Wir wollen sie nut-  
zen für die nächste Phase der europäischen Integration auf dem Weg  
zur Föderalen Europäischen Republik und um europäische Antworten  
auf die großen Herausforderungen zu formulieren. Die Ergebnisse der  
Konferenz sollen im Rahmen der europäischen Gesetzgebung bis hin  
zu Vertragsänderungen umgesetzt werden.  
Europäisches Parlament stärken  
Die Geschichte der EU ist eine Geschichte zunehmender Legitimität  
der europäischen Institutionen. Unser Ziel ist, die parlamentarische  
Demokratie der Europäischen Union zu stärken: mit einem Parlament,  
das in allen Bereichen gleichberechtigt mit dem Rat entscheidet, ein  
vollwertiges Initiativrecht für die Gesetzgebung und ein starkes Haus-  
haltsrecht erhält. Es soll die Kommission auf Vorschlag der Kommissi-  
ons-Präsident\*in wählen sowie durch ein konstruktives Misstrauens-  
votum entlassen können. Für die Wahlen zum Europäischen Parlament  
setzen wir uns dafür ein, dass die Bürger\*innen mit ihrer Stimme für  
einen Spitzenkandidaten bzw. eine Spitzenkandidatin der Parteien  
auch die/den nächste\*n Präsident\*in der EU-Kommission bestimmen.  
Ein Teil der Abgeordneten soll zukünftig nicht mehr über viele natio-  
nale Listen ins Europaparlament einziehen, sondern über EU-weite,  
transnationale Listen. Wir setzen uns dafür ein, dass die Unionsbür-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN213Kapitel 5  
Bundestagswahlprogramm 2021  
ger\*innenschaft zu einer europäischen Staatsbürger\*innenschaft fort-  
entwickelt wird, sodass Unionsbürger\*innen in den Mitgliedstaaten, in  
denen sie leben, dieselben Rechte und Pflichten genießen. Wir wollen,  
dass alle EU-Bürger\*innen, die ihren dauerhaften Lebensmittelpunkt  
in Deutschland haben, nicht nur bei Kommunal- und Europawahlen,  
sondern perspektivisch auch bei Landtags- und Bundestagswahlen  
wählen dürfen.  
Mit Mehrheitsentscheidungen Blockaden auflösen  
Die Europäische Union braucht mehr Handlungsfähigkeit, um auf  
Augenhöhe mit den heutigen Herausforderungen voranzukommen.  
Blockaden durch einzelne Staaten in Bereichen wie der Außen- und  
Sicherheitspolitik und in Steuerfragen oder auch bei Energie und  
Sozialem können wir uns nicht länger leisten. Solange nationale Ein-  
zelinteressen das europäische Gemeinwohl ausbremsen können, wird  
die EU keine aktivere Rolle, etwa für mehr Steuergerechtigkeit oder  
mehr Verantwortung für Demokratie und Menschenrechte in der Welt,  
übernehmen können. Darum setzen wir uns dafür ein, für alle verblei-  
benden Politikbereiche, in denen heute noch im Einstimmigkeitsprin-  
zip entschieden wird, Mehrheitsentscheidungen in Mitentscheidung  
des Europäischen Parlaments einzuführen. Das ist auch deshalb wich-  
tig, um bei weiteren Erweiterungsrunden der EU deren Handlungsfä-  
higkeit zu sichern. Unser Ziel ist es, die europäischen Institutionen zu  
einem Zweikammersystem weiterzuentwickeln.  
Ein europäisches Vereins- und Gemeinnützigkeitsrecht  
Zum europäischen Gemeinwesen gehört das Zusammenwachsen der  
Zivilgesellschaften. Deshalb setzen wir uns für ein EU-weites Vereins-  
und Gemeinnützigkeitsrecht ein. Ein europäischer Vereinsstatus mit  
klaren Regeln zu Gründung, Gemeinnützigkeit und Auflösung würde  
Vereine dem Schutz der EU unterstellen und nationaler Willkür ent-  
ziehen. Zudem wollen wir die Europäische Bürger\*inneninitiative als  
zentrales Instrument der Teilhabe der Bürger\*innen und der Zivilge-  
sellschaft stärken. So sollen Bürger\*innen die Einberufung von Euro-  
päischen Zukunftskonferenzen oder Bürger\*innenräten fordern kön-  
nen, von denen auch eine Reform der Verträge angeregt werden kann.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN214Kapitel 5  
Bereit, weil Ihr es seid.  
Ist eine Bürger\*inneninitiative erfolgreich, sollte spätestens nach  
einem Jahr und einer Prüfung auf Vereinbarkeit mit den EU-Grund-  
rechten ein Gesetzesvorschlag folgen und im Europaparlament eine  
Plenumsabstimmung über das Ziel der Initiative stattfinden.  
Einflussnahme auf EU-Gesetzgebung transparent machen  
Mehr Transparenz stärkt die europäische Demokratie und das Ver-  
trauen der Bürger\*innen in Politik. Um nachvollziehbar zu machen,  
wofür die Regierungen der Mitgliedstaaten in Brüssel eintreten,  
setzen wir uns für Fristen im Rahmen der Gesetzgebung ein, bis zu  
denen eine öffentliche Debatte im Rat stattgefunden haben muss.  
Dabei müssen alle Regierungen ihre aktuelle Position zum Vorschlag  
der Ratspräsidentschaft vorlegen. In einer deutschen Bundesregie-  
rung gehen wir hierbei mit gutem Beispiel voran. Auch den Zugang  
zu EU-Dokumenten wollen wir substanziell weiterentwickeln. Die EU  
arbeitet bei Interessensvertreter\*innen bereits transparenter als der  
Bundestag. Wir wollen weitere Schritte gehen – mit einem verbind-  
lichen Lobbyregister für alle EU-Institutionen, strikteren Karenzzeiten  
beim Wechsel zwischen Politik und Wirtschaft und einem „legislativen  
Fußabdruck“, durch den die Einflussnahme auf Gesetzgebung über-  
prüfbarer wird, kontrolliert durch eine unabhängige Ethikbehörde, die  
Sanktionen verhängen kann.  
Europäische Grundrechte einklagbar machen  
Die EU ist eine Gemeinschaft der Werte und des Rechts. Wir wollen  
die EU-Grundrechtecharta langfristig gegenüber den Nationalstaaten  
einklagbar machen, um so alle EU-Bürger\*innen in ihren Rechten zu  
stärken. Mit dem EU-Mechanismus für Demokratie, Rechtsstaatlich-  
keit und Grundrechte setzen wir uns für ein stärkeres Instrument ein,  
um Verstöße autoritärer Mitgliedstaaten zu sanktionieren. Aus dem  
jährlichen Rechtsstaatlichkeitsbericht sollen konkrete Maßnahmen  
bis hin zu Vertragsverletzungsverfahren und der Nichtauszahlung von  
Subventionen folgen. Der neu geschaffene Rechtsstaatsmechanismus  
muss sofort zum Einsatz kommen. Kommunen und Regionen sowie  
Nichtregierungsorganisationen sollen dann direkt von der EU geför-  
dert werden können. Bei den Artikel-7-Verfahren zur Rechtsstaatlich-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN215Kapitel 5  
Bundestagswahlprogramm 2021  
keit braucht es substanzielle Fortschritte. Alle Mitgliedstaaten sollen  
sich der Europäischen Staatsanwaltschaft anschließen, wenn sie neue  
EU-Gelder erhalten wollen und öffentlich Rechenschaft über die Emp-  
fänger\*innen von Subventionen ablegen. Jede\*r siebte Europäer\*in  
ist Teil einer nationalen oder Sprachminderheit. Wir unterstützen die  
Minority SafePack Initiative und wollen Minderheitenrechte wie den  
Erhalt von Sprache, Kultur und Identität sowie Namensführung in der  
EU stärken.  
Eine öffentlich-rechtliche Medienplattform in Europa  
Ein zusammenwachsendes Europa braucht eigene, öffentliche digi-  
tale Orte, an denen seine Bürger\*innen zusammenkommen können,  
um sich zu informieren, zu partizipieren, sich zu unterhalten und poli-  
tisch zu diskutieren. Dafür kommen bislang nur kommerziell betrie-  
bene, digitale Plattformen in Frage. Als zeitgemäße Antwort setzen  
wir uns darum für eine europäische, digitale Plattform in öffentli-  
cher Trägerschaft ein. Sie bündelt europaweit qualitativ hochwertige  
Inhalte – werbefrei, offen und mehrsprachig. Basierend auf techni-  
scher Offenheit, Interoperabilität und besten Datenschutzstandards  
kann sie darüber hinaus gerade auch für die Zivilgesellschaft und  
Bildungseinrichtungen als Kommunikationsplattform dienen, um  
Inhalte bereitzustellen und in Informationskampagnen die EU den  
Bürger\*innen näherzubringen. Die Grundlage bildet ein öffentlich-  
rechtlicher Auftrag. Sie arbeitet zusammen mit den nationalen öffent-  
lichen Rundfunkanstalten, um deren Inhalte europaweit zugänglich  
zu machen, und agiert frei von jedweder politischer Einflussnahme.  
Europa der Kommunen und Regionen  
Eine demokratische, vielfältige und bürger\*innennahe EU lebt von der  
Stärke der Kommunen und Regionen. Getreu dem Subsidiaritätsprin-  
zip soll die EU da unterstützen, wo Kommunen an ihre Grenzen sto-  
ßen – aber nicht jeden Lebensbereich regulieren. Die Wettbewerbs-  
regeln des Binnenmarkts dürfen Kommunen nicht zur Privatisierung  
öffentlicher Güter zwingen. In EU-Handelsabkommen braucht es Aus-  
nahmen für die kommunale Daseinsvorsorge sowie für öffentliche  
und soziale Dienstleistungen. Für mehr europaweite Kooperation  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN216Kapitel 5  
Bereit, weil Ihr es seid.  
wollen wir Städtepartnerschaften stärken, INTERREG-Programme für  
grenzüberschreitende Zusammenarbeit ausweiten und Euregios und  
Eurodistrikte durch weniger Bürokratie und mehr Flexibilität fördern.  
Die europäische Zusammenarbeit im Hochschulbereich wollen wir  
stärken und in diesem Sinne das Konzept der European Universities  
weiterentwickeln. Kommunen und Regionen brauchen mehr Mitspra-  
che auf europäischer Ebene, unter anderem über einen gestärkten  
Ausschuss der Regionen. Zur Umsetzung des Green Deal und bei der  
Gestaltung und Vergabe von Förderprogrammen setzen wir auf das  
Partnerschaftsprinzip und unterstützen lokale kleine und mittelstän-  
dische Unternehmen dabei, ihren Beitrag zu leisten. Bürokratie wollen  
wir durch verstärkte Digitalisierung abbauen. EU-Haushaltsmittel sol-  
len künftig auch verstärkt kommunalen und lokalen zivilgesellschaft-  
lichen Akteur\*innen direkt bereitgestellt werden.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN217Kapitel 6  
Bundestagswahlprogramm 2021  
Kapitel 6:  
International zusammenarbeiten  
Die großen Herausforderungen unserer Zeit sind global: Pandemien,  
die Klima- und Biodiversitätskrise, Hunger, Urbanisierung, Migration  
und die sozial-ökologische Transformation als besondere Aufgabe.  
Wir können sie nur gemeinsam meistern. Jahrelang hat Deutsch-  
land in Europa und der Welt aber allenfalls moderiert, oft gezögert,  
ist abgetaucht. Es ist Zeit, wieder eine kooperative und aktive Poli-  
tik zu betreiben und als gestaltende Kraft voranzugehen im Sinne  
einer multilateralen und vorsorgenden, einer kohärenten und werte-  
geleiteten Politik – stets europäisch und entlang einer verlässlichen  
deutsch-französischen Zusammenarbeit, mit unseren Partner\*innen  
innerhalb und außerhalb Europas, transatlantisch und im Rahmen der  
Vereinten Nationen.  
Gestützt auf die Agenda der Vereinten Nationen für nachhaltige  
Entwicklung, das Pariser Klimaabkommen, internationale Menschen-  
rechtsnormen und die rechtebasierte internationale Ordnung set-  
zen wir uns für eine wirkungsorientierte globale Strukturpolitik ein,  
die den Schutz und die Bereitstellung globaler Gemeingüter, eine  
gerechte Verteilung von Ressourcen und Wohlstand sowie Entwick-  
lungschancen für alle als beste Vorsorge gegen die Klima- und Bio-  
diversitätskrise, Konflikte, Gewalt oder das unermessliche Leid von  
Hunger, Flucht und Vertreibung begreift. Wir wollen dazu auch eine  
europäische Politik der globalen Vernetzung und Konnektivität voran-  
treiben und begrüßen entsprechende Partnerschaften  
Ausgangspunkt unserer Politik ist eine gestärkte, krisenfeste und  
handlungsfähige Europäische Union. Die Werte, auf denen sie gründet,  
wollen wir nach innen verteidigen und nach außen beherzt vertreten:  
Menschenrechte, Demokratie, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit. Die EU  
als Friedensmacht ist nicht nur Antwort auf eine lange und schmerz-  
volle Geschichte von Kriegen und Feindseligkeiten auf unserem Kon-  
tinent, exportiert in die ganze Welt, sondern vor allem ein Zukunfts-  
versprechen, das es einzulösen gilt. Sie ist unser schützenswertes und  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN218Kapitel 6  
Bereit, weil Ihr es seid.  
einmaliges Zuhause. Gerade weil wir überzeugte Europäer\*innen sind,  
streiten wir für ihre stetige Fortentwicklung. Wir arbeiten für eine  
europäische Wertegemeinschaft, die ihre Abhängigkeit von Dritten  
in kritischen Bereichen ab- und ihre Souveränität und strategische  
Handlungsfähigkeit ausbaut – in einem Gleichgewicht von Koopera-  
tion, wo möglich, und Eigenständigkeit, wo nötig. So eine EU ist in der  
Lage, kritische Infrastruktur und globale Gemeingüter bereitzustel-  
len und zu schützen, global für das Völkerrecht und die universalen  
Menschenrechte einzustehen. Ein wichtiges Fundament dafür ist es,  
Spaltung und antidemokratischen Bestrebungen innerhalb Europas  
entgegenzutreten. Mit dem größten Binnenmarkt der Welt hat die EU  
wirtschaftlich erheblichen Einfluss. Diesen Hebel wollen wir nutzen,  
um die globale Transformation gerecht zu gestalten und ambitio-  
nierte Standards zu setzen.  
Der erheblichen Widerstände und Dilemmata, die das bedeu-  
tet, sind wir uns bewusst. Mit ihrem autoritären Hegemonialstreben  
zwingen Staaten wie China und Russland, die Menschen- und Bür-  
ger\*innenrechte systematisch aushebeln, andere Staaten nicht nur  
in wirtschaftliche und politische Abhängigkeit, sondern sie wollen  
auch Europa spalten. Zugleich wird eine globale sozial-ökologische  
Transformation ohne China, auch ohne Russland oder Brasilien, nicht  
möglich sein. Das allein zeigt: Der globale Systemwettbewerb mit  
autoritären Staaten und Diktaturen ist real, lässt bisweilen nur die  
Wahl zwischen Regen oder Traufe – und stellt uns vor derart beacht-  
liche Aufgaben, dass jede Form des Alleingangs zum Scheitern ver-  
urteilt wäre. Mit einer Demokratieoffensive treten wir diesem Trend  
entgegen und stärken die globale Zusammenarbeit von Demokratien  
und Demokrat\*innen. In eine Partnerschaft für Demokratie sollten  
die Länder, zivilgesellschaftlichen Gruppen und Parlamentarier\*in-  
nen einbezogen werden, die sich zu ambitionierten demokratischen  
Standards bekennen. Zudem wollen wir die Stärkung von demokra-  
tischer Rechtsstaatlichkeit, regionaler Integration, Zivilgesellschaft  
und Menschenrechten ressortübergreifend besser koordinieren und  
ausbauen. Wir präferieren die regelbasierte, multilaterale Zusammen-  
arbeit gegenüber informellen Formaten.  
Wir können die vielen Widersprüche und Grenzen außen-, ent-  
wicklungs- und sicherheitspolitischen Handelns nicht auflösen.  
Die Verteidigung von Menschenrechten, Demokratie und das klare  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN219Kapitel 6  
Bundestagswahlprogramm 2021  
Bekenntnis zu Freiheitsbewegungen führen an die Grenzen politi-  
scher Handlungsfähigkeit. Wir können uns aber dieser Verantwortung  
nicht entziehen. Umso zentraler ist europäische Kohärenz und sind  
politische Bündnisse mit allen anderen Staaten, aber gerade auch  
Regionen, Kommunen und zivilgesellschaftlichen oder zwischen-  
staatlichen Akteur\*innen, für die der Wert von Kooperation und die  
Stärke des Rechts ebenfalls Grundlage internationaler Beziehungen  
sind. Diese Bündnisse wollen wir stärken und selbstbewusst mitge-  
stalten. Deutschlands Vertretung in internationalen Organisationen  
wollen wir besser aufstellen und das Engagement stärken. Souverän  
sind wir nur gemeinsam.  
Wir setzen auf den ehrlichen Interessenausgleich, auf eine femi-  
nistische Außenpolitik, die Achtung der Rechte marginalisierter Grup-  
pen, auf Zusammenarbeit und Rechtsstaatlichkeit, auf Gewaltfreiheit  
und koordinierte Krisenprävention und regelbasierte sowie vorrangig  
zivile Konfliktbearbeitung in einer eng vernetzten Welt. Unser Ziel ist  
eine Weltordnung, in der Konflikte nicht über das Recht des Stärke-  
ren, sondern am Verhandlungstisch gelöst werden. Und wir reichen  
allen die Hand, die daran teilhaben wollen. Wir richten unsere Politik  
postkolonial und antirassistisch aus, im Wissen um Deutschlands Ver-  
antwortung in der Welt und im Bewusstsein um die Verbrechen des  
Nationalsozialismus.  
Als hochentwickelter und exportorientierter Industriestaat gehört  
Deutschland zu den Hauptverursachern globaler Erwärmung und  
agiert als entscheidender Player einer Globalisierung, die eben nicht  
nur Wohlstand und Entwicklung bedeutet, sondern auch zu Ausbeu-  
tung von Mensch und Umwelt führt. Diese Verantwortung, insbeson-  
dere auch gegenüber Ländern des globalen Südens, verstehen wir als  
Antrieb für ambitionierte Veränderung und entschiedenes Handeln  
mit dem Ziel globaler Gerechtigkeit und setzen dafür bei uns selbst an.  
Das bedeutet auch: Wir fordern die Einhaltung und den Schutz  
der Menschenrechte nicht nur von anderen ein, sondern messen uns  
selbst daran. Menschenrechte sind völkerrechtliche Pflicht und unver-  
rückbare Grundlage einer wertegeleiteten internationalen Politik.  
„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“:  
Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte ist Leitbild  
unseres Engagements – auch in der europäischen Geflüchtetenpolitik.  
Sie ist das große Versagen Europas. In keinem anderen Bereich schei-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN220Kapitel 6  
Bereit, weil Ihr es seid.  
tern die europäischen Regierungen derart an den eigenen Ansprüchen  
hinsichtlich Moral, Menschenrechten und internationalen Rechts.  
Doch wir haben Möglichkeiten und Regeln, um Flucht angemes-  
sen und nach klaren, menschenrechtsbasierten Prinzipien zu begeg-  
nen. Diese Regeln gibt es, ebenso wie es immer wieder Momente in  
unserer Geschichte gab, da nach ihnen gehandelt wurde. Hier wollen  
wir anknüpfen und – wenn nicht gesamteuropäisch, dann in einer  
humanitären Koalition der Willigen innerhalb und außerhalb der  
EU – einen Paradigmenwechsel hin zur konsequenten Vorbeugung  
gegen Fluchtursachen und zu einem menschenwürdigen Umgang  
mit Geflüchteten vorantreiben. Wir setzen auf Rationalität und Hand-  
lungswillen, auf Humanität und Verantwortung – und auf den uner-  
lässlichen Pragmatismus der Nothilfe.  
Die Größe und Komplexität der internationalen Herausforderun-  
gen, die da vor uns liegen, sollte Messlatte unseres nationalen und  
internationalen politischen Handelns sein. Die globalen Aufgaben  
sind erheblich. Wagen wir die notwendigen Antworten.  
Wir treiben die sozial-ökologische  
Transformation voran  
Schubkraft für globale Transformation  
Mehr denn je bedrohen Klimaveränderungen und der Verlust von  
Artenvielfalt menschliche Sicherheit und Freiheit sowie die nachhal-  
tige Entwicklung – überall auf der Welt. Die Zeit drängt. Darum braucht  
es in den nächsten Jahren einen energischen Schub für eine sozial-  
ökologische Transformation. Die nachhaltigen Entwicklungsziele der  
Agenda 2030 und des Klimaabkommens von Paris waren ein Aufbruch.  
Alle Länder sind seitdem verpflichtet, bei sich zu Hause anzufangen  
und ihren Beitrag für die gemeinsame Aufgabe zu leisten – schließlich  
sind es unsere Entscheidungen in Wirtschaft und Handel, bei Agrar-  
oder Rüstungsexporten, die sich weltweit stark auf Klima, Artenschutz  
und globale Gerechtigkeit auswirken. Wir wollen alle Politikbereiche  
in Deutschland auf die Transformation ausrichten und für ein strategi-  
sches und kohärentes Handeln in allen Ressorts und Politikbereichen  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN221Kapitel 6  
Bundestagswahlprogramm 2021  
einen Nationalen Rat für Frieden, Nachhaltigkeit und Menschenrechte  
einrichten sowie einen Nachhaltigkeits- und Menschenrechts-TÜV ein-  
führen, mit dem relevante Gesetzesentwürfe auf Vereinbarkeit mit den  
VN-Nachhaltigkeits- und -Klimazielen sowie Menschenrechtsabkom-  
men überprüft werden. Auch international wollen wir neuen Schwung  
in die sozial-ökologische Transformation bringen, indem wir auf eine  
verbindliche Transformationsquote hinwirken und insbesondere die  
Länder des globalen Südens in diesem Prozess unterstützen. Wir bün-  
deln die Ausgaben für Entwicklungszusammenarbeit, internationale  
Klimafinanzierung und Teile der humanitären Hilfe, um eine globale  
Transformation entlang der Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Natio-  
nen und der Pariser Klimaziele zu finanzieren. Dabei halten wir unsere  
internationalen Zusagen für Entwicklungszusammenarbeit, Klimafi-  
nanzierung und Biodiversität ein. Deutschlands Beitrag dazu ist, die  
ODA-Quote, also den Anteil der öffentlichen Ausgaben für Entwick-  
lungszusammenarbeit am Bruttonationaleinkommen, von 0,7 Prozent  
bis 2025 zu erreichen und weitere 10 Milliarden Euro zur internatio-  
nalen Klimafinanzierung bereitzustellen.  
Klimaaußenpolitik und globale Klimagerechtigkeit  
Wir verfolgen eine ambitionierte, nachhaltige und menschenrechts-  
konforme Klimaaußenpolitik und setzen uns für globale Klimage-  
rechtigkeit ein: Wir machen Klimaneutralität sowie die Bewältigung  
von Klimafolgen zu einer ressortübergreifenden strategischen Priori-  
tät unseres internationalen politischen Handelns. So wollen wir auch  
der historischen Verantwortung von Deutschland und Europa gerecht  
werden. Internationale Kooperation für Klimagerechtigkeit ist klima-  
politisch notwendig, verfolgt die Erreichung der nachhaltigen Ent-  
wicklungsziele, beugt Ressourcenkonflikten vor und sichert Frieden.  
Denn die Länder des globalen Südens haben wachsende Energiebe-  
darfe: Mit Klima- und Entwicklungspartnerschaften wollen wir Inno-  
vation für Klimaneutralität global vorantreiben, den massiven Ausbau  
erneuerbarer Energien unterstützen und Anpassung stärken, damit  
die Weltgemeinschaft auf den 1,5-Grad-Pfad kommen kann. Wir wol-  
len Win-win-Situationen für Europa und seine Nachbarstaaten sowie  
für Länder mit großen Potenzialen für erneuerbare Energien schaf-  
fen und somit postkolonial sensibel unseren Bedarf an grüner Ener-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN222Kapitel 6  
Bereit, weil Ihr es seid.  
gie sichern: grünen Wasserstoff statt Öl- und Gasimporte. Wir stärken  
die personellen und finanziellen Mittel Deutschlands und der EU für  
Klimaaußenpolitik sowie für globale Klimagerechtigkeit und richten  
unsere diplomatischen Fähigkeiten gezielt auf eine klimagerechte  
Politik aus. Die bestehenden internationalen Fonds für Klimaanpas-  
sung und Klimaschutz wollen wir besser ausstatten und setzen uns für  
einen zusätzlichen Fonds zum Ausgleich von Schäden und Verlusten  
ein, um daraus zum Beispiel Klimarisikoversicherungen zu finanzie-  
ren. Förderungen fossiler Energieträger in unserer Entwicklungs- und  
Exportfinanzierung werden wir beenden. Entwicklungs- und Inves-  
titionsbanken wie die Weltbank oder die KfW sollen zu Transforma-  
tionsbanken umgebaut werden.  
Klima und Umwelt schützen, Menschenrechte achten  
Der Schutz der Menschenrechte verpflichtet zum Klima- und Umwelt-  
schutz, umgekehrt schützt Klima- und Umweltschutz Menschenrechte.  
Wir treten für verbindliche Mechanismen zum Schutz von Menschen  
ein, die aufgrund von Extremwetterereignissen oder schleichender  
Umweltveränderung ihre Lebensgrundlage verlieren und ihre Heimat  
verlassen müssen. Insbesondere regionale Ansätze, die den Betroffe-  
nen eine selbstbestimmte und würdevolle Migration ermöglichen und  
ihnen Aufenthaltsperspektiven schaffen, unterstützen wir. Zugleich  
wollen wir jene Staaten in die Pflicht nehmen, die historisch am meis-  
ten zur Erderwärmung beigetragen haben, um dem Verantwortungs-  
prinzip im Umweltvölkerrecht Rechnung zu tragen und Heimat- und  
Aufnahmeländer klimabedingter Migration zu unterstützen. Die „Task  
Force on Displacement“ der Klimarahmenkonvention UNFCCC wol-  
len wir strukturell stärken und setzen uns dafür ein, dass ihre Emp-  
fehlungen ebenso umgesetzt werden wie der Globale Pakt für eine  
sichere, geordnete und reguläre Migration sowie der Globale Pakt  
für Flüchtlinge. Es braucht auch die Stärkung des Rechts indigener  
Gemeinschaften. Initiativen zur Stärkung des Rechtswegs, auch gegen  
multilaterale Investitionsbanken und das Instrument der Klimaklagen  
unterstützen wir. Die französische Initiative, das Umweltvölkerrecht  
zu kodifizieren und zu konsolidieren, greifen wir auf und machen uns  
dafür stark, in einem ersten Schritt das Recht auf saubere Umwelt in  
einer Resolution der VN-Generalversammlung zu verbriefen. Da Ver-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN223Kapitel 6  
Bundestagswahlprogramm 2021  
brechen gegen die Umwelt nicht vor Ländergrenzen Halt machen,  
ist es im globalen Interesse, dass die internationale Staatengemein-  
schaft eine Gerichtsbarkeit schafft, die diese Verbrechen unabhängig  
und grenzüberschreitend verfolgt.  
Armut und Ungleichheit weltweit bekämpfen  
Durch die Corona-Pandemie sind Armut und Ungleichheit weltweit  
dramatisch angestiegen. Armutsbekämpfung und gerechte Teilhabe  
sind zentrale Ziele unseres internationalen Engagements. Wir unter-  
stützen Länder dabei, eine sozialorientierte Wirtschafts- und Steuer-  
politik zu verfolgen. Wir setzen uns dafür ein, dass Menschen weltweit  
sozial abgesichert werden, auch über Social Cash Transfers, und dass  
Kinder und Jugendliche Zugang zu hochwertiger Schul- und Berufs-  
ausbildung erhalten. Gemeinsam mit unseren Partnerländern wollen  
wir den Aufbau nachhaltiger und rechtebasierter sozialer Sicherungs-  
systeme fördern. Grundsätzlich sollen soziale Sicherungsprogramme  
einfach zugänglich sein und die vulnerabelsten Gruppen erreichen,  
die Geschlechtergerechtigkeit herstellen und den sozialen Zusam-  
menhalt stärken. Um die Effektivität aller Maßnahmen zu erhöhen,  
wollen wir Wirkungsevaluierung, Transparenz sowie den Austausch  
mit der Wissenschaft stärken.  
Humanitäre Hilfe stärken  
Mit humanitärer Hilfe unterstützen wir weltweit Menschen, die in  
humanitäre Notlagen geraten sind. Die Anzahl humanitärer Krisen  
nimmt zu, sowohl aufgrund bewaffneter Konflikte als auch infolge kli-  
makrisenbedingter Extremwetterereignisse. Immer mehr Menschen  
müssen ihre Heimat verlassen, humanitäre Krisen dauern länger an.  
Dem werden wir durch eine kontinuierliche Anpassung der Mittel für  
die humanitäre Hilfe gerecht. Diese werden bedarfsorientiert sowie  
verstärkt mehrjährig vergeben. Damit ermöglichen wir Planbarkeit  
und Flexibilität für die Durchführungsorganisationen und erreichen  
Menschen in Not schnell und angemessen. Wir setzen uns für die  
Achtung der humanitären Prinzipien ein und gehen durch die bes-  
sere Verzahnung mit ziviler Krisenprävention und Entwicklungszu-  
sammenarbeit die strukturellen Ursachen an.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN224Kapitel 6  
Bereit, weil Ihr es seid.  
Wir stärken die multilaterale  
Zusammenarbeit  
Vereinte Nationen reformieren  
Ohne die Vereinten Nationen ist die multilaterale Zusammenarbeit an  
der sozial-ökologischen Transformation nicht zu meistern. Ihre Instituti-  
onen versorgen überall auf der Welt Millionen von Geflüchteten, stellen  
Bildungsmöglichkeiten, Nahrung und Gesundheitsleistungen zur Ver-  
fügung. Sie vermitteln in unzähligen Kriegen und Konflikten und sind  
der Rahmen, in dem die beiden wichtigsten multilateralen Abkommen  
der vergangenen Jahre ausgehandelt worden sind: die Agenda 2030 für  
nachhaltige Entwicklung und das Pariser Klimaschutzabkommen. Das  
Engagement Deutschlands und der EU für die Vereinten Nationen wer-  
den wir finanziell, personell und diplomatisch substanziell verstärken,  
besser koordinieren und internationale Vereinbarungen konsequent in  
nationale und europäische Politik umsetzen. So schaffen wir die Vor-  
aussetzungen für notwendige Reformen des VN-Systems. Der Sicher-  
heitsrat und andere Organe der Vereinten Nationen sollten an die Rea-  
litäten des 21. Jahrhunderts angepasst werden. Dabei geht es um eine  
gerechtere Repräsentation der Regionen im Sicherheitsrat. Das Kon-  
zept der Vetomächte ist nicht mehr zeitgemäß. Wir zielen darauf, dass  
das Vetorecht langfristig abgeschafft wird. Als Zwischenschritt sollte  
im Falle von schwersten Verbrechen gegen die Menschlichkeit ein Veto  
im Sicherheitsrat mit einer Begründung und einem Alternativvorschlag  
versehen werden. Wenn der Sicherheitsrat im Falle von schwersten  
Menschenrechtsverletzungen anhaltend blockiert ist, soll die General-  
versammlung an seiner Stelle nach dem Vorbild der „Uniting for Peace“-  
Resolution über friedenserzwingende Maßnahmen, also diplomatische  
Maßnahmen, Sanktionen oder militärische Maßnahmen gemäß Kapitel  
VII der UN-Charta, mit qualifizierter Mehrheit beschließen.  
Resilienz gegen Epidemien erhöhen – WHO stärken  
Zum Schutz vor neuen und zur Bekämpfung der alten Krankheiten  
setzen wir auf verstärkte internationale Zusammenarbeit und Soli-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN225Kapitel 6  
Bundestagswahlprogramm 2021  
darität unter dem Dach der zu reformierenden Weltgesundheitsor-  
ganisation als Sonderorganisation der Vereinten Nationen. Die WHO  
soll die koordinierende Organisation der globalen Gesundheit sein.  
Dazu wollen wir sie mit deutlich höheren Beiträgen und einem kla-  
ren Mandat befähigen. Sie soll Gesundheitssysteme weltweit stär-  
ken können, damit eine bessere Versorgung lokaler Bevölkerungen  
sichergestellt ist und die Prävention gegen nichtübertragbare wie  
übertragbare Krankheiten, deren Diagnose und die Reaktion darauf  
verbessert werden. Ihre zentrale Rolle in der Pandemievorsorge und  
-bekämpfung wollen wir weiter stärken. In den G20 werden wir uns  
dafür einsetzen, ihr einen formellen Sitz einzuräumen. Mit Blick auf  
die Bekämpfung der Corona-Pandemie hat Priorität, dass noch in  
diesem Jahr die bestehenden Kapazitäten zur Produktion von Covid-  
19-Impfstoffen erhöht und Impfstoffe im Rahmen der COVAX-Allianz  
an einkommensschwache Länder geliefert werden. Zusätzlich setzen  
wir uns für einen aktiven Technologie- und Wissenstransfer bezüglich  
der Herstellung entscheidender Arzneimittel ein. Die Gewährleistung  
offener, fairer und flexibler globaler Lieferketten ist dafür genauso  
Voraussetzung wie die Aufhebung weltweiter Exportrestriktionen für  
Covid-19-Impfstoffe. Wo freiwillige Produktionspartnerschaften nicht  
ausreichen, unterstützen wir Anträge auf Erteilung von verpflichten-  
den Lizenzen für Covid-Impfstoffe gegen Entschädigungen und brin-  
gen uns in diesem Sinne bei der WTO für eine temporäre Aussetzung  
von Patenten für Technologien zur Bekämpfung von Covid-19 in die  
Verhandlungen ein. Monopole auf geistiges Eigentum zur Bekämp-  
fung von Krankheiten dürfen den Zugang zu überlebenswichtigen  
Schutzmaterialien, Impfstoffen und Arzneimitteln nicht versperren.  
Wir unterstützen die Einbindung Taiwans in die WHO inklusive eines  
Beobachterstatus.  
50 Prozent Frauen in internationalen Verhandlungen  
Wir wollen dem Multilateralismus neue Impulse für mehr Zusam-  
menarbeit geben. Transformation gelingt nur mit Kooperation, und  
die gelingt nur durch Einbeziehung der betroffenen gesellschaftli-  
chen Gruppen. Nach wie vor ist die gleichberechtigte und intersekt-  
ionale Teilhabe von Frauen der stärkste Indikator dafür. Wir wollen  
schrittweise für Deutschland und Europa eine 50-Prozent-Quote  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN226Kapitel 6  
Bereit, weil Ihr es seid.  
in allen diplomatischen und multilateralen Verhandlungen, für die  
Entsendung in internationale Organisationen sowie auf den Umset-  
zungsebenen durchsetzen. Um das zu ermöglichen, ist eine 50-Pro-  
zent-Quote für Frauen im Auswahlverfahren für das Personal in inter-  
nationalen Einsätzen, in den international arbeitenden Ministerien  
sowie im gehobenen und höheren Europäischen Auswärtigen Dienst  
notwendig. Es braucht vergleichbare Kriterien, Standards, Indikato-  
ren und Zeitrahmen für die Gleichstellungspläne der Ministerien,  
vergleichbar mit dem „Gender Equality Plan“ nach dem Vorbild der  
schwedischen Regierung.  
Wir arbeiten an guten Beziehungen  
in einer multipolaren Welt  
Für eine aktive europäische Politik mit unseren Nachbarstaaten  
Die EU muss vor allem in ihrer direkten Nachbarschaft mehr Ver-  
antwortung übernehmen. Die EU-Erweiterungspolitik ist dabei eine  
Erfolgsgeschichte, die wir fortschreiben wollen. Deshalb treten wir  
für konkrete Fortschritte bei der europäischen Integration der Länder  
des westlichen Balkans ein. Wir wollen notwendige Reformen, unter  
anderem bei Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Korruptionsbekämp-  
fung sowie Inklusion und Schutz von Minderheiten, insbesondere der  
Rom\*nja, aktiv unterstützen. Die Visaliberalisierung für Kosovar\*innen  
ist als nächster Schritt genauso unerlässlich wie Fortschritte im Ser-  
bien-Kosovo-Dialog, die Eröffnung der ersten EU-Beitrittskapitel für  
Albanien und Nordmazedonien oder die Schaffung einer Bürger\*in-  
nengesellschaft mit gleichen Rechten für alle Bürger\*innen in Bosnien  
und Herzegowina. Auch Aussöhnungsprozesse und die politische und  
juristische Aufarbeitung der Kriegsverbrechen müssen gestärkt wer-  
den. Ethnischen Grenzverschiebungen oder Diskriminierungen ertei-  
len wir eine klare Absage. In Osteuropa streiten viele mutige Men-  
schen in Ländern wie Armenien, Georgien, Ukraine oder Belarus für  
Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte. Wir stehen an  
ihrer Seite und fördern demokratische und sozial-ökologische Trans-  
formationsprozesse in der Region, im Rahmen der Östlichen Partner-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN227Kapitel 6  
Bundestagswahlprogramm 2021  
schaft der EU und bilateral, etwa durch die stärkere Knüpfung von  
Geldern an die nachhaltige Umsetzung von Reformen. Wir unterstüt-  
zen die demokratische Zivilgesellschaft und unabhängige Medien vor  
Ort, wollen mehr Austausch zwischen Ost und West ermöglichen und  
Justizreformen vorantreiben. EU-assoziierten Ländern der Östlichen  
Partnerschaft wollen wir den Weg zu einem EU-Beitritt offenhalten.  
Im Süden braucht es eine neue Mittelmeerpolitik, die gemeinsam Ent-  
wicklungspotenziale für die Region realisiert und sich zugleich den  
enormen Herausforderungen stellt: Terrorismus, autoritäre Regime,  
Staatszerfall. Gemeinsam wollen wir im Rahmen ambitionierter  
Energiepartnerschaften den Mittelmeerraum zu einer Plus-Energie-  
Region machen. Derweil hat zu unserem großen Bedauern mit Groß-  
britannien erstmals ein Land das gemeinsame Haus der EU verlas-  
sen. Es ist gut, dass mit dem Handels- und Kooperationsabkommen  
die Grundlage für einen Neubeginn geschaffen wurde. Es bedarf aber  
weiterer Anstrengungen, um zu verhindern, dass europäische Stan-  
dards ausgehöhlt werden. Das Karfreitagsabkommen und die offene  
Grenze garantieren den Frieden auf der irischen Insel. Dieser fragile  
Frieden darf nicht gefährdet werden. Den Austausch von Studieren-  
den, Forscher\*innen und in der beruflichen Bildung zwischen der EU  
und Großbritannien wollen wir auch nach dem Brexit lebendig halten.  
USA  
Die transatlantische Partnerschaft bleibt ein zentraler Stützpfeiler der  
deutschen Außenpolitik, jedoch muss sie erneuert, europäisch gefasst,  
multilateral und an klaren gemeinsamen Werten und demokratischen  
Zielen ausgerichtet werden. Als Kern einer erneuerten transatlanti-  
schen Agenda der EU wollen wir einen gemeinsamen starken Impuls  
für die weltweite Klimapolitik, ausgehend von den Pariser Klimazielen,  
geben. Besonders mit der Etablierung einer starken Klimapartnerschaft  
kann die transatlantische Partnerschaft Inspiration und Treiber für eine  
sozial-ökologische Transformation, die weltweit höchste Standards  
setzt, sein. Wir setzen auch bei der Stärkung des Multilateralismus, in  
Handelsfragen sowie bei der Gesundheit auf eine gute Kooperation mit  
den USA. Wir wollen uns gemeinsam für den weltweiten Menschen-  
rechtsschutz, die Weiterentwicklung internationaler Rechtsnormen,  
globale Rüstungskontrolle und Abrüstung, eine regelbasierte Weltord-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN228Kapitel 6  
Bereit, weil Ihr es seid.  
nung und die Stärkung einer verantwortungsbewussten Handelspoli-  
tik einsetzen. Das schließt eine Verständigung über den Umgang mit  
autoritären Staaten mit ein. Der sicherheitspolitische Fokus der USA  
wird sich auch mit der neuen US-Regierung nicht wieder zuvorderst auf  
Europa richten. Die EU und ihre Mitgliedstaaten müssen selbst mehr  
außen- und sicherheitspolitische Verantwortung übernehmen. Das gilt  
insbesondere für die Sicherheit der östlichen Nachbarländer der EU  
wie auch der baltischen Staaten und Polens. Wir wollen die transatlan-  
tische Debatte auf vielen Ebenen führen, auch auf den jeweiligen föde-  
ralen und lokalen, sowie in zivilgesellschaftlichen Foren – und damit  
nachhaltige, diverse gesellschaftliche Netzwerke knüpfen.  
China  
China ist Europas Wettbewerber, Partner, systemischer Rivale. Wir ver-  
langen von China ein Ende seiner eklatanten Menschenrechtsverlet-  
zungen, etwa in Xinjiang und Tibet und zunehmend auch in Hongkong.  
Es braucht auch einen konstruktiven Dialog mit China, der dort eine  
Kooperation sucht, wo es zu konstruktiver Zusammenarbeit bereit ist,  
und klare Gegenstrategien bereithält, wo China systematisch versucht,  
internationale Standards zu schwächen. Insbesondere in der Klima-  
politik streben wir gemeinsame politische, wirtschaftliche und techno-  
logische Anstrengungen sowie eine Einhaltung von nachhaltigen Pro-  
duktionsstandards und einen transparenten Fahrplan zur Bekämpfung  
der Klimakrise, beispielsweise durch einen Kohleausstieg, in China an.  
Kooperation mit China darf nicht zu Lasten von Drittstaaten oder von  
Menschen- und Bürger\*innenrechten gehen. Wir halten uns an die  
„Ein-China-Politik“ der Europäischen Union und betonen, dass die Ver-  
einigung mit Taiwan nicht gegen den Willen der Bevölkerung Taiwans  
erzwungen werden darf. Gleichzeitig wollen wir den politischen Aus-  
tausch mit Taiwan ausbauen. Unsere Handelsbeziehungen mit China  
wollen wir nutzen, um fairen Marktzugang für ausländische Investi-  
tionen, Rechtssicherheit und gleiche Wettbewerbsbedingungen ein-  
zufordern. Wir erwarten, dass China die entscheidenden Kernnormen  
der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) ratifiziert und jede Form  
von Zwangsarbeit beendet. Das EU-Lieferkettengesetz muss ange-  
sichts der Menschenrechtsverletzungen – etwa in Xinjiang – Waren  
aus Zwangsarbeit den Zugang zum Binnenmarkt ebenso verwehren,  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN229Kapitel 6  
Bundestagswahlprogramm 2021  
wie es Unternehmen für ihre Produkte in Haftung nimmt. Deutsch-  
land sollte sich außerdem für eine Fact-Finding-Mission zu Xinjiang  
im Rahmen des VN-Menschenrechtsrats einsetzen und die Unterdrü-  
ckung der Uigur\*innen als Völkerstraftaten bezeichnen. Dem europä-  
isch-chinesischen Investitionsabkommen CAI können wir in seiner jet-  
zigen Form nicht zustimmen. Wir werden an einer engen europäischen  
und transatlantischen Koordinierung gegenüber China arbeiten.  
Indo-Pazifik  
Wir setzen uns für eine freie und offene indo-pazifische Region auf  
der Grundlage globaler Normen und des Völkerrechts ein. Wir wollen  
eine umfassende Kooperation mit der Region, insbesondere in den  
Bereichen Rechtsstaatlichkeit und Demokratie, Stärkung des Multila-  
teralismus und bei Digitalisierung und Klimaschutz. Australien, Japan,  
Neuseeland, Südkorea und auch Taiwan betrachten wir ebenso als  
wichtige Partnerländer, wie wir die strategischen Partnerschaften mit  
Indien und mit ASEAN ausbauen wollen. Die Stärkung der Zivilgesell-  
schaften ist ein integraler Bestandteil unserer Indo-Pazifik-Strategie.  
Wir entwickeln eine indo-pazifische Handelspolitik, die nachhaltige  
bilaterale Handelsbeziehungen mit gleichgesinnten Partner\*innen  
in einem multilateralen Rahmen vorsieht, demokratisch und trans-  
parent zustande kommt und sich für globale Gemeinwohlinteressen  
wie Klimaschutz, Sozialstandards und Menschenrechte einsetzt. Wir  
streben an, einen intensivierten Dialog zu Frieden und Sicherheit mit  
Partner\*innen im Indo-Pazifik zu führen. Die vor allem vom steigen-  
den Meeresspiegel Betroffenen verdienen unsere verstärkte, konkrete  
Unterstützung. Auch soll sich Deutschland aktiv für eine globale EU-  
Konnektivitätsstrategie einsetzen, um gemeinsame Infrastrukturent-  
wicklung nach qualitativ hohen internationalen Standards entspre-  
chend den Bedürfnissen unserer Partner\*innen zu realisieren.  
Russland  
Russland hat sich zunehmend in einen autoritären Staat gewandelt,  
dessen Außenpolitik durch militärische und hybride Mittel immer  
offensiver Demokratie, Stabilität und Frieden in der EU und in der  
gemeinsamen Nachbarschaft gefährdet. Gleichzeitig erstarkt die  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN230Kapitel 6  
Bereit, weil Ihr es seid.  
Demokratiebewegung in Russland. Die mutige Zivilgesellschaft, die  
der immer härteren Repression durch den Kreml die Stirn bietet und  
für Menschenrechte, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und sexuelle  
Selbstbestimmung kämpft, wollen wir unterstützen und den kulturel-  
len, politischen und wissenschaftlichen Austausch mit ihr intensivie-  
ren. Für eine Lockerung der Sanktionen, die wegen der völkerrechts-  
widrigen Annexion der Krim und des militärischen Vorgehens in der  
Ukraine gegen Russland verhängt wurden, hat die EU klare Bedingun-  
gen formuliert. An diesen werden wir festhalten und die Sanktionen  
bei Bedarf verschärfen. Wir verlangen, dass die russische Regierung  
ihre Zusagen aus dem Minsker Abkommen umsetzt. Das Pipeline-  
Projekt Nord Stream 2 trägt nicht zum Klimaschutz bei, richtet sich  
gezielt gegen die energie- und geostrategischen Interessen der Euro-  
päischen Union, gefährdet die Stabilität der Ukraine und muss daher  
gestoppt werden. Es braucht außerdem einen konstruktiven Klima-  
Dialog mit Russland, wobei bei einzelnen Schritten die Menschen-  
rechte geschützt werden müssen.  
Türkei  
Die Türkei und die EU verbindet sehr viel mehr, als sie trennt: gesell-  
schaftlich, kulturell, wirtschaftlich. Gerade die Beziehungen zwischen  
Deutschland und der Türkei sind, auch durch die gemeinsame Migra-  
tionsgeschichte, eng und vielfältig. Wir stehen an der Seite all derer,  
die in der Türkei für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, Gleichstel-  
lung und Menschenrechte kämpfen. Wir verurteilen die Menschen-  
rechts- und Rechtsstaatsverletzungen, fordern eine sofortige Frei-  
lassung aller politischen Gefangenen und die Rückkehr zu einem  
politischen Dialog- und Friedensprozess in der kurdischen Frage. Wir  
weisen die aggressive Außenpolitik der türkischen Regierung ent-  
schieden zurück und fordern sie auf, zu einer multilateralen Außen-  
und Sicherheitspolitik zurückzukehren. Das gilt es auch in der NATO  
zu thematisieren, nicht zuletzt mit Blick auf die völkerrechtswidrige  
Militäroffensive der Türkei in Nordsyrien. Wir verurteilen den Austritt  
der Türkei aus der Istanbul-Konvention und fordern sie auf, diesen  
wieder rückgängig zu machen. Die Wiederaufnahme der Gespräche  
über einen EU-Beitritt ist unser politisches Ziel. Sie kann es aber  
erst geben, wenn die Türkei eine Kehrtwende zurück zu Demokra-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN231Kapitel 6  
Bundestagswahlprogramm 2021  
tie und Rechtsstaatlichkeit vollzieht. Die Türkei hat mehr Geflüch-  
tete – vor allem aus Syrien – aufgenommen als die 27 Mitgliedstaa-  
ten der EU zusammen. Der bestehende „EU-Türkei-Deal“ untergräbt  
jedoch internationales Asylrecht, ist gescheitert und muss beendet  
werden. Wir fordern die Türkei auf, die Genfer Flüchtlingskonvention  
vollumfänglich umzusetzen. Die Türkei ist kein sicherer Drittstaat.  
Eine neue Bundesregierung muss die von der Kommission angesto-  
ßenen Verhandlungen über ein neues Abkommen dafür nutzen, aus  
den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Das neue Abkommen muss  
völkerrechts- und rechtsstaatskonform sein und darf nicht die Flucht  
bekämpfen, sondern muss die Perspektiven der Menschen verbessern.  
Daher soll es die notwendige finanzielle und logistische Unterstüt-  
zung vor Ort garantieren, die Türkei bei der Aufnahme von Geflüch-  
teten unterstützen und verbindliche Kontingentzusagen zur Umsied-  
lung schutzbedürftiger Geflüchteter in die EU machen. Im Gegenzug  
muss die Türkei garantieren, Geflüchtete gut zu versorgen und zu  
integrieren. Geflüchtete dürfen nicht zum Spielball gemacht werden.  
Solch ein Abkommen muss im Parlament debattiert und beschlossen  
werden. Menschen in Deutschland dürfen von der türkischen Regie-  
rung und ihren Unterstützer\*innen weder instrumentalisiert noch  
überwacht oder gar bedroht werden. Wir wollen gerade in schwieri-  
gen Zeiten den Austausch mit der menschenrechtsorientierten und  
demokratischen Zivilgesellschaft in der Türkei und Jugendaustausch-  
programme ausbauen.  
Naher und Mittlerer Osten  
Partnerschaften mit den Staaten und Gesellschaften des Nahen  
Ostens und der südlichen europäischen Nachbarschaft sind ein wich-  
tiger Bestandteil unserer Außen-, Klima- und Menschenrechtspolitik.  
Wir setzen auf vielfältige Formen der Zusammenarbeit, etwa durch  
Stärkung der Zivilgesellschaften im Bemühen um mehr Beteiligung,  
Kooperation bei der Bewältigung der Herausforderung Klimawandel  
und Förderung unabhängiger und nachhaltiger Wirtschaftsstruktu-  
ren, gerade für junge Menschen. Eine Vermittlung zur Verständigung  
zwischen dem Iran und den arabischen Golfstaaten gehört ebenso  
zu den Aufgaben europäischer Außenpolitik wie Bemühungen zur  
Mediation von offenen Konflikten, zum Beispiel in Syrien, Libyen und  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN232Kapitel 6  
Bereit, weil Ihr es seid.  
Jemen, sowie die Verhinderung von Staatszerfall, Korruption, sozia-  
len Verwerfungen und Vertreibungen in der gesamten Region. Durch  
die Bewahrung und das Wiederaufleben des Atom-Abkommens mit  
dem Iran (JCPOA) kann ein nukleares Wettrüsten im Nahen Osten ver-  
hindert werden. Frieden, Sicherheit und menschenwürdige Lebens-  
verhältnisse für alle Menschen im Nahen Osten sind ein zentrales  
Anliegen deutscher Außen- und Sicherheitspolitik, auch und beson-  
ders mit Blick auf einen nachhaltigen Frieden zwischen Israelis und  
Palästinenser\*innen. Die Sicherheit des Staates Israel ist ein Teil der  
deutschen Staatsräson. Die Existenz und die Sicherheit Israels als  
nationale Heimstätte des jüdischen Volkes mit gleichen Rechten für  
all seine Bürger\*innen sind unverhandelbar. Wir treten für die Fort-  
setzung der engen deutsch-israelischen Beziehungen ein. Die anhal-  
tende Bedrohung des Staates Israel und seiner Souveränität in seiner  
Nachbarschaft und den Terror gegen seine Bevölkerung verurteilen  
wir. Sowohl die Eskalation von Gewalt als auch völkerrechtswidrige  
Maßnahmen wie die Annexion von besetzten Gebieten oder den fort-  
schreitenden Siedlungsbau kritisieren wir, da sie dem Ziel einer fried-  
lichen und politischen Lösung des Konflikts und einer Beendigung  
der Besatzung entgegenstehen. Für Frieden und Sicherheit braucht es  
eine Zweistaatenregelung auf der Grundlage der Grenzen von 1967  
mit zwei souveränen, lebensfähigen und demokratischen Staaten für  
Israelis wie für Palästinenser\*innen. Wir werden uns für Wahlen, einen  
Demokratisierungsprozess sowie den Aufbau rechtsstaatlicher Struk-  
turen in den palästinensischen Gebieten starkmachen. Europa soll  
sich hierfür eng mit der neuen US-Regierung koordinieren.  
Nachbarschaft und Partnerschaft mit den Staaten Afrikas  
Die afrikanischen Staaten und Europa sind regional wie historisch  
eng verbunden. Wir blicken differenziert auf den afrikanischen Konti-  
nent und seine Regionen in all ihrer Vielseitigkeit. Europäische Afri-  
kapolitik muss sich von patriarchalen Denkmustern frei machen, die  
europäische Verantwortung annehmen und die jeweiligen Interessen  
in Einklang bringen. Dafür soll Deutschland im Rahmen der EU eine  
aktivere Rolle übernehmen. Die Zusammenarbeit zwischen der EU und  
Afrika soll sich auf Klimaschutz, Digitalisierung, Technologietransfer,  
zivile Krisenprävention und die sozial-ökologische Transformation  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN233Kapitel 6  
Bundestagswahlprogramm 2021  
fokussieren sowie faire und sichere Migrationswege aus Afrika nach  
Europa ermöglichen. Mit der Zivilgesellschaft, dem Kultur- und Wis-  
senschaftsbetrieb in Afrika wollen wir verstärkt zusammenarbeiten  
und die vielfältige afrikanische Diaspora in Europa stärker beteiligen.  
Die Fortsetzung einer einseitigen Politik, die in weiten Teilen auf der  
Abwehr von Geflüchteten, unfairer Handels- und Agrarpolitik und der  
Ausbeutung von Rohstoffvorkommen fußt, lehnen wir ab und machen  
uns für eine gemeinsam entwickelte EU-Afrika-Strategie stark. Der  
Afrikanischen Union und den Regionalorganisationen stehen wir bei  
der Umsetzung ihrer Agenda 2063, der afrikanischen Freihandelszone  
und der regionalen Entwicklungs- und Friedensagenden zur Seite.  
Lateinamerika  
Wir setzen uns für eine gut abgestimmte Lateinamerika- und Kari-  
bik-Politik Deutschlands und der EU ein, die die sozial-ökologische  
Transformation befördert und Menschenrechte schützt. Viele Staa-  
ten Lateinamerikas haben in der Vergangenheit auf ein auf Rohstoff-  
ausbeutung basierendes Wirtschaftsmodell gesetzt, was zu Schäden  
für die Menschen, die Natur und die Volkswirtschaften geführt hat.  
Zudem sind die meisten lateinamerikanischen Staaten massiv von der  
Corona-Krise betroffen. Lateinamerika beherbergt vitale Zivilgesell-  
schaften und starke soziale Bewegungen. Soziale Ungleichheiten, Kor-  
ruption, verkrustete Machtstrukturen, patriarchale Gesellschaftsbilder  
und eine Art des Wirtschaftens, die die natürlichen Lebensgrundlagen  
zerstört, werden zunehmend in Frage gestellt und progressive Alter-  
nativen entworfen. Gleichzeitig nehmen in vielen Ländern autoritäre  
Regierungsstile zu und der Raubbau an der Natur weitet sich aus.  
Indigene, Umwelt-, LSBTIQ\*-, Frauen- und Menschenrechtsaktivist\*in-  
nen sind massiv bedroht und bedürfen internationaler Aufmerksam-  
keit und Unterstützung. Die Ökosysteme Lateinamerikas spielen eine  
zentrale Rolle beim Schutz globaler Gemeingüter wie des Klimas  
und der Biodiversität. Handelspolitik, wie das Mercosur-Abkommen,  
muss verbindlich an Leitlinien zum Schutz der Menschenrechte, des  
Klimas und der Umwelt ausgerichtet sein. Ökologische Nachhaltig-  
keit, demokratische Teilhabe, Frieden und Geschlechtergerechtigkeit  
stehen daher im Zentrum unserer Zusammenarbeit mit den Staaten  
und Zivilgesellschaften Lateinamerikas. Die Streichung vieler Staaten  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN234Kapitel 6  
Bereit, weil Ihr es seid.  
Lateinamerikas als Partnerländer der deutschen Entwicklungszusam-  
menarbeit ist kurzsichtig, dies wollen wir ändern.  
Wir verteidigen die Menschenrechte  
Menschenrechtsverteidiger\*innen schützen  
Menschenrechtsverteidiger\*innen sind Held\*innen. Sie verteidigen  
überall auf der Welt, oft unter Lebensgefahr für sich und ihre Familien,  
die Einhaltung der Menschenrechte an vorderster Front. Sie bedürfen  
unseres Schutzes, unserer Solidarität und aktiven Unterstützung – auf  
allen Ebenen. An den besonders betroffenen deutschen Auslandsver-  
tretungen sollten deshalb Menschenrechtsreferent\*innen als extra  
Anlaufstelle etabliert und sollte eine ressortübergreifende systema-  
tische Berichterstattung über die Menschenrechtslage im Land ein-  
geführt werden. Für Menschenrechtsverteidiger\*innen, die nicht in  
ihrem Land bleiben können, weil sie dort akut gefährdet sind, wollen  
wir schneller und häufiger als bisher humanitäre Visa bereitstellen  
und die neu eingerichtete Elisabeth-Selbert-Initiative zu ihrer tempo-  
rären Aufnahme ausbauen. Auf internationaler Ebene setzen wir uns  
für den Ausbau von Förderungsmöglichkeiten für zivilgesellschaft-  
liche Initiativen und die finanzielle Stärkung der entsprechenden  
Schutzinstrumente und Institutionen, wie beispielsweise Sonderbe-  
richterstatter\*innen, ein. Wir werden die jüngsten Erklärungen und  
Empfehlungen auf VN-Ebene zum Schutz von Menschenrechtsver-  
teidiger\*innen umsetzen. Darüber hinaus setzen wir uns auch für  
den Schutz und die gezielte Förderung von Menschenrechtsverteidi-  
ger\*innen aus EU-Mitgliedstaaten ein.  
Kriegsverbrecher\*innen zur Rechenschaft ziehen  
Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Völkermord und Kriegsver-  
brechen dürfen nicht ungestraft bleiben – als Zeichen der Gerech-  
tigkeit an die Opfer, als Signal der Abschreckung, als Voraussetzung  
für Frieden und Versöhnung. Das deutsche Völkerstrafrecht bietet die  
Möglichkeit der Verurteilung auch hier in Deutschland. Dazu werden  
wir die Kapazitäten beim Bundeskriminalamt und bei der General-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN235Kapitel 6  
Bundestagswahlprogramm 2021  
bundesanwaltschaft ausbauen. Die Ermittlungen in Fällen sexuali-  
sierter Gewalt sollten verbessert und die Strafprozessordnung sollte  
dort reformiert werden, wo sie den Besonderheiten von Völkerstraf-  
rechtsverfahren noch nicht Rechnung trägt. Darüber hinaus setzen  
wir uns für die zivilrechtliche Haftbarmachung von Unternehmen  
für schwerste Menschenrechtsverletzungen ein. International set-  
zen wir uns für eine langfristige finanzielle Unterstützung von zivil-  
gesellschaftlichen Organisationen und die Vernetzung relevanter  
Akteur\*innen in diesem Bereich sowie für die – politische und finan-  
zielle –Stärkung des Internationalen Strafgerichtshofes und andere  
Institutionen wie den Mechanismus der Vereinten Nationen für die  
Untersuchung und Verfolgung von schwersten Kriegsverbrechen in  
Syrien (IIIM) ein. Wir setzen uns dafür ein, dass alle Staaten dem Römi-  
schen Statut des Internationalen Strafgerichtshofs beitreten. Gerade  
Kinder und Jugendliche, die sexualisierte und geschlechtsbasierte  
Gewalt, Entführungen, Rekrutierung als Kindersoldat\*in erlebt haben,  
leiden unter schweren Traumata. Wird dieses Leid nicht aufgearbei-  
tet, beeinträchtigt es das Leben dieser Menschen und ihrer Familien  
sowie den gesellschaftlichen Zusammenhalt über Generationen. Die  
individuelle Traumabearbeitung wollen wir durch mehr qualifiziertes  
Personal und sichere Traumazentren vor Ort auch mit unseren inter-  
nationalen Partner\*innen und in Deutschland deutlich ausbauen.  
Keine Überwachungstechnologie für Diktaturen  
und Autokratien  
Verschlüsselte Kommunikation rettet tagtäglich Menschenleben. In  
den sozialen Medien werden Menschenrechtsverletzungen, die ansons-  
ten unentdeckt geblieben wären, für alle sichtbar. Und ohne Satelli-  
tenbilder ließe sich etwa die Vertreibung ganzer Dorfgemeinschaften  
in Kriegsgebieten gar nicht erst nachvollziehen. Zugleich sind es oft  
europäische Überwachungstools, die es autokratischen Regierungen  
ermöglichen, unliebsame Aktivist\*innen zu verfolgen. Biometrische  
Erkennungssysteme, wie etwa identifizierende Gesichtserkennungs-  
software, stellen besonders für Menschenrechtsverteidiger\*innen,  
Medienschaffende und verfolgte Minderheiten in autoritären Staa-  
ten eine zusätzliche Bedrohung dar. Wir zielen auf ein Verbot für die  
Ausfuhr, den Verkauf und die Weitergabe von Überwachungsinstru-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN236Kapitel 6  
Bereit, weil Ihr es seid.  
menten an repressive Regime. Entsprechende Schutzklauseln wollen  
wir in der deutschen wie europäischen Exportkontrolle verankern.  
Wir fördern die Entkriminalisierung verschlüsselter Kommunikation,  
stellen uns der Schwächung von Verschlüsselungstechnologien und  
-standards entgegen und stärken die Multi-Stakeholder-Governance  
des Internets auf internationaler Ebene. Im Rahmen unserer interna-  
tionalen Zusammenarbeit setzen wir uns für den freien Zugang aller  
zu digitaler Technologie ein. Den freien Zugang zu Informationen als  
einem globalen öffentlichen Gut gilt es zu fördern und zu schützen.  
Durch die Unterstützung von Trainings stärken wir die sichere digitale  
Vernetzung zivilgesellschaftlicher Organisationen weltweit.  
Für Selbstbestimmung von Frauen und Mädchen weltweit  
Die Gleichstellung der Geschlechter ist ein Menschenrecht. Ohne  
Geschlechtergerechtigkeit kann auch Armut nicht wirksam bekämpft  
werden. In vielen der ärmsten oder konfliktgebeutelten Länder sind  
Frauen und Mädchen besonders von Armut, Hunger und Gewalt betrof-  
fen. Wir setzen uns konsequent für die Rechte von Frauen und Mäd-  
chen weltweit ein, für ein selbstbestimmtes Leben, und werden alle  
diplomatischen Möglichkeiten nutzen, damit die Istanbul-Konvention  
Anwendung findet. Bildung und Gesundheit sind dafür die Schlüssel.  
Wir engagieren uns dafür, Frauen und Mädchen den uneingeschränk-  
ten Zugang zu gleichwertiger Bildung zu sichern sowie ihre sexuellen  
und reproduktiven Rechte zu schützen. Wir setzen uns dafür ein, dass  
Frauen und Mädchen weltweit uneingeschränkt Zugang zu empfäng-  
nisverhütenden Mitteln erhalten. Es braucht innovative Bildungsange-  
bote wie kompakte nachholende Grundbildung für Frauen oder Berufs-  
bildung in Krisen- und Post-Konflikt-Kontexten. Unsere internationale  
Zusammenarbeit werden wir darum finanziell und konzeptionell auf  
diese Aufgabe hin ausrichten, die Erreichung der Geschlechtergerech-  
tigkeit als Querschnittsaufgabe sowie reproduktive Gesundheit und  
das Recht auf Bildung in allen Projekten verankern.  
Menschenrechtskonventionen umsetzen, Institutionen stärken  
Um Menschenrechte tatsächlich und rechtlich durchsetzen zu können,  
müssen internationale Menschenrechtskonventionen ratifiziert, kon-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN237Kapitel 6  
Bundestagswahlprogramm 2021  
sequent implementiert und Menschenrechtsinstitutionen gestärkt  
werden. Es gilt insbesondere, die nun angestoßene Umsetzung der  
ILO-Konvention für die Rechte indigener Völker abzuschließen, das  
12\. Zusatzprotokoll zur Europäischen Menschenrechtskonvention  
über Antidiskriminierung, das Fakultativprotokoll zum Sozialpakt  
und die Wanderarbeiterkonvention der Vereinten Nationen sowie die  
VN-Erklärung über die Rechte von Kleinbauern und -bäuerinnen zu  
ratifizieren. Das ist für Deutschland seit vielen Jahren überfällig. Den  
Prozess für ein VN-Abkommen zu Wirtschaft und Menschenrechten  
(sog. Binding Treaty) wollen wir unterstützen und aktiv vorantreiben.  
Darüber hinaus wollen wir einen eigenen Straftatbestand „erzwunge-  
nes Verschwindenlassen“ in Deutschland schaffen, um das Defizit in  
der Umsetzung der Internationalen Konvention gegen das erzwun-  
gene Verschwindenlassen zu beheben. Auf europäischer Ebene setzen  
wir uns für die Umsetzung der Urteile des Europäischen Gerichtshofs  
für Menschenrechte ein. Das Instrument der gezielten EU-Sanktionen  
gegen Menschenrechtsverbrecher\*innen befürworten wir. Die Beauf-  
tragte der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik und Humani-  
täre Hilfe wollen wir strukturell besser ausstatten und die finanzielle  
Ausstattung der Nationalen Stelle zur Verhütung von Folter und des  
Deutschen Instituts für Menschenrechte wollen wir mindestens ver-  
doppeln, damit sie ihre gesetzlichen Aufgaben angemessen erfüllen  
können. Auf internationaler Ebene setzen wir uns für die Stärkung  
der VN-Fachausschüsse und -Sonderberichterstatter\*innen ein. Men-  
schenrechte und Demokratieförderung sind Grundpfeiler unserer ent-  
wicklungspolitischen Arbeit.  
Rechte von Minderheiten schützen  
Der Umgang mit Minderheiten ist der Gradmesser für den Menschen-  
rechtsschutz in einer Gesellschaft. Wir setzen uns dafür ein, die Rechte  
von Minderheiten auf internationaler Ebene zu stärken – auch inner-  
halb der EU. Nach wie vor setzen die einzelnen Staaten den durch die  
Vereinten Nationen vorgegebenen Minderheitenschutz in nationales  
Recht um, ohne dass einheitlich kontrolliert wird, ob das umfassend  
genug ist. Damit ist der Schutz lückenhaft. Wir werden außenpolitisch  
für die weltweite Umsetzung der Yogyakarta-Prinzipien um Schutz  
von LSBTIQ\* eintreten. In der Entwicklungspolitik wollen wir hier  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN238Kapitel 6  
Bereit, weil Ihr es seid.  
einen neuen Fokus setzen und unser Engagement deutlich steigern.  
Selbst innerhalb der EU gibt es große Unterschiede: Es existieren  
keine gemeinsamen EU-Mindeststandards, kein einheitlicher Rechts-  
rahmen, der den Schutz und die Förderung von Minderheiten gewährt.  
Das wollen wir ändern. Wir werden uns für die Verabschiedung der  
5\. Antidiskriminierungsrichtlinie einsetzen, damit international aner-  
kannte Menschenrechte in der EU eine Rechtsgrundlage erhalten und  
die VN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen  
auf europäischer Ebene rechtlich umgesetzt wird. Den EU-Aktions-  
plan gegen Rassismus treiben wir national und international voran.  
Wir schützen Geflüchtete  
Eine menschenrechtsorientierte Geflüchtetenpolitik  
in Europa umsetzen  
Wir treten für eine Europäische Union ein, die ihre humanitäre und  
rechtliche Verpflichtung, den Zugang zum Grundrecht auf Asyl zu  
garantieren, und die Notwendigkeit, Verfahren nach völkerrechtlichen  
Standards fair und zügig durchzuführen, einhält. So schwer das derzeit  
in der EU der 27 auch ist. Deutschland spielt dabei eine zentrale Rolle.  
Die neue Bundesregierung muss die Menschenrechte und das Asyl-  
recht verteidigen. Zustände wie in den Lagern auf den griechischen  
Inseln, auf dem Mittelmeer oder an der Grenze zu Kroatien bedeuten  
einen Bruch mit europäischen Werten und Menschenrechten. Der Blo-  
ckade einer gemeinsamen und humanen Geflüchtetenpolitik zwischen  
den Mitgliedstaaten begegnen wir mit folgendem Plan: In gemein-  
schaftlichen von den europäischen Institutionen geführten Registrie-  
rungszentren in den EU-Staaten mit rechtsstaatlich und europäisch  
kontrollierten Außengrenzen sollen die Geflüchteten registriert wer-  
den und einen ersten Check durchlaufen, ob Einträge in sicherheits-  
relevanten Datenbanken vorliegen. So wissen wir, wer zu uns kommt,  
und werden zugleich unserer humanitären Verantwortung gerecht.  
Die Menschen, die nach Europa kommen, müssen medizinisch und  
psychologisch erstversorgt und menschenrechtskonform unterge-  
bracht werden. Unter Berücksichtigung persönlicher Umstände wie  
familiärer Bindungen oder der Sprachkenntnisse bestimmt die EU-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN239Kapitel 6  
Bundestagswahlprogramm 2021  
Agentur für Asylfragen schnellstmöglich den Aufnahme-Mitglied-  
staat für die Durchführung des Asylverfahrens. Der zugrunde liegende,  
zügige Verteilmechanismus stützt sich zunächst auf die Bereitschaft  
von Mitgliedstaaten, Regionen und Städten, Geflüchtete freiwillig auf-  
zunehmen. Wer das tut, erhält Hilfe aus einem EU-Integrationsfonds.  
Reichen die Aufnahmeplätze nicht aus, weiten alle Mitgliedstaaten  
im Verhältnis von Bruttoinlandsprodukt und Bevölkerungsgröße ver-  
pflichtend ihr Angebot aus oder leisten einen mindestens gleichwer-  
tigen Beitrag zu den Gesamtkosten. Das Asylverfahren findet dann im  
aufnehmenden Mitgliedstaat statt. Vorgezogene Asylverfahrensprü-  
fungen an den Außengrenzen sind damit nicht vereinbar. Die Kom-  
mission stellt sicher, dass die gemeinsamen Regeln und Standards  
eingehalten werden und für alle Menschen gelten. Wir werden mit  
handlungswilligen Ländern und Regionen vorangehen, um die derzei-  
tige katastrophale Situation an den Außengrenzen zu beenden. Men-  
schenunwürdige Lager und geschlossene Einrichtungen, Transitzonen  
oder europäische Außenlager in Drittstaaten lehnen wir ab.  
Sichere und legale Fluchtwege schaffen  
Niemand sollte für das völkerrechtlich verbriefte Recht, um Asyl zu  
ersuchen, das eigene Leben oder das der Familie riskieren müssen.  
Genau das ist aber bittere Realität: Immer noch reichen die Möglich-  
keiten für sichere Zugangswege bei weitem nicht aus und Geflüch-  
tete sind deshalb gezwungen, auf lebensgefährliche Routen durch die  
Wüste oder über das Meer auszuweichen. Wir wollen sichere und legale  
Zugangswege schaffen – damit Menschen Schutz finden und um zu  
verhindern, dass Schlepper aus der Not und dem Leid der Geflüchteten  
Profit schlagen können. Dabei sind wir dem besonderen Schutz der  
Familie gemäß Grundgesetz, VN-Kinderrechtskonvention und Europäi-  
scher Menschenrechtskonvention verpflichtet und treten dafür ein, die  
Einschränkungen beim Familiennachzug wieder aufzuheben. Familien  
gehören zusammen und das Kindeswohl hat oberste Priorität. Auch  
Menschen mit subsidiärem Schutzstatus müssen deshalb ihre Ange-  
hörigen ohne die bisherigen Einschränkungen nachholen können und  
mit Geflüchteten gemäß der Genfer Konvention gleichgestellt werden.  
Wir wollen den Geschwisternachzug wieder ermöglichen. An deut-  
schen und europäischen Botschaften braucht es mehr Personal und  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN240Kapitel 6  
Bereit, weil Ihr es seid.  
die Möglichkeit, digital Anträge zu stellen, um die Wartezeiten für Visa  
für Familienangehörige zu verkürzen. In Fällen, in denen die Beschaf-  
fung von Identitätsnachweisen durch Schutzberechtigte bei Behörden  
ihres Herkunftsstaates dort lebende Angehörige gefährdet, setzen wir  
uns für die pragmatische Erteilung von Passersatzpapieren ein. Auch  
mit humanitären Visa möchten wir Schutzbedürftigen die Möglichkeit  
geben, sicher nach Europa zu kommen und hier um Asyl zu ersuchen.  
Wir setzen uns außerdem für die Aufnahme afghanischer Ortskräfte  
und ihrer Angehörigen ein, die durch ihre Zusammenarbeit mit deut-  
schen Institutionen wie der Bundeswehr oder der GIZ in Gefahr sind.  
Das individuelle Asylrecht bleibt unangetastet.  
Sichere Zugangswege durch humanitäre  
Aufnahmepartnerschaft  
Im Rahmen des Resettlement-Programms des UNHCR werden durch  
die Vereinten Nationen anerkannte, besonders schutzbedürftige  
Geflüchtete solidarisch und geordnet auf die Aufnahmeländer ver-  
teilt, statt sie ihrem Schicksal auf gefährlichen Fluchtrouten zu über-  
lassen. Das rettet Leben, nimmt Schleppern die Geschäftsgrundlage  
und folgt einem bewährten, planbaren Verfahren. Im Globalen Pakt  
für Flüchtlinge ist die Weltgemeinschaft übereingekommen, das  
Resettlement zu verstärken. Doch faktisch sinkt die Zahl der Aufnah-  
meplätze seit Jahren. Wir schlagen vor, zusammen mit der neuen US-  
Administration und Kanada sowie anderen in einer globalen humani-  
tären Partnerschaft die Aufnahme aus dem Resettlement-Programm  
deutlich auszubauen und mittelfristig die Erfüllung von mindestens  
dem jeweils fairen Anteil am jährlichen, vom UNHCR ermittelten  
Resettlement-Bedarf entsprechend der Wirtschaftskraft zu errei-  
chen. So stärken wir die Vereinten Nationen, werden langfristig der  
globalen Verantwortung Europas gerecht, schaffen Planbarkeit auf  
allen Seiten, gehen mit gutem Beispiel voran und regen andere Staa-  
ten an, dem internationalen Bündnis beizutreten. Daneben werden  
wir sicherstellen, dass sich das geplante EU-Resettlement an den  
UNHCR-Kriterien orientiert. Das individuelle Asylrecht bleibt durch  
das Resettlement unangetastet.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN241Kapitel 6  
Bundestagswahlprogramm 2021  
Landesaufnahmeprogramme und ein  
Patenschaftsprogramm ermöglichen  
Mehrere Bundesländer und über 200 Kommunen in Deutschland sind  
bereit, mehr Geflüchtete als von der Bundesregierung zugesagt bei  
sich aufzunehmen. Dass diese weiteren Aufnahmeplätze dringend  
gebraucht werden, ist angesichts der elenden Zustände in den Lagern  
an den EU-Außengrenzen, etwa auf den griechischen Inseln oder an  
der bosnisch-kroatischen Grenze, offensichtlich. Wir wollen eine huma-  
nitäre Aufnahmepolitik, bei der der Bund und die Länder kooperativ  
zusammenarbeiten und die die Aufnahmebereitschaft von Kommu-  
nen und Ländern nicht mehr ignoriert. Länder, Landkreise, Städte und  
Gemeinden sollen mehr Mitsprache- und Gestaltungsmöglichkeiten  
erhalten, wenn es um die humanitäre Aufnahme Geflüchteter geht. Mit  
einer Änderung der Zustimmungsregel zwischen dem Bundesinnen-  
ministerium und den Ländern von Einvernehmen in Benehmen wollen  
wir klarstellen, dass sich Bundesländer künftig über den Königsteiner  
Schlüssel hinaus selbständig und frei für die Aufnahme von Geflüchte-  
ten entscheiden können. Der Bund soll weiter die finanziellen und inf-  
rastrukturellen Aufgaben erfüllen und die Aufnahmebereitschaft för-  
dern. Auch europäische Gelder können im Rahmen der aufnehmenden  
Staaten und Regionen eingesetzt werden. Wir werden wieder verstärkt  
humanitäre Bundesaufnahmeprogramme sowie Kontingente aus den  
EU-Staaten mit Außengrenzen auf den Weg bringen. Ein Patenschafts-  
programm nach dem Vorbild Kanadas kann die Willkommenskultur  
fördern. Gruppen aus Mentor\*innen oder Vereine können dabei die  
Unterstützung von Geflüchteten zusagen und so durch Relocation- und  
Resettlement-Möglichkeiten konkret Menschen helfen.  
Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte  
an den Außengrenzen sichern  
Ein gemeinsamer Raum der Freizügigkeit und ohne Binnengren-  
zen braucht kontrollierte Außengrenzen. Doch Grenzen sind nur  
rechtsstaatlich kontrolliert, wenn Menschenrechte an diesen Gren-  
zen geschützt werden und der Zugang zum Recht auf Asyl gesichert  
ist. Dass tausende Menschen jährlich im Mittelmeer ertrinken, weil  
europäische Regierungen ihnen nicht ausreichend sichere Zugangs-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN242Kapitel 6  
Bereit, weil Ihr es seid.  
wege ermöglichen und auch die Rettung aus Seenot verweigern,  
ist eine Schande. Wir streiten weiter für eine zivile und flächende-  
ckende, europäisch koordinierte und finanzierte Seenotrettung. Da  
ein gemeinsames Vorgehen aller europäischen Mitgliedstaaten der-  
zeit nicht möglich erscheint, wollen wir mit jenen Staaten vorange-  
hen, die die Seenotrettung als völkerrechtliche Pflicht ernst nehmen,  
und einen eigenen Beitrag leisten: Gerettete müssen zum nächsten  
sicheren Hafen gebracht werden, um dann nach einem Verteilmecha-  
nismus unverzüglich auf aufnahmebereite Mitgliedstaaten, Regionen  
oder Städte aufgeteilt zu werden. Wir stehen fest an der Seite zivil-  
gesellschaftlicher Rettungsinitiativen und treten dafür ein, dass die  
Kriminalisierung und behördliche Behinderung ihrer Arbeit beendet  
wird. So wollen wir die Registrierung von Schiffen der Menschen-  
rechtsbeobachtungs- und Seenotrettungsorganisationen rechtssicher  
und einfacher gestalten. Wir setzen auf eine europäische Grenzkon-  
trolle, die den gemeinsamen Schutz der Menschenrechte zur Grund-  
lage hat und ihre Aufgaben wahrnimmt, ohne sie zur Fluchtabwehr  
zu missbrauchen. Das Asylrecht beruht auf der Einzelfallprüfung, das  
völker- und europarechtlich verbriefte Nichtzurückweisungsgebot  
gilt immer und überall. Die Genfer Flüchtlingskonvention gilt unein-  
geschränkt. Ihre Aushöhlung führt weder zu mehr Sicherheit noch  
zu mehr europäischer Handlungsfähigkeit in der Geflüchtetenpoli-  
tik. Dennoch erleben wir derzeit einen systematischen Rechtsbruch  
an den EU-Außengrenzen: Menschen werden misshandelt, schutz-  
los auf dem Wasser zurückgelassen oder ohne Zugang zu Asylver-  
fahren abgewiesen. Pushbacks, von nationalen Grenzpolizeien oder  
Frontex begangen, müssen rechtlich und politisch geahndet werden.  
Deutschland darf sich an völker- und menschenrechtswidrigen Ein-  
sätzen nicht beteiligen, Verstöße müssen verfolgt werden und Konse-  
quenzen haben. Wir werden uns dafür einsetzen, dass Intransparenz  
und Menschenrechtsverletzungen bei EU-Agenturen wie Frontex kei-  
nen Raum mehr haben. Wir unterstützen die europäischen Initiativen,  
die die strukturellen Probleme beim Menschenrechtsschutz bei den  
Grenzkontrollen mit strukturellen Veränderungen beheben wollen.  
Das staatliche und zivilgesellschaftliche Menschenrechtsmonitoring,  
vor allem durch die EU-Grundrechteagentur, wollen wir ausbauen. Es  
bedarf einer engen parlamentarischen Kontrolle von Frontex-Einsät-  
zen sowie einer systematischen Menschenrechtsbeobachtung vor Ort.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN243Kapitel 6  
Bundestagswahlprogramm 2021  
Aufnahme- und Transitländer unterstützen  
Die humanitäre Versorgung von Geflüchteten außerhalb der Europäi-  
schen Union ist Bestandteil unserer globalen Verantwortung. Wir wol-  
len die finanzielle und logistische Unterstützung von Erstaufnahme-  
und Transitländern wie der Türkei, dem Libanon, dem Sudan, Pakistan  
oder Uganda sowie der dort tätigen Hilfsorganisationen ausbauen.  
Die deutsche und europäische Zusammenarbeit mit Drittstaaten muss  
stets so erfolgen, dass Menschen- und Grundrechte sowie internatio-  
nale Asylstandards eingehalten werden. Sie darf außerdem nicht auf  
die Verhinderung von Flucht abzielen, wie es derzeit mit der soge-  
nannten libyschen Küstenwache und der Erdogan-Regierung der Fall  
ist. Die bestehenden „Migrationspartnerschaften“, die Fluchtabwehr  
und Rückführungen zur Bedingung etwa von Entwicklungszusammen-  
arbeit machen, lehnen wir daher ab, genauso wie die Kooperation mit  
der libyschen Küstenwache. Statt „sichere Herkunftsländer“ zu defi-  
nieren, brauchen wir für Rückführungen menschenrechtskonforme  
Rückübernahmeabkommen. Wir wollen denjenigen Ländern, die ihren  
Staatsbürger\*innen nach einer Rückkehr Sicherheit effektiv garantie-  
ren, im Gegenzug über Visaerleichterungen oder Ausbildungspartner-  
schaften verlässliche Aussicht auf eine geordnete Migration eröffnen.  
Rückübernahmeabkommen dürfen aber nicht zur Bedingung in ande-  
ren Politikbereichen, etwa entwicklungspolitischer oder rechtsstaat-  
licher Unterstützung, gemacht werden, nicht für Drittstaatsangehörige  
gelten oder das Einwanderungsrecht konterkarieren.  
Fluchtursachen strukturell angehen  
Uns ist bewusst: Nicht alle Ursachen von Vertreibung können wir  
beeinflussen. Viele Menschen fliehen, weil sie verfolgt oder ihnen  
grundlegende Rechte vorenthalten werden. Umso entscheidender ist  
konsequentes Handeln überall dort, wo auch unser Wirtschaften und  
Konsumieren andernorts zu Ausbeutung oder Perspektivlosigkeit füh-  
ren. So wollen wir verhindern, dass Menschen überhaupt fliehen und  
ihre bisherige Heimat unfreiwillig verlassen müssen. Deshalb rücken  
wir die strukturellen Ursachen von Flucht und Vertreibung und unsere  
dahin gehende Verantwortung ins Zentrum unserer Politik. Denn viele  
politische Entscheidungen, die wir in Deutschland und Europa treffen,  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN244Kapitel 6  
Bereit, weil Ihr es seid.  
haben direkte Auswirkungen auf die Lebensbedingungen in anderen  
Weltregionen. Wir machen uns deshalb stark für zivile Krisenpräven-  
tion und wollen mit einer restriktiven Ausfuhrkontrolle europäische  
Rüstungsexporte an Diktaturen, menschenrechtsverachtende Regime  
und in Kriegsgebiete beenden. Wir setzen uns für ein gerechtes Han-  
delssystem ein, das auch den Interessen der Menschen im globalen  
Süden dient. Und wir treiben die sozial-ökologische Transformation  
unserer Wirtschaft voran.  
Wir streiten für eine gerechte  
Weltwirtschaftsordnung  
Globale Krisenprävention  
Die Corona-Krise führt in vielen Ländern des globalen Südens zu  
Kapitalflucht und Währungskrisen und offenbart so die Schwächen  
der Währungsordnung. Unser Ziel bleibt langfristig der Aufbau eines  
kooperativen Weltwährungssystems. Der IWF muss in Krisensituationen  
sehr viel mehr Liquidität unkonditioniert bereitstellen können. Dafür  
werden wir uns für eine deutliche Aufstockung der Sonderziehungs-  
rechte einsetzen. Deutschland und Europa könnten vorangehen und  
nicht genutzte Sonderziehungsrechte Ländern des globalen Südens  
zur Verfügung stellen, wie Kanada es bereits getan hat. Der IWF sollte  
Ländern des globalen Südens auch bei der Einführung und Durchfüh-  
rung von Kapitalverkehrskontrollen helfen und dafür mit den Staaten  
mit globalen Finanzzentren zusammenarbeiten. Das Stimmengewicht  
muss sich zugunsten von Ländern des globalen Südens verschieben.  
Die EU-Staaten sollten ihre Stimmrechte zusammenlegen.  
Entwicklung ermöglichen, Schuldenkrisen lösen  
Viele Länder des globalen Südens befinden sich in einer Schulden-  
krise. Das derzeitige Schuldendienstmoratorium ist richtig, verschiebt  
das Problem aber in die Zukunft. Wir brauchen solide Schuldenre-  
strukturierungen und auch Schuldenerlasse, die Ländern Luft für eine  
nachhaltige Entwicklung verschaffen. Um für künftige Überschul-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN245Kapitel 6  
Bundestagswahlprogramm 2021  
dungskrisen vorzusorgen, setzen wir uns für ein bei den Vereinten  
Nationen angesiedeltes, transparentes und unabhängiges Schulden-  
restrukturierungsverfahren für Staaten ein. Private Gläubiger\*innen  
müssen rechtlich dazu verpflichtet werden, an einem solchen Verfah-  
ren teilzunehmen, damit Entschuldungen nicht mehr blockiert wer-  
den können und so etwa Geierfonds auf Kosten anderer profitieren.  
Solange eine internationale Lösung nicht durchsetzbar ist, müssen  
Deutschland und andere Regierungen mit koordinierter Gesetzge-  
bung den Anfang machen. Damit wollen wir den zu hoch verschul-  
deten Staaten im globalen Süden weitere Handlungsspielräume für  
sozial-ökologische Transformationsprozesse ermöglichen, etwa um  
ihre Gesundheits-, Bildungs- und Sozialsysteme zu verbessern.  
Spekulation mit Nahrungsmitteln verbieten  
Nahrungsmittelpreise sind oft starken Schwankungen unterworfen.  
Verantwortlich dafür sind nicht nur Wetter und Ernten, sondern auch  
skrupellose Spekulant\*innen, denen die Gewinnmaximierung vor  
Nahrungsmittelsicherheit geht. Auch andere lebenswichtige Res-  
sourcen, wie Wasser, werden immer mehr zu einer spekulativen Ware.  
Wir werden uns in der EU für striktere Regulierungen einsetzen, um  
exzessive Nahrungsmittelspekulation zu verhindern. Dafür braucht es  
strenge Berichtspflichten für Händler\*innen sowie strikte Preis- und  
Positionslimits an allen europäischen Rohstoff-Börsen. So wirken wir  
unkontrollierten, marktverzerrenden Spekulationen entgegen, ohne  
die für die Agrarbranche wichtigen Absicherungsmechanismen an  
den Terminmärkten zu gefährden.  
Wir treten ein für Frieden und Sicherheit  
Vorausschauend für den Frieden  
Unsere Außen- und Sicherheitspolitik zielt darauf, Konflikte zu ver-  
hindern, und setzt deshalb auf Vorausschau gemäß der VN-Agenda für  
nachhaltige Entwicklung. Deutschland soll bei der politischen Ent-  
schärfung von Konflikten und in der zivilen Konfliktbearbeitung auf  
globaler Ebene eine treibende Kraft werden. Wir ergänzen den traditi-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN246Kapitel 6  
Bereit, weil Ihr es seid.  
onellen Sicherheitsbegriff um die menschliche Sicherheit und rücken  
damit die Bedürfnisse von Menschen in den Fokus. Den Europäischen  
Auswärtigen Dienst (EAD) und die Gemeinsame Außen- und Sicher-  
heitspolitik (GASP) gilt es zu stärken, einschließlich der Rolle des/der  
Hohen Vertreter\*in. Die Leitlinien „Krisen verhindern, Konflikte bewäl-  
tigen, Frieden fördern“ wollen wir um einen Aufbauplan mit zivilen  
Planzielen ergänzen und den Auswärtigen Dienst für dessen heutige  
Aufgaben fit machen. Die personellen und finanziellen Mittel für zivile  
Krisenprävention sollten gezielt erhöht und durch eine Reform des  
Zuwendungsrechts langfristig planbarer werden. Wir wollen eine per-  
manente und schnell einsatzbereite Reserve an EU-Mediator\*innen  
und Expert\*innen für Konfliktverhütung, Friedenskonsolidierung und  
Mediation aufbauen. Wir wollen mehr ressortgemeinsame Analysen,  
Krisenfrüherkennung und Projektplanung, eine engere Abstimmung  
mit internationalen Partner\*innen sowie einen angemessen ausge-  
statteten Fonds „Krisenprävention, Konfliktbewältigung und Frie-  
densförderung“. Wir möchten lokale zivilgesellschaftliche Konzepte  
und Akteur\*innen in der Friedensförderung stärker unterstützen.  
Den Zivilen Friedensdienst (ZFD) wollen wir weiterentwickeln und  
bedarfsgerecht ausbauen, das Zentrum für Internationale Friedens-  
einsätze (ZIF) sowie die Friedens- und Konfliktforschung stärken. Das  
Stiftungskapital der Deutschen Stiftung Friedensforschung wollen  
wir erhöhen, den neu eingerichteten Fachbereich an der Deutschen  
Hochschule der Polizei und andere wissenschaftliche Einrichtungen  
insbesondere personell und durch Strategien der Entfristung stärker  
fördern. Auch die Erfolge und Chancen der zivilen Krisenprävention  
und Konfliktbearbeitung wollen wir der Bevölkerung durch mehr und  
zielgerichtete Öffentlichkeitsarbeit vermitteln.  
Internationale Politik feministisch gestalten  
Wir gestalten unsere Außen-, Entwicklungs-, Handels- und Sicher-  
heitspolitik feministisch. Frauen, Mädchen und marginalisierte Grup-  
pen wie LSBTIQ\*-Personen sind in besonderem Maße von Kriegen,  
Konflikten und Armut betroffen. Die Wahrung ihrer Rechte und ihrer  
Rolle als Gestalter\*innen in der internationalen Politik fördert Frieden,  
Entwicklung, Stabilität und Sicherheit. Es geht darum, die diversen  
Perspektiven von Frauen, Mädchen und marginalisierten Gruppen zu  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN247Kapitel 6  
Bundestagswahlprogramm 2021  
stärken, zu schützen und bei allen bi- oder multilateralen Verhandlun-  
gen immer mindestens gleichberechtigt einzubeziehen. Dazu braucht  
es auch Genderanalysen für einzelne Länderkontexte in regelmäßi-  
gen Abständen und eine enge Zusammenarbeit mit feministischen  
Akteur\*innen in Deutschland und in Partnerländern. Wir wollen sie  
nachhaltig finanziell und politisch unterstützen und bedarfsgerechte  
Strategien, Gender Budgeting und eine bessere Ressortkoordinierung  
stärken. Es gilt die Umsetzung der Agenda 1325 „Frauen, Frieden,  
Sicherheit“ innerhalb Deutschlands wie international voranzutreiben,  
sexualisierte und genderbasierte Gewalt entschieden einzudämmen,  
die reproduktiven Rechte von Frauen zu schützen und die Sicherheit  
und Partizipation von Frauen und Mädchen in der Prävention gegen  
Konflikte, bei der Transformation von Konflikten und in Stabilisie-  
rungsprozessen in den Fokus zu nehmen. Geschlechterbildern, die  
sich nachteilig auf Frieden, Sicherheit und Entwicklung auswirken,  
möchten wir entgegenwirken. Hierzu wollen wir gemeinsam mit Zivil-  
gesellschaft und Wissenschaft verbindliche Leitlinien für eine femi-  
nistische Außenpolitik der Bundesregierung erarbeiten.  
Koloniales Unrecht aufarbeiten und internationale  
Beziehungen dekolonialisieren  
Ziel unserer internationalen Politik ist eine selbstkritische und gleich-  
berechtigte Zusammenarbeit. Wir können das Unrecht, das die Men-  
schen in den früheren Kolonien des Deutschen Reiches erleiden  
mussten, weder ungeschehen machen noch wiedergutmachen. Umso  
wichtiger ist es, dass wir vergangenes Unrecht wie den Völkermord an  
den Ovaherero und Nama benennen, für diese und andere begangene  
Verbrechen wie im Maji-Maji-Aufstand um Vergebung bitten und dafür  
mit Worten und Taten Verantwortung übernehmen. Aber aus den Ver-  
brechen der Kolonialzeit erwächst auch eine besondere Verantwor-  
tung für unser internationales Handeln heute. Wir wollen strukturelle  
Ungerechtigkeiten, wie benachteiligende Klauseln in Handelsabkom-  
men, ungerechte Wohlstandsverteilung und fehlende Repräsentanz  
im VN-Sicherheitsrat, Stück für Stück abbauen. Auch unser Natur- und  
Umweltschutz muss postkolonial sein. Das bedeutet, die Menschen-  
und Landrechte indigener und lokaler Gemeinschaften zu stärken und  
zu achten. Die lokale Zivilgesellschaft, Menschen in der Diaspora und  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN248Kapitel 6  
Bereit, weil Ihr es seid.  
Nachfahren der Opfer kolonialer Verbrechen sind Partner\*innen. Mit  
ihnen gemeinsam wollen wir Prozesse zur Aufarbeitung stärken und  
zusammen mit unseren europäischen Partner\*innen dafür sorgen, dass  
eine umfangreiche Aufarbeitung der kolonialen Verbrechen stattfindet.  
Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik stärken  
Gerade vor dem Hintergrund des zunehmenden Autoritarismus und  
der weltweiten Angriffe auf Kunst- und Wissenschaftsfreiheit wollen  
wir die Zusammenarbeit mit der UNESCO und dem Europarat intensi-  
vieren und die Auswärtige Kultur-, Bildungs- und Wissenschaftspolitik  
stärken. Sie sichert Zugänge zur Zivilgesellschaft, vor allem in Krisen-  
zeiten, stärkt demokratischen Austausch und baut neue Partnerschaf-  
ten auf. Das zivilgesellschaftliche Eine-Welt-Engagement und die ent-  
wicklungspolitische Bildungsarbeit wollen wir stärker unterstützen.  
Auch die Aufarbeitung der Verbrechen des Nationalsozialismus wer-  
den wir durch internationale Kultur- und Jugendbegegnungen und  
durch zivilgesellschaftlichen Austausch stärken. Unser Ziel ist es, dass  
alle jungen Menschen während ihrer Schul-, Ausbildungs- oder Stu-  
dienzeit die Möglichkeit haben, europäische bzw. internationale Aus-  
tauscherfahrungen zu sammeln. Die Verantwortung für die koloniale  
Vergangenheit Deutschlands wollen wir zum Beispiel in gemeinsa-  
men Geschichtsbuchkommissionen mit ehemaligen kolonialisierten  
Staaten aufarbeiten. Kulturmittlerorganisationen, wie etwa Goethe-  
Institute, und die deutschen Schulen im Ausland sollen finanziell bes-  
ser ausgestattet und digital fit gemacht werden, die Programme für  
verfolgte Künstler\*innen und Wissenschaftler\*innen sowie Maßnah-  
men gegen Desinformationskampagnen wollen wir verstärken.  
Europarat und OSZE stärken  
Frieden in Europa bedeutet mehr als Frieden, Sicherheit und Stabilität  
in der EU. Damit die Vision einer friedlichen Zukunft für alle Euro-  
päer\*innen Wirklichkeit werden kann, wollen wir die gemeinsamen,  
über die EU hinausreichenden europäischen Institutionen wie den  
Europarat und die OSZE stärken und weiterentwickeln, auch damit  
wir alle europäischen Staaten einbinden. Nur so können wir tatsäch-  
lich ein effektives und starkes System kollektiver Sicherheit in ganz  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN249Kapitel 6  
Bundestagswahlprogramm 2021  
Europa schaffen. Es bleibt unser Ziel, die östlichen Nachbarstaaten  
der Europäischen Union auf der Basis gemeinsamer Werte für eine  
solche Perspektive zu gewinnen und die demokratischen Zivilgesell-  
schaften vor Ort zu unterstützen, was gerade angesichts der natio-  
nalistischen und rückwärtsgewandten Politik Russlands, die Europas  
Sicherheit und die Selbstbestimmung der Nachbarländer Russlands  
untergräbt, nötig ist. Die OSZE als Forum für Dialog und fairen Inter-  
essenausgleich braucht mehr finanzielle und personelle Ressourcen  
sowie ein aktiveres Engagement seitens der Bundesregierung und der  
teilnehmenden Parlamentarier\*innen. Sie soll als Akteurin für Rüs-  
tungsbegrenzung, Abrüstung und den gemeinsamen Kampf gegen  
die Klimakrise gestärkt sowie in ihren Aktivitäten zur Umsetzung des  
Minsker Abkommens unterstützt werden. Den andauernden Versu-  
chen autoritärer Staaten, die OSZE-Agenda entlang ihrer Interessen  
zu dominieren, kann nur gemeinsam mit anderen liberalen Demo-  
kratien der OSZE für eine wertegeleitete und völkerrechtsorientierte  
Politik begegnet werden.  
Neuer Schub für Abrüstung  
Abrüstung und Rüstungskontrolle bedeuten global mehr Sicherheit  
für alle. Angesichts der wachsenden militärischen Risiken in Europa ist  
eine Wiederbelebung der konventionellen Rüstungskontrolle unab-  
dingbar. Erste Schritte sollen weitere deeskalierende Maßnahmen in  
Konfliktzonen sowie die Wiederaufnahme des Sicherheitsdialogs und  
militärischer Kontakte zwischen NATO und Russland sein. Auch über  
Europa hinaus wollen wir alle Länder einbeziehen, insbesondere auch  
China. Unser Anspruch ist noch immer nichts Geringeres als eine atom-  
waffenfreie Welt. Nach der Aufkündigung des Vertrags über nukleare  
Mittelstreckensysteme (INF-Vertrag) zwischen den USA und Russland  
ist eine neue Vertragsinitiative nötig. Eine Stationierung neuer Mit-  
telstreckenraketen auf dem europäischen Kontinent lehnen wir ab.  
Wir wollen den transatlantischen Neustart nach der US-Präsident-  
schaftswahl und das Wiederbeleben des New-START-Vertrags nutzen,  
um mit den USA über Barack Obamas „Global Zero“ ins Gespräch zu  
kommen. Wir wollen ein Deutschland frei von Atomwaffen und einen  
Beitritt Deutschlands zum VN-Atomwaffenverbotsvertrag. Eine Welt  
ohne Atomwaffen gibt es nur über Zwischenschritte. Als ersten Schritt  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN250Kapitel 6  
Bereit, weil Ihr es seid.  
sollte Deutschland als Beobachter an der Vertragsstaatenkonferenz  
teilnehmen. Darüber hinaus wollen wir in der kommenden Legisla-  
turperiode folgende Prozesse initiieren: eine internationale Initiative  
zur Reduzierung der Zahl von Atomwaffen, einen Verzicht der NATO  
auf jeden Erstschlag und eine breite öffentliche Debatte über die ver-  
alteten Abschreckungsdoktrinen des Kalten Krieges. Wir wissen, dass  
dafür – auch angesichts der russischen konventionellen und nuklea-  
ren Aufrüstung – zahlreiche Gespräche im Bündnis notwendig sind,  
auch mit unseren europäischen Partnerstaaten, und vor allem die  
Stärkung der Sicherheit und Rückversicherung unserer polnischen  
und baltischen Bündnispartner\*innen.  
Keine deutschen Waffen in Kriegsgebiete und Diktaturen  
Exporte von Waffen und Rüstungsgütern an Diktaturen, menschen-  
rechtsverachtende Regime und in Kriegsgebiete verbieten sich. Für  
die Reduktion von europäischen Rüstungsexporten wollen wir eine  
gemeinsame restriktive Rüstungsexportkontrolle der EU mit einklag-  
baren strengen Regeln und Sanktionsmöglichkeiten. Kooperationen  
mit dem Sicherheitssektor anderer Staaten müssen an die Einhaltung  
demokratischer, rechtsstaatlicher und menschenrechtlicher Kriterien  
geknüpft werden. Für Deutschland werden wir ein Rüstungsexport-  
kontrollgesetz vorlegen, ein Verbandsklagerecht bei Verstößen gegen  
das neue Gesetz einführen und für eine wirksame Endverbleibskont-  
rolle sorgen. Hermesbürgschaften für Rüstungsexporte darf es nicht  
geben. Den Einsatz von Sicherheitsfirmen in internationalen Konflik-  
ten wollen wir streng regulieren und private Militärfirmen verbieten.  
Autonome tödliche Waffensysteme international ächten  
Autonome tödliche Waffensysteme, die keiner wirksamen Steuerung  
mehr durch den Menschen bei Auswahl und Bekämpfung von Zielen  
unterliegen, stellen eine unberechenbare Bedrohung dar. Im Sinne  
von Frieden und Stabilität wollen wir Autonomie in Waffensystemen  
international verbindlich regulieren und Anwendungen, die gegen  
ethische und völkerrechtliche Grundsätze verstoßen, international  
verbindlich ächten und verbieten. Das gilt auch für digitale Waffen  
wie Angriffs- und Spionagesoftware. Hierbei müssen Deutschland und  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN251Kapitel 6  
Bundestagswahlprogramm 2021  
die EU eine globale Führungsrolle einnehmen. Um eine Militarisie-  
rung des Weltraumes zu verhindern, wollen wir weiterentwickelte,  
international verbindliche Regeln auf den Weg bringen.  
Sicherheit im Cyber- und Informationsraum schaffen  
Digitalisierung und neue Technologien bieten viele neue Möglichkei-  
ten, schaffen aber auch Risiken für offene, demokratische Gesellschaf-  
ten und werfen in bestimmten Bereichen schwerwiegende ethische,  
politische und rechtliche Fragen auf. Sie verändern Möglichkeiten  
staatlicher und nichtstaatlicher Einflussnahme auf individuelle Frei-  
heiten und gesellschaftliche Diskurse, demokratische Abstimmungs-  
prozesse sowie die moderne Kriegsführung. Der Staat ist in der Pflicht,  
die Bevölkerung effektiv vor solchen Angriffen zu schützen. Für Früh-  
erkennung, Analyse und das gemeinsame Vorgehen staatlicher Stellen  
braucht es ressortübergreifende Strategien zur Bekämpfung hybrider  
Bedrohungen, klare rechtliche Vorgaben und eine starke parlamen-  
tarische Kontrolle für das Handeln der Bundeswehr im Cyberraum.  
Die Bundeswehr braucht ein an Schutz und Defensive orientiertes  
Selbstverständnis im digitalen Raum. Gleichzeitig müssen alle staat-  
lichen Institutionen kontinuierlich ihre Resilienz stärken und gerade  
Betreiber\*innen kritischer Infrastrukturen hierbei unterstützt werden.  
Wir setzen uns für neue internationale Übereinkünfte ein, um die  
Rüstungskontrolle digitaler Güter und das Völkerrecht zu stärken. Die  
Gültigkeit der VN-Charta muss ausgedehnt und das humanitäre Völ-  
kerrecht auch im Cyberraum angewendet werden. Hierfür muss auch  
die europäische Zusammenarbeit ausgebaut werden, wozu Deutsch-  
land einen entsprechenden Beitrag leisten muss.  
Internationale Schutzverantwortung wahrnehmen  
Es ist wichtig, frühzeitig auf Konflikte einzuwirken und zu verhindern,  
dass sie zu bewaffneten Auseinandersetzungen eskalieren. Uns leitet  
das Konzept der „Responsibility to Prepare, Protect and Rebuild“ der  
Vereinten Nationen, das die Staatengemeinschaft verpflichtet, Men-  
schen vor schwersten Menschenrechtsverletzungen und Verbrechen  
gegen die Menschlichkeit sowie Völkermord zu schützen. Die Staa-  
ten sind gleichermaßen verpflichtet, ihre Instrumente für Prävention,  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN252Kapitel 6  
Bereit, weil Ihr es seid.  
Krisenreaktion und Nachsorge bzw. Wiederaufbau kriegszerstörter  
Gesellschaften auszubauen. Wir unterstützen internationale Einsätze  
im Rahmen der Vereinten Nationen, die zu Stabilität, dem Schutz der  
Zivilbevölkerung und der Umsetzung von Friedensprozessen bei-  
tragen. Wir streben an, Ressourcen- und Fähigkeitslücken in diesem  
Bereich zu beheben und den zivilen und militärischen Beitrag zu VN-  
Einsätzen signifikant zu erhöhen. Den Frauenanteil unter entsandten  
Einsatzkräften, Polizist\*innen und Soldat\*innen, besonders auch in  
Leitungspositionen, wollen wir durch gezielte Rekrutierung deutlich  
erhöhen. Die Anwendung militärischer Gewalt als Ultima Ratio, wenn  
alle anderen Möglichkeiten wie Sanktionen oder Embargos ausge-  
schöpft wurden, kann in manchen Situationen nötig sein, um Völker-  
mord zu verhindern und die Möglichkeit für eine politische Lösung  
eines Konflikts zu schaffen. Ein Einsatz braucht einen klaren und  
erfüllbaren Auftrag, ausgewogene zivile und militärische Fähigkeiten  
und unabhängige (Zwischen-)Evaluierungen. Bewaffnete Einsätze der  
Bundeswehr im Ausland sind in ein System gegenseitiger kollektiver  
Sicherheit – das heißt nicht in verfassungswidrige Koalitionen der  
Willigen – und in ein politisches Gesamtkonzept einzubetten, basie-  
rend auf dem Grundgesetz und dem Völkerrecht. Bei Eingriffen in die  
Souveränität eines Staates oder dort, wo staatliche Souveränität fehlt,  
braucht es ein Mandat der Vereinten Nationen. Wenn das Vetorecht  
im Sicherheitsrat missbraucht wird, um schwerste Verbrechen gegen  
die Menschlichkeit zu decken, steht die Weltgemeinschaft vor einem  
Dilemma, weil Nichthandeln genauso Menschenrechte und Völker-  
recht schädigt wie Handeln.  
Moderne Bundeswehr  
Der Auftrag und die Aufgaben der Bundeswehr müssen sich an den  
realen und strategisch bedeutsamen Herausforderungen für Sicher-  
heit und Friedenssicherung orientieren und in ein gesamtstaatliches  
Handeln einfügen. Deutschland soll sich auf seine Bündnispartner  
verlassen können und genauso sollen sich die Bündnispartner auf  
Deutschland verlassen können. Dazu gehört auch, dass die Bundes-  
wehr entsprechend ihrem Auftrag und ihren Aufgaben personell und  
materiell sicher und planbar ausgestattet und bestmöglich organi-  
siert sein muss. Dass Soldat\*innen mit nicht ausreichender Schutz-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN253Kapitel 6  
Bundestagswahlprogramm 2021  
ausrüstung in Einsätze gehen, ist nicht hinnehmbar. Neben einer aus-  
reichenden und optimalen Ausrüstung zu jeder Zeit wollen wir, dass  
die Soldat\*innen nach Einsätzen umfassend betreut und unterstützt  
werden und das Angebot für Einsatzgeschädigte ausgebaut wird.  
Die Bundeswehr soll die Vielfalt und Diversität unserer Gesellschaft  
in ihrer Personalstruktur widerspiegeln. Menschenfeindliche Ideo-  
logien und rechtsextremistisches Verhalten sind mit dem Auftrag  
der Bundeswehr und den Pflichten der Soldat\*innen in keiner Weise  
vereinbar. Daher werden wir dies konsequent verfolgen und derar-  
tige Strukturen zerschlagen. Neben der umfassenden Aufklärung ist  
die wirksame Prävention entscheidend, durch eine praktizierte und  
weiterentwickelte Innere Führung, verantwortungsbewusste Per-  
sonalgewinnung und zeitgemäße, verbindliche politische Bildung.  
Die Rekrutierung Minderjähriger sowie den bewaffneten Einsatz der  
Bundeswehr im Inneren lehnen wir ab und wollen den Freiwilligen  
Wehrdienst im Heimatschutz beenden sowie die politische Bildung  
in Schulen, durch Stärkung ziviler Krisenprävention und Konfliktbe-  
arbeitung, gleichberechtigt gestalten. Bewaffnete Drohnen wurden  
und werden vielfach auch von unseren Bündnispartnern für extrale-  
gale Tötungen und andere völkerrechtswidrige Taten eingesetzt. Ein  
solcher Einsatz ist für uns GRÜNE undenkbar und mit dem deutschen  
Verfassungs- und Wehrrecht nicht vereinbar. Gleichzeitig erkennen  
wir an, dass diese Systeme Soldat\*innen in gewissen Situationen  
besser schützen können. Deshalb muss klargemacht werden, für  
welche Einsatzszenarien der Bundeswehr die bewaffneten Drohnen  
überhaupt eingesetzt werden sollen, bevor über ihre Beschaffung  
entschieden werden kann. Auch technische Herausforderungen wie  
mögliche Hackability müssen in der Gesamtabwägung eine wichtige  
Rolle spielen.  
NATO strategisch neu ausrichten  
Die NATO leidet unter divergierenden sicherheitspolitischen Inter-  
essen innerhalb der Allianz bis hin zu zwischenstaatlichen Konflik-  
ten. Ihr fehlt in dieser tiefen Krise eine klare strategische Perspektive.  
Trotzdem bleibt sie aus europäischer Sicht neben der EU eine unver-  
zichtbare Akteurin, die die gemeinsame Sicherheit Europas garantie-  
ren kann und die als Staatenbündnis einer Renationalisierung der  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN254Kapitel 6  
Bereit, weil Ihr es seid.  
Sicherheitspolitik entgegenwirkt. Wir werden uns im Rahmen des  
laufenden Strategieprozesses für eine Neuaufstellung der NATO und  
darauf aufbauend eine Debatte über eine faire Lastenverteilung und  
eine ausgewogene Beteiligung der Mitgliedstaaten einsetzen, um  
strategische Interessen auf Grundlage von europäischen Werten wie  
Multilateralismus, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit gemeinsam zu  
entwickeln und geschlossener und überzeugender zu vertreten. Das  
nicht auf Fähigkeiten und Befähigung ausgerichtete NATO-2-Prozent-  
Ziel gibt darauf keine Antwort und wir lehnen es deshalb ab. Wir set-  
zen uns für eine neue Zielbestimmung ein, die nicht abstrakt, national  
und statisch ist, sondern von den gemeinsamen Aufgaben ausgeht,  
und werden mit den NATO-Partnern darüber das Gespräch suchen.  
Dazu zählt auch eine stärkere militärische Zusammenarbeit und Koor-  
dinierung innerhalb der EU und mit den europäischen NATO-Partnern  
wie Großbritannien und Norwegen.  
Europas Sicherheit gemeinsam gestalten  
Gemeinsam mit den internationalen Partnern muss die Europäische  
Union ihrer Verantwortung für die eigene Sicherheit und Verteidigung  
gerecht werden. Die Gemeinsame Sicherheits- und Verteidigungspoli-  
tik (GSVP) setzt eine gemeinsame EU-Außenpolitik voraus. Wir wollen  
eine EU-Sicherheitsunion etablieren mit einer starken parlamentari-  
schen Kontrolle und einer gemeinsamen restriktiven Rüstungsexport-  
politik mit strengen Regeln und einklagbaren Sanktionsmöglichkeiten.  
Anstatt immer mehr Geld in nationale militärische Parallelstrukturen  
zu leiten, wollen wir die verstärkte Zusammenarbeit der Streitkräfte in  
der EU ausbauen, militärische Fähigkeiten bündeln, eine effizientere  
Beschaffung erreichen und allgemein anerkannte Fähigkeitslücken  
gemeinsam und durch eine Konsolidierung des europäischen Rüs-  
tungssektors schließen. Dafür sind eine geeignete Ausstattung, der  
Ausbau von EU-Einheiten sowie eine Stärkung und Konsolidierung  
der gemeinsamen EU-Kommandostruktur und europäischer Initiati-  
ven wie zum Beispiel der Permanent Structured Cooperation (PESCO)  
nötig. Gemeinsame EU-Auslandseinsätze sollten stärker vom Europäi-  
schen Parlament begleitet und kontrolliert werden. Die Umwidmung  
von bisher ausschließlich für zivile Zwecke vorgesehenen Geldern aus  
dem EU-Haushalt für militärische Zwecke lehnen wir ab.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN255Epilog  
Bundestagswahlprogramm 2021  
Regieren auf Augenhöhe  
mit der Zukunft  
Liebe Wähler\*innen,  
wir haben Ihnen in diesem Programm beschrieben, welche Richtung  
wir mit einer neuen Politik einschlagen wollen und welche Projekte  
nach unserer Überzeugung in eine bessere Zukunft führen. Wenn  
wir in Zeiten des Umbruchs und der epochalen Aufgaben das Beste  
ermöglichen wollen, muss sich aber nicht nur der Inhalt von Politik  
ändern, sondern auch die Art und Weise, wie wir Politik machen, wie  
eine Regierung das Land führt.  
In demokratischen Gesellschaften begründet sich Führung durch  
die Kraft der Überzeugung. Ja, man kann mit politischen Mehrheiten  
„durchregieren“ und nach vier Jahren schauen, ob Sie mit den politi-  
schen Entscheidungen einverstanden waren oder nicht. Dieses einfa-  
che Prinzip vom Gewinnen und Verlieren im Vierjahresrhythmus allein  
hat sich aber als zu schwach erwiesen, um die gegenwärtigen gesell-  
schaftlichen Herausforderungen zu stemmen. Demokratische Gesell-  
schaften können mehr, indem sie sich vernetzen, voneinander lernen  
und ihre Kräfte bündeln. Die großen Herausforderungen unserer Zeit  
bewältigen wir nur gemeinsam. Das Ende der jetzigen politischen Ära  
kann zugleich der Beginn eines neuen politischen Selbstverständnis-  
ses und Miteinanders sein.  
Wir sind als Politiker\*innen dem Gemeinwohl verpflichtet und  
damit beauftragt, Ihnen, den Menschen in diesem Land, zu dienen. Wir  
brauchen die lebendige, kontroverse Diskussion und die Bereitschaft,  
Zustände und Konzepte zu hinterfragen und zu lernen, sonst geht  
es nicht voran. Wer dagegen mit Unterstellungen arbeitet, bewusst  
Missverständnisse provoziert, erstickt Debatten. Wir aber wollen sie  
ermöglichen.  
Wir wissen, dass Sie sich genauso ernsthafte Gedanken über  
unsere Zukunft als Gesellschaft machen wie wir. Und deshalb sagen  
wir: Ja, unsere Vorhaben sind ambitioniert, nicht zuletzt die Mensch-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN256Epilog  
Bereit, weil Ihr es seid.  
heitsaufgabe Klimaschutz, weil weniger den Herausforderungen  
nicht gerecht würde. Und nein, wir können nicht versprechen, dass  
jedes einzelne Projekt genau so Wirklichkeit wird. Wir können nicht  
versprechen, dass niemand durch Klimaschutz belastet wird. Wir kön-  
nen nicht vorhersagen, welche Spielräume der Staat nach Corona  
haben wird. Niemand kennt alle Bedingungen der Zukunft. Aber:  
Sie kennen jetzt unsere Vorschläge und Ziele, unsere Ansichten und  
unsere Haltung. Was wir Ihnen versprechen: Wir haben uns seit vie-  
len Jahren vorbereitet, und wir werden alles daransetzen, so viel zu  
erreichen, wie wir irgend möglich machen können. Denn Regieren ist  
kein Selbstzweck. Unser Anspruch ist nicht weniger als eine Erneue-  
rung des Landes.  
Die großen Transformationsaufgaben, der Zusammenhalt unserer  
Gesellschaft fordern mehr denn je den Willen zur Kooperation, zum  
Zusammenführen, zum Kompromiss, der mehr ist als die Summe sei-  
ner Teile. Die großen Aufgaben unserer Zeit werden nicht gelingen,  
wenn eine Regierung denkt, alles allein zu schaffen. Sie können nur  
gelingen, wenn viele sich verantwortlich fühlen, wenn so viele wie  
möglich sich als Teil des Teams begreifen. Wir wollen Verantwortung  
übernehmen, aber wir wissen, dass wir Ihre Unterstützung brauchen  
werden. Wir bitten Sie, sich einzubringen, einzumischen und laden Sie  
ein, mit uns voranzugehen. Mit gebündelter Kraft können wir gemein-  
sam vieles schaffen.  
Wir möchten dafür das Verhältnis von Regierung, Parlament und  
Bürger\*innen neu begründen: starke Parlamente und Abgeordnete,  
neue Formen der Beteiligung, etwa über Bürger\*innenräte, die frühe  
Einbeziehung von Bürger\*innen bei Planungsprozessen, die trans-  
parente Einbeziehung der demokratischen Zivilgesellschaft und wis-  
senschaftlicher Fakten. Regieren heißt nicht Allwissenheit, Opposi-  
tion heißt nicht aus Prinzip dagegen. Oft erkennen die Menschen, die  
ein Gesetz direkt betrifft, als Erste seine unbeabsichtigten Wirkun-  
gen. Wir wollen zuhören und einbeziehen, damit unsere Politik eine  
bessere wird.  
Dazu gehört auch ein neuer Stil in der Zusammenarbeit innerhalb  
einer Regierung. Als Partei haben wir Teamgeist und Kooperation in  
den letzten Jahren erfolgreich erprobt und gelebt. Diese Idee wollen  
wir nun einbringen – angefangen damit, dass die volle Gleichberechti-  
gung von Frauen selbstverständlich ist. Wir wollen eine Koalition füh-  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN257Epilog  
Bundestagswahlprogramm 2021  
ren, die versucht, das Beste aus Gegensätzen zu machen, anstatt sich  
mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner zufriedenzugeben. Die aner-  
kennt, dass ein Koalitionspartner Wertvolles an den Tisch bringt und  
ebenso recht haben kann. Eine Koalition, die diejenigen einbezieht, die  
nicht im Koalitionsausschuss sitzen. Nicht alle Menschen fühlen sich  
von uns vertreten, das wissen wir. Umso wichtiger ist es, auch auf die-  
jenigen zuzugehen, die uns nicht wählen oder wählen werden.  
Die Corona-Krise hat gezeigt, wie viel unser Staat leistet – und  
wo es mangelt. Ungleichheit ist gewachsen, aber ein dichtes sozi-  
ales Netz hat bisher verhindert, dass sich die Corona-Pandemie zu  
einer tiefgreifenden sozialen Krise entwickelt. Ärzt\*innen, Pfleger\*in-  
nen und Krankenhäuser haben Enormes geleistet. Aber die Pandemie  
hat auch gezeigt, wo unser Staat an seine Grenzen gerät. Faxgeräte,  
besetzte Hotlines, Behördenrennerei und Planungen, die wegen Per-  
sonalmangels eine gefühlte Ewigkeit nicht umgesetzt werden, mah-  
nen uns, dass sich etwas ändern muss.  
Auch dazu haben wir Ihnen in unserem Programm Vorschläge  
gemacht. Wir wollen unsere Verwaltung modernisieren, sie kreativer,  
digitaler und innovativer machen und besser ausstatten. Wir wollen  
Mut machen, zu experimentieren und eine positive Fehlerkultur zu  
entwickeln. Unsere Staatlichkeit soll bunter und feministischer wer-  
den. Wir wollen Spielräume für dringend notwendige Zukunftsinvesti-  
tionen schaffen, die Potenziale der Erneuerbaren ausschöpfen und die  
Nachfragemacht des Staates für Innovation und Nachhaltigkeit nutzen.  
Weil sozial-ökologische Transformation und Digitalisierung, die  
Modernisierung des Staates und des öffentlichen Dienstes nur als  
Gemeinschaftsprojekte gelingen, wollen wir einen Konvent auf den  
Weg bringen, um aufbauend auf den Lehren aus der Pandemie das  
Zusammenspiel von Bund, Ländern und Kommunen neu und tief-  
greifend zu justieren. Wir planen den Aufbau neuer Behörden und  
Verwaltungsstrukturen, weil wir einen starken und effizienten Staat  
wollen, der zu den Aufgaben passt. Dazu gehört dann auch, dass wir  
überprüfen, was es nicht mehr braucht, was zugemacht werden kann,  
was besser werden muss.  
Das wollen wir nach der Wahl anpacken, gemeinsam mit Ihnen  
und den anderen demokratischen Parteien, ohne Scheuklappen und  
Dogmatismus. Ein Zurück in die Gräben von mehr oder weniger Staat,  
mehr oder weniger Regulierung, mehr oder weniger Föderalismus, das  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN258Epilog  
Bereit, weil Ihr es seid.  
ist der Aufgabe nicht angemessen. Für die großen Aufgaben des kom-  
menden Jahrzehnts gilt es mehr zu wagen. Und zu machen.  
Jetzt liegt es bei Ihnen. In Wahlen entscheidet eine Gesellschaft  
darüber, wer sie sein will. Wahlen sind ein Moment der Freiheit. Nut-  
zen Sie ihn – für die Freiheit.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN259Stichwortregister  
Bundestagswahlprogramm 2021  
Stichwortregister  
A  
Abrüstung 227, 249  
Afrikanische Union 233  
Alter 67, 114, 116, 126 ff., 139, 141 f., 178  
Altersarmut 114  
Altersvorsorge 114 f., 204  
Anleger\*innen 84 f., 92  
Antidiskriminierung 150, 171, 195, 237  
Antirassismus 171  
Antisemitismus 161, 171, 195  
Antiziganismus 173  
Arbeit 10 f., 50 f., 68, 78, 90, 97, 101, 103 ff., 112 f., 128, 142 f.,  
145, 152, 159, 163, 173 f., 181, 185, 191, 193, 196, 200, 208, 210,  
237, 242  
Arbeitsbedingungen 39, 50, 96 f., 103, 105 f., 108 f., 119, 122,  
127 f., 145 f., 153, 157, 191  
Arbeitslosenrückversicherung 113  
Arbeitsplätze 13, 17, 30 f., 34, 59, 61 ff., 70, 77, 106  
Arbeitswelt 105, 108, 110 f., 152, 188  
Arbeitszeit 106 f., 166,  
Armut 98, 100, 102 f., 111, 116, 127, 223, 236, 246  
Artenvielfalt 35, 40, 42, 49, 220  
Asyl 238 ff.  
Asylrecht 186, 231, 238, 240, 242  
Atomwaffen 249 f.  
Ausgrenzung 98, 161  
Außenpolitik 159, 219, 227, 229 ff., 247  
Automobilindustrie 34, 63 f.  
B  
Banken 63, 84, 85, 86, 91, 94, 204  
Barrierefreiheit / Barriere 30, 32, 76, 122, 139, 174, 190  
Behinderung 33, 67, 99, 101, 107, 112 f., 122, 127, 130, 146, 149,  
152 f., 161, 173 f., 177, 190, 238, 242  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN260Stichwortregister  
Bereit, weil Ihr es seid.  
Berufsausbildung 67, 150, 223  
Beteiligung 28, 35, 61, 66, 79, 97, 100, 105, 134, 146, 160, 178 f.,  
206, 209, 231, 254, 256  
Beteiligungsmöglichkeiten 165, 178  
Bildung 10, 43, 58, 67, 72, 75, 87 f., 97 f., 100, 112, 137, 140 ff.,  
144 ff., 148 ff., 157, 171, 173, 179, 195, 205, 227, 236, 253  
Bildungseinrichtung 100, 153, 185, 215  
Bildungspolitik 141, 159, 248  
Bildungssystem 141 f., 144 f., 149  
Binnenmarkt 59, 73, 80, 113, 215, 218, 228  
Biodiversität 22, 221, 233  
Breitband 136  
Bundeswehr 240, 251 ff.  
Bürger\*innen 11, 14, 20, 22 f., 35, 48, 91, 93, 117, 136, 160 ff., 167,  
171, 175, 178, 182, 194 f., 209 f., 212 ff., 226, 232, 256  
C  
Chemieindustrie 63  
CO₂ 18 ff.  
CO₂-Preis 19 ff., 63  
D  
Daseinsvorsorge 73, 80, 90, 96, 118, 135 f., 138 f., 205, 210, 215  
Datenschutz 16, 73, 78, 108, 125, 163, 183  
Dekarbonisierung 19, 63, 81  
Dekolonisierung 209  
Demografischer Wandel 67  
Demokratie 11, 80, 97, 160 ff., 167, 175 ff., 181, 197, 208, 212 ff.  
217 f., 226, 229 f., 249, 254  
Demokratisierung 73  
Digitalisierung 10, 16, 30, 32 f., 38, 57 f., 61, 69, 73 f., 77, 87, 96 f.,  
105, 107, 116 f., 124 f., 135, 148 f., 162 f., 167 f., 179, 209, 216,  
229, 232, 251, 257  
Digitale Kompetenz 100, 200  
Digitale Plattformen 137, 180, 215  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN261Stichwortregister  
Bundestagswahlprogramm 2021  
Diskriminierung 98, 104, 109 f., 112, 122, 150, 161, 169 f., 172 f.,  
182, 192, 210, 226  
Diversität 77, 150, 158, 192, 194, 207, 209 f., 253  
Drogenpolitik 129  
E  
Ehegatt\*innensplitting 111  
Ehrenamt 182, 211  
Eigentum 225  
Einflussnahme 175, 214 f., 251  
Einkommen 12, 20, 50, 59, 91 ff., 98, 104, 111 ff., 115, 123, 131,  
183, 189, 204, 206, 210  
Einwanderung 68, 184  
Einwanderungsgesellschaft 10, 169, 183 f.  
Einwanderungsgesetz 114, 184  
Elternschaft 103  
Emissionen 18, 24, 33, 63  
Empowerment 170  
Energie 14 ff., 18, 19, 21, 23 ff., 60, 64 f., 83, 162, 209, 213, 221  
Energiegeld 20, 90, 92  
Energiewende 22 ff.  
Erneuerbare Energie 14, 18 f., 21, 23 ff., 64 f., 162, 221  
Engagement 135, 145, 152, 177 f., 181 f., 199, 207, 209 f., 219,  
223 f., 238, 249  
Entwicklungspolitik 48, 237  
Erbschaftssteuer 92  
Erinnerungskultur 208 f.  
Ernährungspolitik 52  
Europa 10, 11, 29, 34, 57 ff., 64 f., 75, 79, 87 ff., 93, 108, 154, 160,  
173, 183, 211 f., 215, 217 ff., 221, 225, 228, 232 f., 238, 240, 243 f.,  
248 f., 253 f.  
Europäischer Binnenmarkt 73, 80 f., 83, 113, 215, 218  
Europäisches Kriminalamt 195  
Europäisches Parlament 212  
Europäische Union 42, 59 f., 72 f., 80, 113, 161 f., 173, 185, 212 f.,  
217, 228, 230, 238, 243, 249, 254  
EU-Grundrechtecharta 214  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN262Stichwortregister  
Bereit, weil Ihr es seid.  
EU-Haushalt 87 f., 254  
EU-Kommission 52, 72, 81, 86, 212  
Europäische Integration 212, 226  
Europäische Zentralbank (EZB) 86, 88 f.  
Eurozone 88  
Export 49, 250  
Extremismus 196 f.  
F  
Fachkräfte 98, 100, 118, 128, 144 ff.  
Falschinformationen 180  
Familie 20, 36, 96 ff., 101 f., 106, 109 ff., 128, 130, 138, 141 f.,  
145, 147 f., 158, 185, 202, 234 f., 239  
Feminismus 172, 188  
Feministische Außenpolitik 219, 247  
Finanzpolitik 59  
Finanzinstitut 91  
Finanzmarkt 83, 86, 201  
FinTech 85  
Fiskalpolitik 88  
Flucht 217, 220, 231, 243  
Föderale Europäische Republik 162, 212  
Föderalismus 257  
Forschung 16, 50 f., 55, 59, 61, 64, 76, 87 f., 104, 122, 128 f., 134,  
141, 154 f., 157, 165 f., 169 f., 208  
Forscher\*innen 143, 156, 159, 227  
Fortschritt 9, 32, 154, 215, 226  
Fossile Energie 14, 83  
Frauen 62, 67, 77, 85, 103, 105, 109 ff., 121 f., 130, 153, 158, 161,  
177 f., 185, 188 ff., 208 f., 225 f., 236, 246 f., 256  
Frauengesundheit 122  
Frauenhäuser 189 f.  
Frauenquote 122  
Freiheit 9, 12, 29, 48, 50, 80, 108, 113, 160 f., 195, 217, 220, 251, 258  
Freiräume 99, 106, 149, 152, 155, 205  
Frieden 10, 182, 221, 227, 229, 232 ff., 245 ff., 250  
Friedenssicherung 252  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN263Stichwortregister  
Bundestagswahlprogramm 2021  
G  
G20 225  
Ganztag 146  
Garantiesicherung 111 f.  
Geburtshilfe 96, 121 f.  
Geflüchtete 68, 123, 174, 183, 185 f., 220, 224, 231, 233, 238 ff., 243  
Gemeinden 160, 171 ff., 241  
Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik 246  
Gemeinsame Sicherheits- und Verteidigungspolitik der EU 254  
Gemeinwohl 58, 62, 74, 138, 175, 213, 255  
Gentechnikfreiheit 48  
Gerechtigkeit 12, 58, 89, 91, 109, 161, 188, 219 f., 234  
Geschlechtergerechtigkeit 29, 108, 207, 223, 233, 236  
Geschlechtervielfalt 77  
Gesellschaftliche Teilhabe 139 f., 153  
Gesundheit 12, 21, 48 f., 55, 116 ff., 121 ff., 126, 136, 147 f., 173,  
225, 227, 236  
Gesundheitsberufe 118 f., 122, 128  
Gesundheitspolitik 116  
Gesundheitssystem 95 f., 120, 122, 124, 193, 225  
Gesundheitsversorgung 10, 88, 96, 116, 118, 120, 123 ff., 127, 191  
Gesundheitsvorsorge 41  
Gesundheitswesen 118 f., 122 ff.  
Gewaltfreiheit 219  
Gewerkschaft 17, 51, 96, 108  
Gleichberechtigung 10, 110, 160 ff., 168 f., 172, 177, 188, 256  
Gleichheit 183  
Globale Strukturpolitik 82, 217  
Globalisierung 10, 99, 111  
Grad / 1,5 Grad / Green New Deal 12, 18, 21, 34, 47, 59, 81, 221  
Gremien 77, 124, 208  
Grundeinkommen 112  
Gründer\*innen 62, 76, 138  
Grundrechte 9, 78, 114, 132, 174, 180 f., 194, 214, 238, 243  
Grundrechtecharta 114, 214  
Grundsicherung 20, 111, 152  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN264Stichwortregister  
Bereit, weil Ihr es seid.  
H  
Handel 10, 15, 55 f., 73, 79, 82, 92, 220  
Handelsabkommen 79 f., 215, 247  
Handelspolitik 73, 79 f., 82, 228 f., 233  
Handwerk 17, 58, 70, 137  
Hasskriminalität 100, 189, 192  
Haushalt 89 ff., 102, 110, 133, 198  
Haushaltspolitik 58  
Herkunft 53, 98, 149, 170, 177, 194, 201  
Hochschulen 66, 69, 117, 143, 152, 154 f., 156 ff.  
Homeoffice 35, 95, 106  
Humanitäre Hilfe 221, 223, 237  
I  
Industrie 13 ff., 19, 21, 23, 25, 27, 38, 46, 57, 62, 71, 82  
Industriepolitik 59, 64  
Industriestaat 219  
Industriestandort 14, 57, 59, 62, 64  
Infrastruktur 10, 15, 24 ff., 30, 34 f., 59, 75, 78 f., 87 f., 93, 98, 125,  
135, 143 f., 148, 156 f., 162, 218, 251  
Inklusion 112, 141, 158, 163, 209, 226  
Innovation 10, 16, 55, 57 ff., 65, 68, 74 f., 104, 143, 154 f., 157,  
221, 257  
Innovationspolitik 68, 143  
Integration 15, 82, 149, 158, 174, 184 f., 209, 212, 218, 226  
Inter\* 122 f., 192 f.  
Internationale Politik 219, 246 f.  
Internationaler Währungsfonds (IWF) 244  
Internationale Zusammenarbeit 224, 236  
Internet 60, 91, 96, 135, 138 f., 142, 236  
Islam 172  
Israel 232  
Istanbul-Konvention 189, 230, 236  
IT 194  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN265Stichwortregister  
Bundestagswahlprogramm 2021  
J  
Journalismus 179  
Jüdinnen und Juden 171  
Jung und Alt 138  
Justiz 161, 167, 189, 195  
K  
Kapital 84  
Karenzzeit 176  
Kinderarmut 98  
Kindergrundsicherung 92, 98, 102, 111  
Kinderrechte 97, 100  
Kirchen 175  
Kitas 52, 97 f., 142, 185 f.  
Klima 13, 21, 40, 42, 80, 88, 220, 222  
Klimaabkommen von Paris 18  
Klimabewegung 20  
Klimafinanzierung 221  
Klimakrise 9, 12 f., 28, 35, 41, 47, 57, 62, 83, 88, 125, 143 f., 154,  
166, 199, 207, 212, 228, 249  
Klimaneutralität 10, 12, 14 f., 17, 24 f., 29, 33, 37, 57 f., 61, 156, 221  
Klimapolitik 18, 227 f.  
Klimaschutz 12, 14 f., 19 ff., 29, 33, 35, 40, 43, 52, 57 ff., 64 f., 69,  
79, 81, 87, 89, 125 f., 137, 156 f., 166, 222, 229 f., 232, 256  
Kolonialismus 209  
Kommunen 11, 18, 22, 24, 28, 31 f., 37, 41, 45, 54, 61, 73, 97, 99,  
117 f., 126, 129 ff., 133 ff., 149 f., 182, 185, 190, 205, 209 f., 214 ff.,  
219, 241, 257  
Kontrolle 78, 80, 87 f., 90, 107, 109, 117, 176, 196, 242, 251, 254  
Kreislaufwirtschaft 15, 17, 45, 58, 63, 65 f.  
Krisenprävention 219, 223, 232, 244, 246, 253  
Krisenzeiten 248  
Kryptowährungen 87  
Kultur 10, 70, 85, 137, 166, 171, 205 ff., 215  
Kulturelle Vielfalt 207  
Künste 205, 207  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN266Stichwortregister  
Bereit, weil Ihr es seid.  
L  
Landwirtschaft 22, 40 f., 43, 46, 48 ff., 53  
Lebensgrundlagen 12 ff., 16, 35, 222, 233  
Lebensmittel 43, 51 ff.  
Leitwährung 89  
Lobbyismus 175  
Lobbyregister 175, 214  
LSBTIQ\* 121, 123, 150, 192, 237,  
M  
Marginalisierte Gruppen 246  
Medien 129, 179, 227, 235  
Medienkompetenz 97, 210  
Medizin 100, 122  
Mehrheitsentscheidungen 94, 213  
Meinungsfreiheit 180  
Menschenrechte 25, 79, 81 ff., 182, 211, 213, 217 ff., 221 f., 226,  
229 f., 233 f., 236 ff., 241 f., 252  
Menschenwürde 78  
Mieter\*innen 22, 24, 27, 130 ff., 134  
Migration 186, 217, 222, 243  
Minderheiten / Minderheitenschutz 226, 235, 237 f.  
Mindestlohn 103  
Mitbestimmung 17, 96, 99, 105, 113, 175, 211  
Mobiles Arbeiten 92, 106, 138  
Mobilfunkversorgung 138  
Mobilität 13, 29 ff., 34, 36, 63, 76, 136, 174  
Mobilitätswende 29, 31, 33, 35 ff., 64  
Multilaterale Zusammenarbeit 218, 224  
Multilateralismus 225, 227, 229, 254  
N  
Nachhaltigkeit 16, 58, 72 f., 76, 79, 126, 157, 207, 210, 221, 233, 257  
Nachhaltigkeitsziele 34, 221  
NATO 230, 249 f., 253 f.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN267Stichwortregister  
Bundestagswahlprogramm 2021  
Nebentätigkeiten 176  
Neue Wohngemeinnützigkeit 131  
NSU 197  
O  
Offene Gesellschaft 197  
Ökologie 13, 20, 22  
Ökologische Landwirtschaft 48  
Ökosysteme 14, 48, 79, 83, 233  
ÖPNV 29, 31 f., 36, 64, 140, 174, 182  
Ost und West 227  
OSZE 248 f.  
P  
Pariser Klimaziele / Pariser Klimaabkommen 12, 82, 217, 221  
Parität 177  
Parteispenden 176  
Partizipation 148, 247  
Patient\*innen 118 ff., 120, 124 f., 127 f.  
Pflege 95 f., 106, 108, 116, 122 ff., 140  
Pflegeberufe 119, 128  
Pflegekräfte 127  
Planetare Grenzen 13, 15, 58  
Politische Bildung 97, 179, 253  
Polizei 100, 161, 167, 189, 193 ff., 203, 246  
Prävention 98, 100, 116 ff., 121, 129, 171, 193, 196, 198, 202,  
210, 225, 247, 251, 253  
Q  
Queer\* 161, 188, 192  
R  
Rassismus 161, 170, 173, 181, 195, 197, 238  
Recht auf Wohnen 130  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN268Stichwortregister  
Bereit, weil Ihr es seid.  
Rechtsanspruch 107, 139, 146, 152 f., 189  
Rechtsextremismus 195 ff., 211  
Rechtsstaatlichkeit / Rechtsstaat 167, 182, 197, 200 f., 214,  
217 ff., 226, 229 ff., 241, 254  
Regionale Daseinsvorsorge 135  
Regionale Wirtschaftskreisläufe 38  
Regulierung 34, 44, 50, 109, 129, 257  
Religion 172  
Rente 110, 114 f., 172  
Rentenversicherung 114  
Repräsentanz / Repräsentation 161, 168 f., 178, 207, 224, 247  
Ressourcen 24, 57 f., 65, 86, 142, 201, 203, 217, 245, 249  
Ressourcenverbrauch 16, 71, 90  
Rüstungsexportkontrolle 250  
S  
Schule 100, 102, 117, 143, 147 f., 151  
Schusswaffen 198  
Schutzverantwortung 251  
Schwangerschaftsabbrüche 191  
Selbstbestimmung 106, 112, 129, 139 f., 188, 190 f., 193, 230,  
236, 249  
Sexualisierte Gewalt 203  
Sicherheit 9, 11, 16, 28 f., 33, 39, 78, 95 f., 103, 111, 125, 143, 161,  
170 f., 181, 193 f., 197 f., 200, 220, 228 f., 232, 242 f., 245 ff.  
Sicherheitsbehörden 196 f., 200  
Sicherheitsrat 224, 252  
Sicherheitsversprechen 95 f.  
Sinti\*zze und Rom\*nja 173  
Solidarität 9 f., 89, 95, 197, 234  
Solo-Selbständige 60, 108, 206  
Sorgearbeit 110  
Sozial-ökologisch 16, 34  
Sozialleistungen 112, 185, 190  
Sozialstaat 59, 95  
Sozialunion 87  
Sport 160, 199, 205, 209 ff.  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN269Stichwortregister  
Bundestagswahlprogramm 2021  
Stabilität 14, 86, 88, 229 f., 246, 248, 250, 252  
Startups 58, 62, 76  
Steuerpolitik 68, 223  
Steuerhinterziehung 85, 87, 92 f., 201  
Steuersystem 58, 90, 112  
Strafrecht 54  
Strafverfolgung 86, 100, 129, 180, 190, 193, 200  
Strukturwandel 18  
Studium 30, 67 f., 70, 101, 128, 143, 150 ff., 155  
Subvention 19, 38, 58, 89, 214 f.  
T  
Tarif 124, 128  
Teilhabe 29, 95 f., 98, 100, 111 ff., 121 f., 135, 139 ff., 145, 149, 153,  
161 f., 165, 169, 175, 181 ff., 188, 192, 207, 209, 213, 223, 225, 233  
Terror 197, 232  
Tierschutz 49, 53  
Tourismus 47, 71  
Trans\* 122 f., 192  
Transparenz 26, 28, 50, 52 f., 66, 78, 86, 90, 132, 162, 176, 181 f.,  
211, 214, 223  
Treibhausgasneutralität 18, 63  
Trennbankensystem 85  
U  
Umwelt 13, 40, 46, 48, 50, 55, 80, 201, 219, 222 f., 233  
Umweltschutz 14, 69, 72, 222, 247  
Unternehmer\*innen 57 f., 74 f., 104, 123  
V  
Verbraucher\*innen 15, 26, 44, 46, 49 f., 66, 69, 80, 86, 201, 203  
Vereinte Nationen 224  
Verkehr 13, 19, 32, 34, 46  
Verkehrspolitik 29, 34  
Verkehrswende 29, 32, 137  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN270Stichwortregister  
Bereit, weil Ihr es seid.  
Vermögen 59, 74, 91 f., 112 f.  
Verschwörungsideologien 144, 155  
Versorgungssicherheit 10, 14, 21, 23 f., 26, 122  
Verteilung 16, 34, 43, 177, 217  
Vielfalt 10, 40, 41 ff., 66, 102, 105, 155, 158 f., 161 f., 168 f., 171 f.,  
177, 179, 192, 205 ff., 253  
Völkerrecht 218, 251 f.  
Vorsorge 96, 116, 126, 210, 217  
W  
Wachstum 13, 37, 58, 72  
Wahlalter 178  
Währungsordnung 244  
Währungsunion 87 f.  
Weiterbildung 13, 17, 64, 96, 105, 107, 123, 141 f., 152 f., 156,  
164, 191  
Weltgesundheitsorganisation / WHO 46, 52, 75, 140, 225  
Weltordnung 219  
Wettbewerb 10, 15, 57 f., 60 ff., 68 f., 72 f., 76, 81, 96, 201  
Whistleblower\*innen 199 f.  
Wirtschaft 9, 15 ff., 27, 39, 57 ff., 66, 69 f., 72 f., 83, 85, 96, 101,  
115, 139, 157, 164, 166, 176, 181, 188, 211, 214, 220, 237, 244  
Wirtschaftspolitik 89  
Wirtschaftssystem 17  
Wissenschaft 9 f., 18, 55, 99, 119, 125, 144, 154 ff., 169, 181, 196,  
209 f., 223, 247  
Wohlstand 9 ff., 29, 57 ff., 62, 70, 72, 75, 91, 95, 97, 217, 219  
Wohnen 96, 130 ff., 137, 140, 157, 173 f., 186  
Wohnraum 96, 130 ff., 157  
Wohnungsmarkt 130, 132  
Würde 128, 160, 169, 219  
Z  
Zentralbank 88  
Zivile Krisenprävention 232, 244, 246  
Bundestagswahlprogramm 2021  
BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN271Stichwortregister  
Bundestagswahlprogramm 2021  
Zivilgesellschaft 18, 69, 154, 156, 161, 164 ff., 169, 174, 181,  
196 f., 207, 209, 213, 215, 218, 227, 230 f., 247 f., 256  
Zukunft 9, 11 ff., 18, 21, 30, 34, 48, 53, 55, 57, 59 f., 63, 67, 68,  
71 f., 81, 83, 87, 107, 116, 118 f., 137, 139, 155, 157, 176, 178, 181,  
211 f., 244, 248, 255 f.  
Zweistaatenregelung 232  
Informieren und mitmachen: gruene.de  
Wahlkampf 2021

# Wahlprogramm 2017

[https://www.bundestagswahl-bw.de/wahlprogramm-gruene-2017](https://www.bundestagswahl-bw.de/wahlprogramm-gruene-2017)

ZUKUNFT  
WIRD  
AUS MUT  
GEMACHT.  
Bundestagswahlprogramm 2017  
WIRD  
AUS MUT  
GEMACHT.  
:  
:  
Dieses Bundestagswahlprogramm wurde  
auf der 41. Bundesdelegiertenkonferenz  
von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN vom  
16\. bis 18. Juni 2017 in Berlin beschlossen.  
Herausgeber\*in  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
Platz vor dem Neuen Tor 1  
10115 Berlin  
Telefon: 030 28442-0  
Fax: 030 28442-210  
E-Mail: info@gruene.de  
Internet: www.gruene.de  
V.i.S.d.P.  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
Lea Belsner  
Platz vor dem Neuen Tor 1  
10115 Berlin  
Layout und Satz  
KOMPAKTMEDIEN Agentur für  
Kommunikation GmbH, Berlin  
www.kompaktmedien.de  
Titelgestaltung: W/O, Berlin  
www.wolfosmankovic.de  
Druck: CPI books GmbH, Leck  
Bundestagswahlprogramm 2017  
ZUKUNFT WIRD AUS MUT GEMACHT.  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
4  
Inhalt  
A. EINLEITUNG 7  
B. UMWELT IM KOPF 14  
I. Wir erhalten unsere Natur 17  
II. Wir sorgen für gesunde Lebensmittel  
und beenden Tierleid 25  
III. Wir retten das Klima 33  
IV. Wir begrünen unsere Wirtschaft für Umweltschutz,  
Lebensqualität und neue Arbeitsplätze 40  
V. Wir steigen um – komplett auf grüne Energien 48  
VI. Wir sorgen für saubere, bezahlbare  
und bequeme Mobilität 56  
C. WELT IM BLICK 65  
I. Wir kämpfen um Europas Zusammenhalt 68  
II. Wir stehen ein für Frieden, globale Gerechtigkeit  
und Menschenrechte 79  
III. Wir machen den Welthandel fair 90  
IV. Wir schützen Geflüchtete und bekämpfen  
Fluchtursachen 98  
V. Wir gestalten unser Einwanderungsland 111  
D. FREIHEIT IM HERZEN 116  
I. Wir streiten für Akzeptanz und Respekt,  
für Vielfalt und Selbstbestimmung 119  
Inhalt  
BUNDESTAGSWAHLPROGRAMM 2017  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 5  
II. Wir stehen ein für Selbstbestimmung  
und Gleichberechtigung 128  
III. Wir sichern Freiheit 136  
IV. Wir stärken die Demokratie und verteidigen  
den freiheitlichen Rechtsstaat 146  
V. Wir machen Verbraucherinnen und  
Verbraucher stark 157  
VI. Wir machen das Internet frei und sicher 164  
E. GERECHTIGKEIT IM SINN 171  
I. Wir investieren in Kindertagesstätten,  
Schulen und Hochschulen 174  
II. Wir kämpfen für bezahlbare Wohnungen  
und lebenswerte Kommunen 183  
III. Wir teilen den Wohlstand gerechter 190  
IV. Wir machen den Sozialstaat sicher und zukunftsfest 197  
V. Wir holen Kinder aus der Armut  
und fördern Familien 209  
VI. Wir kämpfen für gute Arbeit  
und bessere Vereinbarkeit 216  
VII. Wir gestalten die Digitalisierung 223  
F. WOFÜR WIR VERANTWORTUNG  
ÜBERNEHMEN WOLLEN 232  
I. Zehn-Punkte-Plan für grünes Regieren 232  
Stichwortregister 240  
ZUKUNFT WIRD AUS MUT GEMACHT.  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
6  
Einleitung  
BUNDESTAGSWAHLPROGRAMM 2017  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 7  
\-  
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\-  
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A. EINLEITUNG  
Liebe Bürgerinnen und Bürger,  
am 24. September ist Bundestagswahl. Bevor wir Ihnen sagen, was  
wir vorhaben, haben wir eine Bitte an Sie: Diskutieren Sie mit,  
mischen Sie sich ein, gehen Sie wählen. Treten Sie mit uns für die  
Werte ein, die unser Land und Europa stark und lebenswert ge  
macht haben, die uns weit über Partei- und Ländergrenzen hinweg  
verbinden: die Würde des Menschen, Gerechtigkeit und Gleichbe  
rechtigung, Freiheit und Demokratie.  
Diese Werte schienen uns bis eben noch selbstverständlich. Nun  
erleben wir, wie sie hierzulande, in Europa und vielen Teilen der  
Welt massiv infrage gestellt werden. Radikaler Nationalismus kehrt  
zurück. Die ökologische Krise spitzt sich zu. Europa ist in sozialer  
und wirtschaftlicher Hinsicht tief gespalten. Viele Menschen sind  
auf der Flucht vor Kriegen und Krisen. Diese Bundestagswahl ist  
wichtig, vielleicht historisch.  
Wir haben es gemeinsam in der Hand, jetzt eine bessere Zukunft  
zu gestalten. Wir können so wirtschaften, dass Boden, Luft und  
Wasser sauber bleiben, dass wir die Grundlagen unseres Lebens  
auch für die kommenden Generationen erhalten. Eine Gesellschaft  
ist möglich, in der alle Menschen am Wohlstand beteiligt sind, in  
der jede und jeder eine Chance bekommt und selbstbestimmt die  
eigenen Ziele verfolgt. Wir wollen die Folgen des demografischen  
Wandels nicht dem Schicksal überlassen, sondern das Beste daraus  
machen: Vom generationengerechten Zusammenleben über die  
Entwicklung ländlicher Räume bis hin zum Strukturwandel in Groß  
städten sind Innovationen gefragt, nicht Fatalismus. Wir können  
unseren Teil dazu beitragen, dass Fluchtursachen bekämpft werden  
und nicht die Flüchtenden. Globalisierung und Digitalisierung sind  
keine Naturgewalten, die sich gegen den Menschen richten. Sie  
können unser Leben besser machen, wenn wir international faire  
Regeln durchsetzen und die Bürgerrechte schützen. Auch hier müs  
sen der Mensch und demokratische Grundwerte im Mittelpunkt ste  
hen. Wir müssen uns jetzt entscheiden und mutig anpacken: für  
eine soziale und ökologische Modernisierung unserer Wirtschaft,  
Einleitung  
ZUKUNFT WIRD AUS MUT GEMACHT.  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
8  
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die Arbeitsplätze sichert und neue schafft, und gegen weitere Um  
weltzerstörung. Für eine Politik, die in unsere Infrastruktur und in  
die Zukunft investiert und gegen ungebremstes Profitstreben auf  
Kosten des Zusammenhalts. Für ein friedenstiftendes Europa, das  
nach innen zusammenarbeitet und nach außen gemeinsam handelt  
und gegen Hetze und Nationalismus.  
Manche meinen, es sei heute schon viel erreicht, wenn Rück  
schritte vermieden werden. Wir nicht. Mit den ökologischen Krisen  
und vor allem der Klimakrise stellt sich der Menschheit die Exis  
tenzfrage, nicht weniger. Mit der Krise Europas und dem Rückfall in  
den Nationalismus stellt sich die Frage des Friedens und der Bedin  
gungen für ein gutes Leben. Durch die globale Ungleichheit stellt  
sich die Frage nach fairer Verteilung des Wohlstandes, zum Beispiel  
durch fairen Handel. Es sind große Fragen, aber sie sind nicht weit  
weg. Sie betreffen auch unser Zusammenleben und unseren Alltag.  
Es wäre die Aufgabe der Großen Koalition gewesen, diese He  
rausforderungen anzugehen. Sie hat es nicht getan. Die drei betei  
ligten Parteien CDU, CSU und SPD verfolgen längst nur noch ihre  
eigenen Interessen. Während die Koalition erschöpft ist, wachsen  
die Probleme. Statt den Raubbau an der Umwelt zu stoppen, blo  
ckiert sie beim Klimaschutz, würgt die Energiewende ab und ver  
passt die Chancen auf zukunftsfähige Jobs. Sie ruht sich auf der  
derzeit guten Wirtschaftslage aus, statt sie für den sozialen Zusam  
menhalt und mehr Chancengleichheit zu nutzen. Nach einem Jahr  
Willkommenskultur gibt sie zunehmend rechten Stimmungen nach.  
Auf neue Bedrohungen reagiert sie mit immer schärferen Gesetzen,  
anstatt mit kühlem Kopf gezielt Probleme zu lösen. Mit einer einsei  
tigen Sparpolitik hat sie die Gräben in der EU vertieft. Mit ihrer Po  
litik setzt sie eine gute Zukunft aufs Spiel.  
Die Große Koalition lähmt unser Land und stärkt vor allem den  
rechten Rand im politischen Spektrum unserer Gesellschaft. In Groß  
britannien hat solch eine Stimmung das Land aus der EU herausge  
sprengt und in den USA einen gefährlichen Narzissten an die Macht  
gebracht. Damit es bei uns nicht auch so weit kommt, braucht es jetzt  
echte politische Alternativen und eine neue, positive Dynamik.  
Es gibt guten Grund für Mut und Zuversicht. Millionen Bürgerin  
nen und Bürger haben in den vergangenen Jahren ehrenamtlich ge  
holfen, Menschen auf der Flucht Schutz und eine neue Heimat zu  
bieten. Ihnen gebührt unser ausdrücklicher Dank! Hunderttausende  
Einleitung  
BUNDESTAGSWAHLPROGRAMM 2017  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 9  
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sind aufgestanden gegen eine neoliberale Handelspolitik, die Profi  
te für Großkonzerne über das Wohl der Menschen und der Umwelt  
stellt. Überall arbeiten Unternehmer\*innen und Forscher\*innen an  
einem besseren Morgen. Eltern rackern sich ab, um ihren Kindern  
eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Künstler\*innen und Kreative  
bereichern unsere lebendige Gesellschaft und kulturelle Vielfalt  
mit ihren Ideen und durch spannende Innovationen. Viele engagie  
ren sich gegen Diskriminierungen und für gleiche Rechte und Chan  
cen. Diese Menschen sind unser Antrieb. Für sie und mit ihnen wol  
len und können wir vieles zum Guten bewegen.  
Wir wollen Deutschland zum ökologischen Spitzenreiter ma  
chen. Wir sind die erste Generation, die die Auswirkungen der  
Klimakrise spürt – und die letzte, die etwas dagegen tun kann. Des  
wegen braucht es jetzt ein großes sozial-ökologisches Moder  
nisierungsprojekt. Mit allem, was wir haben, kämpfen wir für Klima  
schutz: Erneuerbare Energien werden mit uns günstiger, fossile  
teurer. So machen wir die Energiewende wieder flott und steigen  
schnellstmöglich aus der klimaschädlichen Kohle aus, wir fördern  
das abgasfreie Auto und den umweltfreundlichen Verkehr. Wir ge  
stalten eine innovative Wirtschaft, die mit „Öko – Made in Germa  
ny“ Produkte und Dienstleistungen für die Zukunft entwickelt und  
jede Menge neue Arbeitsplätze schafft – in Deutschland und Euro  
pa. Wir machen Schluss mit industrieller Massentierhaltung und  
landwirtschaftlichen Monokulturen, wir wollen eine Landwirt  
schaft, die möglichst ohne Gifte auskommt. Mit uns gibt es gutes  
Essen ohne Gift und Gentechnik.  
Wir kämpfen für ein gerechteres Land. Wir wollen, dass jedes  
Kind die gleichen Chancen hat – gleich welcher Herkunft, welchen  
Geschlechts oder welcher Hautfarbe. Für uns kommt es nicht darauf  
an, wo jemand herkommt, sondern wo jemand hin will. Jedes Kind  
soll in unserem Land seine Talente und Stärken entfalten und sei  
nen Traum verwirklichen können. Sicher werden nicht alle Chefärz  
tin oder Chefarzt, aber alle sollen es werden können. Wir sorgen  
dafür, dass Eltern mehr Zeit für ihre Kinder haben, dass Kitas und  
Schulen intakt sind und Erzieherinnen und Erzieher besser bezahlt  
werden. Wir finden uns nicht damit ab, dass bei uns, in einem der  
reichsten Länder der Erde, jedes fünfte Kind in Armut lebt.  
Wir wollen ein Netz sozialer Sicherheit, das bei Krankheit,  
Arbeitslosigkeit und im Alter für alle da ist und vor Armut schützt.  
Einleitung  
ZUKUNFT WIRD AUS MUT GEMACHT.  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
10  
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Unsere soziale Sicherung soll so gut sein, dass sie den Menschen  
auch die Zuversicht gibt, Neues zu wagen, und niemanden aus  
grenzt. Selbstbestimmung und ein gutes Leben sind in diesem Land  
für alle möglich – mit guten Arbeitsbedingungen und einer Politik,  
die der sozialen Spaltung entgegenwirkt, sodass weniger Menschen  
in prekären Verhältnissen leben und alle an unserem Gemeinwesen  
teilhaben können.  
Wir kämpfen dafür, dass multinationale Unternehmen ihre Steu  
ern hier zahlen und die Gesellschaft nicht länger um Milliarden  
prellen, um ihren Vorständen obszöne Gehälter und Abfindungen zu  
zahlen. Auch trägt das in unserem mittelständisch geprägten Land  
zu einem fairen Wettbewerb bei, der besonders die Chancen von  
Gründerinnen und Gründern sowie kleine und mittlere Unterneh  
men fördert. Wir wollen, dass gesellschaftlicher Reichtum gerecht  
geteilt wird, damit wir unsere öffentlichen Orte und Institutionen  
auch gut finanzieren können: Kindergärten, Schulen und Hochschu  
len, Krankenhäuser und Theater, Straßenbahnen und Busse genau  
so wie schnelles Internet überall im Land.  
Wir streiten für eine Gesellschaft, in der alle frei und sicher le  
ben können. Eine Gesellschaft, in der jeder Mensch glauben kann,  
was er will, lieben und heiraten kann, wen er will. Eine geschlech  
tergerechte Gesellschaft, in der Frauen und Mädchen unabhängig  
und selbstbestimmt leben und teilhaben, zum Beispiel weil Frauen  
für ihre Arbeit genauso gut bezahlt werden wie Männer. Eine Ge  
sellschaft, in der wir uns vor Terrorismus, rechtsextremer Gewalt  
und Kriminalität schützen, ohne dabei unsere Freiheit aufzugeben.  
Wir streiten dafür, dass Deutschland weiterhin Menschen, die auf  
der Flucht vor Krieg und Gewalt sind, Schutz und Heimat bietet.  
Weil Deutschland auf Einwanderung angewiesen ist, wollen wir  
sie transparent und vernünftig regeln. Das Zusammenleben von  
Menschen verschiedener Herkunft, Religion und Kultur bringt uns  
weiter, aber es verlangt auch allen etwas ab. Deshalb stärken wir  
das Band, das unsere Gesellschaft eint und zusammenhält. Das  
Grundgesetz und seine Werte gelten für alle. Keine Toleranz der  
Intoleranz.  
All das erreichen wir nur in einem vereinten Europa. Europa ist  
ein Ort des Friedens und der Freiheit. Das ist nicht selbstverständ  
lich. Europa ist unsere Heimat und unsere Zukunft. Wir werden es  
mit aller Kraft gegen Nationalismus verteidigen. Nur wenn wir in  
Einleitung  
BUNDESTAGSWAHLPROGRAMM 2017  
Bundestagswahlprogramm 2017  
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einem vereinten Europa zusammenarbeiten, können wir helfen, die  
Konflikte in unserer Nachbarschaft zu lösen, Terrorismus, Flucht  
ursachen, Steuerbetrug und Korruption zu bekämpfen. Wir wollen,  
dass sich Deutschland und Europa den Problemen der Welt zuwen  
den und mehr Verantwortung übernehmen, statt sich abzuschotten.  
Wir setzen uns ein für den Frieden statt Rüstungsspiralen, für die  
Menschenrechte und eine global gerechte Entwicklung statt Unter  
drückung und Ausbeutung.  
Globale Verantwortung fängt bei uns zu Hause an. Darum nutzen  
wir die Gestaltungsmacht Deutschlands als viertgrößte Volkswirt  
schaft der Welt, um die nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten  
Nationen zu erreichen. Damit sollen Umwelt- und Klimaschutz, Frie  
den und Gerechtigkeit weltweit gefördert, und unsere Art zu leben  
und zu wirtschaften sozial und ökologisch umgestaltet werden. Nur  
mit einem solidarischen Europa können wir Mensch und Umwelt  
besser schützen. Wir brauchen ein vereintes Europa, damit wir Ban  
ken und Großkonzerne auf das Gemeinwohl verpflichten und wir  
dem globalen Kapitalismus wirklich ökologische und soziale Zügel  
anlegen können, damit die Wirtschaft den Menschen dienen kann.  
Und mit Ihrer Stimme bei der Bundestagswahl entscheiden Sie auch  
darüber, wie Deutschland in Europa auftritt und für welche Rich  
tung es steht.  
In vielen Landesregierungen und in etlichen Kommunen arbei  
ten GRÜNE als Minister\*innen, Landrät\*innen, Bürgermeister\*innen  
oder andere Mandatsträger\*innen bereits an der Lösung dieser  
drängenden Probleme. Dort arbeiten wir bereits jeden Tag und er  
folgreich: für eine tier- und umweltfreundliche Agrarpolitik und Kli  
maschutz, für mutige und innovative Unternehmen, für gute Schu  
len und Kitas, für gute Integration und die humanitäre Aufnahme  
von Geflüchteten, für echte Gleichstellung und eine gut ausgestat  
tete und ausgebildete Polizei. Grün wirkt. Doch für viele Verände  
rungen braucht es auch im Bund eine Regierung mit uns GRÜNEN.  
Wir wollen die Große Koalition ablösen. In den Ländern stellen  
wir die Mehrzahl der Umweltministerinnen und -minister. Aber so,  
wie es für den Atomausstieg einen grünen Bundesumweltminister  
brauchte, braucht es für die Agrarwende und vieles mehr wieder  
GRÜNE in der Bundesregierung. Unser Land ökologischer, weltoffener,  
gerechter machen – das ist unser Anspruch an eine grüne Regierungs  
beteiligung. Dafür treten wir an!  
Einleitung  
ZUKUNFT WIRD AUS MUT GEMACHT.  
Bundestagswahlprogramm 2017  
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Politik ist nicht machtlos. Sie gestaltet unser Zusammenleben.  
Zukunft wird aus Mut gemacht. Jeden Tag. Es macht einen Unter  
schied, wer regiert. Deshalb ist Ihre Stimme bei der Wahl entschei  
dend. Welche Richtung unser Land einschlägt, liegt in unser aller  
Hand. Wir werden manches ändern, anderes neu denken und voran  
bringen. Helfen Sie uns zu erhalten, was in unserem Land wertvoll  
und wichtig ist, und zu verbessern, was besser werden muss.  
Es ist nicht immer leicht, die eigenen Ziele zu erreichen. Wir ha  
ben das oft genug erlebt. Manchmal braucht es Umwege und Kom  
promisse. Manchmal braucht es Widerstand und Kontroverse. Wir  
wissen auch nicht für alles schon die Lösung. Die Ziele sind für uns  
jedoch klar. Wir beschreiben sie Ihnen mit diesem Programm.  
Unsere Ziele weisen einen Weg in eine ökologische, friedliche,  
vielfältige, weltoffene und gerechte Zukunft. In eine gute Zukunft  
für uns, unsere Kinder, unsere europäischen Nachbarinnen und  
Nachbarn und für Menschen anderswo in der Welt. Lassen Sie uns  
diesen Weg gemeinsam gehen! Stimmen Sie am 24. September 2017  
für BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN!  
Einleitung  
BUNDESTAGSWAHLPROGRAMM 2017  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 13  
Umwelt im Kopf  
ZUKUNFT WIRD AUS MUT GEMACHT.  
Bundestagswahlprogramm 2017  
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B. UMWELT IM KOPF  
Das Klimaabkommen von Paris ist ein Meilenstein für die Rettung  
unseres Planeten. Wir haben das Wissen, die Technik und den  
Erfinder\*innengeist, um die Klimakatastrophe noch abzuwenden.  
Wir stehen deshalb jetzt vor einer Entscheidung, die unser Leben  
und das Leben unserer Kinder prägen wird. Kämpfen wir für den Er  
halt unserer natürlichen Lebensgrundlagen oder sägen wir weiter  
an dem Ast, auf dem wir sitzen? Setzen wir auf dreckige Kohle wie  
Union und SPD oder auf schmutziges Öl wie Trump und Putin? Oder  
brechen wir auf in ein neues, grünes Zeitalter?  
Wir wollen anpacken: Denn Hochwasser, Dürren und das Anstei  
gen des Meeresspiegels sind keine fernen Bedrohungen mehr. Sie  
finden statt. Täglich. Wenn wir jetzt nicht handeln, wird es auf der  
Erde bis zum Ende des Jahrhunderts um etwa weitere vier Grad wär  
mer. Wir sind dabei, mit unserer Art zu wirtschaften und zu konsu  
mieren unsere Lebensräume zu zerstören – von den Regenwäldern  
über unser Grundwasser und unsere Böden bis hin zu den Weltmee  
ren. Und wir verursachen ein neues Artensterben, das unsere Um  
welt ärmer und zerbrechlicher macht.  
Die Folgen wären Hunger, Armut und Konflikte um knapper wer  
dende Ressourcen, wie zum Beispiel Wasser. Die Kriege und Flucht  
bewegungen der vergangenen Jahre wären nur ein laues Lüftchen  
gegenüber dem Sturm, der kommenden Generationen drohte. Uns  
geht es darum zu verhindern, dass blinder Wachstumsglaube und  
ungebremstes Profitstreben unseren einzigartigen Planeten zer  
stören. Wir wollen dafür eine Wirtschaft, die mit der Umwelt statt  
gegen sie arbeitet, die nachhaltigen Wohlstand für alle ermöglicht.  
Frieden, Sicherheit und ein gutes Leben für alle können wir in Zu  
kunft erreichen, wenn wir unsere natürlichen Lebensgrundlagen  
schützen, statt sie weiter zu zerstören.  
Wenn wir jetzt entschlossen handeln, ist das gleichzeitig auch  
eine große Chance und der richtige Weg für unser Land in eine le  
benswerte Zukunft, die Wohlstand und Sicherheit für alle schafft.  
Auf diesen Weg haben sich längst viele Menschen und Unter  
nehmen gemacht. Und schon einiges erreicht. Wir haben in den ver  
gangenen Jahrzehnten Wälder geschützt, Abgase und Schadstoff  
Umwelt im Kopf  
BUNDESTAGSWAHLPROGRAMM 2017  
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belastungen reduziert und wertvolle Arten gerettet. Bürger\*innen  
schließen sich zusammen und erzeugen Strom durch Wind, Sonne  
und Wasser, Ingenieur\*innen tüfteln an immer besseren Elektro  
fahrrädern, E-Autos und Lkw mit erneuerbaren Antrieben. Archi  
tekt\*innen und Bauarbeiter\*innen bauen Häuser, die mehr Energie  
erzeugen, als sie verbrauchen. Es sind viele, die davon profitieren:  
Hunderttausende, die ihr Geld mit erneuerbaren Energien verdie  
nen – von Stahlarbeiter\*innen bis zu Installateur\*innen. Genauso  
ganze Wirtschaftszweige, die mit grünen Ideen schwarze Zahlen  
schreiben und schon heute die Märkte von morgen erschließen.  
Wir werden jetzt die nächsten Schritte der ökologischen Moder  
nisierung gehen. Wir machen eine Wirtschaftspolitik mit ehrgeizi  
gen Zielen, die den Unternehmen zwar etwas zumutet, aber gerade  
durch Innovationen neue Möglichkeiten eröffnet, Planungssicher  
heit schafft und neues Wissen und neue Technologien fördert. Wir  
wollen einen fairen Wettbewerb, der die Folgekosten umweltschäd  
lichen Handelns nicht weiter der Allgemeinheit aufbürdet. Das be  
deutet: Die Unternehmen, die den Weg in die ökologische Erneue  
rung gehen, unterstützen wir. Wir werden aber auch weiterhin mit  
den Lobbyverbänden und den Unternehmen den Konflikt austra  
gen, die ihre Geschäftsinteressen ohne Rücksicht auf die Umwelt  
verfolgen. Freiwillige Selbstverpflichtungen helfen da wenig wei  
ter. Wir werden alles dafür tun, dass Umweltrecht konsequent um  
gesetzt wird und Bürger\*innen sich ohne Hürden in Verfahren ein  
bringen und auch klagen können.  
Wir werden unsere Wirtschaft, unseren Verkehr sowie unsere  
Energie- und Lebensmittelproduktion konsequent auf grünes Wirt  
schaften und grüne Technologien umstellen. Mit einem konsequen  
ten Ausbau der erneuerbaren Energien, dem Kohleausstieg und dem  
Umstieg auf Elektromobilität. Mit dem Ausstieg aus der industriel  
len Massentierhaltung und der Förderung einer menschen-, um  
welt- und tiergerechten Landwirtschaft.  
Klima- und Umweltpolitik sind auch eine Frage der Gerechtig  
keit. Gerade diejenigen, die wenig haben, leben in Vierteln mit ho  
her Luftverschmutzung oder großer Lärmbelastung. Global sind es  
die Ärmsten, vor allem Frauen und Kinder, die von der Umwelt  
zerstörung besonders betroffen sind – obwohl sie am wenigsten  
dazu beitragen oder an den Entscheidungen beteiligt sind. Die  
Kleinbäuerinnen und -bauern in Afrika, deren Land verdorrt, das  
Umwelt im Kopf  
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Waisenkind, das auf hochgiftigen Deponien im Elektroschrott der  
Industrieländer wühlt: Dagegen tun wir etwas: Wir recyceln unsere  
Rohstoffe, beenden die schädlichen Subventionen für die Agrar  
industrie, die zum Billigexport von europäischen Lebensmitteln in  
alle Welt führen, und stoppen die Überfischung vor Afrikas Küsten.  
Wir sorgen dafür, dass es bei Umwelt- und Klimaschutz gerecht  
zugeht. Wo Jobs, zum Beispiel in der Kohleindustrie, verloren gehen,  
kümmern wir uns schon heute um gute soziale Absicherung und  
neue Jobperspektiven. Wo Preise endlich die ökologische Wahrheit  
sagen, sorgen wir mit besseren Löhnen und angemessenen Sozial  
leistungen dafür, dass die Preise auch von allen bezahlt werden  
können.  
Um eine lebenswerte Zukunft für unsere Kinder zu ermöglichen,  
werden wir unsere Art zu leben und zu wirtschaften so verändern,  
dass wir die ökologischen Grenzen unseres Planeten respektieren.  
Ökologische Politik bedeutet für uns Gemeinwohlorientierung, Bil  
dung für nachhaltige Entwicklung, Teilhabe und Verantwortung für  
kommende Generationen zu fördern. All das ist es, was wir mit der  
sozial-ökologischen Transformation angehen wollen.  
Der Schutz unserer Lebensgrundlagen ist unsere gemeinsame  
Herausforderung. Zugleich schafft die ökologische Modernisierung  
einmalige Chancen: auf sauberes Wasser und Luft, auf gesundes Es  
sen, auf unzerstörte Naturlandschaften, auf mehr Lebensqualität  
und weniger Lärm, auf neue Jobs und Innovationen, auf ein gutes  
und friedliches Leben auf unserem blauen Planeten.  
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I. WIR ERHALTEN  
UNSERE NATUR  
Der Mensch ist auf sauberes Wasser, gesunde Böden und gute Luft  
angewiesen. Nur dann können alle frei, unbesorgt und gesund le  
ben, können gestalten und genießen. Natur und Umwelt zu schüt  
zen heißt, die Grundlagen unseres Lebens zu schützen. Doch wir  
Menschen setzen die planetaren Grenzen mit unserer Art zu wirt  
schaften und zu konsumieren mehr und mehr aufs Spiel. Der zu  
kunftsvergessene Umgang mit der Natur und ihren Schätzen fällt  
am Ende auf uns selbst zurück. Das Quecksilber, das die Kohlekraft  
werke in die Luft pusten, der Plastikmüll, den wir in Flüssen und  
Meeren „entsorgen“, die Pestizide und Arzneimittelrückstände, mit  
denen wir unsere Böden und Gewässer belasten – all das löst sich  
nicht einfach auf. Es gelangt in unser Trinkwasser, in unsere Atem  
luft und in unser Essen. Es ist allerhöchste Zeit, das zu beenden. In  
einigen Bereichen haben wir heute schon längst die Belastungs  
grenze unseres Planeten überschritten.  
Darum stellen wir GRÜNE die Umwelt und den Erhalt unserer Le  
bensgrundlage in das Zentrum unserer Politik. Wer die Umwelt  
schützt, kämpft für eine lebenswerte und gerechte Welt für alle. Wir  
GRÜNE wollen unser Naturerbe, die biologische Vielfalt der Erde,  
bewahren. Wir wollen das Verramschen unserer Umwelt beenden.  
Wir wollen saubere Flüsse und Seen, ohne Gülle, Medikamenten  
rückstände und Mikroplastik. Wir wollen Felder und Wiesen, auf de  
nen Insekten und Vögel einen Lebensraum finden. Unser Ziel ist es,  
eine lebenswerte Welt auch für unsere Kinder und die kommenden  
Generationen zu erhalten. Dafür streiten wir mit Leidenschaft.  
1\. Kein Leben ohne Wasser  
Wasser ist die Wiege allen Lebens und unser Lebensmittel Nummer  
eins. Wir müssen es daher vor Verschmutzung schützen und endlich  
auch in Deutschland überall einen guten ökologischen Zustand der  
Gewässer erreichen. Zusätzliche Risiken wollen wir ausschließen.  
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Darum lehnen wir Fracking nachdrücklich ab. Trinkwasser, Umwelt  
und Gesundheit zu gefährden und Erdbeben zu riskieren, nur um so  
auch noch den letzten Rest Erdgas und Öl aus dem Boden zu pres  
sen, ist unverantwortlich. Auch müssen die bereits nachgewiesenen  
Probleme mit Lagerstättenwasser, aber auch Methanemissionen bei  
der Öl- und Gasförderung beseitigt und keine neuen, unabsehbaren  
Gefahren befördert werden.  
Diesen vorsorgenden Blick nehmen wir auch beim Hochwasser  
schutz ein. Wir beugen vor, indem wir Bächen und Flüssen Raum  
geben, sich wieder naturnah zu entwickeln. Wir verlegen Deiche zu  
rück und weisen Überschwemmungsgebiete aus. So schützen wir  
Bürger\*innen und Unternehmen vor Schäden durch Hochwasser und  
fördern eine artenreiche Tier und Pflanzenwelt, die in ausgedehn  
ten Flussauen wichtige Lebensräume findet. Wir werden Hochwas  
serschutzstrategien für ganze Fließgewässersysteme zur Anpassung  
an die Folgen des Klimawandels entwickeln und so vermeiden, dass  
Schutzmaßnahmen in einer Region beim folgenden Hochwasser zu  
sätzliche Schäden in einer anderen Region verursachen. Flussvertie  
fungen wie an Elbe und Weser lehnen wir ab.  
Um unser Grundwasser, unsere Flüsse und Seen vor dem über  
mäßigen Eintrag von Nähr- und Schadstoffen zu schützen, werden  
wir die Güllemassen aus der industriellen Landwirtschaft eindäm  
men. Wir wollen unser Wasser besser und wirksamer vor Rückstän  
den und Schadstoffen, die bei Menschen und Tieren hormonverän  
dernde Wirkung bis zur Unfruchtbarkeit zeigen oder krebserregend  
sind, schützen. Dadurch werden erhebliche zusätzliche Kosten bei  
der Trinkwassergewinnung vermieden. Über die Flüsse gelangen  
Müll und Schadstoffe auch in die Meere, wo sie großen Schaden an  
richten. Medikamentenrückstände, hormonwirksame Stoffe und  
Schwermetalle reichern sich in der Nahrungskette an.  
Nitrat und Phosphat aus der Landwirtschaft befeuern die Algen  
blüte und schaffen Todeszonen in den Meeren und in den heimi  
schen Gewässern. Acht Millionen Tonnen Plastik landen jedes Jahr  
in unseren Ozeanen. Wir akzeptieren nicht, dass die Meere ein Raum  
ohne Leben werden, in dem es mehr Plastik als Fische gibt, dies  
würde auch unsere Existenz gefährden. Deshalb wollen wir Schluss  
machen mit dem Eintrag von Plastik in Gewässer und Umwelt. Dafür  
stärken wir national Abfallvermeidung, das Recycling, die Einfüh  
rung von Mehrwegsystemen wie etwa bei To-go-Bechern und die  
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Entwicklung abbaubarer Kunststoffe. Ebenso gilt es, den Eintrag  
von Mikroplastik vor allem ins Wasser einzudämmen. So hat dies  
etwa in Kosmetika nichts zu suchen; zugleich braucht es in Klärwer  
ken Filterstufen zur Entfernung von Plastikpartikeln.  
Das Leben in den Meeren steht auch durch zweifelhafte Fische  
reipraktiken, wie den Einsatz von Grundschleppnetzen, und zu hohe  
Fischereiquoten massiv unter Druck. Nach wie vor fischen euro  
päische Trawler die Meere vor Afrikas Küsten leer und gefährden  
damit nicht nur das Meeresökosystem, sie nehmen auch den Fi  
scher\*innen vor Ort ihre Lebensgrundlage. Darum wollen wir die  
Überkapazitäten der europäischen Fangflotte abbauen und alle Fi  
schereiabkommen ökologisch und sozial verträglich gestalten. Nut  
zungsfreie Meeresschutzgebiete sollen dafür sorgen, dass sich das  
Ökosystem Meer erholen kann, auch in Nord- und Ostsee. Kurzfris  
tig müssen Naturschutzgebiete frei von Grundschleppnetzen und  
Stellnetzen sein, die den Meeresboden umpflügen und Schweins  
wale beziehungsweise Seevögel ersticken und ertrinken lassen.  
Mittelfristig dürfen in der gesamten Ost– und Nordsee nur noch  
alternative Fischfangmethoden zum Einsatz kommen, um die Fi  
scherei in Einklang mit der Meeresumwelt zu bringen. An den Küs  
ten Deutschlands wird derzeit noch mitten im Nationalpark und  
UNESCO-Weltnaturerbe Wattenmeer unter Gefährdung der Arten  
vielfalt nach Öl gebohrt. Das wollen wir beenden. Dank der GRÜNEN  
in Schleswig-Holstein wurden bereits Erkundungsbohrungen im  
Nationalpark Wattenmeer verhindert.  
2\. Saubere Luft und gesunder Boden  
Jedes Jahr sterben weltweit zehntausende Menschen, weil Stick  
oxide und Feinstaub die Luft verpesten und zu Lungen- und Herz  
Kreislauf-Erkrankungen führen. Auch wenn sich bei uns der Himmel  
über den Städten nicht gelb einfärbt wie in vielen Städten Asiens,  
ist auch bei uns der Kampf für saubere Luft längst noch nicht ge  
wonnen. Jährliche Messungen zeigen, dass vielerorts Grenzwerte  
bei Feinstaub und Stickoxiden überschritten werden. Hauptursache  
sind Millionen von Dieselautos, die infolge der Tricks und Manipu-  
lationen der Autoindustrie die Grenzwerte im Alltagsbetrieb oft  
um ein Vielfaches überschreiten. Wir wollen, dass die betroffenen  
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Autos so schnell wie möglich auf Kosten der Hersteller nachgerüs  
tet werden, damit die Halter\*innen nicht die Leidtragenden von  
Fahrverboten sind, die die Bundesregierung mit ihrer Untätigkeit zu  
verantworten hat. Um die Menschen zu schützen und die Schad  
stoffbelastung der Atemluft zu verringern, wollen wir eine blaue  
Plakette einführen, emissionsfreie Mobilität fördern, einen Großteil  
der Beförderungsleistung auf den ÖPNV und das Rad verschieben,  
die notwendige Nachrüstung von Baumaschinen, Dieselloks et ce  
tera fördern und so die Einhaltung strenger Luftreinhaltungsnor  
men sicherstellen. Nur so kann es gelingen, die Luft in unseren  
Städten sauber zu bekommen. Mit verbindlichen Grenzwerten für  
Innenraumluft werden wir zudem die gesundheitliche Belastung in  
Wohnungen und Büros etwa durch Emissionen aus Laserdruckern  
oder Kopierern reduzieren. Um Betroffene nicht weiter mit den  
gesundheitlichen und finanziellen Folgen belasteter Wohn und Ar  
beitsräume alleinzulassen, wollen wir anlassbezogene Luftschad  
stoffmessungen für Innenräume und Schadstoffsanierungen im  
Gebäudebestand fördern.  
Auch unsere Böden sind in Gefahr und brauchen dringend  
Schutz. Immer mehr landwirtschaftliche und naturnahe Flächen in  
Deutschland werden zubetoniert. Die Industrialisierung der Land  
wirtschaft überlastet unsere Böden mit Gülle und Pestiziden, ent  
wässert und verdichtet sie. So können sie ihre wichtige Funktion für  
einen funktionierenden Naturhaushalt und als Kohlenstoffspeicher  
nicht erfüllen.  
Wir streben das Null-Hektar-Ziel an: Künftig sollen nicht mehr  
Flächen in Anspruch genommen werden, als an anderer Stelle wie  
der freigelegt werden. So stoppen wir den Flächenfraß. Dazu führen  
wir einen Mix an Instrumenten ein, um den Flächenverbrauch  
schrittweise zu reduzieren und langfristig zu stoppen. Hektarweise  
liegen alte Industrieflächen brach, die man wieder nutzen kann. So  
ermöglichen wir wirtschaftliche Entwicklung, ohne dabei grüne  
Wiesen einzuebnen. Wir streben in Abstimmung mit den Ländern  
eine Sanierung aller Altlasten bis zum Jahr 2050 an und wollen ge  
rade die Kommunen dabei unterstützen, alte, versiegelte Industrie-  
und Brachflächen zu reaktivieren.  
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3\. Wir schützen Pflanzen und Tiere  
Das Aussterben von Tier und Pflanzenarten, die Bedrohung der ge  
samten biologischen Vielfalt, hat unabsehbare Konsequenzen für das  
ökologische Gleichgewicht der Erde. Der Schutz der biologischen  
Vielfalt ist bei uns genauso wichtig wie in den tropischen Regenwäl  
dern oder in der Arktis. Jede dritte Art ist in Deutschland vom Aus  
sterben bedroht.  
Zu den Hauptgründen zählt die industrielle Landwirtschaft mit  
ihren Pestiziden und Monokulturen. Heute kann man von Flensburg  
nach Freiburg fahren, ohne immer wieder die Frontscheibe seines  
Autos von Insekten reinigen zu müssen. Das ist keine gute Nach  
richt. Denn „Pflanzenschutz“ heißt in der industriellen Landwirt  
schaft heute vor allem Insektenvernichtung. In den vergangenen  
Jahren hat die Zahl der fliegenden Insekten um 80 Prozent abge  
nommen. Damit wird die Nahrungskette schon zu Beginn durch  
trennt: Findet die Schwalbe keine Mücke, sind auch ihre Tage ge  
zählt. So löschen wir die „Festplatte“ unserer Natur jeden Tag ein  
Stück mehr und hinterlassen biologische Einöde statt blühender  
Landschaften. Auch unsere Ernährung hängt von funktionierenden  
Ökosystemen ab: Ohne die Bestäubungsleistung der Bienen sähen  
unsere Supermarktregale ganz schön leer aus.  
Wir GRÜNE setzen auf konsequenten Natur- und Artenschutz.  
Damit erhalten wir nicht nur die natürliche Vielfalt und Schönheit  
der Landschaft, eine intakte Natur leistet auch unbezahlbare Diens  
te, zum Beispiel im Wasser-, Boden- und Luftschutz, und stellt wich  
tige Grundstoffe für unzählige Produkte, etwa in der Chemie und  
Medizin, zur Verfügung. Das gilt insbesondere für den Wald, dem auf  
einem Drittel der Fläche Deutschlands eine besondere Rolle für den  
Klima- und Artenschutz zufällt. Um die biologische Vielfalt zu  
schützen, werden wir dafür sorgen, dass die bestehende Gesetzge  
bung im Naturschutzbereich konsequent umgesetzt und wo nötig  
an die Erfordernisse des Naturschutzes angepasst wird. Weiterhin  
werden wir internationale Konventionen wie das Übereinkommen  
über die biologische Vielfalt umsetzen.  
Immer neue Gewerbegebiete, Straßen und Siedlungen planieren  
die Natur zu und zerstören die letzten wilden Lebensräume für vie  
le Tiere und Pflanzen. Wir GRÜNE wollen stattdessen Wildnis zulas  
sen. Neben traditionellen artenreichen Kulturlandschaften wie zum  
Umwelt im Kopf  
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Beispiel Heide oder den bunten Orchideenwiesen, die auf eine ex  
tensive Bewirtschaftung angewiesen sind, schützen wir Wälder,  
damit sie sich wieder zu Urwäldern entwickeln können, ebenso wie  
Moore und Auen. So wie in Baden-Württemberg und Rheinland  
Pfalz, wo unsere Landesregierungen zwei neue Nationalparks er  
kämpft haben.  
Für unseren Siedlungs- und Infrastrukturbedarf kann durch Um  
nutzung und Nachverdichtung ausreichend Platz gefunden werden.  
Wir unterstützen die Einrichtung von weiteren Nationalparks und  
eine Ausweitung des Grünen Bandes. Natur hat für uns auch dann  
einen Wert, wenn dieser nicht in Euro und Cent ausgedrückt werden  
kann. Die Praxis der Land-, Fischerei- und Forstwirtschaft soll sich  
künftig am Schutz der biologischen Vielfalt ausrichten. Deshalb  
wollen wir unter anderem den Naturschutz im Waldgesetz veran  
kern und naturnahe Waldbewirtschaftung unterstützen. Bei Eingrif  
fen in die Natur werden wir die Ausgleichsregelungen so gestalten,  
dass stets der größte Nutzen für die Natur und den Naturschutz er  
reicht wird.  
4\. Ressourcen schonen – Vom Müllberg zum Kreislauf  
Stetig steigt die Müllflut. Viele Produkte wie Plastiktüten und Ein  
weg-Kaffeebecher werden nur kurz genutzt und dann weggeworfen.  
Einige Hersteller gestalten ihre Produkte so, dass sie nicht reparier  
bar sind. Damit schaden sie der Umwelt und den Verbraucher\*innen.  
Wir wollen längere Lebensdauern von Produkten fördern und da  
durch zu einer Schonung von Ressourcen beitragen.  
Ökologisch vorteilhafte Pfandsysteme werden von Getränkein  
dustrie und -handel mit Unterstützung der Bundesregierung gezielt  
unterlaufen. Wir GRÜNE wollen, dass unsere Ressourcen geschützt  
werden, so werden wir unter anderem dafür sorgen, dass Plastikein  
wegflaschen durch Mehrweg ersetzt werden. Mit einer Ressourcen  
abgabe auf Produkte setzen wir einen Anreiz für Ressourcenschutz  
und Effizienzmaßnahmen. Alle, die Ressourcen nutzen, sollen für  
die ökologischen und sozialen Kosten ihrer Gewinnung bezahlen  
und die Förderung einer echten Kreislaufwirtschaft mitfinanzieren.  
Auch heute noch wird Abfall nicht ausreichend in den Kreislauf zu  
rückgeführt. Mit einem Wertstoffgesetz, das anspruchsvolle Ver  
Umwelt im Kopf  
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wertungsquoten festschreibt, machen wir Haus- und Gewerbemüll  
zu einer Quelle für Neues. Dabei sehen wir die Verantwortung für  
die Abfallsammlung bei den Kommunen.  
Wir wollen eine Kreislaufwirtschaft, die mit neuen Produkten  
neue Märkte erschließt und neue Arbeitsplätze schafft und zugleich  
unseren Rohstoffverbrauch entscheidend verringert. Denn eine an  
dere Ressourcenpolitik ist nicht nur ökologisch notwendig. Sie trägt  
auch dazu bei, den Wettlauf um immer knapper werdende Ressour  
cen, der mit Menschenrechtsverletzungen und kriegerischen Kon  
flikten einhergeht, einzudämmen.  
Wer GRÜN wählt, stimmt für diese drei Projekte:  
Für sauberes Wasser ohne Gift und Plastik  
Wasser ist unser wichtigstes Lebensmittel. Damit unsere Gewäs  
ser einen guten ökologischen Zustand erreichen, richten wir das  
Düngerecht an ihrem Schutz aus. Wir machen uns für eine inter  
nationale Plastikkonvention zur Verringerung von Plastikmüll  
stark, fördern innovative Projekte zur Abfallvermeidung und zei  
gen dem unnötigen Einsatz von Mikroplastik in Kosmetikproduk  
ten die Rote Karte. Hersteller von problematischen Medikamen  
ten, Chemikalien und umweltschädlichen Pestiziden wollen wir  
mit in die Verantwortung nehmen, die Schäden zu beseitigen.  
Saubere Luft in Städten  
Um die Luft in Städten sauberer zu machen und Fahrverbote zu  
vermeiden, wollen wir, dass alle manipulierten Autos auf Kosten  
der Autoindustrie so umgerüstet werden, dass sie die Grenzwer  
te auch im Realbetrieb einhalten. Für die Folgeerkrankungen  
sollen die Hersteller Verantwortung übernehmen, die Kosten  
sollen nicht immer auf die Gesellschaft abgewälzt werden. Mit  
der blauen Plakette sollen Kommunen die Möglichkeit bekom  
men, die Mobilität zum Schutz der Gesundheit ihrer Bürgerinnen  
und Bürger zu steuern. Wir wollen neben dem öffentlichen Ver  
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kehr sowie dem Radverkehr emissionsfreie Mobilität besonders  
bei Fahrzeugen fördern, die viel in Innenstädten unterwegs sind.  
Artenvielfalt schützen  
Das große Artensterben ist neben der Klimakrise die zweite  
existenzielle Bedrohung für unsere globalen Ökosysteme und  
damit auch für uns Menschen. Wir wollen unsere Natur und un  
seren Artenreichtum schützen. Dazu werden wir den Natur  
schutz übergreifend in allen Politikbereichen verankern sowie  
finanziell und personell angemessen ausstatten. In Naturschutz  
gebieten sollen die Ziele des Naturschutzes Vorrang vor allen  
anderen Nutzungen haben. Den Biotopverbund wollen wir bun  
desweit ausbauen und Schutzgebiete ambitioniert umsetzen  
und managen und großflächige Wildnisgebiete aus der Nutzung  
nehmen. Einer der größten Artenkiller ist die industrialisierte  
Landwirtschaft, besonders der flächendeckende massive Einsatz  
von Gülle und Pestiziden. Wir werden deshalb Sofortmaßnah  
men ergreifen, um die flächendeckende Vergiftung und Über  
düngung unserer Landschaft einzudämmen, auf eine Reform der  
EU-Agrarpolitik im Einklang mit der Natur drängen und einen  
eigenen Naturschutzfonds fordern.  
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II. WIR SORGEN FÜR GESUNDE  
LEBENSMITTEL UND  
BEENDEN TIERLEID  
Unser Ziel ist eine vielfältige Landwirtschaft, die ohne Gift, Gentech  
nik und Tierleid gesundes Essen für alle erzeugt. Eine Landwirtschaft,  
in der die Leistungen unserer Landwirt\*innen gewürdigt werden und  
die ihnen ein gutes Auskommen verschafft. Die unsere Versorgung mit  
gesunden und bezahlbaren Lebensmitteln sichert und auf gute Pro  
dukte für den Wochenmarkt statt auf Massenproduktion für den Welt  
markt setzt. Die unserem Klima nützt, statt ihm zu schaden. Die mit  
der Natur arbeitet und nicht gegen sie. Eine Landwirtschaft, die die  
Würde von Tieren achtet, statt sie beispielsweise durch Amputationen  
an die Industriehaltung anzupassen. Und eine Agrarpolitik, die für fai  
re Entwicklungschancen sorgt, damit Kleinbäuerinnen und -bauern  
weltweit nicht mit hochsubventionierten europäischen Agrarfabriken  
und deren Abfällen konkurrieren müssen.  
Viele Bäuerinnen und Bauern haben sich bereits mit uns auf den  
Weg gemacht hin zu einer nachhaltigen Landwirtschaft. Sie bewirt  
schaften Flächen, reich an Streuobstwiesen, Hecken, bunten Wiesen  
und Weiden. Doch leider sieht es oft auch ganz anders aus: industri  
elle Massentierhaltung, zu viel Gülle auf den Feldern, Glyphosat und  
Gifte für Bienen und andere Insekten. Für uns steht fest: Die industri  
elle Agrarwirtschaft ist eine Sackgasse. Außer der Agroindustrie  
kennt sie nur Verlierer\*innen. Diese Art der Agrarwirtschaft vernich  
tet ihre eigene Grundlage durch großflächige Monokulturen auf den  
Äckern und die Beschränkung auf wenige Hochleistungstierrassen.  
Auch für den Boden- und Hochwasserschutz hat diese Art der Agrar  
wirtschaft fatale Folgen. Eine solche Landwirtschaft richtet unsere  
Naturräume zugrunde und ist so zum größten Naturkiller unserer Zeit  
geworden. Zudem müssen viele Landwirt\*innen aufgrund des wirt  
schaftlichen Drucks ihre Höfe aufgeben. Sie ist weder gut für die  
Verbraucher\*innen noch für die Bäuer\*innen.  
Unsere Landwirt\*innen leisten viel. Sie arbeiten hart und ver  
sorgen uns zuverlässig mit Lebensmitteln. Deshalb wollen wir für  
landwirtschaftliche Betriebe eine sichere Zukunft schaffen. Doch  
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anders, als es die Agrarindustrie uns glauben machen will, gelingt  
das besser ohne Gentechnik, Ackergift und Qualzucht. All das spricht  
dafür, die Agrarwende so schnell wie möglich durchzuset zen – im  
mer mehr Landwirt\*innen und Verbraucher\*innen sind dabei auf  
unserer Seite. In den Ländern zeigen wir, dass es zusammen geht.  
Solange bundesgesetzliche Regelungen nicht greifen, unterstützt  
zum Beispiel Niedersachsen auf Initiative der GRÜNEN die Bäuerin  
nen und Bauern finanziell, die ihren Schweinen nicht die Ringel  
schwänze abschneiden. Und damit Milchbäuerinnen und -bauern  
wirtschaftlich überleben können, kämpfen unsere Landwirtschafts  
minister\*innen in den Ländern für einen fairen Milchpreis.  
Der ökologische Landbau bleibt unser Leitbild. Wir GRÜNE wol  
len dafür sorgen, dass der Ökolandbau in den nächsten sieben Jah  
ren mit einer Milliarde Euro gefördert wird. Aber auch für die kon  
ventionelle Landwirtschaft gilt: Die landwirtschaftliche Produktion  
muss auf der gesamten Fläche umweltverträglicher werden. Wir  
wollen Bäuerinnen und Bauern den Weg ebnen, dass auch die Land  
wirtschaft ihre Klimaverpflichtungen erfüllt und bis 2050 von der  
industriellen Landwirtschaft auf eine klimaneutrale, ökologische  
Landwirtschaft umstellt. Wir werden bäuerliche Betriebe unter  
stützen und Existenzgründer\*innen fördern, die im Einklang mit der  
Natur produzieren und unsere gewachsenen Kulturlandschaften –  
von den Knicks in Schleswig-Holstein bis zur Almbewirtschaf tung  
in Bayern – bewahren.  
1\. Raus aus der industriellen Massentierhaltung  
Wir GRÜNE wollen die Art und Weise, wie wir unser Essen produzie  
ren, verändern. Unter den Bedingungen der heutigen Nutztierhal  
tung leiden in erster Linie die Tiere. Für uns steht fest: Die Zustände  
der Agrarindustrie sind einer modernen Gesellschaft unwürdig.  
Deshalb fordern wir radikale Änderungen in der Tierhaltung. Bei un  
serem Einsatz für eine zukunftsfähige Landwirtschaft wissen wir  
uns unterstützt von vielen Verbraucher\*innen, die möglichst gut  
und gesund essen wollen. Sie verstehen nicht, warum der Export  
weltmeister Deutschland ausgerechnet bei der Versorgung mit Bio  
lebensmitteln auf Importe angewiesen ist. Und warum regionale  
Produkte im Handel Mangelware sind.  
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Am schlimmsten ist die Entwicklung bei der industriellen Mas  
sentierhaltung aus dem Ruder gelaufen. Die wachsenden Fleisch  
exporte führen zu traurigen Rekordzahlen in den Schlachthöfen,  
wo prekäre Beschäftigungsbedingungen oftmals den Arbeitsalltag  
prägen. Zusammen mit der Mehrheit der Bürger\*innen und vielen  
Landwirt\*innen wollen wir es nicht akzeptieren, dass gequälte Tiere  
zusammengepfercht vor sich hin vegetieren und Schmerzen leiden  
müssen, ohne je die Sonne zu sehen.  
Wir wollen, dass die Tiere ein besseres Leben haben: mehr Platz in  
den Ställen, Zugang zu frischer Luft und Tageslicht, kein Küken  
schreddern, keine Amputationen und Qualzuchten, tiergerechte Füt  
terung und deutlich weniger Antibiotika. Tierschutz schützt auch  
unsere Gesundheit. Mit der Eindämmung des Antibiotikaeinsatzes  
in der Landwirtschaft reduzieren wir auch die Gefahr multiresisten  
ter Bakterien. Gute Arbeitsbedingungen und das Wohl der Tiere  
müssen im Vordergrund stehen – von der Aufzucht und der Haltung  
über den Transport bis zur Schlachtung. Wir wollen kleine regionale  
Schlachthöfe und mobile Schlachteinrichtungen fördern, die Tier  
transporte entbehrlich machen und Wege verkürzen. Wir wollen die  
industrielle Massentierhaltung in den nächsten 20 Jahren beenden.  
Das fördern wir mit einem Pakt für faire Tierhaltung, damit sich tier  
und umweltgerechte Haltung auch wirtschaftlich rechnet. Auch aus  
Klimaschutzgründen ist der Rückgang des Konsums tierischer Le  
bensmittel eine gute Entwicklung.  
In Schulen und Ausbildung sollen die globalen Folgen unserer  
Lebensmittelproduktion thematisiert und verdeutlicht werden. Ko  
mmunen sollen mitentscheiden können, ob Tierhaltungsanlagen  
auf ihrem Gemeindegebiet entstehen. Zur Haltung unserer Nutztie  
re existieren häufig keine oder unzureichende Gesetze. Deshalb ist  
es unser Ziel, die Haltung aller Nutztiere in einer entsprechenden  
Verordnung zu regeln. Zudem müssen die Informationen über Tier  
haltung viel transparenter und zugänglicher gemacht werden. Dazu  
gehört es neben der Freiheit von Krankheiten und Verletzungen  
auch, das Wohl der Tiere zu beurteilen. Nur so können Verbrau  
cher\*innen wirklich eine Entscheidung darüber fällen, welches  
Fleisch sie essen wollen.  
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2\. Für eine Landwirtschaft ohne Gift  
Der massive Einsatz von umweltschädlichen Pestiziden hat verhee  
rende Folgen für den Artenreichtum und den Erhalt der Bodenfrucht  
barkeit. Wir GRÜNE wollen eine Lebensmittelproduktion, an der die  
Bäuerinnen und Bauern verdienen und nicht die chemische Industrie.  
Darum beenden wir den Einsatz von besonders schädlichen und ge  
sundheitsgefährdenden Stoffen wie Glyphosat und Neonicotinoiden.  
Hier nehmen wir besonders die großen Agrar- und Chemiekonzerne  
in die Pflicht. Wir unterstützen die Bäuerinnen und Bauern dabei  
pestizidfrei zu wirtschaften. Dazu legen wir ein Programm auf, das  
den Pestizideinsatz eindämmt, und eine Pestizidabgabe enthält.  
Damit stärken wir die Forschung bezüglich der Wirkungen von Pes  
tiziden auf die Umwelt und die menschliche Gesundheit. Die Zulas  
sung neuer chemischer Wirkstoffe in der EU wollen wir einschrän  
ken und aus dem Einflussbereich der Hersteller herausholen. Nur  
was wirklich unbedenklich ist, darf auf den Markt gelangen.  
Ein solcher Nachweis wird für gentechnisch veränderte Orga  
nismen jedoch bis heute nicht erbracht. Genfood und Biopatente  
braucht kein Mensch. Wir halten an unserem Standpunkt fest: Pflan  
zen aus den Laboren der Agroindustrie haben auf unseren Äckern in  
Deutschland und Europa nichts verloren.  
Wir werden ein Gentechnikgesetz auflegen, das unsere Äcker  
und unsere Teller frei von Gentechnik hält, auch wenn sie sich als  
„neu“ tarnt. Und wir setzen uns dafür ein, dass die Verbraucher\*innen  
dank einer umfassenden Kennzeichnung auch erkennen können,  
wenn ihr Fleisch, ihre Milch oder ihre Eier mithilfe von Futtermitteln  
aus genetisch veränderten Pflanzen produziert wurden.  
Digitalisierung in der Landwirtschaft kann einen wichtigen Bei  
trag leisten, um ressourcenschonender, effizienter und tierwohlge  
rechter produzieren zu können. Mit diesem Ziel unterstützen wir  
auch die Forschung zum „Smart Farming“.  
3\. Klare Kennzeichnung  
Unsere wichtigsten Verbündeten auf dem Weg zu einer nachhaltigen  
Landwirtschaft sind die Verbraucher\*innen. Doch die Lebensmittel  
industrie macht es ihnen schwer, eine bewusste Kaufentscheidung  
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zu treffen. Wir GRÜNE wollen, dass die Lebensmittelverpackung  
sagt, was in ihr steckt. Darum werden wir eine eindeutige Kenn  
zeichnung von Fleisch einführen, die deutlich macht, wie die Tiere  
gehalten wurden – so wie bei der Kennzeichnung von Eiern. Und wir  
führen die Kennzeichnung auch für verarbeitete Produkte ein. Dann  
können Konsument\*innen beim Einkaufen sich bewusst für tier- und  
umweltfreundlich hergestellte Lebensmittel entscheiden.  
Wir wollen, dass genießbare Lebensmittel auf dem Teller lan  
den und nicht in der Tonne. Wir wollen verbindliche Reduktions  
ziele bei der Lebensmittelverschwendung. Um diese Ziele zu errei  
chen, sind alle gefragt: vom Handel über die Industrie und  
Gastronomie bis zu den Verbraucher\*innen. Deshalb wollen wir Su  
permärkte ab einer gewissen Größe dazu verpflichten, nicht ver  
kaufte, aber noch gute Lebensmittel kostenlos zur Verfügung zu  
stellen. Dieses Angebot soll für alle Menschen offen sein. Dabei  
soll sichergestellt werden, dass dies nicht zur Müllentsorgung  
missbraucht wird. Menschen, die Lebensmittel aus dem Müll ret  
ten, sollen nicht bestraft werden ( Kapitel: Wir machen Ver  
braucherinnen und Verbraucher stark, S. 157).  
4\. Mehr Geld für grüne Landwirtschaft  
Wir GRÜNE wissen: Der Umbau zu einer tier- und umweltfreund  
lichen Landwirtschaft kostet zunächst einmal Geld. Gleichzeitig  
sind wir davon überzeugt, dass eine andere Form der Landwirt  
schaft für unsere Gesellschaft im Gesamten günstiger ist.  
Wir wollen mit den Bäuerinnen und Bauern zusammenarbeiten,  
die sich mit uns auf den Weg machen. Wir wollen, dass sie wieder  
von ihrer Arbeit leben können, auch durch die Förderung bereits  
etablierter, rein pflanzlicher Landwirtschaft. Die notwendigen Gel  
der mobilisieren wir durch eine Umschichtung der europäischen Ag  
rarmittel: Über 60 Milliarden Euro gibt die Europäische Union für die  
Unterstützung ihrer Landwirt\*innen aus, sechs Milliarden davon ge  
hen direkt nach Deutschland. Aber bisher wird nur der Besitz von  
Fläche belohnt, unabhängig davon, wie sie bewirtschaftet wird.  
Deshalb erhalten nur 20 Prozent der Betriebe 80 Prozent der Mittel.  
Die Bundesregierung hat großen Einfluss auf die Zukunft der euro  
päischen Landwirtschaftspolitik. Wir wollen sicherstellen, dass die  
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ser Einfluss genutzt wird: zugunsten der Landwirt\*innen, der Konsu  
ment\*innen, der Tiere und der Natur.  
Die intransparente und großflächige Aneignung von Landflä  
chen durch agrarindustrielle Unternehmen und außerlandwirt  
schaftliche Investor\*innen ist eine traurige Realität in Deutschland.  
Immer wieder kommt es zu massiven Preisexplosionen, während die  
Bundesregierung sich vehement für die Interessen der industriellen  
Landwirtschaft einsetzt. Das wollen wir beenden. Wir brauchen  
endlich eine wirksame und transparente Regulierung des Marktes  
für landwirtschaftliche Böden.  
Wir wollen für die Agrarförderung das Prinzip „öffentliches  
Geld für öffentliche Leistung“ so schnell wie möglich durchsetzen.  
Unser Ziel ist eine europäische Agrarpolitik, die bei Lebensmitteln  
den Umbau hin zu einer Landwirtschaft und einem Agrarmarkt  
fördert, die auf Klasse statt Masse setzen. Die dafür sorgt, dass es  
den Tieren in den Ställen besser geht. Die die Artenvielfalt erhält  
und Klima, Wasser und Boden schützt. Wir wollen bäuerliche,  
ökologische und regionale Wirtschaftsweisen unterstützen – und  
nicht die exportorientierte, industrielle Agrarwirtschaft. Die euro  
päische Agrarpolitik darf nicht mehr zulasten anderer gehen. Wir  
wollen das Recht auf Nahrung und Ernährungssouveränität welt  
weit sichern.  
5\. Tierschutz stärken  
Auch außerhalb der Landwirtschaft wollen wir den Tierschutz stär  
ken. Tiere empfinden Schmerzen, Leid und Angst. Deshalb streiten  
wir GRÜNE dafür, Tiere um ihrer selbst willen zu schützen. Das  
Staatsziel Tierschutz, das wir nach langem Kampf erreicht haben,  
muss endlich mit Leben gefüllt werden. Deshalb brauchen wir ein  
neues Tierschutzgesetz. Eine Mehrheit der Menschen in unserem  
Land will wie wir keine Pelzfarmen dulden und das Leid von Wild  
tieren im Zirkus und von Delfinen in Gefangenschaft beenden. Tiere  
sind für uns keine Gegenstände, die zu Unterhaltungszwecken ge  
quält werden dürfen. Wenn Tiere möglichst naturnah gehalten wer  
den, können zoologische Gärten wichtige Funktionen übernehmen,  
wie zum Beispiel bei Arterhaltungsprogrammen oder bei der Um  
weltbildung.  
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Wir GRÜNE wollen Tierversuche konsequent reduzieren und  
schnellstmöglich überflüssig machen. Qualzucht wollen wir auch  
bei Heimtieren beenden. Aus Tier- und Artenschutzgründen wollen  
wir eine rechtskonforme Positivliste mit den Tierarten, die privat  
gehalten werden können, aufstellen und Haltungsvoraussetzungen  
formulieren wie etwa Sachkundenachweise für bestimmte Tier  
arten. Kommerzielle Exotenbörsen wollen wir unterbinden. Der  
Handel mit exotischen Tieren muss schärfer reguliert und strenger  
kontrolliert werden. Illegalen Tierhandel wollen wir konsequent  
verhindern. Die wichtige Arbeit der Tierheime soll endlich entspre  
chend finanziert werden. Um den Tierschutz effektiver durchsetzen  
zu können, werden wir ein bundesweites Verbandsklagerecht für  
Tierschutzorganisationen schaffen und eine\*n Bundesbeauftragte\*n  
für Tierschutz einsetzen.  
Wer GRÜN wählt, stimmt für diese drei Projekte:  
Kein Gift in der Landwirtschaft  
Wir wollen eine giftfreie Landwirtschaft und gesunde Lebens  
mittel auf unseren Tellern. Eine Landwirtschaft, die ohne Gly  
phosat und Gifte für Bienen arbeitet. Der Einsatz von Glyphosat  
hat einen erheblichen Anteil am dramatischen Artensterben. Neo  
nicotinoide verursachen massenhaftes Bienensterben. Darum  
werden wir sie verbieten. Wir wollen die Zulassungsverfahren so  
ändern, dass nur noch für Menschen unbedenkliche Stoffe zuge  
lassen werden und die Risiken für die Natur minimiert werden.  
Ausstieg aus der Massentierhaltung  
Tiere brauchen mehr Platz für Auslauf, Rückzug und zum Aus  
leben arteigener Verhaltensweisen. Wir beenden das Küken  
schreddern, die Qualzucht auf Kosten der Tiergesundheit und  
den Missbrauch von Antibiotika. Die Schlachtung von Tieren darf  
nicht im Akkord geschehen. Wir streiten für kleine regionale  
Schlachthöfe und mobile Schlachteinrichtungen. Lebendtrans  
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porte begrenzen wir konsequent auf vier Stunden. Gemeinsam  
mit den Bäuerinnen und Bauern wollen wir den Strukturwandel  
zu einer Landwirtschaft schaffen, die besser mit Tieren umgeht.  
Wir wollen sämtliche – auch verarbeitete – Tierprodukte verläs  
slich kennzeichnen, damit Verbraucherinnen und Verbraucher  
beim Einkauf bewusst entscheiden können.  
Alternativen zu Tierversuchen fördern  
Wir wollen Tierversuche endlich konsequent reduzieren und  
schnellstmöglich überflüssig machen. Jedes Jahr werden Millio  
nen Tiere in Tierversuchen regelrecht verbraucht. Dabei verur  
sachen tierfreie Methoden deutlich weniger Tierleid, außerdem  
sind Erkenntnisse aus Tierversuchen nur bedingt auf den Men  
schen übertragbar. Hier brauchen wir einen Paradigmenwechsel.  
Damit das gelingt, wollen wir das Tierschutzrecht stärken und  
Alternativen zu Tierversuchen, wie zum Beispiel Organchips, bei  
denen der menschliche Organismus im Kleinstmaßstab simuliert  
wird, zügig voranbringen. Auch an Hochschulen wollen wir tier  
versuchsfreie Verfahren stärken, das Wissen in die Lehre über  
führen und Studierenden die Möglichkeit geben, ohne Tierver  
suche durch das Studium zu kommen.  
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III. WIR RETTEN DAS KLIMA  
Die vom Menschen verursachte Klimakrise wird zur Klimakatastro  
phe, wenn wir den Ausstoß von Treibhausgasen nicht drastisch re  
duzieren. Das massive Verbrennen fossiler Energieträger wie Kohle  
und Öl macht die Erde zum Treibhaus. Schon heute nehmen welt  
weit extreme Wetterereignisse wie Stürme, Hitze und Dürren stark  
zu. Der Meeresspiegel steigt an, Gletscher schmelzen ab und an vie  
len Orten werden Wassermangel und Trockenheit immer dramati  
scher. Das Meereis in der Arktis und Antarktis schwindet rasant, die  
Permafrostböden von Kanada bis Sibirien tauen immer schneller  
auf. Wenn wir diese Entwicklung nicht stoppen, könnten bis 2050  
nach Zahlen des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen bis  
zu 250 Millionen Menschen gezwungen sein, ihre Heimat zu verlas  
sen. Auch hierzulande spüren wir schon Veränderungen wie häufi  
gen Hagel, Starkregen, Stürme und eine sich verändernde Tier- und  
Pflanzenwelt. Das Umweltbundesamt warnt vor extremer Trocken  
heit und Hitze, vor Überflutungen an Flüssen und den Küsten. Zu  
dem ist auch unsere Gesundheit bedroht – durch Hitze, Infektions  
erreger, Allergien.  
Zum Glück haben fast alle Staaten der Erde die Notwendigkeit  
des Klimaschutzes erkannt. Das Klimaabkommen von Paris 2015  
war ein großes Hoffnungszeichen. Die Welt will umsteuern und die  
Erderhitzung auf deutlich unter zwei Grad, möglichst 1,5 Grad, be  
grenzen. Das schnelle Inkrafttreten des Klimaabkommens macht  
Mut. Jetzt muss es umgesetzt werden. Wenn Trump aus dem Klima  
abkommen aussteigt, müssen Deutschland und Europa den Klima  
schutz jetzt entschieden anpacken. Denn die Klimakrise wartet  
nicht, bis es sich die US-Regierung vielleicht irgendwann wieder  
anders überlegt. Wenn die USA sich aus der finanziellen Unterstüt  
zung der am meisten vom Klimawandel betroffenen armen Staaten  
zurückziehen, dann muss die EU dafür sorgen, dass diese Lücke ge  
schlossen wird. In der Handelspolitik müssen CO2-Minderungsziele  
eine Voraussetzung für neue Abkommen sein. Dafür wollen wir  
noch stärker mit ambitionierten Staaten und auch US-Bundesstaa  
ten wie Kalifornien zusammenarbeiten – wie es das grün regierte  
Baden-Württemberg in seiner Klimaallianz bereits vormacht.  
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Leider ignorieren CDU/CSU und SPD die Realität der Klimakrise  
und riskieren fahrlässig die Zukunft unserer Kinder und die Zu  
kunftsfähigkeit unserer Wirtschaft. Deutschlands Emissionen sta  
gnieren seit über sieben Jahren. Vom deutschen Klimaziel, unseren  
CO2-Ausstoß bis 2020 im Vergleich zu 1990 um 40 Prozent zu sen  
ken, sind wir meilenweit entfernt. Angela Merkel und Martin Schulz  
halten an der klimaschädlichen Kohle fest. Landwirtschaft und Ver  
kehr stoßen immer mehr Treibhausgase aus, die energetische Mo  
dernisierung von Gebäuden kommt nicht voran. Wir wollen in die  
klimaneutrale Zukunft gehen und unsere Wirtschaft ökologisch  
modernisieren. Dafür werden wir aus der Kohle aussteigen, die  
erneuerbaren Energien weiter ausbauen, zusätzliche Mittel für  
die ener ge tische Gebäudesanierung bereitstellen, Energieeffizienz  
und alle Ar ten emissionsfreier Mobilität fördern und die Landwirt  
schaft umwelt- und klimaverträglich machen. So sichern wir durch  
zukunftsfähiges Wirtschaften Arbeitsplätze und gesellschaftlichen  
Wohlstand.  
1\. Klimaabkommen von Paris jetzt umsetzen  
Wir GRÜNE wollen das Abkommen von Paris mit Leben füllen. Das  
zentrale Instrument dazu ist ein bundesweites Klimaschutzgesetz, so  
wie wir GRÜNE es auf Landesebene zuerst in NRW und dann in zahl  
reichen weiteren Bundesländern bereits eingeführt haben. Damit be  
schreiben wir den Klimaschutzpfad bis 2050 und setzen verbindliche  
und planbare Ziele. Neben Industrie und Energiewirtschaft müssen  
auch der Verkehr, die Landwirtschaft und der Gebäudesektor ihren  
Beitrag leisten. Sie sind es, die gegen den Trend steigende Emissio  
nen zu verzeichnen haben. Werden die Ziele nicht erreicht, muss die  
Politik nachsteuern. Nur so gelingt es, auf dem Modernisierungspfad  
zu bleiben.  
Dem Ausstoß von Treibhausgasen wollen wir endlich einen Preis  
geben, der die ökologische Wahrheit sagt. Derzeit kommt viel zu gut  
weg, wer die Atmosphäre aufheizt, denn CO2Zertifikate sind viel zu  
billig. Der EU-Emissionshandel muss reformiert werden, damit der  
Ausstoß von Klimagasen wieder echtes Geld kostet. Hierfür müssen  
überschüssige CO2 Zertifikate dauerhaft gelöscht und die kosten  
lose Zuteilung von Zertifikaten beendet werden.  
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Durch einen gesetzlichen CO2-Mindestpreis und eine ehrliche  
CO2-Bepreisung auch außerhalb des Emissionshandels sorgen wir  
dafür, dass sich Investitionen in Klimaschutz betriebswirtschaftlich  
lohnen und planbarer werden. Aus diesen Einnahmen schaffen wir  
die Stromsteuer ab, reduzieren die EEG Umlage und finanzieren  
weitere Klimaschutzmaßnahmen – zum Beispiel die Umstellung auf  
kohlenstoffarme Industrieprozesse und zusätzliche Mittel für die  
sozial verträgliche, energetische Gebäudemodernisierung. Denn die  
Erfolgsgeschichte der erneuerbaren Energien muss auch zu einer  
Kostenentlastung bei den privaten Hauhalten führen. Strom aus er  
neuerbaren Energien darf gegenüber den Klimakillern Kohle, Öl  
und Gas nicht weiter benachteiligt werden.  
Neben den nationalen Klimazielen müssen auch die europä  
ischen Ziele an die Vereinbarungen von Paris zur Rettung des Klimas  
angepasst werden. Für alle 27 Staaten der EU muss bis 2050 eine  
CO2-Reduktion von mindestens 95 Prozent gegenüber 1990 ver  
pflichtend sein.  
2\. Kohleausstieg jetzt einleiten!  
Ohne einen zügigen Kohleausstieg sind all diese Mühen umsonst.  
Mindestens 80 Prozent aller fossilen Brennstoffe müssen im Boden  
bleiben, wenn „Klimaschutz“ mehr als eine Worthülse sein soll.  
Wir GRÜNE wollen in den nächsten vier Jahren unsere volle Ener  
gie dafür einsetzen, den Kohleausstieg unumkehrbar einzuleiten.  
Weil Treibhausgase sich in der Erdatmosphäre anreichern, ist es für  
das Klima entscheidend, dass unverzüglich der Ausstoß des klima  
schädigenden CO2 reduziert wird; weniger entscheidend ist, wann  
exakt das allerletzte Kohlekraftwerk vom Netz geht. Laufen alle  
Kohlekraftwerke mit voller Kraft weiter, würde Deutschland sein  
Emissionsbudget im Energiebereich mit Blick auf das 1,5-Grad-Limit  
bereits bis 2025 aufbrauchen. Um das international zugesagte  
deutsche Klimaziel für das Jahr 2020 überhaupt noch schaffen zu  
können, werden wir unverzüglich die 20 dreckigsten Kohlekraftwer  
ke vom Netz nehmen und den CO2-Ausstoß der verbleibenden Koh  
lekraftwerke analog zu den Klimazielen deckeln. Wir werden den  
Kohleausstieg im Einklang zu unserem Ziel 100 Prozent erneuerba  
re Energien im Strombereich bis 2030 gestalten. Hierfür verwenden  
Umwelt im Kopf  
ZUKUNFT WIRD AUS MUT GEMACHT.  
Bundestagswahlprogramm 2017  
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wir die Instrumente unseres Kohleausstiegsfahrplans, mit dem wir  
das Ende des Kohlezeitalters in Deutschland planungssicher und  
unumkehrbar gestalten.  
Wir achten darauf, dass der Ausstieg in einem breit angelegten  
Dialog erfolgt, wir werden ihn sozial verträglich gestalten und neue  
Arbeitsplätze schaffen. Die Finanzierung des Strukturwandels muss  
eine gemeinsame Aufgabe von Bund, Ländern und Energieunter  
nehmen sein.  
Den Aufschluss neuer Braunkohletagebaue und ihre Erweiterung  
sowie den Bau neuer Kohlekraftwerke werden wir verhindern und  
keine neuen Umsiedlungen mehr zulassen. Ein Kohleausstiegsgesetz  
und ein novelliertes Bergrecht schaffen hierfür die Grundlage. Das  
schafft Klarheit für die Unternehmen, die Beschäftigten und die  
Menschen in den betroffenen Regionen. Um das Klima international  
zu schützen, werden wir zudem die Hermes-Bürgschaften für den  
Export deutscher Kohletechnik stoppen. Kohle hat keine Zukunft!  
3\. Klimaschutz auf allen Ebenen  
Wir müssen auf allen Ebenen handeln, alle Möglichkeiten nutzen und  
zeigen, wie es geht. Wenn wir die Erderwärmung wirklich auf deutlich  
unter zwei Grad halten wollen, müssen wir die Art und Weise, wie wir  
produzieren, wie wir uns fortbewegen, wie wir bauen, wie wir uns er  
nähren, grundlegend ändern. Unsere Gesellschaft muss ihre Lebens  
stile und Konsumgewohnheiten überdenken und nachhaltiger ge  
stalten. Deshalb sind zum Beispiel der Rückgang des Konsums  
tierischer Lebensmittel, die Zunahme des Fahrradverkehrs in den  
Städten oder der Trend zum Urlaub vor Ort auch aus Klimaschutz  
gründen gute Entwicklungen. Auch die Reduzierung des Rohstoffver  
brauchs schont das Klima. Gerade bei den Bau- und Grundstoffen wie  
Stahl, Zement stehen wir jedoch noch ziemlich am Anfang der Trans  
formation.  
Mit einer klimaneutralen Verwaltung des Bundes gehen wir vo  
ran, zum Beispiel bei der öffentlichen Beschaffung, bei der Gebäu  
desanierung, beim Fuhrpark. Gezielte Angebote sollen die kommu  
nale Ebene ermutigen, uns zu folgen. Denn auch dort, wo es nicht so  
offensichtlich ist, sind mit wenig Aufwand große Erfolge beim Kli  
maschutz zu erzielen.  
Umwelt im Kopf  
BUNDESTAGSWAHLPROGRAMM 2017  
Bundestagswahlprogramm 2017  
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Trotz all der Anstrengungen müssen wir uns an das Unvermeid  
liche anpassen und uns – zum Beispiel durch städtisches Grün und  
andere städtebauliche Maßnahmen, die zugleich mehr Lebensqua  
lität schaffen – auf klimabedingte Starkregenereignisse, Stürme und  
Extremhitze vorbereiten.  
Auch Moorschutz ist Klimaschutz. Deshalb werden wir dafür sor  
gen, dass intakte Moorböden besser geschützt und für trockenge  
legte Moore flächendeckend Maßnahmen der Wiedervernässung  
ergriffen werden.  
Wir GRÜNE stellen uns auch der internationalen Verantwortung  
Deutschlands. Wir setzen uns für einen gesamteuropäischen Dialog  
über den Ausstieg aus Kohle und Atom ein. GRÜN steht für einen  
europäischen Kohlekonsens und für eine europäische Unterstüt  
zung der Transformationsprozesse in den Regionen. In den Ländern  
des globalen Südens wollen wir eine alternative und kohlenstoff  
arme Entwicklung, Klimaschutzinvestitionen und die Anpassung an  
die unvermeidlichen Folgen der Klimakrise unterstützen. Das ist ge  
recht, denn die Klimaveränderungen und Schäden in diesen Län  
dern sind die Folgen des fossilen Zeitalters, von dem wir in Europa  
wirtschaftlich mit am meisten profitiert haben.  
Die Schäden unseres bisherigen Handelns abzufedern, hilft, faire  
Chancen zu schaffen. Hilfen bei der Anpassung an die Klimakrise  
eröffnen neue Lebensperspektiven auch in den besonders betroffe  
nen Ländern. Diese Mittel ergänzen die allgemeine Entwicklungs  
finanzierung.  
Umwelt im Kopf  
ZUKUNFT WIRD AUS MUT GEMACHT.  
Bundestagswahlprogramm 2017  
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Wer GRÜN wählt, stimmt für diese drei Projekte:  
Klimaschutzgesetz einführen  
In Paris haben sich alle Staaten der Welt verpflichtet, die Erder  
hitzung auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen. Mit einem  
Klimaschutzgesetz wollen wir die dazu notwendigen nationalen  
Reduktionsziele rechtsverbindlich festlegen und Ziele für alle  
relevanten Sektoren definieren: Stromerzeugung, Verkehr, Land  
wirtschaft, Industrie und Gebäudeenergie. Dies unterlegen wir  
mit ambitionierten Aktionsplänen in den einzelnen Sektoren:  
vom Umstieg auf umweltfreundliche Mobilität über den Schutz  
organischer Böden bis zur energetischen Gebäudemodernisie  
rung. So geben wir Impulse für Investitionen in den Klimaschutz.  
Klimaverschmutzung mit einem ehrlichen Preis belegen  
Wer die Atmosphäre aufheizt, kommt viel zu gut weg, denn CO2-  
Zertifikate sind viel zu billig. Der EU Emissionshandel muss re  
formiert werden, damit die Kosten für den Ausstoß von Klimaga  
sen von denjenigen getragen werden, die sie verursachen. Das  
schafft auch fairen Wettbewerb für klimafreundliche Produkte  
und Dienstleistungen. Überschüssige CO2 Zertifikate müssen da  
her dauerhaft gelöscht und die kostenlose Zuteilung von Zertifi  
katen beendet werden. Mit einem gesetzlichen CO2-Mindest  
preis sorgen wir dafür, dass der Emissionshandel nicht weiter  
leerläuft und dass Klimaschutzinvestitionen sich betriebswirt  
schaftlich lohnen und planbar werden. Aus diesen Einnahmen  
finanzieren wir weitere Klimaschutzmaßnahmen, zum Beispiel  
die Umstellung auf kohlenstoffarme Industrieprozesse und die  
sozial verträgliche, energetische Gebäudemodernisierung.  
Kohleausstieg jetzt  
Keine andere Technologie setzt mehr CO2 , Quecksilber und  
Stickoxide in die Umwelt frei als die Kohleverstromung. Wir wol  
len die Kohle in der Erde lassen und aus der Kohlekraft ausstei  
Umwelt im Kopf  
BUNDESTAGSWAHLPROGRAMM 2017  
Bundestagswahlprogramm 2017  
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gen. Um das international zugesagte deutsche Klimaziel für das  
Jahr 2020 überhaupt noch schaffen zu können, werden wir un  
verzüglich die 20 dreckigsten Kohlekraftwerke vom Netz neh  
men und den CO2-Ausstoß der verbleibenden Kohlekraftwerke  
analog zu den Klimazielen deckeln. Wir werden den Kohleaus  
stieg im Einklang zu unserem Ziel 100 Prozent erneuerbare  
Energien im Strombereich bis 2030 gestalten. Dafür haben wir  
einen Fahrplan Kohleausstieg vorgelegt, mit dem wir den Weg  
zum Ende des Kohlezeitalters beschreiten. Um die Weichen rich  
tig zu stellen, lassen wir keine neuen Tagebaue zu. Wir wollen  
den notwendigen Strukturwandel in den Regionen gemeinsam  
mit allen Beteiligten gestalten – ökologisch und sozial verträg  
lich. Dafür richten wir einen Fonds ein, der auch für die Sanie  
rung der Bergbaufolgeschäden eingesetzt werden soll.  
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Bundestagswahlprogramm 2017  
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IV. WIR BEGRÜNEN UNSERE  
WIRTSCHAFT FÜR UMWELT  
SCHUTZ, LEBENSQUALITÄT  
UND NEUE ARBEITSPLÄTZE  
Die technologischen Sprünge der vergangenen beiden Jahrhunderte  
haben den Wohlstand und die Lebensqualität vieler Menschen außer  
ordentlich verbessert. Doch seit Langem ist klar, dass die industrielle  
Wirtschaftsweise nicht nur Wohlstand schafft, sondern auch syste  
matisch unsere gemeinsamen Lebensgrundlagen zerstört. Materiel  
les Wachstum steigert nicht in jedem Fall die Lebensqualität.  
Die sozial-ökologische Transformation der Wirtschaft ist die  
existenzielle Aufgabe unserer Zeit. Denn heute verschwendet unse  
re Art zu wirtschaften noch wertvolle Ressourcen, heizt unser Klima  
auf und bedroht weltweit unser Trinkwasser, unsere Luft und unse  
re Böden. In unserem eigenen Menschheitsinteresse müssen wir das  
dringend ändern. Und es ist möglich. Wir können unser Leben ver  
bessern, ohne immer weiter materiell wachsen zu müssen.  
Wir GRÜNE treten seit unserer Gründung für die ökologische Mo  
dernisierung der Industriegesellschaft ein. Viele Menschen gehen  
diesen Weg mit uns. Bürger\*inneninitiativen und Nicht-Regierungs  
organisationen kämpfen für Natur- und Umweltschutz. Unterneh  
men schreiben mit grünen Ideen schwarze Zahlen, Unternehmens  
initiativen setzen sich für Klimaschutz ein. Unser Land ist dabei seit  
den 1970er-Jahren ein gutes Stück vorangekommen. Abgase werden  
inzwischen gefiltert, Abwässer nicht mehr einfach in die Flüsse ge  
leitet, es wird ökologischer gebaut und produziert. Innovative  
Unternehmer\*innen und Tüftler\*innen entwickeln Produkte und  
Dienstleistungen, die dabei helfen, unsere Lebensqualität zu ver  
bessern und den Ressourcenverbrauch zu senken. Sie sind die  
Pionier\*innen des grünen Wandels, eines neuen, nachhaltigen  
Wohlstands.  
Jetzt geht es darum, die Begrünung der Wirtschaft und vor allem  
der Industrie quer durch alle Branchen voranzutreiben. Die grüne  
Umwelt im Kopf  
BUNDESTAGSWAHLPROGRAMM 2017  
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Energiewende hat gezeigt, dass es geht: Deutschland hat sich auf  
den Weg gemacht, seine hoch entwickelte Industriegesellschaft  
ohne Klimagase und Atommüll mit Strom zu versorgen. Nun  
braucht es mutige grüne Politik und engagierte Bürger\*innen,  
Ingenieur\*innen und Unternehmer\*innen, um die ökologische Mo  
dernisierung zum Ziel zu bringen.  
1\. Grünen Rahmen setzen für die ökologische Modernisierung  
Grüne Wirtschaftspolitik macht ehrgeizige Vorgaben in Form von  
Grenzwerten, CO2-Reduktionszielen und Produktstandards, die in  
realistischen Zeiträumen erreicht werden können. Das mutet man  
chen energieintensiven Unternehmen zwar etwas zu, schafft aber  
Planungssicherheit und gibt Impulse für Investitionen. Wir sind die  
Partei an der Seite der Unternehmen, die bei dieser Transformation  
vorangehen und beispielsweise schon heute einen CO2-Preis bei ih  
ren Investitionsentscheidungen zugrunde legen. Gleichzeitig för  
dern wir dabei neue Technologien und Wissen. So können wir es  
schaffen, die ökologische Modernisierung in den verschiedenen Sek  
toren umzusetzen. Klar ist auch, dass die öffentliche Hand bei der  
ökologischen Modernisierung nicht hinterherhinken darf, weswegen  
wir die öffentliche Beschaffung konsequent auf die jeweils ressour  
censchonendsten Produkte und Dienstleistungen ausrichten wollen.  
Wir werden dafür sorgen, dass Preise die ökologische Wahrheit  
sagen, denn die Verursacher\*innen von Umweltzerstörung dürfen  
die Kosten nicht länger auf die Allgemeinheit abwälzen. So setzen  
wir auch die richtigen Anreize dafür, dass andere – umweltfreundli  
chere – Techniken entwickelt und schnell marktfähig werden. Ein  
Wettstreit um die beste ökologische Lösung kommt in Gang. Ökolo  
gisch ehrliche Preise belohnen Unternehmen, die mit Ressourcen  
pfleglich umgehen und Emissionen senken. Auch die Verbrau  
cherinnen und Verbrauc her profitieren, wenn langlebige Geräte  
Neuanschaffungen ersparen und klimafreundliche Heizungen die  
Nebenkosten senken. Umweltschädliches Verhalten wollen wir  
nicht weiter subventionieren. So sind zum Beispiel schwere Dienst  
wagen und der Flugverkehr heute steuerlich bevorzugt, obwohl sie  
ökologisch schädlicher sind als ihre Alternativen. Subventionen wie  
diese belaufen sich auf über 50 Milliarden Euro pro Jahr. Es ergibt  
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keinen Sinn, umweltschädliches Verhalten zu subventionieren. Eine  
ökologische Finanzreform muss deshalb den Abbau dieser ökolo  
gisch schädlichen Subventionen angehen. Dabei gilt es, in einem  
ersten Schritt die umweltschädlichsten beziehungsweise die am  
einfachsten zu kappenden Subventionen in Höhe von wenigstens  
zwölf Milliarden Euro einzusparen. Dieses Geld wollen wir in den  
Klimaschutz investieren und dabei gerade ärmere Haushalte bei In  
vestitionen zum Energie- und Ressourcensparen unterstützen.  
Durch eine ökologische Steuerreform wollen wir nicht mehr um  
weltschädliche, sondern stärker ökologisch nachhaltige Produkti  
onsprozesse, Erzeugnisse und Dienstleistungen begünstigen. Dabei  
werden wir die Möglichkeit, neben sozialen auch ökologische Ziele  
bei der Mehrwertsteuer zu berücksichtigen, wie zum Beispiel 2011  
vom EU-Parlament und wiederholt vom Umweltbundesamt emp  
fohlen, im Hinblick auf Umsetzbarkeit prüfen.  
2\. Mit grüner Industriepolitik den Industriestandort  
und Arbeitsplätze sichern  
Die ökologische Modernisierung ist die Zukunftssicherung für alle  
Industriezweige in Deutschland. Alle Branchen müssen ihren Bei  
trag zu Klima- und Ressourcenschutz leisten. Und für alle Branchen  
gilt: Wenn wir den Anschluss verpassen, wie es zum Beispiel beim  
Elektroauto droht, gehen Arbeitsplätze und Wohlstand verloren.  
Konkret heißt das: weg vom Verbrennungsmotor und hin zum Elek  
troantrieb beziehungsweise emissionsfreien Antrieb. In der Schiff  
fahrt weg vom Schweröl hin zu alternativen Antrieben. Weg vom  
Öl und Gas und hin zu nachwachsenden Rohstoffen in der Chemie  
industrie. Die Bauwirtschaft kann mit Holzbau oder Textilbeton  
Ressourcen und Emissionen einsparen. Damit sichern wir den Indus  
triestandort Deutschland. Denn auch in der Zukunft wird unser  
Wohlstand von guten und sicheren Arbeitsplätzen abhängen. Wir  
tun das im Dialog mit Unternehmen, Gewerkschaften und der Wis  
senschaft. Doch wenn nötig, auch im Konflikt mit den Lobbys der  
alten Industrien.  
Von besonderer Bedeutung ist in Deutschland die Automo  
bilbranche. Ihr wollen wir helfen, den Sprung ins 21. Jahrhundert zu  
schaffen, in der Mobilität ohne Schadstoffausstoß funktionieren  
Umwelt im Kopf  
BUNDESTAGSWAHLPROGRAMM 2017  
Bundestagswahlprogramm 2017  
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muss. Das ist eine zentrale Frage mit Blick auf Umweltzerstörung  
und Klimakrise. Dass dieser Sprung gelingt, ist aber auch von großer  
Bedeutung für den sozialen Zusammenhalt in unserem Land. Denn  
wir wollen verhindern, dass Wolfsburg oder Stuttgart das Detroit  
von morgen werden. Deshalb braucht es jetzt klare Rahmenbedin  
gungen für diesen Industriezweig. Diese setzen wir mit einem kla  
ren Fahrplan für den Ausbau der Elektromobilität und mit dem Aus  
stieg aus dem fossilen Verbrennungsmotor ( Kapitel: Wir sorgen  
für saubere, bezahlbare und bequeme Mobilität, S. 56).  
Die ökologische Modernisierung ist ein gigantisches Innovations-  
und Investitionsprogramm. Und sie ist ein Jobmotor. Sie schafft neue  
Arbeit, nicht nur für Ingenieur\*innen und Programmierer\*innen,  
sondern auch für Handwerker\*innen und Bauarbeiter\*innen. Jede in  
die Gebäudesanierung investierte Milliarde schafft 10.000 zusätzli  
che Arbeitsplätze im Baugewerbe, im Handwerk und in der Indus  
trie. Seit zehn Jahren wächst der globale Markt für Umwelttechnik  
und Ressourceneffizienz rasant. Deutsche Firmen sind bei Green  
Tech gut aufgestellt. Deutsche und europäische Unternehmen kön  
nen in diesen Bereichen viele zusätzliche Jobs schaffen. Daran wol  
len wir arbeiten. Für uns ist dabei entscheidend, dass bei der ökolo  
gischen Modernisierung gute Arbeitsbedingungen, Mitbestimmung  
und tariflicher Schutz gelten: Auch deshalb fordern wir eine bun  
desweite Fachkräfteallianz zwischen Staat und Wirtschaft zur Stär  
kung des Handwerks. In den kohlenstoffintensiven Unternehmen  
und Geschäftsbereichen werden allerdings auch Arbeitsplätze ab  
gebaut werden. Hier kümmern wir uns um eine gute soziale Absi  
cherung, um Weiterbildung und neue Chancen.  
Unser Ziel ist es auch, dass so viel Kapital wie möglich aus fossi  
len Energieträgern abgezogen wird und stattdessen dorthin fließt,  
wo es nachhaltigen Wohlstand und neue Jobs schafft. Ganz nach  
dem Motto: Die Steinzeit endete, obwohl es noch unzählige Steine  
gab – und das fossile Zeitalter muss enden, obwohl es noch jede  
Menge Kohle, Gas und Öl im Boden gibt. Das Stichwort dazu lautet  
„Divestment“ und meint den Abzug von Investitionen aus Öl, Kohle  
und Gas. Viele deutsche Konzerne, aber auch der Bund, Länder,  
Kommunen, öffentliche Banken und Versicherer haben viel Geld in  
fossile Energieträger investiert. Das heißt, auch mit öffentlichen  
Geldern wird die Klimakrise befeuert. Wir wollen, dass die öffent  
liche Hand hier vorangeht und ihre dreckigen Anlagen beendet,  
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ZUKUNFT WIRD AUS MUT GEMACHT.  
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zumal diese Investments mehr und mehr zu einem finanziellen  
Risiko werden. Denn die Umsetzung des Pariser Klimaabkommens  
macht solche Investitionen wertlos. Deshalb fordern wir: divest now!  
3\. Für die Entkopplung von Wohlstand  
und Ressourcenverbrauch anders wirtschaften  
Wachstum muss weltweit vom Umweltverbrauch entkoppelt wer  
den – und Wohlstand wie Lebensqualität vom Wachstum. Wir wol  
len eine Wirtschaft, die nicht blind immer weiter wachsen muss und  
in der langfristige Nachhaltigkeit mehr zählt als kurzfristige Rendi  
teziele. Wir GRÜNE möchten dem gesellschaftlichen Zwang zum  
„Immer mehr und immer schneller“ entgegenarbeiten. Dazu werden  
technische Innovationen allein nicht reichen. Es braucht auch die  
Unterstützung durch nachhaltigen Konsum und eine andere Art des  
Wirtschaftens. Es geht zum Beispiel nicht nur darum, den Verbren  
nungsmotor einfach durch den Elektromotor abzulösen, sondern  
auch darum, auf innovative Formen der Mobilität wie Carsharing  
umzusteigen, ÖPNV sowie Fuß- und Radverkehr zu fördern und so  
den Bedarf an Autos zu reduzieren, wie das etliche Menschen auch  
schon tun. Andere engagieren sich beim gemeinschaftlichen Woh  
nen, in der solidarischen Landwirtschaft, bei Energiegenossen  
schaften oder Tauschringen im Sinne einer solidarischen Ökonomie,  
was wir befördern wollen. Gleiches gilt für das Bauwesen, das  
einen überwiegenden Teil der Ressourcen unserer Erde in Anspruch  
nimmt, die es gilt, verantwortungsvoll zu nutzen. Hierzu braucht es  
eine nachhaltige Baukultur, die alle Aspekte des Planens und Bau  
ens berücksichtigt. Gute Baukultur ermöglicht Akzeptanz, Beteili  
gung und Teilhabe ebenso wie das Recycling von Baustoffen, sie ist  
Grundlage für die ökologische Modernisierung und für mehr Le  
bensqualität in unseren Städten und Dörfern.  
Wir wollen zuallererst die Art, wie wir Wohlstand überhaupt  
messen, ändern. Wir schlagen dafür eine neue Form der Wirtschafts  
berichterstattung vor. In den Zahlen des Bruttoinlandsproduktes  
(BIP), das bisher die zentrale Messgröße ist, bilden sich Lebens  
qualität und Wohlstand nicht wirklich gut ab. Auch die unbezahlte  
Sorgearbeit, die vor allem von Frauen geleistet wird und eine unver  
zichtbare Grundlage unseres Wohlstands bildet, wird derzeit nicht  
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berücksichtigt. In unserem Jahreswohlstandsbericht werden neben  
ökonomischen auch ökologische und soziale Entwicklungen anhand  
messbarer Kriterien dargestellt. Auch bei öffentlichen Unternehmen  
sollte der Beitrag zum Gemeinwohl transparent werden. So wollen  
wir als ersten Schritt für die Deutsche Bahn die Gemeinwohlbilan  
zierung einführen. Und alle größeren privaten Unternehmen sollen  
in ihrem Jahresabschluss zukünftig über Nachhaltigkeitsindikatoren  
wie CO2-Emissionen berichten. Bestehende Ausnahmen für nicht bör  
sennotierte Unternehmen sowie für viele Banken und Versicherer  
wollen wir abschaffen.  
Nur mit Kreativität und Erfinder\*innengeist wird es uns gelingen,  
anders und besser zu wirtschaften. Wissenschaft und Forschung als  
Ideengeber, Vorreiter und kritische Begleiter brauchen deshalb Frei  
räume. Gerade kleine und mittlere Unternehmen wollen wir bei der  
ökologischen Modernisierung unterstützen, unter anderem durch  
eine steuerliche Förderung ihrer Ausgaben für Forschung und Ent  
wicklung. Mit einer Start-up-Finanzierung, Infrastruktur und einer  
neuen, geeigneten Rechtsform geben wir den Pionieren des Wan  
dels Rückenwind. Wir wollen speziell Frauen mit einem Förderpro  
gramm bei der Gründung von Unternehmen finanziell unterstützen.  
Sowohl die Gründung von Genossenschaften als auch die Gemein  
wohlökonomie erachten wir als einen weiteren zentralen Baustein  
eines anderen Wirtschaftens. Genossenschaften verbinden unter  
nehmerisches Handeln mit Gemeinwohlorientierung und sind ein  
krisenfester Motor einer gemeinwohlorientierten Ökonomie. Um  
eine Gründungswelle von Genossenschaften anzuregen, wollen wir  
die Rechtsform der eingetragenen Genossenschaft entbürokratisie  
ren und von überkommenen Verfahrensvorschriften befreien.  
4\. Ökologische Chancen der Digitalisierung nutzen  
Durch Digitalisierung können wir vieles in der Wirtschaft viel ökolo  
gischer machen und zu einer ökologischen Mobilitäts- und Energie  
wende beitragen. Um die Energieeffizienz zu verbessern, werden  
wir die Wirtschaft unterstützen und Green-IT-Konzepte weiter vo  
rantreiben. Smart Grids, also intelligente, digital gesteuerte Netze,  
helfen zum Beispiel, die schwankenden Strommengen aus Wind und  
Sonne auszugleichen. Wir können Verkehrsträger digital miteinan  
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der vernetzen und Verkehrsströme so intelligenter steuern. Bits und  
Bytes können Energie und Material nicht nur reduzieren, sondern  
teilweise auch ganz ersetzen. Videokonferenzen ersetzen Geschäfts  
reisen, Arbeit im Homeoffice reduziert Pendler\*innenströme. Nie zu  
vor war es so einfach, Dinge über Sharing-Plattformen zu teilen.  
Das reduziert materiellen Konsum. Doch hierfür bedarf es höchster  
Datensicherheits- und Verbraucher\*innenschutzstandards.  
So schaffen wir zukunftssichere Arbeitsplätze sowie neue Ge  
schäftsmodelle und schützen unsere Lebensgrundlagen. Anderer  
seits braucht es auch eine erfolgreiche Energiewende, sodass der  
Energiekonsum im Zuge der Digitalisierung nachhaltig wird. Wie  
wir die Digitalisierung mit fairem Wettbewerb und Zukunftsinvesti  
tionen in einer krisenfesten Wirtschaft gestalten wollen, haben wir  
im Kapitel „Wir gestalten die Digitalisierung“ beschrieben.  
Wer GRÜN wählt, stimmt für diese drei Projekte:  
Umweltschädliche Subventionen abbauen,  
in Klimaschutz investieren  
Absurde über 50 Milliarden Euro an Steuergeldern werden jähr  
lich für Klima- und Umweltkiller ausgegeben. Unter anderem  
erhalten schwere Dienstwagen, der Flugverkehr und Diesel un  
gerechte Steuerprivilegien. Wir GRÜNE wollen diese umwelt  
schädlichen Subventionen abbauen und in einem ersten Schritt  
zumindest zwölf Milliarden Euro einsparen. Dadurch, dass die  
Preise zunehmend die ökologische Wahrheit sagen, unterstützen  
wir die ökologische Umgestaltung unserer Wertschöpfungsket  
ten und schaffen Anreize für grüne Innovationen, Klimaschutz,  
nachhaltige Mobilität und eine umweltfreundliche Landwirt  
schaft. Gleichzeitig gehen wir damit gegen eine der schädlichs  
ten Formen der Steuerverschwendung vor.  
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Divestment: Keine Kohle für die Kohle!  
Trotz des Pariser Klimaabkommens stecken Investoren – vom  
großen Versicherer bis zur kleinen Kommune – weiter viel Geld  
in Klimakiller. Deshalb fordern wir: divest now! – Zieht das Geld  
aus klimaschädlichen Geschäftsmodellen ab! Unternehmen sol  
len dafür in ihren Jahresberichten die Klimarisiken von Gütern  
oder Produkten offenlegen. So erhöhen wir den Druck auf Groß  
investoren, CO2-intensive Finanztitel abzustoßen. Öffentlich  
rechtliche Einrichtungen und Geldanlagen des Bundes sollen  
dabei mit gutem Beispiel vorangehen. Ländern, Kommunen und  
Pensionsfonds wollen wir helfen, klimafreundlich zu investieren.  
Damit grüne Investitionsmöglichkeiten für alle Anleger\*innen  
erkennbar sind, wollen wir eine transparente Zertifizierung ein  
führen.  
Wahrer Wohlstand ist mehr als Wachstum: Für einen  
Jahreswohlstandsbericht  
Wohlstand ist mehr als die Entwicklung des Bruttoinlands  
produkts. Wir wollen darum einen neuen Wohlstandsbericht ein  
führen. Er misst neben ökonomischen auch ökologische, soziale,  
gleichstellungpolitische und gesellschaftliche Entwicklungen.  
Denn Kriterien wie unser ökologischer Fußabdruck, Artenviel  
falt, Einkommensverteilung oder ein Bildungs- und Gesund  
heitsindex bilden unseren Wohlstand besser und umfassender  
ab. Diese neue, ganzheitlichere Form des Jahresberichts macht  
Fehlentwicklungen und politische Handlungserfordernisse deut  
licher sichtbar.  
Umwelt im Kopf  
ZUKUNFT WIRD AUS MUT GEMACHT.  
Bundestagswahlprogramm 2017  
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V. WIR STEIGEN UM –  
KOMPLETT AUF GRÜNE  
ENERGIEN  
Energie ist der Treibstoff unseres Lebens. Wir alle sind auf sie ange  
wiesen. In den vergangenen zwei Jahrhunderten haben die Men  
schen ihre Energie gewonnen, indem sie vor allem Kohle, Gas und  
Öl verbrannten. Das hat die wirtschaftliche Entwicklung der Indus  
triegesellschaften ermöglicht. Doch diese Art der Energiegewin  
nung hat uns auch mit ungeheuren Abgasmengen in die Klimakrise  
geführt. In den vergangenen 60 Jahren kam zur fossilen Energie die  
Atomkraft dazu. Sie war und bleibt ein hochriskanter und extrem  
teurer Irrweg. Kohle und Atom haben heute ausgedient. Wir GRÜNE  
haben einen Plan für die Energiewelt der Zukunft. Es ist möglich  
und unser Ziel, die Energieversorgung und Energiespeicherung von  
Strom, Wärme und beim gesamten Verkehr komplett mit Sonne,  
Wind, Wasser, nachhaltig erzeugter Bioenergie, Umgebungstempe  
raturen und Erdwärme zu decken. Für die Verwirklichung dieser  
Energiewende arbeiten wir seit unserer Gründung. So können wir  
dauerhaft unseren Wohlstand sichern, ohne unsere Lebensgrundla  
gen dabei zu zerstören. Sowohl Klimaschutz und Energiewende als  
auch Umwelt- und Naturschutz sind für uns zukunftsentscheidend  
und werden mit den Bürger\*innen vor Ort gestaltet. Die Energie  
wende hat bereits hunderttausende Jobs geschaffen – weitaus  
mehr, als bei Kohle und Atom weggefallen sind. Damit ist die Ener  
giewende nicht nur gut fürs Klima. Sie stärkt auch unsere Wirt  
schaft und schafft sichere Arbeitsplätze.  
1\. Energiewende: Mit langem Atem zum Erfolg  
Wir GRÜNE haben die Energiewende 2000 in Regierungsverantwor  
tung mit den Beschlüssen zum Atomausstieg und der Förderung  
grüner Energien eingeleitet. Das hat sich gelohnt. Heute sind be  
reits zwölf Atomkraftwerke in Deutschland abgeschaltet, die übri  
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BUNDESTAGSWAHLPROGRAMM 2017  
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gen gehen in fünf Jahren vom Netz. Wir sagen: „Atomkraft? Nein  
Danke!“ Schon ein Drittel des Stroms wird bei uns aus Wind, Sonne,  
Wasser und Bioenergie gewonnen. Im von uns GRÜNEN mitregier  
ten Schleswig-Holstein sind es schon 100 Prozent. Bei uns kommt  
grüner Strom aus der Steckdose. Und der ist mittlerweile sogar  
günstiger als Strom aus Kohle und Atom. Grüner Strom wird von vie  
len kleinen Erzeuger\*innen produziert. Dezentral und in der Hand  
von Bürger\*innen findet die Energierevolution statt. Ihr Engage  
ment hat das Oligopol der vier großen Stromkonzerne gebrochen.  
Die Energiewende ist ein industriepolitischer Meilenstein auf dem  
Weg zu einer grünen Wirtschaft.  
Doch trotz ihres Erfolgs ist die Energiewende kein Selbstläufer.  
Und sie hat Gegner\*innen. 2010 versuchten CDU/CSU gemeinsam mit  
der FDP, den Atomausstieg rückgängig zu machen. Der permanente  
Druck der Anti-Atom-Bewegung und letztlich die Katastrophe von  
Fukushima ließ sie von diesen Plänen abrücken. Schwarz-Gelb muss  
te sich den Realitäten beugen. Doch statt daraufhin auf 100 Prozent  
Erneuerbare zu setzen, trieb die Bundesregierung die Solarindustrie  
aus dem Land und vernichtete so mehrere zehntausend Arbeitsplätze  
in einer Zukunftsbranche. Die Große Koalition bremst und deckelt  
den Ausbau erneuerbarer Energie, wo sie nur kann. Sie zerstört die  
Dynamik der Energiewende – so erreicht Deutschland seine Klima  
schutzziele nicht.  
Wir GRÜNE halten das für grundlegend falsch. Deutschland  
muss den Weg der Energiewende entschlossen weitergehen. So wie  
das GRÜNE in den Landesregierungen mit ambitionierten Ausbau  
plänen bereits tun. Wir wollen die Energiewirtschaft auf Erneuerba  
re umstellen und viele tausend neue Arbeitsplätze schaffen. In  
Deutschland haben wir die Technik, die Fähigkeiten und den Willen  
der Bürgerinnen und Bürger. Wir GRÜNE sind die politische Kraft,  
die mit den Menschen gemeinsam die Energiewende zum Erfolg  
führt und immer wieder nachjustiert, wo es sein muss. Wie bei  
spielsweise in Schleswig-Holstein mit Blick auf die bedarfsgesteu  
erte Befeuerung von Windkraftanlagen, um unnötiges nächtliches  
Blinken zu vermeiden oder auch die temporäre Abschaltung bei Ak  
tivität von Fledermäusen und starkem Vogelzug.  
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2\. Rein in die neue Stromwelt – vollständig auf  
Erneuerbare umsteigen  
Das grüne EEG ist auch eine Erfolgsgeschichte, weil es die Kosten  
für Solar- und Windstrom weltweit drastisch gesenkt und so zur  
nachhaltigen Entwicklung maßgeblich beigetragen hat. 100 Pro  
zent Ökostrom bis 2030, das ist unser Ziel. Dafür werden wir den  
Kohleausstieg einleiten und die schwarz-rote Ausbaubremse für Er  
neuerbare abschaffen. So bringen wir die Dynamik in die Energie  
wende zurück. Dazu braucht es eine Weiterentwicklung des Erneu  
erbare-Energien-Gesetzes (EEG) und ein neues Strommarktdesign,  
das heißt die Ausrichtung des Energiesystems auf erneuerbare  
Energien und Lastenmanagement statt auf fossile Kraftwerke. Wir  
GRÜNE wollen die jährlichen Ausbauziele kräftig anheben und an  
die Klimaziele des Pariser Klimaabkommens anpassen.  
Millionen Bürgerinnen und Bürger, die ihr Dach oder ihren Keller  
zum Kraftwerk machen oder sich an Energiegenossenschaften be  
teiligen, sind und bleiben dabei unsere wichtigsten Verbündeten.  
Sie treiben den dezentralen Ausbau voran. Darum wollen wir alle  
EU-rechtlichen Möglichkeiten ausschöpfen, um Erneuerbare-Ener  
gien-Projekte vom bürokratischen Ausschreibungszwang und un  
berechtigten Umlagen zu befreien. Die sinnwidrige Erhebung der  
„Sonnensteuer“ wollen wir abschaffen und ein Ökostrommarkt  
modell einführen, damit aus deutschen erneuerbaren Anlagen  
Grünstrom auch wieder als Ökostrom vermarktet werden kann.  
Auch Mieter\*innen sollen von den Vorteilen einer klimafreund  
lichen und kostengünstigen Energieversorgung profitieren, indem  
wir das jetzige Bürokratiemonster durch einfache und handhabbare  
Strommodelle für Mieterinnen und Mieter ersetzen. Wir führen die  
milliardenschweren Strompreisrabatte für die Industrie auf ein Mi  
nimum zurück und entlasten stattdessen die Verbraucher\*innen,  
Handwerk und Mittelstand. Nur noch solche Unternehmen, die tat  
sächlich im internationalen Wettbewerb stehen, sowie energiein  
tensive Prozesse sollen Rabatte erhalten, diese sollen zudem an die  
Umsetzung von Energieeffizienzmaßnahmen geknüpft werden.  
Kommunen, in denen erneuerbare Energien ausgebaut werden,  
sollen stärker vom Ausbau profitieren. Wir sorgen dafür, dass der  
Ausbau erneuerbarer Energien und notwendiger Netze mit Natur-  
und Landschaftsschutz konsequent gemeinsam gedacht und trans  
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Bundestagswahlprogramm 2017  
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parent geplant wird. Wir wollen Bürger\*innen frühzeitig die Möglich  
keit geben mitzugestalten. Beim Netzausbau setzen wir vorrangig  
auf Erdkabel und wollen, dass Freileitungen – zunächst in Natur  
schutzgebieten und Vogelzugkorridoren – durch Vogelschutzmarkie  
rungen nachgerüstet werden. Zur solidarischen Finanzierung der  
Energiewende wollen wir eine verursachergerechte und auch regio  
nal faire Verteilung der Kosten des Stromnetzes.  
Durch eine Reform des Strommarktes schaffen wir neue Anreize  
dafür, Energie flexibel und effektiv dann zu nutzen oder zu spei  
chern, wenn viel Strom aus Sonne und Wind verfügbar ist. Zu diesen  
Zeiten wollen wir Speicher auffüllen oder Strom in Wärme oder Gas  
umwandeln, um damit Wohnungen zu heizen oder Fahrzeuge anzu  
treiben. Hocheffiziente und zunehmend erneuerbare Kraft Wärme  
Kopplung wollen wir dabei unterstützen, dass sie immer flexibler  
auf den Strommarkt reagiert und so den Strom aus Wind und Sonne  
ergänzt. Wir machen es möglich, aus erneuerbaren Quellen Strom  
und Wärme zu erzeugen. Schikanöse Umlagen, Entgelte und über  
bordende Bürokratie werden wir verhindern.  
Zugleich muss die Erzeugung und Verteilung von Strom in Euro  
pa besser vernetzt werden. Die Sonne scheint und der Wind weht  
nicht immer. Aus europäischer Perspektive gibt es aber einen gro  
ßen Ausgleichseffekt. Wenn man die Wetter- und Klimaregionen in  
Europa vom Atlantik bis zum Baltikum, vom Mittelmeer bis Skandi  
navien besser miteinander verzahnt, dann sinkt auch der Bedarf an  
Speichern und Reservekraftwerken. Deshalb treiben wir die euro  
päische Energieunion voran und wollen sie zu einer echten Klima  
union ausbauen.  
3\. Effizienzrevolution auslösen  
Nach wie vor gilt: Die beste Kilowattstunde ist die, die nicht ver  
braucht wird. Wir wollen eine Effizienzrevolution einleiten. Darum  
legen wir ein Energiespargesetz vor, das ambitionierte, aber realis  
tische Vorgaben macht. Insbesondere in der Industrie gibt es noch  
viele Einsparpotenziale. Mit unserem Programm „Faire Wärme“ und  
konkreten Fördermaßnahmen zum Energiesparen greifen wir dabei  
auch den Privathaushalten unter die Arme. Wir wollen die Nutzung  
erneuerbarer Wärme im Gebäudebestand voranbringen, die energe  
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tische Modernisierung von Häusern und ganzen Stadtvierteln för  
dern sowie Nahwärmenetze und Abwärmenutzung ausbauen. Die  
von der EU geforderten Vorgaben für energieeffiziente Gebäude  
wollen wir so ausgestalten, dass neue Gebäude nur noch sehr  
wenig Energie verbrauchen und hauptsächlich erneuerbar beheizt  
werden.  
Klar ist: Der Umstieg auf klimaschonende Wärme gelingt nur,  
wenn Wohnen und Heizen bezahlbar bleiben. Missbräuchlichen Ver  
drängungen von Mieter\*innen bei Sanierung muss durch Änderungen  
des Mietrechts ein Riegel vorgeschoben werden. Stromsparchecks  
und Energieberatung sollen Standard werden. Gerade Haushalte mit  
kleinem Geldbeutel wollen wir GRÜNE damit unterstützen. Auf euro  
päischer Ebene werden wir uns für ambitionierte Vorgaben für Ener  
gie- und Ressourceneffizienz einsetzen. Dazu wollen wir unter ande  
rem das „Top-Runner“-Prinzip europaweit verankern: Für alle Geräte  
mit dem gleichen Einsatzspektrum wird das effizienteste Gerät zum  
Standard erhoben. Stromfresser, die diesen Standard nicht binnen  
drei Jahren erreichen, verschwinden vom Markt.  
4\. Atomkraft endgültig abschalten  
Auf dem Weg in die neue Stromwelt wollen wir die atomare Vergan  
genheit endgültig hinter uns lassen. 2022 wird der letzte Meiler in  
Deutschland vom Netz gehen. Außerdem wollen wir erreichen, dass  
keine weiteren Strommengen mehr auf die AKWs Emsland und  
Brokdorf übertragen werden, die mit ihrem Atomstrom die Netze für  
den Ökostrom verstopfen. Solange noch Atomkraftwerke laufen,  
müssen sie höchsten Sicherheitsstandards entsprechen. Deshalb  
wollen wir das AKW Grundremmingen wegen der regelwidrigen  
Sicherheitsmängel bei der Erdbebenfestigkeit sowie der Not- und  
Nachkühlung unverzüglich stilllegen. Die Subventionierung der  
Atomkraft muss ein Ende haben. Das wollen wir mit der Wiederein  
führung der Brennelementesteuer erreichen. Da eine Neuanwen  
dung atomarer Technologien für uns GRÜNE auf keinen Fall infrage  
kommt, wollen wir Schluss machen damit, Steuergeld in die Erfor  
schung von Kernfusion, Transmutation oder Reaktoren der vierten  
Generation zu stecken. Aus dem Milliardengrab ITER muss Deutsch  
land aussteigen.  
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Bundestagswahlprogramm 2017  
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Mit dem Ende des Betriebs von Atomkraftwerken ist das atomare  
Zeitalter jedoch noch lange nicht Geschichte. Für den hochgefährli  
chen Atommüll brauchen wir ein Endlager. Mit dem von Winfried  
Kretschmann angestoßenen Endlagersuchgesetz und dem Ergebnis  
der Endlagerkommission wurde dafür eine gute Grundlage geschaf  
fen: Denn in der jetzt beginnenden Suche haben Sicherheitskriteri  
en Vorrang und die Bürger\*innen in den betroffenen Regionen wer  
den in einem ergebnisoffenen Suchprozess auf Augenhöhe beteiligt.  
Wir werden das bestmögliche Endlager finden. Und das kann und  
wird nicht Gorleben sein, denn wir haben für scharfe wissenschaft  
liche Kriterien in der Endlagersuche gesorgt. Bis zur bestmöglichen  
Endlagerung braucht der Atommüll die bestmögliche Zwischenla  
gerung. Wir werden einen Prozess anstoßen, in dem unter Einbezie  
hung der Länder, der Standortkommunen und der Zivilgesellschaft  
entschieden wird, wie mit dem gefährlichsten Müll der Welt bis zur  
Endlagerung umgegangen werden soll. Zudem setzen wir uns für  
den sicheren Rückbau der stillgelegten Atomkraftwerke in Deutsch  
land ein.  
Unser Ziel ist es jedoch, dass überall in Europa das gefährliche  
Spiel mit dem atomaren Feuer ein Ende hat. Schrottreaktoren wie  
Tihange und Doel in Belgien oder Fessenheim und Cattenom in  
Frankreich müssen sofort vom Netz. Wir wollen den Euratom-Ver  
trag, in dem die Privilegien der Atomkraft festgeschrieben sind, an  
die heutige Zeit anpassen. Wenn das nicht erreichbar ist, setzen wir  
uns dafür ein, dass Deutschland aus Euratom aussteigt. Unseren  
Kampf gegen die Atomkraft werden wir erst dann beenden, wenn  
der Atomausstieg erreicht ist – in Deutschland, Europa und weltweit.  
Der Atomausstieg ist daher auch Außenpolitik. Deswegen wollen  
wir auch den Betrieb der Urananreicherungsanlage in Gronau und  
der Brennelementefabrik in Lingen, die noch ganz Europa mit radio  
aktiv strahlendem Brennstoff versorgen, schnellstmöglich, end  
gültig und rechtssicher beenden.  
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Wer GRÜN wählt, stimmt für diese drei Projekte:  
Faire Wärme – klimafreundlich und bezahlbar  
Die Energiewende muss im Wärmebereich vorankommen. Bei  
den Gebäuden müssen wir Energie einsparen und die erneuerba  
ren Energien ausbauen. Der Umstieg auf klimaschonende Wärme  
gelingt nur, wenn Wohnen und Heizen bezahlbar bleiben. Dazu  
wollen wir das Förderprogramm „Faire Wärme“ auflegen. Mit  
mindestens zwei Milliarden Euro jährlich unterstützen wir die  
energetische Modernisierung ganzer Wohnviertel. Mieterinnen  
und Mieter stärken wir durch eine robuste Mietpreisbremse. Wir  
minimieren die Umlage von Modernisierungskosten und führen  
ein neues Klimawohngeld ein, damit auch Wohngeldempfän  
ger\*innen energieeffizient wohnen können. Wir unterstützen  
Städte und Gemeinden bei der nachhaltigen Wärmeversorgung  
mit 400 Millionen Euro für 10.000 Wärmespeicher. Mit „Mieter  
strom“ vom Dach profitieren auch Mieter\*innen von der Energie  
wende. Nachhaltigkeit bei Energie, Baustoffen und Kosten muss  
durch die Betrachtung des Lebenszyklus unserer Häuser künftig  
Standard sein und schafft Arbeitsplätze bei Handwerker\*innen  
vor Ort.  
Für grüne Energie – komplett auf Erneuerbare umsteigen  
Wir wollen die menschengemachte Klimakrise noch aufhalten.  
Das geht nur mit 100 Prozent Erneuerbaren. Bis 2030 wollen wir  
unseren Strombedarf vollständig aus erneuerbaren Energien de  
cken. Dazu werden wir die Obergrenzen für den Ausbau erneuer  
barer Energien abschaffen und das Strommarktdesign sowie das  
komplizierte Abgabensystem auf Energie zugunsten der erneu  
erbaren Energien und der Speichernutzung novellieren. Bis zum  
Jahr 2050 soll die Energieversorgung auch für Gebäude, Mobili  
tät und Prozesswärme in der Industrie ausschließlich aus erneu  
erbaren Energien erfolgen. Darum steigen wir zügig in die Ver  
bindung der Sektoren Strom, Wärme und Mobilität ein und  
nutzen sinnvolle Möglichkeiten der Elektrifizierung.  
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Die atomare Lieferkette zerschneiden  
Der Atomausstieg in Deutschland ist so lange unvollständig, wie  
wir weiter Europas Atomreaktoren mit Brennelementen versor  
gen. Als GRÜNE wollen wir deshalb die Urananreicherung in Gro  
nau und die Brennelementefabrik in Lingen schließen. Solange  
Atomkraftwerke noch laufen, müssen sie höchsten Sicherheits  
standards entsprechen. Der Siedewasserreaktor Gundremmin  
gen aber stellt ein besonderes Risiko dar. Ebenso die Schrottre  
aktoren an unseren Grenzen wie Tihange und Doel in Belgien,  
Fessenheim und Cattenom in Frankreich, Beznau in der Schweiz  
oder Temelin in Tschechien. Wir setzen uns dafür ein, dass sie  
sofort vom Netz gehen.  
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VI. WIR SORGEN FÜR SAUBERE,  
BEZAHLBARE UND BEQUEME  
MOBILITÄT  
Wir sind jeden Tag unterwegs – zur Arbeit oder zum Einkaufen, wir  
besuchen weit entfernte Verwandte und fahren in den Urlaub. Mobil  
zu sein, gehört zu unserem Leben. Wir GRÜNE wollen es für jede und  
jeden einfach machen, sein Ziel so umweltfreundlich und nachhaltig  
wie möglich zu erreichen. Verkehr 2017 heißt: Immer mehr Menschen  
steigen um auf Bus, Bahn und Fahrrad – vor allem in den Städten. Der  
öffentliche Nahverkehr erreicht neue Fahrgastrekorde. Fahrradfahren  
und der Verkauf von E-Bikes boomen. Carsharing meldet immer hö  
here Nutzer\*innenzahlen. Die Menschen stimmen „mit den Füßen“ ab  
und trotzen den oft noch widrigen Zuständen. Verpasste Anschluss  
züge, überfüllte Busse und Straßenbahnen sind genauso wie trostlo  
se Bahnhöfe und schlechte Fuß und Radwege häufig traurige Rea  
lität. Gerade in ländlichen Regionen fehlt ein attraktiver und  
flächendeckender Nahverkehr. Für viele heißt Verkehr 2017 deswe  
gen immer noch in erster Linie Auto fahren, auch da es zu oft keine  
Alternativen gibt. Gleichzeitig verfügen Teile unserer Gesellschaft,  
wie zum Beispiel Frauen, ältere Bürger\*innen und Menschen mit  
Behinderung, aber auch Jugendliche viel seltener über ein eigenes  
Auto und sind daher zwangsläufig auf einen guten ÖPNV angewie  
sen. Deshalb werden wir dafür sorgen, dass die Menschen in Zukunft  
mit ÖPNV, mit der Bahn, auf sicheren Rad- und Fußwegen und mit  
sauberen Autos ihre Ziele umweltfreundlich erreichen können. So  
werden auch unsere Städte lebenswerter und grüner.  
Verkehr 2017 heißt leider auch immer noch: 70 Prozent aller  
klimaschädlichen Emissionen kommen in unseren Städten aus dem  
Verkehr, zwei Drittel aller Bürger\*innen fühlen sich durch Ver  
kehrslärm belästigt. Stickoxide und Feinstaub verursachen Atem  
wegserkrankungen. An vielen Kreuzungen in Großstädten über  
steigt die Schadstoffbelastung die zulässigen Grenzwerte. Staus  
addieren sich im Jahr auf eine Gesamtlänge von einer Million Kilo  
meter. Der Bundesverkehrsminister versagt hier komplett: Statt  
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Verkehr zu vermeiden oder zu verlagern, wird Landschaft zubeto  
niert, werden Lärm und Abgase erzeugt und immer mehr Ressour  
cen verbraucht. Auf jeden neuen vermeintlichen Engpass reagiert  
der Verkehrsminister mit dem Aus- und Neubau von Straßen. Über  
teuerte Prestigeprojekte wie Stuttgart 21 graben gezielten Investi  
tionen in eine verlässliche Alltagsmobilität das Wasser ab. Über  
flüssige Regionalflughäfen werden durch Millionensubventionen  
künstlich am Leben gehalten.  
Wir GRÜNE denken Mobilität neu mit Lebensqualität, ohne Lärm,  
Dreck und Stau. Und dort, wo wir regieren, setzen wir das gemeinsam  
mit grünnahen Bewegungen um. So hat das Netzwerk Volksent  
scheid Fahrrad in Berlin dafür gesorgt, dass sich bei der städtischen  
Verkehrswende was dreht. In Berlin bringt die grüne Verkehrsver  
waltung gemeinsam mit den Radfahrer\*innen ein Radgesetz als Teil  
eines Mobilitätsgesetzes auf den Weg. Baden-Württemberg prescht  
voran beim Ausbau der Infrastruktur für die E-Mobilität. Wir laden  
alle ein, an der Verkehrswende aktiv mitzuwirken. Während die  
Große Koalition in den 1960er-Jahren stecken geblieben ist und ihre  
Verkehrspolitik weiterhin nur auf das Auto ausrichtet, wollen wir in  
ein neues, zukunftsfähiges und vielfältiges Mobilitätsangebot inves  
tieren. Dazu gehört für uns ein dichtes und modernisiertes Bahnnetz,  
das Pünktlichkeit und aufeinander abgestimmte Anschlüsse in ganz  
Deutschland – und dort wo möglich auch grenzüberschreitend in  
ganz Europa – garantiert. Ebenso gehören dazu sichere und schnelle  
Wege für alle Fahrradfahrer\*innen von jung bis alt, leise Autos ohne  
Auspuff und mit Fahrspaß sowie die Stromtankstelle gleich um die  
Ecke. Wir setzen uns dafür ein, dass auch der Fußverkehr endlich eine  
angemessene Wertschätzung und finanzielle Förderung erfährt.  
Unser Ziel sind nachhaltige und familienfreundliche Mobilität  
statt immer mehr Verkehr. Das bedeutet: saubere Autos und mehr  
Car- und Bikesharing, ein besseres Zug- und ÖPNV-Angebot für alle  
in der Stadt und auf dem Land. Unser öffentlicher Personenverkehr  
muss von allen genutzt werden können – deshalb streiten wir dafür,  
dass er barrierfrei gestaltet wird. Wir wollen bessere Fußwege und  
mehr Raum zum Spielen und Flanieren in unseren Städten, bessere  
Luft zum Atmen. Alle sollen wieder ruhig schlafen können, auch in  
der Nähe von Flughäfen, Bahnstrecken und viel befahrenen Stra  
ßen. Gemeinsam mit den Bürger\*innen wollen wir die Verkehrswen  
de einleiten.  
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1\. Erhalt vor Neubau, Schiene vor Straße, mehr Geld  
für Radwege und neue Mobilitätskonzepte  
Die Bedingungen für den Verkehr in Deutschland sind derzeit ein  
seitig auf das Auto ausgerichtet. Das wollen wir ändern, damit un  
sere Mobilität zukunftsfähig wird. Mit einem Bundesnetzplan an  
stelle des straßenlastigen Bundesverkehrswegeplans beenden wir  
GRÜNE das derzeitige Chaos in der Verkehrsplanung. Wir setzen  
auf: Erhalt vor Neubau, Schiene vor Straße, mehr Geld für Radwege.  
An den Bundesverkehrswegen wollen wir eine Million neue Bäume  
pflanzen. Verkehrsinfrastruktur als Daseinsfürsorge darf nicht pri  
vatisiert werden, auch nicht indirekt durch ÖPP oder wie bei  
der jetzt geplanten Bundesfernstraßengesellschaft. Wir lehnen die  
europafeindliche und bürokratische Ausländermaut ab und wollen  
sie schnellstmöglich wieder abschaffen.  
Wir schaffen faire Wettbewerbsbedingungen für alle Verkehrs  
träger. Während jeder Zug auf jedem Streckenkilometer Trassenge  
bühren bezahlen muss, ist nur knapp ein Prozent des Straßennetzes  
mautpflichtig. Wir wollen alle Lkw ab 3,5 Tonnen und schrittweise  
das gesamte Straßennetz der Bundes- und Landesstraßen in die  
Lkw-Maut einbeziehen. Das ist verursachergerecht, denn ein einzi  
ger voll beladener 40-Tonner verschleißt Straßen und Brücken so  
stark wie mehrere zehntausend Pkw. Sogenannte Gigaliner lehnen  
wir ab. Die Emissionen des Flugverkehrs tragen erheblich zur CO2-  
Belastung bei. Deshalb müssen Fluggesellschaften endlich gerecht  
besteuert werden: Es ist nicht einzusehen, warum Airlines von der  
Kerosinsteuer befreit sind. Das wollen wir beenden. Der Einsatz von  
billigem Schweröl für Fracht- und Kreuzschiffe muss drastisch ein  
gedämmt werden. Wir fordern und fördern die Umrüstung auf um  
weltfreundlichere Energieträger.  
Lärm macht krank! Wir wollen deswegen deutlich mehr in Lärm  
schutz investieren. Dazu haben wir alle Lärmquellen – vom Schie  
nen- bis zum Luftverkehr – im Blick. Wir setzen uns dafür ein, die  
rechtliche Grundlage für ein Nachtflugverbot, das sich an der  
Nachtruhe orientiert, zu schaffen, und fordern verbindliche Lärm  
minderungspläne, um den gesundheitsschädlichen Fluglärm zu re  
duzieren. Wir wollen, dass die Grenzwerte für Lärmschutz an militä  
rischen und zivilen sowie alten und neuen Flughäfen gleichermaßen  
gelten. Den Wildwuchs von Regionalflughäfen, finanziert durch  
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Subventionen, wollen wir beenden. Wir GRÜNE fordern eine nach  
haltige Bedarfsplanung für das Flughafennetz, die dafür sorgt,  
Überkapazitäten abzubauen, und Lärm- und Klimaschutz endlich  
konsequent berücksichtigt.  
Damit man überall einfach von A nach B kommt, ist es unser Ziel,  
die 130 Verkehrsverbünde in Deutschland miteinander zu verknüpfen.  
Einfach einsteigen und losfahren, ohne sich im Tarifdschungel zu verir  
ren und lange Fahrpläne zu studieren. Mit dem grünen MobilPass  
schaffen wir die Möglichkeit, die eigene Reise durch ganz Deutschland  
genau wie das Pendeln zur Arbeit mit einer einzigen Smartcard oder  
App zu buchen und zu bezahlen – von Tür zu Tür. Gleichzeitig bleiben  
anonym und analog verkaufte Fahrkarten erhältlich.  
Die Fahrgäste sollen dann auch überall in Deutschland verschie  
dene Verkehrsmittel vernetzt nutzen und kombinieren können: Bus  
se, Bahnen, Fähren, Taxis, Carsharing und Leihräder. Wir wollen den  
MobilPass so gestalten, dass andere Länder sich daran beteiligen  
können. Wir setzen uns dafür ein, dass es möglich wird, europäische  
Zugtickets über mehrere Länder hinweg einfach und bezahlbar on  
line zu buchen.  
Grüne Mobilität ist ökologisch und sozial. Um sie für alle bezahl  
bar zu gestalten, wollen wir kostengünstige Tarife für Schüler\*innen,  
Bezieher\*innen von Transferleistungen, Auszubildende und Senior\*in  
nen. Wir wollen, dass Regelsätze so ausgestaltet werden, dass sie die  
Kosten von Sozialtickets decken. Auch alle, die wenig Geld haben,  
sollen sich über Sozialtickets Mobilität ohne eigenes Auto leisten  
können. In der entscheidenden Lebensphase der Familiengründung  
wollen wir junge Eltern mit einem Elternzeit-Ticket unterstützen. Wir  
wollen eine grüne Verkehrswende, die alle mitnimmt. Mobilität si  
chert gesellschaftliche Teilhabe. Darum stehen wir einem umlage  
finanzierten ÖPNV offen gegenüber. Wir wollen die rechtlichen Hür  
den für Kommunen abbauen und mit Modellprojekten in der nächsten  
Legislatur bundesweit zehn Kommunen fördern, die auf einen umla  
gefinanzierten und kostenfreien ÖPNV umsteigen wollen.  
2\. Gute Bahn für alle  
Entscheidend für die Verkehrswende sind gute Bahnen – im Fern-  
und im Nahverkehr. Wir GRÜNE wollen den öffentlichen Verkehr  
Umwelt im Kopf  
ZUKUNFT WIRD AUS MUT GEMACHT.  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
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stärken und die Fahrgastzahlen verdoppeln. Wir wollen mehr Gü  
tertransport auf Schiene und Wasserstraße und so die Straßen ent  
lasten. Dafür schaffen wir eine bessere Wettbewerbssituation für  
die klimafreundlichen Verkehrsträger. Milliarden Euro werden der  
zeit in Subventionen für Diesel, Dienstwagen und Flugverkehr oder  
für überflüssige Straßen und Flugplätze verschwendet. Das ist öko  
logisch enorm schädlich. Wir wollen stattdessen Schienennetze  
und den Nahverkehr in Stadt und Land ausbauen und barrierefrei  
gestalten. Mit dem „Zukunftsprogramm Nahverkehr“ wollen wir das  
Angebot und die Qualität vor Ort mit jährlich einer Milliarde Euro  
verbessern. Außerdem wollen wir mehr in den Lärmschutz investie  
ren. Für uns GRÜNE ist klar: Ab 2020 sollen keine lauten Güterwa  
gen mehr eingesetzt werden.  
Mit dem Deutschland-Takt, einem bundesweit verknüpften Fahr  
plan, wollen wir Fernverkehr und regionalen ÖPNV optimal aufei  
nander abstimmen und den Güterverkehr von Anfang an mitdenken.  
Dann sind lange Wartezeiten auf Anschlüsse Vergangenheit  
Auch die Lücken im grenzüberschreitenden Bahnverkehr wollen  
wir schließen. Weil Schnellbahn- wie auch Regionalbahnstrecken  
grenzüberschreitend selten ausgebaut sind, entscheiden sich Men  
schen im europäischen Verkehr viel zu häufig für das Flugzeug oder  
das Auto. Das wollen wir ändern. Die Bahn soll zu einer attraktiven  
Alternative im europäischen Verkehr werden. Wenn der Zugverkehr  
zuverlässig und reibungslos funktioniert, ist das Zugfahren für viele  
die erste Wahl.  
Wir wollen, dass dabei mindestens alle Großstädte wieder im  
Fernverkehr angefahren werden. Wir wollen eine Bahnreform in An  
griff nehmen, die die Interessen der Fahrgäste in den Mittelpunkt  
stellt und ein vielfältiges und attraktives Angebot auf der Schiene  
entstehen lässt. Das Bahnfahren und der Güterverkehr sollen billi  
ger werden, dafür wollen wir die Trassenentgelte senken. Durch die  
Reform muss das Netz von den Transportgesellschaften der DB AG  
sauber getrennt und in neutrale staatliche Verantwortung über  
führt werden. So schaffen wir die Voraussetzung für mehr Verkehr  
auf der Schiene. Auf dem Schienennetz ist Elektromobilität längst  
bewährte Praxis. Allerdings nur auf etwa 60 Prozent des Netzes. Wir  
wollen diesen Anteil mit einem Elektrifizierungsprogramm rasch er  
höhen und den Einsatz alternativer Antriebe und sparsamere Fahr  
zeuge im Schienenverkehr fördern. Wir wollen mehr Güter auf der  
Umwelt im Kopf  
BUNDESTAGSWAHLPROGRAMM 2017  
Bundestagswahlprogramm 2017  
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Schiene transportieren und setzen uns für eine intelligente Kombi  
nation der Transportmöglichkeiten ein.  
3\. Das Auto der Zukunft fährt ohne Abgase  
Selbstverständlich werden wir auch morgen noch mit Autos unter  
wegs sein – mit dem eigenen, mit dem gemieteten oder dem ge  
teilten. Gerade im ländlichen Raum sind die Alternativen Carsha  
ring und ÖPNV noch nicht ausreichend. Aber es werden insgesamt  
weniger Autos sein und sie werden mit Strom aus Sonne und Wind  
oder Wasserstoff statt mit Diesel und Benzin angetrieben. Mit  
emissionsfreien Fahrzeugen machen wir den Autoverkehr klima-  
und umweltfreundlicher. Ziel muss es sein, einen erfolgreichen  
Technologiewandel einzuleiten. Nur mit innovativen Antrieben  
werden unsere Automobilhersteller wettbewerbsfähig bleiben und  
zugleich wertvolle Arbeitsplätze in der Automobilindustrie erhal  
ten. Das wirksamste Instrument sind ambitionierte CO2-Grenzwer  
te, also Verbrauchsgrenzen, die auch auf der Straße eingehalten  
werden. Aus industrie- und klimaschutzpolitischen Gründen muss  
die nächste Bundesregierung ein klares Ziel setzen: Ab 2030 sollen  
nur noch abgasfreie Autos neu zugelassen werden. Das Zeitalter  
der fossilen Verbrennungsmotoren ist dann zu Ende. Elektromobi  
lität als Chance für eine klimafreundliche Mobilität ist aber mehr,  
als nur den Verbrennungsmotor in Autos durch einen Elektromotor  
zu ersetzen. Dafür werden wir Elektromobilität im Straßenverkehr  
gezielt stärken durch eine Förderung aller Kommunen, die ihren  
innerstädtischen Logistikverkehr auf E-Fahrzeuge und Lastenfahr  
räder umstellen, sowie durch zeitlich befristete finanzielle Zu  
schüsse für Elektro-Nahverkehrsbusse, Elektroautos und Elektro  
lastenräder. Wir wollen die Dieselbusflotte schnellstmöglich auf  
Elektrobusse umrüsten. Außerdem werden wir die Forschung an  
den Mobilitätstechnologien der Zukunft verstärkt unterstützen.  
Für eine gerechte Finanzierung wollen wir die Kfz-Steuer reformie  
ren und ein Bonus-Malus-System für Neuwagen einführen. Wer viel  
CO2 , NO x und Feinstaub-Emissionen verursacht, zahlt dann mehr.  
Wir GRÜNE wollen die Besteuerung von Dienstwagen künftig an  
den CO2-Ausstoß koppeln und verbrauchsarme Pkw deutlich bes  
serstellen.  
Umwelt im Kopf  
ZUKUNFT WIRD AUS MUT GEMACHT.  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
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Unsere Autos sollen nicht nur im Labor die vorgeschriebenen  
Grenzwerte einhalten. Was zählt, ist der Verbrauch auf der Straße.  
Anders als die Große Koalition, die den Betrug der Autokonzerne an  
Umwelt und Verbraucher\*innen gedeckt und vertuscht hat, finden  
wir GRÜNE uns nicht damit ab, dass Abgasvorschriften für Pkw nur  
auf dem Prüfstand eingehalten werden. Wir werden diesen Schwin  
del und die bewusst in Kauf genommene Verletzung unserer Ge  
sundheit beenden. Abgas- und Verbrauchstests müssen realistisch  
und ihre Ergebnisse nachvollziehbar werden. Die Autoindustrie  
muss auf ihre Kosten Fahrzeuge nachbessern, sowohl die schon im  
Betrieb befindlichen als auch entsprechende Neufahrzeuge wie  
zum Beispiel die der Euro-6-Norm, die nicht ihre Grenzwerte auf der  
Straße einhalten. Wir wollen, dass unabhängige Institutionen wirk  
same Kontrollen schaffen. Kommunen brauchen zusätzlich Unter  
stützung, um Grenzwerte für bessere Luft auch durchzusetzen. Wir  
GRÜNE geben ihnen rechtliche Instrumente an die Hand, Umwelt  
zonen zu stärken, zum Beispiel durch die Einführung einer blauen  
Plakette. Städte und Kommunen sollen mehr verkehrsrechtliche  
Möglichkeiten bekommen, innerstädtischen Verkehr zu lenken, zu  
begrenzen und sicherer zu machen. Dazu sollen sie zum Beispiel das  
Recht bekommen, innerorts eigenständig und unbürokratisch über  
die Einführung von Tempobeschränkungen wie Tempo 30 zu ent  
scheiden. Wir fordern, dass Kommunen leichtere Möglichkeiten be  
kommen, bauliche Verkehrsberuhigung auf überregionalen Straßen  
umzusetzen. Zudem wollen wir es Kommunen rechtlich ermögli  
chen, neue Konzepte wie zum Beispiel in Stockholm oder London  
anzuwenden, um den ÖPNV zu stärken. Wir wollen Verkehrssicher  
heit für alle Nutzer\*innen des öffentlichen Raumes. Deshalb stre  
ben wir die Vision Zero an – das Ziel, die Zahl der Verkehrstoten auf  
null zu reduzieren. Zu schnelles Fahren ist kein Kavaliersdelikt, son  
dern eine tödliche Gefahr, gegen die wir mehr tun müssen. Dazu  
fordern wir ein Tempolimit auf Autobahnen von 120.  
Unser Straßenverkehr stößt an Grenzen. Viele Städte sind mit  
Autos zugeparkt und leiden unter Luftbelastung und Verkehrslärm.  
Wir nehmen uns Städte wie Paris, Oslo und Zürich zum Vorbild und  
begrünen die Innenstädte. Denn ruhiger Verkehrsfluss, ausreichend  
Platz für Spiel und Bewegung sowie Natur inmitten der Stadt spre  
chen für eine hohe Lebensqualität. Dazu zählt auch, dass wir Ver  
kehr durch sinnvolle Siedlungsentwicklung und Ansiedlungspolitik  
Umwelt im Kopf  
BUNDESTAGSWAHLPROGRAMM 2017  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 63  
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vermeiden möchten. Wir wollen Maßnahmen ausbauen, um die  
Falschparkenden zurückzudrängen. Für unsere Mobilität im Alltag  
gibt es gute Lösungen – und die Menschen wollen sie. Über 80 Pro  
zent der Deutschen fordern eine Verkehrsplanung, die auf mehr Fuß-  
und Radwege setzt, Carsharing-Angebote ausweitet und den öffent  
lichen Nahverkehr ausbaut. Der nationale Radverkehrsplan muss  
endlich umgesetzt und finanziell unterlegt werden. Bequem, bezahl  
bar und ohne Parkplatzsuche von A nach B kommen können in einer  
Stadt der kurzen Wege – das sind Ziele einer modernen Verkehrspo  
litik. Teil davon ist die Errichtung von Radschnellwegen oder die Um  
nutzung von Straßenraum etwa für temporäre Spielstraßen.  
Wir müssen jetzt die Weichen für einen klugen Umgang mit au  
tonomen Fahrzeugen stellen. Auf der einen Seite bestehen Gefah  
ren – wie zusätzlicher Verkehr oder die Verdrängung von Schie  
nenverkehr. Gleichzeitig sehen wir viele Vorteile in Bezug auf  
Verkehrssicherheit, die Stärkung des ÖPNV durch autonome Busse  
oder die Reduzierung von Lärm und Flächenverbrauch. Besonders  
öffentliche Nahverkehrsbetriebe müssen sich aktiv mit dieser Ent  
wicklung auseinandersetzen.  
Wer GRÜN wählt, stimmt für diese drei Projekte:  
Deutschlandweiter MobilPass – überallhin, alles drin  
Wir wollen die grüne Mobilität voranbringen: Dafür führen wir  
den MobilPass ein. Mit einer Smartcard oder App werden sämtli  
che Angebote des öffentlichen Verkehrs wie auch Car- und  
Bikesharing abrufbar sein. Urlaubsreisen genauso wie der Weg  
zur Arbeit können so aus einer Hand gebucht und bezahlt wer  
den – ohne langes Studium von Tarif- und Nutzungsbedingun  
gen. Nahtlos, kinderleicht und günstig. Mobilität für alle heißt  
für uns: Allen Menschen, die mit wenig Geld auskommen müs  
sen, machen wir besonders günstige Angebote. Wir achten dabei  
auf Barrierefreiheit und breite Zugangsmöglichkeiten für  
Bürger\*innen jeden Alters. Das Investitionsprogramm „Zukunfts  
programm Nahverkehr“ schafft ein verbessertes Angebot im  
Umwelt im Kopf  
ZUKUNFT WIRD AUS MUT GEMACHT.  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
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ÖPNV – auf dem Land und in der Stadt. Den Fernverkehr verknüp  
fen wir optimal mit den Anschlüssen des Regional- und Nahver  
kehrs – mit dem Deutschland-Takt. Dieser Taktfahrplan macht  
deutschlandweit alle Ziele nahtlos und verlässlich erreichbar.  
Ab 2030 sollen nur noch abgasfreie Autos zugelassen  
werden.  
Wir GRÜNE wollen, dass zukunftsfähige Fahrzeugtechnik wei  
terhin in Deutschland entwickelt und produziert wird. Für uns  
GRÜNE ist die Entscheidung deshalb klar: Ab 2030 sollen nur  
noch abgasfreie Autos neu zugelassen werden. Dafür sind jetzt  
die steuerlichen, fiskalischen und infrastrukturellen Vorausset  
zungen zu schaffen. So kann Deutschland die Klima- und Um  
weltziele erfüllen und die Industrie ihre Entwicklungsarbeit ver  
lässlich auf die gesamte Elektromobilität ausrichten. Wer an  
Diesel- und Ottomotoren festhält, hemmt die Fahrzeugindustrie,  
sich fit für das 21. Jahrhundert zu machen.  
Radverkehr ausbauen – mehr Platz für das Fahrrad  
Immer mehr Menschen nutzen das Rad, weil es schnell, preis  
wert und bequem ist. Wir wollen die Infrastruktur für Fahrräder  
deutlich verbessern. Der Bund muss dabei mehr Verantwortung  
übernehmen. Gemeinsam mit Ländern und Kommunen bauen  
wir Radschnellwege und ein bundesweites Netz von hochwerti  
gen Radfernwegen. Wir wollen die Fahrradmitnahme in allen Zü  
gen durchsetzen. Wir werden Kaufanreize für elektrisch unter  
stützte Lastenräder einführen, denn sie haben im Lieferverkehr  
großes Potenzial. In der Straßenverkehrsordnung schaffen wir  
fahrradfreundliche Regeln wie zum Beispiel den „Grünpfeil“ für  
Radfahrerinnen und Radfahrer.  
Welt im Blick  
BUNDESTAGSWAHLPROGRAMM 2017  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 65  
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C. WELT IM BLICK  
In den vergangenen Jahrzehnten ist die Welt immer stärker zusam  
mengerückt. In Europa erleben wir dank der zivilisierenden Kraft  
der Europäischen Union eine sehr lange Phase des friedlichen Zu  
sammenlebens – so lange wie nie zuvor. Auch weltweit wurden  
Grenzen geöffnet, Wirtschaftsbeziehungen globalisiert, länder  
übergreifende Kontakte selbstverständlich. Immer weniger Men  
schen leben in extremer Armut. Eine prägende Erfahrung der ver  
gangenen Jahre war, europäisch wie international, dass die Welt  
durch Zusammenarbeit an vielen Stellen zu einem besseren Ort  
gemacht wurde. Wir haben bei der Klimakonferenz in Paris erlebt,  
was geschafft werden kann, wenn der Wille da ist, gemeinsam an  
zupacken. Auch die Selbstverpflichtung der Vereinten Nationen,  
bis 2030 globale Nachhaltigkeitsziele zu erfüllen, war ein Erfolg  
internationaler Zusammenarbeit. Genauso gibt uns Hoffnung,  
dass es mit beharrlicher Diplomatie gelungen ist, ein Abkommen  
mit dem Iran zu schließen, das das Risiko einer atomaren Aufrüs  
tung reduziert. Diese Erfahrungen zeigen: Echten globalen Wandel  
und kollektive Sicherheit erreichen wir nur gemeinsam und ko  
operativ.  
Doch gleichzeitig steht diese Welt vor dramatischen Herausfor  
derungen. Eine Vielzahl von Kriegen, Krisen und Konflikten be  
droht den Frieden und betrifft auch Europa. Dies gilt nicht zuletzt  
für den äußerst brutalen Krieg in Syrien und den globalen Terror  
des „IS“ und anderer islamistischer Gruppen. Die Kriegsparteien  
haben das humanitäre Völkerrecht de facto außer Kraft gesetzt,  
wir stehen vor einer der schlimmsten humanitären Katastrophen  
unserer Zeit. So viele Menschen wie nie zuvor sind dazu gezwun  
gen, ihre Heimat zu verlassen. Auf dem afrikanischen Kontinent  
fliehen Menschen vor Gewalt, wirtschaftlicher Perspektivlosig  
keit, geschlechtsspezifischer Verfolgung und den aktuell sich ver  
schärfenden Hungerkatastrophen, besonders in Somalia, Südsudan,  
Nigeria, aber auch im Jemen. Die soziale Kluft vergrößert sich.  
Gleichzeitig verschärft die Klimakrise bestehende weltweite Un  
gleichheiten. Ressourcenkonflikte um Wasser und Rohstoffe erhö  
hen die Spannungen in vielen Regionen der Welt. Wirtschaftlicher  
Welt im Blick  
ZUKUNFT WIRD AUS MUT GEMACHT.  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
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Prosperität und neuem Wohlstand stehen Ungleichheit und ökolo  
gischer Raubbau gegenüber.  
Viele Staaten haben eine Mitverantwortung für das Entstehen  
gegenwärtiger Krisen und Konflikte. Unter Präsident Putin hat  
Russland mit der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim, dem  
militärischen Vorgehen in der Ostukraine und mit dem brutalen  
militärischen Eingreifen auf der Seite Assads zu einer erheblichen  
Verschärfung der internationalen Spannungen beigetragen. Wir  
sehen mit Sorge, dass die Abrüstungsbereitschaft sinkt, die Rüs  
tungshaushalte und Rüstungsexporte steigen und die längst über  
wunden geglaubte Logik der Abschreckung von allen Seiten wie  
der in Gang gesetzt wird.  
Die unberechenbare Präsidentschaft von Donald Trump in den  
USA und seine Politik des „America First“ stellen die Politik  
Deutschlands und der Europäischen Union vor erhebliche neue  
Herausforderungen. Damit die transatlantische Wertegemein  
schaft stark bleibt, wollen wir den Austausch mit der amerikani  
schen Zivilgesellschaft und Bundesstaaten stärken. Die wirtschaft  
liche, militärische und kulturelle Polarisierung ist das Gegenteil  
einer auf Verständigung und Kooperation orientierten Weltord  
nung. Pläne für nationalistische Abschottung und Handelskriege,  
das Leugnen der Klimakrise, die Negierung der Genfer Konvention  
in Bezug auf das Hilfsgebot für Geflüchtete und auf das Verbot von  
Folter untergraben das dringend notwendige gemeinsame Han  
deln. Die Herausforderungen für globales Engagement für demo  
kratische Werte und eine Friedenspolitik könnten also kaum grö  
ßer sein.  
Wir GRÜNE wollen unseren Beitrag dazu leisten, das Leben in  
den kommenden Dekaden des 21. Jahrhunderts politisch friedlich  
und sicher, ökologisch nachhaltig, solidarisch und sozial gerecht  
zu gestalten. Wir wollen die multilaterale Kooperation und vor al  
lem die Vereinten Nationen stärken. Die Weltgemeinschaft muss  
Verantwortung für die internationale Friedenssicherung, globalen  
Entwicklungschancen und die Durchsetzung und Verwirklichung  
der Menschenrechte übernehmen. Die EU soll nach innen wie nach  
außen ein Friedensprojekt sein. Das können wir erreichen, wenn  
wir Europa weiterentwickeln, internationale Institutionen stärken  
und Gerechtigkeit als grenzübergreifende Aufgabe begreifen. Es  
geht um Zusammenarbeit statt Nationalismus.  
Welt im Blick  
BUNDESTAGSWAHLPROGRAMM 2017  
Bundestagswahlprogramm 2017  
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Wir wollen, dass Deutschland mehr globale Verantwortung für  
den Frieden und Gerechtigkeit in der Welt übernimmt. Das fängt zu  
Hause an. Eine Erhöhung des Rüstungshaushalts auf zwei Prozent  
der Wirtschaftsleistung lehnen wir ab. Wir wollen mehr Mittel für  
Krisenprävention bereitstellen und darüber hinaus die international  
versprochenen 0,7 Prozent unserer Wirtschaftsleistung für die glo  
bale Entwicklung dauerhaft zur Verfügung stellen, und zwar ohne  
die Kosten für Flüchtlinge im Inland anzurechnen. Wir wollen damit  
Schluss machen, in Krisenregionen und Diktaturen Waffen zu ex  
portieren. Wir GRÜNE wollen, dass Deutschland mehr tut, um Kon  
flikte und Krisen zu lösen oder besser noch, sie zu verhindern.  
Unser Ansatz gegen Fluchtursachen kann ein wichtiger Baustein  
sein, um Menschen eine Lebensperspektive in ihren Ländern zu er  
möglichen. Das heißt, wir werden Fluchtursachen bekämpfen und  
nicht Geflüchtete. Wir GRÜNE wollen die Globalisierung nicht zu  
rückdrehen, sondern im Sinne ökologischer Nachhaltigkeit, sozialer  
Gerechtigkeit und menschenrechtlicher Prinzipien gestalten. Wir  
brauchen endlich ein kohärentes Handeln im Rahmen der globalen  
Nachhaltigkeitsziele, deswegen müssen wir aufhören, mit Rüstungs  
exporten, unfairem Handel oder Steuervermeidungen unsere eige  
ne internationale Zusammenarbeit zu hintertreiben.  
Wer vor Krieg, Gewalt oder Verfolgung nach Deutschland flieht,  
dem wollen wir Schutz bieten. Aber auch mit Blick auf die Einwan  
derung wollen wir das Staatsbürgerschaftsrecht endlich der Re  
alität anpassen. Wir GRÜNE sind überzeugte Europäerinnen und  
Europäer. Eine starke, demokratische und reformierte Europäische  
Union ist genau das, was wir in einer Welt der Unsicherheiten brau  
chen. Wir wollen die deutsche Euro- und Europapolitik solidarischer  
ausrichten, damit Deutschland dazu beiträgt, Europa zu einen und  
zu stärken. Wir GRÜNE sind die Europapartei und stehen gerade  
angesichts von nationalistischen und rechtspopulistischen Bestre  
bungen ein für ein besseres Europa für alle Bürgerinnen und Bürger.  
Die Europäische Union ist bis heute das beste Beispiel, wie supra  
nationale Partnerschaft und Zusammenarbeit zum Nutzen aller  
funk tionieren kann. Und sie macht damit Hoffnung: Eine friedliche  
re, eine solidarische, eine bessere Welt ist möglich.  
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I. WIR KÄMPFEN UM EUROPAS  
ZUSAMMENHALT  
Die bisherige europäische Einigung ist eine wahrhaft große histori  
sche Errungenschaft. Sie bedeutet: Zusammenarbeit statt Nationalis  
mus und nie wieder Krieg. Diese Leistung einiger Generationen von  
Europäerinnen und Europäern darf nicht gefährdet werden. Leider ist  
sie heute wieder sehr umstritten, rechtsnationalistische Bewegun  
gen und Parteien stellen sie ganz infrage. Es erfordert neues Engage  
ment, um sie zu sichern und weiterzuentwickeln. Dafür stehen wir  
GRÜNE. Wir sind die politische Kraft, die Europa gegen den Rechtsna  
tionalismus verteidigt und weiter den Weg der europäischen Integra  
tion geht. Denn die Europäische Union ist unser Zuhause.  
Mit der europäischen Einigung wurde eine lange und schmerz  
volle Geschichte von Kriegen, Feindseligkeiten und Zerstörungen  
endlich weitgehend überwunden. Heute ist die Europäische Union  
eine Garantin für den Frieden und für unsere universellen Werte.  
Freiheit, Gleichheit, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Geschlech  
tergerechtigkeit, Religionsfreiheit, Achtung der Menschenwürde,  
Menschenrechte, Toleranz, soziale Marktwirtschaft – das sind die  
Grundlagen der Europäischen Union. Heute können wir Unionsbür  
gerinnen und Unionsbürger innerhalb der EU grenzenlos reisen, stu  
dieren, arbeiten und leben, wir können glauben, was, und lieben,  
wen wir wollen. Wir GRÜNE stehen für dieses Zusammenleben in  
Einheit und Vielfalt und diesen European Way of Life. Wir wollen die  
se Errungenschaften weiter ausbauen und für alle erfahrbar machen.  
Bis heute ist die Art und Weise, wie die Menschen und Staaten in  
der Europäischen Union zusammenarbeiten und Konflikte lösen,  
einmalig auf der Welt. Für eine gute Zukunft brauchen wir die Euro  
päische Union umso mehr. Die großen grenzüberschreitenden Pro  
bleme unserer Zeit sind für Kleinstaaterei zu groß: Kampf gegen die  
Klimakrise, Hunger, Armut, Krieg und Terrorismus, Korruption, die  
gerechte Gestaltung der Globalisierung sowie der Einsatz für eine  
humane Flüchtlingspolitik und die Teilhabe aller am gesellschaft  
lichen Wohlstand und am Fortschritt. Wir können all das nur mit  
einer funktionierenden EU bewältigen. Sie muss die demokratische  
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Antwort auf die Globalisierung sein. Auch deshalb sind und bleiben  
wir GRÜNE überzeugte Europäerinnen und Europäer. „Mehr Europa“,  
das heißt für uns, die EU dort stärker zu machen und weiterzuent  
wickeln, wo gemeinsames Handeln notwendig und sinnvoll ist ent  
sprechend dem Subsidiäritätsprinzip.  
Gerade weil wir die Europäische Union schätzen und brauchen,  
wollen wir sie sozialer, solidarischer, ökologischer und demokrati  
scher machen. Wir wollen ein Europa, das allen Menschen Chancen  
eröffnet. Gesellschaftliche Spaltung, Ausgrenzung, Willfährigkeit  
gegenüber starken Lobbys und autoritäre Tendenzen nehmen wir  
nicht hin. Wir GRÜNE werden die EU weiterentwickeln, denn wir ha  
ben noch viel mit ihr vor. Gerade jetzt.  
1\. Für ein starkes Europa gegen Spaltung  
und autoritäre Tendenzen  
Die Erfolge der GRÜNEN in den Niederlanden und die Präsident  
schaftswahlen in Frankreich und Österreich mit dem Sieg der über  
zeugten Europäer Alexander Van der Bellen und Emmanuel Macron  
haben gezeigt, wie man mit einem klaren europäischen Kurs Men  
schen überzeugen kann. Mit der neuen französischen Regierung  
unter Präsident Emmanuel Macron steht ein kraftvoller Partner für  
Reformen in Europa zur Verfügung. Uns eint mit ihm der feste Glau  
be an offene Gesellschaften in Europa. Frankreich und Deutschland  
müssen einander nun auf Augenhöhe begegnen und gemeinsam ein  
starkes sozial-ökologisches Europa verwirklichen. Präsident Macron  
hat zu Recht ein Ende der Austeritätspolitik und eine große europä  
ische Investitionsoffensive gefordert. Wir werden diesen Kurs unter  
stützen und zusammen mit den EU-Institutionen beherzt notwendi  
ge Reformen in der Eurozone und der gesamten EU vorantreiben.  
Wir lassen uns vom Ausgang des Brexit-Referendums und den  
Erfolgen der Rechtspopulist\*innen nicht entmutigen und treten  
weiter für unsere Werte ein. Oberste Priorität in den Brexit-Ver  
handlungen mit Großbritannien muss eine starke Europäische Uni  
on sein. Der Zusammenhalt der EU 27 und die Interessen ihrer Mit  
gliedstaaten haben zweifelsfrei Priorität, deswegen darf es keinen  
„Austritt à la carte“ geben. Ein freier Zugang zum EU-Binnenmarkt  
darf wie bisher nur möglich sein, wenn die Einheitlichkeit des Euro  
Welt im Blick  
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Bundestagswahlprogramm 2017  
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parechts, die Rechtssetzung und Jurisdiktion der Gemeinschafts  
organe und die Geltung aller vier Grundfreiheiten, insbesondere der  
Personenfreizügigkeit, gewahrt bleiben. Europa zusammenzuhalten,  
wird in den Verhandlungen die Aufgabe der neuen Bundesregierung  
sein. Dazu gehört, dass auch Deutschland bereit sein muss, mehr  
finanzielle Verantwortung zu übernehmen, um die EU auch nach  
dem Brexit überhaupt handlungsfähig zu halten. Die Bürgerinnen  
und Bürger Großbritanniens gehören für uns zu Europa. Dem  
Wunsch der Schott\*innen und Nordir\*innen wie auch der vielen  
Menschen im Vereinigten Königreich, die in der EU bleiben wollen,  
begegnen wir mit Offenheit und Sympathie. Wir werden uns darum  
auch in Zukunft für eine enge Zusammenarbeit zwischen der EU  
und dem Vereinigten Königreich einsetzen. Darüber hinaus stellen  
wir klar: Unsere Tür bleibt offen. Die Europäische Union bleibt ein  
Projekt des Friedens und Zusammenwachsens. Deshalb reichen wir  
allen die Hand, die weiterhin unter dem Dach der EU gemeinsam die  
Zukunft gestalten wollen. Allen schon länger in Deutschland leben  
den Brit\*innen wollen wir einen einfachen Weg in die deutsche und  
damit einen Verbleib in der EU-Staatsbürgerschaft ermöglichen.  
Wir wollen Europa zusammenhalten. Wir wissen, das wird nicht  
einfach. Wir begrüßen Initiativen, die in diesen Zeiten Europa kon  
struktiv und visionär weiterdenken und für die EU auf die Straße  
gehen. Ein Europa der lebendigen solidarischen Zivilgesellschaft,  
die der europäischen Idee neuen Schwung verleiht, ist ein wichtiges  
Korrektiv zum Europa der Staaten und zum aufkeimenden natio  
nalen Egoismus. Daher unterstützen wir die vielfältigen proeuro  
päischen Bürger\*innenbewegungen in ganz Europa.  
Denn die Differenzen innerhalb der EU sind groß. Wir arbeiten da  
rauf hin, dass alle europäischen Mitgliedstaaten eine solidarische  
Flüchtlingspolitik unterstützen. Wir wollen wieder offene Grenzen im  
Schengen-Raum. Auch wir sind empört, wie mitten in Europa, etwa in  
Ungarn oder Polen, die Demokratie und der Rechtsstaat ausgehöhlt  
werden. Dagegen stellen wir uns. Wir wollen deswegen, dass die EU-  
Grundrechtecharta EU-weit für alle Gesetze gilt.  
Wir GRÜNE machen uns stark für ein Europa, das zusammenhält,  
das Minderheiten – wie Sinti und Roma – schützt, antiemanzipatori  
schen Tendenzen – zum Beispiel gegen die sexuelle Selbstbestim  
mung von LSBTIQ\* – abwehrt und in dem die einzelnen Staaten und  
Bewohner\*innen gegenseitige Solidarität zeigen. Dazu braucht es  
Welt im Blick  
BUNDESTAGSWAHLPROGRAMM 2017  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 71  
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auch und gerade ein Umdenken vieler nationaler Regierungen. Das  
gilt ebenso für die deutsche Bundesregierung. Europa kommt nur  
voran, wenn alle bereit sind, Kompromisse einzugehen. Deshalb  
muss Deutschland bereit sein, zum Beispiel bei der Europolitik und  
seinen Exportüberschüssen, bei der Bekämpfung der Jugendarbeits  
losigkeit und Projekten wie Nord Stream 2 oder bei Fragen der inne  
ren und äußeren Sicherheit, stärker auf die Bedürfnisse anderer  
europäischer Staaten einzugehen.  
Um Europa für die junge Generation erlebbar und erfahrbar zu  
machen, wollen wir den direkten Austausch – zum Beispiel mit ei  
nem kostenlosen Interrail-Ticket zum 18. Geburtstag – verbessern.  
Aufgabe der EU ist es, das gemeinsame kulturelle Erbe Europas zu  
bewahren und die offene, gemeinsame Kultur zu fördern. Daher  
wollen wir einen europäischen Nachrichten- und Bildungssender  
einführen. Der gemeinsame Sender soll einen Beitrag zur Herstel  
lung einer gemeinsamen europäischen Öffentlichkeit leisten. Dafür  
ist ein Sendeformat in allen wichtigen europäischen Sprachen, ins  
besondere auch Russisch und Türkisch, von zentraler Bedeutung.  
Unser Ziel bleibt eine EU, in der alle zusammenhalten und die  
sich einvernehmlich weiterentwickelt. Ein Kerneuropa oder eine  
Spaltung der EU lehnen wir ab. Ein Europa der unterschiedlichen  
Geschwindigkeiten darf nicht der Standardmodus, muss aber mög  
lich sein. Diese verstärkte Zusammenarbeit muss stets für alle EU-  
Staaten offen und im Rahmen der EU-Verträge organisiert sein. Die  
Rechte des Europäischen Parlaments und der EU-Kommission sind  
dabei uneingeschränkt zu achten.  
2\. In ein ökologisches und soziales Europa investieren  
Die Wirtschaftskrise in Europa ist noch lange nicht überwunden.  
Besonders in Südeuropa sind immer noch Millionen von Jugendli  
chen ohne Job und berufliche Perspektive. Die Große Koalition  
knausert beim EU-Haushalt, beharrt auf einer einseitigen Sparpoli  
tik, unterstützt falsche Privatisierungen, behindert Schuldener  
leichterungen für Griechenland, Eurobonds und öffentliche Investi  
tionen und vertieft damit die Spaltung Europas. Wir brauchen einen  
Paradigmenwechsel und schlagen ein sozial-ökologisches Moder  
nisierungsprojekt vor, weg von Austerität hin zu mehr Zukunftsin  
Welt im Blick  
ZUKUNFT WIRD AUS MUT GEMACHT.  
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vestitionen. Der Europäische Fonds für strategische Investitionen  
(EFSI) muss reformiert und aufgestockt werden. Der notwendige  
Dreiklang von Investitionen, Reformen und haushaltspolitischer  
Solidität erklingt nur, wenn die Priorität für Investitionen nicht von  
Austeritätspolitik verunmöglicht wird. Wenn wir regieren, wird das  
eine unserer Prioritäten.  
Als ersten Teil unseres Green New Deal für Europa schlagen wir  
GRÜNE einen Pakt für nachhaltige Investitionen vor. Damit inves  
tieren wir in die soziale und ökologische Erneuerung der europä  
ischen Wirtschaft. Wir bringen eine starke Klima- und Energieunion  
voran, unterstützen Innovation und neue Produktionstechnologien  
in der Industrie, nutzen Ressourcen und Energie effizient, setzen auf  
Kreislaufwirtschaft und eine Digitalisierung, die allen etwas bringt.  
Wir wollen einen funktionstüchtigen europäischen Emissionshan  
del, an ökologische Kriterien gekoppelte Landwirtschaftssubven  
tionen sowie strenge ökologische und soziale Mindeststandards für  
auf den europäischen Markt gebrachte Produkte und Rohstoffe.  
Unsere Projekte sind bürgernah und gesamteuropäisch: Natur  
schutz, grenzüberschreitende Bahn-, Energie- und Datennetze, For  
schung, Kulturaustausch und Jugendprogramme. Der Green New  
Deal wird auch für junge Menschen Ausbildungsplätze und Jobs  
schaffen. Hierbei soll Deutschland eine Vorbildrolle einnehmen und  
die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) stärker in die Unterstüt  
zung insbesondere von europäischen mittelständischen Unterneh  
men einbinden, damit diese Jugendliche mehr ausbilden und in  
Arbeit bringen. Junge Menschen überall in Europa sollen wieder  
spüren, dass Europa sie nicht alleinlässt. Das wollen wir über einen  
neuen Zukunftsfonds im EU Haushalt finanzieren, der durch Mittel  
aus einem neu geschaffenen europäischen Steuerpakt gespeist  
werden soll. Der Pakt schafft mehr Steuergerechtigkeit und verrin  
gert Steuerausfälle.  
Schweizer Steuer-CDs, Luxleaks oder die Panama Papers zeigen  
beispielhaft, wie sich Superreiche und internationale Konzerne um  
ihren Beitrag für das Gemeinwohl herumdrücken oder, wie im Falle  
der Cum-Ex-Steuertricks, sich sogar auf Kosten der Gesellschaft  
bereichern. Mit dem Vorschlag zur gemeinsamen, konsolidierten  
Körperschaftsteuerbemessungsgrundlage soll die Besteuerung für  
EU-weit operierende Unternehmen vereinfacht und Steuervermei  
dung ausgeschlossen werden. Um schädlichen Steuerwettbewerb  
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BUNDESTAGSWAHLPROGRAMM 2017  
Bundestagswahlprogramm 2017  
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effektiv zu verhindern, sollte die Körperschaftsteuerbemessungs  
grundlage mit einem Mindeststeuersatz für alle in der EU ansässigen  
Unternehmen verbunden und regelmäßig zum Beispiel vom Europä  
ischen Parlament überprüft werden. Steuervermeidung und -hinter  
ziehung müssen wirkungsvoller verhindert und bestraft werden. Uns  
entgehen jedes Jahr viele Milliarden Euro durch die bisherige Untä  
tigkeit. Wir werden bei dem Kampf gegen Steuerbetrug auch national  
vorangehen.  
Wir wollen dem Vertrag von Lissabon eine soziale Fortschritts  
klausel an die Seite stellen. Außerdem setzen wir uns ein für Min  
deststandards im Bereich der sozialen Sicherung und des Arbeits  
marktes. Wir streiten für das Prinzip „gleicher Lohn für gleiche  
Arbeit am selben Arbeitsplatz“ für alle Arbeiternehmer\*innen. Uns  
ist wichtig, die grenzüberschreitende Freizügigkeit von Arbeitneh  
mer\*innen sozial besser abzusichern, damit sie nicht durch ein Ras  
ter national fragmentierter Sozialsysteme fallen. Wir wollen die  
wirtschaftspolitische Steuerung über das Europäische Semester  
stärken. Wir wollen, wie von der EU-Kommission empfohlen und  
den Gewerkschaften gefordert, eine Lohnentwicklung erreichen,  
die langfristig ein größeres außenwirtschaftliches Gleichgewicht  
ermöglicht. Wir wollen keinen unfairen Wettbewerb der europä  
ischen Staaten, Löhne zu drücken. Als Ziel in diesem Bereich setzen  
wir uns für die Einführung einer europäischen Arbeitslosenversiche  
rung ein.  
3\. Für mehr Transparenz, mehr Beteiligung  
und ein starkes EU-Parlament  
Europas Demokratie lebt vom Mitmachen, Mitentscheiden, Sichein  
bringen und -einmischen. Die EU ist demokratisch legitimiert. Aber  
wie jede Demokratie hat sie Schwächen, die wir abbauen wollen. Zu  
oft wird europäische Demokratie zu einseitig über das Handeln na  
tionaler Regierungen bestimmt, anstatt über das Europäische Par  
lament. Wir wollen eine größere europäische Öffentlichkeit und Le  
gitimation erreichen. Deswegen wollen wir weiterhin europäische  
Spitzenkandidat\*innen für das Amt des oder der Kommissionspräsi  
dent\*in. Parteien sollen auch mit transnationalen Listen für das EU-  
Parlament antreten. Dafür können wir nach dem Brexit einen Teil  
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der frei werdenden Sitze der britischen Europaabgeordneten nut  
zen. Wir wollen, dass das direkt gewählte Europäische Parlament  
der zentrale Ort aller europäischen Entscheidungen wird und das  
Recht erhält, eigene Gesetzesvorschläge einzubringen. Auch im Be  
reich der Wirtschafts- und Währungsunion soll es gleichberechtigt  
mitentscheiden; um dies vorzubereiten, soll ein Ausschuss für Eu  
rofragen mit besonderen Informationsrechten eingerichtet werden.  
Wir wollen die aktuellen Euro-Rettungsmechanismen in einen Euro  
päischen Währungsfonds umwandeln, der durch das EP kontrolliert  
wird. Das EP muss die alleinige parlamentarische Vertretung für  
alle Unionsbürger\*innen bleiben. Jegliche Formen von Euro-Neben  
parlamenten lehnen wir ab. Um die Rückbindung der Eurogruppe  
zum Europäischen Parlament zu stärken, schlagen wir vor, den oder  
die EU-Kommissar\*in für Wirtschaft und Währung als nächste\*n  
Präsident\*in der Eurogruppe zu wählen. Die Abwahl der EU-Kom  
mission und ihrer Präsidentin oder ihres Präsidenten muss über ein  
konstruktives Misstrauensvotum durch eine einfache statt bisher  
Zweidrittelmehrheit der EP-Abgeordneten möglich sein. Zur Ver  
besserung der Transparenz sollte der Minister\*innenrat grundsätz  
lich öffentlich tagen und jede\*r soll wissen können, welches Land  
wie abstimmt. Auch die nationalen Parlamente wollen wir durch  
vertraglich gesicherte umfassende Informationsrechte stärken, da  
mit das Handeln der eigenen Regierung in Brüssel stärker beein  
flusst werden kann. Für Europäische Bürger\*inneninitiativen gibt es  
heute unnötig hohe Hürden, die wir abbauen wollen. Schließlich  
sollten alle Unionsbürger\*innen in den Staaten, in denen sie leben,  
die vollen bürgerlichen, sozialen und politischen Rechte genießen.  
Unionsbürger\*innen sollten ein Landtagswahlrecht in Deutschland  
erhalten. Perspektivisch sollte die Unionsbürger\*innenschaft zu ei  
ner europäischen Staatsbürger\*innenschaft fortentwickelt werden.  
Wir fordern mehr Transparenz durch ein verpflichtendes Lobby  
register. Ein „legislativer Fußabdruck“ soll sichtbar machen, wer mit  
welchem Budget in wessen Auftrag und zu welchem Thema Einfluss  
auf die Politik nimmt. Für Kommissionsmitglieder und höchste Ent  
scheidungsträger\*innen sollen striktere Karenzzeiten gelten, bevor  
sie in neue Positionen wechseln können.  
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BUNDESTAGSWAHLPROGRAMM 2017  
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4\. Die EU als handlungsfähige Akteurin in der  
Außen-, Entwicklungs- und Sicherheitspolitik  
Die europäischen Bürgerinnen und Bürger erwarten zu Recht, dass  
die EU bei der Außen-, Entwicklungs- und Sicherheitspolitik mehr  
leistet, öfter mit einer Stimme spricht, mehr für unsere innere und  
äußere Sicherheit tut. Wir GRÜNE setzen uns für eine stärkere Euro  
päisierung der Außen-, Entwicklungs-, Friedens- und Sicherheits  
politik ein. Kein europäisches Land ist allein in der Lage, den inter  
nationalen Herausforderungen erfolgreich zu begegnen. Das gilt  
umso mehr in einer Zeit, in der sich durch die aggressive Groß  
machtpolitik Russlands unter Präsident Putin, die von Abschottung  
und nationalistischem Denken geprägte Politik des amerikanischen  
Präsidenten Trump und die vielen Krisenherde im Nahen Osten und  
in Nordafrika die Rahmenbedingungen für die Sicherheit der EU  
grundlegend ändern.  
Das Zivile steht dabei für uns im Vordergrund. Die Mittel und das  
Personal für zivile Krisenprävention und die zivilen EU-Polizei- und  
Rechtsstaatsmissionen müssen bedarfsgerecht und damit deutlich  
erhöht werden. Wir stellen uns gegen einen fatalen Paradigmen  
wechsel, bislang zivile Gelder aus dem EU-Haushalt für Militär oder  
zur Abwehr von Flüchtlingen umzuverteilen sowie die Investitions  
bank und das Instrument für Stabilität und Frieden zu militärischen  
Zwecken zu missbrauchen. Wir wollen die gemeinsame Außen- und  
Sicherheitspolitik (GASP), die gemeinsame Sicherheits- und Vertei  
digungspolitik (GSVP) und den Europäischen Auswärtigen Dienst  
weiter ausbauen. Die EU soll aktiv an einer globalen Friedens  
ordnung im Rahmen der Vereinten Nationen und an der Schaffung  
eines gesamteuropäischen Systems kooperativer Sicherheit, aus  
gehend von der OSZE, mitarbeiten. Die neuen Sicherheitsbedenken  
der osteuropäischen Länder nehmen wir dabei sehr ernst. Eine Lö  
sung des Konfliktes in der Ukraine kann nur eine politische und di  
plomatische sein. Daher halten wir am Minsk-Prozess fest. Wir hal  
ten gezielte Sanktionen der EU gegen verantwortliche Individuen,  
öffentliche und privatwirtschaftliche Institutionen für ein wirksames  
Mittel der Außenpolitik und halten derzeit an der Aufrechterhaltung  
der Sanktionen gegenüber der Russischen Föderation fest.  
Wir halten konkrete Schritte für eine verstärkte Zusammenarbeit  
und Integration der Streitkräfte in der Europäischen Union für sinn  
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voll und für einen Teil der Antwort auf die internationalen Entwick  
lungen. Eine Erhöhung der Militärausgaben ist nicht sinnvoll und  
wir lehnen auch entsprechende Forderungen aus der NATO, die Mi  
litärausgaben auf zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu stei  
gern, ab. Uns geht es darum, durch engere gemeinsame Planung,  
Kooperation und Koordination Fähigkeiten auf europäischer Ebene  
zu bündeln, statt die Verschwendung öffentlicher Gelder fortzuset  
zen. Dies muss mit einer Stärkung der Mitspracherechte für das Eu  
ropäische Parlament und mit einer gemeinsamen restriktiven Rüs  
tungsexportpolitik einhergehen.  
Die EU muss auch bei der Gestaltung ihrer Nachbarschaftspolitik  
aktiver werden. Die Erweiterungspolitik der EU ist für uns eine Er  
folgsgeschichte. Sie steht für Frieden und Stabilität in Europa. Der  
Beitritt jedes einzelnen Landes muss aber weiter konsequent von  
Fortschritten im Beitrittsprozess und der Erfüllung der Kopenhagen  
Kriterien abhängig gemacht werden. Wir wollen alle Staaten des  
westlichen Balkans ohne Änderung ihrer Grenzen in die EU integrie  
ren und das Beitrittsversprechen durch eine tiefgreifendere Zusam  
menarbeit mit möglichst vielen gesellschaftlichen Akteur\*innen  
des Westbalkans glaubwürdig machen.  
Wir GRÜNE stehen auch weiterhin fest an der Seite derjenigen in  
der Türkei, die für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Weltoffen  
heit eintreten. Wir verurteilen die von Erdogan eingeschlagene Po  
litik hin zu einem autoritären Präsidialsystem, die massiven Angrif  
fe auf Oppositionelle, auf die Zivilgesellschaft, auf die Meinungs- und  
Pressefreiheit. Der Krieg des türkischen Militärs und der Terror der  
PKK im Südosten der Türkei werden auf dem Rücken der Zivilgesell  
schaft ausgetragen. Auch die militärischen Interventionen in Syrien  
und im Nordirak lassen die Gewalt in der Region weiter eskalieren.  
Für die Zukunft der Kurd\*innen kann es nur eine friedliche und po  
litische Lösung geben. Es braucht nun eine grundlegende Neuver  
messung der europäisch-türkischen Beziehungen. Mehr denn je  
müssen Deutschland und Europa klare Kante für Demokratie und  
Menschenrechte zeigen. Darum werden wir deutsche Rüstungs  
exporte in die Türkei stoppen. Politisch Verfolgte sollen in der EU  
Zuflucht finden und der Visumszwang abgeschafft werden. Ver  
handlungen über eine Ausweitung der Zollunion kann es erst ge  
ben, wenn die Türkei eine Kehrtwende zurück zu Demokratie und  
Rechtsstaatlichkeit vollzieht. Das gilt auch für die Fortführung der  
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Beitrittsgespräche, die de facto bereits auf Eis liegen. Sie jetzt kom  
plett abzubrechen, würde das falsche Signal an die proeuropäischen  
und demokratischen Kräfte in der Türkei senden. Für eine demokra  
tische und weltoffene Türkei müssen die Türen zur EU offen bleiben.  
Europa hat auch eine besondere Verantwortung für Afrika. Wir  
wollen unsere Partnerländer dabei unterstützen, lebenswerte Per  
spektiven für die Menschen vor Ort zu schaffen und damit langfris  
tig auch Fluchtursachen zu beseitigen. Deshalb schlagen wir einen  
Zukunftspakt zwischen der EU und Afrika vor. Außerdem wollen wir  
die Einreisebedingungen für Auszubildende und Studierende aus  
afrikanischen Ländern in die EU erleichtern.  
Wer GRÜN wählt, stimmt für diese drei Projekte:  
Zukunftsfonds für ökologische und soziale Modernisierung  
Wir GRÜNE wollen einen Zukunftsfonds im EU-Haushalt für Eu  
ropa einrichten, der mittels öffentlicher Investitionen die ökolo  
gische und soziale Modernisierung vorantreibt, darüber hinaus  
Mitgliedstaaten in Notsituationen unterstützt und Wirtschafts  
krisen bekämpft. An diesem Fonds sollen sich alle EU-Staaten  
beteiligen dürfen, die im Gegenzug stärkere Maßnahmen gegen  
aggressive Steuervermeidung und Steuerhinterziehung ergrei  
fen. Mit einem solchen Steuerpakt starten wir eine Investitions  
offensive für ein modernes und gerechtes Europa. Die soziale  
Spaltung Europas wollen wir so durch die Einführung von Min  
deststandards abbauen und die europäische Jugendgarantie  
wollen wir stärken. In der EU soll jeder junge Mensch spätestens  
vier Monate nach dem Schulabschluss einen Ausbildungs- oder  
Arbeitsplatz erhalten.  
Demokratie in der EU stärken – Europa der Bürger\*innen  
schaffen  
Wir wollen Europa gemeinsam mit seinen Bürger\*innen wei  
terentwickeln, transparenter, demokratischer und erfahrbarer  
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machen. Wir wollen das direkt gewählte Europäische Parlament  
als zentralen Ort der europäischen Demokratie stärken, unter  
anderem durch die Möglichkeit, eigene Gesetzesvorschläge ein  
zubringen. Der Minister\*innenrat und seine vorbereitenden Gre  
mien sollen in Zukunft öffentlich tagen. Wir wollen ein verbind  
liches Lobbyregister und einen legislativen Fußabdruck, damit  
erkennbar wird, wer wann an einem Gesetz gearbeitet hat. Wir  
wollen Beteiligungsinstrumente wie die Europäischen Bürger\*in  
neninitiativen und europäische Bürger\*innenforen ausbauen.  
Wir stärken den gesellschaftlichen Austausch und öffnen den  
europäischen Friedensdienst für alle.  
Zukunftspakt zwischen EU und Afrika  
Europa hat gegenüber Afrika eine historische Verantwortung  
und wir sind vielfältig miteinander verbunden. Wir wollen einen  
Grünen Zukunftspakt mit den Ländern in Afrika, der gemeinsam  
erarbeitet wird und der die Agenda der Afrikanischen Union un  
terstützt. Im Zentrum stehen zivile Krisenprävention und der  
Aufbau von rechtsstaatlichen Strukturen sowie funktionierende  
Steuersysteme. Wir wollen eine nachhaltige wirtschaftliche Ent  
wicklung fördern durch den Ausbau erneuerbarer Energien so  
wie sozial-ökologische Investitionen. Insbesondere verfolgen  
wir hierbei eine gerechte Agrar- und Handelspolitik mit einer  
fairen Zusammenarbeit mit afrikanischen Produzent\*innen und  
einer nachhaltigen Weiterentwicklung der afrikanischen klein  
bäuerlichen Landschaft. So schaffen wir Perspektiven für die  
Menschen in Afrika.  
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II. WIR STEHEN EIN FÜR  
FRIEDEN, GLOBALE  
GERECHTIGKEIT UND  
MENSCHENRECHTE  
Wir leben 2017 in einer Zeit dramatischer Umbrüche in der Welt  
politik. Die Hoffnung auf eine globale Friedensordnung droht zu  
schwinden. Kriege und Konflikte in der Nachbarschaft der Europä  
ischen Union haben sich in den vergangenen Jahren weiter ver  
schärft. In einer solchen Lage sind Besonnenheit, eine multilaterale  
Ausrichtung, die Stärkung des Völkerrechts sowie zivile Ansätze  
dringender denn je. Unsere Orientierung sind die vielen positiven  
Entwicklungen weltweit. Wir werden Länder partnerschaftlich da  
bei unterstützen, Menschenrechte zu schützen, demokratische und  
rechtsstaatliche Strukturen zu stärken, sich nachhaltig zu entwi  
ckeln und den Menschen ein Leben in Freiheit und Würde zu ermög  
lichen. Leitbild unseres außenpolitischen Engagements sind die  
Menschenrechte. Deutschland und die EU müssen mehr Verant  
wortung für die Gestaltung einer friedlichen, gerechten und koope  
rativen Weltordnung übernehmen. Deutschland muss selbst alle  
menschenrechtlichen Abkommen vorbehaltlos ratifizieren und um  
setzen. Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass durch globale  
Partnerschaft, Solidarität und Zusammenarbeit die Welt an vielen  
Stellen zu einem besseren Ort werden kann. Diesen Weg wollen wir  
GRÜNE entschlossen weitergehen.  
Im Zentrum unserer Außen-, Sicherheits-, Friedens- und Ent  
wicklungspolitik steht eine Stärkung des internationalen Rechts,  
der multilateralen Zusammenarbeit und der zivilen Krisenpräventi  
on, vor allem im Rahmen der Vereinten Nationen, EU und OSZE. Die  
Welt wird nur sicherer werden, wenn wir international nicht weni  
ger, sondern enger zusammenarbeiten. Die NATO ist ein wichtiges  
transatlantisches Bindeglied und spielt für die gemeinsame Sicher  
heit in Europa eine wichtige Rolle. Wir wollen sie so transformieren,  
das sie auch mit Dritten verstärkt zu kooperativer Sicherheit beitra  
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gen kann. Deshalb setzen wir auch auf den Dialog im NATO-Russ  
land-Rat. Dies gilt gerade jetzt. Den Rahmen für unsere Politik der  
globalen Verantwortung bilden die nachhaltigen Entwicklungsziele  
der Vereinten Nationen. Sie nehmen auch Deutschland und andere  
Industrieländer in die Pflicht, gesamtpolitisch umzusteuern, denn  
eine nachhaltige Entwicklung und der Einsatz für Frieden fangen zu  
Hause an. Wir kämpfen für eine global nachhaltige Entwicklung, für  
soziale Gerechtigkeit und für demokratische Teilhabe. Dazu gehört  
die Eindämmung von Geldwäsche und Korruption.  
Im Mittelpunkt internationaler Politik steht für uns der Mensch  
mit seiner Würde, seinen unveräußerlichen Rechten und seiner Frei  
heit. Uns leiten die Durchsetzung und Wahrung von Menschenrech  
ten, insbesondere der Rechte von Frauen.  
1\. Menschenrechte, Krisenprävention und die Entwicklung  
in den Mittelpunkt  
In der globalisierten Welt sind Außen- und Innenpolitik heute  
kaum mehr voneinander zu trennen. Ressourcenkonflikte, Flucht  
bewegungen und die gemeinsame Herausforderung der Klimakri  
se zeigen, dass die Probleme der Welt nur grenzüberschreitend  
gelöst werden können. Frieden, Freiheit, ein Leben in Würde und  
der Schutz der globalen öffentlichen Güter stehen allen Menschen  
gleichermaßen zu. Wir kritisieren scharf, dass autoritäre Regime in  
vielen Ländern diese Werte mit Füßen treten. Sie dürfen nicht als  
unsere „Verbündeten“ betrachtet und politisch und militärisch ge  
stützt werden. Demokratische Gesellschaftsmodelle geraten zu  
nehmend unter Druck. Nicht nur in Russland, China oder Ägypten,  
auch in der Türkei ist die massive Einschränkung von Meinungs  
freiheit und Rechtsstaatlichkeit mittlerweile bittere Realität.  
Menschenrechts verteidiger\*innen müssen weltweit besser ge  
schützt werden und müssen Thema der bilateralen Regierungs  
verhandlungen sein. Wir wollen Menschenrechtsreferent\*innen in  
allen deutschen Botschaften. Die Arbeit von Nichtregierungsorga  
nisationen und demokratischen Bewegungen wird immer öfter  
von staatlicher Seite behindert und kriminalisiert. Das betrifft  
auch die politischen Stiftungen und ihre Förderung zivilgesell  
schaftlicher Strukturen vor Ort.  
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BUNDESTAGSWAHLPROGRAMM 2017  
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Wir wollen die strukturellen Gründe für Ungleichheit, für Armut  
und Hunger, für Klima- und Ressourcenkrise und für gewaltsame  
Konflikte angehen. Wichtig dafür sind Politikreformen in Deutsch  
land und anderen Industriestaaten im Sinne der nachhaltigen Ent  
wicklungsziele, die Schaffung entwicklungsförderlicher Rahmen  
bedingungen in Partnerländern und ein Ausbau der multilateralen  
Zusammenarbeit. Unsere Wirtschafts-, Finanz-, Handels-, Agrar-  
oder Rüstungsexportpolitik darf nicht länger Nachhaltigkeitsziele  
wie Frieden, Menschenrechte und globale Gerechtigkeit konterkarie  
ren. Deshalb wollen wir einen Rat für Frieden, Nachhaltigkeit und  
Menschenrechte schaffen, der das Regierungshandeln mit Blick auf  
die Nachhaltigen Entwicklungsziele prüft und Anpassungen emp  
fiehlt. Wir werden verstärkt die Zivilgesellschaft fördern und auch  
den Privatsektor nach verbindlichen menschenrechtlichen und  
sozial-ökologischen Kriterien einbeziehen. Eine Privatisierung der öf  
fentlichen Daseinsvorsorge lehnen wir ab. Öffentlich-private Part  
nerschaften dürfen nicht zu neuen Schuldenkrisen führen und müs  
sen dem Gemeinwohl und einer nachhaltigen Entwicklung dienen.  
Mit unserer internationalen Zusammenarbeit wollen wir rechts  
staatliche Strukturen stärken, soziale Sicherungs- und Gesund  
heitssysteme ausbauen, Ernährungssouveränität herstellen, Klima  
schutz fördern, Gleichberechtigung und Selbstbestimmung von  
Mädchen und Frauen durchsetzen und den Zugang zu Bildung vo  
ranbringen. Dafür reformieren wir die Instrumente unserer interna  
tionalen Zusammenarbeit für mehr Effizienz und Wirksamkeit.  
Vereinbarungen mit Partnerländern gründen wir auf beidseitige  
Verpflichtungen – etwa bei der Steuerkooperation und klugen Ka  
pitalverkehrskontrollen. Wir setzen uns für ein geordnetes Staaten  
insolvenzverfahren bei den Vereinten Nationen und für eine Finanz  
transaktionsteuer ein, deren Erlöse in großen Teilen für Maßnahmen  
der Entwicklungs und Klimafinanzierung eingesetzt werden sollen.  
Die Kopplung von Entwicklungszusammenarbeit an Rückübernah  
meabkommen ist keine Grundlage für eine menschenrechtsbasierte  
Entwicklungspolitik.  
Die Gleichberechtigung der Geschlechter und die Durchsetzung  
der Frauenrechte sind wichtige Faktoren für eine menschenrechts  
basierte Außen- und Entwicklungspolitik. Wir treten dabei auch ge  
gen die Diskriminierung und für den Schutz der Menschenrechte  
von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, trans\*, inter\* und queeren  
Welt im Blick  
ZUKUNFT WIRD AUS MUT GEMACHT.  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
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(LSBTIQ\*) Menschen ein. 2007 wurden in Yogyakarta Prinzipien zur  
Anwendung der Menschenrechte in Bezug auf die sexuelle Orien  
tierung und die geschlechtliche Identität verabschiedet. Diese wol  
len wir im Rahmen der deutschen Außen- und Entwicklungspolitik  
weiter fördern und umsetzen.  
Das inzwischen fast 50-jährige und oft wiederholte Versprechen,  
0,7 Prozent unserer Wirtschaftsleistung für die weltweite Entwick  
lung bereitzustellen, lösen wir endlich ein, ohne Kosten für Ge  
flüchtete in Deutschland anzurechnen. Wir stehen für eine verläss  
liche Entwicklungsfinanzierung und humanitäre Hilfe für Menschen  
in Not sowie ein stärkeres finanzielles und personelles Engagement  
im Rahmen der VN, der EU und der OSZE. Die Auswärtige Kultur-  
und Bildungspolitik spielt eine wichtige Rolle. Wir wollen deshalb  
die Arbeit der Goethe-Institute, der Deutschen Welle, der politi  
schen Stiftungen, des DAAD und anderer Akteure für den Dialog der  
Kulturen stärken.  
Der humanitäre Bedarf der Vereinten Nationen zur Vermeidung  
von Hungersnöten oder schlimmsten Katastrophen wird von der  
Staatengemeinschaft immer wieder nicht erfüllt und wenn, dann  
häufig erst nach wiederholten Appellen und Sondergipfeln. Wir set  
zen uns für ein humanitäres Versprechen der internationalen Ge  
meinschaft ein, um flächendeckende Hungersnöte und schlimmste  
Katastrophen rechtzeitig zu verhindern. Wir verteidigen das huma  
nitäre Völkerrecht. Mit uns wird die Bundesregierung eine humani  
täre Führungsrolle einnehmen und ihren Anteil am aktuellen Bedarf  
zu jedem Jahresanfang finanzieren. Mit der Schaffung eines Insti  
tuts für humanitäre Angelegenheiten wollen wir Deutschland in die  
Lage versetzen, die humanitäre Hilfe wirksamer zu machen.  
Trotz der akuten Krisen im Nahen und Mittleren Osten dürfen  
Deutschland und die EU auch eine Friedenslösung im Nahostkon  
flikt nicht aus dem Blick verlieren.  
Wir GRÜNE setzen uns weiterhin für eine Zwei-Staaten-Rege  
lung ein, um den Fortbestand des Staates Israel als nationale Heim  
stätte des jüdischen Volkes und zum Wohle aller seiner Bewoh  
ner\*innen sowie die Schaffung eines souveränen, lebensfähigen  
und demokratischen Staates Palästina auf der Grundlage der Gren  
zen von 1967 zu gewährleisten. Es kann nur eine gewaltfreie Lö  
sung geben. Wir wenden uns gegen Terror. Wir lehnen illegalen  
Siedlungsbau ab. Wir bekennen uns zu der besonderen Verantwor  
Welt im Blick  
BUNDESTAGSWAHLPROGRAMM 2017  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 83  
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tung Deutschlands gegenüber dem Staat Israel sowie seinem Exis  
tenzrecht und seiner Sicherheit in gesicherten Grenzen als Eck  
pfeiler deutscher Außenpolitik. Zugleich setzen wir uns ein für das  
Recht der Palästinenserinnen und Palästinenser in Selbstbestim  
mung, Frieden und Sicherheit frei von Besatzung unter Wahrung  
ihrer Menschenrechte in ihrem eigenen, demokratischen Staat zu  
leben. Wir sind für die demokratische Stärkung des palästinensi  
schen Staates, die Anerkennung durch Europa und die Aufnahme in  
die VN.  
Während wir der palästinensischen Zivilgesellschaft nicht ab  
sprechen, selbst über gewaltfreie Strategien zur Beendigung der  
Besatzung zu entscheiden, lehnen BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN einen  
Boykott Israels als Instrument deutscher und europäischer Außen  
politik ab. Wir wollen weiterhin mit allen Kräften in Israel zusam  
menarbeiten, die sich gegen eine Fortdauer der Besatzung und für  
eine Zwei-Staaten-Lösung einsetzen.  
2\. Rüstungsexporte in Krisenregionen stoppen, Abrüstung  
und Rüstungskontrolle voranbringen  
Der Verkauf von Waffen und Rüstungsgütern in Regionen mit Krisen  
und Konflikten verschärft diese, statt sie einzudämmen und zu lö  
sen. So nähren Rüstungsexporte an Saudi-Arabien und andere Krieg  
führende Parteien die Kriege im Nahen Osten, aber auch die Mili  
tärdiktatur in Ägypten und den sogenannten Drogenkrieg in Mexi  
ko. Besonders viele Opfer fordert der Einsatz von Kleinwaffen. Das  
wirtschaftliche Interesse einzelner Unternehmen übertrumpft in  
der Abwägungsentscheidung der Bundesregierung das Interesse an  
Krisenprävention und Konfliktlösung. Damit muss endlich Schluss  
sein. Deshalb werden wir mit einem Rüstungsexportgesetz gesetz  
lich verbindlich und restriktiv neu regeln, dass der Handel mit allen  
Rüstungsgütern an strenge Kriterien geknüpft und massiv begrenzt  
wird. Der Endverbleib muss gesichert sein. Der Export in Staaten  
außerhalb der EU, der NATO und an NATO-gleichgestellte Länder  
darf nur in ganz wenigen und zu begründenden Fällen und nur im  
Rahmen der VN Charta erfolgen. Rüstungsverkäufe in Konflikt  
gebiete und Länder, in denen schwere Menschenrechtsver  
letzungen stattfinden, müssen endlich ausnahmslos gesetzlich  
Welt im Blick  
ZUKUNFT WIRD AUS MUT GEMACHT.  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
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verboten werden. Die Rüstungsexportkontrolle muss vom Wirt  
schaftsministerium ans Auswärtige Amt übertragen und durch um  
fassende parlamentarische Kontrolle reguliert werden. In beson  
ders heiklen Fällen soll der Bundestag vorab über anstehende  
Genehmigungen informiert werden. Auf EU-Ebene kämpfen wir für  
eine restriktive und parlamentarisch kontrollierte Rüstungsexport  
politik. Wir wenden uns gegen die weitere Erosion bestehender  
Rüstungskontroll- und Abrüstungsabkommen. Wir wollen die Ver  
trauensbildung, Abrüstung und Rüstungskontrolle wiederbeleben  
und dabei mit eigenem Beispiel vorangehen.  
Weltweite Abrüstung muss ein Grundpfeiler der deutschen und  
europäischen Außenpolitik werden – gerade in unruhigen Zeiten.  
Wir kämpfen für eine Welt ohne Atomwaffen und dafür, sie völker  
rechtlich durch eine internationale Konvention zu ächten. Es ist un  
verantwortlich, dass die schwarz-rote Bundesregierung im August  
2016 gegen einen VN-Resolutionsentwurf zum Verbot von Atom  
waffen gestimmt hat. Wir werden weiter für die vollkommene ato  
mare Abrüstung kämpfen. Wir GRÜNE fordern den Abzug der letzten  
Atomwaffen aus Büchel und die endgültige Aufgabe der völker  
rechtswidrigen „nuklearen Teilhabe“. Wir sind strikt gegen eine ei  
genständige atomare Bewaffnung der EU.  
Wir setzen uns auch für eine internationale Konvention für das  
Verbot autonomer Waffen und Kampfroboter ein und sind gegen die  
Beschaffung oder Entwicklung bewaffnungsfähiger Drohnen für die  
Bundeswehr. Wir fordern einen internationalen Verhaltenskodex  
zur Cybersicherheit, der unter anderem eine Selbstverpflichtung  
enthält, zivile (Netz-)Infrastruktur nicht zum Ziel oder Instrument  
militärischer Angriffe zu machen. Wir wollen nicht, dass die USA  
ihre Basen in Deutschland für völkerrechtswidrige Angriffe nutzen.  
Die Überflugrechte und Militärbasen ausländischer Streitkräfte in  
Deutschland dürfen ausschließlich im Sinne des Völkerrechts ge  
nutzt werden.  
3\. Stärke des Rechts statt Recht des Stärkeren  
Wir GRÜNE setzen auf die Stärke des Rechts statt auf das Recht des  
Stärkeren. Die Anerkennung des Gewaltmonopols der Vereinten Na  
tionen ist eine Voraussetzung dafür. Die VN sind aber nur so stark,  
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BUNDESTAGSWAHLPROGRAMM 2017  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 85  
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wie ihre Mitgliedstaaten es erlauben. Deshalb setzen wir uns dafür  
ein, dass Deutschland sich im Rahmen der VN, ihrer Unterorganisa  
tionen sowie regionaler Organisationen wie der OSZE stärker finan  
ziell und personell engagiert.  
Wir sind davon überzeugt, dass dauerhafter Frieden nur poli  
tisch, nicht militärisch erreicht werden kann. Deswegen sind zivile  
Krisenprävention und zivile Konfliktbearbeitung zentrale Anliegen  
grüner internationaler Politik. Sie sind heute wichtiger denn je und  
gehören ins Zentrum der deutschen Außenpolitik. Wir wollen au  
ßerdem eine konsequente Friedenserziehung fördern.  
Wir setzen uns dafür ein, die zivile Krisenprävention finanziell  
und strukturell zu stärken. Dazu fordern wir ein strategisches und  
kohärentes Handeln in allen Ressorts und Politikbereichen, das von  
einem Nationalen Rat für Frieden, Nachhaltigkeit und Menschen  
rechte überprüft wird. Wir wollen die Verbesserung von Frühwar  
nungs-, politischen Analyse- und Mediationskapazitäten. Die Ar  
beitsfähigkeit von zivilgesellschaftlichen Organisationen wollen  
wir stärken und das Kapital der Deutschen Stiftung Friedens  
forschung erhöhen. Notwendig ist auch der planmäßige Ausbau  
schnell verfügbarer Polizei-, Rechtsstaats- und Verwaltungsexper  
t\*innen. Der Aktionsplan zur Umsetzung der VN-Resolution 1325  
zum Schutz von Frauen und Mädchen in bewaffneten Konflikten  
und zur gleichberechtigten Einbindung von Frauen in die Krisenprä  
vention, Konfliktbewältigung und Friedenskonsolidierung muss  
finanziell unterfüttert und wirkungsorientiert ausgerichtet werden.  
Wir wollen, dass Deutschland Mitglied im Europäischen Friedens  
institut wird und bei den Vereinten Nationen und in der EU einen  
Freundeskreis für Krisenprävention initiiert. Friedensmissionen der  
Vereinten Nationen, der EU und der OSZE leisten weltweit einen  
wichtigen Beitrag zur Konfliktbearbeitung und Friedenssicherung.  
Wir wollen die deutschen zivilen und militärischen Beiträge in die  
sen Missionen erhöhen.  
Die Anwendung militärischer Gewalt ist immer ein Übel. Wir er  
kennen jedoch an, dass es Situationen gibt, in denen militärische  
Gewalt unter eng begrenzten Bedingungen als äußerstes Mittel ge  
rechtfertigt sein kann. Das Konzept der Schutzverantwortung der  
VN besagt, dass es Aufgabe der internationalen Gemeinschaft ist,  
aktiv zu werden, wenn nationale Regierungen nicht in der Lage oder  
willens sind, Menschen vor schweren Menschenrechtsverbrechen  
Welt im Blick  
ZUKUNFT WIRD AUS MUT GEMACHT.  
Bundestagswahlprogramm 2017  
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zu schützen. An erster Stelle muss immer die Prävention stehen,  
also das Verhindern gewaltsamer Entwicklungen. Wir GRÜNE ste  
hen zu einer Kultur der militärischen Zurückhaltung und für den  
Primat des Zivilen. Wir machen uns die Entscheidung über Militär  
einsätze niemals einfach, sondern prüfen mögliche Mandate kri  
tisch und sorgfältig. Für uns gilt die VN-Charta. Wir werden Einsät  
zen der Bundeswehr nur mit einem Mandat der Vereinten Nationen  
zustimmen. Einsätze müssen grundgesetzkonform sein, das heißt  
nicht in verfassungswidrigen Koalitionen der Willigen, sondern im  
Rahmen eines Systems kollektiver Sicherheit wie den Vereinten Na  
tionen, der Europäischen Union oder der NATO stattfinden. Es be  
darf eines präzisen und umfassenden Mandates durch den Bundes  
tag und einer sorgfältigen Abwägung der Gefahren, Chancen und  
Risiken. Ein militärischer Einsatz der Bundeswehr muss in eine um  
fassende zivile Gesamtstrategie und in klare Konzepte für die Zu  
kunft des betroffenen Staates eingebettet sein.  
Um strategische oder politische Fehler, wie beim Afghanistan  
Einsatz, zu vermeiden, müssen komplexe internationale Friedens  
einsätze permanent auf ihre Ziele, Wirksamkeit und Mittel hin über  
prüft und angepasst werden. Deshalb fordern wir klare Prüfkriterien  
für Auslandseinsätze und eine unabhängige Evaluierung.  
Unrecht muss aufgearbeitet werden, deshalb unterstützen wir  
Anstrengungen zur Aussöhnung und die Arbeit des internationalen  
Strafgerichtshofs. Die Kapazitäten deutscher Behörden, Kriegsver  
brechen nach dem Weltrechtsprinzip konsequent zu verfolgen, sol  
len gestärkt werden.  
Eine Blockade des VN-Sicherheitsrats bei zentralen Entschei  
dungen droht das Völkerrecht und die VN zu schwächen und muss  
überwunden werden. Die Vereinten Nationen müssen wieder hand  
lungsfähiger werden. Im Falle einer anhaltenden Blockade des VN-  
Sicherheitsrats sollte die Generalversammlung der VN das Recht  
beanspruchen, mit qualifizierter Mehrheit den Sicherheitsrat für  
blockiert zu erklären und an seiner Stelle friedenserzwingende  
Maßnahmen nach Kapitel VII der VN-Charta zu beschließen. Gleich  
zeitig sollte der Sicherheitsrat so reformiert werden, dass sich das  
Gleichgewicht zwischen den Mitgliedstaaten verbessert.  
Wir wollen auch in diesem Zusammenhang die Vereinten Natio  
nen politisch und materiell stärken und unterstützen. Die Unter  
stützung der Ziele und Missionen der Vereinten Nationen ist eine  
Welt im Blick  
BUNDESTAGSWAHLPROGRAMM 2017  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 87  
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wichtige Aufgabe der Bundeswehr. Die Bundeswehr muss VN-fähi  
ger und europatauglicher werden. Für diese Herausforderungen  
muss die Bundeswehr gut ausgestattet sein. Dafür braucht es aber  
keine Erhöhung des Verteidigungsetats, sondern klare sicherheits  
politische Prioritäten, mehr europäische Zusammenarbeit und ein  
Ende der ineffizienten Beschaffungspolitik der letzten Jahre. Es  
muss endlich Schluss damit sein, dass mit industriepolitisch moti  
vierten Prestigerüstungsprojekten und Wahlkreiswünschen einzel  
ner Abgeordneter Steuergelder verbrannt werden.  
Es hat sich bewährt, dass die Bundeswehr eine Parlamentsarmee  
ist. Wir lehnen alle Pläne zur Einschränkung des Parlamentsvorbe  
haltes ab und wollen die Kontroll- und Mitwirkungsrechte des Bun  
destages ausbauen. Wir wollen die innere Führung und den Aufklä  
rungswillen bei Missständen in der Bundeswehr stärken und setzen  
auf mehr staatsbürgerliche und politische Bildung. Es ist uns wich  
tig, dass die Soldat\*innen gute Rahmenbedingungen haben: eine an  
gemessene Entlohnung, Führungskultur und Personalmanagement,  
Vereinbarkeit von Familie und Dienst sowie eine Für- und Nachsorge,  
die den schwierigen Anforderungen der Einsätze gerecht werden.  
Die Anwerbung von minderjährigen Rekrut\*innen lehnen wir ab.  
An der Vision, den VN unter Beachtung der Parlamentsbeteiligung  
eigene ständige Truppen zu unterstellen, halten wir fest.  
Wer GRÜN wählt, stimmt für diese drei Projekte:  
0,7 Prozent für globale Entwicklung statt zwei Prozent  
für Aufrüstung  
Wir lehnen eine Erhöhung der Militärausgaben auf zwei Prozent  
der Wirtschaftsleistung klar ab. Stattdessen wollen wir, dass  
Deutschland endlich sein Versprechen für mehr globale Gerech  
tigkeit einlöst. Darum werden wir bis 2021 das Ziel erreichen,  
0,7 Prozent der Wirtschaftsleistung für globale Entwicklung  
auszugeben, indem wir die Ausgaben für Entwicklungszusam  
menarbeit und internationalen Klimaschutz jährlich um zwei  
Milliarden Euro erhöhen und auch danach die Klimagelder weiter  
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ZUKUNFT WIRD AUS MUT GEMACHT.  
Bundestagswahlprogramm 2017  
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anwachsen lassen. Ausgaben für Geflüchtete in Deutschland wer  
den wir nicht anrechnen. Wir richten diese Gelder strikt an den  
nachhaltigen Entwicklungszielen der Vereinten Nationen aus.  
Dies ist auch ein Beitrag zur zivilen Krisenprävention und langfris  
tig zur Fluchtursachenbekämpfung. Der Kampf für eine nachhalti  
ge Entwicklung und einen wirksamen Klimaschutz muss Hand in  
Hand gehen.  
Für ein Rüstungsexportgesetz – keine Waffen  
in Krisenregionen  
Wir wollen Rüstungsexporte in Krisenregionen und an Staaten  
mit einer problematischen Menschenrechtslage mit einem res  
triktiven und verbindlichen Rüstungsexportgesetz stoppen und  
die bisherige Gesetzeslage verschärfen. Die Federführung bei  
Rüstungsexportgenehmigungen wollen wir auf das Auswärtige  
Amt übertragen. Über die Exportgenehmigungen soll künftig die  
gesamte Bundesregierung im Konsensprinzip entscheiden. In vor  
her klar definierten, besonders heiklen Fällen soll der Bundestag  
vorab über anstehende Genehmigungen informiert werden. Wir  
wollen Nichtregierungsorganisationen ein Verbandsklagerecht  
einräumen, um die Rechtmäßigkeit genehmigter Rüstungsexpor  
te durch eine Klage überprüfen zu lassen. Auf europäischer Ebene  
kämpfen wir darum, eine EU-weite gemeinsame Rüstungsexport  
kontrolle deutlich restriktiver zu gestalten.  
Für starke Vereinte Nationen – internationaler Schutz  
verantwortung gerecht werden  
Wir setzen auf eine Politik, die an den Menschenrechten und am  
Völkerrecht ausgerichtet ist. Der zentrale Akteur auf globaler  
Ebene sind die Vereinten Nationen. In den bestehenden Struktu  
ren und ihrer derzeitigen Ausstattung können sie den wachsen  
den globalen Herausforderungen nicht mehr gerecht werden.  
Deswegen möchten wir Deutschland und die EU zu Vorreite  
r\*innen für die zivile Krisenprävention machen – konzeptionell,  
finanziell und strukturell. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten  
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BUNDESTAGSWAHLPROGRAMM 2017  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 89  
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Nationen (UNHCR) muss angesichts der rasant wachsenden  
Flüchtlingszahlen auf der Welt lebensrettende Aufgaben besser  
wahrnehmen können. Und die internationale Gemeinschaft muss  
aktiv werden, wenn nationale Regierungen nicht in der Lage oder  
willens sind, ihre Bürgerinnen und Bürger vor Völkermord, Ver  
brechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen oder ethni  
scher Säuberung zu schützen. Wir wollen die Vereinten Nationen  
deshalb stärken, die Schutzverantwortung auch wirklich wahr  
nehmen zu können. Wir wollen Reformen in den Strukturen der  
Vereinten Nationen anstoßen und sie besser ausstatten, perso  
nell und materiell.  
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III. WIR MACHEN DEN  
WELTHANDEL FAIR  
Die Globalisierung ist durch drastische Widersprüche geprägt. Sie  
macht die Beziehungen und den Austausch zwischen Ländern en  
ger. Nie war es so einfach, in ferne Länder zu reisen. Auch Wissen  
schaft und Kultur befruchten sich durch internationalen Austausch.  
Vom Aufstehen bis zum Schlafengehen umgeben uns Produkte, die  
es ohne weltweiten Handel nicht gäbe. Deutschland profitiert von  
offenen Märkten. Die Globalisierung hat auch in den Ländern des  
globalen Südens zu einem Anstieg des Wohlstands und hunderte  
Millionen Menschen aus extremer Armut geführt.  
Doch die Globalisierung hat eben auch eine anarchische, unge  
rechte und brutale Seite. In vielen ärmeren wie reicheren Ländern  
werden Menschen in einer globalen Wertschöpfungskette ausge  
beutet oder gegeneinander ausgespielt. Wohlstandsgewinne sind  
sehr ungleich und ungerecht verteilt – zwischen Staaten und inner  
halb von Staaten. Die Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrund  
lagen hat sich durch die Globalisierung beschleunigt. Und die ent  
fesselten internationalen Finanzmärkte und große Konzerne haben  
einen zu starken Einfluss auf politisches Handeln gewonnen. Des  
wegen ist es unser Ziel, die Globalisierung auch durch die Stärkung  
globaler Institutionen gerechter zu gestalten; zum Beispiel, indem  
wir die internationalen Finanzströme besser regulieren ( Kapitel:  
Wir teilen den Wohlstand gerechter, S. 190) und auch indem wir den  
internationalen Handel neu gestalten.  
Hunderttausende Menschen in Deutschland und anderen Län  
dern Europas haben in den letzten Jahren gegen TTIP, TiSA und  
CETA, gegen eine Fortsetzung der neoliberalen Globalisierung von  
oben demonstriert. Wir kämpfen an ihrer Seite dafür, dass diese Ab  
kommen gestoppt und auf Grundlage sozialer, ökologischer und  
menschenrechtlicher Kriterien neu verhandelt werden. Im Fall von  
CETA wollen wir alles dafür tun, damit das Abkommen in dieser  
Form nicht ratifiziert wird.  
Sowohl der nationalistische Weg, den Schattenseiten der Globa  
lisierung mit Abschottung zu begegnen, als auch der neoliberale  
Welt im Blick  
BUNDESTAGSWAHLPROGRAMM 2017  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 91  
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Weg, Globalisierung ohne Regulation zu forcieren, führen in den  
Abgrund. Wir stehen für einen anderen Weg – den Weg friedlicher  
und offener Kooperation und globaler Solidarität. Gerechter globa  
ler Handel kann dafür sorgen, dass die Vorteile der Globalisierung  
mehr Menschen zugutekommen.  
Als exportorientierte, große Volkswirtschaft hat Deutschland  
eine besondere Verantwortung. Deutschland muss deshalb dazu  
beitragen, dass die Europäische Union als der größte Binnenmarkt  
selbstbewusst eine führende Rolle bei der Regulierung des Welt  
handels einnimmt und zeigt, wie fairer Handel möglich ist. Den  
brauchen wir für eine sozial-ökologische Transformation.  
1\. Gerechte Regeln für die Welt  
Um Handel fair zu gestalten, müssen Regeln von allen Ländern ge  
meinsam verhandelt werden, also multilateral. Das muss im Rah  
men der Welthandelsorganisation (WTO) geschehen. Denn sonst  
machen die mächtigen Länder die Spielregeln und die armen haben  
das Nachsehen. So wollen wir den Zugang zu günstigen Generika  
für Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen stärken. Insbe  
sondere sollte die EU Länder des globalen Südens unterstützen, die  
Schutzklauseln und Ausnahmen des WTO-Patentschutzsystems  
(TRIPS) zu nutzen. Gleichzeitig dürfen diese Länder nicht mittels  
Freihandelsabkommen gedrängt werden, eine Ausweitung des Mo  
nopolschutzes und eine Einschränkung des Medikamentenzugangs  
über TRIPS-plus einzuführen. Außerdem braucht es einen globalen  
Forschungsfonds, um Anreize zu schaffen, vernachlässigte und In  
fektionskrankheiten besser zu behandeln. Damit das gelingt, muss  
die WTO grundlegend reformiert und unter dem Dach der Vereinten  
Nationen neu belebt werden.  
Mit der Verabschiedung der globalen Nachhaltigkeitsziele der  
Vereinten Nationen und dem Abschluss des Pariser Klimaschutzab  
kommens hat die Weltgemeinschaft zentrale Zielmarken zur Be  
kämpfung von Hunger und Armut, zur Reduzierung von globaler  
Ungleichheit und für den Erhalt unserer ökologischen Lebensgrund  
lagen gesetzt. Die Industriestaaten können und müssen dabei im  
Sinne einer fairen Lastenteilung vorangehen.  
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Bundestagswahlprogramm 2017  
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Diese Zielmarken müssen auch für die Gestaltung des Welthan  
dels und eine Reform der WTO gelten. So sollen alle am Welthandel  
Teilnehmenden die Kernarbeitsnormen der Internationalen Arbeits  
organisation (ILO) einhalten. Vom Rohstoff bis zum fertigen Produkt  
muss Arbeit menschenwürdig sein und der weltweite Wettbewerb  
um die niedrigsten Löhne aufhören. Wir haben das Ziel, in Zukunft  
sowohl mit entwickelten wie auch sich entwickelnden Staaten eine  
neue Generation von fairen und nachhaltigen Handelsabkommen  
auszuhandeln. Durch ein Race to the Top von immer höheren globa  
len Standards werden wir gute Arbeit garantieren und lokale Wert  
schöpfung erhalten. Wir setzen damit in den fairen Handelsabkom  
men neben klassischen Handelsfragen auch soziale, ökologische  
und menschenrechtliche Standards – also unter anderem Regeln  
zur Vermeidung von Steuerhinterziehung, für Korruptionsbekämp  
fung, für Biodiversität, für Ernährungssouveränität, die Implemen  
tierung von internationalen Sozial-, Klima- und Umwelt- sowie  
Menschenrechtsnormen und die freie Gewerkschaftsbildung. Alle  
sind gleichwertig einklagbar und sanktionierbar. Wir wollen kein  
neues Handelsabkommen zwischen der EU und den USA oder ande  
ren Staaten, ohne dass von allen zukünftigen Vertragsparteien das  
Pariser Klimaabkommen unterzeichnet wurde und das Handelsab  
kommen die Einhaltung der Pariser Ziele garantiert.  
Die „Gruppe der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer“  
(G 20) muss ebenfalls für eine faire Globalisierung eintreten. Auch  
wenn sie langfristig an die Vereinten Nationen rückgebunden wer  
den sollte, kann es doch hilfreich sein, wenn die wirtschaftlich star  
ken Länder zusammenkommen, um über internationale Regeln zu  
beraten. Den Impulsen der G 20 zur Trockenlegung von Steuer  
sümpfen und zur Kontrolle internationaler Finanzmärkte müssen  
aber auch Taten folgen. Dazu wollen wir ein effektives Regelwerk  
zur Bekämpfung von Steuer und Kapitalflucht durchsetzen, damit  
unkontrollierte Abflüsse vor allem auch aus armen Ländern ge  
stoppt werden. Die nächste Bundesregierung muss nicht nur weiter  
ambitionierte Ziele im Rahmen der G 20 vorantreiben, sondern auch  
verbindliche Umsetzungsmechanismen über die multilateralen Or  
ganisationen etablieren.  
Noch immer hungern weltweit rund 800 Millionen Menschen.  
Zwei Milliarden Menschen sind mangelernährt. Besonders für  
Mütter und Kinder drohen bei Mangelernährung schwerwiegende  
Welt im Blick  
BUNDESTAGSWAHLPROGRAMM 2017  
Bundestagswahlprogramm 2017  
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bleibende Gesundheitsschäden. Dabei wären genügend Nahrungs  
mittel verfügbar. Das Recht auf Nahrung muss endlich konsequent  
umgesetzt werden. Dafür braucht es eine faire europäische Han  
dels- und Agrarpolitik. Außerdem werden wir bäuerliche Strukturen  
hier und weltweit intensiver fördern mit dem Ziel, die Ernährungs  
souveränität zu stärken. Auch die konsequentere Regulierung der  
Finanzmärkte – gegen die exzessive Spekulation mit Nahrungs  
mitteln – spielt eine wichtige Rolle beim Kampf gegen den Hunger.  
Zudem bedrohen die Interessen von Agrarkonzernen wie Bayer und  
Monsanto mit ihrer enormen Marktmacht den traditionellen Handel  
von bäuerlichem Saatgut.  
Die Patentierung von Saatgut sowie Landgrabbing bekämpfen  
wir, denn sie bedrohen Biodiversität und Ernährungssouveränität,  
indem sie insbesondere Frauen die lokale Existenzgrundlage neh  
men. Wir setzen uns vehement dafür ein, dass Deutschland durch  
nationale Gesetze und internationale Vereinbarungen dazu beiträgt,  
dass Investoren und staatliche Institutionen die freiwilligen Leitlini  
en der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten  
Nationen zu Landrechten, Fischgründen und Wäldern einhalten.  
2\. Neustart für faire Abkommen  
TTIP, CETA, TiSA, JEFTA oder andere Abkommen dieser Art sind so  
umstritten, weil hier die Rechte der Bürgerinnen und Bürger zur  
Verhandlungsmasse wurden. Wir GRÜNE lehnen diese Abkommen  
ab. Einige wenige große, länderübergreifende Konzerne profitieren,  
kleine und mittlere Unternehmen haben das Nachsehen. Deshalb  
demonstrieren dagegen Kleinbauern und -bäuerinnen in Burkina  
Faso genauso wie der bäuerliche Familienbetrieb in Baden-Würt  
temberg. Dabei sollten faire Handelsabkommen Umwelt-, Verbrau  
cher- und Datenschutz sowie Arbeitsnormen und Menschenrechte  
nicht schwächen, sondern international sichern und ausbauen.  
Viele Kommunen fürchten, dass die öffentliche Daseinsvorsorge  
in Handelsabkommen nicht ausreichend geschützt wird. Hier geht  
es um Krankenhäuser, die Wasserversorgung oder um die kulturelle  
Vielfalt. Wenn Ausnahmen für öffentliche Dienstleistungen nicht  
klar definiert sind, garantieren sie keinen ausreichenden Schutz. Vor  
allem sind diese Dienstleistungen nicht vom Investitionsschutz  
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ausgenommen – Klagen gegen die kommunale Daseinsvorsorge  
vor einem Schiedsgericht würden so möglich.  
Wir GRÜNE fordern, das Vorsorgeprinzip in allen Handelsverträ  
gen zu verankern. Dieses Prinzip stellt sicher, dass Produkte bei uns  
erst auf den Markt dürfen, wenn klar ist, dass sie unbedenklich sind.  
Es sorgt dafür, dass in der EU zum Beispiel 1.300 Substanzen nicht  
für den Einsatz in Kosmetika zugelassen sind. Gentechnisch verän  
derte Lebensmittel, Asbest oder Hormonfleisch sind verboten. Die  
Regelsetzung in diesen sensiblen Bereichen dürfen auch durch re  
gulatorische Kooperation nicht unterlaufen werden. Sogenannte  
Investor-Staat-Schiedsverfahren oder ein Investitionsgerichtssys  
tem (ICS) sehen Klageprivilegien für Konzerne vor. Wir wollen nicht,  
dass demokratisch beschlossene Gesetze wie etwa der Atomaus  
stieg oder Regeln für Aufdrucke auf Zigarettenpackungen dadurch  
unterlaufen werden. Für solche Verfahren gibt es keine Begrün  
dung. Sonderklagerechte für Investoren und große Konzerne leh  
nen wir entschieden ab.  
Wir setzen uns stattdessen für einen ständigen Handelsgerichts  
hof unter dem Dach der Vereinten Nationen ein, vor dem Betroffene  
gegen die Verletzung menschenrechtlicher, sozialer und umweltre  
levanter Verpflichtungen durch transnationale Unternehmen kla  
gen können. Der Vorschlag der EU-Kommission für einen multilate  
ralen Investitionsgerichtshof (MIC) erfüllt diese Voraussetzungen  
nicht. Bestehende Investitionsschutzabkommen wollen wir nach  
verhandeln mit dem Ziel, die Vereinbarungen zu Schiedsgerichten  
aus den Verträgen zu entfernen. Wir unterstützen den Prozess  
der Vereinten Nationen für ein verbindliches Abkommen über die  
Pflichten internationaler Konzerne.  
3\. Fairer Handel bringt Chancen für ärmere Länder  
Fairer Handel kann eine nachhaltige Entwicklung in Gang setzen.  
Wenn wir Entwicklungsländern Raum lassen, durch Zölle und Quo  
ten ihre Märkte zu schützen, können sie ihre heimische Wirtschaft  
aufbauen. Im Moment aber stoßen wir dem globalen Süden die Lei  
ter weg, auf der wir selbst unser heutiges Entwicklungsniveau er  
klommen haben. Subventionierte Importe aus Europa können ganze  
Branchen in Entwicklungsländern zerstören. So hat zum Beispiel  
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der Export von Milchpulver, Tomaten oder Hähnchenteilen aus der  
EU die heimische Produktion in Westafrika verdrängt. Die Wirt  
schaftspartnerschaftsabkommen mit Afrika drohen eine eigenstän  
dige und nachhaltige Entwicklung in den Partnerländern zu verhindern.  
Wir wollen sie deshalb stoppen und fordern neue Verhandlungen  
nach menschenrechtlichen, sozialen und Umweltstandards ohne  
Druck und Fristen. Wir wollen Entwicklungsländern handelspoliti  
sche Schutzmaßnahmen ermöglichen, damit sie ihre jungen Indus  
trien entwickeln können. Die EU sollte für Entwicklungsländer Zölle  
auf verarbeitete Produkte senken oder ganz abschaffen, damit diese  
ihre Wirtschaften breiter aufstellen und mehr Gewinn im Land hal  
ten können.  
Auch Unternehmen sind verantwortlich für die gesellschaft  
lichen Folgen ihres Handelns. Wir wollen sie verpflichten, die Ein  
haltung von Menschenrechten, Umwelt- und Sozialstandards in  
ihrer gesamten Lieferkette nachzuweisen. Beim Verstoß gegen die  
se Sorgfaltspflichten drohen den Unternehmen Sanktionen, denn  
Selbst verpflichtungen wie im „Textilbündnis“ der Großen Koalition  
reichen bei Weitem nicht aus. Opfer sollen zivilrechtliche Entschä  
digungsansprüche erhalten.  
Fair gehandelte Produkte müssen raus aus der Nische. Bessere  
Kennzeichnung muss Konsument\*innen in die Lage versetzen, mit  
ihrem Einkauf an der Ladentheke über den Herstellungsprozess von  
Produkten abzustimmen.  
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Wer GRÜN wählt, stimmt für diese drei Projekte:  
Neustart für faire Handelsabkommen  
Handelsabkommen, die anders als TTIP, CETA und TiSA trans  
parent verhandelt wurden und an sozialen, ökologischen und  
menschenrechtlichen Kriterien ausgerichtet sind, können eine  
gerechte Globalisierung fördern. Sie sollten Umwelt-, Verbrau  
cher\*innen- und Datenschutz sowie Arbeitsnormen und Men  
schenrechte international sichern. Wir fordern, das Vorsor  
geprinzip in allen Handelsverträgen zu verankern und dabei  
kommunale Daseinsvorsorge, öffentliche und soziale Dienstleis  
tungen sowie Kultur auszunehmen. Statt Klageprivilegien für  
Konzerne fordern wir einen ständigen Handelsgerichtshof unter  
dem Dach der Vereinten Nationen, vor dem auch Betroffene  
gegen Investoren klagen können. Er soll auf völkerrechtliche  
Verpflichtungen sowie die ILO Kernarbeitsnormen achten. Wir  
wollen multilaterale Verhandlungen im Rahmen der Welthan  
delsorganisation (WTO) wieder stärken.  
Lieferketten offenlegen für mehr Transparenz  
Auch Unternehmen sind verantwortlich für die gesellschaftli  
chen Folgen ihres Handelns. Wir wollen menschenrechtliche  
Sorgfaltspflichten im deutschen Recht gesetzlich verbindlich  
verankern, die entlang der Lieferkette einzuhalten sind. Zudem  
braucht es mehr Transparenz, wirksame Sanktionen bei Men  
schenrechtsverstößen und zivilrechtliche Klagemöglichkeiten  
für Betroffene. Diese Maßnahmen schaffen Rechtssicherheit.  
Davon profitieren Betroffene und Unternehmen gleichermaßen.  
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Hunger bekämpfen – Nahrungsmittelspekulation  
verhindern und Saatgut sichern  
Noch immer hungern weltweit etwa 800 Millionen Menschen.  
Für die Ärmsten der Armen wird der Preis von Nahrungsmitteln  
schnell zur Überlebensfrage. Doch Spekulationen mit Nahrungs  
mitteln führen zu Hunger und Leid. Das wollen wir eindämmen.  
Dazu begrenzen wir die Menge, die einzelne Akteur\*innen von  
einem Produkt am Markt kaufen dürfen. Doch nicht nur Markt  
monopole bei Nahrungsmitteln sind ein Problem: Die Interessen  
von Agrarkonzernen bedrohen den traditionellen Handel von  
bäuerlichem Saatgut und damit das Recht auf Nahrung. Das  
schafft riskante Abhängigkeiten und zerstört die Artenvielfalt.  
Deshalb wollen wir die Rechte der Kleinbäuerinnen und -bauern  
auf freien Austausch und kostenlose Wiederaussaat von Saatgut  
sowie lokale Saatgutbanken fördern. Um dem Hunger in der  
Welt wirksam zu begegnen, setzen wir uns weiterhin ein für  
Landrechte und eine dezentrale Landwirtschaft, die agraröko  
logische Prinzipien in den Vordergrund stellt. Sie gewährleistet  
die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Bäuerinnen und Bauern,  
schützt die Biodiversität und unterstützt die regionalen Wirt  
schaftskreisläufe.  
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IV. WIR SCHÜTZEN GEFLÜCH  
TETE UND BEKÄMPFEN  
FLUCHTURSACHEN  
Die Zahl der Menschen auf der Flucht wächst. Weltweit sind über  
65 Millionen Menschen auf der Suche nach Schutz für sich und ihre  
Familien. Flucht kennen viele Deutsche aus ihrer Familiengeschichte  
von ihren Eltern und Großeltern, manche haben selbst noch Flucht  
und Vertreibung als Folge des Zweiten Weltkriegs erlebt. Viele sind  
aus der DDR in den demokratischen Westen geflohen. Menschen flie  
hen vor Krieg, politischer Vertreibung und Verfolgung, immer häufi  
ger auch vor den Folgen der Klimakrise und Umweltzerstörung. Wir  
erleben die große Herausforderung der Fluchtbewegung an den  
Grenzen Europas genauso wie hierzulande. Doch die meisten Men  
schen fliehen in Regionen nahe ihrer Heimat, fast zwei Drittel inner  
halb der Grenzen des eigenen Heimatlandes, in der Hoffnung, zurück  
kehren zu können.  
Unser Land hat in einer Zeit, wo andere Staaten sich weggeduckt  
haben, vielen Menschen Zuflucht geboten. Wo einige Tausende ge  
gen Geflüchtete gehetzt haben, haben Millionen Menschen gehol  
fen und dadurch gezeigt, wie stark die Zivilgesellschaft in Deutsch  
land ist. Auch die Mitarbeitenden in Verwaltungen und Institutionen  
sind über sich hinausgewachsen. Die deutsche Bundesregierung hat  
zuerst mit Humanität reagiert. Dafür hatte sie unsere Unterstüt  
zung. Doch leider hat sie sich von dieser Politik schnell abgewen  
det. Das Asylrecht hat sie massiv verschärft und zusammen mit  
anderen europäischen Regierungen betreibt sie die Abschottung  
der EU. Während Trump plant, eine Mauer zu bauen, versteckt sich  
Europa mittlerweile hinter Zäunen und Stacheldraht. Diese Ab  
schottung ist unmenschlich und verschärft auf Dauer die Probleme.  
Wir wollen, dass Deutschland besser als 2015 auf humanitäre  
Herausforderungen vorbereitet ist. Die Mitarbeiterinnen und Mitar  
beiter der Kommunen, anderer Behörden, Organisationen und viele  
Freiwillige waren an den Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit, tausen  
de Flüchtlinge wussten nicht, ob sie Schutz finden können, mancher  
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Flüchtling wurde fünfmal und andere gar nicht registriert. Wir wol  
len wissen, wer nach Europa kommt, wir wollen geregelte Verfahren  
und eine Kontrolle der europäischen Außengrenze. Nicht jeder, der  
zu uns kommt, kann bleiben, aber jeder hat Anspruch auf ein rechts  
staatliches Verfahren und den Schutz seiner Menschenrechte auch  
nach einer Ablehnung. Jede Abschiebung ist mit großen menschli  
chen Härten verbunden. Deshalb möchten wir für all jene, die kei  
nen Anspruch auf Asyl haben, die freiwillige Rückkehr stärken.  
Nicht jeder abgelehnte Asylantrag führt zu einer Abschiebung. In  
vielen Fällen wird aus rechtlich verbrieften humanitären Gründen  
ein Aufenthaltstitel vergeben und nicht abgeschoben. Wir finden  
das richtig, halten an dieser Politik fest und stellen uns gegen  
den an Zahlen ausgerichteten Abschiebepopulismus der Großen  
Koalition.  
1949 hatte die Bundesrepublik im Grundgesetz eines der libe  
ralsten Asylrechte verankert – auch als Lehre aus der deutschen  
Geschichte. Wir kämpfen entschlossen für das individuelle Grund  
recht auf Asyl. Der uneingeschränkte Zugang zu einem fairen Asyl  
rechtsverfahren muss garantiert sein. Die inhumanen Asylrechts  
verschärfungen der letzten Jahre lehnen wir ab. Sie behindern  
vielfach die Integration. Unfaire und fehlerhafte Asylverfahren füh  
ren zu Rekordzahlen von Klagen bei den Verwaltungsgerichten.  
Das wollen wir ändern.  
Das Mittelmeer darf nicht weiter zum Massengrab werden. Wir  
lassen nicht zu, dass sich die EU ihrer Probleme entledigt, indem sie  
Flüchtlinge in den Lagern Nordafrikas verelenden lässt. Denn für  
uns ist eines klar: Flüchtlinge sind keine Ströme, Lawinen oder Wel  
len, es sind Menschen. Menschen wie wir, mit Hoffnungen und Sor  
gen, mit Kindern und Familien, aber einem Schicksal, das es weniger  
gut mit ihnen meinte als mit uns. Wir wollen eine aktive Flücht  
lingspolitik betreiben, die die Dauer der Asylverfahren deutlich ver  
kürzt, damit lange Wartezeiten für Asylsuchende ein Ende haben  
und diese gut integriert und ihnen eine gleichberechtigte Teilnah  
me ermöglicht wird.  
Menschen sind schon immer gewandert. Menschen auf der  
Flucht brauchen Sicherheit und unsere Hilfe. Für Menschen, die aus  
freien Stücken in Deutschland leben und arbeiten möchten, braucht  
es Regeln wie ein Einwanderungsgesetz ( Kapitel: Wir gestalten  
unser Einwanderungsland, S. 111).  
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1\. Unser Plan für eine aktive Flüchtlingspolitik  
Für uns besteht eine Flüchtlingspolitik aus vier Schritten. Erstens  
machen wir ernst mit der Bekämpfung von Fluchtursachen. Die bes  
te Flüchtlingspolitik ist eine, die Flucht unnötig macht.  
Zweitens sorgen wir durch legale Wege dafür, dass Flüchtende  
nicht länger ihr Leben auf gefährlichen Fluchtrouten riskieren müs  
sen. Wir werden Kontingente einrichten, wie beispielsweise ein groß  
zügig angelegtes Resettlementprogramm, das Menschen einen si  
cheren Weg eröffnet und unter der Leitung des UNHCR ein fester  
Bestandteil der Flüchtlingspolitik in Deutschland wird. Der faire An  
teil Deutschlands wird sich an dem vom UNHCR errechneten Bedarf  
ausrichten. Das ist unsere Untergrenze für eine humanitäre Politik.  
Auch humanitäre Visa, die Schutzbedürftigen ermöglichen, sicher  
nach Europa zu kommen und hier Asyl zu beantragen, können legale  
Fluchtmöglichkeiten schaffen. Resettlement ist eine Ergänzung zum  
bestehenden Flüchtlingsschutz der Genfer Flüchtlingskonvention.  
Das individuelle Asylrecht wird dadurch nicht angetastet.  
Der dritte Punkt sind schnelle, faire und rechtsstaatlich ein  
wandfreie Verfahren. Es muss schnell Klarheit darüber geschaffen  
werden, ob ein Asylantrag zur Anerkennung führt. Erstver sorgung  
und Unterbringung bis zur Verteilung sowie die Identifizierung, die  
Registrierung und die Weiterverteilung der Schutzsuchenden auf  
die Mitgliedstaaten sollten nach Möglichkeit bereits in den Ein  
trittsländern innerhalb der EU organisiert werden. Das darf aber  
nicht zu unmenschlichen Flüchtlingslagern wie in den gegenwärti  
gen Hotspots führen. Die Erstaufnahme muss eine menschenwürdi  
ge Unterbringung gewährleisten, die insbesondere Rücksicht nimmt  
auf die Bedürfnisse von Frauen, Kindern, Kranken und besonders  
verletzliche Gruppen. Nach der Identifizierung und Registrierung  
muss die rasche Verteilung in andere Mitgliedstaaten erfolgen.  
Die De-facto-Isolierung in großen Erstaufnahmeeinrichtungen über  
Monate hinweg lehnen wir GRÜNE ab. Schnelle Verfahren führen zu  
schneller Klarheit für die Betroffenen. Dazu gehört eine freiwillige  
und möglichst zügige Rückkehr derjenigen, die nach dem Abschluss  
rechtsstaatlicher Verfahren kein Bleiberecht in Deutschland erhal  
ten. Wir werden neben unserer vollen Unterstützung für anerkannt  
schutzbedürftige Menschen auch verantwortungsvoll mit denjeni  
gen umgehen, die kein Bleiberecht in Deutschland erhalten und  
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rückgeführt werden müssen. Dabei muss auch darauf geachtet wer  
den, dass Geflüchtete nicht von staatlicher Stelle zur freiwilligen  
Rückkehr gedrängt werden. Sammelabschiebungen sind für uns in  
akzeptabel. Mit uns in der Bundesregierung wird es keine Abschie  
bungen in Krisenregionen geben, die so unsicher sind wie zum Bei  
spiel Afghanistan momentan. Für uns steht das Schicksal des  
einzelnen Menschen im Mittelpunkt.  
Viertens werden wir diejenigen, die bleiben, gut aufnehmen  
und tatkräftig dabei unterstützen, unsere Sprache zu lernen, eine  
Wohnung und eine Arbeit zu finden, um schließlich hier eine neue  
Heimat finden zu können.  
2\. Fluchtursachen bekämpfen  
Die beste Flüchtlingspolitik ist und bleibt diejenige, die Menschen  
davor bewahrt, ihre Heimat verlassen zu müssen. Eine Politik, die  
daran arbeitet, die strukturellen Ursachen der Zerstörung von Le  
bensgrundlagen langfristig zu beheben. In der globalisierten Welt  
hilft es dabei wenig, wenn alle mit dem Finger auf die anderen zei  
gen. Fluchtursachenbekämpfung heißt deshalb für uns GRÜNE zu  
nächst, nach der eigenen Verantwortung zu fragen.  
Wir in Europa exportieren Rüstungsgüter in Krisengebiete, über  
fischen die Weltmeere und nehmen in Kauf, dass unsere Agrarex  
porte andernorts die Existenzgrundlage von Bäuerinnen und Bau  
ern zerstören. Die Ursachen von Flucht und Vertreibung lassen sich  
weder mit höheren Zäunen noch mit Patrouillenbooten oder durch  
Pakte mit Autokraten lösen. Wir GRÜNE setzen uns deshalb für eine  
kohärente internationale Politik ein und fordern strukturelle Refor  
men in Bereichen wie Handel, Landwirtschaft, Energie, Fischerei,  
Außenpolitik und Klimaschutz, wie sie die nachhaltigen Entwick  
lungsziele vorgeben. Wir werden die ärmsten Staaten bei der An  
passung an Klimaveränderungen entschieden unterstützen. Und  
wir brauchen eine faire Handelspolitik. Rüstungsexporte in Krisen  
gebiete und an Staaten mit hochproblematischer Menschenrechts  
lage werden wir stoppen.  
Die EU muss mehr zur Bewältigung der Krisen und Kriege beitra  
gen, vorrangig im Rahmen der Vereinten Nationen. Zivile Krisenprä  
vention wird daher ein zentrales Feld grüner internationaler Politik  
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bleiben. Um Menschen zu helfen, die sich bereits auf den Weg ge  
macht haben, muss die deutsche humanitäre Hilfe in einer krisen  
haften Zeit wie dieser auf weit über eine Milliarde Euro stabilisiert  
werden und UN-Hilfsorganisationen wie das World Food Pro  
gramme brauchen zudem eine dem Bedarf entsprechende stabile  
Finanzierung. Länder wie Jordanien, Türkei, Pakistan, Libanon,  
Äthiopien oder Kenia nehmen weltweit die meisten Flüchtlinge auf.  
Die internationale Gemeinschaft darf diese Länder aus humanitären  
Gründen nicht im Stich lassen.  
3\. Für eine menschenrechtliche und solidarische  
europäische Flüchtlingspolitik  
Alle europäischen Staaten müssen ihrer Verantwortung in Europa  
und der EU gerecht werden. Eine menschenrechtliche Flüchtlings  
politik muss die Beseitigung von Fluchtursachen, die Schaffung  
sicherer und legaler Fluchtwege nach Europa und die Seenotret  
tung im Fokus haben.  
Wir kämpfen für eine menschenrechtskonforme und rechtsstaat  
liche EU-Flüchtlingspolitik, die sich durch einen fairen Zugang zum  
Asylverfahren auszeichnet und die Gewährleistungen der Genfer  
Flüchtlingskonvention umsetzt. Die Mitgliedstaaten der EU müssen  
sich die Verantwortung für schutzsuchende Menschen fair und soli  
darisch teilen, damit Staaten an den EU-Außengrenzen wie Italien  
und Griechenland entlastet werden. Im Rahmen eines europäischen  
Verteilungsmechanismus müssen die familiären Bindungen von  
Flüchtlingen, Sprachkenntnisse, berufliche Qualifikation und Chan  
cen auf dem Arbeitsmarkt berücksichtigt werden. Wir halten das für  
den richtigen Weg für eine schnelle Integration und werden darum  
mit den EU-Partnerinnen und Partnern ringen, auch in dem Wissen,  
dass das noch ein weiter Weg ist. Dazu gehört, europaweit einheit  
liche Asylverfahren mit hohem Schutzstandard zu implementieren.  
Der drohenden Aushöhlung menschenrechtlicher Standards bei der  
Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems stellen wir  
uns entgegen. Das Dublin-System hat von Anfang an nicht richtig  
funktioniert. Wir wollen ein neues, solidarisches System, das auf  
einer gerechten Verantwortungsteilung unter den Mitgliedstaaten  
basiert.  
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Nach unserem Verständnis der europäischen Werte und der Soli  
darität ist es Aufgabe aller 27 Mitgliedstaaten, Geflüchteten Schutz  
zu gewähren. Bisher ist es ein großes Problem der Flüchtlingspoli  
tik, dass sich einige EU-Staaten dieser Solidarität verweigern. Für  
dieses Dilemma gibt es kein Patentrezept. Eine vorübergehende  
Lösung kann deshalb auch bedeuten, dass sich nur einzelne Staaten  
innerhalb der EU im Sinne einer offenen Flüchtlingspolitik koordi  
nieren – aber eine dauerhafte Lösung ist das nicht.  
Die gegenwärtige Abschottungspolitik der EU und vieler natio  
naler Regierungen gegenüber Geflüchteten ist menschenrechtlich  
verheerend, beschädigt die europäische Wertegemeinschaft, ver  
stärkt nationale Egoismen und bietet in keiner Weise Lösungen für  
die Fluchtursachen. EU-Länder, die sich einer aktiven Aufnahme  
und den Standards für die Versorgung und die Verfahren der Ge  
flüchteten verweigern, müssen die finanziellen Aufwendungen der  
anderen Mitgliedstaaten mittragen.  
Der Türkei-Deal schirmt Europa nicht nur vor Verantwortung,  
sondern Präsident Erdogan auch vor Kritik ab. Die EU hat sich da  
durch gegenüber der Türkei erpressbar gemacht und nimmt damit  
billigend die dramatische Situation geflüchteter Menschen in der  
Türkei in Kauf. Auch wird mit der EU-Türkei-Vereinbarung davon ab  
gelenkt, dass Staaten wie Griechenland und Italien nach wie vor  
Unterstützung bei der Aufnahme und Versorgung von Asylsuchen  
den benötigen. Diesen Türkei-Deal wollen wir beenden. Es ist eine  
gesamteuropäische Aufgabe, die Kontrolle an den Außengrenzen si  
cherzustellen und damit zu gewährleisten, dass wir wissen, wer im  
Land ist. Dabei setzen wir auf eine europäische Grenzkontrolle, die  
den gemeinsamen Schutz der Menschenrechte zur Grundlage hat  
sowie das Vertrauen in das Schengen-System stärkt. Statt Grenzen  
dichtzumachen oder auszulagern, setzen wir auf legale und sichere  
Zugangswege, etwa durch Kontingente der EU bei der Aufnahme  
von Geflüchteten. Wir werden auf die zügige und bereits beschlos  
sene Umverteilung innerhalb Europas drängen. Hier müssen vor  
allem die vielen auf der Flucht getrennten Familien im Fokus des  
politischen Handelns stehen. Zudem werden wir die humanitäre  
Hilfe und finanzielle Unterstützung für Geflüchtete in der Türkei  
ausbauen. Dabei werden wir sicherstellen, dass diese Gelder auch  
wirklich den flüchtlingssolidarischen NGOs und zivilgesellschaftli  
chen Akteur\*innen zugutekommen.  
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Zudem dürfen durch Aufnahmeprogramme von Flüchtlingen in  
Europa das Grundrecht auf Asyl und die Gewährleistungen der Gen  
fer Flüchtlingskonvention nicht ausgehöhlt werden. Die Aufnahme  
darf nicht auf Flüchtlinge aus bestimmten Weltgegenden be  
schränkt werden.  
Die falsche Politik des EU-Türkei-Deals darf keine Blaupause für  
neue Abkommen mit Staaten in Afrika und dem Nahen Osten sein.  
Derzeit bemühen sich die europäischen Regierungen darum, eine  
Reihe weiterer solcher Abkommen zu schließen und die Grenzen  
damit schon weit vor Europa in Afrika und im Nahen Osten zu schlie  
ßen. Die De-facto-Auslagerung der europäischen Außengrenzen  
durch Migrationspartnerschaften mit Staaten, in denen Menschen-  
und Flüchtlingsrechte nicht gewahrt sind, lehnen wir ebenso ab wie  
die Umwidmung entwicklungspolitischer Gelder für menschenrecht  
lich problematische Grenzschutzprojekte. Menschenrechtswidrige  
Rücknahmeabkommen werden wir zurücknehmen, denn sie sind mit  
einer humanitären und modernen Asylpolitik nicht vereinbar.  
Wir GRÜNE sind der Überzeugung, dass faire Wirtschaftsbezie  
hungen, wirksame Entwicklungszusammenarbeit, Austauschpro  
gramme oder zivilgesellschaftliches Engagement ein besseres Mo  
dell sind, um mit nordafrikanischen Staaten in Dialogpartnerschaften  
zu treten. Auch bei der Rückkehrpolitik gegenüber abgelehnten  
Asylbewerber\*innen werden wir gemeinsame Lösungen finden.  
4\. Verantwortungsvolle Flüchtlingspolitik für Deutschland  
Deutschland muss sich weiterhin seiner Verantwortung in der  
Flüchtlingspolitik stellen. Die Bundesregierung hat die Entwicklung  
hoher Flüchtlingszahlen, insbesondere aus Syrien, viel zu lange  
ignoriert und war insbesondere im Jahr 2015 an vielen Stellen über  
fordert. Ohne das starke Engagement der Bürgerinnen und Bürger,  
von Kommunen und Vereinen wäre die Aufnahme der vielen Ge  
flüchteten nicht möglich gewesen.  
In den letzten zwei Jahren hat die Regierung das Asylrecht mas  
siv verschärft. Dazu gehört neben der Beschneidung sozialer Rechte  
zum Beispiel auch, dass nun kranke Menschen leichter abgeschoben  
werden können und Abschiebungen ohne Ankündigung möglich  
sind. Das führt dazu, dass junge Menschen selbst aus der Schule zur  
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Abschiebung abgeholt werden. Wir lehnen diese Asylrechtsver  
schärfungen ab und wollen sie im Sinne einer humanen und men  
schenrechtlichen Flüchtlingspolitik korrigieren. Der Regierungspo  
litik liegt der Irrglaube zugrunde, dass ein unattraktives Asylrecht  
Flucht verhindert.  
Wir GRÜNE halten die betriebene Ausweitung der angeblich „si  
cheren Herkunftsstaaten“ für falsch. Mit der Bestimmung „sicherer  
Herkunftsstaaten“ gehen für die Betroffenen erhebliche Beschrän  
kungen von Verfahrensrechten, sozialen und wirtschaftlichen Rech  
ten einher. Wir lehnen das Konzept „sichere Herkunftsstaaten“  
deshalb ab und werden im Bund an unserer Position gegen eine  
weitere Ausweitung festhalten. Wir wenden uns auch gegen die  
Ausweitung und Anwendung des Konzepts des sicheren Drittstaats.  
Unsichere Staaten lassen sich nicht per Gesetz für „sicher“ erklären.  
Gerade für Minderheiten wie Roma, LSBTIQ\*, aber auch Frauen,  
Oppositionelle, Journalist\*innen oder die Verteidiger\*innen von  
Menschenrechten sind viele Länder oft nicht sicher.  
Wir GRÜNE stehen für die uneingeschränkte Bewahrung des  
individuellen Grund- und Menschenrechts auf Asyl, das entspricht  
unserer Verantwortung in einer globalisierten Welt und ist für uns  
ein Gebot des Völkerrechts und der Menschlichkeit. Mit uns wird es  
deshalb keine Obergrenze geben.  
5\. Faire und rasche Verfahren  
Die schnelle, qualitativ hochwertige Bearbeitung von Asylanträgen  
durch das BAMF ist und bleibt von zentraler Bedeutung. Alle Schutz  
suchenden müssen möglichst schnell wissen, ob sie in Deutschland  
bleiben, ihre Familien zu sich holen und sich ein Leben aufbauen  
können. Wir wollen Asylverfahren künftig zügiger binnen weniger  
Wochen durchführen, damit lange Wartezeiten für Asylsuchende  
ein Ende haben. Dafür haben wir ein Fast-&amp;-Fair-Verfahren vorge  
schlagen. Um die Verfahren qualitativ weiterzuentwickeln, setzen  
wir darauf, dass verpflichtend unabhängige Rechtsberatung von An  
fang an stattfindet.  
Asylbewerberinnen und Asylbewerber, deren Anträge im Bun  
desamt für Migration und Flucht länger als ein Jahr im Verfahren  
sind, sogenannte Altfälle, sollen künftig eine Aufenthaltserlaubnis  
Welt im Blick  
ZUKUNFT WIRD AUS MUT GEMACHT.  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
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bekommen. Wir setzen uns außerdem dafür ein, dass in asyl- und  
aufenthaltsrechtlichen Verfahren das Kindeswohl vorrangig be  
rücksichtigt und kinderbezogene Fluchtgründe stärker anerkannt  
werden. Familientrennungen im Rahmen von Abschiebungen wol  
len wir verhindern. Denn gerade die Lebenssituation der Kinder ist  
es, die Familien oftmals veranlasst, ihrer Heimat den Rücken zu  
kehren.  
Auch geschlechtsspezifische Fluchtgründe, wie zum Beispiel Ge  
nitalverstümmelung, geschlechtliche Identität oder sexuelle Orien  
tierung, müssen im Asylverfahren stärker berücksichtigt werden.  
Zentral ist für uns auch die sichere Unterbringung für Frauen, Kin  
der und LSBTIQ\*, deren unbedingter Schutz vor jeder Form von Ge  
walt sichergestellt werden muss.  
6\. Die Integration von Geflüchteten braucht gute Strukturen  
Für die Menschen, die hier Zuflucht finden, wollen wir ein Integrati  
onsgesetz, das diesen Namen auch verdient. Wir wollen, dass Inte  
gration als partizipativer Prozess auf Grundlage der Werte unseres  
Grundgesetzes erfolgt und ermöglicht wird. Derzeit entscheidet der  
Aufenthaltsstaus beziehungsweise die sogenannte Bleibeperspek  
tive über die Integration. Das schließt viele Geflüchtete aus und es  
geht wertvolle Zeit verloren. Wir wollen Integrationsangebote von  
Anfang an allen Schutzsuchenden öffnen. Dazu braucht es einen  
Anspruch auf Teilnahme an gut ausgestatteten Integrationskursen,  
angemessen bezahlte Kursleiter\*innen, eine möglichst dezentrale  
Unterbringung und den Zugang zu gesellschaftlicher Teilhabe,  
Bildung und Ausbildung sowie arbeitsmarktpolitischen Maßnah  
men. Ausländerbehörde, Jobcenter respektive die Bundesagentur  
für Arbeit und das Sozialamt sollen die Neuankommenden aus einer  
Hand beraten.  
Menschen – insbesondere mit Kriegs- und Gewalterfahrungen –  
aufzunehmen, ist eine Herausforderung für Neuankommende und  
Einheimische. Jeden Tag leisten viele Haupt- und Ehrenamtliche in  
unseren Kommunen Großartiges. Dieses Engagement muss flan  
kiert werden von mehr professioneller Hilfe im Bereich psychosozi  
aler Betreuung von Flüchtlingen. Wir wollen den Menschen das An  
kommen erleichtern und ihnen unabhängig von Nationalität und  
Welt im Blick  
BUNDESTAGSWAHLPROGRAMM 2017  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 107  
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vermeintlicher Bleibeperspektive das Recht auf einen Integrations  
kurs geben. Eine wichtige Bedingung für gelingende Integration ist  
zudem, anerkannten Flüchtlingen wie auch subsidiär Schutzberech  
tigten unbürokratisch den Familiennachzug zu ermöglichen. Der Fa  
miliennachzug zu subsidiär Schutzberechtigten muss sofort wieder  
ermöglicht werden, die Visumsverfahren müssen beschleunigt und  
entbürokratisiert werden. Denn nur wer seine Familie in Sicherheit  
und in seiner Nähe weiß, kann sich auf die neue Heimat mit aller  
Kraft einlassen. Wir setzen uns für eine Erleichterung des Nachzugs  
minderjähriger Geschwister von unbegleiteten minderjährigen  
Flüchtlingen ein, da diese ebenfalls zur Kernfamilie gehören.  
Der grundgesetzlich garantierte, besondere Schutz gilt nicht nur  
für deutsche Familien. Geflüchtete werden oft schon allein durch  
ihre Wohnsituation ausgegrenzt. Deswegen brauchen wir einen  
schnellen Wechsel von Massenunterkünften in Wohnungen und da  
für ausreichend bezahlbaren Wohnraum. Der kommt allen zugute,  
genauso wie eine Bildungsoffensive für mehr gute Kindertages  
stätten und Schulen. Menschen bringen nicht nur ihre Not, sondern  
auch ihre Fähigkeiten und ihre Motivation mit, wenn sie bei uns Zu  
flucht suchen. Deswegen wollen wir ihre Bildungs- und Berufsab  
schlüsse schneller anerkennen und die bürokratischen Hürden bei  
der Anerkennung abbauen. Wir wollen einen rechtmäßigen Aufent  
halt während und nach der Ausbildung garantieren und die Vor  
rangprüfung abschaffen, nach der deutsche Bewerberinnen und Be  
werber bei Ausschreibungen bevorzugt werden müssen. Außerdem  
wollen wir die Beschränkungen aussetzen, die für Geflüchtete bei  
der Leiharbeit gelten. Geflüchtete Frauen können bisher zu wenig an  
den Angeboten der Arbeitsmarktintegration teilhaben. Dafür wollen  
wir niedrigschwellige Angebote schaffen – sowohl im Bereich der  
Sprach- und Integrationskurse als auch bei den Arbeitsagenturen.  
Dabei muss ausreichend Kinderbetreuung angeboten werden.  
Wir setzen uns zudem für eine realitätstaugliche Bleiberechts  
regelung und eine sichere Zukunftsperspektive für geduldete Men  
schen ein. Viele geduldete Menschen leben mittlerweile über fünf,  
manche sogar über zehn Jahre hier, viele haben eine Familie ge  
gründet. Wir werden für diese Menschen endlich eine sichere Pers  
pektive schaffen. Dafür brauchen wir neue Bleiberechtsregelungen,  
die langjährig in Deutschland lebenden, beispielsweise gedulde  
ten Menschen eine unbefristete Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis  
Welt im Blick  
ZUKUNFT WIRD AUS MUT GEMACHT.  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
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ohne Einschränkungen ermöglichen. Bestehende Bleiberechtsrege  
lungen müssen realitätstauglich gestaltet und angewendet wer  
den. Die Ausschlussgründe müssen enger gefasst werden. Zählen  
muss das aktuelle Verhalten. Jahrelange Benachteiligungen bei In  
tegrationsmaßnahmen und erteilte Arbeitsverbote dürfen sich  
nicht negativ auswirken. Wir wollen die Voraufenthaltszeiten für  
ein Bleiberecht verkürzen und auch die Altersgrenze für gut inte  
grierte Jugendliche und Heranwachsende auf 27 Jahre heraufset  
zen. Menschen ohne Aufenthaltsstatus sollen Zugang zu Gesund  
heit und Bildung erhalten. Wohnsitzauflage und Residenzpflicht  
für Geflüchtete müssen wieder fallen. Das integrationsfeindliche  
Asylbewerber\*innenleistungsgesetz wollen wir abschaffen, die Ge  
sundheitskarte für alle Geflüchteten einführen und die Dolmet  
scher\*innenleistungen bei Gesundheitsbehandlungen sicherstellen.  
Die Standards der Kinder- und Jugendhilfe müssen ohne Abstriche  
auch für minderjährige unbegleitete Flüchtlinge gelten. Dafür muss  
der Bund den Ländern und Kommunen ausreichend Geld zur Ver  
fügung stellen. In den grün regierten Ländern haben wir die Kom  
munen nicht alleingelassen, sondern massiv unterstützt. Frauen  
und Männer, die sich einer Zwangsverheiratung entziehen wollen,  
müssen ein eigenständiges und dauerhaftes Rückkehrrecht nach  
Deutschland erhalten.  
Welt im Blick  
BUNDESTAGSWAHLPROGRAMM 2017  
Bundestagswahlprogramm 2017  
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Wer GRÜN wählt, stimmt für diese drei Projekte:  
Leben retten, sichere und legale Fluchtwege schaffen  
Es muss sichere und legale Wege für Menschen auf der Flucht vor  
Verfolgung, Krieg und Not geben. Menschen sollen nicht länger  
auf unsicheren Booten ihr Leben riskieren oder an den Grenzen  
Europas in schlecht ausgestatteten Lagern ausharren müssen.  
Deswegen treten wir auf europäischer Ebene für ein Seenotret  
tungsprogramm ein und werden unterdessen die zivilen, gemein  
nützigen Rettungsorganisationen stärken. Zudem wollen wir  
großzügige Aufnahmeprogramme schaffen, die Schutzbedür fti  
gen nicht nur aus den Anrainerstaaten Syriens die legale Einreise  
ermöglichen, sondern auch anderen Geflüchteten, die sich in  
lang andauernden prekären Lagen befinden. Baden Württem  
berg ist hier mit einem Kontingent für vom IS verfolgte Frauen  
und Kinder vorangegangen. Das individuelle Grundrecht auf Asyl  
darf nicht angetastet werden. Wir wenden uns gegen seine Aus  
höhlung. Abschiebungen in Kriegs- und Krisengebiete lehnen  
wir ab. Unser Ziel ist ein bundesweiter Abschiebungsstopp nach  
Afghanistan.  
Familien zusammenführen  
Sorge und Angst um die Liebsten sowie jahrelange Trennung  
von Familienangehörigen sind oftmals das größte Hindernis, in  
einer neuen Heimat anzukommen. Wir wollen deshalb die grau  
same und für die Integration hinderliche Aussetzung des Famili  
ennachzugs für subsidiär Schutzberechtigte wieder rückgängig  
machen. Außerdem werden wir mehr Personal an den deutschen  
Botschaften einsetzen, um die Wartezeiten für Familienange  
hörigen-Visa zu verkürzen.  
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Integration von Geflüchteten anpacken,  
Kommunen besser ausstatten  
Viele der Menschen, die bei uns Schutz vor Krieg und Vertrei  
bung suchen, können in absehbarer Zeit nicht in ihre Heimat zu  
rückkehren. Es ist unsere gemeinsame Aufgabe, ihnen Perspekti  
ven zu eröffnen. Die Grundlage dafür sind der schnellstmögliche  
Zugang zu Integrations- und Sprachkursen ohne Einschränkung  
durch den Aufenthaltsstatus, die Anerkennung von Abschlüssen  
und mitgebrachten Kenntnissen sowie eine gute Beratungs  
struktur zu Arbeitsmarktzugang und Wohnungssuche. Um Fehler  
der Vergangenheit zu vermeiden, wollen wir Ländern und Kom  
munen ausreichend Ressourcen zur Verfügung stellen, damit sie  
diese Herausforderungen gut bewältigen können. Nur wenn In  
tegration von allen Ebenen gleichermaßen getragen wird, kann  
sie gelingen. Dieser Verantwortung wollen wir gerecht werden.  
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BUNDESTAGSWAHLPROGRAMM 2017  
Bundestagswahlprogramm 2017  
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V. WIR GESTALTEN UNSER  
EINWANDERUNGSLAND  
Schon immer hat Ein- und Auswanderung Deutschland geprägt und  
verändert, vor Herausforderungen gestellt und uns als Gesellschaft  
weitergebracht. In einem Europa der offenen Grenzen und in einer  
Welt, die durch Handel und Digitalisierung noch enger zusammen  
gerückt ist, ist die Migration ein Teil unserer Realität. Wir wollen  
diese Einwanderung vernünftig regeln und die Integration fördern,  
um das friedliche Zusammenleben von Menschen mit unterschied  
licher Herkunft und Religion zu sichern. Wir empfinden es als Reich  
tum, wenn wir in uns selbst, unseren Familien, Nachbarschaften und  
den Freundeskreisen unserer Kinder unterschiedlichen Kulturen be  
gegnen. Für uns zählt nicht, woher ein Mensch kommt, es zählt, wo  
sie oder er hin will. Wir kennen die Vorteile vielfältiger Gesellschaf  
ten: Sie entwickeln sich dynamischer und kreativer als solche in Ab  
schottung.  
Deutschland ist im Wettbewerb um den Zuzug von Fachkräften.  
Unser Aufenthaltsrecht ist nicht darauf eingestellt, die Folgen des  
demografischen Wandels durch die Einwanderung von Arbeitskräf  
ten zumindest abzumildern. Unser Einwanderungsrecht ist kompli  
ziert, unübersichtlich und überholt.  
1\. Ein modernes Einwanderungsrecht für ein modernes  
Einwanderungsland  
Wir GRÜNE haben einen Vorschlag vorgelegt, um das Einwande  
rungsrecht zu liberalisieren und zu entbürokratisieren, ohne die  
nachhaltige Entwicklung in anderen Ländern zu gefährden. Fachkräf  
te, deren Ideen und Motivation unser Land dringend braucht, sollen  
einfacher als bisher einen Arbeitsplatz in Deutschland suchen kön  
nen. Wir werden Deutschland attraktiv machen für ausländische  
Studierende und Menschen, die in Deutschland eine berufliche Aus  
bildung absolvieren oder sich bei uns beruflich nachqualifizieren  
möchten.  
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ZUKUNFT WIRD AUS MUT GEMACHT.  
Bundestagswahlprogramm 2017  
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Grüne Migrationspolitik ist emanzipatorisch. Wir sehen Migrati  
on als Chance an, wenn sie richtig gestaltet wird. Darum müssen wir  
die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass Migrant\*innen bei  
uns erworbene Fähigkeiten auch wieder in ihren Herkunftsländern  
anwenden können, sodass es nicht zu einem Braindrain kommt. Hier  
lebenden Migrantinnen und Migranten soll es möglich sein, sich  
länger im Ausland aufzuhalten, etwa aus beruflichen Gründen oder  
um sich im Herkunftsland zu engagieren, ohne ihren deutschen Auf  
enthaltstitel zu verlieren. Asylsuchende und Geduldete sollen ihren  
aufenthaltsrechtlichen Status ändern können, wenn sie die entspre  
chenden Voraussetzungen erfüllen (Statuswechsel). Es macht keinen  
Sinn, von ihnen – wie es heute der Fall ist – zu verlangen, dass sie  
dafür zunächst im Herkunftsstaat ein Visumverfahren nachholen. Das  
ist eine zeitgemäße Einwanderungspolitik.  
Wir wollen, dass ein Einwanderungsgesetz durch die Einrichtung  
eines eigenständigen Einwanderungs- und Integrationsministeriums  
flankiert wird, in dem alle migrations , flüchtlings , integrations und  
staatsangehörigkeitsrechtlichen Abteilungen zusammengefasst wer  
den. Dies hat sich in grün mitregierten Bundesländern bewährt.  
2\. Mehr Integration wagen  
Integration stellt sowohl Anforderungen an die, die zu uns kommen,  
als auch an alle, die schon länger hier leben. Integration ist ein  
wechselseitiger Prozess, der von allen Beteiligten die Bereitschaft,  
in unserer Gesellschaft zusammenzuleben, abverlangt. Dabei sind  
die Werte des Grundgesetzes Grundlage für das Zusammenleben in  
unserem Land, nicht eine diffuse „Leitkultur“. Für die, die zu uns  
kommen, bedeutet Integration den Erwerb der deutschen Sprache,  
einen Zugang zu guter Bildung, zum Arbeitsmarkt, zum Wohnungs  
markt, zum politischen Leben, perspektivisch den Erwerb der deut  
schen Staatsangehörigkeit sowie die Teilhabe an der demokrati  
schen Wertegemeinschaft. Dies kann nur gelingen, wenn wir  
strukturelle Hürden und Diskriminierung abbauen und Akzeptanz  
fördern.  
Wir GRÜNE setzen uns dafür ein, dass alle Menschen, die nach  
Deutschland kommen, Anspruch auf Teilnahme an Integrations  
angeboten erhalten, und wollen dafür auch zivilgesellschaftliche  
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BUNDESTAGSWAHLPROGRAMM 2017  
Bundestagswahlprogramm 2017  
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Initiativen besser unterstützen. Wir wollen Einwanderinnen und  
Einwanderern attraktive Rahmenbedingungen anbieten, denn nur  
dann werden sie und ihre Familien sich für eine Zukunft in Deutsch  
land entscheiden. Nur wer einen sicheren Aufenthaltsstatus hat,  
findet die nötige Sicherheit, sich bei uns niederzulassen und sich ins  
politische und soziale Leben einzubringen. Wir werden für eine qua  
litativ hochwertige Sprachförderung sorgen, die das Ziel einer zeit  
nahen Eingliederung in den Arbeitsmarkt verfolgt.  
Um gerade Frauen eine eigenständige Existenzsicherung zu  
ermöglichen, wollen wir ihren Anforderungen zum Beispiel durch  
eine gesicherte Betreuung ihrer Kinder Rechnung tragen. Wir wollen  
unbürokratische Möglichkeiten für den Mit- beziehungsweise den  
Nachzug von Familienangehörigen einführen sowie den Nachweis  
von Deutschkenntnissen vor der Einreise abschaffen.  
Das Bildungssystem werden wir so durchlässig gestalten, dass wir  
auch gegenüber Migrantinnen und Migranten das Versprechen eines  
sozialen Aufstiegs über gute Bildung einhalten können. Wir werden  
die Bildungs- und Berufsabschlüsse schneller und großzügiger aner  
kennen und ein verlässliches Bleiberecht während und nach der Aus  
bildung schaffen.  
Menschen, die sich ohne Papiere in Deutschland aufhalten, wol  
len wir den Zugang zu den sozialen Rechten verschaffen. Verstöße  
gegen aufenthaltsrechtliche Vorschriften wollen wir entkriminali  
sieren, da das Strafrecht zur Sanktionierung von administrativem  
Fehlverhalten nicht geeignet ist.  
Das Zusammenleben von Menschen verschiedener Herkunft, Re  
ligion und Kultur verlangt allen Anpassungsleistungen ab. Das Band,  
das eine Gesellschaft der Vielfalt eint und zusammenhält, sind un  
ser Grundgesetz und die Akzeptanz von Grund- und Menschenrech  
ten. In unserem gemeinsamen Land gilt das für alle, egal ob sie aus  
Dresden oder aus Damaskus kommen.  
3\. Mehr Demokratie für die Einwanderungsgesellschaft  
Wir wollen, dass aus Ausländern möglichst bald Inländer mit glei  
chen Rechten und Pflichten werden. Wir setzen uns für ein liberales  
Staatsbürgerschaftsrecht ein, das nicht nur schnelle Einbürgerun  
gen, sondern auch das sogenannte Geburtsrecht sowie die Mehr  
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Bundestagswahlprogramm 2017  
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staatigkeit ermöglicht. Wer in Deutschland geboren wird, ist für uns  
deutsch, wenn ein Elternteil einen legalen Aufenthaltstitel besitzt.  
Wir wollen die willkürliche Regelung, sich zwischen zwei Pässen  
entscheiden zu müssen, gänzlich abschaffen und das Verbot der  
Mehrstaatigkeit aus dem Staatsangehörigkeitengesetz streichen.  
Einwanderinnen und Einwanderer sollen möglichst schnell und  
möglichst gleichberechtigt am wirtschaftlichen, am kulturellen, am  
gesellschaftlichen und am politischen Leben teilhaben können. Wir  
halten es daher für sinnvoll, dass auch Staatsangehörige eines Lan  
des außerhalb der Europäischen Union (Drittstaat) mit ständigem  
Wohnsitz in Deutschland an kommunalen Wahlen teilnehmen kön  
nen. Darüber hinaus setzen wir uns für weitere demokratische Par  
tizipationsmöglichkeiten für Menschen mit ständigem Wohnsitz in  
Deutschland ein.  
Wer GRÜN wählt, stimmt für diese drei Projekte:  
Ein Einwanderungsland braucht ein Einwanderungsgesetz  
Deutschland ist ein Einwanderungsland. Deshalb werden wir ein  
Einwanderungsgesetz vorlegen. Fachkräften ermöglichen wir  
ein Aufenthaltsrecht zur Arbeitssuche und schaffen dafür eine  
Einwanderungsquote mit Punktesystem. Auch ein möglicher  
Spurwechsel zwischen Asyl- und Einwanderungsrecht hilft da  
bei, Fachkräfte zu gewinnen. So können Asylbewerber\*innen  
bei entsprechender Qualifikation eine Arbeitserlaubnis erhalten.  
Wir wollen bestehende Berufsabschlüsse besser anerkennen  
und die Arbeitsaufnahme in Deutschland erleichtern.  
Hier geboren, hier zu Hause – für ein modernes Staats  
bürgerschaftsrecht  
Ein zeitgemäßes Staatsbürgerschaftsrecht muss den Realitäten  
einer globalisierten Welt gerecht werden. Deshalb wollen wir  
den Erwerb der Staatsangehörigkeit nach dem Geburtsortprin  
zip verwirklichen. Wer in Deutschland geboren wird, ist deutsch,  
Welt im Blick  
BUNDESTAGSWAHLPROGRAMM 2017  
Bundestagswahlprogramm 2017  
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wenn sich ein Elternteil hier legal aufhält. Alle, die auch eine an  
dere Staatsangehörigkeit besitzen, müssen sich nicht mehr zwi  
schen der einen oder der anderen entscheiden. Wir wollen Ein  
bürgerungen erleichtern. Alle Menschen, die ein dauerhaftes  
Aufenthaltsrecht und ausreichende Deutschkenntnisse haben,  
sollen schneller einen Anspruch auf die deutsche Staatsangehö  
rigkeit haben.  
Einwanderinnen und Einwanderern eine Stimme geben  
Demokratie und Beteiligung müssen in einem Einwanderungs  
land entlang der Vielfalt der Menschen organisiert werden. Mehr  
Demokratie heißt für uns auch, dass mehr Menschen mitmachen  
und sich beteiligen dürfen. So wollen wir das kommunale Wahl  
recht nach dem Wohnortprinzip regeln und nicht nach der  
Staatsbürger\*innenschaft. Dann können auch diejenigen an  
kommunalen Wahlen teilnehmen, die keinen deutschen oder EU-  
Pass, aber ihren ständigen Wohnsitz hier haben. Menschen, die  
hier leben, sollen auch mitbestimmen, wie wir zusammenleben.  
Freiheit im Herzen  
ZUKUNFT WIRD AUS MUT GEMACHT.  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
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D. FREIHEIT  
IM HERZEN  
In den letzten Jahrzehnten wurde unsere Gesellschaft offener und  
vielfältiger. Das hat ihr gutgetan. Die Vielfalt ist ein Reichtum, der un  
ser Land lebendig macht und wachsen lässt. Gerade aus der Zivilge  
sellschaft heraus wurden wichtige Fortschritte erkämpft. Trotzdem  
gibt es noch viel zu tun auf dem Weg hin zu einer modernen und of  
fenen Gesellschaft, die allen Menschen ein selbstbestimmtes Leben  
ermöglicht. Dafür ist Freiheit eine wesentliche Voraussetzung für  
eine lebenswerte wie sichere Gesellschaft. Denn weil die Menschen  
auf einen Rechtsstaat vertrauen können, der ihre Grundrechte vertei  
digt und Schutz bietet, können sie sich tatsächlich auch frei und si  
cher fühlen in dem, was sie tagtäglich sagen oder tun.  
Leider werden gerade auch die bisher erreichten Errungenschaf  
ten infrage gestellt. Islamist\*innen und Rechtsextremist\*innen grei  
fen sie mit terroristischen Anschlägen an. Rechtsnationale spalten  
die Menschen in ein völkisches „die“ und „wir“. Sie wollen zurück ins  
gesellschaftliche Vorgestern. Durch die sozialen Medien rollen Wel  
len von Hass und Hetze. Dagegen setzen wir GRÜNE: keine Toleranz  
gegenüber der Intoleranz! Wir kämpfen für Vielfalt, Offenheit und ein  
friedliches Zusammenleben. Wir setzen uns für Demokratie und  
Rechtsstaatlichkeit ein. Denn nur ein starker, demokratischer Rechts  
staat gewährt Sicherheit und schützt die Freiheit.  
Deutschland 2017 gründet auf Vielfalt und Gleichberechtigung.  
Mit uns gibt es keinen Rückfall in eine Gesellschaft, in der Richterin  
nen oder Automechanikerinnen nicht vorgesehen waren und allein  
erziehende Eltern schief angeschaut wurden. Kein Zurück in eine Zeit,  
in der Männer, die Männer lieben, und Frauen, die Frauen lieben, zu  
einem öffentlichen Skandal wurden. Wir wollen, dass allen Mitglie  
dern unserer Gesellschaft, egal welchen Geschlechts, die Wahrneh  
mung ihrer Freiheits- und Bürger\*innenrechte möglich ist. Wir vertei  
digen unsere Demokratie und die offene Gesellschaft gegen ihre  
Feind\*innen. Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit reicht bis in  
die Mitte der Gesellschaft. Ihr sagen wir weiterhin den Kampf an.  
Freiheit im Herzen  
BUNDESTAGSWAHLPROGRAMM 2017  
Bundestagswahlprogramm 2017  
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Wir dulden keinen Hass, keine LSBTIQ\*-Feindlichkeit, keinen Se  
xismus, keinen Rassismus, Antisemitismus, antimuslimischen Rassis  
mus, oder Antiziganismus. Wir kämpfen weiter gegen Diskriminie  
rung und werden Freiheiten weiter ausbauen und die Gleichstellung  
vorantreiben. Denn immer noch wird heute einigen Menschen  
das Recht abgesprochen, gleichberechtigt dazuzugehören. Freiheit,  
Selbstbestimmung und Gleichberechtigung für alle Menschen sind  
die Grundlage einer gerechten Gesellschaft. Jede\*r Einzelne sollte  
sich nach eigenen Wünschen und Fähigkeiten entfalten und an der  
Gesellschaft teilhaben können – dieser Anspruch ist in unserer urgrü  
nen DNA verankert.  
Deutschland ist ein sicheres Land. Wir wollen, dass das so bleibt.  
Wo Bedrohungslagen sich wandeln, reagieren wir mit einer Sicher  
heitspolitik, die wirksam neue Bedrohungen abwehrt, indem sie gel  
tendes Recht effizient anwendet – statt mit Symbolpolitik. Wir stat  
ten Gerichte, Polizei und Sicherheitsbehörden besser aus – mit mehr  
Personal, einer guten Aus- und Weiterbildung und zeitgemäßer Tech  
nik. Fehlerquellen und unverhältnismäßige Einschränkungen von  
Bürger\*innenrechten werden wir identifizieren und abstellen, Geset  
ze ändern wir dort, wo sie lückenhaft sind, nicht auf Verdacht. Unser  
Ziel ist ein öffentlicher Raum, in dem sich alle unbefangen und ohne  
Angst bewegen können. Wir sind überzeugt, dass ein starker, demo  
kratischer Rechtsstaat gleichzeitig Bedrohungen effektiv abwehren,  
Grundrechte schützen und unsere Freiheit bewahren kann.  
Wir wollen Humanität und Zusammenhalt stärken im Wissen, dass  
zu einer Demokratie der Kompromiss genauso gehört wie der Res  
pekt voreinander. Unser Leitbild sind das Grundgesetz, die EU-Charta  
der Grundrechte und die Charta der Vereinten Nationen. Menschen  
würde und die persönliche Freiheit des anderen zu achten, gleiche  
Rechte für alle, unabhängig vom Geschlecht, sowie Religionsfreiheit  
inklusive Religionskritik sind Fundamente unserer Demokratie. Die  
Rechte unseres Grundgesetzes gelten für alle gleichermaßen, ohne  
Einschränkung oder Relativierung. Sie zu schützen, ist unsere Ver  
pflichtung und eine Lehre aus den dunkelsten Kapiteln der deutschen  
Geschichte.  
Demokratie lebt von Vertrauen. Vertrauen in diejenigen, die die  
Bürgerinnen und Bürger im Parlament vertreten, sowie Vertrauen in  
die demokratischen Institutionen. Wir wollen das Vertrauen in die  
politische Kultur in Deutschland, Europa und der Welt stärken und  
Freiheit im Herzen  
ZUKUNFT WIRD AUS MUT GEMACHT.  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
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-zurückgewinnen. Wir stehen ein für faire Debatten, einen respektvol  
len Wettstreit um die besten Wege und eine erfolgreiche Suche nach  
Kompromissen.  
Freiheit im Herzen  
BUNDESTAGSWAHLPROGRAMM 2017  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 119  
I. WIR STREITEN FÜR  
AKZEPTANZ UND RESPEKT,  
FÜR VIELFALT UND  
SELBSTBESTIMMUNG  
Unsere Gesellschaft ist in stetigem Wandel. In unseren Dörfern und  
Städten, am Arbeitsplatz, in Schule und Sportvereinen begegnen  
sich Menschen mit und ohne Glauben, verschiedenen Geschlech  
tern, sozialen Herkünften und Hautfarben, sexuellen Orientierun  
gen, mit und ohne Zuwanderungsgeschichten. Diese Vielfalt berei  
chert unser Land. Wir GRÜNE schauen auch hin, wenn echte oder  
vermeintliche Unterschiede zu Spannungen und Problemen führen.  
Ein friedliches Zusammenleben in Vielfalt funktioniert nur mit  
Rechten und Pflichten, die für alle gleichermaßen gelten, und einer  
klaren Positionierung gegen jede Form von Diskriminierung und  
Menschenfeindlichkeit. Das ist eine gemeinsame Aufgabe, die uns  
allen etwas abverlangt und von der wir alle profitieren.  
Menschenfeindliche Ideologien verhindern Integration und  
gefährden den gesellschaftlichen Frieden – egal ob sie Rassismus,  
Sexismus, Islamismus, Rechtsextremismus, Antisemitismus, Islam  
feindlichkeit, Antiziganismus oder LSBTIQ\*-Feindlichkeit heißen.  
Solchen Angriffen stellen wir GRÜNE uns mit aller Entschlossenheit  
entgegen. Die gesellschaftliche Vielfalt ist Fakt, sie zu leugnen, ist  
Ideologie. Im Wissen um die Verbrechen der Nazizeit stehen wir  
GRÜNE für eine Gesellschaft, in der jede\*r sicher und selbstbe  
stimmt leben kann und die individuelle Freiheit sowie die persönli  
che Identität geschützt sind, online wie offline. Sie erfahren erst  
dort eine Grenze, wo die individuelle Freiheit anderer eingeschränkt  
wird. Unser Ziel ist eine inklusive Gesellschaft, die in ihrer Vielfalt  
zusammenhält und die Menschen vor Diskriminierung schützt. In  
der alle Menschen die gleichen Rechte und Pflichten haben, in der  
alle am sozialen und demokratischen Leben gleichberechtigt teil  
haben können.  
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Freiheit im Herzen  
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In einer offenen Gesellschaft müssen Konflikte friedlich und de  
mokratisch ausgetragen werden. Deshalb wollen wir das Wissen  
über Demokratie in unseren Bildungseinrichtungen stärken. Wir för  
dern, dass sich in Sportvereinen, Museen, Theatern oder Behörden  
gesellschaftliche Vielfalt abbildet. Im Alltag kommt es immer noch  
oft zu Benachteiligungen gegenüber einzelnen Gruppen und Perso  
nen. Wir wollen daher das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz  
(AGG) reformieren und ein Verbandsklagerecht einführen. Außer  
dem muss Deutschland endlich die Blockadehaltung zur 5. Antidis  
kriminierungsrichtlinie der EU aufgeben. Roma und Sinti sind seit  
Jahrhunderten in vielen Ländern Europas ganz besonders rassisti  
schen Anfeindungen und Ausgrenzungen ausgesetzt – auch bei uns  
in Deutschland. Es wird Zeit, dass wir uns als Gesellschaft mit der  
Situation von Sinti und Roma ehrlich und institutionell auseinan  
dersetzen. Wir werden die Diskriminierung von Roma in der deut  
schen Asylverfahrenspraxis beenden. Der Antiziganismus in den  
Herkunftsländern wird in den Verfahren nicht angemessen berück  
sichtigt. Auf deutscher wie europäischer Ebene setzen wir uns dafür  
ein, die Situation der Roma nachhaltig zu verbessern. Wir wollen die  
Beteiligung der Sinti und Roma an der Politikgestaltung in Deutsch  
land sicherstellen. Wie das funktionieren kann, hat das grün re  
gie rte Baden-Württemberg mit dem Rat für die Angelegenheiten  
der Sinti und Roma gezeigt. Um die über Jahrzehnte andauernde  
Bildungsbenachteiligung zu überwinden, wollen wir eine gezielte  
Bildungsförderung. Dazu gehört auch ein neues Museum der Ge  
schichte und Kulturen der Sinti und Roma in Deutschland.  
1\. Ein klarer Rahmen für das friedliche Zusammenleben  
von Menschen mit unterschiedlichen Weltanschauungen  
und Religionen  
Eine vielfältige, offene Gesellschaft baut auf die Grundrechte des  
Grundgesetzes. Sie halten unsere Gesellschaft in ihrer Vielfalt zu  
sammen und sichern das friedliche Zusammenleben. Dazu gehört,  
dass Menschen ungeachtet ihrer Herkunft, Kultur, Religion und  
Weltanschauung selbstbestimmt leben und sich gegenseitig res  
pektieren. Das gilt sowohl für diejenigen, die neu dazukommen, als  
auch für diejenigen, die schon lange hier leben.  
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Freiheit im Herzen  
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Alle Menschen müssen die Freiheit haben, ihren Glauben zu le  
ben oder abzulegen, keinen Glauben zu haben oder gemeinsam ei  
nen Glauben zu pflegen – seien sie jüdisch oder christlich, musli  
misch oder alevitisch, Humanist\*innen, Atheist\*innen oder frei von  
religiös-weltanschaulichem Bekenntnis. Die Diskriminierung von  
Andersgläubigen dulden wir genauso wenig wie die von vermeint  
lich liberaleren Anhänger\*innen der eigenen Religion. Wir wollen  
den Dialog zwischen den Religionen und auch denen, die religions  
frei sind, fördern und damit das gegenseitige Verständnis füreinan  
der voranbringen. Religiöse Lehren, Praktiken und Traditionen dür  
fen kritisiert werden, auch in der Kunst. Die Zahl der Menschen  
ohne organisierte religiöse Bindung ist gestiegen. Nicht nur ihnen,  
auch der wachsenden Vielfalt der Bekenntnisse in Deutschland  
wollen wir gerecht werden, etwa in der Wohlfahrtspflege oder der  
öffentlichen Gedenk- und Trauerkultur. Die historischen Staatsleis  
tungen an die beiden großen christlichen Kirchen wollen wir end  
lich ablösen. Die Kirchenfinanzen sollen transparenter werden und  
den aktuellen Kirchensteuereinzug wollen wir so reformieren, dass  
Gleichbehandlung und Datenschutz gewährleistet sind.  
Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften können eine  
wichtige Stütze einer lebendigen Demokratie sein. Viele Menschen  
engagieren sich aus ihrem Glauben oder ihrer Überzeugung heraus  
gemeinsam mit uns für Geflüchtete, eine saubere Umwelt, weltwei  
te Gerechtigkeit oder gegen Armut in ihrer Nachbarschaft. Sie leis  
ten damit einen wichtigen Beitrag für den gesellschaftlichen Zu  
sammenhalt.  
Zu Pluralität und Demokratie gehört, dass sie sich Kritik und  
dem öffentlichen Diskurs stellen, eigene Ansichten nicht verabso  
lutieren und insofern nicht fundamentalistisch agieren. Der „öffent  
liche Friede“ wird nicht durch kritische Kunst bedroht, sondern  
durch religiöse und politische Fanatiker\*innen, denen es an Kri  
tikfähigkeit oder Respekt vor Anderen fehlt. Deswegen wollen wir  
§ 166 Strafgesetzbuch (Beschimpfung von Bekenntnissen, Religi  
onsgesellschaften und Weltanschauungsvereinigungen) streichen.  
Egal wie wichtig es dem Einzelnen ist und um welches religiöse Be  
kenntnis es geht: Kein heiliges Buch steht über dem Grundgesetz  
und den Menschenrechten. Das bedeutet: Bürger\*innen können  
selbstverständlich ihre Wertüberzeugungen aus eigenen Quellen  
ableiten. Auch religiöse Haltungen können Basis demokratischen  
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Bewusstseins und politischen Handelns sein. Für uns ist wichtig, dass  
das Grundgesetz uneingeschränkt gilt. Antidemokratischen Einstellun  
gen und Fanatismus stellen wir uns entschieden entgegen.  
Für uns GRÜNE gehört auch der Islam zu Deutschland, wie alle  
anderen Religionen und Weltanschauungen. Wir verteidigen die  
Religionsfreiheit der Muslime, und wir gehen nicht leichtfertig mit  
islamischen politischen Organisationen um. Wir wollen islamische  
Gemeinschaften, die ihren Glauben als Teil der offenen Gesellschaft  
leben, mit Imam\*innen und islamischen Religionslehrer\*innen, die  
an deutschen Hochschulen unter Wahrung der Freiheit der Wissen  
schaft, wie bei anderen Theologien auch, ausgebildet worden sind  
und die auch auf Deutsch predigen können. Islamische Gemein  
schaften können und sollen als Religionsgemeinschaften im Sinne  
des Grundgesetzes anerkannt werden, wenn sie die rechtlichen  
Voraussetzungen dafür erfüllen. Sie können dann auch den Körper  
schaftsstatus erlangen und gegenüber den Kirchen gleichbe  
rechtigt werden. Die vier großen muslimischen Verbände DİTİB,  
Islamrat, Zentralrat der Muslime, VIKZ erfüllen aus grüner Sicht  
derzeit nicht die vom Grundgesetz geforderten Voraussetzungen.  
Sie sind religiöse Vereine. Ihre Identität und Abgrenzung unterei  
nander ist nicht durch Unterschiede im religiösen Bekenntnis be  
gründet, sondern politischen und sprachlichen Identitäten aus den  
Herkunftsländern und der Migrationsgeschichte geschuldet. Wenn  
Muslim\*innen sich bekenntnisförmig neu organisieren, würde das  
aus ihren Organisationen keine Kirchen, aber islamische Glaubens  
gemeinschaften in Deutschland machen, mit Anspruch auf recht  
liche Gleichstellung. Dann wäre der Islam in Deutschland auch an  
gekommen. Inakzeptabel ist es jedoch, dass Verbände aus dem  
Ausland gesteuert und zu politischen Zwecken bis hin zu Spitzel-  
tätigkeiten genutzt werden. Vor diesem Hintergrund ist besonders  
wichtig, dass die Kooperationen zwischen Verbänden, muslimi  
schen Gemeinschaften und dem Staat einen regelmäßigen Aus  
tausch vorsehen – mit dem Ziel, dass die Verbände unabhängige,  
inländische Strukturen entwickeln, die sich langfristig selbst tragen  
können.  
Der säkulare Staat muss den Religions- und Weltanschauungs  
gemeinschaften gegenüber neutral sein und darf sich keine Reli  
gion oder Weltanschauung zu eigen machen. Jede\*r muss sich auf  
diese Neutralität verlassen können.  
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2\. Endlich gleiche Rechte für Lesben, Schwule, Bisexuelle,  
trans\*, inter\* und queere Menschen (LSBTIQ\*)  
Die eingetragene Lebenspartnerschaft hat die Akzeptanz von Les  
ben und Schwulen deutlich gestärkt, sie aber rechtlich nicht gleich  
gestellt. Deutschland ist hier der Zeit hinterher. Wir GRÜNE wollen  
die Ehe endlich für alle öffnen und gleichgeschlechtlichen Paaren  
die Adoption ermöglichen. Mit uns wird es keinen Koalitionsvertrag  
ohne die Ehe für Alle geben. Zu einer modernen und innovativen  
Familienpolitik gehört für uns aber auch, Menschen zu unterstüt  
zen, die jenseits von Ehe und eingetragener Lebenspartnerschaft  
verbindlich und solidarisch zusammenleben. Kinder aus allen Fami  
lienformen wollen wir gleichbehandeln und unterstützen. Wir wol  
len den Schutz vor Diskriminierung im Artikel 3 des Grundgesetzes  
um die Merkmale der sexuellen und geschlechtlichen Identität er  
gänzen.  
Wir wollen das Transsexuellengesetz durch ein Gesetz zur An  
erkennung der selbst bestimmten Geschlechtsidentität mit ein  
fachen Verfahren zur Änderung des Vornamens und Berichtigung  
des Geschlechtseintrags ersetzen. Operationen zur sogenannten  
„Geschlechtsanpassung und -zuweisung“ an intergeschlechtlichen  
Säuglingen und Kindern wollen wir grundsätzlich verbieten.  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN plädieren für eine dritte Option im  
Personenstandsrecht. Trans\* Menschen dürfen nicht pathologisiert  
werden. Deshalb setzen wir uns national wie international dafür  
ein, dass sie nicht mehr als psychisch krank klassifiziert werden.  
Vielmehr muss ihre Gesundheitsversorgung besser gesichert wer  
den. Mit einem bundesweiten Aktionsplan für Vielfalt und gegen  
Homo-, Bi- und Transfeindlichkeit wollen wir Forschung, Aus- und  
Fortbildung bei Polizei, Justiz und anderen staatlichen Akteur\*innen  
verstärken – insbesondere im Blick auf trans\* Kinder und Jugend  
liche, auf Prävention und eine sensible Opferhilfe. Bildungs- und  
Jugendpolitik soll Menschenrechte und die Vielfalt sexueller Iden  
titäten stärker berücksichtigen. Auch für bisexuelle junge Men  
schen wollen wir Angebote schaffen, die ihre gesellschaftliche  
Situation und persönliche Entwicklung stärken. In den Landesre  
gierungen haben wir hier auch gegen Widerstände klare Akzente  
gesetzt, zum Beispiel mit den Bildungs- und Aktionsplänen in vie  
len Bundesländern.  
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In vielen Staaten wird LSBTIQ\* das Leben zur Hölle gemacht:  
Verfolgung, Unterdrückung, Gewalt und Zensur. Hier muss Deutsch  
land klar Position beziehen, Menschenrechtsverteidiger\*innen aktiv  
stärken und die Mitgliedschaft in internationalen Organisationen für  
die Stärkung der Rechte sexueller Minderheiten weltweit nutzen.  
Wir setzen uns für einen zeitgemäßen Umgang mit HIV ein. Das  
heißt für uns umfassende Aufklärung und passgenaue Prävention  
sowie frühe Diagnose, Therapie und Unterstützung statt Stigmati  
sierung und Ausgrenzung. Dazu gehört auch, das Potenzial der  
medikamentösen Prophylaxe vor HIV zu nutzen, allgemein PrEP  
(Präexpositionsprophylaxe) genannt. Studien über unter anderem  
die Folgen des Langzeitgebrauchs, die Resistenzentwicklung und  
weitere gesundheitliche Auswirkungen sind notwendig. Wir wollen  
den zielgruppengenauen Einsatz und die entsprechende Finanzie  
rung prüfen.  
Wir werden die Aufarbeitung der Verfolgung und Diskriminierung  
von LSBTIQ\* in der deutschen Rechts- und Gesellschaftsgeschichte  
vorantreiben. Jenseits des Strafrechts wurden auch lesbische Frauen,  
Transsexuelle und Transgender im Nationalsozialismus verfolgt und  
diskriminiert. Über die derzeitige beschlossene Rehabilitierung und  
Entschädigung hinaus fordern wir eine angemessene und ausrei  
chende Kollektiventschädigung, die jährlich für Projekte zum Beispiel  
im Bereich der LSBTIQ\*-Senior\*innen zur Verfügung gestellt wird.  
Wir wollen zudem die Entschädigung sowie die Wiederherstellung  
der Würde aller Opfer erreichen, bevor auch hier der Zeitablauf eine  
persönliche Entschuldigung unmöglich macht. Dazu wollen wir einen  
Härtefonds einrichten.  
3\. Selbstbestimmung für alle: Barrierefrei und  
gleichberechtigt leben  
Wir GRÜNE streiten für eine inklusive Gesellschaft, in der alle Men  
schen frei und selbstbestimmt leben und teilhaben können. Wir  
wollen eine bunte, vielfältige Gesellschaft, in der es normal ist, ver  
schieden zu sein, in der niemand ausgegrenzt wird und alle das Ge  
fühl haben: Ich gehöre dazu. Jede\*r soll die Unterstützung erhalten,  
die jeweils benötigt wird. Uns geht es um Selbstentfaltung und die  
Möglichkeit individueller Lebensentwürfe ebenso wie um die gesell  
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schaftlichen Voraussetzungen für individuelle Freiheit. Unser Ziel ist  
eine inklusive Gesellschaft, die frei von Barrieren sowie frei von Vor  
urteilen und Diskriminierung ist. Eine inklusive Gesellschaft trifft  
Vorkehrungen und schafft Rahmenbedingungen, damit alle teilhaben  
können. Dazu gehört eine barrierefreie Infrastruktur ebenso wie uni  
verselle Sicherungssysteme, die effektiv vor Armut schützen.  
Für Menschen mit Behinderung ist Inklusion ein Menschenrecht.  
Das Bundesteilhabegesetz der Großen Koalition erfüllt diesen An  
spruch bislang nicht. Außerdem muss die Bundesregierung ihre  
Blockade der horizontalen EU-Gleichbehandlungsrichtlinie endlich  
beenden. Menschen mit Behinderungen erleben immer wieder Be  
nachteiligungen: Auf dem Bahnhof, wenn Fahrstühle fehlen, wenn  
die Kosten für Gebärdensprachdolmetschung nicht übernommen  
werden oder bei der Wahl des Wohnortes. Wir wollen das Wunsch  
und Wahlrecht durchsetzen und die Bedingungen für den Ausbau  
des selbstbestimmten Wohnens mit Assistenz weiter verbessern.  
Integrationsunternehmen sollen ausgebaut werden als echte Alter  
nativen zu den Werkstätten. Wer auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt  
arbeiten möchte, muss die dafür notwendige Unterstützung erhal  
ten. Wir setzen uns für einen barrierefreien öffentlichen Raum ein,  
in dem Gebäude, Medien, Produkte, Dienstleistungen und Veran-  
staltungen besser zugänglich und nutzbar sind. Hierzu ist es unum-  
gänglich, auch für die Privatwirtschaft verbindliche Vorgaben für  
die Barrierefreiheit zu formulieren. Die von Bundesrat und Bundes  
tag ratifizierte Konvention der Vereinten Nationen über die Rechte  
von Menschen mit Behinderungen muss endlich auch in Deutsch  
land vollständig umgesetzt werden. Dazu gehört auch, die derzeit  
noch bestehenden Einschränkungen beim Wahlrecht abzuschaffen.  
4\. Für eine Drogenpolitik, die auf Prävention, Jugendschutz  
und Selbstbestimmung setzt  
Der Krieg gegen Drogen ist gescheitert. Kriminalisierung und Re  
pression sind keine erfolgreichen Mittel gegen den Missbrauch von  
Drogen. Viele Menschen leiden unter den Folgen dieser Politik. Wir  
wollen einen Paradigmenwechsel in der Drogenpolitik und setzen  
dabei auf Prävention, Hilfe, Schadensminderung, Entkriminalisie  
rung und Forschung. Ziel ist es, das Selbstbestimmungsrecht der  
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Menschen zu achten und gesundheitliche Risiken zu minimieren.  
Wir fordern langfristig eine an den tatsächlichen gesundheitlichen  
Risiken orientierte Regulierung von Drogen. Zudem soll intensiver  
auf die Gefahren von Tabak und Alkohol hingewiesen werden. Wer  
bung für Nikotin lehnen wir ab. Die Kriminalisierung von Drogen  
konsument\*innen muss beendet werden. Wer abhängig ist, braucht  
Hilfe und keine Strafverfolgung. Wir wollen die zielgruppen  
spezifischen und niederschwelligen Angebote in der Drogen und  
Suchthilfe stärken. Gefährdungen wollen wir durch risikominimie  
rende Maßnahmen, wie Spritzentauschprogramme, Drogenkon  
sumräume und Substanzanalysen (Drug Checking), entgegentreten.  
Dazu gehört auch die menschenwürdige Behandlung von Schwerstab  
hängigen auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse.  
Die ideologiegeleitete Verbotstradition des Konsums von Can  
nabis verursacht mehr Probleme, als sie bekämpft. Statt sinnfreier  
Strafverfolgung, die zudem viele Millionen Euro kostet, setzen wir  
auf Prävention für Kinder und Jugendliche, eine Stärkung der Sucht  
hilfe für Abhängige und eine strenge Regulierung von Cannabis für  
Erwachsene. Unser Cannabiskontrollgesetz weist den Weg, wie in  
dividuelle Freiheit für Erwachsene und strikter Jugendschutz in eine  
ausgewogene Balance gebracht werden können. Wir wollen einen  
Jugendschutz mit strengen Kontrollen, mehr Prävention und die  
Vermeidung von Gesundheitsrisiken für erwachsene Konsumenten  
durch Regulierung und Kontrolle der Qualität.  
Wer GRÜN wählt, stimmt für diese drei Projekte:  
Gleiche Rechte für gleiche Liebe – jetzt Ehe für Alle öffnen!  
Ohne die volle Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen Paaren  
bleibt jedes Reden über Akzeptanz heiße Luft. Für uns GRÜNE war  
es ein großer Erfolg, die eingetragene Lebenspartnerschaft einzu  
führen, aber noch sind wir nicht am Ziel. Noch immer bestehen  
Diskriminierungen. Wir wollen diese Ungleichbehandlung gleich  
geschlechtlicher Partnerschaften beenden und – längst über  
fällig – die Ehe für Alle öffnen und auch gleichgeschlechtlichen  
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Paaren die gemeinschaftliche Adoption ermöglichen. Gleiche  
Liebe verdient gleichen Respekt und gleiche Rechte.  
Menschen mit Behinderung ein selbstbestimmtes  
Leben ermöglichen  
Wir wollen die Selbstbestimmung von Menschen mit Behinde  
rung stärken. Dafür werden wir die VN-Behindertenrechtskon  
vention konsequent umsetzen. Wir wollen, dass es keine Sonder  
welten gibt, sondern Menschen mit Behinderung uneingeschränkt  
teilhaben können am Leben in der Gesellschaft. Menschen mit  
Behinderung sollen frei darüber entscheiden können, wo und  
wie sie wohnen. Auch darüber, welche Assistenz, Pflege oder pä  
dagogische Unterstützung sie möchten. Wir unterstützen Men  
schen mit Behinderung entschieden bei Bildung, Ausbildung und  
Arbeit. Statt Werkstätten für Menschen mit Behinderung auszu  
bauen, werden wir ihre Öffnung zum allgemeinen Arbeitsmarkt  
über das Budget für Arbeit, Unterstützte Beschäftigung und In  
tegrationsbetriebe fördern.  
Klare Regeln schaffen statt kriminalisieren –  
Cannabiskontrollgesetz einführen  
Für Anbau, Handel und Abgabe von Cannabis wollen wir ein klar  
geregeltes und kontrolliertes System schaffen. Dabei greifen –  
im Gegensatz zu heute – Verbraucher\*innen- und Jugendschutz  
sowie Suchtprävention. Inhaltsstoffe sollen zukünftig über  
wacht und Altersbeschränkungen eingehalten werden. Der Ver  
kauf von Cannabis soll unter strenger Wahrung des Jugendschut  
zes durch lizenzierte und geschulte private Verkäufer\*innen  
erfolgen. So trocknen wir den Schwarzmarkt aus. Das entlastet  
Strafverfolgungsbehörden von zeitraubenden, kostspieligen  
und ineffektiven Massenverfahren. Therapie-, Präventions- und  
Hilfsangebote wollen wir bedarfsgerecht ausbauen. Auch dafür  
wollen wir Erträge aus der Cannabissteuer einsetzen.  
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II. WIR STEHEN EIN FÜR  
SELBSTBESTIMMUNG UND  
GLEICHBERECHTIGUNG  
Die Hälfte der Macht den Frauen, das ist seit unserer Gründung un  
ser Anspruch. Unsere Parteigeschichte ist geprägt vom Feminismus  
und von Frauen, die ihre Rechte durchsetzen – mit den Männern  
wenn möglich, gegen sie wenn nötig. Wir haben Themen in den  
Bundestag getragen, die zunächst verlacht und dann Jahrzehnte  
später doch umgesetzt wurden. Vergewaltigung in der Ehe ist heute  
strafbar. Diskriminierung ist verboten. Wir machen immer und über  
all feministische Politik. Wir verstehen feministische Politik konse  
quent als eigenständiges Politikfeld mit einer Querschnittsaufgabe,  
die alle anderen Gesellschaftsbereiche durchdringt. Frauen sind  
heute oft sehr gut ausgebildet und beanspruchen selbstbewusst  
und selbstverständlich ihren Platz in vielen Bereichen unseres Zu  
sammenlebens. Sie haben im Schnitt gleiche oder höhere Bildungs  
abschlüsse und Qualifikationen. Wir haben Gesetze, die Hürden ab  
bauen und Gleichberechtigung fördern.  
Und dennoch glauben wir, dass es heute einen neuen feministi  
schen Aufbruch braucht. Die Welle des Rechtsnationalismus, die  
über die USA und Europa rollt, richtet sich auch gegen die Freiheit,  
Selbstbestimmung und Gleichberechtigung von Frauen: In den USA  
regiert ein Präsident, der aus seiner Frauenverachtung keinen Hehl  
macht. In Polen konnte eine weitere Verschärfung des bereits stren  
gen Gesetzes gegen Schwangerschaftsabbrüche nur knapp verhin  
dert werden. In Deutschland machen Rechtspopulist\*innen gegen  
Gleichstellung und Gender Mainstreaming mobil und wollen Frauen  
wie Männer am liebsten wieder in traditioneller Rollenaufteilung  
sehen.  
Wir wollen diesen alten und neuen Frauenfeind\*innen keinen  
Millimeter nachgeben. Wir wollen nicht zurück in eine Gesellschaft,  
in der alleinerziehende Mütter schief angeschaut wurden und ande  
re über das Leben von Frauen glaubten bestimmen zu können. Wir  
wollen stattdessen die noch bestehenden Ungerechtigkeiten besei  
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tigen. Wir wollen mehr. Und unsere Gesellschaft kann mehr. Chan  
cen, Macht, Geld und Zeit wollen wir endlich gerecht zwischen  
Frauen und Männern teilen. Pfleger\*innen und Erzieher\*innen wer  
den schlecht bezahlt, vor allem schlechter als vergleichbare „Män  
nerberufe“. Das Dienstleistungsprekariat ist überwiegend weiblich.  
Das werden wir ändern, auch wenn es Zeit braucht. Anfangen müs  
sen wir jetzt.  
Wir wollen, dass Frauen endlich genauso entlohnt werden wie  
Männer. Wir wollen Mädchen und Jungen die gleichen Chancen er  
öffnen – jenseits von Klischees und starren Geschlechterrollen. Wir  
wollen, dass niemand Frauen vorschreibt, wie sie zu leben haben,  
was sie werden wollen, wie sie sich kleiden – keine religiösen  
Ideolog\*innen, kein Staat, keine Patriarchen. Wir treten Gewalt ge  
gen Frauen entgegen. Sexistische Bemerkungen, anzügliche Sprü  
che, körperliche Belästigung hat fast jede Frau schon erlebt. Das  
wollen wir nicht länger akzeptieren.  
Wir kämpfen dabei für die Selbstbestimmung von allen Frauen.  
Wir wissen, dass es mehrfache Diskriminierungen gibt. Eine Frau  
Özlem hat größere Probleme auf dem Arbeitsmarkt als Frau Müller.  
Das Verfahren der anonymisierten Bewerbung wollen wir auswei  
ten, um solche Diskriminierungen zu vermeiden. Wir wollen, dass es  
jeder Frau möglich ist, so zu leben, wie sie es möchte. Wir wenden  
uns gegen alle Versuche, Frauenrechte zu missbrauchen, um die  
Angst vor zugewanderten Menschen zu schüren oder für rassisti  
sche Argumentationen zu instrumentalisieren.  
1\. Für faire und gerechte Löhne  
Uns GRÜNEN geht es darum, dass Frauen und Männer so leben kön  
nen, wie sie es wollen. Zu den Voraussetzungen gehört, dass Frauen  
am gesellschaftlichen Wohlstand, am Einkommen und Vermögen  
gleichberechtigt teilhaben. Es geht um ihre wirtschaftliche Unab  
hängigkeit in allen Lebensphasen. Da gibt es in Deutschland noch  
einiges zu tun. Mehr Frauen denn je sind berufstätig. Aber viel zu  
oft arbeiten sie in Minijobs oder prekärer Beschäftigung. Sie werden  
schlechter entlohnt als Männer. Soziale Berufe, in denen über  
wiegend Frauen arbeiten, werden nicht angemessen bezahlt. Sie  
verdienen mehr Wertschätzung und bessere Arbeitsbedingungen,  
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insbesondere durch einen Tarifvertrag „Soziale Dienste“, der dann  
für alle gelten soll. Die Renten vieler Frauen sind jetzt schon niedrig  
und das wird sich in Zukunft eher noch verschlechtern. Das ist un  
gerecht. Und es schadet uns allen. Grüne Frauenpolitik unterstützt  
Frauen darin, wirtschaftlich unabhängig zu sein und sich im Job  
zu verwirklichen. Denn wer eigenes Geld verdient, kann sein Leben  
selbst gestalten.  
Wir wollen ein effektives Entgeltgleichheitsgesetz, das auch für  
kleine Betriebe gilt. So können Tarifverträge und Vereinbarungen  
auf Diskriminierung überprüft werden. Unser Ziel ist es, Minijobs in  
sozialversicherungspflichtige Beschäftigung umzuwandeln und da  
für zu sorgen, dass die Beiträge durch Steuern und Abgaben sowie  
soziale Leistungen so aufeinander abgestimmt werden, dass sich  
Erwerbsarbeit immer rechnet. Dabei darf die Belastung mit Steuern  
und Abgaben nicht sprunghaft steigen. Und wir streiten dafür, Beru  
fe, die heute noch meist von Frauen ergriffen werden, beispielswei  
se in der Erziehung, in der Pflege oder im Gesundheitssystem, auf  
zuwerten und besser zu bezahlen.  
Eine große Hürde für die Erwerbstätigkeit von Frauen ist das  
Ehegattensplitting. Wir wollen weiterhin anerkennen, dass Paare, sei  
es in der Ehe, in einer Lebenspartnerschaft oder einfach zu zweit, in  
vielfältiger Weise Verantwortung füreinander übernehmen. Aber das  
Ehegattensplitting ist unmodern und bildet die vielen Formen part  
nerschaftlichen Zusammenlebens nicht ab. Es ist auch das Ehe  
gattensplitting, das finanzielle Anreize setzt für keine oder nur ge  
ringfügige Beschäftigung, für kleine Teilzeitjobs mit nur wenigen  
Arbeitsstunden; es birgt erhebliche Armutsrisiken in sich. Aus diesen  
Gründen werden wir zur individuellen Besteuerung übergehen und  
das Ehegattensplitting durch eine gezielte Förderung von Familien  
mit Kindern ersetzen. Dabei soll das neue Recht nur für Paare, die  
nach der Reform heiraten oder sich verpartnern, gelten. Für Paare,  
die bereits verheiratet oder verpartnert sind, ändert sich nichts. Sie  
können sich für eine Individualbesteuerung entscheiden, wenn sie  
vom grünen Familien Budget profitieren wollen. Die Reform des  
Ehegattensplittings werden wir mit Verbesserungen bei den Leis  
tungen für Familien verknüpfen, damit Ehen mit Kindern nicht  
schlechter dastehen.  
Frauen und Männer wünschen sich, Aufgaben im Beruf und zu  
Hause partnerschaftlich zu teilen. Diesen Wunsch zu verwirklichen,  
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Bundestagswahlprogramm 2017  
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wird im Alltag für viele Paare deutlich schwieriger, wenn Kinder  
kommen. Das gilt vor allem für die Frauen. Denn sie übernehmen  
nach wie vor den Großteil der Arbeit im Haushalt und der Fürsorge  
für Kinder und Pflegebedürftige. Grüne Zeitpolitik unterstützt Men  
schen dabei, die Sorge für andere und die Anforderungen im Job  
unter einen Hut zu bringen und diese Arbeit zwischen Männern und  
Frauen fair zu verteilen. Für Kinderbetreuung, Pflege und Weiterbil  
dung soll es möglich sein, finanziell abgesichert die Arbeitszeit  
zu reduzieren. Mit der „flexiblen Vollzeit“ können Beschäftigte ihre  
Arbeitszeit um bis zu zehn Wochenstunden reduzieren und wieder  
erhöhen. Nach der Familienphase braucht es Unterstützung beim  
Wiedereinstieg in den Beruf: Wir wollen deshalb endlich das Rück  
kehrrecht auf Vollzeit einführen.  
Aber wir führen auch den Kampf weiter, in den Führungsgremien  
endlich Gleichberechtigung zu schaffen. Diese sind in Deutschland  
weitgehend Männerrunden. Daran ändert das bisherige Quotenge  
setz nur wenig: Es gilt für ganze 101 Unternehmen. Wir wollen das  
ändern, mit einer 50-Prozent-Frauenquote für die 3.500 börsenno  
tierten und mitbestimmten Unternehmen. Die Potenziale und Qua  
lifikationen von Frauen zu verpassen, kann sich dieses Land nicht  
weiter leisten. Darum wollen wir Maßnahmen für Führungspositio  
nen auf allen betrieblichen Ebenen, in denen Frauen unterrepräsen  
tiert sind. Denn nur so zieht Geschlechtergerechtigkeit in die Füh  
rungsetagen ein.  
2\. Gewaltfrei leben  
Gewalt gegen Frauen ist immer noch ein großes Problem in unserer  
Gesellschaft. Bedrohungen, sexuelle Übergriffe und Gewalt gegen  
Frauen sind widerliche Taten. Sie müssen konsequent verfolgt und  
bestraft werden.  
Frauen sind oft gerade im eigenen Zuhause von Gewalt betrof  
fen. Die meisten Übergriffe geschehen in der Partnerschaft, durch  
Verwandte und Freund\*innen. Vielen Frauen und ihren Kindern  
bleibt trotz der Hilfe durch das Gewaltschutzgesetz keine andere  
Wahl als der Weg in ein Frauenhaus. Aber weder die Zahl der Plätze  
in Frauenhäusern noch die Hilfs- und Beratungsangebote sind der  
zeit ausreichend. Das wollen wir ändern. Wir wollen für eine sichere  
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Finanzierung von Frauenhäusern unter Beteiligung des Bundes sor  
gen und damit sicherstellen, dass keine Frau in Not abgewiesen  
werden muss.  
Wir akzeptieren es nirgendwo, wenn ein Klima der Bedrohung  
für Frauen entsteht. Die Unbefangenheit und Angstfreiheit im öf  
fentlichen Raum, der sichere nächtliche Bummel durch die Stadt –  
das ist gelebte Freiheit, die wir GRÜNEN mit allen rechtsstaatlichen  
Mitteln verteidigen. Der öffentliche Raum gehört allen, alle müssen  
sich dort selbstbestimmt und ohne Angst aufhalten können. Schon  
kleine stadtplanerische Maßnahmen, wie eine bessere Beleuch  
tung, können Angsträume reduzieren. Mehr Polizei vor Ort kann die  
Sicherheit erhöhen.  
Der Schutz der sexuellen Selbstbestimmung muss ohne Wenn  
und Aber gelten. „Nein heißt nein“ ist endlich Gesetz. Betroffene  
von sexualisierter Gewalt brauchen Unterstützung von Polizei,  
Ärzt\*innen und Justiz und keine Mythen, die ihnen, ihrer Kleidung  
oder ihrem Auftreten die Schuld zuweisen. Darum müssen Polizei  
und Justiz umfassend geschult und sensibilisiert sein im Umgang  
mit Betroffenen von sexualisierter Gewalt. Wir wollen, dass für  
Opfer von Vergewaltigungen eine qualifizierte Notfallversorgung  
einschließlich anonymer Spurensicherung und der Pille danach si  
chergestellt und die Finanzierung gewährleistet wird, ebenso die  
therapeutische Begleitung durch Beratungsstellen und Ärzt\*innen.  
Frauen und Männer, die sich einer Zwangsverheiratung entziehen  
wollen, müssen ein eigenständiges und dauerhaftes Rückkehrrecht  
erhalten.  
Die Rechte und den Schutz von Frauen und Männern, die in der  
Prostitution arbeiten, wollen wir durchsetzen und stärken. Dazu  
wollen wir freiwillige Beratungsangebote stärken und finanziell  
unterstützen. Die Auswirkungen des Prostituiertenschutzgesetzes  
werden wir evaluieren. Menschenhandel, zum Beispiel zum Zweck  
der sexuellen Ausbeutung, ist ein abscheuliches Verbrechen und  
muss mit allen Mitteln bekämpft werden. Das heißt mithilfe des  
Strafrechts, durch Information und Beratung sowie durch Schutz  
und Hilfe für die Opfer. Opfer von Menschenhandel dürfen nicht  
einfach abgeschoben werden. Ein dauerhaftes Bleiberecht würde  
ihre Anzeige- und Aussagebereitschaft deutlich erhöhen.  
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Bundestagswahlprogramm 2017  
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3\. Über den Körper selbst bestimmen  
Über den Körper selbst zu bestimmen, ist nicht leicht, wenn alle  
eine Meinung dazu haben. Wir setzen uns für das Selbstbestim  
mungsrecht von Frauen und Mädchen über ihren Körper ein. Bei un  
gewollter Schwangerschaft brauchen Frauen wohnortnahe Unter  
stützung und Hilfe, keine Bevormundung und keine Strafe. Erst  
recht brauchen sie keinen Rückschritt bei bereits erkämpften Rech  
ten und keine Einschränkungen erreichter Freiheiten. Wir wollen  
das Recht einer selbstbestimmten Familienplanung stärken. Für  
Menschen mit geringem Einkommen soll der kostenfreie und un  
komplizierte Zugang zu Verhütungsmitteln sichergestellt werden.  
Schönheitsideale und Körpernormen, wie sie beispielsweise in  
der Werbung vermittelt werden, haben Auswirkungen auf unser Le  
ben. Jungen und Mädchen, Frauen und Männer sollen möglichst frei  
von solchen Vorgaben leben können und nicht aufgrund ihres Äu  
ßeren Diskriminierung erfahren. Wir wollen den Respekt vor körper  
licher Vielfalt fördern. Nicht die Werbewirtschaft allein sollte defi  
nieren, was sexistisch ist und was nicht, sondern eine unabhängige  
Kommission, die anhand konkreter Kriterien Empfehlungen für die  
Werbewirtschaft abgibt.  
Zur Selbstbestimmung gehört auch, dass Frauen die Wahl haben  
zu entscheiden, wie und wo sie entbinden, dass die Qualität der  
Versorgung überall gesichert ist und dass Hebammen nicht wegen  
unzumutbaren Versicherungskosten, schlechter Bezahlung oder  
schlechten Arbeitsbedingungen ihren Beruf aufgeben müssen.  
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Wer GRÜN wählt, stimmt für diese drei Projekte:  
Für ein echtes Entgeltgleichheitsgesetz – Frauen verdienen  
gleichen Lohn für gleiche und gleichwertige Arbeit  
Wir wollen endlich Lohngerechtigkeit zwischen Männern und  
Frauen herstellen. Berufe mit hohem Frauenanteil wollen wir  
gesellschaftlich und finanziell aufwerten – sei es in der Pflege,  
in der Kindertagesstätte oder in sozialen Projekten. Wir wollen  
ein Entgeltgleichheitsgesetz, das möglichst viele erwerbstätige  
Frauen erreicht, nicht nur wenige. Dabei soll ein Lohncheck auf  
decken, ob Frauen ungleich bezahlt werden. Tarifpartner\*innen  
und Arbeitgeber\*innen sollen verpflichtet sein, tarifliche und  
nicht tarifliche Lohnstrukturen auf Diskriminierung zu überprü  
fen. Vor allem aber muss dieses Gesetz auch ein wirksames Ver  
bandsklagerecht enthalten. Dann sind Frauen nicht auf den  
schwierigen individuellen Klageweg angewiesen, weil Verbände  
bei strukturellen Benachteiligungen klagen können.  
Für eine gute Geburtshilfe – Hebammenarbeit sichern  
Nur mit Hebammen gibt es gute Geburtshilfe. Nur mit ihnen kann  
das Recht von Frauen auf freie Wahl des Geburtsortes und eine  
selbstbestimmte Geburt verwirklicht werden. Wir wollen daher si  
cherstellen, dass Hebammen nicht wegen unzumutbaren Versi  
cherungskosten, schlechter Bezahlung und schlechten Arbeitsbe  
dingungen ihren Beruf aufgeben müssen. Krankenhäuser mit  
Geburtsstationen sollen in allen Regionen gut erreichbar sein. Wir  
wollen, dass neue Anreize gesetzt werden, damit Hebammen und  
Geburtshelfer\*innen auch in unterversorgten Regionen tätig sind.  
Wir streben eine 1:1-Betreuung durch Hebammen in wesentlichen  
Phasen der Geburt an. Für Geburten in und außerhalb von Kran  
kenhäusern brauchen wir verbindliche Qualitätsvorgaben.  
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Konsequent gegen Gewalt an Frauen  
Wir wollen Gewalt gegen Frauen überall bekämpfen, denn die  
physische und psychische Unversehrtheit ist ein zentrales Gut.  
Ob zu Hause, im öffentlichen Raum oder bei Cybergewalt. Um  
Schutz zu gewährleisten, brauchen Frauenhäuser genügend  
Plätze. Wir wollen die Finanzierung von Frauenhäusern und Be  
ratungsstellen sicherstellen und den Bund dabei in die Pflicht  
nehmen. Für mehr Sicherheit und Schutz im öffentlichen Raum  
setzen wir auf wirksame Sicherheitskonzepte und eine gute Zu  
sammenarbeit von Sicherheitsbehörden mit Fachberatungsstel  
len. Wir fordern Ansätze wie Security-Anlaufstellen für Frauen  
bei Großveranstaltungen. Wir wollen, dass Präventionskonzepte  
gegen sexualisierte Gewalt und Cybermobbing entwickelt und  
die Anlaufstellen für Betroffene ausgebaut werden.  
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III. WIR SICHERN FREIHEIT  
Deutschland ist ein sicheres Land und es soll sicher bleiben.  
Grundlage dafür sind unsere freie Gesellschaft und ein liberaler  
Rechtsstaat – beide wollen wir stärken. Nur demokratisch kon  
trollierte Institutionen, die den Menschen- und Bürger\*innen  
rechten verpflichtet sind, genießen das Vertrauen der Bürger\*innen.  
Nur ein freiheitlicher und damit starker Rechtsstaat garantiert den  
nötigen Schutz wie auch Freiraum für die Selbstbestimmung und  
die vielf ältigen Lebensweisen jeder und jedes Einzelnen in unse  
rer Gesellschaft. Eine maßlose Politik immer weitreichenderer  
Grundrechtseingriffe schwächt hingegen unsere Freiheit und  
sorgt nicht für mehr Sicherheit. Stattdessen braucht es eine Politik  
der inneren Sicherheit, die auf wirksame Prävention und effektive  
Strafver folgung setzt, um die Menschen vor Kriminalität, Gewalt  
und Diskriminierung zu schützen. Aufgabe der Sicherheitsinstitu  
tionen ist es dabei, für die Rechte der Bürger\*innen einzutreten  
und neue wie alte Gefahren für Freiheit und Sicherheit wirksam zu  
bekämpfen.  
Unsere freie Gesellschaft und ihre Werte sind heute ganz unter  
schiedlichen Angriffen ausgesetzt. Gewalt kann nie ein Mittel sein,  
Überzeugungen durchsetzen zu wollen. Der menschenverachtende  
Terror des Dschihadismus will unsere Demokratie destabilisieren,  
wie das auch Rechtsextreme und Reichsbürger\*innen versuchen.  
Diesen Gefahren stellen wir uns entschlossen entgegen. Wir tun  
dies mit rechtsstaatlichen Mitteln und zielgerichteten Maßnahmen.  
Pauschale Verdächtigungen und anlasslose Datensammlungen sind  
hier nur kontraproduktiv. Es ist viel wirksamer, gezielt mit verhält  
nismäßigen Mitteln einige hundert Personen zu überwachen, die  
hierfür auch einen hinreichenden Anlass geboten haben, als 80 Mil  
lionen Bürgerinnen und Bürger anlasslos mit der Vorratsdatenspei  
cherung, flächendeckender Videoüberwachung oder automatisier  
ter Gesichtserkennung zu erfassen. Wir lehnen diese jeweils ab. Die  
Sicherheitsbehörden benötigen vielmehr die Befugnisse, die erfor  
derlich sind, um zielgerichtet Gefahren abwehren zu können. Poli  
zeiliches Handeln braucht dabei ein gutes rechtsstaatliches Funda  
ment – genau formuliert und kontrolliert.  
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Die terroristischen Anschläge der jüngsten Vergangenheit wie  
am Breitscheidplatz in Berlin, die zahllosen Angriffe auf hier schutz  
suchende Menschen, aber auch die Erkenntnisse aus den NSU-Un  
tersuchungsausschüssen offenbaren die Notwendigkeit, die Sicher  
heitsbehörden für die aktuellen Bedrohungen besser aufzustellen.  
Zudem ist das Vertrauen in den Staat angesichts rechtswidriger  
Massenüberwachung durch deutsche wie internationale Geheim  
dienste und das Eigenleben beim Verfassungsschutz beschädigt.  
Die gegenwärtige Regierung versucht mit dem verzerrten Droh  
bild eines gegen Terror und Kriminalität hilflosen Staates nur von  
den eigentlichen Fehlentwicklungen in der Sicherheitspolitik abzu  
lenken. Anstatt Fehler zu beheben, forciert die Bundesregierung  
Gesetzesverschärfungen im Hauruckverfahren, ohne die Folgen ab  
zuschätzen. Im besten Fall sind sie sicherheitspolitische Placebos,  
im schlechtesten Fall weitreichende Grundrechtsverletzungen. Wir  
sperren uns nicht gegen jede Gesetzesänderung, sind aber nicht be  
reit, unwirksame Verschärfungen auf Kosten unserer Grundrechte  
zu akzeptieren – erst einmal müssen die bestehenden Gesetze  
wirksam angewendet werden. Viele der aktuellen Maßnahmen sor  
gen für weniger Sicherheit, weniger Freiheit und eine weniger le  
benswerte Gesellschaft. Sie gehören nach wissenschaftlichen Kri  
terien auf den Prüfstand und im Zweifel korrigiert. Stattdessen  
bedarf es einer wirksamen Anwendung der bestehenden Gesetze  
und eines effektiven Grundrechtsschutzes.  
Wir setzen auf das Konzept einer bürgernahen Polizei, die wie  
auch die Justizbehörden über genug und gut ausgebildetes Personal  
mit moderner Technik verfügen muss, sowie auf eine Zusammenar  
beit der europäischen Sicherheitsbehörden, die auf klaren rechts  
staatlichen Regelungen basiert.  
1\. Sicherheit in einem starken, weil freiheitlichen Rechtsstaat  
Unsere rechtsstaatliche Sicherheitspolitik braucht eine Polizei, die  
in der Gesellschaft anerkannt wird. Eine Polizei, die gut ausgestat  
tet, fachkundig und bürgernah arbeiten kann. Die früheren Ein  
sparungen waren ein schwerer Fehler. Für motivierte Polizeiarbeit  
braucht es neben moderner Technik vor allem mehr Personal mit  
guten Qualifikations und Karrierechancen sowie familienfreundli  
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che Arbeitsbedingungen. Dafür setzen wir GRÜNE uns auch in den  
Landesregierungen ein. Bund und Länder müssen kontinuierlich  
ausbilden, einstellen sowie für Entlastung bei administrativen Auf  
gaben sorgen. Wir brauchen Behörden, die an der Seite der Men  
schen für Sicherheit sorgen und für unseren Rechtsstaat eintreten.  
Deswegen unterstützen wir eine vielfältige und bürgernahe Polizei.  
Immer mehr Frauen und Menschen mit sogenanntem Migrations  
hintergrund im Polizeidienst helfen beim Bürgerkontakt und bei der  
Verbrechensbekämpfung. Eine vielfältige Polizei, die unverhältnis  
mäßigen Gewalteinsätzen oder sexistischen und rassistischen Dis  
kriminierungen keinen Platz bietet, ist im Interesse von uns allen  
und gerade auch der Beamt\*innen selbst. Wir setzen uns daher für  
eine Weiterentwicklung der Fehlerkultur, interkulturelle Kompe  
tenz und Fortbildungen ein, fördern die anonymisierte Kennzeich  
nung sowie unabhängige Polizeibeauftragte – als Ansprechpart  
ner\*innen für Bürger\*innen wie Polizeibeamt\*innen. Außerdem  
brauchen wir gut ausgestattete Gerichte und Staatsanwaltschaften  
sowie eine selbstverwaltete Anwaltschaft als unabhängiges Organ  
der Rechtspflege. Der Zugang zum Recht muss für alle Menschen  
gleichermaßen gewährleistet sein. Das Strafrecht darf immer nur  
letztes Mittel sein.  
Videoüberwachung kann an Gefahrenschwerpunkten eine un  
terstützende Maßnahme sein – wenn sie anlassbezogen, verhältnis  
mäßig, von ausreichend Personal begleitet erfolgt und regelmäßig  
evaluiert und neu genehmigt werden muss. Denn Kameratechnik  
kann gute Polizeiarbeit ergänzen, nicht aber ersetzen. Eine flächen  
deckende Kameraüberwachung ist hingegen ein unverhältnismäßi  
ger Grundrechtseingriff, der kein Mehr an Sicherheit schafft und  
keine Straftaten verhindert oder diese nur verdrängt – anders als  
präventive Konzepte wie beispielsweise durch bauliche Maßnah  
men. Zudem müssen die Standorte von Kameras in der Öffentlich  
keit für die Bürger\*innen transparent sein.  
Kriminalitätsfelder wandeln sich. Während die Kriminalität ins  
gesamt sinkt, verunsichern andere Phänomene wie die hohen Ein  
bruchszahlen viele Menschen, da sie hier konkret in ihrer Lebens  
wirklichkeit getroffen werden. Daher wollen wir Schutzmaßnahmen  
fördern und im Mietrecht Sicherheitseinbauten erleichtern – denn  
wir setzen auf wirksame Maßnahmen zur Einbruchsprävention an  
statt auf symbolische Strafverschärfungen.  
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Organisierte Kriminalität ist vielfältig und, wie im Banden- und  
Rockerbereich, international verflochten und stark nach außen ab  
geschottet. Das erfordert besondere Bekämpfungskonzepte. Ein Fo  
kus ist dabei auf die Abschöpfung illegaler Gewinne sowie auf eine  
länderübergreifende Polizeizusammenarbeit zu legen. So lässt sich  
auf künftige Bedrohungen zielgerichteter und flexibler als durch  
Gesetzesänderungen reagieren.  
So vielfältig die Probleme, so vielfältig sind auch die Ursachen:  
Wir müssen den Blick auf die Sicherheitslage schärfen – anstatt ihn  
auf die bloße Kriminalitätsstatistik zu verkürzen. Im Sinne periodi  
scher Sicherheitsberichte sind kriminologische und praxisbezogene  
Erkenntnisse zusammen zu denken. Nur so finden wir wirksame  
Antworten auf diese Phänomene. Denn innere Sicherheit verstehen  
wir als Querschnittsaufgabe: in vielen Politikbereichen, von der  
Kommune über Bund und Länder bis Europa. Das erfordert Anstren  
gungen von der Sozial- bis zur Bildungspolitik, vom Städtebau bis  
zur Wirtschaftspolitik.  
Internetkriminalität fordert die Strafverfolgungsbehörden be  
sonders heraus. Die entsprechenden Befugnisse in der Strafpro  
zessordnung sind hier effektiv wie rechtsstaatskonform auszuge  
stalten. Und es braucht qualifiziertes Personal mit der nötigen  
Technik. Um sich auf diese eigentlichen Herausforderungen kon  
zentrieren zu können, wollen wir Justiz und Polizei von sachfrem  
den Verwaltungsaufgaben und der Verfolgung von Bagatelldelikten  
entlasten. So ist es beispielsweise unsinnig, dass Menschen im Ge  
fängnis sitzen, nur weil sie ihre Strafe fürs Schwarzfahren nicht be  
zahlen können.  
Mehr Personal mit guter Ausstattung und eine optimierte inter  
nationale Zusammenarbeit der Polizei, die nicht zwei Millionen  
Überstunden vor sich herschieben, sind zwar nicht so billig wie Ge  
setzesverschärfungen, verbessern aber direkt die Sicherheitslage.  
Die gezielte und länderübergreifende Überwachung von Terrorver  
dächtigen muss im Zentrum der polizeilichen Arbeit stehen – wo es  
nötig ist, auch mit den gebotenen Mitteln rund um die Uhr, um sie  
bei konkreter Gefahr auch kurzzeitig festzusetzen. Gefahrenabwehr  
ist Aufgabe der Polizei. Zudem muss das System der Zusammenar  
beit zwischen Bundeskriminalamt und den Staatsschutzdienststel  
len der Bundesländer analysiert und verbessert werden. Es gilt hier,  
klare Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten zu schaffen.  
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Den regelmäßigen Rufen nach einem Einsatz der Bundeswehr im  
Inneren erteilen wir eine klare Absage. Weil Terror und internatio  
nale Kriminalität keine Grenzen kennen, brauchen wir Sicherheits  
behörden, die in der Europäischen Union und international nach  
klaren rechtsstaatlichen Kriterien, gemeinsamen Grundrechtsstan  
dards und von den Parlamenten kontrolliert zusammenarbeiten.  
Wir setzen uns für EU-weit hohe Standards für die Rechte von  
Verdächtigen und Beschuldigten ein. Außerdem unterstützten wir  
einen angemessenen Informationsaustausch zwischen den euro  
päischen Sicherheitsbehörden sowie gemeinsame Europol-Ermitt  
lungsteams – als wirksamen Ansatz gegen grenzübergreifende Kri  
minalität und Terrorismus. Europa hat mit dem Schengen-Abkommen  
eine gemeinsame Verantwortung für seine Außengrenzen – diese gilt  
es durch ein Gesamtkonzept zu stärken, das den Schutz der Men  
schenrechte zur Grundlage hat und Rechtssicherheit garantiert.  
Einen wichtigen Beitrag zu unserer Sicherheitsarchitektur leis  
ten die vielen freiwilligen Mitglieder der Feuerwehr, des Techni  
schen Hilfswerks sowie der Rettungs- und Sanitätsdienste. Im Rah  
men des Bevölkerungsschutzes möchten wir das ehrenamtliche  
Engagement nachhaltig stärken und für moderne und zuverlässige  
Ausrüstung sorgen.  
2\. Nazis, nein danke!  
Rechtsextreme Fanatiker\*innen, Reichsbürger\*innen, Nazis und so  
genannte Identitäre formieren sich. Es gibt eine zunehmend laute  
rechte und rechtspopulistische Szene in Deutschland, die sich im  
Internet oder bei den Pegida-Demos mit ihrer Hetzerei Gehör ver  
schafft. Die Zahl rechter Straftaten hat ein Rekordniveau erreicht.  
Wir stellen uns dem Rechtsruck und der zunehmenden Gewalt ent  
schieden entgegen. Polizei und Justiz müssen rassistische und  
rechtsextreme Straftaten konsequent verfolgen und ahnden. Wir  
wollen den Schutz für Opfer rechter Gewalt verbessern. So müssen  
Opfer von rechter Gewalt aussagen können und besser unterstützt  
werden – in solch begründeten Fällen dürfen Menschen nicht ein  
fach abgeschoben werden.  
Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit wie Rassismus, Anti  
semitismus, Antiziganismus, antimuslimischer Rassismus, Homo  
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und Transfeindlichkeit, Sexismus sowie die Abwertung von Obdach  
losen, Langzeitarbeitslosen und Menschen mit Behinderung gilt es  
überall dort zu bekämpfen, wo sie vorkommt – in rechtsextremen  
Strukturen und rechtspopulistischen Bewegungen wie im Alltag,  
bei Migrant\*innen und Geflüchteten wie in der alteingesessenen  
Bevölkerung. Es ist Aufgabe der Politik, dafür zu sorgen, dass sich  
alle Menschen – unabhängig von ihrer Herkunft, ihrem Geschlecht,  
ihrer sexuellen Identität, Weltanschauung, Religion oder ihres sozi  
alen Status – frei und sicher bewegen und entfalten können – egal  
ob etwa in Berlin, Sachsen oder Baden-Württemberg.  
Wo immer Bürgerinnen und Bürger sich gegen Nazis engagieren,  
sichern wir ihnen unsere volle Unterstützung und Solidarität zu: sei  
es in Vereinen, Initiativen, Religionsgemeinschaften oder in der an  
tifaschistischen Einhornaktion – ob durch Bildungs- und Beratungs  
arbeit oder durch Demos und friedliche Blockaden von Nazi-Auf  
märschen. Das wollen wir besser anerkennen und ihre finanzielle  
Ausstattung sicherstellen.  
Zum zivilgesellschaftlichen Engagement gegen Rechts gehören  
für uns auch Demonstrationen. Symbolische Strafverschärfungen  
auf Kosten der Demonstrationsfreiheit lehnen wir ab. Sie machen  
keine Versammlung friedlicher. Eine deeskalierende Einsatzstrate  
gie sowie gut ausgebildete und ausgeruhte Einsatzkräfte sind hier  
für alle Seiten viel sinnvoller.  
3\. Zäsur beim Verfassungsschutz  
Der Staat muss Rechtsextremismus, alltäglichen und institutionell  
verankerten Rassismus mit allen rechtsstaatlichen Mitteln bekämp  
fen. Sicherheitsbehörden müssen den Blick nach rechts außen  
schärfen und dazu das breite Wissen zivilgesellschaftlicher Initiati  
ven besser würdigen und als Expert\*innenwissen in ihre Analysen  
einbeziehen. Das Versagen gegenüber dem rechtsterroristischen  
NSU hat deutlich gemacht: Das Bundesamt für Verfassungsschutz  
ist dauerhaft auf dem rechten Auge blind und nicht in der Lage, für  
die Demokratie gefährliche Entwicklungen zu erkennen. Auch die  
zweifelhafte Rolle des Verfassungsschutzes im Fall Amri und beim  
Anschlag auf den Berliner Breitscheidplatz weist auf Fehleinschät  
zungen hin. Wir wollen daher die Verfassungsschutzbehörden  
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grundlegend reformieren. Es braucht beim Verfassungsschutz einen  
Neustart und ein sehr gründliches Überdenken des V-Leute-Wesens.  
Wir wollen nicht, dass die zu beobachtenden Milieus querfinanziert  
und schwere Straftaten aus diesen Szenen gedeckt werden.  
Statt des Bundesamtes für Verfassungsschutz in seiner ineffektiven  
aktuellen Form wollen wir ein personell und strukturell völlig neues  
Bundesamt zur Gefahrenerkennung und Spionageabwehr gründen, das  
mit nachrichtendienstlichen Mitteln klar abgegrenzt von polizeilichen  
Aufgaben arbeitet. Die allgemeine Beobachtung demokratie- und  
menschenfeindlicher Bestrebungen soll ein unabhängiges Institut zum  
Schutz der Verfassung übernehmen, das ausschließlich öffentliche  
Quellen nutzt. Schließlich sind Wissenschaft und engagierte Zivilge  
sellschaft hier immer wieder ähnlich gut, wenn nicht manchmal bes  
ser informiert als das Bundesamt für Verfassungsschutz.  
4\. Prävention ausbauen – für eine Kultur des Hinschauens  
Wir wollen Prävention und Partizipation ausbauen. Wir müssen alles  
unternehmen, damit junge Menschen erst gar nicht in menschenver  
achtende und gewaltverherrlichende Ideologien abgleiten, gleich  
wie sie politisch oder fundamentalistisch motiviert sind. Das ge  
lingt durch eine Kultur des Hinschauens. Wir wollen Radikalisierung  
von Anfang an verhindern: Deshalb müssen wir deutlicher und frü  
her als bisher den Blick auf die elementare Bedeutung und positi  
ven Effekte von parlamentarischer Demokratie, Rechtsstaat und  
Gewaltenteilung lenken. Dazu fordern wir eine Bildungsoffensive  
in Kindertagesstätten und Schulen, Menschenrechtsbildung sowie  
die Förderung von Demokratie- und Medienkompetenz junger Men  
schen und eine Stärkung von Beratungsstellen, Jugendverbänden  
und aufsuchender Jugendarbeit. Dazu gehören auch Justizvollzugs  
anstalten, denn sie waren in der Vergangenheit ebenfalls Stationen  
der Radikalisierung. Ein liberaler Strafvollzug kann diesen Kreislauf  
mit gezielter Präventionsarbeit, besseren Haftbedingungen und der  
Perspektive auf Resozialisierung durchbrechen. Prävention ist eine  
Querschnittsaufgabe. Gerade an sozialen Brennpunkten müssen wir  
auch mit städtebaulichen und wirtschaftlichen Maßnahmen für  
Perspektiven sorgen, um Gewalt und No-go-Areas schon im Ansatz  
entgegenzuwirken.  
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Freiheit im Herzen  
BUNDESTAGSWAHLPROGRAMM 2017  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 143  
Wir wollen Präventionsprogramme sowohl gegen Rechtsextre  
mismus als auch gegen gewaltbereiten Islamismus und Salafismus  
massiv ausbauen und zivilgesellschaftliche Ansätze stärken. Hier  
gilt es, die Präventionsarbeit in und mit den Moscheegemeinden zu  
unterstützen. Dabei ist eine breite Vernetzung wie etwa mit Polizei,  
Schule und Jugendhilfe vor Ort besonders wichtig.  
Wir wollen Straftaten vorbeugen. Deshalb sollen Bund, Länder,  
Kommunen und zivilgesellschaftliche Institutionen gemeinsam in  
einem bundesweiten Präventionszentrum arbeiten. Programme zur  
Deradikalisierung und für Aussteiger aus der rechtsextremen und  
islamistischen Szene wollen wir stärken. Um Terrorakte und Amok  
taten zu verhindern, muss der Zugang zu Waffen erschwert werden.  
Es ist immer noch viel zu einfach, an illegale Schusswaffen und um  
gebaute Dekorationswaffen zu gelangen. Alle gefährlichen Waffen  
müssen lückenlos registriert und die Eignung und Zuverlässigkeit  
der Besitzer\*innen regelmäßig geprüft werden. Wir wollen eine eu  
ropaweite einheitliche Kennzeichnung und gemeinsame Standards  
für die Deaktivierung von Feuerwaffen einführen.  
Wer GRÜN wählt, stimmt für diese drei Projekte:  
Kampf gegen rechts stärken  
Wir sagen rechten und rechtspopulistischen Kräften in unserer Ge  
sellschaft den Kampf an. Viele Initiativen, Vereine oder Kirchen ma  
chen sich gegen Nazis und für eine weltoffene Demokratie stark.  
Diese zivilgesellschaftlichen Institutionen verdienen staatliche und  
politische Unterstützung und Anerkennung. Damit solche Struktu  
ren unabhängig von politischen Mehrheiten und ohne bürokra  
tischen Mehraufwand arbeiten können, wollen wir GRÜNE sie dau  
erhaft mit einem Demokratiefördergesetz stärken, das ihnen ver  
lässlich die nötigen finanziellen Grundlagen garantiert. Jeglichen  
staatlichen Generalverdacht und Druck gegen zivilgesellschaftliche  
Akteure, etwa anlasslose Überwachungen durch den Verfassungs  
schutz, lehnen wir ab. Außerdem müssen auch staatliche Bildungs  
und Beratungsangebote gegen rechte Gewalt ausgebaut werden.  
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Freiheit im Herzen  
ZUKUNFT WIRD AUS MUT GEMACHT.  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
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Der Radikalisierung von Jugendlichen vorbeugen  
Wir müssen alles unternehmen, damit junge Menschen nicht in  
menschenverachtende, gewaltpropagierende Ideologien abglei  
ten. Dazu wollen wir eine umfassende und wirkungsvolle Prä  
ventionsstrategie gegen gewaltbereiten Islamismus anwenden.  
Ein bundesweites Präventionszentrum soll die Aufgaben koordi  
nieren und alle relevanten staatlichen und zivilgesellschaftli  
chen Akteur\*innen vernetzen. Dazu gehören: verschiedene Res  
sorts der Bundesregierung, die Sicherheitsbehörden, Länder und  
Kommunen sowie Jugendhilfe, Jugendverbände, Demokratieini  
tiativen, islamische Organisationen, Wissenschaft und Medien.  
Auch regionale Netzwerke für die konkrete Präventionsarbeit  
vor Ort wollen wir fördern.  
Neustart beim Verfassungsschutz, aus Fehlern lernen  
Wir wollen das Leben in Deutschland für alle Menschen sicherer  
machen. Das geht nur geleitet von dem Grundsatz konsequenter  
Rechtsstaatlichkeit, mit starkem Schutz für unsere Menschen-,  
Grund- und Bürger\*innenrechte. Dafür braucht es grundlegende  
Reformen und den Willen, aus den Fehlern der Vergangenheit zu  
lernen. Das Bundesamt für Verfassungsschutz hat in den letzten  
Jahren mehrfach bewiesen, dass es nicht Teil der Lösung, son  
dern Teil des Problems in der Sicherheitsarchitektur in Deutsch  
land ist. Es braucht einen strukturellen Neustart beim Verfas  
sungsschutz. Wir wollen die Aufgaben trennen. Ein neues  
Bundesamt zur Gefahrenerkennung und Spionageabwehr soll  
mit nachrichtendienstlichen Mitteln, klar abgegrenzt von der  
Polizei, Terror und Spionage aufdecken. Es soll dabei helfen,  
dass sich alle in diesem Land, von Punkerin bis Bankerin, von  
Sachse bis Syrer, sicher fühlen. Dazu braucht es starke parlamen  
tarische Kontrolle. Gleichzeitig soll ein unabhängiges Institut  
demokratie- und menschenfeindliche Bestrebungen mit wissen  
schaftlichen Methoden unter der ausschließlichen Nutzung von  
öffentlichen Quellen beobachten, sodass die Zivilgesellschaft in  
der Lage ist, darauf zu reagieren. Zudem ist das V-Leute-Wesen  
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Freiheit im Herzen  
BUNDESTAGSWAHLPROGRAMM 2017  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 145  
sehr gründlich zu überdenken. Wir wollen nicht, dass die zu be  
obachtenden Milieus querfinanziert und schwere Straftaten aus  
diesen Szenen gedeckt werden.  
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Freiheit im Herzen  
ZUKUNFT WIRD AUS MUT GEMACHT.  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
146  
IV. WIR STÄRKEN DIE  
DEMOKRATIE UND  
VERTEIDIGEN DEN  
FREIHEITLICHEN  
RECHTSSTAAT  
Demokratie ist weder selbstverständlich noch unveränderlich. Sie  
muss immer wieder neu erklärt und erkämpft werden, um die Men  
schen zu überzeugen und sie als Wähler\*innen zurückzugewinnen.  
Sie braucht Bürgerinnen und Bürger, die sich einmischen, egal ob  
sie hier geboren oder eingewandert sind – die für ihre Werte, für  
ihre Rechte und die der Anderen einstehen. Sie braucht demokrati  
sche Institutionen, die für Beteiligung offen sind. Sie braucht ein  
starkes Parlament, eine unabhängige Justiz und freie und unabhän  
gige Medien. Und lebendige Organisationen, die sich vielfältig ein  
bringen, von Parteien über Gewerkschaften, Religionsgemein  
schaften bis hin zu NGOs, Stiftungen, Vereinen und Initiativen. Wir  
setzen auf einen starken, demokratischen Rechtsstaat, der unsere  
Freiheit sichert.  
Demokratie braucht eine vernünftige Debatte, die auf Fakten  
baut, auf gegenseitigen Respekt und den Austausch von Argumen  
ten – statt auf Hass, Hetze und dumpfe Parolen. Der Erfolg autori  
tärer und antidemokratischer Kräfte in Europa und den USA macht  
deutlich, dass wir uns an einem historischen Scheideweg befinden:  
Wir müssen als Gesellschaft für die im Laufe der europäischen Ge  
schichte, auch jüngst wieder in der friedlichen Revolution in Osteu  
ropa und der DDR erkämpften Grund- und Freiheitsrechte sowie die  
Demokratie und die Prinzipien der offenen Gesellschaft einstehen.  
Diese Errungenschaften machen uns aus und machen uns stark.  
Wir werden deshalb mit aller Entschlossenheit verhindern, dass die  
Uhr wieder zurückgedreht wird. Nationalismus, Rassismus und die  
Feindschaft zwischen den Religionen und Bevölkerungsgruppen  
haben bei uns keine Chance.  
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Freiheit im Herzen  
BUNDESTAGSWAHLPROGRAMM 2017  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 147  
1\. Demokratie stärken durch mehr Transparenz  
und Beteiligung  
Demokratie lebt vom Vertrauen der Bürger\*innen in ihre Repräsen  
tant\*innen, in ihre Institutionen und Entscheidungsprozesse. Mit  
großer Sorge sehen wir GRÜNE, dass dieses Vertrauen in Deutsch  
land und Europa geringer wird. Wir wollen deshalb die Demokratie  
stärken – auch indem wir für mehr Transparenz und bessere Betei  
ligung sorgen. Das Parlament ist für uns als zentrale Vertretung der  
Bürger\*innen Deutschlands die Herzkammer unserer Demokratie.  
Doch wir haben gesehen: In Zeiten einer erdrückenden Mehrheit ei  
ner Großen Koalition sind die Möglichkeiten der parlamentarischen  
Kontrolle und Mitwirkung empfindlich eingeschränkt. Deshalb wol  
len wir sie ausbauen. Die Arbeit des Bundestages muss transparen  
ter werden, die Ausschüsse grundsätzlich öffentlich tagen. Um den  
Einfluss von Lobbyist\*innen und Interessengruppen offenzulegen,  
wollen wir ein verpflichtendes öffentliches Lobbyregister einrich  
ten. Um Lobbyeinflüsse im Entstehungsprozess von Gesetzen transpa  
rent zu machen, sollen Abgeordnete zum einen mindestens zeitgleich  
mit Verbänden Diskussions-, Referent\*innen- und Kabinettsentwürfe  
erhalten und zeitgleich mit den Ministerien beziehungsweise der  
Bundesregierung die Eingaben der Verbände. Zum anderen wollen  
wir zu diesem Zweck einen „legislativen Fußabdruck“ einführen.  
Wenn Lobbyist\*innen an Gesetzestexten mitwirken, muss das als  
Quellennachweis kenntlich gemacht werden.  
Bei Spenden an Parteien brauchen wir mehr Transparenz, damit  
Bürger\*innen erkennen können, ob eine Einflussnahme auf politi  
sche Entscheidungen erfolgt. Um sichtbar zu machen, wer an Par  
teien spendet oder diese mit Sponsoring unterstützt, wollen wir die  
Veröffentlichungsgrenzen für Parteispenden herabsetzen und ent  
sprechende Regeln auch für das Parteisponsoring einführen. Wir wol  
len Spenden an Parteien auf natürliche Personen mit einer jährlichen  
Obergrenze pro Person beschränken. BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN wen  
den bis zu einer entsprechenden Änderung das geltende Recht an.  
Höhe und Herkunft von Nebeneinkünften der Mitglieder des Deut  
schen Bundestages sollen offengelegt werden.  
Wir wollen Open Government voranbringen, eine Verwaltung,  
die transparent und auf Augenhöhe mit Bürgerinnen und Bürgern  
kommuniziert. Für die Öffentlichkeit relevante Informationen wer  
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ZUKUNFT WIRD AUS MUT GEMACHT.  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
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den dann nach den Kriterien von Open Data im Internet veröffent  
licht. Den Einsatz von offenen und diskriminierungsfreien Stan  
dards in Behörden und bei der Behördenkommunikation wollen wir  
ausbauen. Wir wollen das bestehende Informationsfreiheitsgesetz  
zu einem umfassenden Transparenzgesetz weiterentwickeln. In  
Kommunen, Ländern und auf Bundes- wie europäischer Ebene bau  
en wir die Bürger\*innenbeteiligung aus. In den Ländern zeigen wir  
dies zum Beispiel mit unseren Initiativen für Transparenzgesetze:  
Wir stehen für eine Politik des Gehörtwerdens und der Bürger\*innen  
beteiligung. Wir beziehen Bürger\*innen bei Planungs- und Bauvor  
haben früher und besser ein. Dazu wollen wir die Gesetze und Vor  
schriften weiterentwickeln, gerade auch für Großprojekte.  
Das Petitionsrecht wollen wir zu einem wirksamen Mittel der  
Bürger\*innenbeteiligung ausbauen. Die Stärkung der Demokratie  
hört für uns jedoch nicht bei den Parlamenten auf, sondern umfasst  
auch die Demokratisierung verschiedener Lebensbereiche, wie zum  
Beispiel Schule, Hochschule, Ausbildung oder Arbeitsplatz.  
Demokratie lebt auch vom Vertrauen in die Wähler\*innen, des  
halb wollen wir GRÜNE Elemente direkter Demokratie auch in der  
Bundespolitik stärken. Wir wollen Volksinitiativen, Volksbegehren  
und Volksentscheide in die Verfassung einführen. Für eine offene  
Gesellschaft spielt eine lebendige Zivilgesellschaft eine zentrale  
Rolle. Wir setzen uns deshalb für mehr Rechtssicherheit im Gemein  
nützigkeitssektor ein, insbesondere um die steuerliche Gleichbe  
handlung verschiedener zivilgesellschaftlicher Akteur\*innen sicher  
zustellen. Hierzu soll auch der Katalog von gemeinnützigen Zwecken  
angepasst und erweitert werden um die Förderung von Frieden,  
Menschenrechten und Demokratie, aber auch um Beiträge wie die  
Einrichtung und Unterhaltung des Freifunks. Die Förderung gemein  
nütziger Organisationen soll mit verbesserten, klareren und einheit  
lichen Publikations- und Transparenzvorschriften einhergehen.  
Die Rechte von Minderheiten sowie Grundrechte und wesentliche  
Verfassungsprinzipien dürfen durch Volksentscheide nicht zur Dispo  
sition gestellt werden. Zum Kern der Demokratie gehört die Mehr  
heitsentscheidung genauso wie der Minderheitenschutz. Bislang  
werden Menschen, die unter ständiger gesetzlicher Betreuung ste  
hen, vom Wahlrecht ausgeschlossen. Dies ist mit dem Grundgesetz  
und der UN-Behindertenrechtskonvention nicht vereinbar. Wir setzen  
uns dafür ein, dass dieser Wahlrechtsausschluss aufgehoben wird.  
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BUNDESTAGSWAHLPROGRAMM 2017  
Bundestagswahlprogramm 2017  
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Das Demonstrationsrecht darf nicht vom Geldbeutel abhängen und  
durch illegitime Abmahnpraktiken ausgehöhlt werden. Überhöhte  
Gebühren für Unterlassungsklagen unterbinden wir durch die Präzi  
sierung eines gesetzlichen Streitwerts.  
Damit möglichst viele Menschen am demokratischen Prozess teil  
nehmen können, wollen wir Kommunalwahlen auch für Menschen  
öffnen, die hier mit Aufenthaltsrecht, aber ohne deutschen oder EU-  
Pass leben. Die Teilnahme an Wahlen ist ein wesentlicher Schritt für  
eine gelungene Integration. Deswegen und damit möglichst viele  
Menschen partizipieren, wollen wir Menschen, die dauerhaft in  
Deutschland leben, die Teilnahme an Abstimmungen und Wahlen er  
leichtern. Damit sich gerade junge Menschen früh einbringen kön  
nen, wollen wir das Wahlalter bei allen Wahlen auf 16 Jahre absen  
ken. Damit junge Menschen auch wirklich mitentscheiden und  
mitbestimmen können, wollen wir die Institutionalisierung von poli  
tischen Jugendgremien und deren Finanzierung voranbringen. Der  
zeit sind Frauen in den Parlamenten massiv unterrepräsentiert. Wir  
werden deshalb konkrete Schritte prüfen, ob beispielsweise ein Pari  
tätsgesetz helfen kann, diesen unsäglichen Zustand abzustellen.  
Damit die Wahlbeteiligung und daraus folgend auch die Reprä  
sentanz in den Parlamenten nicht vom sozialen Milieu abhängig blei  
ben, müssen die politischen Parteien direkter auf die Wähler\*innen  
zugehen und eine verständlichere Sprache verwenden.  
2\. Gesellschaftliches Engagement fördern,  
Whistleblower\*innen schützen  
Millionen Menschen mischen mit und bringen sich ein. Sie tragen  
im Kleinen zum großen Ganzen, zum Zusammenhalt unserer Gesell  
schaft bei. Ihr Engagement ist vielfältig und bunt: Es reicht von  
der Feuerwehr bis zur Geflüchteten und Nachbarschaftshilfe, vom  
Chor über den Sportverein bis zum Engagement in Kirche, Synagoge  
und Moschee. Es erstreckt sich vom Einsatz für Umwelt, Men  
schenrechte bis zum Kampf für globale Gerechtigkeit. Engagement  
braucht Unterstützung, zum Beispiel durch die Übernahme von Ver  
sicherungen, Qualifizierung und zertifizierte Weiterbildungsmög  
lichkeiten. Gleichzeitig wollen wir mehr Geld im Bundeshaushalt für  
Fortbildungen und Supervision bereitstellen – damit Engagement  
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Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
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nicht in Überforderung mündet! Wir wollen mit gezielter Informa  
tion und Ansprache dafür sorgen, dass Angebote zum freiwilligen  
Engagement allen gesellschaftlichen Gruppen offenstehen.  
Freiwilligendienste eröffnen jungen Menschen neue Horizonte.  
Wir wollen die Zahl der Freiwilligendienstplätze auf 200.000 erhö  
hen, um mehr jungen Menschen diese Möglichkeit zu eröffnen. Den  
Freiwilligen wollen wir ein persönliches Coaching mit Angeboten  
zur Berufsfindung, Ausbildung und Studienplanung anbieten. Im  
Dienst erworbene Kompetenzen sollen als Ausbildungs- oder Studi  
enleistungen anerkannt werden können. Wer sich in hohem Maße  
neben der Schule ehrenamtlich für unsere Gesellschaft engagiert  
oder nach dem Schulabschluss ein Lebensjahr in den Freiwilligen  
dienst steckt, dem möchten wir Danke sagen und eine Starthilfe von  
1.500 Euro für den weiteren Weg ins Leben mitgeben.  
Manchmal ist Engagement auch unbequem und stellt kritische  
Fragen, aber es zeugt von einer lebendigen und verantwortungs  
bewussten Zivilgesellschaft. Wer mitmischt und sich engagiert,  
trägt zum Zusammenhalt unserer Gesellschaft bei. Das wollen wir  
GRÜNE fördern und für mehr gesellschaftliche Anerkennung dieses  
Engagements sorgen, auch für staatliche Förderung, etwa durch die  
Möglichkeit des Spendenabzugs. Zivilgesellschaftliche Organisati-  
onen brauchen einen passenden und sicheren Rechtsrahmen. Auch  
Bürger\*innen, die – oft unter großen Risiken – Informationen über  
Missstände der Öffentlichkeit zugänglich machen, müssen unter  
stützt und mit einem Whistleblower\*innen-Schutzgesetz geschützt  
werden. Sie decken Unrecht und Ungerechtigkeiten auf und leisten  
einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag. Es ist widersinnig, sie in  
solch begründeten Fällen strafrechtlich zu verfolgen oder sie nicht  
vor dienst- und arbeitsrechtlichen Konsequenzen, wie Kündigung,  
zu schützen. Wir wollen Edward Snowden politisches Asyl geben,  
wie es das Europäische Parlament seit zwei Jahren fordert.  
3\. Freie Medien stärken  
Freie und unabhängige Medien und der allgemeine Zugang zu vielfäl  
tigen Informationen sind ein „Grundnahrungsmittel“ der Demokratie.  
Doch sie stehen heute enorm unter Druck, die Medienwelt hat sich  
in den vergangenen Jahren drastisch gewandelt. Wir GRÜNE wollen  
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Freiheit im Herzen  
BUNDESTAGSWAHLPROGRAMM 2017  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 151  
eine vielfältige und unabhängige Medienlandschaft verteidigen,  
auch gegen die Angriffe von Populist\*innen und Het zer\*innen, die  
ihrerseits mit Falschmeldungen und Meinungsrobotern objektive In  
formation durch Propaganda ersetzen. Journalist\*innen dürfen nicht  
unter dem Vorwand der Terrorismusbekämpfung überwacht und  
kriminalisiert werden. Auch der Informantenschutz muss gesichert  
sein. Unser Ziel ist eine Medienlandschaft, die vielfältig und innova  
tiv ist und auch die kleinen Player ernst nimmt. Nicht-kommerzielle  
Bürger\*innenmedien sollen ihre Arbeit als gemeinnützig anerken  
nen lassen können. Eine Voraussetzung für Qualitätsjournalismus  
sind faire Arbeitsbedingungen für Journalist\*innen, die ein unabhän  
giges und anspruchsvolles Recherchieren und Berichten erlauben.  
Das muss sich auch lohnen: Journalist\*innen und Verleger\*innen  
sind an der langfristigen Wertschöpfung ihrer Werke, besonders im  
digitalen Zeitalter, angemessen zu beteiligen. Dafür gibt es klüge  
re Lösungen als das kontraproduktive Leistungsschutzrecht für  
Presseverleger\*innen, das wenigen nützt und vielen schadet – wir  
wollen es daher so bald wie möglich wieder abschaffen. Stattdes  
sen brauchen wir eine sinnvolle Förderung der Vielfalt von Medien.  
Für eine unabhängige und qualitätsvolle Berichterstattung kommt  
dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk eine wichtige Rolle zu. Jedoch  
spiegeln die Rundfunk- und Fernsehräte sowie die Landesmedien  
anstalten oft nicht die gesellschaftliche, religiöse, kulturelle und  
weltanschauliche Pluralität Deutschlands wider. Das wollen wir  
ändern. Wir brauchen einen glaubhaften und unabhängigen öffent  
lich-rechtlichen Rundfunk. Dafür wollen wir seinen Auftrag stärken  
und ihn vor Einflussnahme aus Politik und Lobbyverbänden schüt  
zen. Deshalb muss er ohne staatliche oder kommerzielle Einfluss  
nahme arbeiten können. Das geht nur, wenn der öffentlich-recht  
liche Rundfunk auch weiterhin über Beiträge der Allgemeinheit  
finanziert wird und frei von wirtschaftlichen Interessen bleibt.  
Daher setzen wir GRÜNE uns dafür ein, dass er in Zukunft möglichst  
ohne Werbung auskommt. Dafür können unsere Bürger\*innen auch  
erwarten, dass sie die von ihnen finanzierten Inhalte dauerhaft  
im Netz abrufen können und die Kreativen angemessen vergütet  
werden.  
Und wir setzen uns ein für eine Vereinheitlichung des Jugend  
medienschutzes über die verschiedenen Medien hinweg und für eine  
aktive Stärkung der Medienkompetenz aller Altersgruppen. Millionen  
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Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
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Menschen in unserem Land spielen Computerspiele, allein oder zu  
sammen, spontan oder auch auf immer organisiertere Weise. Wir wol  
len die Computerspielekultur in ihrer Vielfalt und als E-Sport weiter  
stärken und prüfen, inwiefern sie als Sportart anerkannt werden kann.  
4\. Kultur in ihrer Vielfalt fördern  
Kunst und Kultur sind in ihrer Vielfalt für eine lebendige Demokra  
tie unverzichtbar. Kultur ist weit mehr als das, was die Kulturschaf  
fenden hervorbringen. In einer offenen Gesellschaft ist Kultur in  
ständiger Bewegung und Veränderung. Wir GRÜNE widersetzen uns  
deswegen allen Versuchen, eine nationale „Leitkultur“ durchzuset  
zen. In der Kultur darf es keine Grenzen geben, die im Namen einer  
angeblichen „kulturellen Identität“ darüber bestimmen, wer dazu  
gehört und wer nicht. Eine demokratische Gesellschaft lebt vom  
lebendigen Austausch der Kulturen – und sie eröffnet und schützt  
künstlerische Freiräume. Kunst ist oft provozierend, hält der Gesell  
schaft den Spiegel vor und schafft neue Ideen und Visionen. Wir  
GRÜNE werden Kulturorte schaffen, bewahren und fördern. Die  
Unabhängigkeit der Kultur von staatlicher und kommerzieller Be  
vormundung ist für uns selbstverständlich. Denn Kunst hat weder  
einen moralischen noch einen kommerziellen Auftrag zu erfüllen.  
Kultur ist gemeinsames Gut. Um es zu bewahren und zu berei  
chern, bedarf es der Aktivitäten öffentlicher Institutionen genauso  
wie des privaten Engagements. Das heißt, dass wir das Schaffen von  
Kultur fördern, die Kulturschaffenden unterstützen und die Rechte an  
geschaffenen kulturellen Werken schützen wollen. Eine partizipato  
rische und transparente öffentliche Kulturförderung ist für uns ein  
entscheidender Träger kultureller Entwicklungsmöglichkeiten. Sie  
eröffnet die Freiräume jenseits einer reinen Ökonomisierung von  
Kulturproduktion und -vermarktung. So wollen wir etwa mit neuen  
Finanzierungsstrukturen den deutschen Film auch abseits der Fern  
sehbeteiligung stärker fördern – ebenso wie innovative Projekte vom  
Filmstudio über das Stadttheater bis zur freien Szene.  
Künstler\*innen und Kulturschaffende brauchen eine stabile so  
ziale Absicherung und verbesserte Verdienstmöglichkeiten durch  
Mindestlöhne und Honoraruntergrenzen, die unter anderem in  
öffentlichen Förderprogrammen verankert werden müssen. Wir  
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BUNDESTAGSWAHLPROGRAMM 2017  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 153  
wollen sicherstellen, dass Urheber\*innen und Verwerter\*innen zum  
beiderseitigen Nutzen zusammenwirken und dass öffentlich finan  
zierte Kunst und Forschung nicht zuvörderst von privaten Unter  
nehmen kommerzialisiert werden.  
Wir treten dafür ein, dass kulturelle Teilhabe und Bildung ge  
stärkt werden. Kultur muss für alle Menschen zugänglich sein. Des  
halb sollen Menschen schon von jung auf die Möglichkeit zur kriti  
schen Auseinandersetzung mit Medien und Kultur bekommen. Die  
kulturelle Bildung in Schulen und anderen Einrichtungen wollen wir  
stärken. In diesem Kontext müssen wir insbesondere auch die Ar  
beitsbedingungen für freie Kulturschaffende verbessern. Auch un  
ser Kulturerbe soll zugänglicher werden. Dafür müssen wir es erhal  
ten. Diese Sicherung wie durch die Digitalisierung und Konservierung  
beim Film ist eine zentrale Aufgabe unserer Kulturpolitik und muss  
finanziell und institutionell gefördert werden.  
Unsere Auseinandersetzung mit Geschichte, insbesondere der  
Shoa und des Nationalsozialismus, prägt auch unsere gemeinsame  
Gegenwart und Zukunft. Eine kritische Perspektive auf die Wirkungs  
geschichte und den Umgang mit dieser Vergangenheit bietet für uns  
die Grundlage für unseren heutigen Einsatz gegen rechtes Gedan  
kengut. Die aktuellen rechtsautoritären Tendenzen verdeutlichen  
diese Notwendigkeit. Mit der Unterstützung von Kulturprojekten so  
wie einer ausreichenden Finanzierung von Gedenkstätten zum Aus  
bau multiperspektivischer Bildungsangebote wollen wir Erinne  
rungskultur auch in der Einwanderungsgesellschaft fördern. Wir  
brauchen neue Formen der Erinnerungskultur, um über Trennendes in  
den Dialog zu treten und uns über gemeinsame Werte zu verständi  
gen. Deutschlands kultureller Reichtum hat sich schon immer durch  
Austausch und Öffnung entwickelt. Abschottung lässt jede kulturelle  
Entwicklung verkümmern.  
Die NS-Aufarbeitung ist auch auf dem Feld der Raubkunst nicht  
abgeschlossen. Wir wollen mit umfassenden Aufarbeitungs- und Re  
cherchemaßnahmen dafür sorgen, dass alle Raubkunstgüter zurück  
gegeben werden können und den vielen betroffenen NS-Überleben  
den und ihren Angehörigen wenigstens in dieser Frage – wenn auch  
spät – ein Stück weit Gerechtigkeit wiederfährt. Die gesellschaftliche  
und wissenschaftliche Aufarbeitung der SED-Diktatur sowie Hilfe für  
deren Opfer und Benachteiligte sind für uns weiterhin ein großes  
Anliegen.  
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Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
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Lebenslange Teilhabe ist die Grundlage einer gemeinsamen  
Kultur. Dafür braucht es auch aktive und barrierefreie Angebote.  
Zudem müssen Förderentscheidungen in der Kulturpolitik nachvoll  
ziehbar sein. Kriterien wollen wir daher vorab kommunizieren und  
Förderentscheidungen transparent begründen. Es gilt, neue Förder  
wege zusammen mit den Kulturschaffenden zu entwickeln und  
auszuprobieren, um insbesondere kleinere Vorhaben gezielt zu för  
dern. Bundeskulturpolitik darf sich hier nicht auf Schaufenster- und  
Großprojekte beschränken. Kultur lässt sich nicht an Metropolen  
festmachen, wir unterstützen und fördern Kultur gerade auch im  
ländlichen Raum. Kulturelle Kooperation ist zumal in politisch ange  
spannten Zeiten geeignet, den Zusammenhalt in Europa und der  
Welt zu stärken. Um deutschen Kulturakteur\*innen die Teilnahme an  
Förderprogrammen der EU zu ermöglichen, gibt es bewährte Mo  
delle, zum Beispiel Anschubfinanzierung als Hilfe zur internationa  
len Projektentwicklung („seed money“) und Kofinanzierungsfonds  
(„matching funds“). Wir GRÜNE werden die Förderung der Geschlech-  
tergerechtigkeit im Kultur- und im Medienbereich, immer noch keine  
Selbstverständlichkeit, weiter voranbringen. Kultur muss für alle zu  
gänglich und erlebbar sein – unabhängig von Wohnort, Geldbeutel,  
Herkunft, Alter, körperlichen Voraussetzungen oder Identität.  
5\. Wir gestalten eine nachhaltige Sportentwicklung  
Sport tut gut. Unserer Gesundheit und unserer Gesellschaft. Sport  
ermöglicht Integration und Inklusion. Deswegen wollen wir, dass  
alle Menschen nach ihren Wünschen und Bedürfnissen Sport trei  
ben können. Sport findet überall statt: in Vereinen, Fitnessstudios  
oder privat im Park. Dazu brauchen wir bewegungsfreundliche  
Städte, intakte Sportstätten sowie ausreichend Freiwillige. Breiten-  
und Spitzensport müssen zusammen gedacht werden, denn beide  
profitieren voneinander.  
Fehlentwicklungen im Spitzensport, wie Doping, Korruption und  
gigantomane Sportgroßveranstaltungen dürfen wir nicht zulassen.  
Doping ist gesundheitsschädlich, unfair und gefährdet die Integri  
tät des Sports. Auf nationaler und internationaler Ebene brauchen  
wir wirksame Prävention, funktionierende Kontrollmechanismen  
und eindeutige Konsequenzen bei Dopingverstößen. Spitzensport  
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Freiheit im Herzen  
BUNDESTAGSWAHLPROGRAMM 2017  
Bundestagswahlprogramm 2017  
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förderung darf sich nicht nur an Medaillen, sondern muss sich vor  
allem an Athlet\*innen orientieren. Die Dopingvergangenheit in Ost  
und West gilt es lückenlos aufzuklären. Dopingopfer müssen wir an  
gemessen unterstützen.  
Korruptionsskandale auf höchster Ebene der Sportfunktionär\*innen  
und die zunehmende Kommerzialisierung bedrohen den Sport. Wir  
machen weiter Druck und fordern Transparenz und Good Governance  
auch im Sport. Bei Sportgroßveranstaltungen muss die Bevölkerung  
einbezogen werden. Hier müssen Menschen- und Bürger\*innenrechte  
sowie soziale und ökologische Standards eingehalten werden.  
Für Gewalt und Diskriminierung gib es im Sport keinen Platz.  
Wir setzen hier besonders auf Prävention und wollen sozialpädago  
gische Fanprojekte stärker unterstützen. Programme gegen Rechts  
extremismus im Sport wollen wir bündeln und eine weltoffene und  
vielfältige Fankultur fördern. Gleichzeitig schützen wir die Bürger\*in  
nenrechte von Fußballfans und diese vor ausufernden Datensam  
mlungen und Kollektivstrafen.  
Wer GRÜN wählt, stimmt für diese drei Projekte:  
Freier Eintritt ins Museum, Zugänge verbessern,  
Kultur fördern  
Wir wollen sowohl die Teilhabe an Kultur ermöglichen, unab  
hängig von Einkommen, Alter und Bildung, als auch die Entste  
hung von Kultur in allen Branchen fördern. In unseren Museen  
liegt das kulturelle Erbe in seiner ganzen Vielfalt. Allen Men  
schen freien Zugang zu den Dauerausstellungen der Bundes  
museen zu gewähren, ist für uns Teil der kulturellen Daseinsvor  
sorge. Wir stärken partizipative Projekte kultureller Bildung und  
öffnen darüber hinaus viele Wege zu kleinen wie großen Kul  
turorten. Wir wollen Modellprojekte umsetzen, um neue Zugän  
ge zu Kunst und Kultur zu erschließen und mehr Teilhabe zu  
ermöglichen. Mit den Kulturförderprogrammen des Bundes för  
dern wir eine breit gefächerte Kulturlandschaft, insbesondere  
jenseits des ökonomisierten Mainstreams.  
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Freiheit im Herzen  
ZUKUNFT WIRD AUS MUT GEMACHT.  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
156  
Whistleblower\*innen gesetzlich schützen –  
Transparenz stärken  
Wir wollen, dass Edward Snowden frei und sicher in einem de  
mokratischen Land leben kann, wir wollen ihm Asyl in Deutsch  
land anbieten. Wir haben ihm viel zu verdanken. Nur durch sei  
nen Mut, mit Informationen an die Öffentlichkeit zu gehen,  
wurde die skandalöse Ausspähung und Massenüberwachung  
von Bürger\*innen durch die NSA bekannt. Auch die Offenlegung  
von massenhafter und organisierter Steuerhinterziehung durch  
die Panama-Papiere, Luxleaks und bei Cum-Ex-Geschäften ver  
danken wir Whistleblower\*innen. Bürger\*innen, die sich dafür  
einsetzen, Informationen der Öffentlichkeit zugänglich zu ma  
chen, die dem öffentlichen Interesse und dem Allgemeinwohl  
dienen, müssen dabei unterstützt und geschützt werden. Des  
halb wollen wir GRÜNE sowohl ein europäisches wie ein natio  
nales Gesetz zum Schutz von Whistleblower\*innen, das diese  
Menschen vor Strafverfolgung und Kündigung schützt. Mehr  
Transparenz wollen wir auch durch die Einführung eines öffent  
lichen Lobbyregisters erreichen.  
Mehr Beteiligung für eine lebhafte Demokratie  
Direkte Demokratie ist für uns GRÜNE ein zentrales Anliegen.  
Deshalb wollen wir Volksentscheide im Grundgesetz verankern  
und direktdemokratische Beteiligung auf allen Ebenen stärken.  
Das gilt auch für Jugendliche. Damit sie mitbestimmen können,  
setzen wir uns dafür ein, das Wahlalter auf 16 Jahre abzusenken.  
Denn das Recht auf frühe Mitbestimmung und die entsprechen  
de demokratische Bildung motiviert junge Menschen, sich in die  
Gesellschaft einzubringen. Wer früh lernt, wählen zu gehen,  
setzt dies auch später fort und motiviert andere, auch zu wählen.  
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Freiheit im Herzen  
BUNDESTAGSWAHLPROGRAMM 2017  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 157  
V. WIR MACHEN  
VERBRAUCHERINNEN UND  
VERBRAUCHER STARK  
Täuschung, Tricksereien und Betrug – viele Menschen werden auch  
im Jahr 2017 noch zu oft über den Tisch gezogen. Während US-ame  
rikanische VW-Kund\*innen angemessene Entschädigungen für ma  
nipulierte Autos bekommen, gehen deutsche Kund\*innen leer aus.  
Datengiganten und mächtige Internetkonzerne sammeln und ver  
werten unsere Daten nahezu unkontrolliert. Hinter bunten Verpa  
ckungen und Fake-Siegeln verbirgt die Lebensmittelindustrie unge  
sundes Essen von teils minderer Qualität. Baustoffe dürfen bisher  
ungeprüft und undeklariert gesundheitsschädliche Substanzen ent  
halten.  
Verbraucher\*innenschutz betrifft alle Menschen – in nahezu allen  
Lebensbereichen. Von der ersten Kontoeröffnung über den täglichen  
Einkauf bis zur Altersvorsorge. Als GRÜNE schützen wir Verbrauche  
rinnen und Verbraucher vor Täuschung, Vertrags-Tricksereien und  
Missbrauch von Daten. Wir kämpfen für mehr Transparenz, mehr ge  
setzlichen Schutz und faire Klagerechte: So sieht grüner Verbrau  
cher\*innenschutz aus.  
1\. Nachhaltige Konsumentscheidungen ermöglichen  
Ob T-Shirt, Steak oder Smartphone: Woher ein Produkt kommt, was  
es enthält und wie es produziert wurde, bleibt viel zu oft im Dun  
keln. Wer will schon mit seinem Einkauf für Kinderarbeit und andere  
Menschenrechtsverletzungen, verseuchte Flüsse oder Tierleid ver  
antwortlich sein? Die Verbraucherinnen und Verbraucher haben  
auch ein Recht auf Transparenz über die Herkunft von Produkten  
und die Arbeits- und Produktionsbedingungen, unter denen sie her  
gestellt wurden. Deshalb wollen wir transparente Lieferketten mit  
sozialen und ökologischen Mindeststandards durch entsprechende  
Offenlegungs und Sorgfaltspflichten erreichen. Es muss klar sein,  
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ZUKUNFT WIRD AUS MUT GEMACHT.  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
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was in einer Verpackung steckt. Nur wenn draufsteht, was drin ist,  
hat nachhaltiger Konsum eine Chance.  
Für Fleisch und Milch wollen wir eine einfache Kennzeichnung  
einführen, die klar und deutlich zeigt, wie das Tier gehalten wurde –  
so wie bei Eiern längst etabliert. Diese muss auch für verarbeitete  
Produkte gelten. Dann können Konsument\*innen Tierleid und Um  
weltzerstörung die Rote Karte zeigen.  
Für mehr Ernährungsvielfalt ist die Gemeinschaftsverpflegung  
in Schulen, Kitas und Kantinen ein wichtiger Schlüssel: Gutes vege  
tarisches und veganes Essen sollte zum alltäglichen Angebot gehö  
ren. Menschen, die sich pflanzlich ernähren wollen, müssen dazu  
auch die Möglichkeit haben – abseits vom trockenen Brötchen oder  
einseitigen Beilagen.  
Gutes Essen ist mehr als Nahrungsaufnahme. Fehlernährung  
und Übergewicht verursachen massive Gesundheitsprobleme bei  
Kindern. Unser Ziel ist es, dass jedes Kind ein gesundes Mittagessen  
bekommt. Wir wollen die Schulverpflegung ausbauen und durch  
verbindliche Qualitätsstandards verbessern. Dem aggressiven Mar  
keting für ungesunde Kinderlebensmittel wollen wir durch klare  
Regeln für Werbung einen Riegel vorschieben. Kitas und Schulen  
sollen frei von PR-Aktionen sein.  
Kundinnen und Kunden werden entmündigt, wenn unverständli  
che Nährwertangaben Dickmacher verschleiern oder vegetarische  
und vegane Lebensmittel unklar gekennzeichnet sind. Wir wollen,  
dass die Lebensmittelpackung die Wahrheit sagt, beispielsweise  
durch eine Nährwertampel.  
Transparenz muss auch bei der Lebensmittelhygiene gelten. Wir  
wollen ein Hygienebarometer für Gaststätten einführen. So können  
Verbraucherinnen und Verbraucher erkennen, wie ein Betrieb bei  
der Lebensmittelüberwachung abgeschnitten hat.  
Ob Lebensmittel, Kleidung, Möbel oder Baustoffe: Derzeit  
herrscht ein undurchsichtiger Siegel-Dschungel. Zwischen nichts  
sagender Industriewerbung und einem kontrollierten Qualitäts  
siegel lässt sich schwer unterscheiden. Man muss teils Miss Marple  
oder Sherlock Holmes spielen, um herauszufinden, wo und wie et  
was produziert wurde und was enthalten ist. Darunter leidet die  
Glaubwürdigkeit ganzer Branchen. Wir wollen mit dem Siegel  
Dschungel aufräumen. Deshalb engagieren wir GRÜNE uns für Min  
destanforderungen für die wichtigsten Branchen und klare Kriterien  
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BUNDESTAGSWAHLPROGRAMM 2017  
Bundestagswahlprogramm 2017  
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für beispielsweise „fair“ oder „regional“. So schaffen wir die Voraus  
setzungen dafür, dass es echte Orientierung gibt.  
Gesundheitliche Risiken durch Schadstoffe oder Rückstände in  
Produkten und Lebensmitteln müssen ausgeschlossen werden. Das  
gilt beispielsweise für hormonelle Schadstoffe wie Phthalate, die  
in unzähligen Alltagsprodukten wie Verpackungen, Spielzeug oder  
Kosmetik zu finden sind, oder für Mineralölrückstände in Lebens  
mittelverpackungen.  
Viele Verbraucherinnen und Verbraucher wollen die Wegwerfge  
sellschaft hinter sich lassen und ressourcenschonend konsumieren.  
Hierfür wollen wir die Unternehmen dazu bewegen, zugunsten von  
Verbraucherinnen und Verbrauchern zu nachhaltigen Lebensdauern  
zurückzukehren. Außerdem müssen Produkte so gebaut sein, dass  
sie bei einem Defekt repariert werden können, anstatt weggewor  
fen zu werden. Das wird aber unmöglich gemacht, wenn Akkus fest  
verschweißt werden, Updates nicht mehr zur Verfügung gestellt  
werden, Kabel nicht mehr passen oder die Reparatur teurer ist als  
der Neukauf. So wird technologischer Fortschritt zum ökologischen  
und verbraucherpolitischen Rückschritt und es entstehen Müll  
berge aus Elektronikschrott. In Zukunft müssen Produkte so gebaut  
sein, dass sie länger halten, einfach zu reparieren sind und Akkus  
und Batterien sich austauschen lassen. Das wollen wir über Vorga  
ben für ein ökologisch sinnvolles Design und eine deutliche Verlän  
gerung der gesetzlichen Mindestgewährleistungsfristen erreichen.  
Es ist absurd, wie stark diese von den technisch möglichen Lebens  
dauern der Geräte abweichen. Verbraucher\*innen sollen zudem erst  
nach zwei Jahren statt bisher sechs Monaten in der Beweispflicht  
stehen. Wir fordern, dass bei Produkten künftig die zu erwartende  
Lebensdauer angegeben wird, und wir setzen uns dafür ein, nach  
schwedischem Vorbild den reduzierten Mehrwertsteuersatz auf Re  
paraturdienstleistungen zu erheben.  
2\. Verbraucher\*innenrechte gelten im Netz wie auf der Straße  
Bisher gibt es in Deutschland und Europa anders als in den USA kei  
ne finanziellen Entschädigungen für die vom Dieselskandal Betrof  
fenen. Für Einzelne ist es oft viel zu schwer, das geltende Recht  
auch zur Geltung zu bringen. So weigern sich etwa Fluggesellschaf  
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Bundestagswahlprogramm 2017  
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ten, Entschädigungsansprüchen nachzukommen. Wir wollen end  
lich Gruppenklagen ermöglichen, die das Prozessrisiko auf viele  
Schultern verteilen.  
Der Dieselskandal hat gezeigt, dass Verbraucher\*innen- und Ge  
sundheitsschutz für die Bundesregierung allenfalls zweitrangig  
gegenüber der Diesel-Lobby sind. Wir brauchen eine Kehrtwende.  
Staatliche Aufsichtsbehörden müssen endlich auch den Schutz der  
Verbraucherinnen und Verbraucher zu ihrem Ziel machen. Sie müs  
sen sich dafür starkmachen, dass Verbraucherinnen und Verbrau  
cher voll entschädigt werden, wenn sie über den Tisch gezogen  
wurden. Unrechtmäßig erzielte Gewinne, beispielsweise durch Kar  
tellverstöße, sollen den Verbraucherinnen und Verbrauchern zu  
rückgegeben werden, indem aus diesen Mitteln die unabhängige  
Verbraucher\*innenberatung gestärkt wird.  
Wir wollen Verbraucherinnen und Verbraucher auch im Netz  
stärken und schützen. Wir akzeptieren nicht, dass Google, Face  
book, WhatsApp und Co unsere persönlichsten Informationen hor  
ten und exakte Persönlichkeitsprofile von uns anlegen. Wer im In  
ternet unterwegs ist, hat das Recht zu wissen, an wen seine oder  
ihre Daten weitergegeben werden, und muss dagegen widerspre  
chen können. Gesundheitsdaten müssen auch digital geschützt  
werden. Auch in Zeiten von Big Data müssen die Grundsätze des  
Datenschutzes – Gesetzesvorbehalt, Erforderlichkeit und Zweck  
bindung – konsequent durchgesetzt werden. Personenbezogene In  
formationen sind hochsensibel und vom Grundgesetz besonders  
geschützt. Die Debatte ums „Dateneigentum“ führt in die Irre. Statt  
die Nutzung von Daten und den Grundrechtsschutz der Bürgerinnen  
und Bürger gegeneinander auszuspielen, setzen wir uns für einen  
effektiven Persönlichkeitsschutz und die Ermöglichung innovativer  
Angebote ein.  
Die Menschen müssen sich auf ihr Recht auf kostenfreie Aus  
kunft, Korrektur und Löschung ihrer Daten verlassen können. Die  
sen Pflichten dürfen sich Unternehmen auch nicht dadurch entzie  
hen, dass ihre Zentralen sich außerhalb Europas befinden. Dafür  
fordern wir Ansprechpartner\*innen dieser Unternehmen in Deutsch  
land, an die man sich wenden kann.  
Algorithmen bestimmen heute, wer wie viel zahlt, welche Wer  
bung angezeigt wird und welche Kreditbedingungen wir bekom  
men. Je nach Wohnort oder Endgerät sind manche Produkte unter  
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BUNDESTAGSWAHLPROGRAMM 2017  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 161  
schiedlich teuer. Gegen Ausspähung und Diskriminierungseffekte  
braucht es klare Regeln – für Transparenz und Verbraucher\*innen  
schutz im Digitalen. Dazu gehört auch die Wahlfreiheit im Netz. Was  
heute bei Telefon, SMS und Mail selbstverständlich ist, muss auch  
bei Messenger-Diensten oder sozialen Netzwerken möglich sein:  
unkompliziert zwischen Anbietern und Plattformen wechseln und  
kommunizieren zu können. Dazu wollen wir Interoperabilität unter  
stützen und deren Umsetzung von großen Anbietern fordern.  
3\. Besserer Schutz vor Abzocke durch Banken und Versicherer  
Fünf Euro fürs Geldabheben an fremden Automaten, überhöhte Ge  
bühren für Basiskonten, unverhältnismäßige Dispozinsen und un  
zureichende Beratung bei Vermögensanlagen und Versicherungen.  
Finanzieller Verbraucher\*innenschutz ist dringend notwendig,  
schützt vor Abzocke und steht für eine bessere Beratung: vom ers  
ten Konto über Anlageberatung bis zur Altersvorsorge.  
Die finanziellen Verluste durch falsche Anlageberatung werden  
für die deutschen Verbraucherinnen und Verbraucher auf circa  
50 Milliarden Euro jährlich geschätzt. Das ist nicht nur volks wirt  
schaftlicher Irrsinn, sondern beraubt Sparer\*innen und Versicherte  
und zerstört im schlimmsten Fall Existenzen. Doch trotz aller Ver  
sprechungen der Großen Koalition stehen dabei immer noch nicht  
die Bedürfnisse und Wünsche der Kundinnen und Kunden im Vor  
dergrund, sondern Verkaufsvorgaben und Provisionsversprechen  
für die „Berater\*innen“. Deshalb werden wir Provisionen und Gebüh  
ren deckeln und transparent machen. Unser Ziel, eine wirklich un  
abhängige Finanzberatung auf Honorarbasis für alle, wollen wir  
nach einer angemessenen Übergangszeit erreichen. Aber auch da,  
wo es nicht um die großen finanziellen Fragen des Lebens geht, sind  
Verbraucherinnen und Verbraucher den Instituten oft schutzlos  
ausgeliefert. Dispozinsen von zwölf Prozent und mehr sind keine  
Ausnahme. Wir GRÜNE wollen, dass kein Bankkunde in die Dispofal  
le läuft. Deshalb werden wir den Dispozins deckeln und ihn deutlich  
unterhalb des jetzigen Niveaus und in Abhängigkeit von einem Leit  
zins gesetzlich begrenzen. Ebenso muss der Zugang zu einem güns  
tigen Basiskonto sichergestellt sein, denn gesellschaftliche Teilha  
be hängt heute auch von der eigenen EC-Karte ab. In der Alters vorsorge  
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Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
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wollen wir mit einem staatlichen Basisprodukt eine transparente  
Alternative zum Dschungel der Altersvorsorgeprodukte schaffen.  
Wer GRÜN wählt, stimmt für diese drei Projekte:  
Wissen, was drin ist – Tierprodukte kennzeichnen  
Kein Ei mit der 3! So lautet der Spruch der wohl erfolgreichsten  
Tierschutzinitiative aller Zeiten. Seit die Haltungsform der Lege  
hennen gekennzeichnet werden muss, ist nämlich Schluss mit  
der Käfighaltung. Die Käufer\*innen haben „mit dem Einkaufs-  
beutel“ abgestimmt. Wir sind sicher: Das wird auch bei anderen  
Produkten funktionieren. Deshalb fordern wir eine klare und ein  
fache Kennzeichnung der Art der Tierhaltung auf sämtlichen  
Tierprodukten – wie beim Ei. Auch bei verarbeiteten Produkten  
soll die Packung besagen, was in ihr steckt. Künftig muss daher  
auf der Packung gut sichtbar sein, wo und wie die Tiere gehalten  
wurden.  
Datenschutz ausweiten – Privatsphäre wahren  
Datenhungrige Unternehmen speichern individuelles Verhalten  
ihrer Kund\*innen und nutzen diese Daten zur Profilerstellung.  
Die bestehenden Schutzmechanismen wie das Prinzip der Ein  
willigung laufen dabei ins Leere. Alle Verbraucherinnen und Ver  
braucher haben das Recht zu wissen, wer was wann und wo über  
sie speichert. Nur sie selbst – kein\*e Arbeitgeber\*in, kein Inter  
netanbieter, keine Krankenkasse und auch nicht der Staat – dür  
fen bestimmen, wer Zugriff auf ihre Daten hat und was damit  
geschehen soll. Wir werden darauf drängen, dass bei der Anpas  
sung der deutschen Datenschutzgesetze an die EU-Datenschutz  
reform die hohen EU-Standards für klare Grenzen von Sammlung  
und Verwertung persönlicher Daten und Informationen nicht  
aufgeweicht werden.  
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BUNDESTAGSWAHLPROGRAMM 2017  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 163  
Gruppenklagen für Verbraucherinnen und Verbraucher  
ermöglichen  
Der Fall VW hat einmal mehr deutlich gemacht: Es ist für Ver  
braucherinnen und Verbraucher zu schwer, ihre Rechte wirksam  
durchzusetzen. Viele überlegen zweimal, ob sie den Aufwand  
auf sich nehmen, ihre Rechte gerichtlich gegen einen Großkon  
zern durchzusetzen. Wir wollen das einfacher machen. Verbrau  
cherinnen und Verbraucher sollen sich zu Gruppenklagen zu  
sammenschließen und gemeinsam durch Gruppenklagen ihre  
Ansprüche klären können.  
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ZUKUNFT WIRD AUS MUT GEMACHT.  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
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VI. WIR MACHEN DAS  
INTERNET FREI UND SICHER  
Smartphone-App, soziale Netzwerke oder vernetzte Dienste in un  
serem Zuhause: Der digitale Wandel verändert unsere Gesellschaft  
immens. Innovationen können unsere Lebensqualität erhöhen, sei  
es der erleichterte Zugang zu Informationen und onlinebasierter  
Bürger\*innenbeteiligung, seien es der intelligent gesteuerte Ener  
gieverbrauch oder neue Formen von Teilen und Mobilität. Zugleich  
treibt immer mehr Menschen der Schutz und die Sicherheit ihrer  
individuellen Rechte und Daten im Internet um, angesichts der  
Macht einzelner Konzerne, staatlicher Überwachung, ständiger  
Erreichbarkeit oder zunehmenden Hasses und Hetze im Netz.  
Wir wollen den digitalen Wandel politisch gestalten. Wir richten  
unsere Politik an den Interessen der Menschen aus, nicht der Kon  
zerne. Unsere leitenden Werte sind dabei: Freiheit, Gerechtigkeit,  
Nachhaltigkeit und Demokratie. Für diese treten wir im Netz ein –  
und gegen Hetze, Hass und Gewalt. Digitale Selbstbestimmung  
treibt uns an und daher setzen wir uns ein für modernen Ver  
braucher\*innen- und Datenschutz, höchste Standards bei der  
IT-Sicherheit, fairen Wettbewerb und Innovationsfähigkeit. Selbst  
bestimmung im digitalen Zeitalter bedeutet auch, dass Verbrau  
cher\*innen die Kontrolle über ihre Geräte haben. Sie müssen bei  
Bedarf die Software unabhängig vom Hersteller verändern können,  
sodass Hersteller Geräte nicht durch ausbleibende Updates in Elek  
troschrott verwandeln.  
Wir wollen die Potenziale des digitalen Wandels für Bildung  
und Forschung, gleichberechtigte Teilhabe, sozialen Fortschritt  
und eine nachhaltige Wirtschaft nutzen. Für Innovationen im digi  
talen Zeitalter, bessere (digitale) Infrastruktur und für mehr IT-  
Sicherheit für alle Menschen und Unternehmen ist Regulierung  
erforderlich. Gemeinsam mit einer engagierten Zivilgesellschaft  
streiten wir für schnelles, neutrales Internet und starke Ver  
braucher\*innenrechte, mehr E-Government und offene Daten,  
freie und offene Software sowie Vertrauen durch Sicherheit in der  
digitalen Welt und gegen Massenüberwachung und uferloses Auf  
rüsten der Geheimdienste.  
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Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 165  
1\. Schnelles und offenes Internet für alle  
Schnelles Internet ist Teil der Daseinsvorsorge und Voraussetzung  
für Teilhabe in der digitalen Gesellschaft. Eine zukunftsfähige und  
nachhaltige Breitbandversorgung soll mittels Glasfaser überall in  
Deutschland bis zu jeder Haustür (FTTB) sichergestellt werden. Mit  
einer öffentlichen Netzgesellschaft wollen wir den flächendecken  
den Glasfaserausbau voranbringen, dafür bringt der Bund min  
destens den Erlös des Verkaufs seiner Telekom-Aktien (circa zehn  
Milliarden Euro) ein. Damit gründen wir öffentliche Breitband  
gesellschaften für den Glasfaserausbau im ländlichen Raum, um die  
Versorgung mit schnellem Internet im ganzen Land sicherzustellen.  
Zusammen mit Kommunen und weiteren Partner\*innen können so  
vor Ort Gesellschaften für den Glasfaserausbau gegründet werden.  
Den schnellen und umfassenden Ausbau des zukünftigen 5G-Mobil  
funknetzes werden wir aktiv unterstützen und uns dabei auch für  
ein flächendeckendes freies und offenes WLANNetz einsetzen.  
Wir setzen uns für echte Netzneutralität für alle ein, auch im  
Mobilfunk, und kämpfen gegen ein „Zwei-Klassen-Internet“. Echte  
Netzneutralität ist die Voraussetzung für einen fairen digitalen  
Wettbewerb und einen offenen, barrierefreien Zugang für alle Men  
schen. Mit der endgültigen Abschaffung der Störerhaftung schaffen  
wir offene und rechtssichere WLAN-Zugänge. Die Freifunk-Bewe  
gung wollen wir besser fördern. Wir setzen uns beim Mobilfunk für  
eine konsequente Minimierung der Strahlenbelastung ein.  
Wir wollen ein Urheber\*innenrecht, das der Nutzungs- und Ver  
wertungsrealität im Digitalen Rechnung trägt. Es muss bürger  
rechtskonform sein und die Interessen von Verbraucher\*innen,  
Verwerter\*innen und Urheber\*innen fair ausgleichen. Wir müssen  
mit Reformen des Urheber\*innenvertragsrechts die angemessene  
Vergütung von Kreativen stärken. Sie müssen ihre Ansprüche natio  
nal und international besser durchsetzen können. Nutzer\*innen  
digitaler Inhalte sollen bei Ausleihe und Weiterveräußerung nicht  
schlechtergestellt werden als bei analogen Gütern. Wissenschaftli  
che Erkenntnisse bedeuten gesellschaftliche Teilhabe. Deswegen  
unterstützen wir Open Access ebenso wie freie und nicht-kommer-  
zialisierte Zugänge zu Lehr- und Lernmaterialien und setzen uns für  
eine Bildungs- und Wissenschaftsschranke ein. Gleichzeitig müssen  
Urheber\*innen angemessen und fair vergütet werden. Inhalte sol  
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ZUKUNFT WIRD AUS MUT GEMACHT.  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
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len auf unterschiedlichen Endgeräten nutzbar und mitnehmbar  
sein. Bei der Digitalisierung des kulturellen Erbes wollen wir die  
Gemeinfreiheit erhalten.  
2\. Gemeinsam gegen Hass im Netz  
Mit Sorge beobachten wir die Verbreitung von Hass und Hetze im  
Netz. Die Strafverfolgung hingegen hinkt diesen Auswüchsen weit  
hinterher. Wir GRÜNE wollen dafür sorgen, dass Menschen, die sich  
volksverhetzend äußern oder andere mit Mord- und Vergewalti  
gungsfantasien bedrohen, konsequent zur Rechenschaft gezogen  
werden. Große Anbieter sozialer Netzwerke gehören hier in die  
Pflicht genommen, dürfen aber nicht in eine Richter\*innenrolle  
gedrängt werden. Sie müssen offensichtlich strafrechtswidrige In  
halte umgehend löschen. Gerichte und Strafverfolgungsbehörden  
müssen sie bei der Dokumentation und Verfolgung solcher Fälle un  
terstützen. Dafür ist rund um die Uhr eine inländische Kontaktstelle  
für Anfragen von Strafverfolgungsbehörden vorzuhalten und sind  
entsprechende Reaktionsfristen einzuhalten, ansonsten drohen  
Bußgelder.  
Einer Aushebelung der anonymen und pseudonymen Nutzung  
von Online-Diensten und damit der Meinungsfreiheit und -vielfalt  
stellen wir uns klar entgegen. Auskunft über Bestandsdaten von  
Nutzer\*innen an private Dritte auf Entscheidung der Anbieter leh  
nen wir ab. Strafverfolgungsbehörden und Gerichte müssen tech  
nisch und personell so ausgestattet werden, dass sie Rechtsverstö  
ße im Netz in angemessener Zeit bearbeiten können. Hasspostings  
und Falschmeldungen sind oft auch ein Fall für die medienrecht  
liche Aufsicht, die wir entsprechend ausstatten wollen. Im Netz  
muss erkennbar sein, ob Mensch oder Maschine kommunizieren. Wir  
fordern deshalb eine Kennzeichnungspflicht für Computerprogram  
me (Social Bots), die eine menschliche Identität vortäuschen und zu  
Zwecken der Manipulation und Desinformation eingesetzt werden  
können.  
Nicht alles, was hetzerisch im Netz geäußert wird, ist rechtswid  
rig. Meinungsfreiheit gilt auch für abseitige, oftmals schwer erträg  
liche Positionen. Wir fordern Internet-Unternehmen auf, intensiv  
mit Organisationen zusammenzuarbeiten, die sich für Opfer von  
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Freiheit im Herzen  
BUNDESTAGSWAHLPROGRAMM 2017  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 167  
Hass und Hetze, Rassismus und Diskriminierung im Internet einset  
zen, und diesen auch direktere Meldewege zur Verfügung zu stel  
len. Ein demokratisches Netz braucht Nutzer\*innen, die Hass und  
Hetze eine klare, ethisch begründete Haltung entgegensetzen, die  
Inhalte kritisch hinterfragen, um Falschmeldungen keine Chance zu  
geben, und die sich aktiv in Diskussionen mit Gegenrede einbringen,  
um Betroffene von Rassismus und Mobbing zu unterstützen. Ein  
freies, offenes und inklusives Netz lebt von der Einbindung und dem  
Engagement der Zivilgesellschaft.  
Digitale Kompetenz ist heute eine Grundvoraussetzung für  
gleichberechtigtes und selbstbestimmtes Leben. Wir wollen daher  
mehr Programme für digitale Bildung und Medienkompetenz –  
altersgerecht für Jung und Alt. Auch Polizei und Staatsanwaltschaf  
ten müssen hier ihre Fähigkeiten erweitern. Wir benötigen mehr Be  
ratungs- und Anlaufstellen für Opfer von Cybermobbing und Gewalt  
im Netz sowie gut geschultes Personal der Strafverfolgungsbe  
hörden, insbesondere zur Unterstützung von Frauen und Mädchen,  
die besonders oft davon betroffen sind.  
3\. Vertrauen im Netz sichern  
Wer ständig überwacht wird, ist nicht frei. Selbst wer glaubt, „nichts  
zu verbergen zu haben“, ist angreifbar. Effektiver Grundrechte  
schutz ist das Fundament einer freien Gesellschaft. Dies gilt auch  
im digitalen Zeitalter. Menschen müssen wissen, wer wann was  
über sie weiß. Datenschutz ist aber mehr als nur informationelle  
Selbstbestimmung. Die Wahrung von Grundrechten im Digitalen  
darf keinesfalls auf den oder die Einzelne\*n abgewälzt werden.  
Vielmehr bleibt der Staat in der Pflicht, private Kommunikation,  
persönliche Daten, Beschäftigtendaten und digitale Infrastrukturen  
effektiv zu schützen.  
Je mehr hochsensible Informationen sich auf unseren digitalen  
Geräten befinden, desto wichtiger wird, dass der grundrechtliche  
Schutz für den Kernbereich unserer persönlichen Lebensgestaltung  
konsequent beachtet und ausgebaut wird – gerade auch bei der  
Strafverfolgung.  
Auch im Digitalen bietet Prävention den effektivsten Schutz vor  
Angriffen. Die bestehenden Aufsichtsstrukturen werden wir perso  
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Freiheit im Herzen  
ZUKUNFT WIRD AUS MUT GEMACHT.  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
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nell und rechtlich deutlich stärken, um den Verbraucher\*innen- und  
Datenschutz konsequent zu gewährleisten. Das Bundesamt für Si  
cherheit in der Informationstechnik (BSI) werden wir unabhängig  
stellen. Ob private Kommunikation, öffentliche Stellen, die Wirt  
schaft oder digitale Infrastrukturen – als GRÜNE setzen wir uns für  
die Sicherheit aller im Digitalen ein. Hier muss der Staat endlich mit  
effektiven wie rechtsstaatlichen Maßnahmen seiner Schutzpflicht  
nachkommen. Daher lehnen wir es ab, dass staatliche oder private  
Akteur\*innen IT-Sicherheitslücken für den eigenen Nutzen und zum  
Schaden der Allgemeinheit geheim halten. Vielmehr müssen sie  
diese Lücken melden, damit sie rasch geschlossen werden können.  
Die Bundeswehr muss sich auf neue Bedrohungslagen einstellen  
und der Bund muss seine IT-Infrastrukturen besser schützen. Offen  
sive Operationen in andere Systeme lehnen wir jedoch klar ab. Jeg  
licher Einsatz digitaler Einsatzkapazitäten muss der parlamentari  
schen Kontrolle unterliegen.  
Mit der immer stärkeren Vernetzung unseres Alltags, wie etwa  
beim „Internet der Dinge“, wachsen die Anforderungen für eine ver  
lässliche IT-Sicherheit an die Wirtschaft. Wir setzen auf klare recht  
liche Vorgaben, wollen aber auch Anreize für Unternehmen schaf  
fen, in gute und sichere IT-Lösungen zu investieren. Wir fordern,  
dass der Zeitraum, in dem Produkte mit zeitnahen Sicherheitsup  
dates versorgt werden, für Verbraucher\*innen einheitlich und gut  
sichtbar gekennzeichnet ist und für eine typabhängige Mindestfrist  
garantiert werden muss. Unternehmen wollen wir dazu anhalten,  
IT-Sicherheit noch stärker bereits im Produkt- und Softwareent  
wicklungsprozess zu berücksichtigen.  
Freie, quelloffene Software und freie Formate und Standards  
sind für uns einer der Eckpfeiler für sichere und zukunftsfähige IT-  
Systeme. Wir wollen diese deshalb bei öffentlichen IT-Beschaffun  
gen bevorzugen, insbesondere dann, wenn Bürger\*innen diese ein  
setzen sollen. So senken wir die Abhängigkeit von einzelnen  
Herstellern, erhöhen die Transparenz und sichern die Nachnutzung.  
Die öffentliche Förderung für die Entwicklung von freier Standard  
software wollen wir mit Blick auf IT-Sicherheit ausbauen. Ebenso  
wollen wir im Sinne eines nachhaltigen IT-Einsatzes die Rechte von  
Nutzer\*innen stärken, auf ihren Geräten freie und offene Software  
und Firmware einzusetzen.  
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Freiheit im Herzen  
BUNDESTAGSWAHLPROGRAMM 2017  
Bundestagswahlprogramm 2017  
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4\. Für einen modernen Datenschutz  
Datenschutz ist wesentliche Bedingung für eine freiheitliche Demo  
kratie. Er ermöglicht freie individuelle und gesellschaftliche Entfal  
tung und schützt vor Eingriffen des Staates und von Konzernen. Die  
etablierten Datenschutzziele müssen in der Entwicklung und als  
Voreinstellung von Technologie verankert werden. Personenbezo  
gene Daten sind unveräußerlich und daher kein Handelsgut. Auto  
matisierte Diskriminierung wollen wir unterbinden, sei es beim in  
dividuellen Preis Profiling, beim KreditScoring oder auch bei der  
inneren Sicherheit. Und wir müssen dafür sorgen, dass sich alle Un  
ternehmen an die rechtlichen Vorgaben wie das neue EU-Daten  
schutzrecht halten. Wir sehen einen starken Datenschutz als inter  
nationalen Wettbewerbsvorteil, den wir verteidigen und ausbauen  
wollen. Den Mittelstand wollen wir aktiv im Bereich Datenschutz-  
und IT-Sicherheit unterstützen und Anreize für datenschutzfreund  
liche Lösungen setzen. Der Staat muss seine Verantwortung für  
eine zukunftsfähige Regulierung endlich annehmen. Wir wollen für  
die Bestandsdatenauskunft von IPAdressen eine Berichtspflicht  
der Internetzugangsanbieter einführen und die Hürde für die Ab  
frage erhöhen.  
Wer GRÜN wählt, stimmt für diese drei Projekte:  
Schnelles Internet für alle – Glasfaser ausbauen  
Wir wollen, dass schnelles Internet mittels Glasfaser von der  
Banken-City bis zu jedem Bauernhof direkt bis zur Haustür ver  
fügbar ist. Eine öffentliche Netzgesellschaft soll den flächen  
deckenden Glasfaserausbau unterstützen, der Bund bringt min  
destens den Verkaufserlös seiner Telekom-Aktien ein, Kommunen  
und weitere Partner\*innen sollen auch mitmachen können. Den  
schnellen Ausbau des zukünftigen 5G-Mobilfunknetzes werden  
wir aktiv unterstützen. Wo 5G ausgebaut wird, muss auch WLAN  
angeboten werden, damit wir einen offenen, freien und flächen  
deckenden Zugang zu WLAN erhalten. Halten Unternehmen die  
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Freiheit im Herzen  
ZUKUNFT WIRD AUS MUT GEMACHT.  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
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vertraglich zugesicherten Mindestbandbreiten nicht ein, werden  
zukünftig Bußgelder und Schadenersatzzahlungen an die Kun  
den fällig.  
Sichere Infrastrukturen  
Digitale Angriffe auf IT-Infrastrukturen vom Heimcomputer über  
Bundestagsserver bis zu Energie- und Industrieanlagen sind an  
der Tagesordnung. Wir GRÜNE wollen diese Systeme effektiv  
schützen, uns aber auch der digitalen Aufrüstung in diesem  
Bereich entgegenstellen. Der beste Schutz vor Angriffen sind si  
chere und überprüfbare Systeme. Staatliche Stellen müssen ver  
pflichtet werden, IT Sicherheit zu stärken. Bewusstes Offenhal  
ten von Sicherheitslücken ist rechtsstaatlich mit der Schutzpflicht  
gegenüber den Bürger\*innen nicht zu verantworten, birgt un  
kontrollierbare Risiken und gehört daher verboten. Um staatli  
che und andere kritische Infrastrukturen zu schützen, werden  
wir die Entwicklung von umfassenden Sicherheitskonzepten  
vorantreiben und fördern. Eine durchgehende Ende-zu-Ende-  
Verschlüsselung werden wir zum Standard machen.  
Moderne Verwaltung mit E-Government  
Mit mehr Mut zu Open Data, barrierefreien E-Government  
Dienstleistungen und Open Government werden wir einen ent  
scheidenden Beitrag leisten, um unsere Verwaltung zu moderni  
sieren, Bürokratie abzubauen und unsere Demokratie zu beleben.  
Wir setzen uns für Open-Data-Regeln ein, die Behörden ver  
pflichten, vorhandene Daten von sich aus leicht auffindbar,  
maschinenlesbar und kostenfrei und unter freier Lizenz für die  
Öffentlichkeit bereitzustellen.  
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Gerechtigkeit im Sinn  
BUNDESTAGSWAHLPROGRAMM 2017  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 171  
E. GERECHTIGKEIT  
IM SINN  
Deutschland ist ein wohlhabendes Land. Diesen Wohlstand verdan  
ken wir vielen engagierten Beschäftigten, innovativen Unterneh  
men und einer langen Tradition sozialer Sicherungssysteme. Doch  
längst nicht alle können an diesem gemeinsam erwirtschafteten  
Wohlstand teilhaben. Auch in unserem reichen Land gibt es Armut  
und Perspektivlosigkeit, die sich noch dazu über Generationen ver  
festigt. Deshalb setzen wir uns seit unserer Gründung für mehr so  
ziale Gerechtigkeit in unserem Land ein.  
Während es in vielen Regionen seit Jahren nahezu Vollbeschäfti  
gung mit gut bezahlten Jobs gibt, gibt es zugleich Gebiete, in denen  
viele junge und ältere Menschen arbeitslos sind und keine Chancen  
sehen. Andere haben Jobs mit Zukunft, reiben sich aber auf, um Fa  
milie, eigene Interessen und Arbeit in Einklang zu bringen. Zu viele  
arbeiten unter schlechten Bedingungen und hangeln sich von einer  
befristeten Beschäftigung zur nächsten. Während viele von Globali  
sierung und Digitalisierung profitieren, fürchten andere, ihre Jobs  
an Roboter oder ans Ausland zu verlieren. Insbesondere Beschäftig  
te, die einfache Dienstleistungen erbringen, leben mit stagnieren  
den Löhnen und teilweise schlechten Arbeitsbedingungen. Pfle  
ger\*innen, Erzieher\*innen und Polizist\*innen müssen trotz ihrer  
gesellschaftlich enorm wichtigen Arbeit mit vergleichsweise niedri  
gen Einkommen über die Runden kommen. Die hohe Vermögens  
konzentration bei einigen wenigen schadet auch laut OECD der  
Wirtschaft und Gesellschaft, während viele mit geringem Einkom  
men Schulden haben, kaum in die Zukunft ihrer Kinder investieren,  
geschweige denn etwas zur Seite legen können. Diese Probleme  
löst man nicht, indem man nur über die Erfolge redet.  
Eine der wichtigsten Aufgaben der Politik ist es, Bedingungen zu  
schaffen, damit alle Menschen ihre Fähigkeiten einbringen und ein  
gutes, selbstbestimmtes Leben führen können. Deshalb streiten wir  
für eine inklusive Gesellschaft, an der alle Menschen teilhaben kön  
nen. Wir wollen neue Chancen und bessere Arbeitsbedingungen  
schaffen. Uns geht es um eine Gesellschaft, in der alle an dem ge  
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ZUKUNFT WIRD AUS MUT GEMACHT.  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
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meinsam erwirtschafteten Wohlstand teilhaben können und die al  
len gleiche Chancen und Möglichkeiten bietet. Die Sprossen der ge  
sellschaftlichen Leiter dürfen nicht so weit auseinanderliegen, dass  
Aufstieg kaum möglich ist. Gleichzeitig darf in unserer Gesellschaft  
Armut keinen Platz haben, denn sie grenzt aus. Armut schadet aber  
auch uns allen: nicht nur den Menschen, die ihrer Zukunftschancen  
und der Aussicht auf ein selbstbestimmtes Leben beraubt werden,  
sondern auch der Gesellschaft, die auf die Talente und Fähigkeiten  
aller angewiesen ist.  
Wir nehmen es nicht hin, dass in unserem Land 2,5 Millionen  
Kinder in Armut leben. Wir wollen, dass jede und jeder mit eigener  
Anstrengung und der solidarischen Unterstützung der Gesellschaft  
ein gutes Leben führen und ihr Recht auf Selbstbestimmung und  
Teilhabe verwirklichen kann. Bildung spielt für uns dabei eine ent  
scheidende Rolle. Unser Bildungssystem ist durch die Reformen vie  
ler grün mitregierter Länder besser, gerechter und durchlässiger ge  
worden. Doch für echte Gerechtigkeit sorgt es noch nicht. Immer  
noch entscheidet zu oft die soziale Herkunft über Bildungs- und  
Aufstiegschancen. Das liegt insbesondere auch daran, dass in vielen  
Schulen sortiert statt individuell gefördert wird.  
Wir wollen Schulen, die auf die individuellen Bedürfnisse von  
Schüler\*innen eingehen und sie ermutigen, nicht blockieren und  
bremsen. Um das zu erreichen, treten wir konsequent für den Aus  
bau des möglichst langen gemeinsamen Lernens ein. Wir wollen  
das Kooperationsverbot aufheben. Um Chancengerechtigkeit zu  
schaffen, müssen Bund, Länder und Kommunen ohne Hindernisse  
zusammenarbeiten können. Auch offene und inklusive Hochschulen  
sind dafür ein wichtiger Schlüssel.  
Wir werden ein großes Reformpaket auf den Weg bringen, um  
Kinderarmut zu bekämpfen, Familien finanziell zu entlasten und  
die Unterstützung von Alleinerziehenden deutlich zu verbessern.  
Wir werden Steuersümpfe trockenlegen und dafür sorgen, dass  
auch Superreiche endlich ihren fairen Beitrag zum Gemeinwohl  
leisten. Wir wollen damit in die Entwicklung lebenswerter Quar  
tiere, in Kindertagesstätten, Schulen, Stadtbüchereien, Jugend  
zentren und in bezahlbare Wohnungen investieren – all das sind  
Orte, auf die Menschen mit wenig Geld besonders angewiesen  
sind, von deren guter Ausstattung aber die gesamte Gesellschaft  
profitiert.  
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BUNDESTAGSWAHLPROGRAMM 2017  
Bundestagswahlprogramm 2017  
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Wir werden die Zwei-Klassen-Medizin abschaffen und stattdes  
sen mit einer Bürger\*innenversicherung eine gute Gesundheitsver  
sorgung für alle ermöglichen. Wir streiten für auskömmliche Renten  
und eine gute Pflege im Alter. Wir wollen verhindern, dass Men  
schen sich von einem unsicheren Arbeitsplatz zum nächsten han  
geln müssen. Wir wollen den Menschen wieder mehr Souveränität  
über ihre eigene Zeit geben, damit sie Beruf, Familie und Engage  
ment besser miteinander verbinden können.  
Ein solidarisches Sicherungssystem und eine starke Wirtschaft  
bedingen sich gegenseitig. Wir setzen auf eine Wirtschaft, die fair  
und stabil, innovativ und voller Gründergeist ist. Die Chancen der  
Digitalisierung wollen wir ergreifen und diese Umwälzung so ge  
stalten, dass sie allen nutzt. So stärken wir den gesellschaftlichen  
Zusammenhalt und die Akzeptanz unserer Demokratie, die durch  
Ungerechtigkeiten und Abstiegsängste gefährdet sind. Wir wollen,  
dass alle an die Möglichkeiten in unserem Land glauben – und sie  
auch tatsächlich nutzen können.  
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Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
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I. WIR INVESTIEREN IN  
KINDERTAGESSTÄTTEN,  
SCHULEN UND  
HOCHSCHULEN  
Alle, die hier leben, sollen sich verwirklichen und selbstbestimmt  
leben können. Wenn das Kind aus einer Arbeiterfamilie später  
Unternehmer\*in wird und gute Arbeitsplätze schafft, wenn der al  
leinerziehende Krankenpfleger es sich leisten kann, Pflegemanage  
ment zu studieren, wenn die seit Längerem arbeitslose Lageristin  
nach einer Weiterbildung einen neuen Job findet, wenn der schwer  
hörige Junge zusammen mit den Nachbarskindern in der Schule um  
die Ecke lernt und seinen Traum einer Ausbildung als Altenpfleger  
erfüllen kann und die aus Syrien nach Deutschland geflüchtete Frau  
Medizin studiert, dann haben wir viel erreicht. Dann sind wir unse-  
rem Ziel, allen Menschen in Deutschland eine Chance auf ein gutes  
Leben zu ermöglichen, ein gutes Stück näher gekommen. An man  
chen Orten klappt das schon, da haben sich Menschen längst auf  
den Weg gemacht: etwa an der Rütli-Schule in Berlin-Neukölln.  
Einst als „Deutschlands schlimmste Schule“ bezeichnet, lernen in  
dieser Gemeinschaftsschule nun Schüler\*innen mit unterschiedli  
cher Herkunft zusammen und alle profitieren. Viele von ihnen ma  
chen als Erste ihrer Familie das Abitur. Oder an der Universität Duis  
burg-Essen, die gezielt Jugendliche aus Familien ohne akademische  
Erfahrung bis zum Bachelor begleitet. Davon brauchen wir mehr. Zu  
oft bestimmt immer noch die Herkunft über die eigene Zukunft und  
nicht etwa Talent oder Fleiß.  
Es ist ein Skandal, dass es für Kinder aus Arbeiterfamilien bei uns  
so schwierig ist aufzusteigen. Das wollen wir GRÜNE ändern. Jede  
und jeder soll die Chance auf ein gutes Leben bekommen. Unsere  
Gesellschaft braucht die Ideen, die umfassende Teilhabe und die  
Kraft aller Menschen. Wir können und wollen es uns nicht leisten,  
Menschen perspektivlos und abgehängt zurückzulassen. Dabei ist  
uns wichtig, dass in dieser Gesellschaft nicht nur diejenigen geför  
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Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 175  
dert oder geschätzt werden, die ein Studium abgeschlossen haben,  
sondern alle. Unser Ziel ist eine Gesellschaft, in der nicht soziale  
Herkunft, Geschlecht, ethnische Wurzeln oder körperliche Voraus  
setzungen über die Zukunft von Menschen entscheiden, sondern  
deren Wünsche und Talente. Wir stemmen uns gegen die Spaltung  
in drinnen und draußen, wollen die Gesellschaft zusammenhalten  
und Chancen gerechter verteilen. Deshalb wollen wir den Bür  
ger\*innen Steuerüberschüsse gerade auch in Form von besserer  
Bildung zurückgeben. Wir wollen keine Steuersenkungen, die vor  
allem Gutverdienenden zugutekommen, sondern mehr Investitio  
nen in Kindertagesstätten, Schulen und Hochschulen unterstützen.  
1\. Mit guter, inklusiver Bildung Türen öffnen  
Kindertagesstätten, Schulen, Jobcenter, Stadtbüchereien, Jugend  
zentren und Volkshochschulen – all das sind Orte, die grundlegend  
für eine chancengerechte Gesellschaft sind. Dort werden Chancen  
verteilt – oder eben nicht. Deshalb ist die öffentliche Infrastruktur  
vor Ort so wichtig. Doch ausgerechnet hier hat Deutschland drin  
gend Nachholbedarf. Investitionen fallen seit Jahrzehnten dem  
Rotstift zum Opfer. Öffentliche Stellen werden gestrichen. Schulen  
verwahrlosen, Jugendzentren werden geschlossen und Stadtbüche  
reien zusammengelegt. Diese falsche Schwerpunktsetzung werden  
wir beenden. Wir werden der allgemeinen Bildung und der For  
schung und Entwicklung wieder Vorrang einräumen. Es muss unser  
Ziel bleiben, mindestens sieben Prozent (statt derzeit circa 4,2 Pro  
zent) der Wirtschaftsleistung in die allgemeine Bildung und min  
destens 3,5 Prozent (statt derzeit circa 2,9 Prozent) in Forschung  
und Entwicklung zu investieren. Wir GRÜNE wollen Länder und  
Kommunen dabei unterstützen, Kindertagesstätten, Schulen, Be  
rufsschulen und Hochschulen besser zu bauen und auszustatten.  
Diese Investitionen in die Zukunft zahlen sich aus. Denn sie schaf  
fen für jede und jeden die Chance, von der eigenen Arbeit zu leben  
und der Gesellschaft etwas zurückgeben zu können. In vielen Län  
dern wurde unter grüner Beteiligung deshalb so viel Geld in Bildung  
investiert wie noch nie zuvor.  
Für den weiteren Ausbau des Angebots und zur Verbesserung  
der Qualität soll der Bund mit mindestens drei Milliarden Euro pro  
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
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Jahr eine größere Verantwortung für die frühkindliche Förderung  
übernehmen. Konkret heißt das: Alle Kinder bekommen einen An  
spruch auf einen Ganztagsplatz in einer guten Kita, die mehr als nur  
eine Betreuungseinrichtung ist und in der Kinder von null bis zur  
Einschulung ganzheitlich und interkulturell gefördert werden, in  
dem Erzieher\*innen Zeit haben, jedes einzelne Kind zu unterstüt  
zen. Als das Land, in dem das international verbreitete Erfolgs  
konzept des Kindergartens erfunden wurde, wollen wir den ganz  
heitlichen Gedanken nach vorne stellen und Qualität sichern.  
Mindeststandards für die Qualität sollen das bundesweit sicherstel  
len. Für ganzheitliche Bildung, Erziehung und Betreuung soll die  
Zusammenarbeit mit Eltern in Kindertageseinrichtungen unter  
stützt werden. Das gut ausgebildete Personal muss deshalb Zeit ha  
ben, Kindertageseinrichtungen als Orte für die ganze Familie und  
vor allem frühkindlicher Bildung zu gestalten. Außerdem wollen wir  
die Erzieher\*innenausbildung neu gestalten und attraktiver ma  
chen. Grundsätzlich ist unser Ziel die beitragsfreie Bildung von An  
fang an – auch in Kitas. Zunächst muss in den Ausbau und in die  
starke Verbesserung der Qualität investiert werden. Klar ist, dass  
kein Kind von einer Kita ausgeschlossen sein darf, weil sich die El  
tern diese nicht leisten können. Auch für einen Rechtsanspruch auf  
Ganztagsbetreuung in der Grundschule bis zum Ende der vierten  
Klasse für alle Grundschulkinder streiten wir. Schulen haben in den  
vergangenen Jahren zahlreiche neue Aufgaben bekommen, die viele  
Lehrer\*innen, Erzieher\*innen und andere Pädagog\*innen unter teils  
schwierigen Bedingungen bereits mit großem Engagement über  
nehmen: Dazu zählen inklusiver Unterricht von Kindern mit und  
ohne Behinderung, längeres gemeinsames Lernen, digitale und kul  
turelle Bildung, Willkommensklassen oder auch Schulsozialarbeit.  
Bildung soll vielfältige Möglichkeiten bieten. Dazu gehört auch, an  
demokratischen Prozessen teilzuhaben. Wir setzen uns deshalb für  
die Stärkung von demokratisch organisierten Schulen ein. Schulen,  
an denen junge Menschen fürs Leben lernen und die auf eine gute  
Zukunft vorbereiten, müssen selbst Orte der Zukunft sein. Um die  
Ziele einer nachhaltigen Entwicklung der Vereinten Nationen zu er  
reichen, ist es erforderlich, entlang der Bildungskette von der Kita  
bis zur Erwachsenenbildung die Voraussetzungen dafür zu schaf  
fen. Dies erfordert die Umsetzung der Maßnahmen eines Nationa  
len Aktionsplans Bildung für nachhaltige Entwicklung.  
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Bundestagswahlprogramm 2017  
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Der Bund sollte seine neuen Möglichkeiten, finanzschwache  
Kommunen im Bildungsbereich zu unterstützen, nun rasch nutzen  
und ein Förderprogramm zur Sanierung von maroden Schulen auf  
legen, das auch die baulichen Grundlagen für den Auf- und Ausbau  
von Ganztagsschulen legt und an eine umfassende Beteiligung und  
ein Konzept für eine moderne, zeitgemäße pädagogische Architek  
tur geknüpft wird. Auch um einen Ausbau des längeren gemeinsa  
men Lernens umsetzen zu können. Denn in unseren Schulen gelingt  
es zu selten, ungleiche Startchancen auszugleichen. Dafür werden  
wir in den nächsten fünf Jahren zehn Milliarden Euro bereitstellen  
und so 10.000 Schulen fit für die Zukunft machen. Damit Schulen  
den Kindern Chancen eröffnen, die unter schwierigen Bedingungen  
aufwachsen, und auch jene fordern, die viel leisten können. Diese  
schmale Öffnung der Verfassung war ein erster Schritt. Wir GRÜNE  
streiten weiter dafür, das Kooperationsverbot komplett aufzuhe  
ben. Bund und Länder müssen ihre gemeinsame Verantwortung  
auch gemeinsam übernehmen können. Wir wollen auch vergleich  
bare Schulabschlüsse in ganz Deutschland erreichen. Dafür muss  
der Bildungsföderalismus entkrustet werden.  
Wir schlagen den Ländern eine gemeinsame Bildungsoffensive  
vor. Denn die Qualität in Kita und Schule ist entscheidend. Gute in  
klusive Bildung setzt nicht nur eine intakte Bildungsinfrastruktur  
voraus, sondern auch gut ausgebildete Lehrer\*innen, Erzieher\*innen,  
Sozialarbeiter\*innen, Künstler\*innen oder Handwerker\*innen in  
Schulen. Deshalb wollen wir mit einem Bundesprogramm Schulen  
in benachteiligten Stadtquartieren oder Regionen mit mehr päda  
gogischem Personal und mehr Mitteln ausstatten. Dann wäre es  
auch möglich, den dringend nötigen Ausbau der Ganztagsbetreu  
ung finanziell zu unterstützen. Der Bund könnte mithelfen, dass es  
für alle, die das wünschen, einen Platz an einer Ganztagsschule  
oder in der Hortbetreuung gibt.  
Uns GRÜNEN geht es darum, allen Menschen zu ermöglichen, ihr  
Leben selbstbestimmt zu gestalten. Im Moment aber spaltet sich  
die Gesellschaft immer mehr in Gewinner\*innen und Verlierer\*innen.  
Erwerbstätige mit Berufsausbildung verdienen im Laufe ihres Be  
rufslebens eine Viertel Million Euro mehr als diejenigen ohne Aus  
bildung. Deshalb fordern wir GRÜNE eine Ausbildungsgarantie, die  
an die Stelle des unübersichtlichen Durcheinanders von Förder  
maßnahmen tritt. Alle Jugendlichen sollen direkt nach der Schule  
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ZUKUNFT WIRD AUS MUT GEMACHT.  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
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eine anerkannte Berufsausbildung beginnen können, anstatt ziellos  
von Maßnahme zu Maßnahme geschoben zu werden.  
Die Ausbildung junger Menschen ist eine gesamtgesellschaft  
liche Aufgabe, an der insbesondere die Wirtschaft ein überge  
ordnetes Interesse haben muss. Um die Ausbildungsbeteiligung  
dauerhaft zu erhöhen und damit Betrieben wie Jugendlichen gute  
Perspektiven zu sichern, befürworten wir branchen- und regions  
spezifische Umlagen zur solidarischen Finanzierung der Berufs  
ausbildung. Wir wollen allen Auszubildenden ein eigenständiges  
Leben ermöglichen. Deshalb fordern wir eine Stärkung der Tarif  
autonomie und ergänzend zu den einzelnen Tarifverträgen eine  
Mindestausbildungsvergütung. Gleichzeitig setzen wir uns dafür  
ein, dass die Berufsausbildungsbeihilfe einfacher in Anspruch ge  
nommen werden kann und sich die Höhe realistisch an den Lebens  
haltungskosten orientiert. Um Mobilität während der Ausbildung  
zu garantieren, setzen wir uns für ein kostengünstiges Auszu  
bildendenticket ein. Dadurch entstehen endlich bessere Bedingun  
gen für den Fachkräftenachwuchs und gesellschaftlich zentrale  
Branchen wie Handwerks-, Sozial- und Pflegeberufe werden auf  
gewertet.  
Auch das Thema Analphabetismus und mangelnde Grundbil  
dung wollen wir gemeinsam mit der Wirtschaft stärker in den Fokus  
nehmen und flächendeckend passende Angebote machen. Hoch  
schulen müssen offen sein für alle – ob Arbeiter\*innen- oder Akade  
miker\*innenkind, ob Mann oder Frau, jung oder alt, ob einheimisch,  
eingewandert oder hierher geflüchtet.  
Es liegt nicht am Können, dass heute nur ein Viertel der Kinder  
von Nichtakademiker\*innen studiert, gleichzeitig aber drei Viertel  
der Kinder aus Akademiker\*innenfamilien. Daher muss die Studien  
finanzierung grundlegend verändert werden: Das BAföG muss wie  
der zum Leben reichen und für Studierende jeden Alters und in Teil  
zeit geöffnet werden. Wir wollen ein BAföG, das Sicherheit schafft  
und nicht durch eine starre zeitliche Begrenzung Druck aufbaut.  
Mittelfristig soll die Studienfinanzierung aus einem Studierenden  
zuschuss für alle und einem Bedarfszuschuss für Studierende aus  
ärmeren Elternhäusern bestehen. Die Alters- und Semestergrenzen  
der studentischen Krankenversicherung müssen angepasst werden.  
Studiengebühren lehnen wir ab. Auch die FernUniversität in Hagen  
wollen wir weiter stärken.  
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Doch der Zugang zum Studium allein reicht noch nicht aus. Auch  
die Vereinbarkeit von Familie und Studium beispielsweise durch die  
Möglichkeit des Teilzeitstudiums und bessere Studienbedingungen  
sind wichtig, also gute Lehre, ausreichend Beratungsangebote und  
mehr Lehrende zur Unterstützung der Studierenden. Dafür wollen  
wir die Bundesprogramme und Bund-Länder-Pakte endlich zu ei  
nem stimmigen Gesamtpaket weiterentwickeln und verstetigen.  
Dabei wollen wir auch Standards wie zum Beispiel Gleichstellung  
verankern, um Frauen auf allen Ebenen unseres Wissenschaftssys  
tems zu fördern.  
Wir werden demokratische und partizipative Strukturen an  
Hochschulen stärken. Wir setzen uns für mehr Kooperationen zwi  
schen Bund und Ländern und zwischen den Hochschulen ein, weil  
wir wollen, dass nicht nur an einzelnen Leuchtturmstandorten, son  
dern überall gut studiert und geforscht werden kann. Wir wollen  
einen Bund-Länder-Aktionsplan „Studentisches Wohnen“ auflegen.  
Der Zugang zur Wissenschaft als Beruf muss gerecht sein. Wir  
werden das Wissenschaftszeitvertragsgesetz überarbeiten und ei  
nen Aufbruch für zusätzliche Stellen vorantreiben, um so die Situa  
tion für Wissenschaftler\*innen zu verbessern. Wissenschaftler\*innen  
brauchen faire Arbeitsverträge, weniger Abhängigkeiten und weni  
ger Befristungen, damit sie ohne Existenzangst gut und frei for  
schen können.  
2\. Bildung für eine digitalisierte und vernetzte Welt  
Unser Leben wird immer stärker durch Software, Algorithmen und  
digitale Endgeräte geprägt. Selbstbestimmung und gesellschaftli  
che Teilhabe in allen Lebensbereichen werden so auch immer mehr  
davon abhängig, ob wir digital mündig sind und welche digitalen  
Kompetenzen wir haben. Dies stellt eine enorme Herausforderung  
für unser gesamtes Bildungssystem dar.  
Die Kulturtechniken der Digitalisierung – vom Programmieren  
bis zum kritischen Umgang mit digitalen Geräten und Prozessen –  
sollen allen Schülerinnen und Schülern vermittelt werden. Didakti  
sche Konzepte und Modellerfahrungen dazu liegen bereits vor; wir  
wollen uns dafür einsetzen, diese endlich in den Regelbetrieb zu  
übertragen. Dafür sollen in einer gemeinsamen Anstrengung mit  
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allen Bundesländern Basiskompetenzen im Bereich Informatik, Me  
dienanwendung und kritische Medienkunde als weiterer Baustein  
naturwissenschaftlicher Bildung verbindlich eingebracht werden.  
Auch im Bereich der Weiterbildung wollen wir dafür sorgen, dass  
unabhängig von Alter, Geschlecht und Herkunft digitale Kompeten  
zen zum Teil der Allgemeinbildung werden.  
3\. Zugänge in Arbeit schaffen  
Chancengerechtigkeit ist nicht nur eine Frage für junge Menschen.  
Es muss auch darum gehen, dass Menschen, die mitten im Leben  
stehen oder deren Lebensweg nicht gradlinig verläuft, ihre Zukunft  
selbst in die Hand nehmen können. Den Grundgedanken des le  
benslangen Lernens gilt es zu stärken. Das heißt für uns, dass es  
auch später im Leben möglich sein muss, etwas dazuzulernen, sich  
weiterzubilden oder auch beruflich zu verändern. Gute Bildung kos  
tet Zeit und Geld. Beides ist für viele Menschen Mangelware. Die  
grüne BildungsZeit Plus sorgt mit einem Mix aus Zuschuss und Dar  
lehen dafür, dass gerade die Menschen, die heute noch viel zu  
selten an Weiterbildungen oder dem Nachholen von Schul- oder  
Berufsabschlüssen teilnehmen, die Zeit und die Kosten dafür auf  
bringen können. Für vielfältige und hochwertige Bildungsangebote  
braucht es weiterhin gute Arbeitsbedingungen und eine faire Be  
zahlung für Lehrkräfte in der Erwachsenenbildung.  
Aber auch Menschen mit Behinderung, Jugendliche ohne Aus  
bildung, Geringqualifizierte, Langzeitarbeitslose oder ältere Be  
schäftigte brauchen passgenaue Integrationsstrategien und Wei  
terbildungsangebote. Die Arbeitslosenversicherung muss zu einer  
Arbeitsversicherung werden, die alle Menschen unterstützt – und  
zwar schon, bevor sie arbeitslos werden.  
Erfolgreiche Integration fußt auf Chancen und Perspektiven. Wer  
neu in Deutschland ankommt, soll seinen Alltag möglichst schnell  
selbständig meistern können. Alle Asylsuchenden sollen sofort  
nach ihrer Ankunft damit beginnen können, Deutsch zu lernen, und  
einen Anspruch auf Teilhabe an den Integrationskursen erhalten.  
Deshalb wollen wir, dass Geflüchteten der Weg in die Arbeitswelt  
rasch offensteht. Dort lernen sie den deutschen Arbeitsalltag, ein  
heimische Gepflogenheiten und hiesige Berufe kennen. Wir legen  
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Wert auf frühzeitige Bildungsangebote und passende Sprachförde  
rung. Um die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Integration zu  
verbessern und dafür zu sorgen, dass eine Ausbildung nicht länger  
an einer unsicheren Bleibeperspektive scheitert, wollen wir, dass  
Asylsuchende und Geduldete rechtssichere Aufenthaltstitel für die  
Ausbildung und die anschließende Beschäftigung erhalten. Eine  
Differenzierung nach Bleiberechtsperspektiven lehnen wir ab. Wir  
wollen auch, dass Bildungs- und Berufsabschlüsse, genauso wie be  
rufliche Kenntnisse, schneller und großzügiger anerkannt werden.  
Wer GRÜN wählt, stimmt für diese drei Projekte:  
Qualität in Kindertagesstätten sichern –  
mehr Erzieher\*innen für unsere Kleinsten  
Die Zukunft beginnt in der Kindertagesstätte. Kindertagesstätten  
bieten Raum zum Spielen, Lernen und Sprechen – und Kindern  
die Chance auf Bildungserfolg. Die Zeit, die eine Fachkraft für die  
unmittelbare pädagogische Arbeit mit den Kindern hat, ist häufig  
zu knapp bemessen. Deswegen wollen wir bundesweit in einem  
Gesetz Qualitätsstandards festlegen und endlich die Vorausset  
zung dafür schaffen, dass auch Kindern mit Behinderung ihr  
Recht – wie jedes andere Kind in eine Kita gehen zu können –  
nicht verwehrt wird. Ein\*e Erzieher\*in soll künftig höchstens drei  
Kinder unter drei Jahren beziehungsweise höchstens zehn älte  
re Kinder betreuen. Wir wollen in Aus- und Weiterbildung von  
Erzieher\*innen investieren und Rahmenbedingungen schaffen,  
dass sie besser bezahlt werden. Der Bund soll sich mit mindestens  
drei Milliarden Euro pro Jahr an den zusätzlichen Kosten beteili  
gen. Außerdem sollen Elternbeiträge in der Kindertagesbetreu  
ung sozial gestaffelt sein.  
10.000 Schulen fit für die Zukunft machen  
Wir wollen dafür sorgen, dass der Schulerfolg endlich nicht mehr  
durch die soziale Herkunft vorbestimmt wird. Individuelle Förde  
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rung braucht Zeit und Raum. In inklusiven Ganztagsschulen  
können alle Schüler\*innen ihre Begabungen und Interessen in  
Kunst, Kultur und Sport gut entwickeln. Längeres gemeinsames  
Lernen hilft allen Schüler\*innen. Wir fördern deshalb gezielt den  
Auf- und Ausbau von Gesamt- beziehungsweise Gemeinschafts  
schulen. Wir arbeiten weiter daran, das Kooperationsverbot auf  
zuheben, sodass der Bund sich finanziell beteiligen kann, den  
Aufbau von weiteren Ganztagsschulplätzen überall im Land an  
zustoßen. Mit vier Milliarden Euro soll sich der Bund beteiligen.  
Wir wollen finanzschwache Kommunen gezielt entlasten und den  
enormen Sanierungsstau auflösen. Um Schulen zu sanieren, stel  
len wir in den nächsten fünf Jahren zehn Milliarden Euro bereit  
und machen damit 10.000 Schulen fit für die Zukunft. Wir wollen  
Schulen auch für die digitale Zukunft fit machen. Schulen sollen  
dann finanziell unterstützt werden, wenn sie stimmige pädagogi  
sche Konzepte für digitales Lernen vorlegen. Wir unterstützen  
Kommunen dabei, Raum für die vielen neuen Schüler\*innen zu  
schaffen. Der Bildungsföderalismus darf nicht vorgeschoben  
werden, um wichtige Zukunftsinvestitionen zu verhindern.  
Studieren besser finanzieren  
Bildungsgerechtigkeit bedeutet für uns, allen Studienchancen zu  
eröffnen. Jede\*r muss unabhängig vom Geldbeutel der Eltern  
und von der Herkunft studieren können. Wir wollen in einem ers  
ten Schritt dafür sorgen, dass das BAföG künftig automatisch  
und regelmäßig erhöht wird und eine ortsabhängige Wohnpau  
schale enthält. So können Studierende steigende Lebenshal  
tungskosten und Mieten schultern. Im zweiten Schritt wollen  
wir die Studienfinanzierung zum Zwei Säulen Modell weiterent  
wickeln. In der ersten Säule erhalten alle Studierenden einen  
Studierendenzuschuss – einen gleich hohen Basisbetrag für alle.  
Mit der zweiten Säule kommt ein individuell bemessener Be  
darfszuschuss hinzu. Beides soll, anders als das jetzige BAföG,  
nicht zurückgezahlt werden müssen.  
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II. WIR KÄMPFEN FÜR BEZAHL  
BARE WOHNUNGEN UND  
LEBENSWERTE KOMMUNEN  
Zu Hause, auf der Straße, bei der Arbeit, in Kindertagesstätten und  
der Schule verbringen wir zusammen unser Leben. Vor Ort werden  
unsere Alltagsfragen beantwortet. Ist der Weg zum Job schnell er  
reichbar und die Miete bezahlbar? Ist die Ärztin, der Arzt nur einen  
Katzensprung entfernt? Fährt der Bus alle fünf Minuten oder exis  
tiert gar keine Haltestelle? Gibt es fußläufig eine Lieblingskneipe,  
Kinos und ausreichend Sportstätten? Ist der Dorfladen ein naher  
und beliebter Treffpunkt oder längst geschlossen? Kann man ein  
fach mal losradeln, ohne Slalom durch Schlaglöcher fahren zu müs  
sen? Diese Grundlagen des Alltags sorgen für Wohlbefinden oder  
Frust. Sie prägen unser Zusammenleben und bestimmen, ob ein Ar  
beitsplatz erreichbar und die Balance zwischen Familie und Arbeit  
möglich ist und ob alle Menschen leben können, wie und wo sie  
wollen. Sie entscheiden mit, ob Kinder gut aufwachsen, ob ein gu  
tes Leben im Alter möglich ist und die Pflege reibungslos funktio  
niert. Die Lebensqualität wird vom Angebot vor Ort entschieden,  
egal ob auf dem Land oder in der Stadt. Unsere Wohnorte sollen  
Teilhabe und Chancen im Alltag unabhängig vom eigenen Geldbeu  
tel ermöglichen. Ein umfangreiches und hochwertiges öffentliches  
Angebot vor Ort ist ein Sprungbrett ins gesellschaftliche Leben, ge  
rade für Menschen ohne großen finanziellen Spielraum.  
1\. Heft des Handelns in die Hände vor Ort  
Kein Ort gleicht dem anderen. Während viele Städte und Ballungs  
räume sich neuer Bevölkerungszunahme und wachsendem Wirt  
schaftsdruck stellen müssen, leiden viele Klein- und Mittelstädte  
unter struktureller wirtschaftlicher Schwäche. Dadurch verstärken  
sich nicht nur soziale Ungerechtigkeiten, sondern ebenso regionale  
Ungleichheiten. Es gibt wohlhabende und finanzschwache, wach  
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sende und halb verlassene, alte und junge Städte und Gemeinden –  
oft in direkter Nachbarschaft. Bei aller Vielfalt vor Ort und der ge  
meinsamen Aufgabe, einen eigenen Weg einzuschlagen, ist eines für  
alle gleich: Städte und Gemeinden müssen das Heft des Handelns in  
der Hand behalten. Nur so können sie autonom handeln und passend  
entscheiden, wer das Busangebot stellt, bezahlbares Wohnen schafft  
oder das Wasserwerk und das Stromnetz betreibt.  
Öffentliche Museen und Theater, sanierte Schulen, gute Sport  
plätze und intakte Quartiere sorgen an vielen Orten für eine hohe  
Lebensqualität. Marode Turnhallen, geschlossene Büchereien und  
Kultureinrichtungen sowie schimmelige Schwimmbäder konzen  
trieren sich in anderen. Die Schere zwischen armen und reichen  
Städten, Gemeinden, Kreisen und Nachbarschaften geht immer wei  
ter auseinander. Wir GRÜNE wollen deshalb struktur und finanz  
schwachen Kommunen unabhängig von der Himmelsrichtung unter  
die Arme greifen. Unser Ziel ist eine angemessene finanzielle Aus  
stattung für alle. Mit einem Altschuldenfonds ermöglichen wir hoch  
verschuldeten Städten und Gemeinden einen Neustart. Spürbare  
Entlastungen von Sozialausgaben erleichtern gerade struktur  
schwachen Kommunen das tägliche Geschäft. Die Einnahmen wer  
den wir mit der kommunalen Wirtschaftssteuer verlässlicher und  
die Grundsteuer gerechter machen, um auch so flächensparendes  
Bauen zu begünstigen und gegen Flächenverbrauch und Bauland  
spekulationen vorzugehen. Der Bund und die Länder dürfen unsere  
Städte und Gemeinden nicht mehr mit immer neuen Aufgaben be  
lasten, ohne das nötige Geld dafür zur Verfügung zu stellen. Unser  
Grundsatz lautet: Wer bestellt, bezahlt. Außerdem brauchen wir  
viel mehr nachhaltige Investitionen. Seit Jahrzehnten fallen immer  
wieder Sanierungen und Instandsetzungen von öffentlicher Infra  
struktur dem Rotstift zum Opfer oder werden ohne ökologischen  
und nachhaltigen Nutzen realisiert. Dieser Investitionsstau konzen  
triert sich ausgerechnet auf die ohnehin finanziell gebeutelten  
Kommunen. Mit unserem grünen Investitionsprogramm im zwei  
stelligen Milliardenbereich wollen wir in einem ersten Schritt bei  
der Sanierung von Schulen helfen, da hier in vielen Orten die Not  
am größten ist. Außerdem wollen wir die Kommunen bei fairer Be  
schaffung durch mehr Beratungsangebote unterstützen.  
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2\. Bezahlbares Wohnen für alle  
Die Suche nach einer bezahlbaren Wohnung mitten in der Stadt ist  
vielerorts vergleichbar mit der Suche nach der Nadel im Heuhaufen.  
Wohnungen sind heiß begehrt und häufig entscheidet die Zahlkraft  
über die oder den neue\*n Mieter\*in. Das ist heute in vielen Städten  
zu einer der großen sozialen Herausforderungen geworden, die fast  
jede\*n betrifft. Gerade lebendige, bunte Stadtteile sind hip und  
durch starke Nachfrage auf frei werdende Wohnungen von Gentrifi  
zierung bedroht. Doch der Geldbeutel darf nicht darüber entschei  
den, ob Freund\*innen, Kindertagesstätte, Jobs und Familie von der  
eigenen Wohnungstür aus schnell zu erreichen sind. Bezahlbares  
Wohnen in angemessenen Wohnungen ist für uns alle existenziell.  
Unsere Wohnungen dürfen keine Spekulationsobjekte sein. Wir  
wollen vielfältige und lebendige Stadtteile. Wir wollen verhindern,  
dass immer mehr Finanzinvestor\*innen den Wohnraum in unseren  
Städten kontrollieren und missbrauchen. Deshalb sind Immobilien  
spekulationen uneingeschränkt zu besteuern.  
Wir GRÜNE setzen uns für eine gemeinwohlorientierte Woh  
nungspolitik ein. Dafür wollen wir eine Million Wohnungen bauen  
und sozial binden, dauerhaft günstig, lebenswert und mittendrin.  
Wir stecken wieder Geld in preiswerten Wohnraum, statt den Bau  
von Luxusobjekten zu unterstützen. Wir fördern Wohnungen für  
junge Familien und Menschen mit weniger Einkommen. Wir schaf  
fen mehr barrierefreie Wohnungen, um alten Bürger\*innen und  
Menschen mit Behinderung den Weg ins Heim zu ersparen. Wir wol  
len mit einer neuen Wohnungsgemeinnützigkeit faires, gutes und  
günstiges Wohnen schaffen, Genossenschaften wiederbeleben und  
den sozialen Wohnungsbau viel stärker fördern.  
Außerdem werden wir GRÜNE auch Menschen mit kleinen und  
mittleren Einkommen helfen, Anteile an Genossenschaften zu er  
werben. Der Bund darf sich nicht länger als Immobilienspekulant  
betätigen, sondern soll Liegenschaften vergünstigt an Kommunen  
abgeben, auch zum Beispiel zur Weitergabe an gemeinwohlorien  
tierte Träger, wenn das städtebaulich oder wohnungspolitisch er  
forderlich ist. Denn Wohnen ist für uns ein Teil der öffentlichen Da  
seinsvorsorge.  
All das reicht aber noch lange nicht aus. Wir werden Mietsteige  
rung begrenzen, die Praxis des Raussanierens bekämpfen und Ver  
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drängung beenden. Daher werden wir Mietsteigerungen, dort, wo  
Wohnraummangel herrscht, in bestehenden Mietverträgen und in  
Milieuschutzgebieten stärker begrenzen. Eine richtige Mietpreis  
bremse ohne Hintertür muss her. Wir wollen ein ökologisches und  
soziales Mietrecht einführen, damit in guter Lage die klimafreundli  
che, warme Wohnung bezahlbar bleibt. Wir wollen es Städten er  
leichtern, ihr kommunales Vorkaufsrecht wahrzunehmen. Wir wer  
den durch die Anhebung des Wohngeldes bedürftigen Menschen  
zusätzlich unter die Arme greifen, den Kündigungsschutz wieder zu  
einem Schutzinstrument machen und Mieter\*innenschutzverbände  
stärken. Wir wollen den Kommunen mit Wohnraummangel ermögli  
chen, selbst zu entscheiden, wo sie die Umwandlung von Miet- in  
Eigentumswohnungen unterbinden. Wir wollen kurze Wege, mehr  
Grün in der Stadt und mehr Treffpunkte und Leben in den Quartie  
ren durch Stadtteilzentren fördern. Wir wollen gemischte Quartiere  
stärken und der Verdrängung von kleinteiligem Gewerbe vorbeugen  
und dazu Gewerbemietspiegel ermöglichen. Wir wollen die Zusam  
menarbeit zwischen den Städten und Gemeinden stärken. Die The  
men Wohnen und Mobilität wollen wir zusammen denken und eine  
verbesserte Anbindung des städtischen Umlandes erreichen. Wir  
unterstützen urbane Gärten, Wohnprojekte, Baugemeinschaften,  
Bürger\*innenenergie und generationengerechtes Wohnen. Flächen  
sparendes Bauen und kompakte Raumkonzepte wollen wir stärken,  
den Flächenverbrauch auf der grünen Wiese eindämmen und mehr  
nachwachsende und gesunde Baustoffe einsetzen. Das Baurecht  
werden wir modernisieren und ein faires grünes Wärmepaket aufle  
gen, um Ressourcen und das Klima zu schonen – und zwar für alle  
bezahlbar. Für lebenswerte Städte und Dörfer mit Identität, für öf  
fentliche Plätze, Straßen und Gebäude zum Wohlfühlen unterstüt  
zen wir die Entwicklung der Baukultur in den Metropolen wie in den  
ländlichen Räumen.  
3\. Ländliche Räume – lebenswert und zukunftsfähig  
Günstiger Wohnraum, ein eigener Garten und der Badesee gleich  
um die Ecke, wer erträumt sich das nicht? Keine gute Schule,  
Einkaufsmöglichkeiten, Busanbindungen, Ausbildungsmöglichkei  
ten oder Jobs, eine schlechtere soziale und ärztliche Versorgung  
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sind leider allzu oft die Kehrseite der Medaille, wenn man auf dem  
Land lebt. Doch auch die Orte, die nicht so sehr im Fokus stehen,  
wollen wir erhalten, pflegen und gedeihen lassen.  
Dabei stehen wir vor großen Herausforderungen, denn die Alte  
rung der Gesellschaft ist im ländlichen Raum besonders stark zu  
spüren. Es sind vor allem die Jüngeren, die nach der Schule ihr Dorf  
oder ihre Kleinstadt verlassen. Ein Nebeneinander von wachsenden  
Städten sowie Dörfern und Gemeinden, in denen immer weniger  
Menschen leben, entsteht. Wir wollen die Möglichkeiten suchen  
und nutzen, die sich aus den Umbrüchen und dem Wandel vor Ort  
ergeben.  
Wir wollen Wohnen, Arbeiten, Einkaufen und Erholen von Be  
ginn an in der gesamten Region zusammen denken und planen,  
barrierefrei und generationengerecht. Wir wissen, wie das auch mit  
knappen Ressourcen gelingen kann. Hierfür wollen wir einiges um  
krempeln. Die Frage, wie ein Lebensweg verläuft, darf nicht der  
geografische Zufall entscheiden. Das ist auch eine Frage von Ge  
rechtigkeit. Viele Regionen treten trotz Fördergeldern auf der Stel  
le oder drohen, abgekoppelt zu werden. Deshalb braucht es einen  
Neustart in der Förderpolitik. Neben der bisherigen wirtschaftsbe  
zogenen Strukturförderung durch EU, Bund und Länder brauchen  
wir mehr Investitionen in unsere allgemeine Infrastruktur. Dazu  
wollen wir die Gemeinschaftsaufgabe von Bund und Ländern auf  
die Förderung der regionalen Daseinsvorsorge in strukturschwa  
chen Regionen unabhängig von der Himmelsrichtung im Grundge  
setz ausweiten.  
Wir machen uns stark für lebendige Ortskerne, damit Innenstäd  
te und Dorfkerne weiter Wohnorte bleiben. Wir wollen schnelles  
Netz – überall; wie wir das machen, beschreiben wir im Kapitel „Wir  
gestalten die Digitalisierung“. Ärzt\*innen und Krankenhäuser müs  
sen erreichbar sein. Deshalb wollen wir die „Gesundheitsversor  
gung aus einer Hand“ stärken. Wir unterstützen auch auf dem Land  
das Prinzip „kurze Beine, kurze Wege“. In ländlichen Zwergschulen  
können Kinder gemeinsam in kleinen Klassen jahrgangsübergrei  
fend lernen und werden ganztägig gut betreut. Wir wollen Vereine  
und Jugendarbeit stärken und Angebote für Jugendliche, wie Ju  
gendzentren, ausbauen und so in den Zusammenhalt investieren.  
Kleinstbetriebe sollen zusammenarbeiten können, um auszubilden.  
Damit der Fachkräftenachwuchs auf hochwertige Arbeits- und Aus  
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bildungsplätze trifft, wollen wir regionale Wirtschaftskreisläufe in  
Schwung bringen. Mit einer gezielten Förderung wollen wir insbe  
sondere für Frauen neue Perspektiven schaffen. So bleibt die Wert  
schöpfung vor Ort und wir können Regionen beleben, die heute  
mehr und mehr verwaisen.  
Wer GRÜN wählt, stimmt für diese drei Projekte:  
Kommunen finanziell entlasten und strukturschwache  
Regionen gezielt fördern  
Die Schere zwischen armen und reichen Städten, Gemeinden  
und Kreisen geht immer weiter auseinander. Wir wollen struktur-  
und finanzschwachen Kommunen unter die Arme greifen. Wir  
werden die Kommunen spürbar von den Sozialausgaben entlas  
ten, indem wir insbesondere die Kosten der Unterkunft und Hei  
zung schrittweise übernehmen und den Kommunen so das tägli  
che Geschäft erleichtern. Wir ermöglichen hoch verschuldeten  
Städten einen Neustart, indem wir übermäßig hohe Schulden in  
einen gemeinsamen Fonds (Altschuldentilgungsfonds) überfüh  
ren. Das entlastet sie von drückenden Zinsen. Die Einnahmen  
wollen wir mit der kommunalen Wirtschaftssteuer verlässlicher  
machen. Strukturschwache Regionen brauchen unsere Unter  
stützung. Deshalb wollen wir einen Neustart in der Förderpolitik  
durch die Schaffung einer neuen Gemeinschaftsaufgabe Regio  
nale Daseinsvorsorge.  
Eine Million dauerhaft günstige Wohnungen  
Wir brauchen einen Aufbruch für bezahlbares Wohnen. Die Zeit  
des Verkaufs und der Spekulation mit Sozialwohnungen muss en  
den. Wir wollen eine Million zusätzliche preiswerte Wohnungen.  
Im Neubau wie im Bestand, dauerhaft günstig und lebenswert,  
möglichst nicht auf der grünen Wiese, sondern innerhalb unserer  
Städte und Dörfer. Mit dem Konzept der Neuen Wohnungsge  
meinnützigkeit werden wir wieder Genossenschaften, kommunale  
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Wohnungsunternehmen und private Investor\*innen für den sozia  
len Wohnungsbau gewinnen. Das Prinzip dabei ist: Zulagen und  
Steuerförderung im Tausch gegen günstigen Wohnraum.  
Mietpreise bremsen – für ein Mietrecht ohne Schlupflöcher  
Die Mieten explodieren seit Jahren. Damit muss jetzt Schluss  
sein. Die Mietpreisbremse ziehen wir endlich richtig an und  
schaffen unnötige Ausnahmen ab. Niemand darf wegen Luxus  
modernisierungen verdrängt werden. Die Modernisierungsumla  
ge in ihrer jetzigen Form ist schädlich. Daher kappen und senken  
wir sie deutlich ab und schaffen eine neue, faire Kostenvertei  
lung. Der Mietspiegel soll die ökologische Gebäudequalität be  
rücksichtigen und die Miethöhen über einen längeren Zeitraum  
abbilden. Wir werden die Zeitspanne ohne Mieterhöhungen aus  
weiten und Mieter\*innenschutzverbände stärken. Wir verdop  
peln das Wohngeld, passen es dynamisch an und berücksichti  
gen die Heizkosten wieder. Zudem führen wir beim Wohngeld  
einen Klimazuschuss für energetisch modernisierte Wohnungen  
ein, damit auch Wohngeldempfänger\*innen energieeffizient  
wohnen können.  
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III. WIR TEILEN DEN  
WOHLSTAND GERECHTER  
Der gesellschaftliche Zusammenhalt bröckelt, wenn das Wohl  
standsgefälle in der Bevölkerung zu hoch ist. Die Schere zwischen  
Arm und Reich hat sich in Deutschland in den vergangenen Jahr  
zehnten zu weit geöffnet. Obwohl die Wirtschaft stets gewachsen  
ist, sank das reale Einkommen von Geringverdiener\*innen und  
Teilen der Mittelschicht, die Einkommen und Vermögen der Top  
verdiener\*innen wuchsen dagegen deutlich. Wir GRÜNE wollen das  
ändern und alle fair an Wohlstand und Lebensqualität beteiligen.  
Niemand soll in Armut leben. Wohlhabende sollen einen fairen Bei  
trag zum Gemeinwesen leisten.  
Das Auseinanderdriften von Arm und Reich schafft wirtschaftli  
che Probleme. Wenn Wohlstandsgewinne bei der Mehrheit der  
Menschen nicht ankommen, ist das nicht nur ungerecht – es fehlen  
auch kaufkräftige Kunden. Stattdessen fließt zu viel Geld auf den  
globalen Finanzmarkt, wo schon zu oft durch spekulative Blasen,  
überhitzte Immobilienmärkte und Finanzkrisen Wohlstand vernich  
tet wurde.  
Zu große Ungleichheit schadet einer demokratischen Gesell  
schaft. Denn sie gibt wenigen Menschen zu viel Macht. Und sie ist  
ungerecht, denn der Bezug von großem Reichtum zu gesellschaft-  
lich anerkannter Leistung geht verloren, während viele Menschen  
trotz harter Arbeit kaum über die Runden kommen. Hohe Einkom  
men können sich durch besondere Leistung, Anstrengung und Ver  
antwortung rechtfertigen. Aber wenn das Dividendeneinkommen  
einzelner Großerb\*innen höher ist als das Jahreseinkommen aller  
Vorstandsvorsitzenden von DAX-Unternehmen zusammen, wenn  
Manager\*innen das Hundertfache ihrer Angestellten verdienen und  
Pflegekräfte, Polizist\*innen oder Erzieher\*innen unterbezahlt sind,  
dann läuft etwas falsch.  
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Bundestagswahlprogramm 2017  
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1\. Für eine Wende am Finanzmarkt  
Entfesselte und aufgeblähte Finanzmärkte haben keinen Nutzen für  
die Gesellschaft und verschärfen die Ungleichheit. Der Anteil der  
Finanzgeschäfte an der Volkswirtschaft ist in den vergangenen drei  
Jahrzehnten stark gestiegen. Viele davon haben keine sinnvolle  
Funktion für die reale Wirtschaft, weil Beschäftigte, Unternehmen  
oder Verbraucher\*innen nichts davon haben. Doch wenn Spekulati  
onsblasen platzen, zahlen sie die Zeche.  
Seit Ausbruch der Finanzkrise 2008 sind in Europa noch immer  
Millionen Menschen ohne Arbeit, die Jugendarbeitslosigkeit in  
einigen südeuropäischen Staaten beträgt über 40 Prozent. Mit Mil  
liarden Euro wurden Banken gerettet, Staaten ächzen unter den  
Schulden, Geld für öffentliche Investitionen fehlt. Die europäischen  
Regierungen haben daraufhin leider viel zu zaghaft reagiert. Der  
Finanzsektor bläht sich wieder auf, Immobilienpreise und Mieten  
steigen, dem Staat entgehen weiterhin wichtige Mittel durch Steu  
ertricks und Betrug. Europäische Banken sind weiter instabil, auch  
Bausparkassen, Lebensversicherer oder Pensionskassen haben Pro  
bleme.  
Wir müssen die Finanzmärkte nach der Finanzkrise noch besser  
regulieren, damit sie wieder der Gesellschaft und der Realwirt  
schaft dienen, sinnvoll die Investitionen in einer Volkswirtschaft  
lenken und den Menschen vernünftige Geldanlagen ermöglichen.  
Auch für die ökologische Modernisierung sind starke Finanzmärkte  
von großer Bedeutung. Statt der derzeit sehr komplexen wollen wir  
einfachere, aber härtere Regeln. Große Banken werden so gehin  
dert, diese durch findige Tricks zu umgehen. Für kleine, regional  
agierende Kreditinstitute wollen wir den bürokratischen Aufwand  
reduzieren. Wir GRÜNE fordern außerdem eine Schuldenbremse für  
Banken, damit sie selbst für ihre Verluste einstehen können. Auch  
Versicherungen brauchen mehr Eigenkapital und für ihre Stabili  
sierung sollen nicht nur Kund\*innen, sondern auch ihre Eigen  
tümer\*innen herangezogen werden. Für Schattenbanken sind viel  
strengere Regeln nötig. Den Hochfrequenzhandel werden wir mit  
einer Finanztransaktionssteuer und geeigneten Marktregeln aus-  
bremsen, damit langfristig orientierte Akteur\*innen am Finanz  
markt nicht geschädigt werden. Der Staat muss auch den Vertrieb  
von schädlichen oder intransparenten Anlageprodukten verbieten.  
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Zu große Banken sind eine Gefahr für die Realwirtschaft, da wir  
sie nicht ohne Schaden für alle abwickeln können. Deshalb brau  
chen wir eine stärkere Fusionskontrolle, die auch das sogenannte  
„Too big to fail“-Kriterium berücksichtigt. Für Banken, die bereits zu  
groß sind, wollen wir ein Trennbankensystem einführen, sodass das  
Einlagengeschäft vom krisenanfälligen Handelsgeschäft getrennt  
wird. Als Ultima Ratio muss für solche Banken auch eine Entflech  
tung möglich sein. Verbraucher\*innen müssen besser vor undurch  
sichtigen und gefährlichen Finanzprodukten geschützt werden. Die  
provisionsgetriebene Beratung wollen wir verbieten und einen  
Umstieg zur Honorarberatung organisieren ( K Kapitel: Wir machen  
Verbraucherinnen und Verbraucher stark, S. 157).  
2\. Für faire Löhne – Arbeit soll sich für alle lohnen  
Die Kapitaleinkommen sind in den vergangenen Jahren stark gestie  
gen, während die Arbeitseinkommen über viele Jahre weitgehend  
stagnierten. Zuletzt sind die Reallöhne zwar wieder gestiegen, aber  
es muss jetzt darum gehen, diese Tendenz zu verstetigen. Dafür  
wollen wir das Tarifsystem wieder stärken. Tarifverträge sollten  
einfacher allgemein verbindlich für alle Betriebe einer Branche gel  
ten. Davon profitieren Beschäftigte und Arbeitgeber\*innen glei  
chermaßen.  
Vorstände in großen Unternehmen konnten in den vergan  
genen Jahren sehr hohe Gehaltssteigerungen durchsetzen. Das  
Verhältnis zwischen ihren Einkommen und normalen Löhnen ist  
inzwischen oft unverhältnismäßig zur Leistung. Diesem Trend  
wollen wir entgegenwirken, indem wir die Rechte der Aktio  
när\*innen stärken. So wollen wir, dass Unternehmen verpflichtend  
die Vorstandsvergütung in Relation zur Normalbelegschaft veröf  
fentlichen müssen.  
Die Mitfinanzierung von überhöhten Gehältern, Abfindungen  
und Versorgungszusagen durch die Bürgerinnen und Bürger wollen  
wir begrenzen. Die steuerliche Abzugsfähigkeit von Abfindungen  
wollen wir daher bei einer Million Euro pro Kopf deckeln, jene von  
Gehältern bei 500.000 Euro pro Jahr und Kopf. Das ist etwa das  
30-Fache des Mindestlohns. Erfolgsbeteiligungen sollen grund  
sätzlich an den langfristigen Erfolg des Unternehmens anknüpfen.  
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Gleichzeitig sind bei Geringverdiener\*innen die Löhne in den  
vergangenen Jahrzehnten real gesunken. Der eingeführte Mindest  
lohn war ein wichtiger Etappensieg. Er muss ausnahmslos für alle  
Angestellten gelten. Damit Geringverdienende mehr im Geldbeutel  
haben, wollen wir sie bei den Sozialabgaben entlasten. Viele Milli  
onen Menschen arbeiten in Leiharbeit oder befristet. Was im Sinne  
der Flexibilität gelegentlich sinnvoll sein kann, wird oft miss  
braucht, um Löhne dauerhaft zu senken. Den Trend zu immer mehr  
unsicheren Jobs wollen wir GRÜNE umkehren. Ohne guten sachli  
chen Grund sollten Jobs nicht mehr befristet werden können und  
Leiharbeit ab dem ersten Tag gleich bezahlt werden – plus Flexibi  
litätsprämie.  
Ein selbstbestimmtes Leben darf auch keine Frage des Ge  
schlechts sein. Wir GRÜNE wollen, dass Frauen und Männer endlich  
die gleichen Karrierechancen haben und gleiche Löhne für gleiche  
und gleichwertige Arbeit erhalten. Wir setzen uns für ein echtes  
Entgeltgleichheitsgesetz, die bessere Bezahlung von typischen  
Frauenberufen sowie eine funktionierende Frauenquote ein.  
Minijobs wollen wir in sozialversicherungspflichtige Jobs um  
wandeln und dafür sorgen, dass die Beiträge durch Steuern, Abga  
ben und soziale Leistungen so aufeinander abgestimmt werden,  
dass sich Erwerbsarbeit immer rechnet. Dabei darf die Belastung  
mit Steuern und Abgaben nicht sprunghaft steigen. So wird es at  
traktiver, mehr als nur geringfügig zu arbeiten.  
3\. Für eine faire und ausgleichende Steuerpolitik  
Steuern finanzieren unser Gemeinwesen. Sicherheit, Infrastruktur  
und Bildung sind Voraussetzungen für eine funktionierende Gesell  
schaft. Von ihnen profitiert auch unsere Wirtschaft. Die aktuell ent  
spannte gesamtstaatliche Haushaltssituation ist bedingt durch his  
torisch niedrige Zinsen und den hohen Beschäftigungsstand. Sie  
darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass strukturelle Risiken weiter  
bestehen. Um den Investitionsstau in unserem Land aufzulösen,  
braucht es deshalb größere finanzielle Spielräume – insbesondere  
für die Kommunen.  
Ein gerechtes Steuersystem sorgt dafür, dass alle nach ihrer  
Leistungskraft zu einer intakten und funktionierenden Gesellschaft  
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beitragen. Hier liegt in Deutschland jedoch einiges im Argen. Arbeit  
wird bei uns häufig höher besteuert als Zinsen und Renditen. Das  
wollen wir GRÜNE ändern. Die ungleiche Besteuerung von Kapital  
erträgen zu allen übrigen Einkünften wollen wir beseitigen, indem  
diese Erträge wieder dem normalen, persönlichen Einkommens  
steuersatz unterliegen.  
Noch immer gehen uns hohe Steuereinnahmen verloren. Mit ag  
gressiven Steuertricks, dem Bankgeheimnis und den Steuerdum  
pingländern gibt es gerade für Superreiche zu viele Möglichkeiten,  
sich der Steuerverantwortung zu entziehen. Dieser Praxis sagen wir  
den Kampf an. Es darf keine anonymen Briefkastenfirmen mehr ge  
ben. Geschäfte in Steuersümpfen, die Steuerbetrug systematisch  
unterstützen, werden wir sanktionieren. Steuerliche Vorteile durch  
Wohnsitzverlagerungen ins Ausland wollen wir beenden.  
Auch Steuervermeidung wollen wir angehen. Alle international  
tätigen Unternehmen sollen ab einer gewissen Größe ihre Gewinne  
und Steuerzahlungen nach Staaten offenlegen, damit sichtbar wird,  
wenn Konzerne wie Starbucks, Apple oder Google ihre Gewinne so  
verschieben, dass sie in den Ländern, in denen sie gute Geschäfte  
machen, keine Steuern zahlen. Tricksereien mit Lizenzgebühren und  
Zinsen wollen wir unterbinden. Banken tragen in diesem Zusam  
menhang eine besondere Verantwortung und dürfen weder direkt  
noch indirekt durch entsprechende Beratung an der Steuerumge  
hung beteiligt sein. So stärken wir auch unseren Mittelstand. Es  
herrscht kein fairer Wettbewerb, wenn Amazon weniger Steuern  
zahlt als der oder die Buchhändler\*in um die Ecke.  
Auch Vermögende können mehr zu unserem Gemeinwesen bei  
tragen. Wir GRÜNE wollen eine verfassungsfeste, ergiebige und um  
setzbare Vermögenssteuer für Superreiche. Selbstverständlich le  
gen wir dabei besonderen Wert auf den Erhalt von Arbeitsplätzen  
und die Innovationskraft von Unternehmen. Die Große Koalition hat  
die Erbschaftssteuer komplizierter und nicht gerechter gemacht.  
Sollte sie abermals vor dem Bundesverfassungsgericht scheitern,  
werden wir ein einfaches und gerechtes Erbschaftssteuermodell  
entwickeln, das mit dem Grundgesetz übereinstimmt.  
Wir wollen kleine und mittlere Einkommen durch eine Erhöhung  
des Grundfreibetrags entlasten und zur Gegenfinanzierung den  
Spitzensteuersatz oberhalb von 100.000 Euro an zu versteuerndem  
Single-Einkommen erhöhen. Für Mittelstand, Selbständige und  
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Arbeitnehmer\*innen wollen wir das Steuersystem gleichzeitig ver  
einfachen, um sie dadurch zu entlasten. Der Aufwand durch die  
Buchführungs und Steuererklärungspflichten ist in den letzten  
Jahren kontinuierlich gestiegen. Gerade Klein- und Jungunterneh  
mer\*innen wollen wir entlasten, damit sie im Wettbewerb bessere  
Chancen haben. Dazu gehören erhöhte Abschreibungsgrenzen für  
geringwertige Wirtschaftsgüter sowie eine Vereinfachung bei der  
Umsatzsteuer mit Blick auf die aufwendigen Verfahren beim Handel  
innerhalb der EU. Zusätzlich wollen wir prüfen, ob die Kleinunter  
nehmer\*innengrenze bei der Umsatzsteuer und der Gewerbesteuer  
freibetrag angemessen angehoben werden sollten.  
Wer GRÜN wählt, stimmt für diese drei Projekte:  
Schuldenbremse für Banken – Schattenbanken regulieren  
Wenn eine Bank in Schieflage gerät, dann dürfen nicht länger die  
Steuerzahler\*innen die Last tragen. Wir wollen eine einfache,  
aber harte Eigenkapitalquote, die Banken verpflichtet, ihre Ge  
schäfte mit mehr Eigenkapital zu finanzieren. Diese soll schritt  
weise angehoben werden und mittelfristig 10 Prozent des ge  
samten Geschäftsvolumens umfassen. So können sie für ihre  
Risiken besser selbst einstehen. Damit risikoreiche Anlagen  
nicht länger aus dem regulierten Bereich ausgelagert werden  
können, muss der Schattenbankensektor analog zum regulären  
Bankensektor klare Regeln erhalten. Alle Gesellschaften, die im  
weiteren Sinne Bankgeschäfte betreiben, müssen den gleichen  
Regeln unterliegen wie Kreditinstitute.  
Steuersümpfe trockenlegen – weltweite Regeln gegen  
Steuervermeidung  
Panama Papers, Offshore- oder Luxemburg-Leaks – wir nehmen  
nicht hin, dass Konzerne und Superreiche mithilfe von Bankge  
heimnis, Steuerdumpingländern und anderen Steuerlücken ihren  
Beitrag zum Gemeinwohl unterschlagen. Darum kämpfen wir für  
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ein international verbindliches Regelwerk, das Mindeststan  
dards für die Steuerpflichten von Unternehmen und Staaten  
setzt. Auch zu Hause werden wir aktiv: Banken und Kanzleien  
untersagen wir Geschäfte mit unkooperativen Ländern, interna  
tionale Konzerne müssen ihre Gewinne nach Ländern aufschlüs  
seln und Briefkastenfirmen entziehen wir durch ein Transparenz  
register die Grundlage. So sorgen wir dafür, dass alle Unternehmen  
ihre Verantwortung für das Gemeinwesen wahrnehmen und ihren  
steuerlichen Beitrag leisten – der internationale Kaffeekonzern  
ebenso, wie es heute schon der oder die Bäcker\*in an der Ecke tut.  
Mehr für das Gemeinwohl – Superreiche in die  
Verantwortung nehmen  
Wir wollen nicht, dass sich Superreiche und Spitzenmana  
ger\*innen von der Gesellschaft abkoppeln. Zu oft verliert die  
Vergütung von Manager\*innen den Bezug zum eigenen Beitrag  
und zu den Durchschnittsverdiener\*innen. Wir setzen ein klares  
Stoppsignal: Zukünftig sollen Unternehmen nur noch maximal  
500.000 Euro pro Kopf von der Steuer absetzen können. Auch  
weil Manager\*innengehälter zulasten der Allgemeinheit gehen,  
wenn Unternehmen die Zahlungen als Betriebsausgaben abset  
zen. Außerdem braucht es eine verfassungsfeste, ergiebige und  
umsetzbare Vermögenssteuer für Superreiche, denn in wenigen  
Ländern Europas sind die Vermögen so ungleich verteilt wie in  
Deutschland. Selbstverständlich legen wir dabei besonderen  
Wert auf den Erhalt von Arbeitsplätzen und die Innovationskraft  
von Unternehmen. Denn wir wollen, dass alle einen fairen Bei  
trag leisten, wenn unser Gemeinwesen finanziert wird und Zu  
kunftsinvestitionen getätigt werden.  
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IV. WIR MACHEN DEN  
SOZIALSTAAT SICHER  
UND ZUKUNFTSFEST  
Gesund bleiben, auch im Alter würdig und selbstbestimmt leben, bis  
zuletzt. Einen Platz in der Gesellschaft finden: All das schaffen wir  
nicht allein. Nur zusammen und solidarisch können wir einander  
soziale Sicherheit geben, uns bei Krankheit, Armut oder Verlust  
des Arbeitsplatzes gegenseitig zur Seite stehen. Unser Ziel: Alle  
Bürgerinnen und Bürger sollen gegen die großen Risiken des Lebens  
gut abgesichert sein – zu fairen und gerechten Bedingungen.  
Unsere sozialen Sicherungssysteme leisten viel, gerade auch im  
internationalen Vergleich. Aber wir müssen dafür sorgen, dass der  
Sozialstaat sein Versprechen auf Sicherheit auch in Zukunft noch  
einlösen kann und dass es dabei gerecht zugeht. Digitalisierung,  
Globalisierung und demografischer Wandel sind und bleiben große  
Herausforderungen. Viele Menschen machen sich zu Recht Gedan  
ken darüber, ob die Rente für einen guten Ruhestand reicht oder ob  
beim Jobverlust Armut droht. Wenn Menschen den Abstieg fürch  
ten, ist das Gift für den sozialen Zusammenhalt. Deshalb ist soziale  
Sicherheit eine Bedingung für den inneren Frieden. Sie ist auch eine  
Voraussetzung für Kreativität und Lebensmut. Denn wer verunsi  
chert ist, kann nicht frei aufspielen. Gerade weil wir außen-, gesell  
schafts- und wirtschaftspolitisch in unruhigen Zeiten leben, ist  
soziale Sicherheit wichtiger denn je. Solidarität ist das Rückgrat un  
serer Gesellschaft. Doch es gibt Gruppen, die sind schlecht abgesi  
chert: kleine Selbständige mit unsteten Lebensläufen, Frauen ohne  
eigene Rentenansprüche, niedrig Entlohnte ohne Geld für die Al  
tersvorsorge. Die Angleichung der Renten Ost an die Renten West  
treiben wir weiter voran. Dabei werden wir auch die Interessen der  
zukünftigen Rentnerinnen und Rentner in allen Teilen des Landes  
im Blick behalten. Wir müssen den Sozialstaat verbessern, damit er  
sein Sicherheitsversprechen für alle halten kann.  
Wie soziale Sicherung auch im Zuge der Digitalisierung und  
aufgrund des demografischen Wandels nachhaltig, solidarisch und  
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armutsfest organisiert werden kann, ist eine der großen Herausfor  
derungen der Zukunft. Wir wollen eine breite gesellschaftliche De  
batte vorantreiben und Fragen von einer Einführung eines bedin  
gungslosen Grundeinkommens, das gesellschaftliche Teilhabe er  
möglicht, über die Frage einer Wertschöpfungsabgabe bis hin zu  
institutionellen Reformen der Sicherungssysteme in den Blick neh  
men. Viele von unseren Vorschlägen von der Kindergrundsicherung  
bis zur Garantierente wurden auch von dem Vorschlag eines Grund  
einkommens beeinflusst. Wir wollen diese Ideen weiterdiskutieren.  
Wir brauchen Antworten auf bisher nicht geklärte Fragen. Dabei  
wollen wir auch Erfahrungen aus anderen Ländern berücksichtigen  
und das Grundeinkommen in einem Modellprojekt erproben.  
1\. Wie die Rente wirklich sicher wird  
Um die Rente wieder sicher und verlässlich, nachhaltig und genera  
tionengerecht zu machen, setzen wir uns dafür ein, das Drei-Säulen  
System der Alterssicherung auf eine solide Basis zu stellen. In erster  
Linie stärken wir die erste Säule, die gesetzliche Rentenversiche  
rung. Denn sie ist und bleibt die wichtigste Säule, der Altersvorsor  
ge. Durch die Rentenreformen der vergangenen Jahre ist das Ren  
tenniveau gesunken. Eine Stabilisierung ist dringend notwendig.  
Das heutige – gegenüber dem Jahr 1998 bereits erheblich abge  
senkte – Rentenniveau sollte nicht weiter fallen. Dabei müssen  
Rentenniveau und Beitragssatz in einem angemessenen Verhältnis  
stehen, damit auch die junge Generation weiter in die gesetzliche  
Rente vertrauen kann. Wer viele Jahre eingezahlt hat, soll von sei  
ner Rente auch leben können. Mit der Garantierente wollen wir für  
alle Menschen, die den größten Teil ihres Lebens rentenversichert  
waren, gearbeitet, Kinder erzogen oder andere Menschen gepflegt  
haben, ein Mindestniveau in der Rentenversicherung einführen. Die  
Garantierente ist steuerfinanziert und die Höhe wird oberhalb der  
Grundsicherung liegen. Es findet keine Bedürftigkeitsprüfung statt  
und betriebliche und private Altersvorsorge wird nicht angerech  
net. Um die gesetzliche Rente finanziell und solidarisch breiter auf  
zustellen, wollen wir versicherungsfremde Leistungen aus Steuern  
bezahlen und die Beschäftigungsbedingungen gerade für Frauen so  
verbessern, dass sie öfter und gleichberechtigt erwerbstätig sind.  
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Wir wollen den ersten Schritt zur Bürger\*innenversicherung  
gehen und hierfür die nicht anderweitig abgesicherten Selbständi  
gen, Minijobber\*innen und Abgeordnete in die gesetzliche Renten  
versicherung einbeziehen. Auch Langzeitarbeitslose sollen wieder  
versichert werden. Für die Selbständigen und insbesondere die  
Existenzgründer\*innen wird es Übergangsregelungen geben. Zu  
dem wollen wir Selbständigen mit Beitragsrückständen bei der  
Krankenversicherung helfen und Schulden erlassen. In einem spä  
teren Schritt wollen wir auch Freiberufler\*innen und Beamt\*innen  
in die gesetzliche Rentenversicherung einbeziehen. Hierfür werden  
wir mit den Ländern zusammenarbeiten. Bereits erworbene An  
wartschaften auf Versorgung und bestehende Beamtenverhältnisse  
bleiben dabei aus Gründen des Vertrauensschutzes unberührt.  
Grundsätzlich halten wir an der Rente mit 67 fest. Wir wollen es  
Menschen aber leichter machen, selbst darüber zu entscheiden,  
wann sie in Rente gehen wollen. Dazu fördern wir eine echte Alters  
teilzeit durch eine attraktive Teilrente ab 60 Jahren, die insbesonde  
re Arbeitnehmer\*innen in belastenden Berufen zugutekommt. Für  
Menschen, die länger arbeiten wollen, soll sich das lohnen. Damit  
sie eine höhere Rente erhalten, führen wir einfache Hinzuverdienst  
regeln ein und erleichtern es, Teilrente und Erwerbseinkommen zu  
kombinieren. So erleichtern wir es Menschen, selbst zu bestimmen,  
wann sie in Rente gehen. Arbeitnehmer\*innen, die nicht mehr arbei  
ten können, sollen nicht länger auch noch dafür bestraft werden,  
deshalb schaffen wir die Abschläge bei der Erwerbsminderungs  
rente ab.  
Neben der gesetzlichen Rente wollen wir auch die private und  
betriebliche Altersvorsorge stärken. Kapitalgedeckte Altersvorsor  
ge kann zu einem Bruchteil der Kosten und mit einer deutlich höhe  
ren Rendite als in Deutschland durchgeführt werden. Wir wollen  
deshalb einen Bürger\*innenfonds in öffentlicher Verwaltung ein  
führen und diesen sowohl für die betriebliche wie auch die private  
Vorsorge öffnen. Bei hinreichender Größe kann die laufende Ver  
waltungsgebühr sehr gering sein. Die Sparleistung der Menschen  
kann so fast vollständig in die Altersvorsorge gehen. Der  
Bürger\*innenfonds soll nachhaltig investieren und dabei soziale  
und ökologische Belange berücksichtigen.  
Alle Arbeitgeber\*innen sollen künftig ihren Beschäftigten eine  
Betriebsrente anbieten und sie mit einem eigenen Arbeitge  
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ber\*innenbeitrag unterstützen. Kleinen Betrieben erleichtern wir  
dies mit einer Änderung der Haftungsregeln. Wenn sie diese nicht  
im eigenen Betrieb oder überbetrieblich organisieren, soll sie unbü  
rokratisch über den Bürger\*innenfonds durchgeführt werden kön  
nen. Die Arbeitnehmer\*innen sind nicht verpflichtet, das Angebot  
ihrer Arbeitgeber\*innen anzunehmen. Die öffentliche Förderung  
der privaten Altersvorsorge soll in Zukunft vor allem Geringverdie  
nenden zugutekommen. Die Entgeltumwandlung lehnen wir ab,  
weil sie die gesetzliche Rente schwächt.  
Viele Frauen sind von Armut im Alter bedroht. Sie leisten  
mehr Erziehungs- und Pflegearbeit, arbeiten oft in Teilzeit oder in  
schlecht bezahlten Branchen und erwerben weniger Rentenansprü  
che. Für Frauen muss es einfacher werden, sich durch Erwerbsarbeit  
selbst besser abzusichern. Mit guten Angeboten für die Kinderbe  
treuung, einer Umwandlung der Minijobs in sozialversicherungs  
pflichtige Beschäftigung, einem Rückkehrrecht auf Vollzeit, einer  
echten Pflegezeit, einer fairen Abbildung von Pflegezeiten bei der  
Rente und mit gleichem Lohn für gleiche und gleichwertige Arbeit  
können wir die Rentenlücke für Frauen mittelfristig schließen. Auch  
die Anrechnung von Aufwandsentschädigungen für Ehrenämter auf  
die Rente werden wir neu ordnen.  
Wir wollen die Benachteiligung der jüdischen Zuwanderinnen  
und Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion gegenüber Spät  
aussiedlerinnen und Spätaussiedlern im Rentenrecht beenden.  
2\. Gesundheit solidarisch für alle – raus aus der  
Zwei-Klassen-Medizin  
Gesundheit und Pflege sind Teil der Daseinsvorsorge. Die Patientin  
nen und Patienten gehören in den Mittelpunkt, an ihren Bedürfnissen  
muss sich die Versorgung ausrichten. Wir wollen eine qualitativ  
hochwertige, wohnortnahe Versorgung unabhängig von Alter, Ein  
kommen, Geschlecht, Herkunft und Behinderung sicherstellen, re  
gionale Über- und Unterversorgung gleichermaßen korrigieren. Um  
zum Beispiel auch dünner besiedelte Regionen besser zu versorgen,  
brauchen Kommunen und Regionen mehr Einfluss und sollten inno  
vative Lösungen, wie die Gründung von lokalen Gesundheitszent  
ren vorantreiben. Stationäre und ambulante Versorgung sind stark  
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voneinander getrennt, was viele Nachteile für Patientinnen und Pati  
enten hat. Wir wollen eine bessere Vernetzung, Koordination und  
Zusammenarbeit aller im Gesundheitswesen und eine gemeinsame  
Planung ambulanter und stationärer Leistungen.  
Wir stärken die Patient\*innenverbände und die Selbsthilfe. Wir  
wollen eine Patient\*innenstiftung, einen Härtefallfonds für Be  
handlungsfehler und eine unabhängige Patient\*innenberatung. Un  
ser Ziel ist eine Primärversorgung, in der insbesondere Haus- und  
Kinderärzt\*innen sowie Angehörige weiterer Gesundheitsberufe  
auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Deshalb setzen wir uns auch für  
eine stärkere interdisziplinäre Ausbildung und eine Aufwertung der  
Allgemeinmedizin ein.  
Wir sollten aber nicht erst handeln, wenn die Krankheit schon da  
ist. Das Gesundheitswesen muss Gesundheit besser fördern: Von  
der Kindertagesstätte über die Schule bis zum Arbeitsleben und  
dem Leben im Alter sollte ein gesundes Leben ermöglicht und un  
terstützt werden. Geschlechtsspezifische Aspekte müssen in unse  
rem Gesundheitswesen stärkere Beachtung finden.  
Jedoch erleben wir heute in Deutschland eine Zwei-Klassen-Me  
dizin. Gesetzlich Versicherte bekommen später einen Termin bei  
Fachärztin oder Facharzt als privat Versicherte. Ärztinnen und Ärzte  
lassen sich vor allem dort nieder, wo sie attraktive Lebens- und  
Arbeitsbedingungen finden. In der privaten Krankenversicherung  
(PKV) zahlen Alte und Kranke mehr als Junge und Gesunde. Oft sind  
Versicherte durch die hohen Beiträge in der PKV schnell überfor  
dert. Gleichzeitig werden viele Gutverdiener\*innen in der PKV nicht  
an der Solidarität mit den sozial Benachteiligten beteiligt. Das  
übernehmen die gesetzlich Versicherten, also vor allem die mit ge  
ringen und mittleren Einkommen. Ein solches System ist ungerecht  
und nicht solidarisch.  
Wir GRÜNE wollen die gesetzliche und private Krankenversiche  
rung zu einer Bürger\*innenversicherung weiterentwickeln. Alle  
Bürger\*innen, auch Beamt\*innen, Selbständige und Gutverdienen  
de, beteiligen sich. Auf Aktiengewinne und Kapitaleinkünfte wer  
den ebenfalls Beiträge erhoben. Arbeitgeber\*innen und Arbeitneh  
mer\*innen übernehmen wieder jeweils die Hälfte des Beitrags und  
die bisher allein von den Arbeitnehmer\*innen getragenen Zusatz  
beiträge werden wieder abgeschafft. Bei den Arzthonoraren soll  
nicht mehr zwischen gesetzlich und privat Versicherten unter  
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schieden werden. Zuzahlungen für Medikamente und andere Selbst  
beteiligungen wollen wir abschaffen. Mit der Bürger\*innenversich  
erung wäre Gesundheit stabil, zukunftsfest und fair finanziert und  
alle Kassen würden auf Grundlage eines weniger manipulationsan  
fälligen Risikoausgleichs um die beste Versorgung konkurrieren.  
Wir wollen Menschen in psychischen Krisen möglichst frühzeitig  
die passende Unterstützung und Therapie zukommen lassen, die  
Hilfen vor Ort besser aufeinander abstimmen und die Prävention  
ausbauen. Darüber hinaus ist die bessere Erforschung von alterna  
tivmedizinischen Verfahren mit anerkannten Methoden erforder  
lich. Wir wollen einen möglichst großen Infektionsschutz der Be  
völkerung, auch im Interesse derjenigen, die nicht geimpft werden  
können. Dafür setzen wir auf freiwillige Beratung und bessere In  
formation.  
Gute Versorgung erfordert ausreichendes Personal. Dazu setzen  
wir uns für bundesweit verbindliche Bemessungsinstrumente bei  
den Personalbesetzungen in der Pflege ein. Dadurch wird die Arbeit  
wieder attraktiver. Ebensolche Regelungen braucht es in der Alten  
pflege. Um die Qualität der Versorgung zu verbessern, streben  
wir auch bei Berufsgruppen wie Hebammen und Entbindungs  
pfleger\*innen im Krankenhaus Regelungen für eine ausreichende  
Personalbesetzung an. Die Geburtshilfe wollen wir stärken und  
insbesondere bei angestellten und freiberuflichen Hebammen und  
Entbindungspfleger\*innen für eine bessere Vergütung sorgen. Wir  
wollen darauf hinwirken, dass im Rahmen der Selbstverwaltung die  
beteiligten Institutionen neue Vergütungsmodelle zur Stärkung der  
physiologischen Geburt und Selbstbestimmung der Frauen sowie  
zur Senkung der Kaiserschnittrate erarbeiten. Freiberufliche Heb  
ammen brauchen eine dauerhafte Lösung für die hohen Beiträge  
der Haftpflichtversicherung. Hierfür wollen wir eine gesetzliche  
Haftpflichtversicherung für Hebammen und die anderen Gesund  
heitsberufe.  
Wir setzen uns ein für eine gute, zahlenmäßig ausreichende und  
kostenlose Ausbildung aller Gesundheitsberufe, beispielsweise in  
der Altenpflege, Physio oder Ergotherapie, Logopädie und für Heb  
ammen. Zudem wollen wir die Psychotherapeut\*innenausbildung  
reformieren, auch um eine angemessene Ausbildungsvergütung zu  
ermöglichen. Außerdem fordern wir bessere Mitspracherechte für  
die Pflege und die anderen Gesundheitsberufe in den Gremien der  
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Bundestagswahlprogramm 2017  
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Selbstverwaltung, damit sie mit ihren Erfahrungen und ihrem Wis  
sen zu einer guten Weiterentwicklung des Pflege und Gesundheits  
systems beitragen können.  
Es bedarf zusätzlicher Ausbildungsplätze für die Gesundheits  
berufe an Hochschulen und Universitäten, auch für Ärztinnen und  
Ärzte. Zur Finanzierung müssen Bund und Länder zusammenarbei  
ten. Viele Krankenhäuser leiden unter Finanzierungsproblemen.  
Universitätskliniken benötigen aufgrund der spezialisierten Patien  
t\*innenversorgung eine solidere Vergütung. Wir wollen in allen Re  
gionen eine bedarfsgerechte stationäre Versorgung sicherstellen.  
Mit einer Reform wollen wir Qualität verbessern, Fehlanreizen zur  
Leistungsausdehnung entgegenwirken und die Investitionsfinan  
zierung auf die Schultern von Ländern und Krankenkassen verteilt  
neu aufstellen. Die Notfallversorgung in Deutschland wollen wir  
reformieren, damit Patient\*innen adäquat versorgt werden. Die Di  
gitalisierung kann im Gesundheitswesen vieles verbessern, etwa  
für chronisch Kranke. Patient\*innen brauchen dabei selbstbestimm  
ten Zugang zu ihren Daten und einen höchstmöglichen Daten  
schutz. Alle Patient\*innen sollen einen Anspruch auf eine sichere  
und vernetzte elektronische Patient\*innenakte erhalten.  
3\. Gute Pflege – selbstbestimmt und würdig  
Heute noch leisten pflegende Angehörige einen sehr hohen Anteil  
an der Pflege und Sorgearbeit. Auch aufgrund des demografischen  
Wandels wird dieses Potenzial zukünftig weniger werden. Ein ver  
lässliches Wohn und Pflegeangebot, bei Bedarf auch „rund um die  
Uhr“, ist immer stärker gefragt. Statt weiterer Großeinrichtungen  
setzen wir dabei auf einen umfassenden Ausbau an ambulanten  
Wohn und Pflegeformen. Notwendig sind auch Tages , Nacht und  
Kurzzeitpflege sowie Einrichtungen wie Quartierstützpunkte oder  
Nachbarschaftszentren, die auch „rund um die Uhr“ eine Pflege und  
Unterstützung sichern. Dabei müssen die unterschiedlichen kultu  
rellen, religiösen, sexuellen oder geschlechtsspezifischen Iden  
titäten der Menschen Eingang in die Gestaltung der sozialen Infra  
struktur und Pflegekonzepte vor Ort finden.  
Ebenso wollen wir die Wohn und Pflegesituation für die Bewoh  
nerinnen und Bewohner in den bestehenden Einrichtungen deutlich  
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verbessern. Beim Aufbau von Hilfenetzen wollen wir die Kommu  
nen unterstützen und ihnen mehr Rechte geben, selbst aktiv zu  
werden. Wir wollen, dass die Angebote vor Ort Familien entlasten  
und dass auch Menschen mit kleiner Rente die Hilfe bekommen, die  
sie brauchen. Damit pflegebedürftige Menschen und ihre Angehöri  
gen das für sie passende Angebot finden, schaffen wir einen Rechts  
anspruch auf unabhängige Beratung durch Fallmanager\*innen.  
Menschen, die Verwandte oder Freundinnen und Freunde pfle  
gen, wollen wir darüber hinaus besser unterstützen. Dafür schlagen  
wir die dreimonatige PflegeZeit Plus und jährlich zehn Tage für aku  
te Notsituationen vor. Pflegende erhalten eine Lohnersatzleistung  
und werden von der Arbeit freigestellt.  
Pflegerinnen und Pfleger müssen besser bezahlt werden. Durch  
ausreichendes Personal wollen wir Überlastung vermeiden. Der  
Pflegeberuf muss aufgewertet und die Arbeitsbedingungen verbes  
sert werden. Eine gemeinsame Pflegeausbildung ist dabei ein wich  
tiger Schritt. Dabei muss sichergestellt sein, dass das Ziel ohne Ver  
lust bisher bestehender spezifischer Kompetenzen und ohne Verlust  
von Ausbildungskapazitäten erreicht werden kann. Und wir treten  
in den Dialog mit den Akteur\*innen in der Pflege über neue Wege,  
die Qualität in der Pflege zu sichern, zum Beispiel auch mit einem  
unabhängigen Institut für Qualität in der Pflege. Schließlich wollen  
wir auch die Pflegeversicherung zu einer Bürger\*innenversicherung  
machen und so langfristig ausreichend finanzieren.  
Zu einer guten Pflege gehört auch, Sterbenden ein Lebensende  
in Würde zu ermöglichen. Einen wichtigen Beitrag hierfür leisten  
die Hospizbewegung und die Palliativversorgung, deren Rahmen  
bedingungen wir verbessern wollen.  
4\. Schutz vor Armut, Unterstützung bei Arbeitslosigkeit  
Die Grundsicherung muss das soziokulturelle Existenzminimum für  
alle gewährleisten. Das verlangt die Würde des Menschen. Der Re  
gelsatz des Arbeitslosengeldes II muss so berechnet und erhöht  
werden, dass man menschenwürdig davon leben kann, soziale und  
kulturelle Teilhabe möglich ist. Die Kinderregelsätze müssen sach  
gerecht ermittelt werden, damit alle Kinder wirklich teilhaben  
können. Für die Stromkosten wollen wir eine gesonderte Pauschale  
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einführen und die Übernahme der angemessenen Wohnkosten si  
cherstellen. Auch unvermeidlich nötige größere Anschaffungen,  
wie Waschmaschinen, müssen möglich sein. Die Grundsicherung  
werden wir zu einer individuellen Leistung weiterentwickeln, denn  
das Prinzip der Bedarfsgemeinschaften benachteiligt Frauen und  
zementiert ihre Abhängigkeit.  
Wir wollen, dass das Grundrecht auf Existenzsicherung einfach  
und zuverlässig wahrgenommen werden kann. Jobcenter sollen zu  
Dienstleistern der Arbeitsuchenden werden und kooperativ mit ihnen  
zusammenarbeiten. Wir stärken die Rechte der Leistungsberechtig  
ten und setzen in der Grundsicherung nicht auf Sanktionen, sondern  
auf Motivation, Anerkennung und Beratung. Daher wollen wir die  
Sanktionen abschaffen. Dies gilt insbesondere für die Sonderregeln  
für unter 25-Jährige und für die Kosten der Unterkunft und Heizung.  
Gas- und Stromsperren müssen gesetzlich eingeschränkt werden.  
Diskriminierende Regelungen nur für Grundsicherungsbeziehende  
wollen wir streichen. Damit liegt der Fokus der Arbeitsvermittlung  
wieder darauf, Arbeitslose passgenau dabei zu unterstützen, einen  
neuen Job zu finden, etwa durch Weiterbildung, Sprachförderung, So  
zialberatung, Eingliederungs- oder Gründungszuschüsse. Es braucht  
zudem mehr Möglichkeiten, Konflikte ohne Prozess zu lösen. Dazu  
wollen wir sicherstellen, dass Eingliederungsvereinbarungen nicht  
durch einen Verwaltungsakt ersetzt werden.  
Arbeit ist ein wichtiges Feld der sozialen Teilhabe, der Anerkennung  
und der Sinngebung im Alltag. Deshalb wollen wir die Arbeitslosenver  
sicherung zur Arbeitsversicherung weiterentwickeln, die Arbeitneh  
mer\*innen bereits im Job, aber auch bei Arbeitslosigkeit bei der Wei  
terbildung unterstützt ( Kapitel: Wir kämpfen für gute Arbeit und  
bessere Vereinbarkeit, S. 216). Wir geben auch Langzeitarbeitslose  
nicht auf und fordern einen verlässlichen sozialen Arbeitsmarkt. Da  
bei soll der Grundsatz gelten: Wer Beiträge in die Arbeitslosenver  
sicherung einzahlt, muss einen angemessenen Anspruch auf Arbeits  
losengeld erhalten.  
5\. Sicherheit in der Selbständigkeit  
Um die soziale und ökologische Modernisierung zu meistern, brau  
chen wir auch die innovative Kraft von Gründer\*innen. Wir wollen  
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alle, die den mutigen Schritt in die Selbständigkeit wagen, dabei un  
terstützen, sich besser und einfacher abzusichern und Ungleich  
behandlungen gegenüber Arbeitnehmer\*innen zeitnah abzubauen.  
Gesetzlich versicherte Selbständige wollen wir bei den Kranken- und  
Pflegeversicherungsbeiträgen mit geringeren Mindestbeiträgen sehr  
deutlich entlasten. Wir wollen eine freiwillige Arbeitsversicherung  
für Selbständige, die erschwinglich, für alle Selbständigen geöffnet  
und gerechter ausgestaltet ist. Wahltarife sollen dabei mehr Flexibi  
lität für Selbständige ermöglichen. Wir wollen alle nicht ander weitig  
abgesicherten Selbständigen in die gesetzliche Rente einbeziehen  
und ihnen eine größere Beitragsflexibilität als heute ermögli chen.  
Selbständige sollen in guten Zeiten höhere Beiträge vor- oder nach  
zahlen können, damit sie in schlechten Zeiten entlastet werden. Wir  
stehen ohne Wenn und Aber zur Künstlersozialkasse. Analog zu Min  
destlöhnen, die nur abhängig Beschäftigten zustehen, wollen wir  
auch branchenspezifische Mindesthonorare ermöglichen.  
Wer GRÜN wählt, stimmt für diese drei Projekte:  
Gesetzliche Rente stärken, das Rentenniveau stabil halten,  
Garantierente einführen  
Für die meisten Menschen ist die gesetzliche Rente nach wie vor  
die zentrale Säule der Altersvorsorge. Und sie ist viel besser als  
ihr Ruf. Das Niveau der gesetzlichen Rente sollte nicht weiter  
sinken. Wir können das schaffen und werden dabei darauf ach  
ten, dass Rentenniveau und Beitragssatz in einem angemes  
senen Verhältnis stehen, sodass auch die junge Generation  
bedacht wird. Um die gesetzliche Rente finanziell besser aufzu  
stellen und solidarischer zu finanzieren, wollen wir versiche  
rungsfremde Leistungen aus Steuergeldern bezahlen und insbe  
sondere Frauen bessere Beschäftigungsmöglichkeiten bieten  
und gezielte Zuwanderung ermöglichen. Menschen, die den  
größten Teil ihres Lebens gearbeitet, Kinder erzogen oder Ange  
hörige gepflegt haben, garantieren wir eine echte Rente anstatt  
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bedürftigkeitsgeprüfter Grundsicherung. Private und betriebli  
che Vorsorge werden auf unsere Garantierente nicht angerech  
net. Mittelfristig streben wir eine Rentenversicherung für alle  
an. In einem ersten Schritt zur Bürger\*innenversicherung wollen  
wir Abgeordnete, Minijobber\*innen und bisher nicht abgesicher  
te Selbständige in die Rentenversicherung einbeziehen.  
Die Bürger\*innenversicherung im Gesundheitssystem –  
erstklassig für alle!  
Wir wollen eine gerecht finanzierte Bürger\*innenversicherung  
im Gesundheits- und Pflegesystem. Alle zahlen dort ein, auch  
Beamt\*innen, Selbständige, Unternehmer\*innen und Abgeord  
nete werden einbezogen. Alle werden bei Ärzt\*innen auf dem  
gleichen hohen Niveau behandelt. Das Zwei-Klassen-System,  
in dem Privatpatient\*innen bevorzugt werden, hat ein Ende.  
Neben Löhnen und Gehältern werden auch auf Kapitaleinkünf  
te Beiträge erhoben. Dabei werden wir Freibeträge auf Zinsein  
künfte einführen. Bei den Löhnen zahlen Arbeitgeber\*innen  
und Ar beitnehmer\*innen wieder jeweils die Hälfte des Beitra  
ges und die Zusatzbeiträge werden abgeschafft. So werden Ge  
sundheit und Pflege fair finanziert und die Finanzierungs  
grundlage er weitert. Bürger\*innen erhalten endlich echte  
Wahlf reiheit: Alle Krankenversicherungen bieten künftig die  
Bürger\*innenver sicherung an und konkurrieren über die Höhe  
des Beitrages, über den Service, das zusätzliche Leistungsan  
gebot und vor allem die Qualität.  
Zeit für gute Pflege – Vereinbarkeit von Pflege und  
Beruf fördern  
Wenn nahestehende Menschen pflegebedürftig werden, müssen  
viele Dinge geregelt werden. Dafür benötigt man Zeit, ebenso  
um Angehörigen nahe zu sein und eine Zeit lang selbst die Pfle  
ge zu übernehmen. Das wollen wir erleichtern: Mit der Pflege  
Zeit Plus gibt es erstmals einen Lohnersatz für die Zeit der  
Pflege. Für drei Monate ersetzen wir Menschen, die Angehörige  
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selbst pflegen, ihren Lohn, genauso wie für Eltern in der Eltern  
zeit. Zudem sollen sich Pflegende zehn Tage im Jahr freinehmen  
können, um sich besonders intensiv um eine zu pflegende Per  
son zu kümmern. Ganz so, wie sich Eltern freinehmen können,  
wenn ihr Kind krank ist. Wir finden, wer für einen pflegebedürf  
tigen Menschen Verantwortung übernimmt, hat unsere Unter  
stützung und Wertschätzung verdient. Die PflegeZeit Plus ist  
unsere Antwort darauf. Das kombinieren wir mit mehr entlasten  
den Angeboten wie Betreuung, einer umfassenden ambulanten  
Pflege und Betreuung. Die Kommunen sind die richtige Ebene,  
um ein passendes Umfeld für alle Generationen zu schaffen,  
dazu gehören auch mehr alternative Wohnformen wie Pflege  
WGs und Hausgemeinschaften.  
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V. WIR HOLEN KINDER AUS  
DER ARMUT UND FÖRDERN  
FAMILIEN  
Familien geben vielen Menschen Halt. In Familien stehen Menschen  
sich nahe, sie lernen voneinander. Kinder können geborgen zu  
selbstbewussten Persönlichkeiten heranwachsen. Familien beglei  
ten alte Menschen in der letzten Phase ihres Lebens. Für uns GRÜNE  
ist Familie überall da, wo Menschen füreinander Verantwortung  
übernehmen. Familien leisten viel: füreinander, aber auch für die  
Gesellschaft insgesamt. Doch viele tun das unter oft schwierigen  
Bedingungen: In Alleinerziehendenfamilien muss eine Person die  
Aufgaben allein schultern; in manch einer Familie reicht das Geld  
hinten und vorne nicht. Immer noch übernehmen Frauen im Durch  
schnitt fast doppelt so viele Stunden der unbezahlten häuslichen  
Arbeit wie Männer. Doch immer mehr Paare wollen sich die Erzie  
hung partnerschaftlich teilen, ohne dass dies zulasten der beruf  
lichen Perspektiven geht. Wir GRÜNE stehen für eine zeitgemäße  
Familienpolitik, die diese Lücke zwischen Wunsch und Wirklich  
keit schließt. Fürsorge für andere kann das Leben bereichern. Und  
gleichzeitig funktioniert auch unsere Gesellschaft nur, wenn Men  
schen zusammenhalten.  
Familien sind inzwischen so vielfältig wie das Leben selbst: Es  
gibt verheiratete Paare mit Kindern, Alleinerziehende, Patchwork  
familien, nichteheliche Familien, Regenbogenfamilien, Pflegefami  
lien oder Familien ohne Kinder. Wir GRÜNE machen eine Politik, die  
Familien in allen Formen und Modellen unterstützt. Deshalb sorgen  
wir dafür, dass die finanzielle Absicherung von Kindern und Famili  
en nicht länger vom Lebensmodell der Eltern abhängt. Den sozialen  
Eltern, also Menschen, die wie in vielen Patchworkfamilien lang  
fristig Verantwortung für ein Kind übernehmen, ohne dessen leibli  
che Eltern zu sein, fehlt ein rechtlicher Rahmen für ihre Familien  
form. Und das, obwohl sie feste Wegbegleiter\*innen ihrer Kinder  
sind. Wir wollen Pflegekinder und Pflegefamilien unterstützen und  
ihre rechtliche Situation verbessern. Auch Pflegekinder haben ein  
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Bedürfnis nach und ein Recht auf dauerhafte und stabile Lebens  
verhältnisse.  
Darüber hinaus wollen wir mit dem Pakt für das Zusammenleben  
eine neue Rechtsform schaffen, die das Zusammenleben zweier  
Menschen, die füreinander Verantwortung übernehmen, unabhän  
gig von der Ehe rechtlich absichert.  
1\. Mehr Unterstützung für Familien  
Die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben ist heute eine der größ  
ten Herausforderungen für Familien, nach wie vor vor allem für  
Frauen. Wir wollen dafür sorgen, dass Eltern nicht die Puste aus  
geht. Beweglichkeit und ein Abschiednehmen von überholten Mus  
tern sind gefragt, um die Anforderungen der Arbeitswelt mit den  
Bedürfnissen der Beschäftigten mehr in Einklang zu bringen und  
dafür zu sorgen, dass Arbeit, Aus- und Weiterbildung sowie Studium  
besser ins Leben passen. Viele Unternehmen haben dies erkannt  
und angefangen, Arbeitszeit neu zu denken und innovative Konzep  
te für ihre Belegschaften zu entwickeln. Solche Wege wollen wir  
unterstützen: mit einer flexiblen Vollzeit, die es Beschäftigten er  
möglicht, freier zu entscheiden, wie innerhalb eines Korridors von  
30 bis 40 Stunden ihre persönliche Vollzeit aussieht; mit einem  
Rückkehrrecht auf die ursprüngliche Stundenzahl nach einer Phase  
der Teilzeit; mit einem Recht auf Homeoffice als Ergänzung zum  
festen Arbeitsplatz sowie mit einer Pflegezeit, die hilft, die Sorge  
für einen nahestehenden Menschen mit dem Beruf besser zu verein  
baren. Vor allem aber mit einer gezielten Förderung von Familien  
durch unser Konzept KinderZeit Plus. Die KinderZeit Plus löst das  
Elterngeld ab und macht es rechtlich möglich, auch nach dem ers  
ten Geburtstag des Kindes phasenweise die Arbeitszeit zu reduzie  
ren. Familien bekommen damit mehr Beweglichkeit.  
Familien brauchen eine sie unterstützende Infrastruktur. Frauen  
und Männer können ihre Arbeit und ihr Leben mit Kindern nur dann  
gut verbinden, wenn es gute Betreuungsangebote gibt. Neben ei  
nem Rechtsanspruch auf eine ganztägige Kinderbetreuung gehört  
dazu ganz zentral der flächendeckende Ausbau von Ganztagsschu  
len, mindestens aber ein Rechtsanspruch auf Hortbetreuung. An  
dernfalls brechen in vielen Familien alle Arrangements zur Verein  
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barkeit von Familie und Beruf mit der Einschulung des Kindes weg.  
Zur Entlastung pflegender Angehöriger sollen ambulante Unter  
stützungsangebote flächendeckend ausgebaut werden. So ist ein  
selbstbestimmtes Leben in vertrauter Umgebung für Pflegebedürf  
tige und ihre Angehörigen möglich. Ältere Menschen haben viel  
beizutragen. Sie engagieren sich ehrenamtlich in Projekten. Sie tun  
das freiwillig, selbstbestimmt und mutig. Sie bauen Netzwerke auf  
und gründen Organisationen, mit denen sie wirkungsvoller handeln  
können.  
Die Kinder- und Jugendhilfe unterstützt junge Menschen auf  
dem Weg ins Erwachsenenleben. Ob Kinderbetreuung, Jugendar  
beit, Hortbetreuung oder Hilfen bei der Erziehung: Fast alle nutzen  
im Laufe ihres Lebens einmal diese Angebote. Und die Aufgaben  
wachsen. Junge Menschen und ihre Familien brauchen eine gut  
ausgestattete Kinder- und Jugendhilfe und eine Jugendarbeit, wel  
che die Jugendlichen – so verschieden sie auch sind – erreicht. Ent  
scheidend für ein Ende der Hilfe darf nicht der 18. Geburtstag, son  
dern muss der tatsächliche Bedarf sein. Notwendig sind auch eine  
Zusammenführung der Leistungs- und Unterstützungssysteme für  
Kinder mit und ohne Behinderung im Jugendhilferecht sowie der  
Erhalt des individuellen Rechtsanspruchs auf Hilfen zur Erziehung.  
Das Aufwachsen von Kindern muss bestmöglich unterstützt wer  
den. Hier darf es auch keine unterschiedlichen Standards für einhei  
mische und geflüchtete Kinder geben. Alle Kinder und Jugendlichen  
sollen bestmöglich vor Vernachlässigung, emotionaler und körper  
licher Misshandlung oder sexuellem Missbrauch geschützt werden.  
Deshalb: Wir brauchen mehr Präventionsangebote, damit es erst gar  
nicht so weit kommt, sowie ausreichend Hilfs-, Beratungs- und The  
rapieangebote für Kinder, denen etwas zugestoßen ist.  
Dafür muss die Kooperation zwischen der Kinder- und Jugendhil  
fe und dem Gesundheitswesen verbindlich geregelt werden. Hierzu  
gehören klare Qualitätsvorgaben und eine entsprechende Finan  
zierung. Die ausreichende finanzielle Unterstützung des „Fonds Se  
xueller Missbrauch im familiären Bereich“ wollen wir gewährleisten  
sowie die Arbeit des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des  
sexuellen Kindesmissbrauchs dauerhaft absichern.  
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2\. Familien entlasten und Kinder fördern – mit dem  
grünen Familien-Budget  
Kinder leben bei uns sehr unterschiedlich. Sie haben alle die glei  
chen Rechte, kommen aber nicht alle gleichermaßen zu ihrem  
Recht. Um viele Kinder muss sich die Gesellschaft glücklicherweise  
keine Sorgen machen. Doch aktuell leben auch fast drei Millionen  
Kinder in Deutschland in Armut oder sind von Armut bedroht. Be  
sonders gefährdet sind Alleinerziehende und ihre Kinder sowie Fa  
milien mit drei und mehr Kindern. Armut schmerzt und grenzt aus.  
Mit dem grünen Familien-Budget schnüren wir ein großes Re  
formpaket, das zahlreiche Schwachstellen bei der Familienförde  
rung angeht. Mit zwölf Milliarden Euro wollen wir Familien entlas  
ten. Für uns ist die Bekämpfung von Kinderarmut ein prioritäres  
Ziel. Wir stärken Alleinerziehende durch eine echte Existenzsiche  
rung für Kinder. Wir entlasten so Familien mit geringem und mittle  
rem Einkommen und beenden endlich die ungleiche Unterstützung  
von Kindern entlang des Einkommens ihrer Eltern.  
Das Familien-Budget besteht aus drei Reformteilen. Die Regel  
sätze für Kinder und Erwachsene in der Grundsicherung müssen so  
ermittelt werden, dass sie das Existenzminimum verlässlich und in  
ausreichender Höhe absichern. Die Bedarfe müssen tatsächlich ge  
deckt werden, auch die zur Teilhabe am sozialen Leben, an Bildung,  
Kultur und Mobilität, soweit diese nicht durch Infrastruktur-Ange  
bote gedeckt werden.  
Eltern mit geringen Einkommen erhalten einen einkommensab  
hängigen KindergeldBonus, der ihren Bedarf (sächliches Existenz  
minimum) unbürokratisch und ohne Antrag garantiert. Eltern mit  
geringen Einkommen erhalten den KindergeldBonus in voller Höhe.  
Bei höheren Einkommen der Eltern wird der Betrag abgeschmolzen.  
Als Basis für alle wollen wir eine einkommensunabhängige Kin  
dergrundsicherung einführen, die das Kindergeld und die Kinder  
freibeträge ersetzt. Dadurch erhalten Eltern mit kleinen und mittle  
ren Einkommen für ihre Kinder endlich die gleiche Unterstützung  
wie Eltern mit hohen Einkommen. Diese neue Kindergrundsiche  
rung soll mit der Einführung einer Individualbesteuerung mit einem  
übertragbaren Grundfreibetrag verknüpft werden. Für bereits Ver  
heiratete und Verpartnerte gilt: Sie können entscheiden, ob sie das  
alte Recht mit Ehegattensplitting, Kindergeld und Kinderfreibeträ  
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gen behalten oder in die neue Regelung mit Kindergrundsicherung  
und Individualbesteuerung wechseln. So stellen wir sicher, dass von  
unserer Reform alle profitieren.  
Mit dem Familien-Budget werden Kinderfreibetrag, Kindergeld,  
Kinderzuschlag und Kinderregelsatz zu einer unbürokratischen Leis  
tung zusammengeführt. Außerdem braucht es neben guter Bildung  
auch echte Teilhabe von Kindern an zentralen gesellschaftlichen Gü  
tern wie Sport, Musik und Kultur. Das heutige Bildungs- und Teilha  
bepaket erreicht dieses Ziel nicht und soll deswegen abgeschafft  
werden. Wir wollen stattdessen die bisherigen Leistungen für die be  
troffenen Kinder zum Teil durch einen vom Bund finanzierten kosten  
freien Zugang zu den entsprechenden Angeboten und zum Teil im  
Regelsatz gewähren.  
Das beste Mittel gegen Kinderarmut bleibt nach wie vor die Er  
werbstätigkeit der Eltern. Deshalb ist es besonders für Mütter ganz  
zentral, dass sie endlich eine angemessene Bezahlung in Jobs, die  
zum Leben reicht, eine bessere soziale Absicherung sowie gute Be  
treuungsangebote für ihre Kinder erhalten. Es ist wichtig, dafür zu  
sorgen, dass Beruf und Familie vereinbar sind.  
3\. Kinder und Jugendliche sollen mitbestimmen,  
wie ihre Welt aussieht  
Wir GRÜNE machen Politik für ein kinderfreundliches Land. Darin  
kommen alle Kinder zu ihrem Recht, die aus den akademischen  
Haushalten genauso wie die aus den Arbeiterfamilien; die, deren  
Familien immer schon am gleichen Ort wohnen, genauso wie die,  
deren Eltern nach Deutschland eingewandert oder erst vor Kurzem  
zu uns gekommen sind; die mit Behinderung genauso wie die ohne;  
Mädchen genauso wie Jungs. Ganz vorn steht deshalb für uns die  
Festschreibung der Kinderrechte im Grundgesetz. Kinder und Ju  
gendliche sollen mitbestimmen, wer ihre Welt gestaltet. Deshalb  
wollen wir das Wahlalter bei allen Wahlen auf 16 Jahre senken. Wer  
in der Kindheit ernst genommen wird und spürt, dass man Dinge  
selbst verändern kann, geht als Erwachsener sicherer durchs Leben.  
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Wer GRÜN wählt, stimmt für diese drei Projekte:  
Für ein modernes Familienrecht – alle Familienformen  
anerkennen und schützen  
Familie ist da, wo Menschen füreinander Verantwortung über  
nehmen. Über 30 Prozent aller Familien, in denen minderjährige  
Kinder leben, sind keine Ehen, sondern: nichteheliche Familien,  
Alleinerziehende mit Kind, Patchworkfamilien oder Regenbo  
genfamilien. Für viele dieser heute selbstverständlichen Famili  
enkonstellationen gibt es keinen klaren Rahmen, der ihre Rechte  
benennt und ihre Familienform absichert. Wir wollen das Famili-  
enrecht weiterentwickeln und für diese Familien ein Angebot  
schaffen, das sie in ihrer Verantwortung als Eltern rechtlich  
stärkt (Rechtsinstitut der elterlichen Mitverantwortung). Damit  
wollen wir klar regeln, welche Rechte und Pflichten, beispiels  
weise in der Schule, beim Arztbesuch oder im Alltag, aber auch  
welche Verantwortung für das Kind die leiblichen und die nicht  
leiblichen, aber miterziehenden Eltern haben.  
KinderZeit Plus – damit Eltern mehr für ihre Kinder  
da sein können  
Eltern müssen vieles gleichzeitig schaffen: die Arbeit, den Haus  
halt, Zeit für die Kinder, die Freunde – und sie wollen möglichst  
auch ein wenig Zeit für sich selbst haben. Dabei ist es ihnen  
wichtig, Erwerbsarbeit und Kindererziehung partnerschaftlich  
untereinander aufzuteilen. Diese Ziele unterstützen wir durch  
unsere grüne Zeitpolitik: Mit der KinderZeit Plus lösen wir das  
Elterngeld ab. Denn es sind nicht nur die Kleinsten, die ihre  
Eltern brauchen. Die grüne KinderZeit Plus ermöglicht es, die  
Arbeitszeit für bestimmte Phasen zu reduzieren. Die KinderZeit  
Plus kann genommen werden, bis die Kinder 14 Jahre alt sind.  
Damit unterstützen wir Eltern auch nach dem ersten Geburtstag  
des Kindes. So bekommen auch Eltern mit geringem Einkommen  
mehr Spielraum, um sich Zeit für ihre schon etwas größeren  
Kinder zu nehmen. In der KinderZeit Plus erhält jeder Elternteil  
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acht Monate finanzielle Unterstützung – weitere acht Monate  
können frei zwischen den Eltern aufgeteilt werden. Wir unter  
stützen Eltern insgesamt also zwei Jahre lang.  
Familien entlasten, Kinder fördern – mit dem grünen  
Familien-Budget  
Mit dem grünen Familien-Budget schnüren wir ein Zwölf-Milliar  
den-Euro-Entlastungspaket, das zahlreiche Schwachstellen bei  
der Familienförderung angeht. Denn derzeit ist die Kinder- und  
Familienförderung trotz ihrer Vielzahl von Leistungen weder ge  
recht noch wirksam. Jedes fünfte Kind in Deutschland lebt in ei  
ner Familie, die arm oder von Armut bedroht ist. Das wollen wir  
ändern. Dazu wollen wir endlich die ungleiche Unterstützung  
von Kindern entlang des Einkommens ihrer Eltern beenden.  
Denn heute steht die Familienförderung kopf. Eltern mit hohem  
Einkommen erhalten für ihre Kinder mehr Unterstützung vom  
Staat als Eltern mit kleinem oder mittlerem Einkommen. Allein  
erziehende werden durch dieses System besonders benachtei  
ligt. Mit dem grünen Familien-Budget werden wir alle Kinder  
gleich gut unterstützen und Familien in erheblichem Maße ent  
lasten. Zukünftig werden Paare individuell besteuert und profi  
tieren vom grünen Familien-Budget. Bereits Verheiratete und  
Verpartnerte können entscheiden, ob sie das alte Recht mit Ehe  
gattensplitting, Kinderfreibeträgen und Kindergeld behalten  
wollen oder ob für sie die neue Regelung mit Individualbesteue  
rung und grünem Familien-Budget günstiger ist. So stellen wir  
sicher, dass von unserer Reform alle profitieren.  
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VI. WIR KÄMPFEN FÜR GUTE  
ARBEIT UND BESSERE  
VEREINBARKEIT  
Für die meisten Menschen ist Erwerbsarbeit ein ganz zentraler Teil  
ihres Lebens. Sie stecken Energie, Lebenszeit, Können und Kreati  
vität in ihre Aufgaben. Bei guter Arbeit wissen sie sich gebraucht  
und finden Anerkennung bei Kolleg\*innen, Mitarbeiter\*innen und  
Vorgesetzten. Fast jede\*r wünscht sich eine gute Arbeit, die finanzi  
ell absichert, erfüllt und Freude macht. Auch darin, nicht nur im  
Lohn, liegt die große Bedeutung der Erwerbsarbeit für unsere Ge  
sellschaft. Und auch deshalb sind Arbeitslosigkeit und ungerechte  
Löhne großer Sprengstoff für den gesellschaftlichen Zusammen  
halt.  
Heute sind in Deutschland mehr Menschen erwerbstätig denn  
je, in den letzten Jahren sind hunderttausende neue sozialversiche  
rungspflichtige Arbeitsplätze entstanden und die Erwerbslosigkeit  
ist relativ gering. Ein Viertel der Beschäftigten befindet sich jedoch  
in kleinen Teilzeitjobs, Leiharbeit, Arbeit auf Abruf, Minijobs oder  
immer wieder in befristeten Jobs. Viele dieser Jobs sind unsicher,  
schlecht bezahlt, erschweren die Lebens- und Familienplanung und  
führen auf Dauer zu Armut im Alter. Nach wie vor sind Frauen am  
Arbeitsmarkt benachteiligt. Überlastung, Stress und Zeitnot führen  
zum Raubbau an der eigenen Gesundheit und Person. Das wollen  
wir ändern.  
Unsere Arbeitswelt wandelt sich sehr stark durch globalisierte  
Unternehmen und digitalisierte Arbeitsplätze. Wir GRÜNE wollen  
diese Entwicklungen fair für alle gestalten. jede\*r soll unter guten  
Bedingungen arbeiten können. Arbeitsplätze müssen alters- und al  
ternsgerecht ausgestaltet werden. Soziale Berufe, in denen vor al  
lem Frauen arbeiten, wollen wir aufwerten. Zudem sollen Frauen  
und Männer endlich gleichen Lohn für gleiche und gleichwertige  
Arbeit bekommen. Wir unterstützen eine partnerschaftliche Auftei  
lung von bezahlten und unbezahlten Aufgaben. Beide Partner\*innen  
sollen wirtschaftlich unabhängig sein, damit sie selbstbestimmt  
leben können – auch im Alter.  
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1\. Gute Arbeit statt prekärer Jobs  
Arbeit muss gerecht bezahlt werden. Der allgemeine Mindestlohn ist  
ein Meilenstein dorthin. Er muss aber für alle Angestellten gelten.  
Eine Erhöhung des Mindestlohns begrüßen wir. Die Höhe des Min  
destlohns sollte sich nicht nur an der Tarifentwicklung orientieren.  
Sie soll ermöglichen, von der Arbeit in Würde leben zu können. Der  
Schutz vor Lohndumping, fairer Wettbewerb und Beschäftigungssi  
cherung müssen ebenfalls bei der Ermittlung der Höhe eine Rolle  
spielen. Auch sollte die Wissenschaft in der Mindestlohnkommission  
ein Stimmrecht bekommen. Außerdem brauchen wir mehr branchen  
spezifische Lohnuntergrenzen oberhalb des Mindestlohns, damit der  
unternehmerische Konkurrenzkampf nicht zulasten der Beschäftig  
ten geht.  
Durch die Digitalisierung unserer Gesellschaft und neue Ge  
schäftsmodelle der Unternehmen arbeiten immer mehr Arbeitneh  
mer\*innen auch an Sonn- und Feiertagen, oft ohne für den Verzicht  
auf arbeitsfreie Sonn- und Feiertage besonders entschädigt zu wer  
den. Das wird dem hohen Wert des arbeitsfreien Sonn- und Feiertags  
nicht gerecht. Für einen gerechteren Ausgleich wollen wir einen ver  
bindlichen Flexibilitätszuschlag für alle, die an Sonn- oder Feierta  
gen arbeiten müssen. Dieser soll im Rahmen der bestehenden Zu  
schlagsregelungen steuer- und sozialabgabenfrei sein.  
Gute Arbeit braucht gute Arbeitsbedingungen, insbesondere in  
Bereichen, in denen Überlastung und prekäre Arbeit häufig vorkom  
men. Flexibilität ist gut – es muss aber auf die richtige Balance mit  
Blick auf die soziale Absicherung und die Mitsprachemöglichkeiten  
der Arbeitnehmer\*innen geachtet werden. Leiharbeiter\*innen sol  
len vom ersten Tag an mindestens die gleiche Entlohnung erhalten  
wie Stammbeschäftigte – plus Flexibilitätsprämie. Von Werk- oder  
Dienstverträgen muss die Leiharbeit klar abgegrenzt werden.  
Scheinselbständigkeit wollen wir mit rechtssicheren Kriterien un-  
terbinden. Arbeit auf Abruf soll dann nicht mehr möglich sein, wenn  
die Tätigkeiten mit normalen Arbeitsverhältnissen erledigt werden  
können, etwa über die Nutzung von Arbeitszeitkonten. Ohne sach  
lichen Grund sollten Jobs nicht mehr befristet werden können. Gute  
Arbeit darf nicht krank machen. Wir werden den Arbeitsschutz stär  
ken, damit er wirksam vor Stress, Burn-out, Mobbing und Entgren  
zung der Arbeit schützt.  
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Immer weniger Jobs sind heute durch Tarifverträge abgedeckt.  
Das muss sich wieder ändern. Tarifverträge sollen leichter allge  
mein verbindlich gemacht werden können und für alle Betriebe ei  
ner Branche gelten. Wir brauchen starke Betriebsräte. Wir wollen  
sie besser schützen, ihre Mitbestimmungsrechte ausbauen und den  
Schwellenwert für die paritätische Unternehmensmitbestimmung  
auf 1.000 Beschäftigte absenken. Denn Partizipation und Demokra  
tie sind auch im Wirtschaftsleben wichtig. Das soll ebenso für die  
Kirchen, einen der größten Arbeitgeber im Land gelten: Auch für  
ihre Beschäftigten wollen wir Koalitionsfreiheit und Streikrecht  
gewährleisten. Zudem halten wir die persönlichen Loyalitätspflich  
ten von Mitarbeiter\*innen bei kirchlichen Trägern außerhalb des re  
ligiösen Verkündigungsbereiches für unverhältnismäßig. Wir wollen  
deshalb die Rechte der kirchlichen Arbeitnehmer\*innen stärken und  
Ausnahmeregelungen beschränken.  
Minijobs scheinen eine gute Gelegenheit, etwas dazuzuverdie  
nen. Aber sie haben zu keiner Zeit das Ziel erreicht, Brücken in regu  
läre Beschäftigung zu bauen. Stattdessen haben sie sich als berufli  
che Sackgasse und Armutsrisiko erwiesen, insbesondere für viele  
Frauen. Minijobs wollen wir deshalb in sozialversicherungspflichti  
ge Jobs umwandeln und dafür sorgen, dass die Beiträge durch Steu  
ern und Abgaben und soziale Leistungen so aufeinander abge  
stimmt werden, dass sich Erwerbsarbeit immer rechnet. Dabei darf  
die Belastung mit Steuern und Abgaben nicht sprunghaft steigen.  
So wird es attraktiver, mehr als geringfügig zu arbeiten.  
2\. Gute Weiterbildung für gute Jobs  
Wir GRÜNE wollen alle Menschen in die Zukunft der Arbeit mitneh  
men. Weiterbildung wird immer wichtiger – auch, weil die Menschen  
immer älter werden und länger arbeiten. Mit der BildungsZeit Plus,  
einem Mix aus Darlehen und Zuschuss, können wir Erwachsene, die  
sich weiterbilden wollen, unterstützen. Damit es gar nicht erst zu  
Arbeitslosigkeit kommt, wollen wir die Arbeitslosenversicherung zur  
grünen Arbeitsversicherung weiterentwickeln, die für alle Beschäf  
tigten und Selbständigen da ist. Sie wird, anders als bisher, nicht erst  
im „Versicherungsfall Arbeitslosigkeit“ tätig, sondern unterstützt  
unter Berücksichtigung der Veränderung von Branchen und Kompe  
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tenzen vorbeugend mit Weiterbildungen und Qualifizierungen, um  
Arbeitslosigkeit zu vermeiden. Sie ist damit ein wirksames Instru  
ment, um Menschen in Zeiten von technologischen Umbrüchen Si  
cherheit zu gewähren und neue Perspektiven zu eröffnen. Sie bietet  
soziale Sicherheit bei Arbeitslosigkeit und hilft beim erfolgreichen  
Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt.  
3\. Zugänge schaffen  
Erwerbslose Menschen sollen in gut ausgestatteten Jobcentern und  
Agenturen passgenau betreut werden, um sie dauerhaft in Arbeit zu  
vermitteln. Auch Menschen mit Behinderung oder geflüchtete Men  
schen brauchen genau auf sie zugeschnittene Angebote. Dazu ge  
hören vor allem Qualifizierungen, Sprachförderung, JobCoaching  
und unterstützte Beschäftigung, Eingliederungs- oder Gründungs  
zuschüsse.  
Teilhabe ist für viele mit Erwerbsarbeit verbunden. Allen muss  
der Zugang zum Arbeitsmarkt ermöglicht werden. Es gibt aber Ar  
beitslose, die absehbar keine Chance auf dem ersten Arbeitsmarkt  
haben. Darum ist der soziale Arbeitsmarkt unerlässlich. Wir wollen  
Arbeit statt Arbeitslosigkeit finanzieren, damit auch Arbeitslose mit  
besonders vielfältigen Problemen wieder Zugang zum Arbeitsmarkt  
bekommen – schrittweise und nachhaltig.  
4\. Zeit für mehr  
Bisher forderten vor allem die Arbeitgeber\*innen Flexibilität von  
ihren Beschäftigten. Jetzt wird es Zeit, dass auch die Beschäftigten  
mehr Zeitsouveränität bekommen, um Arbeit, Privat- und Familien  
leben besser vereinbaren zu können. Dafür brauchen sie mehr Mit  
spracherecht über den Umfang, die Lage und den Ort ihrer Arbeit.  
Durch Wahlarbeitszeiten zwischen 30 und 40 Wochenstunden wol  
len wir Vollzeit neu definieren und zu einem flexiblen Arbeitszeit  
korridor umgestalten. Damit können Frauen leichter als bisher ihre  
Beschäftigung ausweiten und Männer können in Teilzeit gehen,  
ohne Karriereeinschnitte fürchten zu müssen. Auch ein Rückkehr  
recht auf die ursprüngliche Stundenzahl muss endlich kommen. Für  
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Betriebsräte soll es möglich werden, Betriebsvereinbarungen zu  
Vereinbarkeitsfragen zu verhandeln. Zeitsouveränität darf nicht  
dazu führen, dass unbezahlte Mehrarbeit entsteht und die Grenzen  
von Arbeit und Freizeit immer mehr verschwimmen. Deshalb gehört  
ein zeitgemäßer Arbeitsschutz unbedingt dazu sowie ein wirksamer  
Beschäftigtendatenschutz. In den Unternehmen ist Kreativität ge  
fragt, damit die Anforderungen der heutigen Arbeitswelt mit den  
Bedürfnissen der Beschäftigten besser in Einklang gebracht wer  
den. Immer mehr Arbeitgeber\*innen haben dies bereits erkannt,  
sich von überholten Mustern verabschiedet und innovative Konzep  
te für ihre Belegschaften entwickelt. Alle anderen wollen wir davon  
noch überzeugen.  
Das Leben lässt sich nicht immer planen. Manchmal wird die  
Pflege der Mutter wichtiger als der Beruf, manchmal wird ein Kind  
krank. Wir wollen Menschen dabei unterstützen, das Verhältnis zwi  
schen Arbeit und den Wechselfällen des Lebens neu auszubalancie  
ren. Grüne Arbeitszeitpolitik will mehr Selbstbestimmung über die  
eigene (Arbeits-)Zeit ermöglichen. Wir wollen anerkennen und un  
terstützen, wenn jemand Verantwortung für andere übernimmt.  
Denn die Unterstützung und Pflege alter und kranker Menschen ist  
keine private Aufgabe. Sie ist gesellschaftlich wichtig und sie wird  
derzeit überwiegend von Frauen geleistet. Wer Pflegebedürftige  
unterstützt, für den schlagen wir eine dreimonatige PflegeZeit Plus  
mit Lohnersatzleistung vor. Sie soll sich am Einkommen orientieren,  
wie es beim Elterngeld der Fall ist.  
Wer GRÜN wählt, stimmt für diese drei Projekte:  
Gute Arbeit für alle – auch für Menschen mit Behinderung  
Wir wollen die Arbeitswelt gerechter gestalten. Leiharbeitskräf  
te bekommen den gleichen Lohn wie die Stammbeschäftigten  
und eine Flexibilitätsprämie. Zweifelhafte Dienst- und Werkver  
träge, Scheinselbständigkeit und Befristungen ohne Grund er  
setzen nicht mehr tariflich gut bezahlte Arbeit. Menschen mit  
Behinderung haben das gleiche Recht, mit Arbeit ihren Lebens  
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unterhalt zu verdienen. Dazu muss sich ihr Zugang zum allge  
meinen Arbeitsmarkt verbessern. Die Ausgleichsabgabe werden  
wir deutlich erhöhen und damit Betriebe fördern, die über ihre  
Quote hinaus Menschen mit Behinderung ausbilden und beschäf  
tigen. Die Schwerbehindertenvertretung werden wir stärken.  
Das Budget für Arbeit, die unterstützte Beschäftigung und Inklu  
sionsfirmen erleichtern den Einstieg in den allgemeinen Arbeits  
markt. In den Werkstätten für Menschen mit Behinderung wird  
allen, die den Einstieg nicht schaffen, ein fair entlohntes Ar  
beitsangebot gemacht. Das „Mindestmaß wirtschaftlich verwert  
barer Leistung“ als Voraussetzung für die Werkstätten schaffen  
wir ab.  
Flexible Vollzeit – Arbeitszeit freier gestalten  
Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer brauchen mehr Mit  
spracherechte über das Wieviel, Wann und Wo ihrer Er werbs  
tätigkeit. Auch die Führung in Teilzeit sollte für Frauen und  
Männer selbstverständlich möglich sein. Wir schlagen einen  
Vollzeit-Arbeitszeitkorridor im Bereich von 30 bis 40 Stunden  
vor. Innerhalb dieses Stundenkorridors sollen Beschäftigte ih  
ren Arbeitszeitumfang frei bestimmen können. Um Beschäf  
tigten wie Unternehmen Planungssicherheit zu geben, müssen  
dabei Ankündigungsfristen eingehalten werden. Nur dringen  
de betriebliche Gründe sollen die Anpassung der Stundenzahl  
verhindern können. Der bestehende Rechtsanspruch auf Teil  
zeit soll um ein Rückkehrrecht auf den früheren Stundenum  
fang, um ein Recht auf Homeoffice als Ergänzung zum festen  
Arbeitsplatz, sofern dem keine wichtigen betrieblichen Belan  
ge entgegenstehen, und um eine Mitsprache bei der Lage der  
Arbeitszeit ergänzt werden.  
Mit einer Arbeitsversicherung Weiterbildung ermöglichen  
Wir investieren verstärkt in die Qualifizierung und Weiterbildung  
von Beschäftigten und Arbeitslosen, um sie für Berufe mit Zu  
kunft fit zu machen und damit ihre Jobchancen zu verbessern.  
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Dafür wollen wir die Arbeitslosenversicherung zu einer umfas  
senden Arbeitsversicherung weiterentwickeln. Sie soll für alle  
Beschäftigten und Selbständigen da sein und sie absichern. Mit  
dieser grundsätzlichen Reform der Arbeitsförderung kann es ge-  
lingen, Zugänge in Arbeit auch für die zu schaffen, die es heute  
besonders schwer haben: Für Menschen mit Handicap, Jugend  
liche ohne Ausbildung, Langzeitarbeitslose, ältere Beschäftigte  
und Geflüchtete gibt es künftig passgenaue und individuelle In  
tegrationsstrategien.  
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VII. WIR GESTALTEN DIE  
DIGITALISIERUNG  
Smartphones, 3-D-Drucker, Liefer-Apps, Online-Handel und Share  
Economy – schon heute verändert die digitale Revolution unsere  
Wirtschaft, unsere Arbeitswelt und unseren Alltag grundlegend.  
Vieles spricht dafür, dass sich dieser Prozess noch einmal beschleu  
nigen wird. Selbstfahrende Autos sind vielleicht schon in wenigen  
Jahren auf der Straße, am Horizont winkt künstliche Intelligenz. Wir  
wollen den digitalen Wandel aktiv gestalten. Denn wir sehen viele  
Chancen und Möglichkeiten durch die Digitalisierung, die wir er  
greifen wollen.  
Wir wollen neue, gute Jobs in neuen Arbeitsfeldern fördern.  
Wir wollen die ökologischen Möglichkeiten nutzen, die sich für die  
Energie- und Verkehrswende durch intelligente Steuerung, Auto  
matisierung oder Vernetzung ergeben. Für all das werden wir die  
richtigen Weichen stellen. Wir wollen alle ermuntern und fördern,  
die den Mut haben, etwas Neues zu wagen. Und wir wollen diejeni  
gen unterstützen, deren Arbeitsplätze oder deren Zukunft bedroht  
sind. Denn zugleich wirft dieser Wandel ethische Fragen auf  
und erzeugt enormen Anpassungsdruck etwa im Bildungs-, Wirt  
schafts-, Finanz- und Sozialsystem. Hier braucht es eine gesamtge  
sellschaftliche Debatte für umfassende Lösungsansätze.  
Die Digitalisierung trifft auf eine Wirtschaft, in der mit ökologi  
schen Langzeitschäden, Investitions- und Nachfrageschwäche, zu  
starker Konzentration von Vermögen und zu großem Ressourcen  
hunger einiges im Argen liegt. Wir wollen Ordnung in dieses System  
bringen. Dafür brauchen wir mehr Investitionen, damit unsere Wirt  
schaft krisenfester und dynamischer wird. Dafür brauchen wir eine  
öffentliche Hand, die auch gegenüber Konzernen durchgreifen  
kann, um für fairen Wettbewerb, den Schutz der Verbraucher\*innen  
und den Erhalt öffentlicher Güter zu sorgen.  
Es ist uns wichtig, die Digitalisierung mit klaren Regeln so zu ge  
stalten, dass die Vorteile nicht nur wenigen in unserer Gesellschaft  
zugutekommen, und Risiken, zum Beispiel beim Datenschutz oder  
bei der Machtkonzentration einiger weniger Internetkonzerne, be  
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grenzt werden, um einem potenziellen Machtmissbrauch gerade  
mit Blick auf die Verletzung von Persönlichkeitsrechten entgegen  
zuwirken. Die Digitalisierung wird wie jede technologische Revolu  
tion dafür sorgen, dass bestehende Tätigkeiten und Arbeitsplätze  
wegfallen und neue entstehen. Das ist für viele Menschen ein be  
rechtigter Grund zur Sorge. Hier sind wir als Solidargemeinschaft  
gefragt. Wir wollen uns umso stärker aktiv für neue Jobs einsetzen.  
Wir werden unsere sozialen Sicherungssysteme auf diesen Wandel  
einstellen und ihre Zukunftsfähigkeit sichern. Wir werden dafür sor  
gen, dass alle gute Bildung genießen können – und zwar ein Leben  
lang. So können wir es schaffen, dass die Digitalisierung zu einem  
Gewinn für unser Land wird.  
Wir wollen einen digitalen Aufbruch, bei dem Unternehmen, Zi  
vilgesellschaft und Politik gemeinsam dafür sorgen, dass wir durch  
die Digitalisierung unserem Ziel, einer ökologischen und sozialen  
Marktwirtschaft, die sich am langfristigen Wohlstandsgewinn statt  
an kurzfristigen Profiten orientiert, näher kommen.  
1\. Mehr und nachhaltiger in unsere Zukunft investieren  
Investitionen sind die Voraussetzung für eine dynamische und zu  
kunftsfähige Wirtschaft und für wettbewerbsfähige Unternehmen.  
Die Erträge, zum Beispiel von Investitionen in Bildung, sind deutlich  
höher als die Zinsen, die wir derzeit für unsere Kredite bezahlen  
müssen, und Zukunftsinvestitionen bedeuten mehr Nachfrage und  
damit mehr Aufträge für unsere Wirtschaft vor Ort und gute Ar  
beitsplätze. Auch das trägt dazu bei, die Wirtschaft krisenfester zu  
machen. Wir investieren in Deutschland jedoch seit Langem viel zu  
wenig – sowohl die Unternehmen als auch der Staat. Unsere Kinder  
und Enkelkinder werden diese Fehlentwicklung ausgleichen müs  
sen, wenn wir nicht schnell umsteuern. Die ausschließliche Fixie  
rung auf die schwarze Null trägt nicht zur Generationengerechtig  
keit bei. Diese erreichen wir erst, wenn neben der Begrenzung der  
Verschuldung Investitionen in die Zukunft des Landes getätigt wer  
den. Deshalb wollen wir mindestens zwölf Milliarden Euro pro Jahr  
zusätzlich investieren. Damit das öffentliche Vermögen nicht weiter  
schmilzt, soll zugleich eine neue Investitionsregel die bestehende  
Schuldenbremse ergänzen. Wir wollen daher die Bilanzierungsre  
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geln für das öffentliche Vermögen umstellen, um dessen Wert und  
Wertverlust transparent zu machen. Es macht keinen Sinn, sich über  
die schwarze Null zu freuen, wenn auf der anderen Seite die öffent  
liche Infrastruktur zusammenbricht. Die Zeche für heute versäumte  
Investitionen zahlen immer die zukünftigen Generationen. Durch  
den konsequenten Abbau umweltschädlicher Subventionen schaf  
fen wir weitere Haushaltsspielräume für Investitionen.  
Wir GRÜNE wollen in moderne Mobilität, bezahlbare und ener  
gieeffiziente Wohnungen und einen Bildungsaufbruch – also in die  
Zukunft unseres Wohlstandes – investieren. Wenn wir die Chancen  
der Digitalisierung nutzen und sicherstellen wollen, dass die digita  
le Gründer\*innenzeit überall in Deutschland möglich ist, müssen  
wir jetzt in ein schnelles und flächendeckendes Internet inves  
tieren. Grundvoraussetzung dafür ist ein zukunftsfähiger Breit  
bandausbau auf Basis von Glasfaser. Wir wollen dazu den Bundes  
besitz an Telekom-Aktien im Wert von rund zehn Milliarden Euro  
veräußern und in den Breitbandausbau investieren. Das Thema Di  
gitalisierung muss dabei in der Bundesregierung besser koordiniert  
werden und im Kabinett eigenständig vertreten sein.  
Außerdem schaffen wir Planungssicherheit durch verlässliche  
Rahmenbedingungen und wollen Unternehmen, die ihre Gewinne  
nicht entnehmen, sondern reinvestieren, besonders fördern.  
2\. Fairer Wettbewerb statt Machtwirtschaft  
Konzentrierte und verkrustete Märkte sind Gift für fairen Wettbe  
werb. Wir GRÜNE setzen uns für diskriminierungsfreie und offene  
Märkte ein, etwa bei der Netzneutralität. Echte Netzneutralität ist  
die Voraussetzung für einen fairen digitalen Wettbewerb. Ein „Zwei  
Klassen-Internet“ braucht niemand.  
Wir sorgen für Preise, die die ökologische und soziale Wahrheit  
sagen – wie bei der ökologischen Finanzreform und der Leiharbeit.  
So haben nicht diejenigen Vorteile, die am meisten verschmutzen  
oder ausbeuten. Die Rahmenbedingungen sollten so formuliert  
sein, dass kleine oder junge Unternehmen sie ebenfalls meistern  
können. Einfache, aber wirksame Regeln wie eine Schuldenbremse  
für Banken, ein EU-weiter Mindeststeuersatz für Unternehmen und  
ein funktionierender CO2-Emissionshandel sind weitere wichtige  
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Hebel für einen fairen Wettbewerb. Sektoren und Märkte mit  
sehr mächtigen Einzelunternehmen wollen wir besser regulieren,  
damit nicht Einzelne auf Kosten der Verbraucher\*innen, der Um  
welt, der Persönlichkeitsrechte oder der Steuerzahler\*innen ihre  
Profite hochschrauben und einen Missbrauchsvorteil ausspielen  
können.  
Große Internetkonzerne wie Google, Facebook, Amazon und Co  
verändern die Art und Weise, wie wir leben und wie unsere Wirt  
schaft funktioniert, gerade rapide. Daten und Vernetzung gewinnen  
für die Produktion, aber auch den Wert von Gütern und Dienstleis  
tungen eine immer größere Bedeutung. Es ist denkbar, dass der  
Wert eines Autos sehr bald stärker daran gemessen wird, wie gut  
seine Vernetzung mit dem Internet ist und welche datengetriebe  
nen Dienste und Programme es den Fahrer\*innen anbietet, als wie  
gut der Motor oder die Verarbeitung ist. Große Plattformen und  
Portale gewinnen mit jedem und jeder Nutzer\*in an Bedeutung. Ge  
nerell gilt, wer die Daten hat und sie nutzt, hat einen Wettbewerbs  
vorteil. Zum einen wollen wir sicherstellen, dass der Schutz unserer  
Daten dabei immer gewährleistet wird. Zum anderen stellt diese  
veränderte Wertschöpfung eine enorme Herausforderung für die  
deutsche Wirtschaft dar. Unternehmen dürfen den Trend nicht ver  
schlafen und müssen durch Innovationen fit bleiben. Wir wollen sie  
dabei unterstützen, wettbewerbsfähig zu bleiben. Monopolartige  
Strukturen wollen wir verhindern. Daher wird die öffentliche Hand  
als Hüterin des fairen Wettbewerbs immer wichtiger. Wir setzen uns  
deshalb für einen neuen politischen wie rechtlichen Ordnungsrah  
men und eine Weiterentwicklung des Wettbewerbs- und Kartell  
rechts ein, welche die Informations-, Markt- und Datenmacht ein  
zelner Unternehmen effektiv begrenzt. Das bedeutet auch, dass  
Großkonzerne, Banken, die „too big to fail“ sind, oder Netzmonopo  
le in extremen Fällen entflochten werden sollten.  
Damit der Mittelstand im Zuge der Digitalisierung im Wettbe  
werb mit großen Unternehmen gut aufgestellt ist, wollen wir ein  
IT-Beratungsnetzwerk für den digitalen Wandel einrichten. Dieses  
dezentrale Netzwerk von Berater\*innen soll in die Unternehmen  
gehen können, die IT-Sicherheit überprüfen und anbieterunabhän  
gige Verbesserungsvorschläge geben. Dabei sollen auch Empfeh  
lungen ausgesprochen werden, wie das Unternehmen sich im  
Prozess von Digitalisierung, Automatisierung und Vernetzung zu  
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Gerechtigkeit im Sinn  
BUNDESTAGSWAHLPROGRAMM 2017  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 227  
kunftsfähig aufstellen und auch mehr Frauen für die Branche ge  
winnen kann.  
Milliardenschwere Großunternehmen – auch aus der Digital  
branche – nehmen wir in die Pflicht, ihrer gesellschaftlichen Ver  
ant wor tung wieder gerecht zu werden. Für Großunternehmen muss  
es wieder eine Selbstverständlichkeit sein, Steuern auf Gewinne zu  
zahlen – wir werden sie darauf verpflichten. Ebenso müssen sie sich  
an klare rechtliche Vorgaben halten, wie zum Beispiel das neue und  
von uns federführend verhandelte EU-Datenschutzrecht. Außerdem  
wollen wir einen europäischen digitalen Binnenmarkt schaffen, da  
durch würden sich vielen innovativen europäischen Unternehmen  
neue Chancen eröffnen.  
3\. Gute Arbeit 4.0  
Die digitale Arbeitswelt wird vernetzter, technischer und auch flexib  
ler sein. Und wir wollen, dass sie auch humaner, familienfreundlicher  
und ökologischer wird. Mit der Digitalisierung verändern sich Arbeits  
inhalte, Arbeitsplätze und Arbeitsstrukturen. Arbeit ist nicht mehr an  
Ort und Zeit gebunden. Deshalb fordern wir auch ein Recht auf  
Homeoffice als Ergänzung zum festen Arbeitsplatz und unter Berück  
sichtigung der betrieblichen Möglichkeiten. Das schafft Zeitsouverä  
nität und Freiräume für mehr selbstbestimmtes Arbeiten.  
Die Digitalisierung stellt uns aber auch vor neue Herausforde  
rungen: permanente Erreichbarkeit, Mehrarbeit und umfassende  
Leistungskontrolle. Die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit, ab  
hängiger und selbständiger Tätigkeit, zwischen Selbstbestimmung  
und Selbstausbeutung laufen Gefahr zu verschwimmen. Hier wol  
len wir Beschäftigte und Selbständige schützen. Deshalb werden  
wir den Arbeitsschutz an die digitale Arbeitswelt anpassen, betrieb  
liche Mitbestimmungsrechte stärken und mit einem eigenständigen  
Beschäftigtendatenschutzgesetz vor umfassender Leistungskon  
trolle schützen. Solo-Selbständige und Kreative müssen zukünftig  
für alle Lebenslagen sozial abgesichert sein und sie müssen fair  
entlohnt werden. Deshalb wollen wir ein allgemeines Mindest  
honorar als absolute Untergrenze für zeitbasierte Dienstleistungen  
einführen und gleichzeitig branchenspezifische Mindes thonorare  
für bestimmte Werke und Dienstleistungen ermöglichen, die gut zu  
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Gerechtigkeit im Sinn  
ZUKUNFT WIRD AUS MUT GEMACHT.  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
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den jeweiligen Branchen passen. Über Online-Plattformen vermit  
telte Arbeit und die Zahl der Click worker\*innen nehmen zu. Platt  
formen dürfen weder für Lohndumping noch als rechtsfreier Ver  
triebskanal missbraucht werden. Nur wenn die heutigen Sozial- und  
Arbeitsstandards weiterhin gelten, entstehen fairer Wettbewerb  
und gute Arbeitsbedingungen in der digitalen Arbeitswelt. Der digi  
tale Wandel der Arbeitswelt hat bereits begonnen. Diesen Struktur  
wandel wollen wir positiv gestalten.  
Durch die Digitalisierung werden neue Arbeitsplätze entstehen,  
aber manche Tätigkeiten werden auch automatisiert. Die ökologische  
Modernisierung ist dabei eine Chance, damit nicht nur für Program  
mierer\*innen, sondern auch für Handwerker\*innen und Facharbei  
ter\*innen neue Jobs entstehen. Digitale Kompetenzen werden von  
zentraler Bedeutung sein. Deshalb fördern wir Weiterbildungen be  
reits im Job und nicht nur bei Arbeitslosigkeit ( Kapitel: Wir kämp  
fen für gute Arbeit und bessere Vereinbarkeit, Projekt Arbeitsver  
sicherung, S. 216). Digitalisierung und Automatisierung bieten aber  
auch die Chance der Reduzierung der Arbeitsbelastung, der Ermögli  
chung anderweitigen Engagements, zum Beispiel im Ehrenamt, oder  
der Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Hierfür  
sind jedoch eine aktive politische Gestaltung der Umbruchprozesse  
und das Stellen der richtigen arbeitspolitischen Weichen nötig.  
4\. Unternehmensgründungen fördern  
Mit ihren Ideen und ihrer Schaffenskraft fordern Gründerinnen und  
Gründer etablierte Unternehmen heraus, wagen Neues und moderni  
sieren so unsere Wirtschaft. Aufgrund der Digitalisierung erleben wir  
gerade eine neue Gründer\*innenzeit. Es sind die Unternehmer\*innen,  
die die Energie-, Mobilitäts- und Agrarwende in die Praxis umsetzen  
und zu einem Erfolgsmodell machen. Sie gehen ins Risiko und finden  
kreative Lösungen. Wir wollen sie dabei unterstützen, indem wir für  
Selbständige den Zugang zu den sozialen Sicherungssystemen ver  
bessern, neue Finanzierungsformen wie Crowdfunding stärken und  
diese mit Förderbanken vernetzen sowie Co-Working- und Gewerbe  
räume für Gründer\*innen fördern.  
Neben der Projekt- und Gründer\*innenförderung wollen wir For  
schungsaktivitäten in kleinen und mittleren Unternehmen auch  
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Gerechtigkeit im Sinn  
BUNDESTAGSWAHLPROGRAMM 2017  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 229  
steuerlich begünstigen, um das kreative Potenzial und den Erfin  
dergeist dort noch stärker zu mobilisieren. Durch eine Steuergut  
schrift von 15 Prozent sollen ihre Forschungs- und Entwicklungsaus  
gaben künftig gefördert werden. Wir wollen ein unbürokratisches  
und wirksames Förderinstrument für alle Gründungswilligen. Mit  
dem grünen Gründungskapital bekommt jede\*r, die oder der sich  
selbständig machen will und ein überzeugendes Konzept vorlegt,  
einmalig ein flexibles und zinsfreies Darlehen von bis zu 25.000  
Euro. Die Rückzahlung erfolgt, sobald das Unternehmen Fuß ge  
fasst hat. Wir wollen gerade für Kleinunternehmer\*innen den  
Zugang zu Mikrokrediten verbessern, indem der bürokratische und  
finanzielle Aufwand verringert wird. Offene Standards, Schnitt  
stellen, Daten und Software erleichtern es findigen Köpfen, neue  
Geschäftsideen umzusetzen. Zudem wollen wir die Grenze zur So  
fortabschreibung geringwertiger Wirtschaftsgüter auf 1.000 Euro  
anheben. Und wir wollen einen bundesweiten One-Stop-Shop für  
Gründer\*innen einrichten, sodass alle nötigen bürokratischen Vo  
raussetzungen und Beratungsleistungen an einem Ort aufzufinden  
sind. Wir wollen politische Rahmenbedingungen so formulieren  
und vereinfachen, dass kleine oder junge Unternehmen, Kultur  
schaffende und Kreative sie ebenfalls meistern können – und große  
Unternehmen sie mit ihren teuren Anwält\*innen nicht mehr ein  
fach aushebeln können.  
Ein innovatives Land braucht starke Hochschulen. Wissenschaft  
braucht neugierige Menschen und diese brauchen ausreichend Räu  
me und eine gute Ausstattung, also eine moderne Infrastruktur des  
Wissens. Dafür braucht es ein Modernisierungsprogramm, um den  
Sanierungsstau aufzulösen: für mehr studentischen Wohnraum, den  
Ausbau von Laboren und Bibliotheken, aber auch für digitale Infra  
struktur. Mit diesem Vorschlag werden wir die Hochschulen wieder  
auf die Höhe der Zeit bringen und ihre Grundfinanzierung verbes  
sern, damit vielfältige, unabhängige und exzellente Forschung und  
Lehre möglich ist.  
Die Digitalisierung erleichtert auch die Gründung von Unterneh  
men, die alternative Wirtschaftsformen im Blick haben – angefan  
gen bei solidarischer Ökonomie über Social Entrepreneurship bis  
hin zur Sharing Economy. Wir wollen solche Modelle politisch stär  
ken und Offenheit als Leitprinzip für digitale Modelle des Teilens  
verankern.  
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Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
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Wer GRÜN wählt, stimmt für diese drei Projekte:  
Wir investieren in die Infrastruktur der Zukunft  
Wir GRÜNE wollen in die Infrastruktur der Zukunft investieren.  
Den Ausbau von schnellem Internet wollen wir beschleunigen,  
indem wir zehn Milliarden Euro in den Breitbandausbau investie  
ren. Dafür veräußern wir die Telekom-Anteile des Bundes. Wir  
wollen Elektromobilität fördern – und zwar auf allen Ebenen, sei  
es beim Auto, der Ladeinfrastruktur, bei Bussen, Bahnen oder  
Lastenrädern. Auch Radschnellwege werden wir fördern für die  
Mobilität der Zukunft. Mit dem „Zukunftsprogramm Nahverkehr“  
verbessern wir das Angebot und die Qualität des Nahverkehrs  
vor Ort mit jährlich einer Milliarde Euro. Um bezahlbare Woh  
nungen zu schaffen, wollen wir auf Bundesebene die soziale  
Wohnraumförderung deutlich erhöhen und zusätzlich eine Milli  
on Wohnungen durch die Neue Wohngemeinnützigkeit fördern.  
Unser Investitionspaket für bessere Infrastrukturen in Bildung,  
Ausbildung und Wissenschaft umfasst ein fünfjähriges Schul  
sanierungsprogramm und ein Modernisierungsprogramm für die  
Ausstattung von Hochschulen.  
Ideen freisetzen – mit dem Forschungsbonus  
für Unternehmen  
Kleine und mittlere Unternehmen gestalten den ökologischen  
und sozialen Wandel mit. Forschung und Entwicklung sind dabei  
ihre wichtigsten Ressourcen. Wir wollen neue Ideen einfach und  
unbürokratisch fördern – mit unserem steuerlichen Forschungs  
bonus von 15 Prozent auf alle Forschungs- und Entwicklungs  
ausgaben für kleine und mittlere Unternehmen. Firmen, die noch  
keine Gewinne erzielen, bekommen diesen Bonus ausgezahlt. Das  
hilft besonders den Gründer\*innen und innovativen Start-ups.  
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BUNDESTAGSWAHLPROGRAMM 2017  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 231  
Die digitale Arbeitswelt positiv gestalten und Selbstän  
dige, Kulturschaffende und Kreative besser absichern  
Die digitale Arbeitswelt bietet Chancen für mehr Zeitsouveräni  
tät und selbstbestimmtes Arbeiten. Sie kann aber auch grenzen  
los werden. Deshalb werden wir den Arbeitsschutz an die digita  
le Arbeitswelt anpassen. Auch die Mitbestimmung braucht ein  
Update. Wenn durch Vertrauensarbeitszeit ständig Mehrarbeit  
entsteht, sollen Betriebsräte ein Mitbestimmungsrecht über die  
Arbeitsmenge bekommen. Selbständige, Kulturschaffende und  
Kreative schätzen ihre unternehmerische Freiheit, aber häufig  
sind sie wegen geringen oder unregelmäßigen Einkünften nicht  
ausreichend abgesichert. Wir wollen sie mit Mindesthonoraren  
stärken und auch besser absichern. Dazu wollen wir eine Sen  
kung des Mindestbeitrags zur freiwilligen Arbeitslosenversiche  
rung erreichen und die Mindestbeiträge für die gesetzliche  
Kranken- und Pflegeversicherung sehr deutlich senken. Als ers  
ten Schritt zu einer Bürger\*innenversicherung wollen wir Selb  
ständige, die nicht anderweitig abgesichert sind, auch in die  
Rentenversicherung aufnehmen. Die Künstlersozialkasse wollen  
wir erhalten und weiter stärken.  
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
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F. WOFÜR WIR  
VERANTWORTUNG  
ÜBERNEHMEN  
WOLLEN  
I. ZEHN PUNKTE PLAN  
FÜR GRÜNES REGIEREN  
Wir leben in Zeiten, in denen sich vieles ändert. Bedrohliches wie  
auch Positives. Veränderung wird von manchen erhofft, von ande  
ren befürchtet. Wir sind überzeugt, dass unser Land in einem ver  
einten Europa das Beste noch vor sich hat – wenn wir jetzt beherzt  
anpacken. Wir wollen dafür Verantwortung übernehmen.  
Es braucht Mut zu Veränderungen, um unser Land voranzubrin  
gen. Herausforderungen löst nicht, wer bloß über Erfolge von ges  
tern redet und sich darauf ausruht. Wir wollen Fortschritt erkämp  
fen. Mit vielen Verbündeten. Auch für diejenigen, die noch nicht an  
ihm teilhaben.  
Deshalb wollen wir regieren. Dafür brauchen wir Partner\*innen.  
Diese Partnerschaft muss darauf gründen, dass sich heute vieles än  
dern muss, damit wir alle auch morgen gut leben können. Wer mit  
uns koalieren will, der muss bereit sein, bei diesen Vorhaben ent  
schieden mit voranzugehen.  
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BUNDESTAGSWAHLPROGRAMM 2017  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 233  
1\. Klimaschutz voranbringen  
Die Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen bestimmt unser  
politisches Handeln. Das Klima zu schützen, ist eine Menschheits  
aufgabe. Wir wollen, dass Deutschland seine Klimaschutzziele ein  
hält – ohne Wenn und Aber. Bis zum Jahr 2050 wird die Energiever-  
sorgung auch für Gebäude, Mobilität und Industrie ausschließlich  
aus erneuerbaren Energien erfolgen. Wir beschleunigen die Ener  
giewende, schaffen die Deckelung für den Ausbau der erneuerbaren  
Energien ab und achten dabei auf einen fairen Übergang. Wir führen  
einen nationalen Mindestpreis für Klimaverschmutzung ein. Die  
Stromsteuer schaffen wir ab und führen im Gegenzug eine aufkom  
mensneutrale CO2-Bepreisung ein. Wir steigen so aus der klima  
feindlichen Kohle aus, dass wir die Klimaschutzziele und unser Ziel  
100 Prozent erneuerbare Energie im Strombereich bis 2030 einhal  
ten. Die 20 schmutzigsten Kohlekraftwerke schalten wir sofort ab,  
damit Deutschland das Klimaschutzziel 2020 noch erreichen kann.  
2\. E-Mobilität zum Durchbruch verhelfen  
Eine erfolgreiche Wirtschaft ist in Zukunft erneuerbar, effizient und  
digital – auch in der Mobilität. Deshalb denken wir sie neu. Ohne  
Lärm, Abgase und Stau. Wir werden eine intelligent aufeinander ab  
gestimmte Mobilität zwischen abgasfreiem Auto, elektromobiler  
Bahn und ÖPNV, Rad- und Fußverkehr auf den Weg bringen, die auch  
erschwinglich ist. Dazu gehört für uns, den öffentlichen Fern- und  
Nahverkehr flächendeckend auszubauen sowie die Infrastruktur für  
Fahrräder deutlich zu verbessern. Zu einer intelligenten Mobilität  
gehören auch Autos ohne Abgase. Wir wollen, dass das saubere  
Auto auch in Deutschland entwickelt und gebaut wird. Deutschland  
hat dafür weltweit die besten Ingenieurinnen und Ingenieure. Aber  
es braucht einen ehrgeizigen politischen Rahmen und damit Plan  
barkeit. Wir beenden die Ära des fossilen Verbrennungsmotors mit  
klaren ökologischen Leitplanken. Wir wollen ab 2030 nur noch ab  
gasfreie Autos neu zulassen und schaffen dafür entsprechend die  
steuerlichen, fiskalischen und infrastrukturellen Voraussetzungen  
für die emissionsfreie Mobilität der Zukunft. Wir beenden die Sub  
ventionen für Spritfresser wie beim Dienstwagenprivileg. Wir kur  
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ZUKUNFT WIRD AUS MUT GEMACHT.  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
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beln die E-Mobilität an, indem wir für Neuwagen ein Bonus-Malus-  
System in die Kfz Steuer integrieren, von dem profitiert, wer weniger  
CO2 ausstößt. Das befördert Innovation und sichert mit deutscher  
Hightech Arbeitsplätze und Wertschöpfung.  
3\. Landwirtschaft nachhaltig machen  
Immer mehr Menschen wollen gesunde Lebensmittel, die im Ein  
klang mit der Natur hergestellt werden. Sie wünschen sich eine  
Landwirtschaft, die unser Grundwasser und unsere Böden schützt,  
die den Reichtum unserer Tier und Pflanzenwelt erhält, anstatt  
Bienen- und Vogelsterben zu verursachen. Mit uns wird Deutsch  
land auf eine nachhaltige Landwirtschaft umsteigen – ohne Acker  
gifte und Gentechnik. Die industrielle Massentierhaltung schaffen  
wir über die nächsten 20 Jahre ab. Wir setzen Tierschutzstandards  
per Gesetz durch, die an den Bedürfnissen der Tiere orientiert sind,  
die Qualzucht und quälerische Massentierhaltung beenden. Und wir  
führen eine Haltungskennzeichnung für alle Tierprodukte ein – im  
ersten Schritt für Fleisch. Wir schichten die europäischen Steuer  
milliarden so um, dass Umweltschutz und Tierwohl zu neuen Ein  
kommensmöglichkeiten für Landwirt\*innen werden, denn die neue  
Landwirtschaft gibt es nur mit den Bäuerinnen und Bauern.  
4\. Europa zusammenführen  
Wir wollen das vereinte Europa stärken. Denn ohne ein vereintes  
Europa wird es für uns alle weder Frieden noch Wohlstand noch  
Sicherheit in der globalisierten Welt geben. Mit uns wird es eine kla  
re Kurskorrektur in der deutschen Europapolitik geben. Denn es  
braucht Partnerschaft mit Respekt auf Augenhöhe und mehr Solida  
rität und Nachhaltigkeit statt einseitiger Sparpolitik. Wir werden  
massiv in die ökologische Modernisierung und die digitale Zukunft  
unseres Kontinents investieren und so auch zur Bekämpfung der Ar  
beitslosigkeit in vielen Ländern beitragen – statt zwei Prozent der  
Wirtschaftsleistung und damit allein in Deutschland 30 Milliarden  
Euro mehr in Verteidigung zu stecken. Wir wollen mehr Transparenz  
für Bürgerinnen und Bürger und mehr Entscheidungsrechte für die  
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Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 235  
Parlamente in der Europapolitik. Durch gemeinsame Regeln werden  
wir Steuerdumping und Geldwäsche wirksam entgegentreten. Wir  
kämpfen dafür, dass CETA in dieser Form nicht ratifiziert wird.  
5\. Familien stärken  
Wir wollen, dass das Aufstiegsversprechen für alle gleichermaßen  
gilt. Dazu braucht es faire Chancen für alle. Wir investieren zusätz  
lich in gute Bildung, in bessere Kita-Qualität und intakte und gut  
ausgestattete Schulen – statt mit der Gießkanne Geld auszugeben.  
Wir bekämpfen Kinderarmut und stärken Alleinerziehende. Wir ver  
bessern die Familienförderung mit zwölf Milliarden Euro zusätzlich:  
Das grüne Familien-Budget – mit allem, was dazugehört – stärkt  
nicht nur Familien, sondern fördert auch die wirtschaftliche Unab  
hängigkeit von Frauen. Und wir eröffnen damit endlich allen Kin  
dern gute Chancen für ihr Leben – egal wie sie heißen, wo sie woh  
nen und wer ihre Eltern sind.  
6\. Soziale Sicherheit schaffen  
Mit der Digitalisierung der Arbeitswelt stehen wir vor einem großen  
Umbruch. Wir wollen dafür sorgen, dass der Sozialstaat sein Verspre  
chen auf Sicherheit auch in Zukunft noch einlösen kann und damit  
Abstiegsängsten entgegentritt. Wir wollen soziale Sicherheit, die  
vor Armut schützt und Teilhabe garantiert – egal ob bei Arbeitslosig  
keit oder im Alter. Und wir wollen soziale Ungleichheit in Deutsch  
land verringern. Deshalb bauen wir die sozialen Sicherungssysteme  
schritt weise zu einer solidarischen Bürger\*innenversicherung für alle  
um. Wir stabilisieren das Rentenniveau. Wir beenden die Zwei-Klas  
sen-Medizin und beteiligen Arbeitgeber\*innen wieder paritätisch an  
den Kosten. Und wir verbessern die soziale Absicherung von Selb  
ständigen.  
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
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7\. Integration zum Erfolg führen, Geflüchtete schützen  
Es ist nicht wichtig, wo jemand herkommt, sondern, wohin sie oder  
er will. Wer hier glücklich werden will, muss unser Grundgesetz und  
seine Grundwerte anerkennen. In unserem gemeinsamen Land gilt  
das für alle, egal ob sie aus Dresden oder aus Damaskus kommen.  
Wir legen künftig in unserer Einwanderungsgesellschaft mehr Wert  
auf Erziehung zur Demokratie für alle Kinder und Jugendlichen. Wir  
reformieren das Staatsbürgerschaftsrecht: Wer in Deutschland ge  
boren wird, ist deutsche\*r Staatsbürger\*in. Wir wollen, dass aner  
kannte Geflüchtete ihre Familien nachholen dürfen, denn auch das  
hilft ihnen, sich zu integrieren. Auch sie haben ein Recht, als  
Familie zusammenleben zu können. Wir stehen für eine humane,  
menschenrechtsorientierte und zudem gemeinsame europäische  
Flüchtlingspolitik ein. Mit uns gibt es keine Grundgesetzänderung  
für eine Obergrenze beim Asylrecht. Weitere Asylrechtsverschär  
fungen und Abschiebungen in Kriegs- und Krisengebiete lehnen wir  
ab. Das sind wir unserer Geschichte und unseren Werten schuldig.  
8\. Gleichberechtigt und selbstbestimmt leben  
Auch im Jahr 2017 sind Frauen und Männer immer noch nicht gleich  
berechtigt. Wir sorgen dafür, dass gleichwertige Arbeit endlich  
gleich bezahlt wird – egal, ob sie von Frauen oder Männern geleis  
tet wird. Wir bringen ein wirksames Entgeltgleichheitsgesetz auf  
den Weg. Alle sollen ein Recht auf Rückkehr in Vollzeit haben. Und  
wir durchbrechen die gläserne Decke, an die Frauen in ihren Karrie  
ren viel zu häufig stoßen. Quoten bleiben das wirksamste Mittel, ob  
im DAX-Vorstand oder an den Spitzen von Verwaltungen. Wir wol  
len die Ehe für Alle auch in Deutschland ermöglichen und das Adop  
tionsrecht öffnen. Wenn zwei Menschen sich lieben und füreinander  
Verantwortung übernehmen wollen, dann verdient das Respekt.  
Das sehen in Deutschland die meisten Menschen so: Sie wollen,  
dass Schwule und Lesben heiraten dürfen. In 22 Ländern weltweit,  
davon 13 in Europa, können sich Schwule und Lesben das Jawort  
geben. Warum soll in Deutschland nicht möglich sein, was vieler  
orts geltendes Recht ist? Das Eheverbot für Schwule und Lesben  
passt nicht zu unserem modernen Land Deutschland.  
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Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 237  
9\. Freiheit sichern  
Wer frei leben will, muss sich sicher fühlen können. Islamistischer  
Terrorismus ist eine der größten Bedrohungen unserer Zeit. Rechts  
extreme Gewalt und Terror konnten sich in unserem Land viel zu  
lange ohne effektive Gegenwehr ausbreiten. Frauen sind immer  
noch in besonderer Form von Gewalt betroffen – sowohl im privaten  
wie auch öffentlichen Raum, sowohl online wie offline. Rassismus ist  
immer noch alltäglich und resultiert oft in Gewalt. Geflüchtete,  
LSBTIQ\*, sogar Obdachlose werden bedroht oder angegriffen. Hinzu  
kommen hetzerisch geführte Debatten, die unsere Gesellschaft  
spalten und verunsichern. Vielen Menschen macht zu Recht die hohe  
Zahl der Einbrüche Angst. Wir stehen für eine effektive Sicherheits-  
politik. Eine Sicherheitspolitik, die Bedrohungen ernst nimmt, aber  
mit Augenmaß und unter Wahrung der Bürger\*innenrechte reagiert.  
Wir sorgen dafür, dass die Polizei zur Erfüllung ihrer wachsenden  
Aufgaben gut ausgestattet ist, um effektiv schützen zu können. Wir  
stärken die grenzüberschreitende Zusammenarbeit der Sicherheits  
behörden. Wir setzen auf gezielte Überwachung statt massenhaften  
Ausspähens aller Bürgerinnen und Bürger. Wir stärken das Prinzip  
der Prävention als integraler Bestandteil der inneren Sicherheit.  
Dazu gehört auch, das Waffenrecht zu verschärfen.  
10\. Fluchtursachen bekämpfen  
Deutschland ist international ein verlässlicher Bündnispartner.  
Doch wir tragen derzeit mit Rüstungsexporten an Diktaturen und  
Krisenregionen zur Unsicherheit in der Welt bei. Deshalb beenden  
wir solche Exporte mit einem verbindlichen Rüstungsexportgesetz.  
Wir wollen nicht auf Kosten der Menschen in anderen Ländern Pro  
fite machen und Konflikte dort anheizen. Deshalb stärken wir mit  
fairen Handelsabkommen ökologische und soziale Standards welt  
weit. Wir wollen die Überfischung vor den Küsten Afrikas beenden  
und solche Agrarsubventionen streichen, die andernorts Landflucht  
und Hunger befördern. Der Kampf gegen die Klimaerhitzung ist  
auch ein Kampf gegen Fluchtursachen. Die beste Flüchtlingspolitik  
ist diejenige, die Menschenrechte konsequent schützt und dazu bei  
trägt, dass Menschen ihre Heimat nicht verlassen müssen.  
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Zehn-Punkte-Plan  
ZUKUNFT WIRD AUS MUT GEMACHT.  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
238  
Unser verbindliches Angebot  
Diese Vorhaben beschreiben nicht alle unsere Anliegen – aber die  
wichtigsten. Sie sind unser Maßstab für eine Regierungsbeteiligung.  
Sie sind unser verbindliches Angebot an Sie, die Bürgerinnen und  
Bürger. Wenn Sie die GRÜNEN wählen, bekommen Sie dafür vollen  
Einsatz.  
Wir wollen den Stillstand und die Unentschlossenheit ablösen,  
die die Große Koalition bietet. Deshalb sind wir bereit, nach der  
Wahl mit allen Parteien außer der AfD zu sprechen, ob wir unsere  
Vorhaben umsetzen können. Das entspricht unserem Verständnis  
von Demokratie und Verantwortung.  
Wir haben bereits einmal sieben Jahre lang in einer Koalition mit  
der SPD unsere Republik erfolgreich regiert und nach vorne ge  
bracht. Daran würden wir gerne wieder anknüpfen. Doch über mög  
liche Mehrheiten entscheiden Sie als Wählerinnen und Wähler. Je  
stärker die GRÜNEN im nächsten Deutschen Bundestag und einer  
Bundesregierung sind, umso mehr Gewicht haben wir auch, um diese  
Ziele durchzusetzen. Regieren können und werden wir, wenn die  
Richtung stimmt und unsere Kernvorhaben umgesetzt werden kön  
nen. Das ist für uns Anforderung, um verantwortungsvoll mit Ihrer  
Stimme umzugehen. Wenn unsere Kernvorhaben nicht umgesetzt  
werden können, dann werden wir aus der Opposition für Verände  
rung und gesellschaftliche Mehrheiten kämpfen. Sollte es erfolgrei  
che Koalitionsverhandlungen geben, werden wir das Ergebnis unse  
ren Mitgliedern in einer Urabstimmung vorlegen.  
Wir wollen eine moderne und ökologische, eine vielfältige und  
gerechte Gesellschaft. Wer mit uns regieren will, muss den Politik  
wechsel auf den Weg bringen.  
Zukunft wird aus Mut gemacht!  
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Zehn-Punkte-Plan  
BUNDESTAGSWAHLPROGRAMM 2017  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 239  
Stichwortregister  
ZUKUNFT WIRD AUS MUT GEMACHT.  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
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Stichwortregister  
A  
Abfall 18, 22f  
Abrüstung 66, 83f  
Afrika 15–19, 65, 75–78, 95, 99, 104, 237  
Agrarpolitik 11, 16, 24–26, 29f, 78, 81, 93, 97, 101, 228, 237  
Antidiskriminierung 9, 81, 112, 117, 119–138, 148, 155, 161, 167, 169, 225  
Antisemitismus 117, 119, 140  
Antiziganismus 117, 119f, 140  
Arbeit 8–11, 20, 23, 27, 34–36, 40–49, 54, 61, 63, 71–73, 77, 92f, 96, 101f,  
106–114, 125, 127, 129–134, 138, 141, 150–153, 171–175, 179–181, 187f,  
191–197, 201–206, 209–211, 214, 216–222, 227–231  
Arbeit 4.0 227  
Arbeitsmarkt 73, 102, 106–113, 205, 216–221  
Arbeitsversicherung 180, 205f, 218–222, 228  
Armutsbekämpfung 9, 14, 65, 68, 81, 90f, 121, 125, 130, 171f, 190, 197f, 200,  
204, 209, 212f, 215f, 218, 235  
Artenschutz 19–21, 24, 30f  
Asylrecht 98–100, 104f, 236  
Atomausstieg 11, 48f, 52–55, 94  
Ausbildung 72, 77, 106f, 111–113, 127, 150, 174–181, 186f, 201–204, 230  
Außenpolitik 53, 75, 83–85, 101  
B  
BAföG 178, 182  
Bahn 45, 56–60, 72, 230, 233  
Barrierefreiheit 63, 125  
Behinderung, Menschen mit 125, 127, 141, 176, 180f, 211, 213, 219–221  
Bildung 16, 47, 71, 81f, 106–113, 120, 123, 127, 139, 141–143, 155f, 164–167,  
172, 175–182, 218, 223–225, 230, 235  
Bisexuelle 81, 123  
Bodenschutz 14, 17, 19–21, 25, 28–30, 33, 37f, 40, 234  
Breitbandausbau 225, 230  
Bundeswehr 84–87, 140, 168  
Bürger\*innenrechte 116f, 136, 144, 155, 237  
Bürger\*innenversicherung 173, 199–207, 231, 235  
Stichwortregister  
BUNDESTAGSWAHLPROGRAMM 2017  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 241  
C  
Cannabis 126f  
CETA 90, 93, 96, 235  
CO2–Ausstoß 33–39, 41, 45–47, 58, 61, 225, 233f  
Cybermobbing 135, 167  
D  
Daseinsvorsorge 81, 93–96, 155, 165, 185–188, 200  
Datenschutz 93, 96, 121, 160, 162, 164, 167–169, 203, 220, 223, 227  
Demografischer Wandel 7, 111, 197, 203  
Demokratie 7, 68, 70, 73, 76–78, 113–121, 136, 141–152, 156, 164, 169f, 173,  
218, 236, 238  
Deutschland–Takt 60, 64  
Digitalisierung 7, 28, 45f, 72, 153, 166, 171–173, 179, 187, 197, 203, 217,  
223–229, 235  
Direkte Demokratie 147–149, 156  
Divestment 43, 46  
Drogenpolitik 125–127  
E  
EEG (Erneuerbare–Energien–Gesetz) 35, 50  
E–Government 164, 170  
Ehe für Alle 123, 126, 236  
Ehegattensplitting 130, 212, 215  
Einwanderung 10, 67, 99, 111–115, 153, 236  
Einwanderungsgesetz 99, 112, 114  
Elektromobilität (auch E–Mobilität) 15, 43, 57, 60f, 64, 230, 233f  
Energie 8f, 15, 33–39, 41–55, 58, 72, 78, 101, 164, 189, 223–225, 228, 233  
Energiewende 8f, 41, 45–51, 54, 233  
Entgeltgleichheit 130, 134, 193, 236  
Entwicklungszusammenarbeit 81, 87, 104  
Ernährung 21, 30, 81, 92f, 158  
Erneuerbare Energien 9, 35, 39, 50  
EU–Parlament 42, 73  
Euro 65–74  
Europa 7–13, 16, 19, 25–37, 51–55, 57–60, 65–73, 76–79, 83–88, 90–94, 109, 111,  
114, 117, 120, 128, 137–143, 146, 148, 150, 154, 156, 159f, 191, 196, 227, 232–236  
Stichwortregister  
ZUKUNFT WIRD AUS MUT GEMACHT.  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
242  
Europäische Union (EU) 29, 67–79, 82–88, 91f, 94f, 97f, 100–104, 114–117,  
120, 125, 140, 149f, 154, 162, 187, 195, 234  
F  
Faire Wärme 51, 54  
Familie 57, 59, 98f, 103, 105–110, 123, 130–133, 171–173, 176, 178, 183–185,  
209–216, 219, 227f, 235f  
Familiennachzug 107, 109  
Familien–Budget 130, 212, 215  
Finanzmarkt 90, 92f, 190f  
Flucht 7–12, 14, 33, 66–68, 70, 75–77, 80, 82, 88f, 98–110, 237  
Flüchtlinge 11, 66f, 82, 87, 98–110, 121, 149, 174, 180, 211, 219, 222, 237  
Forschung 28, 45, 52, 61, 72, 85, 91, 123, 125, 153, 164, 175, 202, 228–230  
Frauen 10, 15, 44f, 56, 80f, 85, 93, 100, 105–109, 113, 124, 128–135, 149, 167,  
179, 188, 193, 197–200, 202, 205f, 209f, 216–221, 235f  
Freihandel 91  
Freiheit 7–10, 68, 70, 76, 91, 116–170, 237  
Frieden 8–11, 14, 65–70, 75f, 78–86, 119, 148, 197, 234  
G  
Ganztagsschule 177, 182, 210  
Geburtshilfe 134, 202  
Geflüchtete 11, 66f, 82, 87, 98–110, 121, 149, 174, 180, 211, 219, 222, 237  
Gentechnik 9, 25–28, 234  
Gerechtigkeit 7, 11, 15, 66–68, 72, 79–81, 87, 121, 128, 131, 134, 149f, 153f,  
164, 171–173, 187  
Geringverdiener\*innen 190–193  
Gesellschaftliches Engagement 104, 141, 146–150  
Gesundheit 18–20, 23, 27f, 31, 33, 47, 58, 62, 81, 93, 108, 123–126, 154,  
157–160, 173, 187, 200–203, 207, 211, 216  
Gewaltschutz 124, 129, 131, 134  
Gewässerschutz 17f, 23  
Gleichberechtigung 7, 81, 116f, 128–131  
Globalisierung 7, 67–69, 90–97, 171–197  
Green New Deal für Europa 72  
Gründer\*innen 10, 26, 173, 199, 205, 225, 228–230  
Grundsicherung 198, 204f, 207, 212f  
Stichwortregister  
BUNDESTAGSWAHLPROGRAMM 2017  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 243  
Grüne Wirtschaftspolitik 41  
Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit 116f, 119f, 140f, 146, 167  
Gruppenklagen 160, 163  
Gute Arbeit 27, 43, 92, 174, 180, 205, 216f, 220, 224, 227f  
H  
Handel 8f, 26, 29, 31–35, 38, 66–69, 72, 78, 90–97, 83, 101, 111, 127, 136, 169,  
191f, 195, 223, 225, 237  
Handelsabkommen 90–96, 237  
Hass im Netz 116, 164, 166f  
Hebammen 133f, 202  
Hochschulen 10, 32, 122, 172, 174f, 178f, 203, 229f  
Hochwasserschutz 14, 18, 25  
Humanitäre Hilfe 82, 102f  
Hunger 14, 65, 68, 81f, 91–97, 237  
I  
Industriepolitik 9, 15f, 18–23, 25–30, 34f, 38, 40–43, 48–54, 61–64, 72, 87, 95,  
157f, 170, 233f  
Inklusion 119, 124f, 127, 141, 171f, 175–177, 180–182, 200, 211, 213, 219–221  
Innere Sicherheit 11, 117, 132, 136–145, 167, 237  
Integration 11, 68, 99, 102, 106–115, 119, 149, 154, 180f, 222, 236  
Internationale Politik 7–24, 65–67, 75–97, 101f  
Intersexuelle 81, 123  
Islam 122, 144  
J  
Jahreswohlstandsbericht 45, 47  
Jugendliche 56, 71f, 108, 123, 126, 144, 156, 174, 177f, 180, 187, 211, 213, 222, 236  
Jugendschutz 125–127  
K  
Kennzeichnungspflicht 28f, 95, 158, 162, 166, 234  
Kinder 9–17, 92, 99f, 106–113, 123, 126, 130f, 134, 142, 158, 171–178,  
181–187, 198, 201f, 204–215, 235f  
Stichwortregister  
ZUKUNFT WIRD AUS MUT GEMACHT.  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
244  
Kinderarmut 172, 209, 212f, 235  
Kindertagesstätten 107, 142, 172, 174f, 181, 183  
KinderZeit Plus 210, 214  
Klimaabkommen 14, 33f, 44, 46, 50, 92  
Klimapolitik 8–11, 14–18, 33–40, 46, 48f, 59, 61, 81, 87f, 91, 101, 233, 237  
Klimaschutzgesetz 34, 38  
Kohleausstieg 15, 35–39, 50  
Kommunen 11, 20, 23, 27, 43, 47, 50, 53, 59–64, 93, 98, 104–110, 143f, 148,  
165, 169, 172, 175, 177, 182–188, 193, 200, 204, 208  
Kreative 10, 151, 165, 227–231  
Kreislaufwirtschaft 22f, 72  
Krisenprävention, zivile 75, 78f, 85, 88, 101  
Kultur 8–10, 71f, 82, 90, 93, 96, 111–114, 120, 151–156, 166, 176, 179, 182, 184,  
203f, 212f, 229, 231  
L  
Ländliche Räume 7, 56, 61, 154, 165, 186f  
Landwirtschaft 9, 15, 18, 20f, 24–34, 38, 44, 46, 72, 93, 97, 101, 234  
Lärmschutz 15f, 56–63, 233  
Lebensgrundlagen 14–16, 40, 46, 48, 90f, 101, 233  
Leiharbeit 107, 193, 216f, 220, 225  
Lesben 81, 123f, 236  
Lobbyregister 74, 78, 147, 156  
LSBTIQ\* 82, 106, 117, 119, 123f  
M  
Massentierhaltung 9, 15, 25–27, 31, 34  
Medien 116, 125, 142–146, 150–154, 166f, 180  
Meeresschutz 14, 17–19, 33, 101  
Menschen mit Behinderung 125, 127, 141, 176, 180f, 211, 213, 219–221  
Menschenrechte 11, 23, 66, 68, 76, 79–85, 88, 93, 95f, 99, 103–105, 113, 121,  
123, 140, 148f, 157, 237  
Mieten 54, 182f, 185f, 189, 191  
Mobilität 15, 20, 23f, 34, 38, 42–46, 54, 56–64, 178, 186, 212, 225, 228, 230, 233  
MobilPass 59, 63  
Stichwortregister  
BUNDESTAGSWAHLPROGRAMM 2017  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 245  
N  
Nachhaltigkeit 44f, 54, 65, 67, 81, 85, 91, 164, 234  
Naturschutz 14–32, 48, 51, 72  
Netzausbau (Stromnetz) 51  
Netzneutralität 165, 225  
NSU 137, 141  
O  
Ökologische Modernisierung 7, 16, 40–44, 191, 205, 228, 234  
Open Data 148, 170  
ÖPNV 20, 44, 56–64, 233  
P  
Pflege 127, 129–131, 134, 171, 173f, 178, 183, 190, 200–208, 210f, 220, 231  
PflegeZeit Plus 204, 207f, 220  
Prävention (Gesundheitsprävention) 123–127, 211  
Prävention (Krisenprävention) 67, 75, 78–80, 83, 85, 88, 101, 136  
Präventionszentrum 143f  
Q  
Queere Menschen 81, 123  
R  
Radverkehr 24, 36, 44, 56f, 63f  
Rassismus 117, 119, 140f, 146, 167, 237  
Rechtsextremismus 119, 141–143, 155  
Rechtsstaat 68, 70, 75–81, 85, 99f, 102, 116f, 132, 136–146, 168, 170  
Recycling 18, 44  
Religionen 10, 68, 111, 113, 117, 120–122, 141, 146  
Rente 130, 173, 197–200, 204–206, 231–235  
Ressourceneffizienz 43, 52  
Rüstung 11, 65–67, 76, 81, 83f, 87f, 101, 140, 237  
Stichwortregister  
ZUKUNFT WIRD AUS MUT GEMACHT.  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
246  
S  
Schuldenbremse 191, 195, 224f  
Schulen 9–11, 27, 107, 142, 153, 158, 172, 174–177, 181f, 184, 187, 210, 235  
Schwule 81, 123, 236  
Selbstbestimmung 10, 70, 81, 83, 117, 119–133, 136, 164, 167, 172, 179, 202,  
220, 227  
Selbständige 194, 197, 199, 201, 206f, 218, 222, 227–231  
Sexualisierte Gewalt 129, 131f, 134f, 211  
Sicherheitspolitik 65, 71, 75, 79, 83f, 86f, 96, 117, 136–140, 144, 237  
Sozialstaat 197–208, 235  
Sozialversicherung 130, 193, 200, 216, 218  
Sport 119f, 149, 152, 154f, 182–184, 213  
Steuerpolitik 10, 130, 185, 193f, 196, 198, 218, 227  
Strommarkt 50f, 54  
Strukturwandel 7, 32, 36, 39, 228  
Studium 32, 175, 179  
Subventionsabbau 16, 41f, 46, 52, 57, 59f, 72, 94f, 225, 233, 237  
Sucht 126f  
Syrien 65, 76, 104, 109, 174  
T  
Tierschutz 27, 30–32, 162, 234  
Toleranz 10, 68, 116  
Transparenz 73f, 96, 147f, 155–161, 168, 196, 234  
Transsexuelle 81, 123f  
TTIP 90, 93, 96  
Türkei 76f, 80, 102–104  
U  
Umweltpolitik 14–23, 26–30, 40–44, 46, 48, 56, 58–62, 64, 92–95, 98, 121,  
134, 149, 152, 158, 225f  
Umweltfreundliche Mobilität 34, 38, 42f, 44f, 46, 56–64, 225, 228, 230, 233f  
Umweltschädliche Subventionen 41f, 46, 57, 59, 60, 72, 225, 233, 237  
Stichwortregister  
BUNDESTAGSWAHLPROGRAMM 2017  
Bundestagswahlprogramm 2017  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 247  
V  
Verbraucher\*innenschutz 22, 26–29, 32, 46, 157–165, 168, 191f, 223f, 226  
Vereinte Nationen 11, 33, 65f, 75, 79–88, 125, 127, 176  
Verfassungsschutz 137, 141–144  
Verkehrspolitik 34, 36, 38, 41, 44–48, 56–64, 223, 231, 233  
Vermögenssteuer 194, 196  
Verteidigung 75, 84–87, 140, 168, 234  
Vielfalt (biologische) 17, 19, 21f, 24f, 30, 47, 97  
Vielfalt (kulturelle und gesellschaftliche) 10, 13, 68, 93, 111–116, 119–124,  
130, 133, 136, 138, 149–152, 155, 166, 185, 238  
Volksentscheide 57, 148, 156  
Vorratsdatenspeicherung 136  
W  
Wahlalter 149, 156, 213  
Wärme 48, 51f, 136  
Weiterbildung 43, 117, 131, 149, 174, 180f, 205, 210, 218f, 221, 228  
Welthandel 90–96  
Wettbewerb 10, 15, 38, 46, 50, 58, 60f, 72f, 92, 111, 164f, 169, 194f, 217, 223–228  
Whistleblower\*innen 149f, 156  
Wirtschaftspolitik 15, 40–47, 139  
Wissenschaft 42, 45, 53, 90, 122, 142, 144, 165, 179f, 217, 229f  
Wohlstand 7f, 14, 34, 40, 42–48, 66, 68, 90, 129, 224f, 234  
Wohnen 44, 52, 54, 125, 179, 184–189, 213, 235  
Z  
Zeitpolitik 131, 214, 220  
Zivile Krisenprävention 75, 78f, 85, 88, 101  
Zukunftsfonds (im EU–Haushalt) 72, 77  
Zukunftspakt (zwischen der EU und Afrika) 77f  
Zusammenhalt 9–11, 43, 68–71, 113, 117, 119, 121, 149f, 154, 173, 175, 187,  
190, 197, 209, 216  
WAHLKAMPF 2017 —  
INFORMIEREN UND  
MITMACHEN:  
WAHLKAMPF 2017 —  
INFORMIEREN UND  
MITMACHEN:  
WWW.GRUENE.DE  
Dieses Bundestagswahlprogramm wurde auf  
der 41. Bundesdelegiertenkonferenz von  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN vom 16. bis 18. Juni 2017  
in Berlin beschlossen.  
Dieses Bundestagswahlprogramm wurde auf  
der 41. Bundesdelegiertenkonferenz von  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN vom 16. bis 18. Juni 2017  
in Berlin beschlossen.  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNENBÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
Platz vor dem Neuen Tor 1Platz vor dem Neuen Tor 1  
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# Wahlprogramm 2013

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Bundestagswahlprogramm 2013  
von BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN  
ZEIT FÜR DEN  
TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
ZEIT FÜR DENZEIT FÜR DEN  
GRÜNEN  
TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
GRÜNENGRÜNEN  
WANDELWANDELWANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
von BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN  
zeit für den  
teilhaben. einmischen. zukunft schaffen.  
grünen  
wandel  
Inhalt  
A. Teilhaben. Einmischen. Zukunft schaffen.  
Warum es Zeit ist, dass sich was ändert 7  
1\. Es ist an der Zeit, den grünen Wandel entschlossen  
voranzutreiben 8  
2\. Warum wir den grünen Wandel brauchen 9  
3\. Unser Ziel: ein besseres Morgen 12  
4\. Teilhaben. Einmischen. Zukunft schaffen – Motoren  
des grünen Wandels 15  
5\. Am 22. September GRÜN wählen 24  
B. 100 % sichere Energie 27  
1\. Die Zukunft verdient unsere Leidenschaft 29  
2\. Die Energiewende von unten weiterführen 31  
3\. 100 % sichere Energie ohne Kohle und Öl 33  
4\. Atomausstieg sicher und schnell besiegeln 35  
5\. Bezahlbare Wärme und Strom für alle 37  
6\. Klimaschutz vorantreiben – europäisch und global 39  
C. Anders wirtschaften 46  
1\. Grüne Transformation der Industrie – in Deutschland,  
Europa und weltweit 48  
2\. Die Krise überwinden – durch ein solidarisches  
und ökologisches Europa 55  
3\. Finanzmärkte an die Leine nehmen 58  
4\. Kleine und mittlere Unternehmen stärken 64  
5\. Es gibt viel zu tun – von Menschen für Menschen 67  
6\. Solidarische Ökonomie fördern 68  
7\. Nachhaltiges Wirtschaften statt blinden Wachstums 70  
D. Besser haushalten 74  
1\. Ökologisch, gerecht und wirtschaftlich vernünftig:  
die grüne Steuerpolitik 77  
2\. Starke Schultern schaffen mehr als schwache:  
die grüne Einkommensteuer 82  
3\. Schulden abbauen: die grüne Vermögensabgabe 82Zeit für den grünen Wandel  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BündniS 90/die grünen  
2  
4\. Unfaire Steuerschlupflöcher stopfen: grüner  
Subventionsabbau 83  
5\. Eine andere Politik ist möglich: die grünen  
Ausgabenprioritäten ab 2014 85  
E. Teilhaben an guter Arbeit 88  
1\. Gute Arbeit braucht faire Löhne und Sicherheit 89  
2\. Gute Arbeit braucht einen effektiven Arbeitsschutz  
und starke Mitbestimmung 92  
3\. Gute Arbeit braucht Zugänge 94  
4\. Gute Arbeit braucht gute Arbeitsvermittlung 98  
5\. Gute Arbeit in neuen Jobs 99  
6\. Gute Arbeit für gute Fachkräfte 100  
F. Teilhaben an guter Bildung 104  
1\. Erneuerung der Bildungsinstitutionen 105  
2\. Erfolg ermöglichen: für gute Kitas und Schulen 107  
3\. Zugänge eröffnen in Ausbildung, Studium und  
Weiterbildung 109  
4\. Grüne Wissenschaftspolitik: Freiheit und Verantwortung 111  
5\. Gemeinsam Verantwortung tragen: Kooperations-  
verbot aufheben 115  
G. Teilhaben an sozialer Sicherung 118  
1\. Grüne Grundsicherung 119  
2\. Grüne Bürgerversicherung: gerechte Finanzierung  
des Gesundheitssystems 122  
3\. Grüne Gesundheitspolitik: ortsnah und bedarfsgerecht,  
inklusiv und präventiv 123  
4\. Prävention, Hilfe und Entkriminalisierung statt  
Fort setzung der gescheiterten Drogen- und Suchtpolitik 130  
5\. Grünes Pflegekonzept: menschenwürdig und  
unterstützend 131  
6\. Grüne Rentenpolitik: mit der Garantierente gegen  
Altersarmut 133TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
3  
H. Teilhabe für Jung und Alt 140  
1\. Chancen für alle Kinder 141  
2\. Raum für Familie 143  
3\. Beteiligung von Kindern und Jugendlichen stärken 146  
4\. Freiraum für Jugendliche 146  
5\. Teilhabe und Selbstbestimmung im Alter 148  
6\. Ein neuer Generationenvertrag – ein neues  
Zusammenleben 149  
I. Intakte Umwelt und gesunde Ernährung für alle 153  
1\. Intakte Umwelt, gesundes Leben 154  
2\. Die Vielfalt der Natur schützen 156  
3\. Besser leben mit weniger Ressourcen 158  
4\. Die Zukunft der Landwirtschaft ist grün 160  
5\. Massentierhaltung – nein danke! 163  
6\. Schluss mit der Tierquälerei 165  
J. Nachhaltige Mobilität für alle 169  
1\. Ein Verkehrsnetz für alle 170  
2\. Mit der Energiewende auch die Verkehrs-  
wende umsetzen! 172  
3\. Den neuen Bundesmobilitätsplan mit den  
BürgerInnen entwickeln 174  
4\. Den Verkehr sicher und leiser machen 175  
K. Verbraucherschutz für alle 179  
1\. VerbraucherInnen mächtig machen 180  
2\. Schluss mit der Abzocke 181  
3\. Energie zu fairen Preisen 182  
4\. Verbraucherrechte stärken 183  
5\. Gesunde Ernährung ohne Gentechnik 184  
L. Freies Netz und unabhängige Medien für alle 188  
1\. Wirtschaften und teilhaben: Die Zukunft ist digital 190  
2\. Unsere Verantwortung für ein freies Netz 192Zeit für den grünen Wandel  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BündniS 90/die grünen  
4  
3\. Bürgerrechte in der digitalen Welt stärken 194  
4\. Öffentlichkeit herstellen: eine neue Medienpolitik 196  
5\. UrheberInnen stärken, fairen Interessenausgleich  
aushandeln 198  
M. Demokratie erneuern 204  
1\. Mitreden, gehört werden, mitentscheiden 205  
2\. Parlamente stärken, Parteien öffnen 206  
3\. Demokratie im Alltag beleben 207  
4\. Engagement fördern 209  
5\. Informationsfreiheit und Transparenz konsequent  
ausbauen 210  
6\. Entschlossen gegen Rechtsextremismus, Rassismus und  
gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit vorgehen 212  
N. BürgerInnenrechte stärken 218  
1\. Sicherheit in den Dienst der Freiheit stellen 219  
2\. Daten schützen, Freiheit sichern 225  
3\. Den Rechtsstaat stärken 226  
4\. Diskriminierungsfreie Teilhabe ermöglichen 228  
5\. Barrieren beseitigen – das Selbstbestimmungsrecht von  
Menschen mit Behinderung stärken 229  
6\. Menschen einbürgern – mit Integration und Inklusion 231  
7\. Flüchtlinge aufnehmen und menschenwürdig behandeln 233  
8\. Gleiche Rechte schaffen – Homo- und Transphobie  
entgegentreten 236  
O. Gleichberechtigung schaffen 240  
1\. Gleiche Anerkennung, gleiche Sicherheit,  
gleiche Chance 241  
2\. Männer in neuen Rollen unterstützen 244  
3\. Die Demokratie vervollständigen 245  
4\. Über den Körper selbst bestimmen 246  
5\. Gewalt ächten 247  
6\. Europäische und internationale Frauenpolitik 249TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
5  
P. Kunst und Kultur beflügeln 252  
1\. Kultureinrichtungen für alle öffnen 253  
2\. Gerechtigkeit für alle Kulturschaffenden 254  
3\. Eine Reform der Kulturförderung 256  
4\. Anstoß für Demokratie und Menschenrechte,  
Nachhaltigkeit und Frieden 259  
5\. Erinnerung wachhalten – Verantwortung übernehmen 261  
6\. Es lebe der Sport 262  
Q. Unsere Politik vor Ort 266  
1\. Bezahlbar grün wohnen 267  
2\. Die grüne Stadt entwickeln 270  
3\. Mehr Grün im ländlichen Raum 272  
4\. Kommunale Handlungsfähigkeit stärken 274  
5\. Regionen bedarfsgerecht und nachhaltig fördern 276  
6\. Kooperativer Föderalismus 277  
R. Unser gemeinsames Europa 281  
1\. Für ein europäisches Deutschland 283  
2\. Für ein demokratisches Europa 286  
3\. Für eine europäische Energiewende 289  
4\. Für ein soziales Europa der Bürgerinnen und Bürger 291  
5\. Für Entscheidungen auf der richtigen Ebene 292  
S. Unsere Eine Welt 296  
1\. Die große Transformation: Eine Welt macht sich auf  
den Weg 298  
2\. Eine Welt der Gerechtigkeit 301  
3\. Eine Welt der Menschenrechte 305  
4\. Eine Welt des Friedens und der Schutzverantwortung 306  
5\. Schluss mit der unkontrollierten und geheimen  
Rüstungsexportpolitik 309  
6\. Starke Vereinte Nationen, starkes Europa 312  
7\. Krisen bewältigen – dauerhaften Frieden ermöglichen 314  
Schlusswort 319Zeit für den grünen Wandel  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BündniS 90/die grünen  
6  
Teilhaben. Einmischen. Zukunft schaffen.A. Teilhaben. Einmischen. Zukunft  
schaffen. Warum es Zeit ist, dass  
sich was ändert  
Liebe Wählerin, lieber Wähler,  
wir wenden uns mit diesem Programm an Sie. Wir wollen Sie bei der  
Bundestagswahl am 22. September für eine andere, für eine bessere  
Politik gewinnen.  
Wir wenden uns mit unserem Programm an alle, die meinen, dass  
wir in unserer Gesellschaft jetzt einiges verändern müssen, um eine  
gute, eine sichere Zukunft zu schaffen. Wenn wir die Klimakatastro-  
phe so weit wie möglich aufhalten und die Energiewende verwirk-  
lichen, wenn wir morgen in einer gerechten und modernen Gesell-  
schaft leben wollen, dann können wir nicht abwarten – wir müssen  
heute politisch handeln.  
Wir GRÜNE haben immer versucht, Politik zu machen, die über  
den Tag hinausdenkt, seit der Gründung der GRÜNEN in der Bundes-  
republik im Jahr 1980 und im Osten seit 1989/90 als Grüne Partei in  
der DDR und als Bündnis 90. Dabei waren wir mutig und ehrgeizig  
und manchmal haben wir uns dabei auch geirrt. Aber aus unseren  
Irrtümern haben wir gelernt, unser Ehrgeiz hat uns stark gemacht  
und mit unserem Mut haben wir die Gesellschaft vorangebracht.  
Wir wollten aus der Atomkraft aussteigen, als noch alle Mächtigen  
Atomfans waren. Wir haben für biologische Lebensmittel gekämpft,  
als noch kein Großhändler auch nur daran dachte, diese Produkte zu  
verkaufen. Wir waren FeministInnen, wir haben die Quote gelebt,  
während überwiegend Männerbünde regierten, die Frauen lieber  
am Herd sahen. Wir kämpften an der Seite von Lesben, Schwulen,  
trans- und intersexuellen Menschen, als diese sozial vielfach geächtet  
wurden. Wir waren in Ost und West Kriegsdienstverweigerer und  
Friedensbewegte, als Kalter Krieg und atomares Wettrüsten als poli-  
tische Notwendigkeit galten. Wir zeigten bereits Verantwortung fürTeilhaben. einmischen. ZukunfT schaffen.  
bundestagswahlprogramm 2013  
bÜnDnis 90/Die GRÜnen  
7  
Teilhaben. Einmischen. Zukunft schaffen.die Eine Welt, als der Mainstream noch zwischen drei Welten unter-  
schied und nur das nationale Wohl zählte.  
Wir laden Sie auch heute ein, mit uns über den Tag hinauszu-  
denken – mit uns zu diskutieren, was sich ändern muss und wo es  
hingehen soll. Deutschland hat auf dem Weg zu einer grüneren  
Wirtschaft und einer offeneren Gesellschaft einiges erreicht, aber  
in vielerlei Hinsicht haben wir gerade erst angefangen.  
1\. Es ist an der Zeit, den grünen Wandel  
entschlossen voranzutreiben  
Wir müssen heute etwas ändern, damit auch die kommenden  
Generationen frei entscheiden können, wie sie leben wollen. Wir  
wollen heute etwas ändern, um zu einer Wirtschaftsweise zu kom-  
men, die allen nutzt und nicht nur wenigen – die auf Erneuerbare  
Energien gebaut ist statt auf Öl, Kohle, Atom und Gas, die unsere  
Umwelt schützt, statt sie zu zerstören. Wir müssen dringend etwas  
ändern, um das Auseinanderfallen unserer Gesellschaft in drinnen  
und draußen, in arm und reich, oben und unten zu stoppen. Und  
wir wollen heute etwas ändern, damit wir morgen endlich in einer  
vielfältigen Gesellschaft leben, in der Kinder, Frauen und Männer,  
Menschen verschiedener sexueller Identität, verschiedener Religi-  
onen, aus unterschiedlichen Kulturen oder unterschiedlicher Her-  
kunft endlich gleichberechtigt leben können und gleiche Möglich-  
keiten haben.  
Wir wollen alle von der Notwendigkeit des Wandels überzeu-  
gen. Lobbyismus und Klientelinteressen werden wir entschieden  
entgegentreten und sie in die Schranken weisen. Auch das ist die  
Aufgabe demokratischer Politik.  
Politik braucht Ideale, braucht Grundsätze und Werte, eine  
nachvollziehbare Richtung – doch genau das vermissen wir und vie-  
le andere bei dieser schwarz-gelben Regierung. Ohne Kompass gibt  
es keine Orientierung, sind politische Schritte nur noch von tages-  
politischen Bedürfnissen und Machtinteressen abhängig.  
Wir wenden uns mit diesem Programm an alle IdealistInnen,  
denn auch wir glauben: Eine bessere Gesellschaft ist möglich. Wir  
wenden uns mit diesem Programm an alle RealistInnen, denn auchZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
8  
Teilhaben. Einmischen. Zukunft schaffen.wir wissen, dass die besten Ideale wenig wert sind, wenn wir nicht  
nach machbaren Vorschlägen suchen, sie zu verwirklichen. Wir le-  
gen in unserem Programm dar, welche Ideen, welche Grundsätze  
und Werte grüne Politik anleiten – und machen deutlich, wie wir  
diese Werte in konkrete Politik übersetzen.  
2\. Warum wir den grünen Wandel brauchen  
Die wirtschaftliche Lage ist in Deutschland auf den ersten Blick gut.  
Unser Land hat viele beeindruckende, technologisch starke Unter-  
nehmen, gut ausgebildete Beschäftigte und viele kreative Köpfe.  
Sie haben Deutschland, vor allem über den Exporterfolg, besser  
als viele andere Staaten durch die Finanz- und Wirtschaftskrise ge-  
bracht.  
Allein dieser ökonomische Erfolg ist nicht nachhaltig, weil unsere  
Wirtschaftsweise noch immer viel zu viel zur Zerstörung der natür-  
lichen Lebensgrundlagen beiträgt. Die Produktion unseres Essens,  
unserer Handys, Autos, Kleider oder Möbel ist noch immer mit im-  
mensen Emissionen und Ressourcenverbrauch verbunden. Das Erd-  
klima heizt sich weiter ungebremst auf. Das wird von niemandem  
mehr ernsthaft bestritten. Die Folgen der Klimakatastrophe haben  
uns zum Teil schon jetzt erreicht, nicht nur in Australien und am  
Nordpol. Schon jetzt nehmen Dürren, Stürme, extreme Hitze- und  
Kälteperioden zu, schon jetzt flüchten jährlich weltweit Millionen  
von Menschen vor den Auswirkungen der Klimakatastrophe. Die  
Folgen dieser Entwicklung werden bald noch spürbarer werden.  
Wir gehen noch immer verschwenderisch mit Rohstoffen um, deren  
Vorkommen begrenzt ist und deren Abbau die Flüsse vergiftet, die  
Erde verseucht, die Luft verpestet und Menschen von ihrem Land  
vertreibt. Menschen in vielen Ländern der Welt verlieren durch un-  
seren Lebensstil ihre Existenzgrundlage, sie bauen auf ihren Feldern  
Futtersoja an für unseren Fleischkonsum, sie arbeiten unter fürch-  
terlichen und gefährlichen Bedingungen für unsere Billigkleidung.  
Auch Kinder schuften unter furchtbaren Bedingungen für unseren  
Konsum. Wälder werden gerodet, Böden übernutzt, die Artenviel-  
falt schrumpft in rasendem Tempo. So untergräbt unser Wohlstand  
seine eigenen Grundlagen.TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
9  
Teilhaben. Einmischen. Zukunft schaffen.Unser ökonomischer Erfolg ist nicht nachhaltig, weil die ein-  
seitige Exportorientierung zu massiven Ungleichgewichten in der  
Europäischen Union beigetragen hat und weil die Ungleichgewich-  
te in unserer Gesellschaft immer größer geworden sind. Die Ein-  
kommens- und Vermögensschere hat sich immer stärker geöffnet.  
Während einige wenige hohe Gewinne einfahren, arbeitet mehr als  
jede/r fünfte Beschäftigte für einen Niedriglohn, davon 6,8 Mil-  
lionen deutlich unter 8,50 Euro. Obwohl immer mehr Menschen  
in Arbeit sind, steigt dennoch die Armut. 10 % der Haushalte in  
Deutschland verfügen über weit mehr als die Hälfte des gesamten  
Nettovermögens. Die unteren 50 % der Haushalte in Deutschland  
besitzen zusammen gerade einmal 1 % des Nettovermögens. In den  
letzten zehn Jahren ist die Verschuldung der öffentlichen Hand um  
800 Mrd. Euro gewachsen – das ungleich verteilte private Vermö-  
gen hingegen hat sich von fast fünf auf über zehn Billionen Euro  
mehr als verdoppelt. Marode Schulen, geschlossene Schwimmbä-  
der, stillgelegte Bahnhöfe, fehlende Kita-Plätze, zu wenig Ganz-  
tagsschulen – in den meisten Kommunen fehlt Geld für unsere  
öffentlichen Einrichtungen. Diese Entwicklung stellt den Zusam-  
menhalt der Gesellschaft in Frage.  
Wir schaden unserer Zukunft, wenn in einem reichen Land wie  
Deutschland mehr als 2,5 Millionen Kinder und Jugendliche in Ar-  
mut aufwachsen. Nicht nur das, auch ihre Aufstiegschancen sind  
schlecht. In Deutschland entscheidet sich in der Regel schon mit  
der Geburt, ob ein Kind später Abitur oder überhaupt einen Schul-  
abschluss macht, ob es eine Chance auf einen Ausbildungsplatz  
hat, auf ein selbständiges Leben in Würde. Die traurige Wahrheit  
ist: Armut vererbt sich in unserem Land. Unseren Kindern sollte es  
einmal besser gehen. Heute hoffen viele, dass es ihnen wenigstens  
nicht schlechter geht.  
Es ist nicht minder skandalös, dass Eltern immer noch um einen  
Kinderbetreuungsplatz kämpfen müssen, wenn sie einen wollen  
und brauchen. Noch immer gibt es auch viel zu wenig Ganztags-  
schulen und gute, ganztägig geöffnete Kitas in Deutschland. Seit  
Jahrzehnten reden wir über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf,  
seit Jahrzehnten tut sich viel zu wenig. Wahlfreiheit in der Kinder-  
betreuung gibt es nur für diejenigen wirklich, die es sich finanziell  
leisten können.ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
10  
Teilhaben. Einmischen. Zukunft schaffen.Familie ist da, wo Kinder sind. Und Familie ist selbstverständlich  
da, wo Menschen füreinander einstehen und Verantwortung für-  
einander übernehmen. Kinder brauchen Eltern und Menschen, die  
sie lieben. Und es muss egal sein, ob die Eltern lesbisch, hetero oder  
schwul sind. Die ideologische Verweigerung des Adoptionsrechts  
und der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare ist diskriminierend und  
muss überwunden werden. Es ist unwürdig, dass die notwendige  
Modernisierung vom Bundesverfassungsgericht und nicht vom Par-  
lament vorangetrieben wird.  
Frauen und Männer sind in Deutschland immer noch nicht  
gleichberechtigt. Frauen erhalten weniger Lohn, auch für vergleich-  
bare Tätigkeiten, und steigen seltener in Führungspositionen auf.  
Viel häufiger als Männer sind sie zu Niedriglöhnen und in unsiche-  
ren Arbeitsverhältnissen beschäftigt, die keinen Spielraum für eine  
eigenständige Absicherung bieten; sie sind deshalb auch öfters von  
Altersarmut bedroht. Und sie tragen einen Großteil der häuslichen  
Sorgearbeit und der Kindererziehung. Hier tut sich seit Jahren wenig.  
Auch eine Frau als Kanzlerin macht noch keine gute Gleich-  
stellungspolitik.  
Es ist erschreckend, dass eine rechte Terrorgruppe über zehn  
Jahre hinweg, angetrieben von einem blinden Hass auf alles, was  
nicht ihrem kruden Weltbild entsprach, mit Bombenanschlägen und  
kaltblütigen Morden ungehindert durch unser Land ziehen konnte.  
Das Vertrauen in unsere Sicherheitsbehörden ist tief erschüttert.  
Echte Konsequenzen aus diesem staatlichen Versagen wurden im-  
mer noch nicht gezogen.  
Es besorgt uns zutiefst, dass unter Merkels Führung das Euro-  
pa der Nationalstaaten auf Kosten der Europäischen Gemeinschaft  
reaktiviert wurde. Mit der Devise „An Deutschlands Wesen soll Eu-  
ropa genesen“ gefährdet die Koalition Angela Merkels nicht nur  
die weitere Integration, sondern auch das friedliche Miteinander  
in der EU. Mit dem national fokussierten Blick hat Schwarz-Gelb  
unter dem Deckmantel des Spardiktats in wenigen Monaten über  
Jahrzehnte aufgebaute Eckpfeiler des Friedensprojekts EU – wie Ver-  
trauen, Solidarität und Einheit in Vielfalt – ins Wanken gebracht.  
Wir finden, das darf nicht so weitergehen. Wir wollen unsere  
Demokratie und die Bürgerrechte stärken. Wir wollen gemeinsam  
einen grünen Wandel hin zu einer Wirtschaft und GesellschaftTEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
11  
Teilhaben. Einmischen. Zukunft schaffen.schaffen, der nicht auf Kosten des Planeten, nachkommender Ge-  
nerationen oder wirtschaftlich schwächerer Menschen in anderen  
Regionen geht. Ein grüner Wandel, der das Vertrauen in staatliche  
Institutionen wieder stärkt.  
Deutschland hat alle Mittel dazu, das zu schaffen: die Men-  
schen, die Technologien, das Wissen.  
Und auch den Willen. Denn die Gesellschaft ist weiter, als Merkel  
und ihr Kabinett uns glauben machen wollen. Die große Mehrheit  
will, dass es in unserer Gesellschaft gerechter zugeht, dass mehr  
Beteiligung möglich ist und dass wir endlich Verantwortung für un-  
sere Zukunft übernehmen. Die Mehrheit der Bürgerinnen und Bür-  
ger hat längst verstanden, dass wir schonender mit unseren natür-  
lichen Ressourcen umgehen müssen, dass wir einen neuen sozialen  
Ausgleich und ein echtes Teilhabeversprechen brauchen, dass wir  
unsere Demokratie erhalten und dafür aber auch etwas tun müssen.  
Doch diesen gesellschaftlichen Mehrheiten steht eine schwarz-  
gelbe Koalition entgegen, deren Kanzlerin Klientelinteressen  
schützt, statt sich auf die Seite des Wandels zu stellen. Verwandeln  
wir also endlich die gesellschaftliche Mehrheit in eine politische  
Mehrheit. Eine andere, eine bessere Politik ist möglich!  
3\. Unser Ziel: ein besseres Morgen  
Wir können gemeinsam eine Wirtschaft schaffen, die Lebensqua-  
lität für alle schafft, ohne Umwelt, Natur und unsere natürlichen  
Lebensgrundlagen zu zerstören. Wir können gemeinsam eine ge-  
rechte Gesellschaft schaffen, in der niemand ausgeschlossen ist von  
Bildung und Arbeit und einem Leben in Würde.  
Mit der Energiewende übernehmen wir eine weltweite Vor-  
reiterrolle. Damit können wir in Deutschland zeigen, dass eine er-  
folgreiche Industrienation den Umbau zu einer klimafreundlichen  
Energieversorgung schaffen kann. Wir können dem stockenden  
internationalen Klimaschutz so ganz neue Impulse geben und die  
drohende Klimakatastrophe noch abwenden. Gleichzeitig können  
mit diesen politischen Rahmenbedingungen innovative Unterneh-  
merInnen hunderttausende neue Jobs schaffen und alte Abhängig-  
keiten vom Import teurer Rohstoffe wie Kohle, Öl und Gas wer-ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
12  
Teilhaben. Einmischen. Zukunft schaffen.den beseitigt. Das spart viel Geld und macht unsere Produktion  
sauber. Die neue, saubere Energie wird dabei von vielen kleinen  
Unternehmen in Bürgerhand erzeugt, nicht nur von einigen weni-  
gen Großkonzernen, die heute den Wandel bremsen, weil sie uns  
teuren Strom verkaufen wollen, ohne Konkurrenz fürchten zu müs-  
sen. Wir ziehen endlich die Konsequenz daraus, dass die natürlichen  
Ressourcen begrenzt sind und eine Energieversorgung der Zukunft  
nicht auf Kohle und Öl aufbauen darf – und auf Atom schon gar  
nicht. Der Ressourcenhunger der Industrie- und Schwellenländer ist  
für die Konflikte auf unserem Globus mitverantwortlich. Der ge-  
rechte Zugang zu Energie und der Nutzung von natürlichen Res-  
sourcen ist aktive Friedenspolitik, genauso wie der Ersatz endlicher  
Rohstoffe durch erneuerbare.  
Die Wirtschaft, die wir brauchen, soll Wohlstand für alle schaf-  
fen. Wir setzen auf eine nachhaltige Wirtschaft als Leitbild. Bisher  
wird unsere Wirtschaft fast ausschließlich anhand ihres Wachs-  
tums beurteilt. Die Fixierung von Politik und Medien allein auf das  
Bruttoinlandsprodukt (BIP) hat uns in die Irre geführt. Über die  
wichtigsten Dinge, die das Leben lebenswert machen, sagt das BIP  
nichts aus. Ist Wachstum mit Umweltzerstörung und Ungerech-  
tigkeit erkauft, kann es uns unterm Strich sogar ärmer machen.  
Deshalb brauchen wir einen neuen Gradmesser für Wohlstand und  
Lebensqualität – einen neuen Wohlstandsindikator, der die sozia-  
le und ökologische Dimension des Wohlstandes mit umfasst. Wir  
wollen eine Wirtschaft, die den Menschen und nicht Märkte in den  
Mittelpunkt stellt.  
Wir haben es in der Hand, unsere Gesellschaft so zu gestalten,  
dass alle Menschen gerecht an ihr teilhaben können, dass Arm und  
Reich nicht unerreichbar weit auseinanderliegen, Wenige sich nicht  
auf Kosten Vieler bereichern, und alle Zugang zu den Ressourcen  
für ein selbstbestimmtes Leben haben. Wir wollen, dass sich jeder  
Mensch gemäß seinen Fähigkeiten und Potentialen entwickeln  
kann – in guten Kitas und Schulen und nicht abhängig vom Geld-  
beutel der Eltern. Wir wollen eine solidarische Gesellschaft, in der  
starke Schultern mehr tragen als schwache. Wir geben aber auch  
klar Auskunft, wie wir die Mittel einsetzen wollen, um zu guten  
öffentlichen Institutionen zu kommen, von denen alle profitieren.  
Wir arbeiten so an einer sozialen und ökologischen NeubegründungTEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
13  
Teilhaben. Einmischen. Zukunft schaffen.unserer Marktwirtschaft. Wir schaffen endlich klare Regeln für die  
Finanzmärkte. Gute Arbeit, gute Löhne, mehr Mitsprache der Be-  
schäftigten – all das kann und muss zum wirtschaftlichen und sozi-  
alen Erfolg beitragen.  
Wir wollen in einer modernen Gesellschaft leben, in der Men-  
schen gleichberechtigt sind und gleiche Chancen und Möglichkei-  
ten haben – Frauen und Männer, Menschen mit Behinderungen,  
Flüchtlinge, Menschen unterschiedlicher Herkunft und unterschied-  
lichen Alters, Menschen verschiedenen Glaubens und verschiedener  
sexueller Identität. Wir wollen unsere Demokratie wiederbeleben,  
so dass neben den gewählten Parlamenten vor allem die Bürgerin-  
nen und Bürger mitentscheiden – und nicht starke Lobbys, für die  
das Gemeinwohl kein Kriterium ist.  
Wir wollen einen respektvollen Umgang mit der Natur, der die  
Artenvielfalt, den Boden, die Luft und das Wasser schützt. Wir  
wollen eine naturnahe Waldwirtschaft. Wir wollen eine Landwirt-  
schaft, die nicht mehr von tierquälerischer Massentierhaltung und  
klimaschädlicher Fleisch- und Milchproduktion geprägt ist. Wir  
wollen informierte Verbraucherinnen und Verbraucher mit gesi-  
cherten Rechten – keine Lebensmittel- oder Datenschutzskandale  
in Serie.  
Wir richten unsere Politik nicht nach Himmelsrichtungen aus.  
Weder Ost und West noch Nord und Süd dürfen gegeneinander  
ausgespielt werden. Wir packen die Probleme dort an, wo sie beste-  
hen. Unser Ziel sind gleiche Chancen, Möglichkeiten und vergleich-  
bare Lebensverhältnisse in allen Regionen. Auch deshalb bedarf es  
auch über 20 Jahre nach der friedlichen Revolution der Solidarität  
zwischen den ost- und westdeutschen Ländern. Wir können auch  
heute noch viel voneinander lernen und uns gemeinsam entwi-  
ckeln. Grüne Politik denkt und handelt auch vor Ort. Städte und  
Dörfer sind zentrale Orte des öffentlichen Zusammenlebens. Es  
wird Zeit, dass die Kommunen wieder in die Lage versetzt werden,  
ihre Aufgaben wahrnehmen zu können, denn Zusammenleben und  
Demokratie bekommen hier ihr Gesicht.  
Wir wollen ein europäisches Deutschland – kein deutsches Euro-  
pa. Die Bundesrepublik hat vom Zusammenwachsen Europas pro-  
fitiert wie kein anderes Land. Doch in der Krise hat sich gezeigt,  
dass Europa Reformen braucht. Wir sind uns sicher: Um die großenZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
14  
Teilhaben. Einmischen. Zukunft schaffen.Herausforderungen zu gestalten, brauchen wir mehr Europa. Aber  
wir brauchen auch ein anderes Europa: ein Europa, das miteinan-  
der mehr gegen Jugendarbeitslosigkeit und Armut unternimmt,  
das gemeinsam den Weg hin zu den Erneuerbaren Energien geht,  
das Flüchtlinge schützt, anstatt die Grenzen Europas zu tod-  
bringenden Mauern aufzurüsten. Ein Europa mit gemeinsamen  
Sozialstandards und mehr Kooperation in Steuer- und Finanz-  
fragen. Wir brauchen ein demokratisches Europa der Bürgerinnen  
und Bürger statt ein Europa der Regierungen, Verwaltungen und  
Expertokratie.  
Wir stehen für eine Politik, die global denkt und handelt. Unsere  
ambitionierte innenpolitische Reformagenda geht einher mit einer  
global durchdachten Politik. Den Schutz des Klimas, den Erhalt der  
natürlichen Ressourcen und der biologischen Vielfalt gibt es nur  
global. Unser Ziel ist es, Menschenrechte umzusetzen, Armut zu  
reduzieren, Frieden zu sichern sowie Geschlechtergerechtigkeit und  
Demokratie zu fördern.  
Wir glauben, dass viele in Deutschland so denken, vielleicht  
sogar die meisten. Doch um zu diesem Ziel zu kommen, müs-  
sen wir noch vieles verändern. Und wir müssen es bald tun, denn  
eine falsche Wirtschaftsweise und eine ungerechte Gesellschaft  
ver ursachen Schäden, die nicht mehr zu reparieren sind. Wir  
glauben, der grüne Wandel ist der richtige Weg zu diesem bes-  
seren Morgen.  
4\. Teilhaben. Einmischen. Zukunft schaffen –  
Motoren des grünen Wandels  
Eine bessere Politik lässt Menschen teilhaben. Denn nur wer Teil  
dieser Gesellschaft ist, wer Zugang hat zu den öffentlichen Gütern,  
wird nicht abgehängt und kann selbstbestimmt leben. Eine bessere  
Politik braucht Menschen, die sich einmischen und begreift diese  
nicht als Störfaktor. Eine bessere Politik schaut voraus und schafft  
Zukunft – heute schon.  
Teilhaben. Einmischen. Zukunft schaffen – das ist die Richtung  
des grünen Wandels. Teilhaben. Einmischen. Zukunft schaffen –  
das sind zugleich seine Motoren.TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
15  
Teilhaben. Einmischen. Zukunft schaffen.Teilhaben: Ihre Stimme für mehr Gerechtigkeit  
Schaffen wir einen grünen Wandel für mehr soziale Teilhabe! Teil-  
habe ist eine elementare Bedingung für Gerechtigkeit: Teilhabe am  
Arbeitsmarkt, Teilhabe an der Bildung, Teilhabe an sozialer Siche-  
rung, Teilhabe an einem Gesundheits- und Pflegesystem, das keine  
Unterschiede zwischen den Menschen und ihren Einkünften oder  
ihrer Herkunft macht – Teilhabe aber auch an wirtschaftlicher Ent-  
wicklung und ökonomischem Erfolg.  
Eine Politik der Teilhabe braucht neben einer menschenwürdigen  
Grundsicherung die Erneuerung und Stärkung unserer öffentlichen  
Institutionen. Wir wollen sie an die Öffentlichkeit zurückgeben:  
die öffentlichen Orte, Räume und Netze. Ob Kitas oder Schulen,  
Hochschulen oder Berufsschulen, Krankenhäuser oder Pflegeein-  
richtungen, Jobcenter oder Arbeitsagenturen, öffentliche Plätze  
oder Stadtteilzentren, Jugend- oder Kultureinrichtungen: Überall  
dort entscheidet sich, ob Teilhabe möglich ist. Die Erneuerung all  
dieser öffentlichen Institutionen braucht höhere Qualität, Öffnung  
für alle und bessere Beteiligungsmöglichkeiten. Wir beschreiben in  
den Kapiteln unseres Programms genau, wie die Erneuerung dieser  
Orte, Räume und Netze aussehen kann. Hier investieren wir Geld –  
und vor allem unsere Ideen.  
Wir wollen eine inklusive Gesellschaft, in der es normal ist, ver-  
schieden zu sein, in der alle Zugang haben. Unabhängig von Ge-  
schlecht, sexueller Identität oder Herkunft, Alter oder Elternhaus,  
körperlicher oder psychischer Verfassung: Wir bauen die Barrieren  
ab. Wir wollen eine Gesellschaft, in der alle Menschen gleiche Frei-  
heitsrechte, Teilhabechancen und Möglichkeiten eines selbstbe-  
stimmten Lebens haben und erwünscht sind. Gleich ob Schule oder  
Arbeitsmarkt, Stadtviertel oder Kultureinrichtung, Gesundheit oder  
Pflege: Unser Ziel ist eine durchlässige Gesellschaft, die Blockaden  
abbaut, in der Anstrengung belohnt wird und niemand durch ver-  
schlossene Türen und gläserne Decken ausgebremst und ausge-  
schlossen wird.  
Teilhaben – das braucht eine solide und solidarische Finan-  
zierungsbasis, in der die stärkeren Schultern mehr tragen als die  
schwächeren. Deshalb sollen die kleinen Einkommen entlastet und  
die höheren stärker einbezogen werden. Wir wollen Gering- und  
NormalverdienerInnen entlasten durch ein höheres steuerfreiesZeit für den grünen Wandel  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BündniS 90/die grünen  
16  
Teilhaben. Einmischen. Zukunft schaffen.Existenzminimum und stabilisierte Beiträge für Krankheit und  
Pflege durch eine Bürgerversicherung. Erben sollen einen höheren  
Beitrag zur Finanzierung von Bildung und Kultur in den Ländern  
leisten. Verdienst aus Geldanlagen soll wieder genauso hoch be-  
steuert werden wie Verdienst aus Arbeit. Und wir wollen eine Ver-  
mögensabgabe für das reichste Prozent der Bevölkerung, die dazu  
dient, den durch die Finanzkrise enorm gewachsenen Schuldenberg  
abzutragen – damit unsere Steuergelder nicht für die Zinstilgung,  
nicht für das Zahlen von Zinsen, sondern für mehr Teilhabe und  
bessere öffentliche Güter für alle genutzt werden können. Grund-  
lage unserer finanz- und steuerpolitischen Reformen, die wir in  
diesem Programm vorschlagen, ist eine transparente Finanz- und  
Haushaltspolitik, die die Gesamtbelastung der Bürgerinnen und  
Bürger sowie der Unternehmen beachtet. Maßstab für die Entwick-  
lung und Umsetzung dieser Reformen waren und sind Gerechtig-  
keit und Leistungsfähigkeit sowie die Bewahrung der betrieblichen  
Investitionsfähigkeit. Entlang dieser Maßstäbe haben wir unsere  
finanz- und steuerpolitischen Reformen entwickelt und überprüft  
und werden es auch in Zukunft tun.  
Teilhaben – das gilt nicht nur innerhalb Deutschlands, sondern  
auch europa- und weltweit. Wir wollen europaweit zu einer Finan-  
zierungsbasis für Teilhabe beitragen durch einen europäischen  
Steuerpakt zum Schließen von Steueroasen und zum Beenden von  
Steuerdumping.  
Teilhaben – das geht nur mit gerechten Löhnen und guter Arbeit  
für alle. Deshalb wollen wir prekäre Arbeitsverhältnisse eindäm-  
men, Minijobs ersetzen, den Missbrauch von Leiharbeit und Werk-  
verträgen verhindern und das Tarifvertragssystem stärken.  
Teilhaben – das braucht eine gerechte Verteilung von Einkom-  
men und Vermögen. Denn eine Gesellschaft mit großer Ungleich-  
heit kann ihre Potentiale nicht nutzen – sie verliert den Rückhalt  
ihrer Mitglieder und damit den Kitt, der sie zusammenhält. Unsere  
Gesellschaft muss wieder von der wirtschaftlichen Entwicklung pro-  
fitieren, nicht nur die obersten 10 %. Neben Steuern und Sozialab-  
gaben braucht es dafür auch eine andere Wirtschaftspolitik, die die  
Dominanz einzelner Akteure zurückdrängt.  
Teilhaben – das bedeutet im 21. Jahrhundert auch, Zugang zu  
schnellem Internet zu haben. Soziale wie ökonomische Teilhabe hängtTEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
17  
Teilhaben. Einmischen. Zukunft schaffen.nicht zuletzt vom Breitbandinternetanschluss ab. Wir wollen gesetz-  
lich sicherstellen, dass jede/r am schnellen Internet teilhaben kann.  
Teilhaben – das braucht ein diskriminierungsfreies gesellschaftli-  
ches Klima, in dem alle Menschen ihre Chance bekommen und sich  
einbringen können. Wir wollen unsere Einwanderungsgesellschaft  
so gestalten, dass Menschen unterschiedlicher Herkunft gleichbe-  
rechtigt zusammenleben können. Wir wollen eine moderne Inte-  
grationspolitik, die anerkennt, dass jede Einbürgerung ein Erfolg ist.  
Teilhaben – das zielt auch auf Gerechtigkeit zwischen den  
Geschlechtern. Sexismus und die Benachteiligung von Frauen sind  
in vielen Fällen noch immer trauriger Alltag. Wir machen mit dem  
Skandal Schluss, dass viele Frauen immer noch keine eigenständige  
Existenzsicherung haben, dass sie die schlechteren Karrierechancen  
und niedrigere Löhne in Kauf nehmen müssen. Dafür brauchen wir  
ein Gleichstellungsgesetz für die Privatwirtschaft, ein Entgeltgleich-  
heitsgesetz, eine Quote in Aufsichtsräten und einen Rechtsan-  
spruch auf eine ganztägige Kinderbetreuung. Außerdem wollen wir  
das Ehegattensplitting in eine Individualbesteuerung umwandeln.  
Machen wir aus der gesellschaftlichen eine politische Mehrheit:  
für gute öffentliche Institutionen, für eine gerechtere Verteilung  
und ein soziales Sicherungssystem, das seinen Namen wirklich ver-  
dient. Für eine gerechte Gesellschaft, an der alle teilhaben.  
Einmischen: Ihre Stimme für mehr Beteiligung  
Schaffen wir einen grünen Wandel für mehr demokratische Betei-  
ligung! Misch dich ein! Das war unser Credo bei unserer Parteig-  
ründung in Ost wie West. Und Einmischung braucht unsere Demo-  
kratie auch heute. Wir wissen, was Bürgerbewegungen auch über  
festgefahrene Strukturen und Parteigrenzen hinweg erreichen kön-  
nen.Wir wollen mit unserer Politik das Einmischen leichter machen.  
Demokratie zählt zum Wertvollsten, was wir haben. Und gerade  
deshalb wollen wir sie neu beleben, ihr neue Kraft geben. Das geht  
nur, wenn sich die Bürgerinnen und Bürger einbringen können und  
ihre demokratischen Rechte geltend machen. Wir beschreiben in  
unserem Programm, wie eine neue demokratische Kultur aussehen  
kann. Wir setzen auf eine Politik des Zuhörens, Hörbarmachens und  
Mitentscheidens, in der Einmischung gewünscht ist und die Politik  
die Gründe ihres Handelns offenlegt und zur Diskussion stellt.ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
18  
Teilhaben. Einmischen. Zukunft schaffen.Einmischen erfordert zunächst neue Mitbestimmungsmög-  
lichkeiten. Wir schaffen mehr Bürgerbeteiligung in den Planungs-  
verfahren und bessere Möglichkeiten für Bürgerbegehren und  
Volksentscheide. Die Einführung der Europäischen Bürgerinitiative  
beispielsweise ist ein großer Erfolg. Das fordern wir auch, wenn es  
um unser Herzensanliegen geht, die neue klimafreundliche Energie-  
versorgung. Einmischung ist erwünscht, auch wenn uns GRÜNEN  
dann ab und zu der Wind ins Gesicht bläst.  
Wer möchte, dass die Menschen sich einmischen und den Wandel  
aktiv mitgestalten können, der muss nicht nur an den Verfahren  
feilen, sondern auch die Voraussetzungen fürs Einmischen schaf-  
fen. Einmischen – das braucht zum Beispiel starke Kommunen und  
Beteiligung vor Ort. Menschen sind engagiert und kompetent –  
gerade da, wo sie zu Hause sind, in ihrer Kommune: Elterninitia-  
tiven, die mit selbstverwalteten Kitas vorangehen und zeigen, wie  
dringend notwendig die Betreuung von unter Dreijährigen ist; Bür-  
gerinnen und Bürger, die den „Atomausstieg selber machen“ und  
den Energieversorger wechseln, weil es ihnen zu langsam voran-  
geht; Sportvereine, die der Politik zeigen, dass ein neues Miteinan-  
der manchmal so einfach umzusetzen ist.  
Einmischen – das heißt aber auch die Barrieren für Beteiligung zu  
beseitigen. Wir wollen, dass all diejenigen mitbestimmen können,  
die schon lange hier leben, und dafür das Wahlrecht ändern. Unse-  
re Demokratie darf niemanden aufgrund von Herkunft, Hautfarbe,  
sexueller Identität, Geschlecht, Behinderung, Religion und Weltan-  
schauung oder Alter ausgrenzen. Deswegen heißt Einmischen auch,  
Jugendlichen die Möglichkeiten zur demokratischen Entscheidung  
zu öffnen. Wir wollen das Wahlalter auf mindestens 16 Jahre  
senken. Einmischen heißt auch, dass Menschen nicht aufgrund ei-  
ner Behinderung einfach von ihrem Wahlrecht ausgeschlossen wer-  
den dürfen.  
Einmischen – das geht aber auch nicht ohne gerechte Reprä-  
sentation. Wir kämpfen für eine inklusive Demokratie, in der alle  
mitreden und mitmachen können. Gerade deshalb streiten wir für  
eine gerechte demokratische Repräsentation. In den Parlamenten,  
in der Verwaltung, aber auch in den Parteien. Dafür brauchen wir  
Parteien, die sich zu den Bürgerinnen und Bürgern hin öffnen. Wir  
brauchen starke Parlamente und transparentes Regierungshandeln.TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
19  
Teilhaben. Einmischen. Zukunft schaffen.Es ist beispielsweise nicht hinnehmbar, dass deutsche Waffen an  
alle Welt verkauft werden – ohne ausreichende parlamentarische  
und zivilgesellschaftliche Kontrolle.  
Einmischen – das heißt die Freiheit dazu zu haben. Der Abbau  
unserer Bürgerrechte muss ein Ende haben. Sicherheit gehört ge-  
währleistet, Freiheit gehört nach über zehn Jahren der Einschrän-  
kung, die unter den Eindrücken der Terroranschläge in den USA  
vorgenommen wurden, wieder gestärkt. Wir wollen eine offene  
Gesellschaft, in der Menschen nicht das Gefühl haben müssen,  
überwacht zu werden – sei es durch den Staat oder immer häufi-  
ger durch Unternehmen. Der Schutz unserer Privatsphäre und die  
Stärkung der informationellen Selbstbestimmung sind daher im  
21\. Jahrhundert umso elementarer.  
Einmischen – das lebt von mündigen VerbraucherInnen. Wir  
brauchen endlich wieder eine Verbraucherpolitik, die unsere Rechte  
schützt. Denn wir können nur Einfluss nehmen, wenn wir wissen,  
was drin ist, ob im Essen oder im Versicherungspaket.  
Einmischen – das muss auch für die Arbeitswelt gelten. Arbeit-  
nehmerinnen und Arbeitnehmer sind keine Arbeitsmaschinen und  
kein Kostenfaktor, sondern die wichtigste Produktivkraft, die wir  
haben. Deswegen wollen wir ihre Rechte stärken, ihre Ideen und  
Engagement fördern.  
Einmischen – das heißt für uns, jeder Form von Rechtsextremis-  
mus und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit entschieden  
entgegenzutreten. Die NSU-Morde und vor allem der skandalöse  
Umgang von Verfassungsschutzbehörden, Polizei und Justiz bei der  
Aufklärung zeigen, wie viel hier noch zu tun ist. Diesen immensen  
Schaden müssen wir beheben und wieder Vertrauen schaffen. Wir  
stärken den Widerstand gegen Nazis mit allen rechtsstaatlichen  
Mitteln und erheben unsere Stimme auch dann, wenn Rassismus  
oder Antisemitismus aus der Mitte der Gesellschaft kommen.  
Einmischen – das heißt für uns, eine offene Gesellschaft zu  
schaffen, in der jede und jeder ohne Diskriminierung, ohne Angst  
vor Unterdrückung – sei es durch den Staat, durch menschenrechts-  
und demokratiefeindliche Bewegungen, durch private Einrichtun-  
gen, durch die eigene Familie – leben, arbeiten und handeln kann.  
Einmischen – das heißt, die Beteiligungsmöglichkeiten des Inter-  
nets zu nutzen und für alle zugänglich zu machen. Wir setzen aufZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
20  
Teilhaben. Einmischen. Zukunft schaffen.die neuen digitalen Möglichkeiten, um mehr Mitwirkung und mehr  
Transparenz herzustellen.  
Einmischen – das heißt die Entscheidungsstrukturen auch auf  
internationaler Ebene fairer zu gestalten. Wir wollen deshalb die  
Vereinten Nationen als internationale Organisation mit der meis-  
ten Legitimation weiter demokratisieren sowie den Internationalen  
Strafgerichtshof und das Völkerstrafrecht stärken.  
Machen wir aus gesellschaftlichem Wunsch Wirklichkeit: für  
mehr Beteiligungsmöglichkeiten, für eine gerechte Repräsentation  
und für eine neue Politik des Zuhörens. Für eine demokratische  
Gesellschaft, in der sich Einmischung lohnt.  
Zukunft schaffen: Ihre Stimme für ein besseres Morgen  
Schaffen wir einen grünen Wandel für ein besseres Morgen! Nach-  
haltig wirtschaften bedeutet nicht mehr verbrauchen, als auch  
nachwachsen kann – nicht von der Substanz leben, sondern von  
den Erträgen. Inzwischen wissen wir längst, dass sich dieses Motto  
nicht nur auf die Ökologie beschränken darf.  
Zukunft schaffen – das heißt zuallererst die Energiewende schaf-  
fen. Wir erreichen 100 % sichere Energie – ohne Atom, Kohle und  
andere fossile Energieträger. Dazu wollen wir das Gesetz für Er-  
neuerbare Energien (EEG) reformieren, von teuren Industriesub-  
ventionen befreien und so die Strompreise sozialer gestalten. Wir  
müssen den Strommarkt so organisieren, dass er den Übergang zu  
den Erneuerbaren Energien unterstützt, damit er auch dann noch  
funktioniert, wenn Kohle und Atom endlich verschwunden sind.  
Wir wollen Deutschland vom Bremser zum Vorreiter beim Klima-  
schutz machen – hier, in Europa und der Welt. Wir wollen ein Kli-  
maschutzgesetz, damit es Energiesicherheit und Planungssicherheit  
gibt. Wir sorgen außerdem dafür, dass die Energiewende auch in  
der Verkehrspolitik ankommt. Mit Vorfahrt für FußgängerInnen,  
Fahrrad, Elektroantrieb und Schienenverkehr ermöglichen wir eine  
neue, nachhaltige Mobilität für alle – unabhängig von fossilen Ener-  
gieträgern und frei von Lärm, der uns krank macht.  
Zukunft schaffen – das heißt der Wirtschaft eine grüne Richtung  
geben. Wir stehen vor einem gigantischen Umbau unserer Indus-  
triegesellschaft hin zu einer ökologischen, also ressourcenleichten  
und emissionsarmen Wirtschaftsweise. Dafür braucht es einenTEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
21  
Teilhaben. Einmischen. Zukunft schaffen.neuen Rahmen, der ökologische Leitplanken und politischen Ziele  
für soziale Gerechtigkeit, eine zukunftsfähige Wirtschaft und aus-  
geglichene Staatsfinanzen setzt. Wir können unsere Abhängigkeit  
vom Weltmarkt reduzieren, indem wir knappe Rohstoffe weniger  
verwenden, wieder verwenden und durch günstigere und umwelt-  
schonendere Rohstoffe ersetzen. So leisten wir einen Beitrag für  
eine umweltverträgliche und gerechte globale Entwicklung.  
Zukunft schaffen – das heißt Generationengerechtigkeit: Wir  
wollen Jugend aktiv beteiligen und brauchen Chancengleichheit  
von Anfang an bis ins Alter. Mit vielfältigen Förderangeboten,  
einem besseren und sozial gerechteren Bildungssystem und einer  
Politik, die Chancengleichheit immer im Blick behält, schaffen wir  
eine Zukunft, in der jede/r die gleichen Chancen hat, von den ge-  
sellschaftlichen Möglichkeiten zu profitieren.  
Zukunft schaffen – das heißt für uns auf Bildung und Wissen-  
schaft zu setzen. Von einer zukunftsfähigen Bildungsrepublik sind  
wir noch weit entfernt. Ein gutes Bildungs- und Wissenschaftssys-  
tem ist Voraussetzung für die Bewältigung der großen sozialen, öko-  
logischen und ökonomischen Herausforderungen. Eine zukunftsfä-  
hige Gesellschaft und grüne Ökonomie braucht das Wissen und die  
Kreativität ihrer Menschen, benötigt gut ausgebildete Fachkräfte  
und HochschulabsolventInnen, lebenslanges Lernen sowie die In-  
novationen und das Know-how aus Wissenschaft und Forschung  
sowie den Mut von UnternehmerInnen und Unternehmen, nach-  
haltige Innovationen in die wirtschaftliche Praxis umzusetzen  
Zukunft schaffen – das heißt Familien unterstützen. Familien  
übernehmen zentrale gesellschaftliche Aufgaben – in der Verant-  
wortung für Kinder, aber auch in der Verantwortung für pflege-  
bedürftige Angehörige. Das gilt für alle Familien; egal ob homo-  
oder heterosexuell, ob verheiratet oder nicht, ob Patchwork oder  
alleinerziehend. Deshalb müssen endlich alle Familien gleichgestellt  
werden. Wir finden, dass alle gelebten Familienmodelle unter den  
Schutz von Artikel 6 Grundgesetz gehören. Außerdem wollen wir  
dafür sorgen, dass alle Familien die Unterstützung bekommen, die  
sie brauchen, damit Kinder als Bereicherung für Familie und Ge-  
sellschaft wahrgenommen werden und Kindererziehung nicht zur  
Belastung wird. Dafür ist die Sicherstellung der KinderbetreuungZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
22  
Teilhaben. Einmischen. Zukunft schaffen.genauso wichtig wie die Erkenntnis, dass Familie auch Zeit braucht,  
die geschützt werden muss.  
Zukunft schaffen – das heißt die Arbeit der Zukunft fördern und  
gerecht zwischen den Geschlechtern verteilen. Mit einer dritten,  
einer grünen industriellen Revolution und mit mehr Arbeit von  
Menschen für Menschen – ob in Bildung, Gesundheit, Pflege oder  
Kultur – schaffen wir die Arbeitsplätze von morgen und sichern so  
Wohlstand und soziale Teilhabe für alle. Die Arbeit der Zukunft ist  
eine gerechter verteilte Arbeit. Wir wollen eine inklusive Gesell-  
schaft, in der nicht einerseits Menschen ohne existenzsichernde  
Arbeit im sozialen Abseits stehen und andererseits unter Beschäf-  
tigten „Burnout“ ein Massenphänomen ist und vielen kaum noch  
Zeit für familiäre oder soziale Aufgaben bleibt. Wir werden neue  
Modelle entwickeln, wie wir in Zukunft Zeit zum Leben und Zeit  
zum Arbeiten besser miteinander vereinbaren können.  
Zukunft schaffen – das heißt bezahlbares Wohnen für alle.  
Wenn spekulative Mieten eingedämmt werden, kann die Vertrei-  
bung vieler Haushalte aus ihrer Nachbarschaft verhindert werden.  
Energetische Gebäudesanierung muss angemessen und kontinuier-  
lich gefördert werden.  
Zukunft schaffen – das heißt vorsorgen. Das gilt in der Haus-  
haltspolitik, in der wir insbesondere mit der Vermögensabgabe  
den gigantischen Schuldenberg abtragen wollen. Das gilt für die  
Arbeitsmarktpolitik, in der wir Rahmenbedingungen für alters- und  
alternsgerechte Arbeitsbedingungen durchsetzen wollen, damit die  
Beschäftigten gesund bis zur Rente arbeiten können. Das gilt in der  
Rentenpolitik, in der wir mit der Garantierente auch zukünftigen  
Generationen das Vertrauen in die Alterssicherung zurückgeben  
wollen. Das gilt aber auch für die Gesundheitspolitik, die auf Vor-  
sorge setzen muss und sich nicht erst kümmert, wenn wir schon  
krank sind.  
Zukunft schaffen – das heißt die Umwelt erhalten. Wir brauchen  
mehr Schutzgebiete für die Artenvielfalt und ein neues Tierschutz-  
gesetz. Wir brauchen eine Landwirtschaft ohne Gentechnik und  
ohne industrielle Tierproduktion. Tiergerecht statt massenhaft – so  
schaffen wir Zukunft für Mensch, Tier und auch für das Klima.  
Zukunft schaffen – das gelingt nur mit Europa. Unserem gemein-  
samen Europa. Wir stärken deshalb die Demokratie, Solidarität,TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
23  
Teilhaben. Einmischen. Zukunft schaffen.Solidität, Nachhaltigkeit und die Menschenrechte in der EU. Dabei  
streiten wir für einen ökologisch-sozialen Umbau Europas, statt nur  
auf einseitige Sparpolitik in den Krisenländern zu setzen. Wir wol-  
len eine Bankenunion und eine unabhängige Bankenaufsicht. Wir  
ergänzen die Wirtschafts- und Währungsunion um eine politische  
Union, damit nicht nur die Finanzmärkte diktieren, was geht und  
was nicht geht. Und wir wollen ein starkes Europaparlament, das  
die Hinterzimmerpolitik von Frau Merkel beendet und Transparenz  
vor Lobbyinteressen stellt.  
Zukunft schaffen – das können wir nur, wenn wir die gesam-  
te Welt im Blick haben. Unsere Eine Welt. Deshalb wollen wir  
die große Transformation hin zu einer friedlichen, gerechten und  
nachhaltigen Globalisierung vorantreiben. Das heißt auch, das Ver-  
sprechen, 0,7 % des Bruttonationaleinkommens für die Entwick-  
lungszusammenarbeit einzusetzen, ebenso ernst zu nehmen wie  
die zivile Krisenprävention, bei der das Konzept der Schutzverant-  
wortung umgesetzt wird. Das heißt aber auch ein neues Kontroll-  
gesetz einzuführen, um sich gegen Rüstungsexporte einzusetzen  
und mit einem neuen Kontrollgesetz den Export von Waffen aus  
Deutschland zu begrenzen.  
Jetzt handeln für ein besseres Morgen! Das ist unsere Antwort  
auf die Merkel-Koalition, die die Energiewende komplett gegen die  
Wand fährt, die Rettung des Euro immer nur vertagt, die wachsen-  
de Armut und Ungleichheit einfach ignoriert. Anstatt Herausforde-  
rungen anzugehen und der Wirtschaft endlich ein neues, zukunfts-  
fähiges Fundament zu geben, werden falsche Entscheidungen  
getroffen oder Probleme auf die lange Bank geschoben.  
5\. Am 22. September GRÜN wählen  
Liebe Wählerin, lieber Wähler,  
es ist an der Zeit, dass sich was ändert. Statt sozialer Spaltung brau-  
chen wir ein neues Miteinander. Statt eines entfesselten Kapita-  
lismus eine Regulierung der Finanzmärkte. Statt alten Wachstums  
echte Lebensqualität. Statt einer marktkonformen Demokratie eine  
demokratische Erneuerung, in der die Menschen etwas zu sagen  
haben und die Politik gestalten kann. Statt einer Rolle rückwärtsZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
24  
Teilhaben. Einmischen. Zukunft schaffen.eine sichere Energiewende und den Erhalt unserer Lebensgrundla-  
gen. Statt einer Globalisierung auf Kosten der Armen eine soziale  
und nachhaltige Weltwirtschaft.  
Wer GRÜN wählt, stimmt für einen Weg aus den Krisen. Mit  
Kompass und Werten und realistischen Lösungen. Unser grüner  
Ministerpräsident Winfried Kretschmann und viele andere GRÜ-  
NE in Verantwortung in den Ländern und Kommunen zeigen, was  
GRÜN kann, wenn GRÜN regiert. Und auch unsere Spitzenkandi-  
datInnen Katrin Göring-Eckardt und Jürgen Trittin stehen dafür ein:  
Realismus und Weitsicht, verankert in klaren Werten.  
Schwarz-Gelb betreibt pünktlich zum Wahlkampf reine Ankün-  
digungspolitik, steht in Wahrheit aber mit seiner Politik gegen einen  
echten Mindestlohn, gegen eine verbindliche Frauenquote, gegen  
eine entschiedene Energiewende sowie gegen die tatsächliche  
Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften. Damit steht  
die schwarz-gelbe Regierung gegen die gesellschaftliche Mehrheit  
in diesem Land. Deswegen gehört sie auch abgelöst.  
Wir kämpfen eigenständig für unsere Ideen und Inhalte. Wir  
kämpfen in diesem Bundestagswahlkampf für starke GRÜNE in einer  
Regierungskoalition mit der SPD, weil wir in diesem Regierungsbünd-  
nis die besten Chancen sehen, den grünen Wandel umzusetzen.  
Bei dieser Bundestagswahl geht es nicht um eine Direktwahl der  
Kanzlerin oder des Kanzlers. Es geht nicht um die absolute Mehr-  
heit einer Partei. Es geht darum, welche Koalition die nächsten  
vier Jahre Deutschland regiert. Wir wollen den grünen Wandel mit  
einer rot-grünen Koalition erreichen. Rot-Grün ist die Alternative  
zur Merkel-Koalition.  
Koalitionen sind keine Frage von Farben oder Ideologien. Koali-  
tionen sind Bündnisse auf Zeit zur Umsetzung gemeinsamer Ziele.  
Nur wer mit uns GRÜNEN in die gleiche Richtung gehen will, nur  
wer den grünen Wandel ermöglichen will, mit dem können wir re-  
gieren, mit dem wollen wir koalieren. Wer in eine andere Richtung  
gehen will, mit dem können wir nicht regieren und mit dem wollen  
wir nicht koalieren.  
Und da ist unübersehbar: CDU und CSU hintertreiben die  
Energiewende. Die Union ist gegen einen gesetzlichen Mindest-  
lohn, gegen eine stärkere Beteiligung der Reichen an der Finan-  
zierung unseres Gemeinwesens. Sie steht gegen die GleichstellungTEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
25  
Teilhaben. Einmischen. Zukunft schaffen.der Frauen und die vollständige Gleichberechtigung von Lesben  
und Schwulen. Immer wieder betreibt die Union Wahlkampf mit  
dem Ressentiment gegen Minderheiten und gegen eine moderne  
Einwanderungspolitik. Die CSU ist offen europafeindlich. CDU und  
CSU blockieren den grünen Wandel.  
Die Linkspartei macht unseriöse sozial- und finanzpolitische Ver-  
sprechungen, so dass der Wortbruch vorprogrammiert ist. Sie lehnt  
die Einhaltung der im Grundgesetz verankerten Schuldenbremse ab.  
Die Linkspartei verweigert jede internationale Verantwortung und  
selbst die Debatten über UN-mandatierte, friedenserhaltende Aus-  
landseinsätze. In der tiefsten Krise der Europäischen Union steht sie  
abseits, schürt Stimmungen und verweigert Solidarität. Die Linke  
steht abseits des grünen Wandels.  
Die FDP vertritt auf absurde Weise die Klientelinteressen eini-  
ger weniger. Sie will das EEG abschaffen, sie verweigert sich einer  
solidarischen Steuerpolitik, lehnt Mindestlöhne ab und ist gegen  
die Frauenquote. Die FDP ist eine Kampfansage an den grünen  
Wandel.  
Für uns ist klar: Bei den zentralen Themen – bei der Energie-  
wende, bei einer gerechten Steuerpolitik, bei einer modernen  
Gesellschaftspolitik – gibt es mit der SPD neben Gemeinsamkeiten  
auch Differenzen. Manchmal ist die SPD kein Antreiber, sondern  
ein Bremser. Nur mit starken GRÜNEN wird sie ein Partner für den  
grünen Wandel sein. Deshalb braucht es 2013 starke GRÜNE.  
Teilhaben. Einmischen. Zukunft schaffen – das bildet zusammen  
die Grundlage für einen grünen Wandel in Politik und Gesellschaft –  
für mehr soziale Gerechtigkeit, für mehr demokratische Beteiligung,  
für ein besseres Morgen.  
Teilhaben. Einmischen. Zukunft schaffen – das beschreibt einen  
neuen Weg aus den Krisen und den Aufbruch hin zu einer offenen,  
modernen Gesellschaft und einer Wirtschaft, die besser und spar-  
samer mit unseren natürlichen Ressourcen umgeht.  
Wählen Sie GRÜN. Für mehr Gerechtigkeit. Für mehr Beteili-  
gung. Für ein besseres Morgen.  
Für den grünen Wandel.Zeit für den grünen Wandel  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BündniS 90/die grünen  
26  
100 % sichere EnergieB. 100 % sichere Energie  
Wie wir die Energiewende zum Erfolg führen  
Als wir 1980 das erste Mal zur Bundestagswahl angetreten sind,  
haben wir gegen alle anderen Parteien den Ausstieg aus der Atom-  
energie und eine Wende in der Energiepolitik hin zu Sonne, Wind,  
Wasser und mehr Energieeffizienz gefordert. Damals wurden diese  
Ideen als „Spinnertum“ abgetan.  
Heute, eine Generation und zwei Atomkatastrophen in Tscher-  
nobyl und Fukushima später, ist der Atomausstieg zu großen Teilen  
Realität und der Einstieg in die Energiewende gelungen: Von den  
26 Atomkraftwerken, die Anfang 1990 in Ost- und Westdeutsch-  
land in Betrieb waren, laufen nur noch neun. Der Bundestag hat im  
Juni 2011 mit breiter Mehrheit den endgültigen Atomausstieg bis  
2022 beschlossen. Dem gegenüber steht die unter Rot-Grün ein-  
geleitete Erfolgsgeschichte der Erneuerbaren Energien: Sie wuchsen  
von 5 % im Jahr 1998 auf heute 25 % und sind damit der zweit-  
wichtigste Stromerzeuger geworden. Das ist ein zentraler Erfolg  
grüner Politik.  
Jedes noch laufende AKW bleibt eine Gefahr. Daher wollen wir  
die Sicherheitsanforderungen national und international erhöhen,  
entsprechende Nachrüstungen an den AKW durchsetzen und so  
die Rahmenbedingungen ändern, damit die Betreiber das letzte  
AKW schon deutlich vor 2022 abschalten. Zudem wollen wir die  
bilaterale Zusammenarbeit bei der Atomsicherheit verbessern und  
die Bürgerinnen und Bürger in Deutschland an AKW-Planungen in  
Nachbarstaaten beteiligen.  
Wir wollen, dass die Energiewende vom Testfall zum Erfolgsmo-  
dell wird. Aber die Vollendung der Energiewende geschieht nicht  
von allein: CDU/CSU und FDP stellen täglich unter Beweis, dass  
sie den Ausbau der Erneuerbaren Energien nur widerwillig betrei-  
ben. Mit überbordenden Industrieprivilegien konterkarieren sie den  
ökologischen Wandel der Wirtschaft und belasten die Verbrauche-  
rinnen und Verbraucher mit unfairen Strompreisen. Schwarz-Gelb  
würde den Atomausstieg offenkundig am liebsten wieder rückgän-Teilhaben. einmischen. ZukunfT schaffen.  
bundestagswahlprogramm 2013  
bÜnDnis 90/Die GRÜnen  
27  
100 % sichere Energiegig machen. Assistiert werden sie dabei von einschlägigen Lobby-  
organisationen mit millionenschweren Werbeetats, die den Ausbau  
Erneuerbarer Energien zum Erliegen bringen wollen. Doch in der  
Gesellschaft gibt es einen breiten Konsens, der diesem Interesse  
zuwiderläuft. Die meisten Menschen wollen, dass auch die letzten  
neun Atomkraftwerke bald abgeschaltet werden und auch der Aus-  
stieg aus der Kohleverstromung erfolgt. Wir haben das Zeitalter der  
Erneuerbaren Energien eingeläutet und jetzt muss die Energiewen-  
de mit Leidenschaft, Begeisterung und Kreativität vorangetrieben  
werden – auch global. Es geht darum, bezahlbare Energie für alle  
bereitzustellen, ohne dass dafür – wie bisher – unsere Kinder Atom-  
müll, eine Klimakatastrophe und ökologische Schulden aufgebürdet  
bekommen. Dafür stehen nur BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN.  
Und wir wollen den Erfolg der Energiewende weltweit. Denn  
die Antwort auf Energiearmut und eine global wachsende Energie-  
nachfrage heißt Erneuerbare Energien für alle in Verbindung mit  
Energieeffizienz und Energieeinsparung. Der Weg weg von fossi-  
len Energien und Atom ist auch vorausschauende Friedenspolitik.  
Deutschland muss seiner Verantwortung als Vorbild für einen kli-  
magerechten weltweiten Umstieg auf Erneuerbare gerecht werden  
und verlässlicher Partner sein für die Bekämpfung von Energie-  
armut. Deshalb müssen wir Lösungen für den Energiehunger der  
Metropolen mitentwickeln und zugleich dezentrale Ansätze für den  
ländlichen Raum vorantreiben. Die deutsche Energiewende steht  
im globalen Scheinwerferlicht. Wenn sie erfolgreich ist, werden  
sich andere wichtige Staaten unserem Beispiel anschließen und eine  
neue globale klimapolitische Dynamik entstehen lassen.  
Gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern wollen wir die  
Energiewende zum Erfolg führen. Das bringt auch einen Durch-  
bruch beim Kampf gegen den globalen Klimawandel mit sich – denn  
Deutschland wird international als Testfall dafür betrachtet, ob Kli-  
maschutz und Erneuerbare Energien mit wirtschaftlicher Vernunft  
und mit Gewinn verbunden werden können.  
Wir wollen den Erfolg der Energiewende, weil wir damit Zukunft  
schaffen. Wir wollen unseren Kindern ein gutes Erbe hinterlassen –  
eine Energieversorgung frei von Atomgefahren und klimaschädli-  
chen CO2-Emissionen, eine Zukunft ohne Klimakatastrophe, die zu  
Millionen von Klimaflüchtlingen führt.ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
28  
100 % sichere EnergieWir wollen den Erfolg der Energiewende, weil so die Energie aus  
den Händen der Konzerne in die Hände der BürgerInnen wandert.  
So können sich endlich alle einmischen und mitmachen bei der Ver-  
sorgung unserer Gesellschaft mit Energie.  
Wir wollen den Erfolg der Energiewende, weil nur sie soziale  
Teilhabe in der Energieversorgung dauerhaft absichert. Während  
die Preise für Kohle, Öl und Gas kontinuierlich steigen, schickt die  
Sonne keine Rechnung. Um die Energiewende besser koordinieren  
zu können, machen wir uns für eine Kompetenzerweiterung des  
Bundesumweltministeriums zu einem Umwelt- und Energieminis-  
terium stark. Erneuerbare Energien, Atomausstieg, Netzausbau und  
Strommarktreform gehören endlich zusammen gedacht.  
1\. Die Zukunft verdient unsere Leidenschaft  
Vor allem in den Industrienationen basiert das tägliche Leben seit  
mehr als zwei Jahrhunderten auf der Nutzung von Kohle, Öl und  
Gas. Derzeit liegt der Anteil der Erneuerbaren Energien am Strom-  
verbrauch bei knapp 25 %. Bereits 2030 wollen wir unseren Strom  
zu 100 % erneuerbar produzieren. Im Gebäude- und Wärmebereich  
streben wir eine Umstellung möglichst bis 2040 an. Dazu wollen  
wir bis zum Jahr 2022, wenn spätestens die letzten Atomkraftwerke  
vom Netz gehen, mindestens die Hälfte der Stromversorgung aus  
Erneuerbaren Energien decken.  
Dass 100 % Energieversorgung aus Erneuerbaren Energien eine  
technologische Herausforderung darstellt, ist uns klar. Doch wir  
setzen auf die Leidenschaft und Kreativität, die technologische  
Innovationen hervorbringt – und wie sie in vielen Unternehmen,  
an Hochschulen und in weiten Teilen der Gesellschaft bereits jetzt  
mit Händen zu greifen ist. Die Erfahrung anderer industrieller Ent-  
wicklungen macht Hoffnung: Technologische Sprünge sind möglich  
und machbar. So wurde etwa 1885 in Berlin das erste Kraftwerk in  
Deutschland errichtet, bereits im Jahr 1900 hatten praktisch alle  
Städte Elektrizität. Während 1970 Computer noch auf Lochkarten-  
basis funktionierten und Hallen füllten, hatten 25 Jahre später schon  
viele Haushalte einen eigenen PC zu Hause. Die Elektrifizierung der  
Städte bis 1900 oder die Verbreitung des Internets brauchten nurTEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
29  
100 % sichere Energiewenige Jahre. Wenn wir es wollen und vorantreiben, können wir  
auch den Sprung in eine Welt sauberer Energie schaffen.  
Nur BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN stehen dafür, dass die hierfür  
notwendige Politik umgesetzt wird und die Kosten gerecht verteilt  
werden. Wir wollen daher das von uns im Jahr 2000 eingeführte  
Erneuerbare-Energien-Gesetz, das den Technologie-Boom ausge-  
löst hat und von vielen Ländern in aller Welt nachgemacht wurde,  
intelligent fortentwickeln. Das EEG hat einen intensiven globalen  
Wettbewerb bei den Anlagenherstellern ausgelöst, die Erzeugungs-  
kosten für Solarstrom um 80 % gesenkt und den Stromertrag von  
Windkraftanlagen enorm erhöht. Wir wollen die Investitionssicher-  
heit durch den Einspeise- und Anschlussvorrang sowie das Prinzip  
der Einspeisevergütung erhalten, das EEG aber von kostentreiben-  
den Sonderregelungen befreien und die Lasten fair zwischen allen  
Stromverbrauchern aufteilen.  
Darüber hinaus wollen wir die Stellschrauben im EEG neu jus-  
tieren, um den Ökostrom-Ausbau kosteneffizient weiter voranzu-  
bringen und Anreize zur bedarfsgerechten Erzeugung, etwa bei der  
Biomasse, zu setzen. Da die EEG-Umlage viel höhere Kosten aus-  
weist als die tatsächlichen Mehrkosten des EEG, wollen wir, dass sie  
zukünftig ehrlich ist, und werden sie sachgerecht umgestalten. Wir  
wollen eine Effizienzrevolution fördern, bei der drohende Rebound-  
Effekte, also der Verlust an Effizienzgewinnen durch erhöhten Ver-  
brauch, vermieden werden. Doch Maßnahmen zur Steigerung der  
Effizienz dürfen nicht auf den Strombereich begrenzt bleiben. Im  
Wärme- und Verkehrssektor müssen die großen Einsparpotentiale  
ebenfalls besser ausgeschöpft werden. Hierbei achten wir darauf,  
dass Unternehmen sich nicht durch sog. Greenwashing vor Ihrer  
Verantwortung drücken.  
Wir wollen den Strommarkt neu ausrichten. In Zukunft bilden  
Wind und Sonne die Basis unserer Stromerzeugung. In sonnen- und  
windarmen Zeiten können bestehende Speicher und hocheffiziente  
Gaskraftwerke die Lücken ausfüllen. Schon heute müssen aber  
andere innovative Techniken ausgebaut werden wie beispielsweise  
Biomassekraftwerke, Lastmanagement, neue Speicher und Batterien,  
Verknüpfung mit dem Wärmesektor und Elektromobilität sowie län-  
gerfristig aus Wind- und Solarstrom erzeugtes Gas („Power-to-Gas“).ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
30  
100 % sichere EnergieDamit es sich lohnt, Kraftwerksleistung bereitzustellen, die nicht  
immer abgerufen wird, muss der Strommarkt darauf umgestellt  
werden. Notwendig ist deswegen ein verändertes Strommarktde-  
sign, das nicht auf den Verkauf von Kohle- und Atomstrom ausge-  
richtet ist. Wir wollen Kapazitätsmechanismen, die im Strommarkt  
Versorgungssicherheit, Klimafreundlichkeit, Kosteneffizienz und  
Flexibilität sicherstellen. Wir wollen Deutschland zur Modellregion  
für intelligente Netze (Smart Grids) machen.  
2\. Die Energiewende von unten weiterführen  
Der bisherige Boom der Erneuerbaren Energien in Deutschland  
wurde zu über 90 % von Privatleuten und Stadtwerken, nicht von  
den vier großen Energieversorgern gestemmt. Wir wollen, dass die  
Energieversorgung der Zukunft dezentraler und bürgernäher wird.  
Dies hat das EEG mit seinem Einspeisevorrang und einer garantier-  
ten Vergütung eingeleitet. Wer diese erfolgreiche Grundlage heute  
torpediert, will sie ausschließlich in die Hände großer Konzerne ge-  
ben. Das werden wir verhindern, indem wir das EEG schrittweise  
weiterentwickeln und den Fokus auf kostengünstige Technologien  
richten. Gleichzeitig werden wir das Gesellschaftsrecht so formulie-  
ren und uns weiterhin dahingehend einsetzen, dass die Energiewen-  
de auch in Zukunft durch eine breite Beteiligung von Kleinanleger-  
Innen vorangetrieben werden kann.  
Wir wollen die Städte und Gemeinden aktiv darin unterstützen,  
kommunale Klima- und Energiekonzepte aufzustellen, Erneuerbare  
und hocheffiziente Kraft-Wärme-Kopplung auszubauen, die örtli-  
che Energieversorgung und lokale Verteilnetze wieder in kommuna-  
le Hand zu nehmen und die Energieerzeugung in Bürgerhand sowie  
die Beteiligung der Öffentlichkeit zu fördern. Das stärkt Handwerk  
und Arbeitsplätze vor Ort und sorgt dafür, dass die Energieausga-  
ben der Menschen in der Region bleiben.  
Strom zu transportieren ist heute noch deutlich günstiger, als ihn  
zu speichern. Gerade der dezentrale Ausbau Erneuerbarer Energien  
braucht den Stromnetzumbau. Dabei müssen Optimierungs- und  
Verstärkungsmaßnahmen ausgeschöpft werden und einem Ausbau  
vorausgehen. Wir stehen daher zu einem sinnvollen Netzausbau –TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
31  
100 % sichere Energieauch wenn wir wissen, dass wir damit den Betroffenen vor Ort  
teilweise erhebliche Belastungen zumuten. Deshalb müssen alle  
Optimierungs- und Verstärkungsmaßnahmen in Verteil- und Über-  
tragungsnetzen ausgeschöpft werden. Beim Netzausbau sind der  
Vorrang des EE-Stroms und eine Netzanschlussverpflichtung essen-  
tiell. Bei neuen Trassen ist es zentral, dass die Planungen transpa-  
rent und gemeinsam mit Umweltverbänden sowie den betroffenen  
Gemeinden und BürgerInnen erstellt werden. Wir wollen Erdkabel  
als weithin akzeptierte Alternative zu Freileitungen einsetzen. Neue  
110-kV-Leitungen sind grundsätzlich als Erdkabel auszuführen, neue  
380-kV-Leitungen zumindest in sensiblen Gebieten mit Blick auf Be-  
völkerung und Natur. Wir wollen dabei auch ambitionierte immissi-  
onsschutzrechtliche Vorsorgewerte berücksichtigen. Wir wollen den  
Einstieg des Bundes in eine zu gründende deutsche Netzgesellschaft,  
mehrheitlich in öffentlicher Hand, um die derzeitigen Schwierigkei-  
ten der Netzbetreiber bei der Umsetzung von Projekten zu reduzie-  
ren. Dazu sollen die vier Netzregelzonen zusammengeführt werden.  
Wir werden aber auch Beteiligungsmöglichkeiten für die Bürgerin-  
nen und Bürger in betroffenen Gebieten erarbeiten, damit sie von  
den garantierten Renditen der Stromnetze unmittelbar profitieren  
können. Ebenso setzen wir beim Ausbau von Erneuerbaren auf eine  
intensive Beteiligung und Einbeziehung der Betroffenen sowie auf  
Berücksichtigung naturschutzfachlicher Vorgaben.  
Um eine Vollversorgung aus Erneuerbaren Energien zu ermögli-  
chen, brauchen wir auch intelligente Verteilnetze (Smart Grids) und  
neue Stromspeicher; wir müssen die Verbrauchskategorien Strom,  
Wärme und Mobilität verknüpfen. Gaskraftwerke sollen als Über-  
gangslösung zum Ausgleich von Schwankungen eingesetzt werden.  
Die verschiedenen Speichertechnologien können alle etwas dazu  
beitragen, die Schwankungen in der Erzeugung von Wind und Sonne  
an unterschiedlichen Stellen im Netz auszugleichen. Deshalb  
wollen wir sie fördern, parallel anwenden und in ein offenes Tech-  
nologie-Wettrennen treten lassen. Die Speicherung von Gas muss  
auf stabile Lagerstätten begrenzt werden. Den Bundesländern fällt  
eine verantwortungsvolle Aufgabe insbesondere bei der räumlichen  
und zeitlichen Steuerung des weiteren Ausbaus der Erneuerbaren  
Energien sowie der erforderlichen Netz- und Speicherinfrastrukturen  
zu. Dazu müssen die raumordnerischen Instrumente und VerfahrenZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
32  
100 % sichere Energiebei frühzeitiger Beteiligung der BürgerInnen gestärkt werden. Dabei  
werden alle Teilnehmer am Energiemarkt – ob kleines Stadtwerk oder  
großer Konzern – ihren Beitrag leisten müssen.  
Die Energiewende darf nicht zu Lasten der weltweiten Ernäh-  
rung oder des Naturschutzes gehen. Deshalb setzen wir uns dafür  
ein, die Erzeugung und den Import von Biomasse an die Einhal-  
tung strenger Umwelt-, Sozial- und Menschenrechtsstandards zu  
binden. Auch in Deutschland ist die weitere Biomassenutzung auf-  
grund der Flächenkonkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion, stoff-  
lichen Nutzung und zu Naturschutz- und Erholungszwecken sehr  
begrenzt. Die beschränkte Menge Biomasse, die zur Stromerzeu-  
gung zur Verfügung steht, muss primär dazu dienen, die schwan-  
kende Stromproduktion aus Wind und Sonne auszugleichen. Dem  
übertriebenen Maisanbau, den Fehlsteuerungen in der Agrar- und  
Energiepolitik der letzten Jahre zu verantworten haben, wollen wir  
entgegenwirken. Daher werden wir die Rahmenbedingungen im  
EEG so ändern, dass die Förderung von Biogasanlagen sich künftig  
auf die Verwertung biogener Reststoffe konzentriert und Anreize  
geschaffen werden, von Monokulturen auf Anbau in Fruchtfolgen  
und auf ökologisch und landschaftlich attraktive Energiepflanzen  
(z. B. Blühpflanzenmischungen, Kleegras) umzustellen.  
3\. 100 % sichere Energie ohne Kohle und Öl  
Kohle hat keine Zukunft. Braun- und Steinkohle verursachen sehr  
hohe klimaschädliche CO2-Emissionen, der Braunkohletagebau ru-  
iniert großflächig unsere Landschaften. Das weltweite Klimaprob-  
lem kriegen wir nur dann gelöst, wenn die Kohle da bleibt, wo sie  
ist: unter der Erde. Wir wollen das Bergrecht novellieren, um endlich  
umfassende demokratische Beteiligungs- und Klagemöglichkeiten  
herzustellen, Anwohner und Umwelt besser zu schützen und neuen  
Braunkohletagebau zu verhindern. Und wir werden uns internatio-  
nal für die Einhaltung von Umwelt- und Sozialstandards beim Stein-  
kohleabbau einsetzen. Gas hat von den fossilen Energieträgern die  
geringsten CO2-Emissionen und die größte Flexibilität und kann in-  
sofern die Funktion einer Brückentechnologie in das Zeitalter der Er-  
neuerbaren Energien übernehmen. Trotzdem ist uns bewusst, dassTEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
33  
100 % sichere Energieauch Gas endlich und klimaschädlich ist. Wo immer möglich wollen  
wir Gas in Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) – also der gleichzeitigen  
Nutzung von Strom und Wärme – einsetzen und so den Anteil der  
KW an der Stromerzeugung bis 2020 auf mindestens 25 % steigern.  
Dazu wollen wir das KWK-Gesetz novellieren und insbesondere die  
Anreize für Mini- und Mikro-KWK („stromerzeugende Heizung“)  
verbessern. Die CO2-Abscheidung und -Speicherung (CCS) an fos-  
silen Kraftwerken sowie die Förderung von unkonventionellem Erd-  
gas insbesondere mittels giftiger Chemiekalien („Fracking“) lehnen  
wir wegen der unabsehbaren Gefahren für Gesundheit und Umwelt  
ab. Sie behindern zudem Klimaschutz und Energiewende. Giftige  
Lagerstättenwasser dürfen nicht wieder verpresst werden.  
Wir wollen ein Klimaschutzgesetz, das den Weg in das Zeitalter  
der Erneuerbaren Energien weist. Das Gesetz wird den Ausstieg aus  
der Kohleverstromung organisieren und als verbindliches Ziel for-  
mulieren, die klimaschädlichen Treibhausgasemissionen in Deutsch-  
land bis 2020 um 40 %, bis 2030 um 60 %, bis 2040 um 80 % und  
bis 2050 um 95 % unter das Niveau von 1990 zu reduzieren. Das  
Gesetz wird verbindliche Ziele für den Verkehrs-, Wärme- und  
Strombereich sowie die Land- und Forstwirtschaft beinhalten. Die  
Fortschritte werden jährlich überprüft. Bei Zielverfehlungen muss  
das zu viel ausgestoßene CO2 ausgeglichen und der Klimaschutz  
verstärkt werden. Dazu sind im Klimaschutzgesetz konkrete Maß-  
nahmen und wirksame Sanktionen vorzusehen. Investoren haben  
so Sicherheit für ihre langfristigen Strategien hinsichtlich Erneuer-  
barer Energien und Energieeffizienz.  
Wir wollen – finanziert aus der Kürzung umweltschädlicher Sub-  
ventionen – das Klimaschutz- und Energiewendegesetz durch ein  
3,5 Mrd. Euro umfassendes Investitionsprogramm für einen Ener-  
giesparfonds, ein Marktanreizprogramm, erneuerbare Wärme und  
„Smart Grid“-Technologien (intelligente Stromnetze) und für For-  
schung unterlegen sowie das Programm für energetische Gebäudesa-  
nierung auf 2 Mrd. Euro aufstocken. Für die Entwicklung von Effizienz  
und höchsten Sicherheitsstandards bei der Smart-Grid-Technologie  
werden wir einen angemessenen finanziellen Rahmen schaffen.  
Die Förderung von Erdöl kann mit traditioneller Produktions-  
weise seit Jahren weltweit nicht mehr erhöht werden. Die Nach-  
frage wächst jedoch zugleich ungebremst weiter. Auch das sog.ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
34  
100 % sichere EnergieFracking wird den Preistrend nach oben auf Dauer nicht bremsen.  
Wir GRÜNE wissen: Wir müssen „weg vom Öl“, ehe es uns verlässt.  
Denn die zunehmende Verknappung und Verteuerung von fossilen  
Ressourcen kann zu drastischen Energie- und Mobilitätskosten-  
steigerungen, zu Nahrungsmittel- bzw. Ernährungskrisen bis hin  
zu geopolitischen Spannungen und dem Zusammenbruch ganzer  
Wirtschaftszweige führen. Den Aspekt künftig drastisch steigender  
Rohstoffpreise wollen wir in allen Planungs- und Infrastrukturvor-  
haben der öffentlichen Hand als wichtige Leit- und Entscheidungsli-  
nie beachten. Die Diskussion über neue Wirtschaftsweisen und Le-  
bensstile beim Übergang „weg vom Öl“ wollen wir interdisziplinär  
und offensiv führen.  
4\. Atomausstieg sicher und schnell besiegeln  
Die Energiewende gelingt nur mit dem Atomausstieg – der Atom-  
ausstieg gelingt nur mit der Energiewende. Bei den noch laufen-  
den Atomkraftwerken muss die Sicherheit höchste Priorität haben.  
Besonders die beiden noch laufenden Siedewasserreaktoren in  
Gundremmingen stellen weiterhin ein großes Risiko dar. Mit uns  
gibt es keine Sicherheitsrabatte. Wir wollen die Rahmenbedin-  
gungen so setzen, dass die Nutzung der Atomkraft sicher, schnell  
und endgültig beendet wird. Wir werden die Sicherheitsanforde-  
rungen – anders als Schwarz-Gelb – erhöhen und wieder auf den  
Stand von Wissenschaft und Technik bringen. Falls diese Standards  
nicht eingehalten werden können, müssen die betreffenden AKW  
vom Netz genommen werden, das beschleunigt den Atomausstieg.  
Wir werden dafür sorgen, dass bei allen AKW noch mindestens  
eine periodische Sicherheitsüberprüfung durchgeführt wird, und  
Vorsorge gegen Flugzeugabsturz verlangen. Die Atomwirtschaft  
hat bisher die Profite eingesteckt und die Risiken sozialisiert. Wir  
wollen dagegen die Versicherungspflicht deutlich ausweiten. Au-  
ßerdem sollen die Rückstellungen für Stilllegung und Rückbau in  
einen öffentlich-rechtlichen Fonds überführt werden. Aus unserer  
Sicht ist der Atomausstieg erst vollendet, wenn alle Anlagen des  
Kernbrennstoffkreislaufs wie die Urananreicherungsanlage Gronau  
und die Brennelementeproduktion Lingen geschlossen sind; das ist  
unser Ziel.TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
35  
100 % sichere EnergieAuch AKW jenseits unserer Grenzen bergen hohe Sicherheits-  
risiken. In einer künftigen Bundesregierung werden wir daher Ver-  
handlungen mit den betreffenden Nachbarländern über die Sicher-  
heitsstandards führen und Unterstützung bei der Energiewende  
anbieten. Wir werden die Aahus-Konvention so in deutsches Recht  
umsetzen, dass BürgerInnen Zugang zu Informationen und Ein-  
spruchsmöglichkeiten haben. Der Atomausstieg ist unglaubwürdig,  
wenn Deutschland zugleich AKW-Projekte im Ausland unterstützt.  
Hermes-Bürgschaften für AKW wollen wir deshalb sofort und end-  
gültig stoppen.  
Die Energiewende muss auch in der Forschung stattfinden. For-  
schung zur weiteren Nutzung der Atomenergie und zur Kernfusion  
ist nicht zukunftsfähig. Anstatt Geld für die kerntechnische Trans-  
mutation und das Kernfusionsprojekt ITER zu verschleudern, wer-  
den wir öffentliche Forschungsmittel für Transformationsforschung  
einsetzen, die technologische Innovationen und die gesellschaftli-  
che Verankerung der Energiewende unterstützt. Deshalb setzen wir  
uns auch für ein Ende des EURATOM-Vertrags und die Fusionsfor-  
schung durch das Projekt ITER ein. Wenn dabei keine konsensu-  
ale Einigung mit den anderen Vertragspartnern möglich ist, sollte  
Deutschland einseitig aussteigen.  
Der noch eine Million Jahre strahlende Atommüll ist unser aller  
Müll – ob wir seine Produktion wollten oder nicht. Dafür muss die-  
se Generation die Verantwortung übernehmen und endlich unter  
breiter BürgerInnenbeteiligung bundesweit, ergebnisoffen, nach  
wissenschaftlichen Kriterien und transparent den bestgeeigneten  
Endlagerstandort suchen. Atomindustrie und politische Kräfte, die  
weiterhin versuchen, den ungeeigneten Standort Gorleben durch-  
zusetzen, werden auf unseren entschiedenen Widerstand treffen.  
Die Endlagersuche muss komplett von den Verursachern des Atom-  
mülls finanziert werden. Atommüllexport wollen wir verbieten.ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
36  
100 % sichere Energie5. Bezahlbare Wärme und Strom für alle  
Energie ist Lebenselixier – eine warme Wohnung und eine sichere  
Stromversorgung sind heute für jede/n elementar. Energiepolitik ist  
deswegen auch eine Frage der sozialen Teilhabe. Eine auf Kohle, Öl  
und Gas basierende Energieversorgung ist aber ein Armutsrisiko für  
weite Teile der Bevölkerung. So waren 2011 und 2012 mit einem  
Preis von jeweils 107 Dollar pro Barrel die mit Abstand teuersten  
Öljahre der Geschichte, auch die Kohle- und Gasimportpreise sind  
zuletzt deutlich gestiegen.  
Mit der Energiewende im Wärmemarkt schaffen wir energeti-  
sche Teilhabe für alle. Schließlich sind die Wärmekosten ein größe-  
rer Faktor als die Stromkosten. Es ist unser Ziel, dass nach und nach  
alle Häuser in Deutschland auf Niedrigenergiehaus-Niveau saniert  
werden und der verbleibende Wärmebedarf durch Erneuerbare  
Energien gedeckt wird. Denn die Sonne schickt keine Rechnung.  
Wir wollen im Erneuerbare-Energien-Wärmegesetz verankern, dass  
neben dem Neubau auch nach Modernisierungen der Heizungsan-  
lagen im Gebäudebestand erneuerbare Wärme anteilig genutzt  
werden muss. Wir wollen, dass ab 2015 keine neuen Ölheizungen  
mehr installiert werden. Neubauten, die als Plusenergiehäuser ge-  
baut werden, sollen gefördert werden. Strom- und Wärmeversor-  
gung – z. B. durch BHKW – sollen gekoppelt werden. Wir setzen  
den Rahmen so, dass die Sanierungsquote von heute 0,7 % auf 3 %  
im Jahr steigt. Gleichzeitig dürfen aber die mit der energetischen  
Sanierung verbundenen Investitionskosten nicht dazu führen, dass  
die Mieten für die MieterInnen nicht mehr bezahlbar sind. Vielmehr  
ist es unser Ziel, mit unseren Maßnahmen Ökologie und bezahlba-  
res Wohnen in Einklang zu bringen.  
Wir wollen deshalb einen Energiesparfonds auflegen, mit dem  
wir die energetische Sanierung von Wohnquartieren gezielt voran-  
treiben, und dabei einkommensschwache Haushalte unterstützen.  
Auch von besseren Energieberatungsangeboten und der Marktein-  
führung besonders energieeffizienter Geräte sollen finanzschwa-  
che Haushalte profitieren. Weitere Fondsmittel stellen wir für die  
Einführung eines Klimawohngeldes zur Verfügung, um soziale  
Härten zu verhindern. Zudem wollen wir das Erneuerbare-Energi-  
en-Wärmegesetz, die Modernisierungsumlage und die Energieein-Teilhaben. einmischen. ZukunfT schaffen.  
bundestagswahlprogramm 2013  
bÜnDnis 90/Die GRÜnen  
37  
100 % sichere Energiesparverordnung so umgestalten, dass sie wirksame Anreize für die  
Gebäudesanierung bieten. Weiteres zur energetischen Gebäude-  
sanierung findet sich im Kapitel „Unsere Politik vor Ort“.  
Auch der Strompreis muss für alle bezahlbar bleiben. Von besse-  
ren Energieberatungsangeboten und der Markteinführung beson-  
ders energieeffizienter Geräte sollen insbesondere finanzschwache  
Haushalte profitieren. Faire Strompreise erfordern eine gerechtere  
Finanzierung der Energiewende. Die Energiewende wird zurzeit nur  
von den VerbraucherInnen und nicht privilegierten Unternehmen  
finanziert, die richtigen Stromfresser bleiben außen vor. Geschen-  
ke an die Industrie wollen wir abschaffen. Wir begrenzen die Sub-  
ventionen auf die Unternehmen, die tatsächlich im internationalen  
Wettbewerb stehen und Maßnahmen zur Steigerung der Energie-  
effizienz nachweisen können. Wir werden uns international dafür  
einsetzen, Strompreissubventionen abzubauen. Bei den Vorteilen  
ist es umgekehrt: Wind- und Sonnenstrom senken den Strompreis  
an der Börse, doch bei den normalen Stromverbraucherinnen und  
-verbrauchern kommt diese Entlastung nicht an. Das wollen wir  
ändern. Wir wollen die Energiewende solidarisch finanzieren, über-  
bordende Privilegien für die Industrie und andere Großverbraucher  
abbauen und Stromversorger zur Weitergabe gesunkener Börsen-  
preise an ihre Kunden bringen. Das entlastet die Verbraucherinnen  
und Verbraucher um mehr als 4 Mrd. Euro. Das entspricht bei dem  
durchschnittlichen Stromverbrauch einer vierköpfigen Familie ei-  
ner Entlastung von 35 Euro pro Jahr. Die Befreiung großer Strom-  
verbraucher von den Kosten der Stromnetze haben Gerichte und  
EU-Kommission verworfen. Die Bundesregierung will diese unge-  
rechtfertigte Vergünstigung trotzdem weiterführen. Wir wollen sie  
abbauen, denn gerade große Unternehmen sind auf ein funktionie-  
rendes Stromnetz angewiesen und können dieses nicht von Privat-  
haushalten finanzieren lassen.  
Die Regelsätze von Arbeitslosengeld II, Grundrente, Sozialhilfe,  
BAföG und anderen Transferleistungen müssen rascher an gestie-  
gene Strompreise angepasst werden, damit es nicht zu sozialen  
Schieflagen kommt. Wir wollen ein energetisches Existenzminimum  
gewährleisten. Gas- und Stromsperren für Privathaushalte müssen  
gesetzlich eingeschränkt und die Versorger verpflichtet werden,  
eine Ratenzahlungsvereinbarung oder den Einsatz von Vorkassen-ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
38  
100 % sichere Energiezählern anzubieten, statt Strom oder Gas zu sperren. Zur Wahrheit  
gehört aber auch: Auch ohne Energiewende würden die Strompreise  
steigen, denn aufgrund des veralteten Kraftwerksparks und der  
alten Netze existiert ein großer Investitionsbedarf in das deutsche  
Stromsystem. Und nicht zuletzt werden die Kosten fossiler Brenn-  
stoffe weiter steigen.  
Die Stromkosten können wir alle selbst am einfachsten senken,  
indem wir unseren Stromverbrauch senken. Wir wollen wie von  
der EU vorgegeben und in einigen europäischen Ländern wie z. B.  
Dänemark bereits erfolgreich angewandt, eine gesetzliche Grund-  
lage für einen Markt für Energieeffizienzmaßnahmen in Industrie,  
Gewerbe und Haushalten schaffen. Das Ziel lautet, bis 2020 15 %  
des Stromverbrauchs einzusparen. So machen wir Kilowattstunden  
statt Menschen arbeitslos und senken die Belastungen der Bürge-  
rinnen und Bürger.  
In den letzten Jahren ist die Effizienzpolitik nahezu zum Erliegen  
gekommen. Viele richtige europäische Initiativen sind an Schwarz-  
Gelb gescheitert. Wir wollen, dass Deutschland wieder Vorreiter  
bei der Energieeffizienz und dem Energiesparen wird. Wir GRÜNE  
werden das Thema Energieeinsparungen deshalb deutlich mehr in  
den Fokus rücken. Dazu ist es notwendig, konstruktiv europäische  
Initiativen wie den Top-Runner-Ansatz voranzubringen. Vor allem  
auch in der Wirtschaft sind noch enorme Effizienzpotentiale vor-  
handen. Anstatt immer neue Subventionen im Energiebereich zu  
erfinden, müssen endlich strengere Standards greifen. Alleine die  
in den USA gültigen Normen bei Elektromotoren in der Wirtschaft  
könnten zu Stromkosteneinsparungen bis zu 50 % führen. Damit  
könnten die Belastungen von Unternehmen für ihre Energiekosten  
enorm gesenkt werden, ohne die Verbraucher zu belasten. Ener-  
gieeffizienz und Energiesparen voranzubringen erfordert aber auch  
eine kritische gesellschaftliche Debatte über unseren Umgang mit  
Energie. Wir GRÜNE stellen uns dieser Herausforderung.  
6\. Klimaschutz vorantreiben – europäisch und global  
Für uns war die drohende Klimakatastrophe nie ein rein ökologi-  
sches Thema. Vielmehr stellen wir den globalen ZusammenhangTEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
39  
100 % sichere Energieher. Insbesondere die Länder, die am wenigsten zu den Klima-  
veränderungen beigetragen haben, leiden zuerst und am stärksten  
unter den Folgen. Doch mehr und mehr zeigt sich, dass auch für die  
industrialisierten Länder und ihre Ökonomien selbst eine massive  
Gefahr und Bedrohung besteht. Auch die Verursacher der Klima-  
veränderungen werden zukünftig stärker von Extremwetterereig-  
nissen wie Stürmen, Dürren und Starkregen betroffen sein. Falls  
alle Bemühungen fruchtlos sein sollten und eine Erhitzung von weit  
über 2 Grad erfolgt, wäre eine andere Welt die Folge, für die es  
in der menschlichen Geschichte kein Beispiel gibt. Dies würde die  
Grundlagen unserer Ernährung und der menschlichen Zivilisation  
bedrohen.  
Wir wollen alle Hebel in Bewegung setzen, damit bis 2015 ein  
ambitioniertes Nachfolgeabkommen für das Kyoto-Protokoll be-  
schlossen wird. Wir müssen die Folgen der Klimaveränderungen  
begrenzen und versuchen, die Erderwärmung nicht über 2 Grad  
ansteigen zu lassen. Doch auch wenn dies gelingt, werden er-  
hebliche Maßnahmen zur Anpassung an die Klimaveränderungen  
nötig sein, erst recht, wenn wir die 2 Grad überschreiten. Damit  
die Bremser den globalen Klimaschutz nicht weiter blockieren  
können, treten wir ein für eine „Klimapolitik der unterschiedlichen  
Geschwindigkeiten“ mit Deutschland in einer Allianz ambitionier-  
ter Vorreiter inner- und außerhalb der Vereinten Nationen. Wir  
werden Klimapolitik und Energiewende zu einem Schwerpunkt  
unserer Außenpolitik machen. Bestehende Klimaschutzallianzen  
wie die Transatlantische Klimabrücke werden wir ausbauen und  
verstetigen. Klimapolitische Pioniere können durch die Gründung  
von Klima-Clubs neue Dynamik in den internationalen Verhand-  
lungsprozess bringen.  
Wir stehen für eine Politik, die auf Klimagerechtigkeit abzielt.  
Zur Klimagerechtigkeit gehört, dass die Länder und Bevölkerungs-  
gruppen, die am meisten zu den Klimaveränderungen beitragen  
und beigetragen haben, vorrangig verpflichtet sind, den davon  
Betroffenen Hilfe und Unterstützung zukommen zu lassen. Ob  
CO 2 in Deutschland, in China oder in den USA emittiert wird, ist  
der Atmosphäre egal. Es braucht deshalb einen globalen Rahmen,  
der den Ausstoß von klimawirksamen Gasen regelt. Wenn aber  
der Natur ein Preis gegeben wird, um diese Fragen mit Markt-ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
40  
100 % sichere Energiemechanismen zu regeln, brauchen wir dafür starke soziale, öko-  
logische und menschenrechtliche Leitplanken. Wir werden uns  
national und international für den Abbau von klima- und umwelt-  
schädlichen Subventionen einsetzen und auch die großen Volks-  
wirtschaften der Erde dazu drängen. Rein technologische Ansätze  
wie z. B. das Geo-Engineering sind keine Lösung des Klimaprob-  
lems, sie greifen nicht die Ursachen auf, sondern versuchen nur –  
unter Inkaufnahme hoher, ungeklärter Risiken – Symptome zu  
bekämpfen.  
Europa muss zur Union für Erneuerbare Energien und Energie-  
effizienz werden. Unser Ziel ist es, dass die Europäische Union ihr  
Klimaschutzziel auf 30 % Emissionsreduktion (ohne Anrechnung  
von Auslandsprojekten) bis 2020 erhöht. Der Beitrag des Emissi-  
onshandels zum Klimaschutz ist bis jetzt hinter seinen Erwartun-  
gen zurückgeblieben. Den europäischen Emissionshandel wollen  
wir stärken durch eine Verknappung der Verschmutzungsrechte,  
höhere Standards und einen Mindestpreis für CO2 . Bis zur Eini-  
gung auf europäischer Ebene geht Deutschland durch Einführung  
eines nationalen Mindestpreises voran, der Anreize schafft, alte  
Kohlekraftwerke stillzulegen und in Klimaschutz zu investieren.  
Statt einer Ausweitung des Emissionshandels wollen wir in ande-  
ren Emissionssektoren eine stärkere Orientierung der Energiesteu-  
ern am CO 2 -Ausstoß. Zudem setzen wir uns für eine verbindliche  
Fortentwicklung der Klima-, Erneuerbaren- und Energieeffizienz-  
ziele der Europäischen Union für das Zieljahr 2030 ein: Bis dahin  
sollen die EU-Treibhausgasemissionen um 45 % sinken und der  
EU-Anteil der Erneuerbaren Energien auf 45 % steigen. Um die  
Erneuerbaren Energien in Europa zu stärken, treten wir für einen  
EU-Vertrag für Erneuerbare Energien ein. Um unseren Kindern  
eine lebenswerte Welt zu hinterlassen, müssen wir weit mehr als  
bisher für den Klimaschutz tun. Bisher waren alle Maßnahmen  
nicht ausreichend. Entwässerte, intensiv genutzte Moore setzen  
riesige Mengen CO 2 frei. Wir wollen mit einem großflächigen  
Programm zur Moorrenaturierung Moore wieder zu CO 2 -Senken  
machen.  
Wir wollen, dass Deutschland seine internationalen Zusagen  
endlich einhält, und deshalb zusätzlich jährlich 500 Mio. Euro  
aufwenden, damit die ärmsten Länder Klimaschutz- und Anpas-TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
41  
100 % sichere Energiesungsmaßnahmen vornehmen können. Denn von den Folgen der  
Klimaveränderungen und einer falschen Energiepolitik sind immer  
die Schwachen zuerst und am härtesten betroffen. In Form eines  
Klimaschutzhaushaltes werden wir ein Steuer- und Haushaltskon-  
zept vorlegen, mit dem wir die nötigen Zukunftsinvestitionen in  
Klimaschutz und Erneuerbare Energien durch den konsequenten  
Abbau klima- und umweltschädlicher Subventionen solide und  
verlässlich finanzieren.  
Wer GRÜN wählt …  
• stimmt für eine erfolgreiche Energiewende mit  
bezahlbaren Preisen und 100 % Erneuerbaren  
Energien im Stromsektor bis 2030.  
• gibt die Energiewende in die Hände der Bürgerinnen und  
Bürger.  
• will mehr Arbeitsplätze durch Erneuerbare  
Energien und Effizienz.  
• sorgt für einen schnellen und endgültigen Atomausstieg  
ohne Sicherheitsrabatte und dafür, dass die Entsorgung des  
Atommülls zügig und verantwortungsvoll angegangen wird.  
• stimmt gegen Kohlekraftwerke und für den  
Kohleausstieg bis 2030.  
• will konsequenten Klimaschutz, u. a. durch ein  
Klimaschutzgesetz mit verbindlichen Zielen.  
• will die Energiewende zum internationalen  
Erfolgsmodell machen.ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
42  
100 % sichere EnergieSchlüsselprojekte  
100 % Erneuerbare Energien –  
für eine faire Energiewende in BürgerInnenhand  
Der Ausbau Erneuerbarer Energien von 5 auf 25 % der Strompro-  
duktion in kurzer Zeit war ein bedeutender Beitrag zu nachhaltiger  
Energieversorgung, zum Klimaschutz und zur Ressourcenscho-  
nung. Bis zum Jahr 2020 wollen wir den Anteil der Erneuerbaren  
Energien mindestens verdoppeln und bis 2030 die Stromversor-  
gung Deutschlands auf 100 % Erneuerbare Energien umstellen.  
Damit setzen wir das erfolgreichste wirtschaftliche Demokrati-  
sierungsprojekt in Deutschland fort. Die Bürgerinnen und Bürger,  
die Genossenschaften und kleinen Unternehmen vor Ort zusam-  
men mit den Kommunen und Stadtwerken sind das Rückgrat der  
Energiewende – das ist das Ergebnis grüner Energiepolitik. An-  
ders als die schwarz-gelbe Lobbypolitik für die Energiekonzerne  
werden wir dafür sorgen, dass die Energiewende in BürgerInnen-  
hand bleibt. Damit diese „Energiewende von unten“ weitergeht,  
verteidigen wir den Einspeisevorrang für Erneuerbare, schaffen  
Planungssicherheit für Investoren, Beteiligungsmöglichkeiten für  
Bürgerinnen und Bürger und leiten damit auch den Kohleausstieg  
ein. Wir wollen die Regelungen des EEG zum Ausbau der Erneuer-  
baren Energien so überarbeiten, dass es weiterhin zu einem dyna-  
mischen Ausbau der Erneuerbaren kommt und die Kosten gerecht  
verteilt werden. Denn die Energiewende braucht Investitionen.  
Die Lasten müssen gerecht verteilt werden und der Strompreis  
muss auch während des Umstiegs für alle bezahlbar bleiben. Da-  
für werden wir zuerst die Industrieprivilegien zurückführen sowie  
Mittelstand und Privathaushalte um 4 Mrd. Euro Energiekosten  
entlasten.TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
43  
100 % sichere EnergieKlimaschutz verlässlich machen –  
ein Klimaschutzgesetz verabschieden  
Die Unverbindlichkeit in der Klima- und Energiepolitik behindert  
die Energiewende und konsequenten Klimaschutz. Bislang wurde  
Klima- und Energiepolitik durch einzelne Maßnahmen gesteuert,  
die schnell wieder in Vergessenheit gerieten. Alle Beteiligten be-  
nötigen jedoch einen verlässlichen Investitionsrahmen. Deshalb  
werden wir dafür sorgen, dass ein Klimaschutzgesetz verabschie-  
det wird. Darin formulieren wir verbindliche Ziele für Klimaschutz  
wie die Treibhausgasminderung um 40 % bis 2020 und 95 % bis  
2050 unter das Niveau von 1990 mit konkreten Zielen und Maß-  
nahmen für die Bereiche Strom und Wärme, Industrie, Verkehr,  
Land- und Forstwirtschaft. Die Bundesregierung wird verpflichtet,  
alle zwei Jahre ein Maßnahmenpaket für die einzelnen Sektoren  
vorzulegen, unabhängige Experten überprüfen dieses jährlich  
mit Blick auf Wirksamkeit und Kosteneffizienz. Damit wird über  
die oft kurzatmigen Legislaturperioden hinweg eine dauerhafte  
Struktur für die Lösung des Generationenprojekts Klimaschutz  
und Energiewende geschaffen.  
Energiewende vorantreiben –  
den Kohleausstieg bis 2030 umsetzen  
Die größten Klimakiller unter den Energieträgern sind Braun- und  
Steinkohle. Wenn wir die globale Erwärmung aufhalten wollen  
und die Energiewende dezentral organisiert werden soll, dann  
muss die Kohle da bleiben, wo sie ist: unter der Erde. Das heißt:  
keine neuen Kohlekraftwerke und keine Ausweitung von Tagebau-  
en. Der Raubbau an der Natur ist besonders sichtbar in Branden-  
burg, Sachsen und in Nordrhein-Westfalen, wo riesige Tagebaue  
Landschaften und Dörfer verschlingen und Menschen vertreiben.  
Für diese Regionen wollen wir nachhaltige Alternativen finden.  
In Vorzeigeregionen für Erneuerbare kann die Transformati-  
on ohne Verlust von Wertschöpfung vor Ort geschehen. Da-  
mit die deutsche Wirtschaft mit dem Kohleausstieg planen  
kann, werden wir ihn mit einem Klimaschutzgesetz flankieren.Zeit für den grünen Wandel  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BündniS 90/die grünen  
44  
100 % sichere EnergieSteigende Anforderungen an Emissionen, Effizienz und Flexibilität  
von Kraftwerken müssen den Ausbau der Erneuerbaren flankie-  
ren, um die Energiewende zum Erfolg zu führen. Dauerhaft einge-  
speister Kohlestrom verhindert zudem wirtschaftliche Laufzeiten  
für dringend benötigte flexible Kraftwerke.TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
45  
Anders wirtschaftenC. Anders wirtschaften  
Wie wir unsere Marktwirtschaft ökologisch und sozial neu  
begründen und die Finanz- und Eurokrise überwinden  
Wir brauchen einen Kurswechsel in der Wirtschaftspolitik. Klima-  
und Finanzkrise sind auch Ausdruck eklatanten Marktversagens.  
Wirtschaftspolitik muss ökologischen, sozialen und ökonomischen  
Zielen verpflichtet sein. Wir treten ein für eine grüne Transforma-  
tion unserer Wirtschaft. Auf Dauer kann nichts wirtschaftlich ver-  
nünftig sein, was ökologisch und sozial unvernünftig ist. Wir müs-  
sen unsere Marktwirtschaft sozial und ökologisch neu begründen.  
Ein großer Teil der wissenschaftlichen ökonomischen Modelle hat  
versagt. Die Grundannahmen der Modelle müssen kritisch über-  
prüft werden. Wir brauchen wieder pluralistische Ansätze in der  
wirtschaftspolitischen Beratung. Das Projekt Europa ist durch die  
tief greifende wirtschaftliche und soziale Spaltung stark gefährdet.  
Die massive Verarmung und Jugendarbeitslosigkeit von bis zu über  
50 % in Europa ist für uns GRÜNE nicht hinnehmbar. Die deutsche  
Wirtschaft ist bisher leidlich gut durch die Finanzkrise gekommen  
und profitiert von ihrer Exportstärke. Doch diese Stärke ist nicht  
nachhaltig. Die Rezession 2009 konnte wesentlich gemildert wer-  
den durch das Konjunkturprogramm II und das Kurzarbeitergeld.  
Mit der Abwrackprämie für die Automobilindustrie wurde die  
Chance vertan, die ökologische Modernisierung zu fördern. Viele  
Millionen Menschen sind im Niedriglohnbereich beschäftigt und  
können an der Stärke der Unternehmen nicht teilhaben, zu viel der  
Produktion basiert auf Produkten, die die Umwelt belasten oder  
mit einer miesen Klimabilanz einhergehen. Hinzu kommt, dass An-  
gela Merkel während ihrer Regierungszeit 500 Mrd. Euro Schulden  
angehäuft hat, die nachfolgende Generationen abtragen müssen.  
Auch eine weitere Zunahme der Ungleichheit von Einkommen und  
Vermögen gefährdet die Nachhaltigkeit unserer Marktwirtschaft.  
Dies wollen wir nicht länger hinnehmen.  
Wir werden die Weichen für eine Transformation hin zu einer  
nachhaltigen Ökonomie stellen. Die Bundesrepublik soll VorreiterZeit für den grünen Wandel  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BündniS 90/die grünen  
46  
Anders wirtschaftendieser Zukunftsökonomie sein und sich für eine europäische Indust-  
riepolitik einsetzen, die Rahmenbedingungen dafür setzt, dass auch  
die südeuropäischen Länder daran teilhaben und davon profitieren.  
Deutschland und Europa brauchen eine grüne industrielle Revolu-  
tion, die in hohem Maße von den kleinen und mittelständischen  
Unternehmen getragen wird. Und wir brauchen eine Offensive  
der sozialen Dienstleistungen, von der Bildung bis zur Pflege. Das  
schafft hunderttausende neuer Jobs.  
Wir setzen den Märkten mit einer werteorientierten Ordnungs-  
politik klare soziale und ökologische Leitplanken. Preise müssen die  
ökologische und soziale Wahrheit sprechen. Unter diesen Voraus-  
setzungen können Märkte einen Innovationsschub für den sparsa-  
men Einsatz von Energie und Ressourcen und für neue Technologi-  
en, die weltweit gefragt sind, bewirken.  
Es ist das Verdienst eines hochinnovativen Mittelstandes und  
seiner Beschäftigten, dass deren Produkte in der ganzen Welt ge-  
fragt sind. Diese Innovationskraft muss erhalten und ausgebaut  
werden. Deswegen muss Deutschland seinen Vorsprung bei Effizi-  
enz- und Umwelttechnologien jetzt nutzen.  
Anders wirtschaften heißt Schluss mit dem schwarz-gelben Kli-  
entelismus. Gute Wirtschaftspolitik bedeutet nicht die Interessen  
eines einzelnen Unternehmens voranzubringen, sondern nachhal-  
tige Lösungen im Interesse der gesamten Gesellschaft zu suchen.  
Anders wirtschaften heißt die ökonomische Teilhabe stärken. Eine  
Neubegründung unserer Marktwirtschaft heißt, den Mensch wie-  
der in den Mittelpunkt der Wirtschaft zu stellen. Unsere ökonomi-  
sche Produktivität soll dem Wohlstand aller dienen. Die Wirtschaft  
mag wachsen – aber zu welchem Preis? Wachstum der Wirtschaft,  
gemessen an der Steigerung des Bruttoinlandsprodukts, ist deshalb  
weder Ziel unseres politischen Handelns noch ein adäquates Mittel  
zur Erreichung unserer politischen Ziele. Deswegen geht es auch um  
ein Fundament für gute Arbeit – mit Mindestlöhnen und einem hö-  
heren steuerfreien Existenzminimum. Menschen müssen von ihrem  
Einkommen gut leben können und die Möglichkeit zu einer armuts-  
festen Altersvorsorge haben. Anders wirtschaften bedeutet auch,  
die Verteilung von Arbeit neu zu gestalten, damit mehr Menschen  
teilhaben können, sowie für humane Arbeitsbedingungen und Ar-  
beitszeiten einzutreten.TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
47  
Anders wirtschaftenAnders wirtschaften heißt sich einmischen, um dem Vorrang der  
Politik Geltung zu verschaffen. Damit meinen wir, dass demokratisch  
legitimierte Institutionen den Rahmen für wirtschaftliches Handeln  
setzen sollten. Dazu müssen auch die Wechselbeziehungen zwi-  
schen Politik und Ökonomie analysiert und berücksichtigt werden.  
Ein einfacher Gegensatz zwischen „guter“ Politik und „schlechter“  
Ökonomie greift zu kurz. Die Finanzmärkte in Europa müssen wir  
endlich an die Leine nehmen, indem wir die verfehlte Wirtschafts-  
und Finanzpolitik korrigieren, die jahrelang Deregulierung und kurz-  
fristige Profitmaximierung über nachhaltige Entwicklung stellte.  
Dabei müssen ökonomische Gesetzmäßigkeiten beachtet werden.  
Nur so haben wir eine Chance, dass die Krise nicht zur Dauerkrise  
wird. Im Gegensatz zur Bundesregierung, die bei Verhandlungen in  
Brüssel immer wieder auf die Bremse tritt, wollen wir Europa stärken  
und uns mehr für gemeinsame Regelungen einsetzen und diese mit  
voranbringen. Ein gemeinsamer Binnenmarkt und eine gemeinsame  
Währung ohne eine abgestimmte Finanz-, Haushalts-, Wirtschafts-  
und Steuerpolitik und ohne verbindlich vereinbarte Sozialstandards  
können auf Dauer nicht funktionieren. Wir GRÜNE wollen diesen  
Konstruktionsfehler beheben: Die Eurostaaten müssen ihre Wirt-  
schafts- und Fiskalpolitiken stärker aufeinander abstimmen.  
Anders wirtschaften heißt Zukunft schaffen. Der Aufbruch in die  
Zukunftsökonomie ist lang und bedarf vieler, oft auch kleiner Schrit-  
te. Bei den Erneuerbaren Energien haben wir GRÜNE gezeigt, wie  
grüne Technologien und neue Märkte zu Jobmotoren werden. Neue  
grüne Jobs entstehen auch in Bereichen wie Tourismus, Gesund-  
heitswesen und Lebensmittelherstellung sowie in Berufen, die zur  
Ökologisierung von Lebensweisen beitragen können, durch Wissens-  
transfer, Verbraucheraufklärung, Beratung oder Ökozertifizierung.  
Ob Maschinen- und Anlagenbau oder die chemische Industrie – auch  
die klassischen Branchen profitieren von der ökologischen Wende.  
1\. Grüne Transformation der Industrie –  
in Deutschland, Europa und weltweit  
Unser bisheriges Wirtschaftsmodell mit seinem enormen Energie-  
und Rohstoffhunger hat ausgedient. Regenerative Energien,ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
48  
Anders wirtschaftenregenerative Materialien, Recycling, eine bessere Reparaturfähig-  
keit von Produkten und nachhaltige Ressourcennutzung sind die  
Grundlagen der ökologischen Transformation. Fossile Energien als  
Rohstoffe müssen nachhaltig verwendet und als Reserve erhalten  
werden. Mit grünen Ideen lassen sich schwarze Zahlen schreiben –  
in Deutschland und in Europa, das hier eine globale Vorreiterrolle  
einnehmen kann. Es gibt keinen Gegensatz zwischen Wertschöp-  
fung und ökologischer und sozialer Verantwortung. Das ist Kern  
grüner Wirtschaftspolitik.  
Wir brauchen nicht weniger als eine grüne industrielle Revolu-  
tion, die den Menschen, die Umwelt und das Klima in den Mittel-  
punkt stellt.  
Eine leistungs- und wettbewerbsfähige Industrie, zukunfts-  
fähige Arbeitsplätze und eine ressourcenverträgliche Produktion  
gehen Hand in Hand. Allerdings wird dieser Wechsel nicht von  
selbst kommen. Dazu braucht es eine aktive Politik, die sowohl ord-  
nungsrechtliche Maßnahmen als auch Marktmechanismen nutzt,  
um die Kreativität und Innovationskraft der Unternehmen in den  
ökologischen Umbau zu lenken. Dafür entwickeln wir eine über-  
greifende Strategie, die dem Strukturwandel eine Richtung gibt und  
die Unternehmen in ein neues Gründerzeitalter mitnimmt. Unter-  
nehmen sind Akteure des Wandels. Ohne die unternehmerische  
Vielfalt ist die ökologische Modernisierung der Wirtschaft nicht zu  
bewältigen. Wir brauchen ihre Kreativität und Flexibilität und ihre  
Investitionskraft.  
Diese Transformationsstrategie bedarf verschiedener Instru-  
mente. Während ein ökologischer und sozialer Ordnungsrahmen  
Anreize für eine nachhaltige Entwicklung setzt und öffentliche In-  
vestitionen die Infrastrukturen schaffen, wird grüne Industriepolitik  
den Wandel in den einzelnen Branchen moderieren.  
Mit gezielten Förder- und Forschungsprogrammen, mit zielge-  
nauen ökologischen Leitplanken oder Nachfrageimpulsen schaffen  
wir neue Investitionschancen für Unternehmen und können so die  
notwendige Umbaudynamik anstoßen.  
Grüne Industriepolitik nimmt alle Branchen in den Blick. Alle  
Unternehmen müssen diesen Strukturwandel vollziehen, um auch  
in Zukunft am Markt erfolgreich zu sein. Wir wollen der Industrie-  
produktion Impulse geben, sich insgesamt unter Energie- undTEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
49  
Anders wirtschaftenMaterialeffizienzgesichtspunkten zu erneuern, und zukunftswei-  
sende Technologien vorantreiben – sei es in der Erneuerbare-Ener-  
gien-, der Automobil- oder der Chemieindustrie.  
Der Ausbau der Erneuerbaren Energien hat bereits hundert-  
tausende neuer Arbeitsplätze geschaffen. Und es gibt Potential  
für noch deutlich mehr, wenn wir diesen Innovationsprozess vor-  
antreiben: Windkraftwerke, Solar- und Photovoltaikanlagen, Ener-  
giespeicher müssen entworfen, produziert, installiert und gewar-  
tet werden. Neue intelligente Stromnetze müssen entwickelt und  
flächendeckend aufgebaut werden. Dabei müssen sehr schnell  
höchste Sicherheitsstandards entwickelt und implementiert wer-  
den. Häuser müssen wärmegedämmt, Haustechnik modernisiert,  
Produktionsprozesse energiesparend umgebaut werden. Neue Jobs  
entstehen also nicht nur in den Erneuerbare-Energien-Industrien,  
sondern auch im Maschinenbau, im Handwerk, im Baugewerbe, in  
Ingenieurbüros.  
Der Umstieg auf ressourcenleichtes Wirtschaften und auf ge-  
schlossene Stoffkreisläufe kommt nicht nur der Umwelt zugute,  
sondern stärkt die Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft und  
sichert Arbeitsplätze. Deshalb führen wir den Top-Runner-Ansatz  
ein, damit umweltfreundliche Technologien schnell eingesetzt wer-  
den. Das funktioniert, indem beispielsweise die Waschmaschine  
mit dem geringsten Stromverbrauch nach einer bestimmten Frist  
den Standard vorgibt, den alle anderen auch erfüllen müssen. Bis-  
her ist für Unternehmen nur die Berichterstattung über finanzielle  
Kennzahlen verpflichtend. Wir wollen, dass für Unternehmen ab  
einer bestimmten Größe auch die Berichterstattung über soziale  
und ökologische Kennzahlen verpflichtend wird. Als Orientierungs-  
rahmen dienen die bisher mit den freiwilligen Standards der Global  
Reporting Initiative gemachten Erfahrungen.  
Deutschland als innovativer Industriestandort muss bei der  
europäischen Ressourceneffizienzstrategie die Blockiererrolle auf-  
geben und stattdessen gemeinsame europäische Ziele, Wegmar-  
ken und Bewertungsmaßstäbe für die Ressourceneffizienz unter-  
stützen. Das Impulsprogramm Materialeffizienz wollen wir weiter  
ausbauen, um Energieeffizienz erweitern und so effiziente Pro-  
duktion attraktiver machen. Die Effizienzgewinne stehen dann für  
Investitionen in ökologische Ressourceneffizienz zur Verfügung.ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
50  
Anders wirtschaftenVerbindliche und ambitionierte Recyclingquoten, längere Haltbar-  
keit der Produkte sowie Rücknahmepflichten für Hersteller sollen zur  
besseren Schließung und Schonung der Stoffkreisläufe beitragen.  
Die ökologische Modernisierung löst enormen Finanzierungsbedarf  
aus. Wir wollen neue Wege eröffnen, um private Finanzströme in  
den ökologischen Umbau zu lenken. So übernimmt bei Projekt-  
bonds die öffentliche Hand gegen Beteiligung einen Teil der Hoch-  
risiken, die von den Privaten nicht getragen werden können, und  
ermöglicht so wichtige Investitionen.  
An der Mobilitätswirtschaft insgesamt und im Speziellen an der  
Automobilindustrie hängen in der Bundesrepublik hunderttausende  
Jobs. Nur wer mit umweltverträglichen Konzepten und Fahrzeugen  
auf dem internationalen Markt präsent ist, hat wirtschaftlich eine  
Zukunft und bleibt wettbewerbsfähig. Deswegen kommt es darauf  
an, dass zukünftig die innovativsten und effizientesten Fahrzeu-  
ge vom Band rollen. Durch ambitionierte Verbrauchsobergrenzen  
schaffen wir verbindliche Rahmenbedingungen und Planungssi-  
cherheit. Aber wir GRÜNE wissen auch, dass es damit nicht getan  
ist. Angesichts des Klimawandels geht es nicht um immer mehr Au-  
tos, sondern um eine Verkehrswende hin zu weniger motorisiertem  
Individualverkehr. Und es geht auch um neue Mobilitätskonzep-  
te auf Basis sozialer und ökologischer Innovationen. So wird bei  
Carsharing-Modellen „Besitzen“ durch „Nutzen“ ersetzt.  
Nirgendwo anders bündeln sich die Herausforderungen, vor de-  
nen wir stehen, so sehr wie in der Chemieindustrie. Die chemische  
Industrie hat aber auch ein gewaltiges Potential zur Lösung drän-  
gender Probleme. Dazu muss sie stärker auf den Einsatz zertifizier-  
ter nachwachsender Rohstoffe setzen. Grüne Rohstoffpolitik setzt  
neben Effizienz auf Recycling und verlässt sich nicht auf Importe  
von Rohstoffen mit häufig zweifelhafter Herkunft. Recycling ist  
ohne chemische Prozesse in den seltensten Fällen möglich. Chemie  
kann helfen Gebäude zu dämmen, Solarstrom zu erzeugen oder den  
Verkehr sauberer zu machen. Ein Elektroauto wird nur mit einem  
leistungsstarken und effizienten Akku erfolgreich auf dem Markt  
bestehen können. Dafür soll die chemische Industrie noch mehr Teil  
der Problemlösung werden und sich auch den ökologischen Heraus-  
forderungen bei der Produktentwicklung stellen. Die Befreiung der  
chemischen Industrie von der Mineralölsteuer lässt sich aus unsererTEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
51  
Anders wirtschaftenSicht nicht länger halten; als umweltschädliche Subvention wollen  
wir sie im Rahmen unserer ökologischen Finanzreform abschaffen  
und so Anreize zur Innovation weg vom Öl geben. Dafür ist eine ak-  
tive Industriepolitik notwendig, die versucht, mit weltweiten Han-  
delspartnern faire Wettbewerbsbedingungen auszuhandeln sowie  
ein Kredit- und Wirtschaftsprogramm der KfW und ein Forschungs-  
programm für die deutsche Solarindustrie aufzulegen.  
Die Erzeugung von Strom aus Erneuerbaren Energien hat sich  
von einer energiepolitischen Nische zu einem Boommarkt entwi-  
ckelt. Andere Länder wie China haben die Bedeutung dieses Indus-  
triezweiges erkannt. Die schwarz-gelbe Bundesregierung hat ver-  
säumt, einen entsprechenden Schwerpunkt zu setzen. BÜNDNIS  
90/DIE GRÜNEN sehen in der Erzeugung Erneuerbarer Energien  
einen Schlüssel für eine nachhaltige Wirtschaftsweise und wollen  
eine wettbewerbsfähige Solarindustrie als industriellen Schwer-  
punkt in der EU. Wir wollen eine europäische Industriepolitik für  
Erneuerbare Energien. Eine solche Förderung muss auch durch ent-  
sprechende Finanzierungsinstrumente zum Aufbau einer schlag-  
kräftigen Erneuerbare-Energien-Industrie begleitet werden. Gegen  
unfaire Dumpingpraktiken muss eine europäische Antwort gefun-  
den werden.  
Die maritime Wirtschaft ist von strategischer Bedeutung für die  
gesamte Bundesrepublik. Nach Jahren des Booms steckt sie in einer  
Krise. Steuersparmodelle haben die Schiffsfinanzierung zu einem  
Spekulationsgeschäft gemacht, bei dem viele Anleger ihr Geld ver-  
loren haben. Wir wollen das maritime Bündnis und die Schiffsfinan-  
zierung auf neue Beine stellen.  
Bund, Länder und Kommunen geben pro Jahr rund 360 Mrd.  
Euro für öffentliche Aufträge aus. Das sind über 14 % des Bruttoin-  
landsprodukts (BIP). Wir wollen die Transformation der Wirtschaft  
auch über diesen Hebel stärker vorantreiben, indem die öffentliche  
Hand bei der Beschaffung konsequenter auf innovative Produkte  
setzt. Diese Produkte und Dienstleistungen, die von öffentlichen  
Stellen gekauft werden, sollen ökologisch nachhaltig und unter  
menschenwürdigen Arbeitsbedingungen, entsprechend den Kern-  
arbeitsnormen der internationalen Arbeitsorganisation (ILO), pro-  
duziert sein und den Kriterien des fairen Handels genügen. Wir wer-  
den uns für eine entsprechende Änderung der gesetzlichen RegelnZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
52  
Anders wirtschaftenzur Beschaffung einsetzen. Ferner fordern wir einen Aktionsplan  
für ökologische und soziale Beschaffung mit klaren Zielvorgaben  
nach dem Prinzip des Gender-Budgetings, einheitliche Arbeitshil-  
fen, Fortbildungs- und Vernetzungsmöglichkeiten und eine zentrale  
Service- und Beratungsstelle. Die Aktivitäten und Initiativen in Sa-  
chen Diversity-Management (Vielfaltsmanagement) sind zu unter-  
stützen und zu fördern.  
Der Breitbandausbau ist Grundlage einer modernen Ökonomie.  
Mit fairen Rahmenbedingungen und gezielten Fördermaßnahmen  
treiben wir den Aufbau eines Universaldienstes und den Ausbau  
eines flächendeckenden Hochleistungsnetzes voran. Netzneutrali-  
tät garantiert auch kleinen Anbietern einen gleichrangigen Zugang.  
Die industrielle Produktion in Deutschland zeichnet sich nicht  
mehr allein durch Fräsen, Löten und Bohren aus, sondern ist eng  
verknüpft mit Forschung, Entwicklung und Softwareanwendung.  
Heute werden dazu Forschung und Entwicklung, Design und vor  
allem Software immer bedeutender. Industrie und Dienstleistungen  
sind kein Antagonismus, sondern bedingen und ergänzen einan-  
der. Grüne Wirtschaftsförderung stellt sich darauf ein. Ein neues  
Innovationsverständnis, passende Studiengänge und die Durchläs-  
sigkeit von Ausbildungen sind wichtig für die neuen Anforderun-  
gen. Der demografische Wandel ist auch eine große wirtschaftliche  
Herausforderung. Notwendig sind eine familienfreundliche Unter-  
nehmenskultur, Qualifizierungsangebote sowie gute Rahmenbe-  
dingungen für alters- und alternsgerechte Arbeitsplätze, um dem  
drohenden Fachkräftemangel zu begegnen. Dazu gehören auch be-  
sondere Anstrengungen, um Frauen und Männern gleichermaßen  
den Zugang zu zukunftsfähigen Arbeitsplätzen zu ermöglichen. Wir  
erkennen ausländische Abschlüsse leichter an, fördern lebenslan-  
ges Lernen und die Weiterbildungsaktivitäten kleiner und mittle-  
rer Unternehmen. Mit guten Hochschulen werden wir attraktiv für  
ausländische Studierende, die nach ihrer Ausbildung ihre Zukunft in  
Deutschland sehen und zum wirtschaftlichen Erfolg beitragen oder  
Brückenbauer in ihren Herkunftsländern sind.  
Wir setzen uns für eine nachhaltige und gerechte internati-  
onale Handels- und Investitionspolitik ein. Folgende Grundsätze  
müssen in allen EU-Investitions- und -Handelsabkommen gelten:  
umfassende Transparenz, verpflichtende menschenrechtliche,TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
53  
Anders wirtschaftensoziale und ökologische Folgeabschätzungen vor und nach dem  
Abschluss von Abkommen, verbindliche auch auf die Auswir-  
kungen des Abkommens selbst bezogene Menschenrechts- und  
Umweltklauseln, die Anerkennung von Schutzinteressen schwä-  
cherer Länder, die Förderung lokalen und regionalen Handels und  
der Ausbau der Wertschöpfung in den Entwicklungsländern. Wir  
wollen die internationalen Finanz- und Rohstoffmärkte stärker  
kontrollieren und fordern verbindliche Regeln für Unternehmen  
zur Einhaltung von Sozial-, Umwelt-, Transparenz- und Men-  
schenrechtsstandards für Unternehmen. Dazu gehört auch die  
Einführung länder- und projektbezogener Berichtspflichten für  
transnationale Konzerne. Menschen, die Opfer von Menschen-  
rechtsverletzungen durch transnational agierende Unternehmen  
geworden sind, sollen einen besseren Zugang zu Gerichten und  
rechtsstaatlichen Gerichtsverfahren bekommen. Im deutschen  
Handelsrecht und auf EU-Ebene muss eine Haftung der Mutter-  
für ihre Tochterkonzerne bei Menschenrechtsverletzungen fest-  
gelegt werden.  
Eine Ursache für die Finanzkrise waren unverhältnismäßig hohe  
und nur auf den kurzfristigen Erfolg ausgerichtete Manager- und  
Aufsichtsratsvergütungen. Überhöhte Gehälter, Boni und Phanta-  
sieabfindungen wollen wir wirksam begrenzen. Die Vergütung  
von Vorständen börsennotierter Unternehmen soll künftig der  
verbindlichen Zustimmung der Hauptversammlung unterliegen.  
Die steuerliche Abzugsfähigkeit soll auf 500.000 Euro begrenzt  
werden, damit die Allgemeinheit exorbitante Gehälter nicht länger  
mitfinanzieren muss. Bonuszahlungen sollen am Gewinn orien-  
tiert sein und dürfen künftig zusammen mit anderen variablen Ge-  
haltsbestandteilen wie Tantiemen und Aktienoptionen maximal  
ein Viertel des Gesamtgehalts ausmachen. Erfolgsbeteiligungen  
sollen künftig grundsätzlich langfristig orientiert sein und ihnen  
soll auch die Beteiligung an den Verlusten des Unternehmens  
gegenüberstehen. Um mehr Transparenz bei den Vergütungen  
zu erreichen, ist die Vergütung aller Organmitglieder jährlich  
offenzulegen.ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
54  
Anders wirtschaften2. Die Krise überwinden –  
durch ein solidarisches und ökologisches Europa  
Die Europäische Union steckt in einer fundamentalen Krise. Kern  
der Krise ist aber nicht der Euro, sondern ein wirtschaftliches Ent-  
wicklungsmodell, das nicht nachhaltig ist und seine eigene Wett-  
bewerbsfähigkeit untergräbt. Der Zusammenbruch weitgehend un-  
regulierter Finanzmärkte hat die Fehler und Schwachstellen dieses  
Wirtschaftsmodells schonungslos offengelegt.  
Schwarz-Gelb behauptet, die Länder in Südeuropa hätten jahre-  
lang über ihre Verhältnisse gelebt und müssten sich nun über mas-  
sive Lohnsenkungen und Ausgabenkürzungen gesundschrumpfen.  
Merkel verschweigt jedoch, dass die Schuldenaufnahme ganz we-  
sentlich zur Rettung von Banken eingesetzt wurde. Davon haben  
insbesondere auch deutsche Banken, Lebensversicherer und andere  
Gläubiger profitiert. Einige europäische Länder haben zudem über  
Jahre hinweg mehr importiert als exportiert. Aber den Außenhan-  
delsdefiziten in Teilen Europas stehen auch jahrelange, massive  
Exportüberschüsse in anderen Ländern gegenüber. Beide Entwick-  
lungen sind in einem gemeinsamen Währungsraum existenzgefähr-  
dend. Verstärkt wurden diese Probleme durch die europaweit ge-  
stiegene Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen sowie  
einen übermäßig großen Finanzsektor. Dies hat in den vergangenen  
Jahrzehnten zu einem untragbaren Kreditwachstum geführt. Durch  
politische und wirtschaftliche Fehlentwicklungen in einzelnen Mit-  
gliedsstaaten wurden die Probleme noch vergrößert.  
Das zögerliche, widersprüchliche, sozial unausgewogene euro-  
päische Krisenmanagement hat die mangelhafte und parlamenta-  
risch zu wenig kontrollierte Koordinierung innerhalb der Eurozone  
schonungslos offengelegt. Banken wurden mit Milliardensummen  
stabilisiert, bescheidene Ansätze stärkerer europäischer Finanz-  
marktregulierung angepackt, überschuldete öffentliche Haushalte  
mit neuen Krediten gestützt, Ländern drastische Ausgabenkür-  
zungen verordnet, Schuldenbegrenzung als neue goldene Regel  
durchgesetzt, Sozialabbau und Lohndumping erzwungen, neues  
Wachstum irgendwie vage in Aussicht gestellt. Doch wie schon in  
der Vergangenheit zeigen sich immer mehr die desaströsen Auswir-Teilhaben. einmischen. ZukunfT schaffen.  
bundestagswahlprogramm 2013  
bÜnDnis 90/Die GRÜnen  
55  
Anders wirtschaftenkungen der einseitigen Sparpolitik – diese führt Europa immer tiefer  
in die Krise und gefährdet den sozialen Zusammenhalt.  
Diese Krise ist eben nicht einfach eine Staatsschuldenkrise. Um  
sie dauerhaft zu lösen, braucht Europa eine neue Perspektive. Wir  
brauchen eine Erneuerung der europäischen Wirtschaft im Sinne  
eines europäischen Green New Deal. Nachhaltigkeit muss zur Basis  
europäischer Wettbewerbsfähigkeit werden. Zentral ist die Finan-  
zierung ökologischer Erneuerungsinvestitionen und europäischer  
Netze. Wir brauchen mehr gemeinsame europäische Wirtschafts-  
politik. Dazu gehört eine starke europäische Bankenunion. Wir for-  
dern ebenso einen europäischen Steuerpakt gegen Steuerdumping,  
Steuervermeidung und Steuerflucht. Erforderlich ist zur Bekämp-  
fung der Jugendarbeitslosigkeit ein Sofortprogramm für die Aus-  
und Weiterbildung von Jugendlichen in den Krisenländern. Wir ver-  
teidigen faire Löhne, Gewerkschaftsrechte und existenzsichernde  
soziale Garantien. Europa kann stärker aus der Krise herauskom-  
men, wenn es gelingt, eine Alternative zur Merkel´schen Strate-  
gie durchzusetzen, die die Krisenländer vor allem mit Sparpolitik,  
Sozialabbau und Lohndumping traktiert. Weil man sich aus einer  
solchen Krise nicht einfach heraussparen kann, muss das entschei-  
dende Augenmerk darauf gelenkt werden, wie neue wirtschaftliche  
Dynamik entstehen kann.  
Die ökonomischen Ungleichgewichte in der Europäischen Union  
haben ihre Ursache sowohl in den Defizit- als auch in den Über-  
schussländern wie Deutschland. Eine europäische Wirtschaftspolitik  
muss mehr dafür tun, dass sich die Wirtschaftskraft der Mitglieds-  
staaten gleichmäßiger entwickelt. Dazu muss die Binnenkonjunktur  
in den Überschussländern gestärkt werden. In den letzten Jahren  
stagnierten aber die Reallöhne oder sanken sogar. Dadurch sind  
sowohl die Ungleichgewichte innerhalb Europas als auch die Un-  
gleichverteilung der Markteinkommen in Deutschland deutlich  
angestiegen. Wir wollen diesen Trend umkehren und auskömm-  
liche Löhne wieder zum Regelfall machen. Dazu brauchen wir in  
Deutschland auch endlich einen gesetzlichen Mindestlohn, um der  
Lohnspirale nach unten einen Riegel vorzuschieben, flankiert von  
weiteren Maßnahmen zur Stärkung des Tarifsystems. Damit wollen  
wir auch erreichen, dass sich in Zukunft die Reallohnentwicklung  
wieder am Produktivitätsfortschritt orientiert.ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
56  
Anders wirtschaftenGleichzeitig muss dafür gesorgt werden, dass in Krisenländern  
verstärkt in zukunftsfähige Branchen investiert wird und so die  
Wettbewerbsfähigkeit steigt. Außerdem wollen wir die Absatz-  
chancen der Unternehmen aus den Krisenländern verbessern.  
Wir fordern einen Europäischen Schuldentilgungspakt, der auf  
dem vom Sachverständigenrat der Bundesregierung vorgeschlagenen  
Schuldentilgungsfonds basiert. Erstens zeigen wir den Akteuren auf  
den Märkten damit, dass die Eurozone sich an ihre Verpflichtungen  
hält. Zweitens erreichen wir Zinssenkungen durch gemeinsame Kre-  
ditaufnahmen und einen transparenten Schuldenabbau durch klare  
Regeln. Dem Schuldentilgungspakt legen wir eine sichere Finanzie-  
rung zu Grunde. Diese wollen wir durch Vermögensabgaben in den  
europäischen Ländern unterstützen und so die Schuldenproblematik  
sozial gerecht lösen. Drittens ersetzen wir die jetzt schon de facto  
bestehende Haftungsunion durch eine europäische Solidarunion mit  
verbindlichen Regeln. Wir wollen den ESM in einen Europäischen  
Währungsfonds (EWF) umbauen und so zu einem wirklichen Krisen-  
reaktionsinstrument machen. Klare Bedingungen für die Teilnahme,  
insbesondere in Hinblick auf die Haushaltskonsolidierung, sind nötig,  
müssen aber sozial ausgewogen sein. Der ESM/EWF soll der demo-  
kratischen Kontrolle durch das Europäische Parlament unterliegen.  
Unser Ziel bleiben Eurobonds, auch wenn sie nicht von heute auf  
morgen realisierbar sind. Mit Europäischen Anleihen samt strengen  
Auflagen gelingt es mit einer gemeinschaftlichen Haftungszusage  
aller Mitgliedsstaaten (Eurobonds) am besten, der Vertrauens- und  
Finanzierungskrise in der Eurozone ein Ende zu setzen. Die Einfüh-  
rung von Eurobonds setzt allerdings eine Vertragsänderung voraus.  
Künftig muss bei der Bewältigung von staatlichen Schuldenkrisen  
der Privatsektor sehr viel umfassender als bisher an den Krisenkos-  
ten beteiligt werden. Wir treten deshalb weltweit für ein faires und  
unabhängiges, geordnetes und stabilisierendes Staateninsolvenz-  
verfahren ein. In der Eurozone soll dieses erst nach der Einführung  
von Eurobonds für dann weiterhin mögliche national garantierte  
Schuldentitel Anwendung finden.  
Mit dem neu zu schaffenden Amt eines/einer EU-KommissarIn  
für Wirtschaft und Währung wollen wir den notwendigen Zuwachs  
an Entscheidungskompetenz auf europäischer Ebene auch personell  
verankern. Er/Sie soll den Vorsitz der Eurogruppe und des ECOFINTEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
57  
Anders wirtschaftenausüben, aber keine Gesetze ohne Zustimmung des Europäischen  
Parlaments erlassen dürfen. Zudem soll er/sie durch das Europäi-  
sche Parlament individuell wähl- und abwählbar sein.  
Wir kritisieren den europapolitischen Kurs von Merkel scharf.  
Es ist fahrlässig, wie die Währungsunion von der Bundesregierung  
aufs Spiel gesetzt wird. Gerade die deutsche Wirtschaft hat davon  
profitiert und deutsche Banken haben jahrelang hervorragend in  
der Wirtschafts- und Währungsunion verdient. Die schwarz-gelbe  
Bundesregierung hat die Krise in der EU verschärft, die Mitglieds-  
staaten auseinandergetrieben und die Rettung auf Kosten der Steu-  
erzahlerInnen erheblich verteuert. Merkel handelt immer wieder zu  
langsam und zu kurzsichtig – mit ihrem Zögern und Zaudern hat sie  
nicht nur bei der Griechenland-Krise eine teure Spirale in Gang ge-  
setzt: Der Verunsicherung an den Finanzmärkten folgte die Flucht  
aus Staatsanleihen der Krisenländer, die infolgedessen entweder  
exorbitante Zinsen auf dem Kapitalmarkt zahlen müssen oder ganz  
davon abgeschnitten wurden.  
Noch schlimmer – mit dramatischen Auswirkungen auf die Eu-  
ropäische Union und die Weltwirtschaft – wäre es allerdings gewe-  
sen, die Krisenländer unkontrolliert bankrottgehen zu lassen und  
den spekulativen Angriffen der Finanzmärkte auf den Euro nichts  
entgegenzusetzen. Wir haben deshalb im Bundestag den Rettungs-  
schirmen und dem Fiskalvertrag zugestimmt. In der Gesamtabwä-  
gung war das für uns die bestmögliche Entscheidung. Ohne eine  
Rettung wären die sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen in  
den Krisenstaaten noch viel verheerender – auch deshalb haben wir  
Angela Merkel immer wieder zu einem schnelleren und entschlos-  
senen Handeln aufgefordert. Es ist uns gelungen, der Bundesregie-  
rung ein Bekenntnis zur Finanztransaktionssteuer abzuringen. Da-  
gegen sind die Versprechungen in Richtung eines Investitions- und  
Wachstumspaketes, seit sie 2012 gemacht wurden, weitestgehend  
heiße Luft geblieben. Damit geben wir uns nicht zufrieden.  
3\. Finanzmärkte an die Leine nehmen  
Massenarbeitslosigkeit in Südeuropa, die Krise in Europa und explo-  
dierende Staatsverschuldung auch in Deutschland – der Zusammen-ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
58  
Anders wirtschaftenbruch einiger Banken in den USA, Großbritannien und Deutschland  
hat sich zur größten Wirtschaftskrise seit den dreißiger Jahren ent-  
wickelt. Die Finanzmärkte haben ihre zentrale Aufgabe als Dienst-  
leister für die Realwirtschaft. Werden sie zum Selbstzweck, dienen  
sie als (Spiel-)Casino und können ganze Volkswirtschaften in den  
Abgrund stürzen. Mit einer strikten Regulierung wollen wir eine  
nachhaltige und sozial gerechte Wirtschaftsordnung verankern.  
Bisher galt viel zu oft: Verluste übernehmen die SteuerzahlerInnen,  
die Gewinne streichen weiterhin AktionärInnen und GläubigerIn-  
nen ein. Das ist weder gerecht noch entspricht es marktwirtschaft-  
lichen Prinzipien.  
Wir wollen eine gemeinsame Bankenaufsicht mit einem einheit-  
lichen Regelwerk. International aktive Banken sollten von der neu-  
en europäischen Bankenaufsicht direkt beaufsichtigt werden, klei-  
ne Institute mit ausschließlich regionalem Geschäft müssen nicht  
laufend von einer europäischen Institution beaufsichtigt werden.  
Wir brauchen aber eine Vereinheitlichung der Aufsichtsstandards  
und auch für kleine Institute ein Durchgriffs- und Letztentschei-  
dungsrecht bei Versagen der nationalen Aufseher. Ergänzt wird die  
europäische Bankenunion nach unseren Vorstellungen um gemein-  
same Mechanismen zur Abwicklung von Krisenbanken sowie einen  
gemeinsamen Rahmen für europäische Einlagensicherungssysteme.  
Die Bankenunion ist die grüne Antwort auf das Zögern und Zau-  
dern der Merkel-Regierung, das die Haftung der SteuerzahlerInnen  
weiterhin zulässt, und zeigt, dass mehr Europa einen echten Mehr-  
wert bietet. Wir GRÜNE halten das gegenwärtige, überkomplexe  
Regulierungsregime mittelfristig für ungeeignet, ein erneutes Aus-  
brechen von finanzmarktinduzierten Krisen zu verhindern.  
Der Fokus der Finanzmarktregulierung muss sich ändern. Die  
enorme Komplexität der aktuellen Anforderungen birgt die Gefahr,  
dass das eigentliche Ziel der Maßnahmen, nämlich die Stabilisierung  
des Finanzsystems, aus den Augen verloren wird. Der wichtigste  
Schritt in Richtung transparenterer und einfacherer Regeln ist eine  
Schuldenbremse für Banken. Nur wenn die Eigenkapitalausstattung  
des Finanzsystems insgesamt ansteigt, sinkt dessen Anfälligkeit  
gegen unerwartete Schocks. Dazu verschafft eine höhere Eigenka-  
pitalausstattung dem für eine Marktwirtschaft fundamentalen Haf-  
tungsprinzip wieder Geltung, indem zuerst diejenigen für VerlusteTEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
59  
Anders wirtschaftenhaften, die in guten Zeiten auch die Gewinne erhalten haben. Die  
Schweiz und Großbritannien haben hier bereits Zeichen gesetzt,  
während sich die schwarz-gelbe Bundesregierung vor den Karren  
der deutschen Banken hat spannen lassen. Banken dürfen sich nicht  
mehr über unrealistische Risikogewichtungen ihren Eigenkapitalbe-  
darf kleinrechnen. Als ersten Schritt wollen wir bis spätestens 2017  
3 % Eigenkapital im Verhältnis zur risikoungewichteten Bilanzsum-  
me als Schuldenobergrenze festsetzen. Langfristig ist eine deutlich  
höhere Quote notwendig. Der wissenschaftliche Beirat des Wirt-  
schaftsministeriums etwa spricht sich für eine Quote von 10 % aus.  
In der akademischen Diskussion sind auch noch höhere Quoten im  
Gespräch. Wir werden genau prüfen, was hier notwendig und mög-  
lich und in welchem Zeitraum machbar ist. Diese Schuldenbremse  
wird das Finanzsystem deutlich stabilisieren. Die von uns geforder-  
te Schuldenbremse für Banken setzt hier an und stellt den Finanz-  
sektor wieder auf die Füße.  
Die Größenbremse für Banken geht in eine ähnliche Richtung: Je  
größer ein Institut, desto höher sind die Eigenkapitalanforderungen  
und die Aufsichtsintensität. So erhalten Banken ab einer bestimm-  
ten Größe einen starken wirtschaftlichen Anreiz, zu schrumpfen  
und Geschäftsteile abzustoßen. Auch darüber hinaus werden wir in  
Deutschland wie in Europa Mechanismen entwickeln, um Großban-  
ken hin zu kleineren Geldinstituten zu führen. Wir wollen, dass sich  
Banken stärker langfristig finanzieren, damit sich eine Bankenpanik  
wie 2008 nicht wiederholen kann. Wir werden deshalb prüfen, ob  
eine Bankenabgabe für einen europäischen Bankenrestrukturie-  
rungsfonds so gestaltet werden kann, dass Banken den Anreiz ha-  
ben, sich langfristiger zu finanzieren. Mit dieser Abgabe schaffen  
wir Mittel für einen europäischen Bankenrestrukturierungsfonds,  
damit im Fall einer erneuten Bankenkrise nicht mehr die Steuer-  
zahlerInnen zur Kasse gebeten werden. Damit Risiken nicht länger  
aus dem regulierten Bereich ausgelagert werden können, muss der  
Schattenbankensektor analog zum regulären Bankensektor regu-  
liert werden. Alle Gesellschaften, die im weiteren Sinne Bankge-  
schäfte betreiben, insbesondere also langfristige Kredite vergeben  
und sich selbst dafür kurzfristig verschulden, müssen den gleichen  
Regularien unterliegen wie Kreditinstitute.ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
60  
Anders wirtschaftenGläubigerInnen müssen stärker in die Haftung genommen wer-  
den. Deswegen sollen Bankanleihen teilweise in haftendes Kapital  
umgewandelt werden können, wenn ein Kreditinstitut in Schieflage  
gerät. Dies sollte in der Regel automatisch geschehen. Eine zuständi-  
ge Behörde soll dabei über die Höhe der notwendigen Umwandlung  
entscheiden. Einlagen innerhalb der gesetzlichen Einlagensicherung  
dürfen in keinem Fall beteiligt werden. Sichtguthaben oberhalb der  
gesetzlich gesicherten Grenze dürfen nur nach Aufrechnung mög-  
licher Verbindlichkeiten einbezogen werden. Ein gesetzliches Einla-  
gensicherungsversprechen ist gerecht, schützt die SparerInnen und  
stabilisiert Banken, indem es Bank Runs verhindert.  
Die Macht der Ratingagenturen hat in den letzten Jahren über-  
handgenommen. Wir sehen, wie die Agenturen über das Schicksal  
von ganzen Staaten mitentscheiden. Ratingagenturen haften nicht  
für Fehleinstufungen und sind nicht an politische und wirtschaft-  
liche Maßstäbe gebunden. Daher müssen die Haftungsgrundla-  
gen ausgeweitet und der Einfluss der Ratingagenturen bei der Fi-  
nanzmarktregulierung eingedämmt werden. Die Transparenz der  
Agenturen werden wir erhöhen und Interessenkonflikte beenden.  
Insbesondere dürfen SchuldnerInnen nicht länger für ihre eigenen  
Ratings zahlen. Deshalb werden wir uns auf europäischer Ebene  
dafür einsetzen, eine von den Banken unabhängige Ratingagentur  
zu gründen.  
Wir fordern ein Trennbankensystem, weil es Märkte stabiler  
macht. Geschäftsbereiche, in denen die Kreditinstitute Handelsge-  
schäfte auf eigene Rechnung tätigen, gehören daher strikt getrennt  
vom realwirtschaftlichen Finanzierungs- und Einlagengeschäft.  
Eine wirksame Haftung ist konstitutiv für die Marktwirtschaft.  
Für das Management von Fonds, Banken und Versicherungen heißt  
das: Der Kapitän geht mit dem Schiff unter. Er ist haftbar für eige-  
ne Fehler und die seiner Untergebenen, Haftpflichtversicherungen  
für ManagerInnen dürfen das Risiko deswegen nicht vollständig  
übernehmen. Gleiches gilt für KapitalgeberInnen, also die Eigen-  
tümerInnen und GläubigerInnen von Banken. Sie müssen um ihren  
Einsatz fürchten, denn nur dann werden sie das Management ef-  
fektiv kontrollieren. Wenn ihr Einsatz staatlich garantiert ist, wird  
das Management immer riskanter wirtschaften, da Profite an die  
KapitalgeberInnen fließen, während Verluste sozialisiert werden.TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
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61  
Anders wirtschaftenErst wenn sie um ihren Einsatz fürchten müssen, entsteht ein Anreiz  
für EigentümerInnen, das Management effektiv zu kontrollieren.  
Die Vergütung von ManagerInnen und HändlerInnen im Finanz-  
sektor wollen wir so ausgestalten, dass sie sich am langfristigen  
Unternehmenserfolg statt an kurzfristigen Profiten ausrichtet. Wir  
brauchen aber auch eine schlagkräftige Fusions- und Wettbewerbs-  
kontrolle auf dem Finanzmarkt, die sich dem Leitbild der vollstän-  
digen Konkurrenz in allen Teilfinanzmärkten verpflichtet fühlt und  
gegen Marktmacht und Marktkonzentration vorgeht. Wir wollen  
das Kräfteverhältnis zwischen Regulierern und Regulierten zuguns-  
ten der Finanzaufsicht deutlich verbessern: materiell, rechtlich,  
personell, organisatorisch und informationell.  
Viele Finanzgeschäfte finden nicht an regulierten Handelsplät-  
zen statt, sondern direkt zwischen den Akteuren. Der Nachteil: Die  
Aufsicht hat keine Chance einzugreifen. Deswegen müssen diese  
Schattenmärkte ans Licht. Europäische und langfristig internatio-  
nale Regeln sollen dafür sorgen. Auch der Hochfrequenzhandel mit  
superschnellen Computern braucht ein Tempolimit, so dass jede  
Order mindestens 1 Sekunde aufrechterhalten werden muss. Das  
trägt dazu bei, die Finanzmärkte stabiler und damit sicherer zu ma-  
chen. Gleichzeitig wirkt hier die Finanztransaktionssteuer regulie-  
rend. Das Platzen kreditfinanzierter Vermögensblasen hat enorme  
ökonomische, soziale und auch ökologische Folgewirkungen. Um  
das Entstehen solcher Blasen zu verhindern, muss das Instrumen-  
tarium der Europäischen Zentralbank und Finanzmarktaufsicht wei-  
terentwickelt werden. Dazu und angesichts ihres massiven Bedeu-  
tungszuwachses braucht es – unter Wahrung der Unabhängigkeit  
der Zentralbank – auch eine offene Debatte über ihre Rolle und ihr  
Instrumentarium.  
Wir wollen mehr privates Kapital in nachhaltige und klima-  
freundliche Anlagen lenken. Dabei kommt den öffentlich-rechtli-  
chen Kreditinstituten eine besondere Bedeutung zu. Geldanlage ist  
auch eine ethische Frage – Investitionen etwa in Streumunitions-  
hersteller wollen wir deshalb verbieten. Außerdem gilt: Mit Essen  
spielt man nicht! Fonds, Großbanken und anderen institutionellen  
Investoren gehört die Spekulation an diesen Märkten deshalb un-  
tersagt. Ebenso müssen alle Händler strengen Berichtspflichten un-  
terworfen sowie unverwässerte Positions-, Preis- und TempolimitsZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
62  
Anders wirtschafteneingeführt werden. Auch das sogenannte Land-Grabbing (Land-  
nahme) gehört geächtet. Wir setzen uns vehement dafür ein, dass  
Deutschland durch nationale Gesetze und internationale Vereinba-  
rungen dazu beiträgt, dass Investoren und staatliche Institutionen  
die freiwilligen Leitlinien der Ernährungs- und Landwirtschaftsorga-  
nisation der Vereinten Nationen zu Landrechten, Fischgründen und  
Wäldern einhalten. Zudem muss die Vergabe von Entwicklungskre-  
diten an die Einhaltung der Leitlinien geknüpft werden.  
Die Überwachung der Solidität der Finanzinstitute steht oft in ei-  
nem Interessenkonflikt zum Verbraucherschutz. Wir fordern daher  
einen Ausbau des Verbraucherschutzes für Finanzprodukte. Finanz-  
beratung durch provisionsbasierte Finanzprodukte erfolgt heute  
oftmals nicht im Interesse der KundInnen, sondern im Interesse  
von FinanzvermittlerInnen nach hohen Provisionen. Provisions-  
getriebene Falschberatung wollen wir verhindern. Wir fordern eine  
verbraucherschutzorientierte Regulierung der Provisionen, so dass  
Beratung grundsätzlich unabhängig von der Provisionshöhe er-  
folgt. Dazu ist auch ein völliges Provisionsverbot in der Diskussi-  
on, welches in anderen europäischen Ländern bereits besteht. Als  
echte Alternative wollen wir die Honorarberatung, z. B. durch die  
Schaffung eines einheitlichen Berufsbildes, stärken. Des Weiteren  
müssen private EndverbraucherInnen besser über die Risiken von  
Finanzprodukten informiert werden.  
Gleichzeitig wollen wir uns für mehr Finanzkompetenz aller ein-  
setzen. Nur wenn wir die Strukturen und Instrumente der Finanz-  
märkte verstehen, können wir die Nachfrage nach nachhaltigen  
Anlageformen weiter verstärken und die Transparenz der Märkte  
erhöhen.  
Die Stabilisierung der Finanzmärkte hat gewaltige Kosten ver-  
ursacht, an denen sich der Sektor bisher kaum beteiligt hat. Eine  
Finanztransaktionssteuer, die alle Finanzmarktgeschäfte mit ein-  
bezieht, kann einen Teil der Kosten begleichen. Dabei stehen wir  
GRÜNE weiterhin zu unserer Forderung, einen großen Teil der Ein-  
nahmen in die Bekämpfung der weltweiten Armut und den globa-  
len Klimaschutz fließen zu lassen sowie die Finanztransaktionssteu-  
er ins Gemeinschaftsrecht und in den EU-Haushalt zu überführen.  
Der Beschluss in zunächst elf europäischen Ländern, eine Finanz-  
transaktionssteuer einführen zu wollen, ist ein Erfolg der globali-TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
63  
Anders wirtschaftensierungskritischen Bewegung und grüner Politik. Bei der weiteren  
Ausgestaltung dieser Steuer wollen wir darauf hinwirken, dass alle  
Finanztransaktionen, auch die außerbörslichen, möglichst euro-  
paweit besteuert werden. Die Höhe der Finanztransaktionssteuer  
wollen wir nach Produktart und Risiko differenzieren. Dazu gehört  
auch, dass die Regierung endlich für Transparenz bei den Banken-  
rettungen sorgt und veröffentlicht, wie viel die Rettung der Banken  
die SteuerzahlerInnen bisher gekostet hat.  
Nur ein stabiler Finanzsektor kann die Unternehmen und Ver-  
braucherInnen mit Krediten versorgen. Das deutsche Drei-Säulen-  
System aus Sparkassen, Genossenschafts- und Privatbanken hat  
sich hier bewährt. Kleinstbanken sollen deshalb von bürokratischen  
Anforderungen entlastet werden. So kann auch endlich genügend  
Personal für die Bankenaufsicht eingesetzt werden.  
Seit der Finanzkrise wächst der Sektor der nachhaltigen Banken  
rasant. Sie zeigen, dass ein anderer Finanzsektor möglich ist. Diese  
Banken setzen sich selbst strenge Regeln für ein nachhaltiges Ver-  
halten und lassen in der Regel ihre KundInnen über ihre Aktivitäten  
entscheiden. Die meisten sind genossenschaftlich organisiert und  
handeln nicht primär gewinnorientiert. Grüne Politik unterstützt  
nachhaltige Banken regulatorisch.  
4\. Kleine und mittlere Unternehmen stärken  
Der Mittelstand ist das Rückgrat unserer Volkswirtschaft. Die  
vielen kleinen und mittelständischen Unternehmen erforschen  
und entwickeln innovative und kreative Lösungen. Wir rücken sie  
deshalb in den Fokus unserer Wirtschaftspolitik und unterstützen  
eine Gesellschaft, in der Selbständigkeit eine realistische Option  
ist. Wir werden daran arbeiten, dass Mittelstand und familienge-  
führte Unternehmen in Deutschland auch weiterhin gute Stand-  
ortbedingungen vorfinden. Dazu haben wir die Bedürfnisse dieser  
Unternehmen nicht nur bei der Wirtschafts-, sondern auch bei der  
Infrastruktur-, Bildungs- und Steuerpolitik im Blick. Hierzu gehört  
auch, die unfairen Wettbewerbsvorteile internationaler Konzerne  
durch Steuergestaltungsmodelle zu beenden. Handwerk hat golde-  
nen Boden – Handwerk hat grünen Boden! Das Handwerk hat fürZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
64  
Anders wirtschaftenden Klimaschutz und bei der Ressourceneinsparung eine zentrale  
Rolle. Damit Häuser eine bessere Wärmedämmung bekommen, da-  
mit mehr repariert als weggeworfen wird, damit mehr Solarmodule  
auf die Dächer kommen – für all das werden hunderttausende gut  
qualifizierte Handwerkerinnen und Handwerker gebraucht. Dazu  
braucht das Handwerk gute Ausbildungsbedingungen und Fortbil-  
dungsmöglichkeiten.  
Faire und vergleichbare Bedingungen sind die Voraussetzung,  
damit kleine und mittlere Unternehmen im Wettbewerb beste-  
hen können. Wir wollen deshalb die Möglichkeit schaffen, einzel-  
ne Anbieter bei übergroßer Marktmacht zur Aufgabe von Unter-  
nehmens- und Marktanteilen zu zwingen. Das Wettbewerbsrecht  
braucht neue Instrumente, die verhindern, dass Unternehmen sich  
Wettbewerbsvorteile verschaffen, indem sie ökologische und so-  
ziale Kosten auf Umwelt und Gesellschaft verlagern. Durch Wett-  
bewerbsverstöße werden VerbraucherInnen geschädigt, deshalb  
müssen deren Rechte im Kartellrecht gestärkt werden.  
Wir wollen durch Novellierung des GWB das Bundeskartellamt  
bei der Regulierung von oligopolistischen und monopolistischen  
Märkten stärken und prüfen, wie durch Änderungen im Gesetz  
gegen den unlauteren Wettbewerb einem Abwälzen privater Kos-  
ten auf die Gemeinschaft und der Nichtbilanzierung der von einem  
Wirtschaftssubjekt verursachten Umweltschäden (Externalisie-  
rung) entgegengewirkt werden kann.  
Wir fördern das gesellschaftliche Innovationsklima auch durch  
Entbürokratisierung und Beratung durch Lotsendienste. Klar ist für  
uns auch, dass die Kammern als Interessenvertretung der ganzen  
Wirtschaft durchsichtiger, interkultureller und demokratischer wer-  
den müssen. Zudem erwarten wir, dass sie sich künftig verstärkt  
darum bemühen, mehr kleinere und mittlere Unternehmen, Unter-  
nehmer mit Migrationshintergrund und Frauen für ihre Gremien ge-  
winnen. Sonst ist die Pflichtmitgliedschaft nicht länger vertretbar. Die  
Doppelmitgliedschaft in Kammern wollen wir ersatzlos streichen.  
Die Bedingungen für Existenzgründungen verbessern wir, in-  
dem wir Gründungshemmnisse abbauen. Neue Unternehmungen  
sind für uns kein bürokratischer Akt, sondern kreativer Aufbruch,  
der Innovationen und Arbeitsplätze ermöglicht und persönliche  
Freiheit verwirklicht. Dafür fordern wir bei Gründungen aber auchTEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
65  
Anders wirtschafteneine bedarfsgerechtere finanzielle Ausstattung und zielgerichtete  
Angebote für die Unternehmensgründungen von Frauen, auch und  
besonders für Wiedereinsteigerinnen. Die Förderung in die Selb-  
ständigkeit muss auch für alle gründungswilligen Arbeitssuchenden  
gewährleistet sein. Und wir brauchen bessere Beratungsangebote.  
Gerade die jeweiligen Potentiale von Menschen mit Migrationsge-  
schichte sowie die Potentiale von Menschen mit Behinderungen  
müssen individuell gefördert werden.  
Unser Konzept der Vermögensabgabe haben wir so gestaltet,  
dass Selbständigen und Unternehmern, die nicht in der gesetzlichen  
Rentenversicherung sind, ein armutsfestes und auskömmliches Al-  
terseinkommen aus eigenem Vermögen ermöglicht wird. Außer-  
dem wollen wir Selbständige, die keine ausreichende anderweitige  
Vorsorge haben, in die gesetzliche Rentenversicherung so einbezie-  
hen, dass es sie finanziell nicht überfordert und sich ihnen so auch  
ein Weg in die Garantierente eröffnet.  
Kleine und mittlere Unternehmen wollen wir steuerlich för-  
dern. Wir schaffen die Möglichkeit zur Poolabschreibung bei den  
geringwertigen Wirtschaftsgütern ab und erhöhen die Grenze zur  
Sofortabsetzbarkeit, um so die Liquidität zu verbessern. Die steu-  
erliche Förderung einbehaltener Gewinne (Thesaurierung) soll so  
ausgestaltet werden, dass auch kleinen Unternehmen diese Form  
der Stärkung ihres Eigenkapitals und ihrer Investitionsfähigkeit  
offensteht. Eine 15%ige Steuergutschrift für Forschungsausgaben  
für Unternehmen mit bis zu 250 Beschäftigten soll die innovativen  
Kräfte kleiner und mittelgroßer Unternehmen unbürokratisch stär-  
ken, wofür wir allein im Bundeshaushalt 200 Mio. Euro einplanen.  
Die Projektförderung ist für kleine Unternehmen administrativ zu  
aufwendig und wird deshalb entsprechend kaum genutzt. Durch  
eine Steuergutschrift für diese Unternehmen kann eine Benachteili-  
gung gegenüber großen Konzernen abgebaut werden.  
Im Osten Deutschlands hat sich seit dem Fall der Mauer eine an-  
dere, deutlich kleinteiligere Unternehmensstruktur herausgebildet  
als im Westen Deutschlands. Das hat auch erhebliche Konsequen-  
zen für die Forschungslandschaft im Osten Deutschlands, die viel  
stärker eine staatlich geförderte sein muss, weil die durchschnittli-  
chen Betriebsgrößen im Osten eine eigene Forschung nicht zulas-  
sen. Da ist auch der Bund gefordert, denn der Osten braucht eineZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
66  
Anders wirtschaftenInnovations- und Forschungsoffensive sowie Unterstützung beim  
Technologietransfer und der Clusterbildung.  
Wir verbessern den Zugang zu Wagniskapital und die breitere  
Versorgung mit Mikrokrediten. Für eine kreative Geschäftsidee, die  
vielleicht erst auf den zweiten Blick überzeugt, soll das ebenso mög-  
lich sein wie für jemanden, der schon mal mit einem Unternehmen  
gescheitert ist und jetzt eine zweite Chance sucht. Wir wollen eine  
Überarbeitung der Sanierungsklausel prüfen, die EU-rechtskonform  
ist und neben dem Erhalt von Arbeitsplätzen auch das Weiterführen  
von innovativen Unternehmen ermöglicht. Die Sanierungsklausel  
muss dabei so gestaltet werden, dass Missbrauch verhindert und  
gleichermaßen eine Fortführung von Unternehmen mit positiver  
Fortführungsprognose ermöglicht wird. GründerInnenzentren kön-  
nen mittels ihrer Marketing- und Finanzkompetenz jungen Unter-  
nehmen und ExistenzgründerInnen zum Erfolg am Markt verhelfen  
bzw. notfalls auch rechtzeitig die Reißleine vor Überschuldung zie-  
hen, wenn keine Aussicht auf einen Markterfolg besteht.  
Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist ein bedeutender Wirt-  
schaftsfaktor, der Arbeitsplätze schafft und zur Wertschöpfung  
beiträgt. Doch die Rahmenbedingungen für die in der Regel sehr  
kleinen Unternehmen müssen durch die soziale Absicherung und  
einen leichteren Zugang zu Darlehen oder Mikrokrediten verbessert  
werden.  
Das Patentrecht entwickeln wir weiter, denn es soll die Kultur  
der Selbständigkeit befördern und nicht hemmen. Der Patentschutz  
soll sich auf neue Produkte und Ideen beschränken und nicht als  
Mittel gegen NeugründerInnen eingesetzt werden können. Das  
müssen wir innerhalb der EU regeln: Wir setzen uns für eine Reform  
des europäischen Patentwesens und die Kontrolle durch das Euro-  
päische Parlament ein. Patente auf Lebewesen sind zu verbieten.  
5\. Es gibt viel zu tun – von Menschen für Menschen  
Hochwertige soziale Dienstleistungen in Gesundheit, Pflege und  
Bildung sind entscheidend für die Qualität unseres gesellschaftli-  
chen Zusammenlebens. Sie sind darüber hinaus selbst ein bedeu-  
tender und sich dynamisch entwickelnder Wirtschaftszweig. BisTEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
67  
Anders wirtschaften2020 werden allein im Gesundheitssystem über sechs Millionen  
Menschen beschäftigt sein.  
Doch weder die Ausrichtung der bisherigen Wirtschaftspolitik  
noch die bescheidenen Gehälter und belastenden Arbeitsbedin-  
gungen werden dieser Bedeutung gerecht. Während in anderen  
Branchen hohe Boni ausgeschüttet werden, bleiben Gehälter und  
Arbeitsumfeld in den sozialen Dienstleistungen hinter ihrem gesell-  
schaftlichen Wert zurück. Eine Kultur der Anerkennung fehlt in die-  
sem Bereich völlig. PflegerInnen, Hebammen, Krankenschwestern  
oder KindergärtnerInnen schaffen die Grundvoraussetzungen für  
erfolgreiches Wirtschaften.  
Grüne Politik für die sozialen Dienstleistungen sichert nachhaltig  
deren Finanzierung, fördert Forschung und Innovationen, steigert  
die Attraktivität von Gesundheits-, Pflege- und Bildungsberufen  
und bekämpft Lohndumping. Wir schaffen neue, gute Arbeit durch  
ein verbindliches und qualitätsvolles Angebot der frühkindlichen  
Betreuung an alle Eltern, den Ausbau der Ganztagsschulen und  
mehr Personal an Hochschulen sowie den Ausbau der Prävention  
zur dritten Säule des Gesundheitswesens. Wir erweitern den Inno-  
vationsbegriff um soziale Innovationen und werden Dienstleistun-  
gen als Forschungsfeld stärker gewichten.  
Soziale Dienstleistungen werden oft von gemeinnützigen Trä-  
gern, von Kirchen und Wohlfahrtsverbänden erbracht. Zentral da-  
bei ist, dass bei der Auftragsvergabe nicht nur die Kosten, sondern  
auch die Qualität der Dienstleistung sichergestellt ist. Die Vergabe  
von sozialen Dienstleistungen kann nicht nach denselben Kriteri-  
en erfolgen wie die Beschaffung von Computern, Briefumschlägen  
oder Bleistiften. Wie wir das Arbeitsrecht in solchen Dienstleistun-  
gen ändern wollen, haben wir im Kapitel „Teilhabe an guter Arbeit“  
beschrieben.  
6\. Solidarische Ökonomie fördern  
Solidarische Ökonomie bedeutet für uns, unser Handeln an den  
Leitlinien sozialer, ökologischer und ökonomischer Nachhaltigkeit  
auszurichten. Wir fördern die verschiedenen Ansätze solidarischer  
Ökonomie, weil darin die Freiheit selbstbestimmten Handelns undZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
68  
Anders wirtschaftenDemokratie mit sozialer Gerechtigkeit verbunden wird. Hierbei  
knüpfen wir an erfolgreiche Beispiele wie BürgerInnenenergie-  
Genossenschaften oder lokale KonsumentInnen- und ErzeugerIn-  
nen-Gemeinschaften an. Die Direktvermarktung von Ökostrom  
aus Genossenschaften und BürgerInnengemeinschaftsanlagen  
soll gestärkt werden, um Anreize zur dezentralen Stromerzeu-  
gung zu schaffen.  
Ein wesentlicher Faktor ist dabei die Genossenschaftsbewegung.  
Wir wollen Gründungen in diesem Bereich erleichtern, genossen-  
schaftliche Dienstleistungen einem breiteren Kreis zugänglich ma-  
chen und ihre Weiterentwicklung fördern. Dazu entbürokratisieren  
wir die genossenschaftliche Rechtsform, z. B. durch eine Entlastung  
bei den Prüfungspflichten. Gleichzeitig beenden wir die Benachtei-  
ligung von Gemeinschaftsunternehmen besonders bei Gründungs-  
und Förderprogrammen und erleichtern den Zugang zu Finan-  
zierungsdienstleistungen.  
Darüber hinaus wollen wir ressourcenschonende Geschäfts- und  
Dienstleistungsmodelle mit gemeinschaftlicher Nutzung fördern,  
bei denen der Gebrauch statt des Besitzes im Vordergrund steht.  
Dazu gehören Carsharing-Modelle ebenso wie generationen-  
übergreifende Wohngemeinschaften, die eine Lösung für knapper  
werdenden Wohnraum in Großstädten bieten. Für Anbieter und  
VerbraucherInnen von Tausch-, Teil- und Verleihdienstleistungen  
sowie für die Open-Source- und Freie-Software-Bewegung wollen  
wir deshalb Rechtssicherheit schaffen. Ebenso unterstützen wir so-  
lidarische Handelsnetze sowie Regionalgeldinitiativen, um regiona-  
le Wertschöpfung zu fördern.  
Die Übernahme eines vor oder in der Insolvenz stehenden Un-  
ternehmens durch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kann ein  
geeignetes Instrument sein, um Arbeitsplätze auf der Basis nachhal-  
tigen Wirtschaftens zu sichern. Dies wollen wir unterstützen, etwa  
durch ein Vorkaufsrecht bei Betriebsübergang. Um den Mitarbei-  
terInnen die Ausübung des Vorkaufsrechts zu ermöglichen, bedarf  
es geeigneter Finanzierungsinstrumente. Mit der Förderung der  
solidarischen Ökonomie erschließen wir neue Möglichkeiten der  
ökonomischen Teilhabe und Mitbestimmung.TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
69  
Anders wirtschaften7. Nachhaltiges Wirtschaften statt blinden Wachstums  
Die einseitige Fixierung auf das Wachstum des Bruttoinlandspro-  
duktes als Kriterium für wirtschaftlichen und gesellschaftlichen  
Erfolg ist nicht länger hinnehmbar. In dieser Kennzahl bilden sich  
Wohlstand und Lebensqualität nur sehr schlecht ab, soziale Si-  
cherheit, Gleichstellung von Frauen und Männern, gute Bildung  
oder eine intakte Umwelt gar nicht. Hohe Unfallzahlen, Immobi-  
lienblasen oder ein verschwenderischer Ressourcenverbrauch mit  
einhergehender Umweltzerstörung erhöhen das Wachstum, sind  
aber höchst schädlich für Wohlstand und Lebensqualität.  
Wachstum der Wirtschaft, gemessen an der Steigerung des  
Bruttoinlandsprodukts, ist deshalb weder Ziel unseres politischen  
Handelns noch ein ausreichendes Mittel zur Erreichung unserer  
politischen Ziele. In der Frage der Entkopplung von Wirtschafts-  
wachstum und Umweltverbrauch liegt die Herausforderung in der  
absoluten Reduktion des gegenwärtigen globalen Ressourcenver-  
brauchs. Wir setzen uns für weitreichende Effizienzverbesserun-  
gen ein und für politische, wirtschaftliche, soziale und kulturel-  
le Rahmenbedingungen, innerhalb deren diese wirksam werden  
können.  
Die Wertschätzung eines Menschen durch die Gesellschaft  
darf nicht vorrangig von seinem materiellen Besitz oder Eigen-  
tum abhängen. Und wir setzen uns für eine Beschleunigung der  
ökologisch-transformatorischen Prozesse von Wirtschaft und Ge-  
sellschaft ein mit der Zielsetzung, Klima- und Ressourcenschutz  
umfassend im gelebten Alltag zu verankern. Dazu braucht es  
verbindliche soziale und ökologische Leitplanken für das Handeln  
von Unternehmen und KonsumentInnen.  
Wir brauchen neue Indikatoren, die neben den ökonomi-  
schen Aspekten auch den ökologischen und sozialen Zustand  
unseres Landes abbilden. Im Rahmen der von uns angestoßenen  
Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages „Wachstum,  
Wohlstand, Lebensqualität“ haben wir darum einen neuen Wohl-  
standsindikator erarbeitet, den „grünen Wohlstandskompass“.  
Er bemisst Wohlstand an der Lebensqualität aller Menschen und  
dem Zustand unserer Umwelt, indem er u. a. den ökologischen  
Fußabdruck als Maß für den Ressourcenverbrauch mit einbezieht.Zeit für den grünen Wandel  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BündniS 90/die grünen  
70  
Anders wirtschaftenAuch Wirtschaftspolitik muss sich an den Zielen der Nachhal-  
tigkeit ausrichten. Dazu wollen wir ein neues Wohlstands- und  
Nachhaltigkeitsgesetz ausarbeiten, das an die Stelle des überhol-  
ten „Stabilitäts- und Wachstumsgesetzes“ tritt.  
Die Frage nach der Bedeutung des Wirtschaftswachstums  
stellt sich jedoch auch langfristig. Wenn das Wachstum ausbleibt,  
drohen gesellschaftliche Verteilungskonflikte. Rezessionen lassen  
die Arbeitslosigkeit ansteigen, üben Druck auf die Sozialsysteme  
aus und führen zu einer höheren Staatsverschuldung. Wir müssen  
uns vor diesem Hintergrund die Frage stellen, wie wir mit stetig  
sinkenden Wachstumsraten umgehen, wie sie in der industriali-  
sierten Welt seit Jahrzehnten erzielt werden. Wir streben daher  
an, die Wachstumsabhängigkeit unserer Wirtschaft langfristig zu  
reduzieren. Die Diskussion um die richtigen Mittel dazu wurde  
von uns bereits in der Enquete angestoßen und sollte im parla-  
mentarischen Raum, mit der Wissenschaft und den Kräften der  
Zivilgesellschaft weitergeführt werden.  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN setzen sich von jeher für eine Be-  
schleunigung der ökologisch-transformatorischen Prozesse von  
Wirtschaft und Gesellschaft ein mit der Zielsetzung, Klima- und  
Ressourcenschutz umfassend im gelebten Alltag zu verankern.  
Durch ein innovatives Ordnungsrecht, die Abschaffung klima-  
und umweltschädlicher Subventionen, öffentliche Investitionen  
sowie Marktanreiz- und Forschungsprogramme schafft grüne  
Politik die Rahmenbedingungen für ein regeneratives Wirtschaf-  
ten. Um Wirtschaftskreisläufe langfristig regenerativ und nach-  
haltig auszurichten, ist darüber hinaus eine noch stärkere zentrale  
Verankerung des Nachhaltigkeitsprinzips über Anpassungen im  
Wettbewerbs- und Vermögensrecht notwendig und sollte auch  
auf kulturelle und soziale Gemeingüter ausgedehnt werden, um  
deren volle Vielfalt vor Ausbeutung und damit langfristiger Zer-  
störung durch Wirtschaftsprozesse zu schützen.TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
71  
Anders wirtschaftenWer GRÜN wählt …  
• bringt grünes Wirtschaften voran, in Industrie und Dienst-  
leistungen, in der Bundesrepublik und in Europa – und  
schafft so viele neue Arbeitsplätze.  
• reguliert wirksam die Finanzmärkte, so dass sie wieder im  
Dienst von Mensch und Unternehmen stehen.  
• schafft faire Wettbewerbsbedingungen, fördert Innovation  
und hat keine Scheu vor der Auseinandersetzung mit großen  
Playern.  
• arbeitet mit an einem demokratischen und solidarischen  
Europa, in dem die Reformlasten nicht bei den Ärmsten  
abgeladen werden.  
• unterstützt eine Politik, die die Lebensqualität der Menschen  
heute und morgen im Blick hat und auf solidarische Ökono-  
mie setzt statt auf einen veralteten Wachstumsgedanken.  
Schlüsselprojekte  
Für eine Ressourceneffizienz-Allianz –  
Top-Runner-Prinzip einführen  
Ressourceneffizienz heißt: Wir wollen nicht weiter die Substanz unse-  
rer Erde verbrauchen, statt von ihrem Ertrag zu leben. Ressourcenef-  
fizienz ist eine ökologische Innovationsstrategie, die den Bedarf an  
Rohstoffimporten senkt und durch Kostensenkung bei Material statt  
bei Löhnen Wettbewerbsfähigkeit erhöht. Deshalb wollen wir eine  
Ressourceneffizienz-Allianz zustande bringen, an der sich Wirtschaft,  
Forschung, NGOs, Politik und Verwaltung beteiligen. Sie soll dazu bei-  
tragen, dass Unternehmen noch stärker auf Ressourcen- und Materi-  
aleffizienz achten. Beim Top-Runner-Prinzip gibt das umweltverträg-Zeit für den grünen Wandel  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BündniS 90/die grünen  
72  
Anders wirtschaftenlichste und effizienteste Produkt den Standard vor, den alle anderen in  
vorgegebener Zeit erreichen müssen. Das bisher zahnlose Programm  
für Ressourceneffizienz (ProgRess) wollen wir weiterentwickeln und  
um verbindliche und ambitionierte Recyclingquoten sowie Rücknah-  
mepflichten für Hersteller ergänzen. Dies unterstützen wir unter ande-  
rem durch eine faire und nachhaltige öffentliche Beschaffungspolitik.  
Die Finanzmärkte neu ordnen –  
eine Schuldenbremse für Banken  
Die mangelhafte Regulierung der Finanzmärkte hat die Welt in eine  
historische Finanz- und Wirtschaftskrise gestürzt. Seitdem ist kaum et-  
was passiert. SteuerzahlerInnen sollen nicht wieder für das Fehlverhal-  
ten der Finanzindustrie zahlen müssen. Dazu brauchen wir neben einer  
Europäischen Bankenunion mit schlagkräftiger Aufsicht und bankenfi-  
nanziertem Rettungsfonds vor allem eine verbindliche Schuldenbremse  
für Banken. Banken müssen bis 2017 mindestens 3 % Eigenkapital  
im Verhältnis zu ihrer Bilanzsumme vorhalten. Diese Schuldenbremse  
wird die hochspekulativen Geschäfte der Vergangenheit faktisch un-  
möglich machen und das Finanzsystem deutlich stabilisieren.  
Wirtschaftswachstum ist nicht das Maß der Dinge –  
neue Indikatoren für Wohlstand und Lebensqualität  
Die Fixierung von Politik und Medien auf das Bruttoinlandsprodukt  
(BIP) hat uns in die Irre geführt. Der Raubbau an Mensch und Natur  
wurde uns als Wachstumserfolg verkauft. Aber über die wichtigsten  
Dinge, die ein Land erfolgreich und das Leben lebenswert machen,  
sagt das BIP nichts aus. Ist Wachstum mit Umweltzerstörung und  
Ungerechtigkeit erkauft, macht uns das unter dem Strich sogar är-  
mer. Deshalb brauchen wir einen neuen Gradmesser für Wohlstand  
und Lebensqualität. Dafür etablieren wir einen neuen Wohlstands-  
indikator. Der „grüne Wohlstandskompass“ umfasst auch die so-  
zialen und ökologischen Aspekte. Entsprechend fordern wir für  
Unternehmen ab einer bestimmten Größe neben der vorgeschrie-  
benen finanziellen auch eine verpflichtende Nachhaltigkeitsbericht-  
erstattung über soziale und ökologische Kennzahlen. So können wir  
der wirtschaftlichen Entwicklung eine grüne Richtung geben.TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
73  
Besser haushaltenD. Besser haushalten  
Warum wir einen handlungsfähigen Staat  
nicht auf Pump finanzieren dürfen  
Es gibt viel zu tun. Aber der ökologische Umbau, der Bildungsauf-  
bruch und der soziale Ausgleich können nur mit einem handlungsfä-  
higen Staat gelingen. Dazu braucht der Staat eine solide und solida-  
rische Finanzierung, denn eine Politik auf Pump können wir uns nicht  
mehr leisten. Die Schuldenbremsen von Bund und Ländern sagen  
nichts anderes, als dass Ausgaben und Einnahmen in einem stabilen  
Gleichgewicht stehen müssen.  
Die enorme Verschuldung aller öffentlichen Haushalte ist auch das  
Ergebnis der unehrlichen Finanzpolitik der vergangenen Jahrzehn-  
te, die die neoliberale Regierung unter Merkel auf die Spitze treibt:  
Trotz steigender Steuereinnahmen sind die Schulden der Bundesre-  
publik während Merkels Kanzlerschaft um 500 Mrd. Euro gestiegen.  
Anstatt wichtige Reformen zu finanzieren, verplempert sie das Geld  
der SteuerzahlerInnen und steckt es in ein unsinniges Betreuungs-  
geld oder – schlimmer noch – versorgt damit durch eine Senkung des  
Mehrwertsteuersatzes für die Hotelbranche („Mövenpick-Steuer“)  
eine einzelne Interessengruppe. Die Verschuldung ist jedoch so hoch,  
dass für die Bewältigung gemeinsamer Herausforderungen an Ausga-  
benkürzungen, Subventionsabbau und Steuererhöhungen kein Weg  
vorbeiführt. Wer etwas anderes versucht, handelt fahrlässig. Umge-  
kehrt gilt aber auch: Nicht alles, was wünschenswert ist, ist ab sofort  
finanzierbar. Deswegen setzen wir für eine Regierungsübernahme  
klare Prioritäten bei den finanzwirksamen Projekten.  
Wer wichtige Zukunftsprojekte finanzieren und öffentliche Haus-  
halte solide aufstellen will, muss Prioritäten setzen. Grüne Haus-  
haltspolitik steht deshalb für eine gründliche Aufgabenprüfung, die  
unnötige Ausgaben vermeidet. Durch Reduzierung der Schwarzar-  
beit, die Einführung eines Mindestlohns, die Abschaffung umwelt-  
schädlicher Subventionen wie des Dienstwagenprivilegs oder der  
Steuerbefreiung von Kerosin, den Verzicht auf Prestigebauprojekte,  
den Verzicht auf teure und unsinnige Rüstungsprojekte sowieZeit für den grünen Wandel  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BündniS 90/die grünen  
74  
Besser haushalteneine weitere Verkleinerung der Bundeswehr und eine Straffung im  
Beschaffungswesen können wir Milliarden einsparen.  
Grüne Haushaltspolitik schützt das Klima. Mit einem grünen  
Klimaschutzhaushalt wollen wir klimaschädliche Subventionen ab-  
bauen und so die ökologische Verschuldung verringern. Mit den  
Mehreinnahmen wollen wir wichtige Energiewende- und Klima-  
schutzprogramme solide finanzieren und zudem noch einen Beitrag  
zur Haushaltskonsolidierung leisten.  
Grüne Haushaltspolitik ist geschlechtergerecht. Wir wollen in  
den Bundesministerien Gender-Budgeting einführen, damit öffent-  
liche Gelder zielgenauer, gerechter und sparsamer eingesetzt wer-  
den. Dazu wollen wir analysieren, von welchen Geldern Männer  
und Frauen profitieren, um auf dieser Basis dann Steuerungsinstru-  
mente für die Haushaltspolitik zu entwickeln.  
Eine funktionierende öffentliche Infrastruktur, eine gut ausge-  
bildete Bevölkerung und ein funktionierendes Gemeinwesen sind  
Voraussetzungen für unternehmerischen Erfolg und den Aufbau  
privaten Vermögens. Der private Reichtum in Deutschland ist in den  
letzten 20 Jahren extrem stark angewachsen. Die Steuern auf hohe  
Einkommen sowie Vermögen und Erbschaften sind in den letzten  
zwei Jahrzehnten gesunken. Gleichzeitig ist die öffentliche Hand  
auf allen Ebenen verschuldet und strukturell unterfinanziert. Es ist  
an der Zeit, dass wir dieses Missverhältnis beenden. Wir können  
bei der Finanzierung öffentlicher Güter nicht mehr auf grenzenlo-  
ses Wachstum oder neue Schulden setzen. Wir müssen daher die  
Einnahmen des Staates maßvoll erhöhen. Der Spielraum dafür ist  
angesichts der privaten Reichtums- und Einkommensentwicklung  
da, privater Wohlstand muss wieder stärker zur Finanzierung des  
Gemeinwesens und damit zur Finanzierung seiner eigenen Voraus-  
setzungen beitragen. Wer mit uns regieren will, muss deshalb mit  
uns die Unterfinanzierung des Staates in Bund, Ländern und Kom-  
munen durch höhere Steuern auf große Einkommen und Vermögen  
beenden. Dabei wissen wir, dass ein pures Mehr von staatlichen  
Ausgaben keine nachhaltige Lösung ist. Auch staatliche Ausga-  
ben müssen effizient sein und entsprechend hinterfragt werden.  
Wir werden alle staatlichen Ausgabenprogramme einer Effizienz-  
prüfung unterziehen. Ziel ist es dabei, auf allen staatlichen Ebe-  
nen Bürokratie abzubauen und Entscheidungswege zu straffen.TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
75  
Besser haushaltenProgramme mit einem hohen Verwaltungsaufwand werden wir  
grundsätzlich überprüfen.  
Wir von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN bieten als einzige Partei  
ein Programm, in dem zusätzliche Ausgaben durch Kürzungen,  
Einsparungen und Steuererhöhungen gegenfinanziert sind. Wir sa-  
gen konkret: Manche zahlen zu wenig Steuern, ob auf Einkommen,  
Vermögen oder Umweltverbrauch. Andere kassieren Subventionen,  
die den Staat Milliarden kosten, wie die Pharma- und die Agrarin-  
dustrie. Wir scheuen uns nicht, ungerechte und schädliche Subven-  
tionen abzuschaffen und einzelnen Interessengruppen Reformen  
und Einsparungen zuzumuten. Wer GRÜN wählt, bekommt keine  
finanzpolitische Katze im Sack, sondern klare und ehrliche Politik.  
Die Bürgerinnen und Bürger sind sich einig: Wir brauchen einen  
handlungsfähigen Staat – und dafür brauchen wir solide Finanzen.  
Aktive Politik vor Ort gelingt nur mit Kommunen, die nicht durch  
Überschuldung und zu geringe Finanzkraft ihrer Handlungsfähig-  
keit beraubt sind, der Bildungsaufbruch gelingt nur mit starken  
Länderfinanzen und der soziale Ausgleich gelingt nur mit einem  
handlungsfähigen Bundeshaushalt. Schaffen wir dafür endlich eine  
politische Mehrheit. Wir halten deshalb Einnahmen und Ausgaben  
im Gleichgewicht und sorgen für eine faire Finanzierung unseres  
Gemeinwesens, an dem alle teilhaben und starke Schultern mehr  
tragen als schwache.  
Eine solide Finanzpolitik eröffnet demokratische Gestaltungs-  
spielräume und macht so Einmischung erst möglich. Hohe Schulden  
setzen die öffentliche Hand den Kreditgebern auf den Finanzmärk-  
ten aus. Schuldenabbau ist deswegen ein wesentlicher Baustein, um  
das Primat der Politik wieder gelten zu lassen.  
Wir wollen solide Finanzen, um eine gute Zukunft zu schaffen:  
Wer jetzt nicht in Bildung investiert, begeht ein schweres Versäum-  
nis. Wer jetzt nicht die ökologische Transformation vorantreibt,  
muss später mit viel Geld Umweltschäden beseitigen. Wer zulässt,  
dass Menschen in Armut leben, der sorgt für Perspektivlosigkeit.  
Wer heute nicht für solide öffentliche Finanzen sorgt, der verbaut  
uns eine gute Zukunft.ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
76  
Besser haushalten1. Ökologisch, gerecht und wirtschaftlich vernünftig:  
die grüne Steuerpolitik  
Grüne Steuerpolitik ist ökologisch, weil sie dazu beiträgt, dass  
Preise die ökologische Wahrheit sagen. Dafür wollen wir die öko-  
logische Finanzreform vorantreiben. Der Anteil der Einnahmen aus  
Umweltsteuern am Gesamtsteueraufkommen ist in den vergange-  
nen Jahren jedoch inflationsbedingt gefallen und damit der Anreiz  
zu ökologischem Verhalten. Diesen Trend wollen wir durch einen  
schrittweisen Abbau umweltschädlicher Subventionen umkehren.  
Dazu gehört eine Reform der Luftverkehrsteuer, der Kfz-Steuer  
und der Besteuerung von Diesel und Heizstoffen ebenso wie eine  
ökologische Besteuerung von Dienstwagen und das Streichen von  
Ausnahmen bei der Ökosteuer. Wir wollen die ökologische Finanz-  
reform auch auf nicht energetische Rohstoffe ausweiten, um die  
umweltschädliche Verschwendung von Düngemitteln, Baustoffen  
und Verpackungen zu reduzieren. Wir setzen uns für eine Anglei-  
chung der Energie- und Umweltsteuern in Europa ein.  
Grüne Steuerpolitik ist gerecht, weil stärkere Schultern mehr  
tragen als schwache. Damit trägt sie zum sozialen Ausgleich bei.  
Gerecht ist oft auch einfach: Wenn wir das Steuerrecht entrümpeln  
und seine Qualität verbessern, reduziert das Gestaltungsmöglich-  
keiten findiger Steuertrickser. Gleichzeitig ermöglichen wir so den  
Finanzämtern geltendes Steuerrecht durchzusetzen – ein Beitrag  
zur Steuergerechtigkeit. Ein besserer Steuervollzug und die Be-  
kämpfung von Steuerhinterziehung ist ein zentraler Baustein grüner  
Steuerpolitik. Deutschland gehen laut Schätzungen jedes Jahr Steu-  
ereinnahmen in Höhe von 150 Mrd. Euro verloren, weil das kom-  
plizierte Steuerrecht Schlupflöcher besonders für hohe Einkommen  
eröffnet, weil große Unternehmen ihre Steuerlast international ver-  
lagern können und weil die Steuerprüfung und Steuerfahndung der  
Länder personell oft unzureichend ausgestattet ist oder Ausstände  
nicht konsequent eingetrieben werden, wie beispielsweise die Ver-  
tragsstrafe und der Schadensersatz von Toll Collect in Höhe von fast  
5 Mrd. Euro. Es sind die ehrlichen BürgerInnen, die deshalb mehr  
Steuern zahlen müssen oder weniger öffentliche Leistungen erhal-  
ten. Und es sind die kleineren und national tätigen Unternehmen,  
die so mehr belastet werden als ihre größeren Konkurrenten. UmTeilhaben. einmischen. ZukunfT schaffen.  
bundestagswahlprogramm 2013  
bÜnDnis 90/Die GRÜnen  
77  
Besser haushaltendie Steuertricksereien multinationaler Unternehmen wirksam ver-  
hindern zu können, brauchen wir mehr Transparenz. Wir fordern  
daher länderbezogene Offenlegungspflichten. Parallel zum politi-  
schen Einsatz für eine verbindliche EU-Regelung wollen wir diese  
Offenlegungspflichten in einem ersten Schritt auch national umset-  
zen. Wir setzen uns dafür ein, dass international agierende Unter-  
nehmen ihre Gewinne in den Ländern versteuern müssen, in denen  
sie erwirtschaftet werden. Steueroasen wollen wir effektiv be-  
kämpfen: Hierzu werden wir uns u. a. für eine europäische schwarze  
Liste und für Sanktionen gegen kooperationsunwillige Banken und  
Länder einsetzen.  
Eine wirkungsvolle Steuerprüfung und Steuerfahndung sind im  
Sinne der Steuergerechtigkeit und ein Beitrag zu soliden öffentlichen  
Finanzen, die die Interessen aller drei Ebenen berücksichtigt. Wir  
setzen uns für personelle und organisatorische Verbesserungen der  
Steuerverwaltung ein und wollen eine Bundessteuerverwaltung, die  
das Nebeneinander der Ländersteuerverwaltungen ersetzt. Die im  
Finanzverwaltungsgesetz enthaltenen Bundeskompetenzen sind zu  
nutzen, um einheitliche Mindeststandards bei der Steuererhebung  
und -prüfung festzulegen und durchzusetzen. Steuergestaltungs-  
modelle sollen zum Schutz vor missbräuchlicher Steuergestaltung  
meldepflichtig und offengelegt werden, um sie zu verhindern. Das  
steuerliche Bankgeheimnis muss abgeschafft und durch eine grund-  
sätzliche Kontrollmitteilungspflicht der Banken ersetzt werden, wie  
sie heute bereits in den meisten OECD-Ländern besteht. Finanz-  
transaktionen in und aus Niedrigsteuerländern werden in Frankreich  
mit einer Strafsteuer belegt. Das wollen wir für alle EU-Staaten zur  
allgemeinen Regel machen. Doppelbesteuerungsabkommen müs-  
sen einen automatischen Informationsaustausch enthalten und so  
ausgestaltet sein, dass sie aggressive Steuergestaltung und schädli-  
chen Steuerwettbewerb zwischen Staaten verhindern. Daher wol-  
len wir in den deutschen Doppelbesteuerungsabkommen von der  
Freistellungs- zur Anrechnungsmethode übergehen.  
Wir wollen eine gleichmäßige steuerliche Belastung von Unter-  
nehmen erreichen, unabhängig von Größe, Branche oder interna-  
tionaler Ausrichtung. Instrumente gegen Missbrauch und für den  
Erhalt von nationalen Steueraufkommen wollen wir überprüfen,  
weiterentwickeln und gegebenenfalls nachschärfen. Nach den letz-ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
78  
Besser haushaltenten Änderungen der schwarz-gelben Koalition bei der Funktions-  
verlagerungsbesteuerung und der Zinsschranke muss sichergestellt  
sein, dass die ursprüngliche Zielsetzung und Aufkommenswirkung  
dieser Regelungen auch erreicht wird.  
Grüne Steuerpolitik ist wirtschaftlich vernünftig. Wir erhöhen Steu-  
ern, die wirtschaftliche Aktivitäten nur gering beeinflussen, und erzeu-  
gen mit den damit finanzierten öffentlichen Investitionen neue wirt-  
schaftliche Dynamik: Der Mittelständler vor Ort profitiert direkt von  
einer leistungsfähigen öffentlichen Infrastruktur, etwa einem guten  
Verkehrsnetz, einem Zugang zu Breitbandinternet und guten Schulen.  
Eine höhere Erbschaftsteuer ist anreizneutral, weil erben nichts  
mit Leistung zu tun hat. Vom Aufkommen profitieren allein die Län-  
der, Mehreinnahmen können für dringend notwendige Investitionen  
in bessere Bildungs- und Betreuungsangebote verwendet werden. So  
unterstützen wir auch die Länder mit höheren Einnahmen bei ihren  
Konsolidierungsanstrengungen. Wir streben an, das Aufkommen  
aus der Erbschaftsteuer auf 8,6 Mrd. Euro zu verdoppeln. Dazu be-  
enden wir das verfassungswidrige und unsoziale Wirrwarr der bis-  
herigen Regelungen. Wir wollen die Bevorzugung von Erbschaften  
und Schenkungen gegenüber anderen Einkünften einschränken, in-  
dem wir die Freibeträge wieder auf ein vernünftiges Maß festsetzen  
und so die Bemessungsgrundlage verbreitern. Kleine Erbschaften  
wollen wir weiterhin nicht besteuern. Die von der großen Koaliti-  
on eingeführte Befreiung von Betriebsvermögen ist ungerecht und  
verfassungswidrig. Wir setzen stattdessen auf gesonderte Freibe-  
träge und Stundungsregelungen, um Liquiditätsengpässe bei der  
Betriebsübertragung zu vermeiden. Fälle, in denen Erbschaftsteuer  
und Vermögensabgabe parallel anfangen würden, werden wir so be-  
rücksichtigen, dass keine doppelten Belastungen und keine Substanz-  
besteuerung auftreten können, z. B. durch eine zeitliche Streckung.  
Statt kommunalen Investitionsstaus brauchen wir Geld für eine  
gute Politik vor Ort. Neben ihren Anteilen an Einkommen- oder  
Mehrwertsteuer sollen die Kommunen auf ihre eigenen Quellen  
zählen können: Die Reform der Grundsteuer wollen wir zügig vo-  
rantreiben. Dazu haben wir ein Modell diskutiert, nach dem die  
Grundsteuer nach den aktuellen, pauschalierten Verkehrswerten  
berechnet werden soll. Leitplanken sind für uns GRÜNE: eine ver-  
fassungsfeste, gerechte Besteuerung ohne ökologische Fehlanreize.TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
79  
Besser haushaltenDas Hebesatzrecht liegt bei den Kommunen. Die Gewerbesteuer  
soll zu einer kommunalen Wirtschaftsteuer mit breiter Bemessungs-  
grundlage ausgeweitet werden. Diese gilt auch für FreiberuflerInnen  
und zieht Zinsen, Mieten und Lizenzgebühren stärker als bisher bei  
der Berechnung heran. Da diese die Gewerbesteuer auf die Einkom-  
mensteuer anrechnen können, würden sie im Regelfall nicht mehr  
belastet, aber künftig als selbständige UnternehmerInnen ihren  
Beitrag zur Finanzierung der kommunalen Infrastruktur leisten. An  
der Anrechnung der Gewerbesteuer auf die Einkommensteuer hal-  
ten wir fest. So wird das Steueraufkommen stabiler und zwischen  
den Kommunen gleichmäßiger verteilt. In einer notwendigen Dis-  
kussion um die Neuregelung des Länderfinanzausgleichs müssen  
die Fragen eigener Einnahmequellen für die Länder, die Neuord-  
nung des Finanzausgleichs, Probleme der Konnexität und der Wei-  
terleitung von Finanzmitteln zwischen den Ebenen, Altschuldenhilfe  
auch für überschuldete Kommunen und einer kommunalen Min-  
destausstattung gerade vor dem Hintergrund der Schuldenbremse  
baldmöglichst in einer weiteren Föderalismuskommission zwischen  
Bund, Ländern und Kommunen geklärt werden.  
Die Verschuldung von Ländern und Kommunen hat eine Höhe er-  
reicht, welche die Erfüllung der Daseinsvorsorge in Frage stellt und  
notwendige Investitionen in Bildung und Klimaschutz verhindert.  
Vielen Kommunen und Ländern fehlt das Geld, um die Zinslasten  
zu schultern und mit der Tilgung zu beginnen und die harten Bedin-  
gungen der Schuldenbremse einzuhalten. Und deswegen hat grüne  
Finanzpolitik immer die Kassenlage aller staatlichen Ebenen im Blick.  
Durch unsere Vorschläge zum Subventionsabbau und zur Steuerer-  
höhung erhalten Länder und Gemeinden substantielle Mehreinnah-  
men, die sie für ihre laufenden Ausgaben sowie den Schuldendienst  
und -abbau dringend brauchen. Mit dem Auslaufen des Solidaritäts-  
zuschlages wollen wir im Rahmen einer Föderalismuskommission III  
eine neue gesetzliche Grundlage für die Erhebung eines Zuschlages  
auf die Einkommensteuer erarbeiten. Ziel ist es, einen Altschuldentil-  
gungsfonds aufzubauen, der Länder und Kommunen entlastet, da-  
mit diese ihre strukturellen Defizite abbauen und die Schuldenbremse  
einhalten können. Bis dahin ist es aber nicht einzusehen, dass Bund  
und Länder unterschiedlich hohe Zinsen zahlen müssen – obwohl sie  
in einer faktischen Haftungsgemeinschaft sind. Verfassungskonfor-ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
80  
Besser haushaltenme Deutschlandbonds können ein Instrument sein, um eine gemein-  
same Schuldenaufnahme zu organisieren.  
Die EU-Kommission stellt fest, dass den Mitgliedsstaaten jähr-  
lich rund 1 Billion Euro an Steuereinnahmen verloren gehen. Das  
macht klar: Europas Finanzprobleme liegen nicht einseitig auf der  
Ausgabenseite. Gleichzeitig hat sich die Verteilung der Steuerlast  
verschlechtert. Immer weniger Einnahmen kommen aus vermö-  
gensbezogenen Steuern und Unternehmenssteuern. Der europäi-  
sche Binnenmarkt ermöglicht grenzenloses Wirtschaften, während  
die Steuerpolitik meist an den Grenzen Halt macht. Steuervermei-  
dung und Steuerbetrug sind die Folge.  
Dem stellen wir einen europäischen Steuerpakt entgegen,  
damit auch diejenigen für die Einhaltung des europäischen Fis-  
kalpakts sorgen, die sich bisher vor einer fairen Lastenverteilung  
gedrückt haben: Eine europaweit koordinierte Vermögensabgabe  
dient dem Schuldenabbau. Eine gemeinsame Körperschaftsteuer-  
Bemessungsgrundlage verringert Steuertricksereien und schafft  
Chancen für kleinere Unternehmen, für die dann nur ein Steuer-  
recht gilt. Wir wollen auch, dass international tätige Konzerne ihre  
Steuerzahlungen sowie ihre Gewinne, Umsätze und Beschäftigten  
nach Ländern getrennt offenlegen müssen. Dann wird es für jeden  
erkennbar, wenn ein Unternehmen in Europa wirtschaftet, seine  
Gewinne aber in ein Niedrigsteuerland verschiebt und darauf keine  
Steuern gezahlt werden. Eine Gewinnbesteuerung von mindestens  
25 % vermeidet ruinösen Steuerwettbewerb. Die Steuerrichtlinien  
der EU müssen so überarbeitet werden, dass Steuergestaltung mit  
dem Ziel der Niedrig- oder Nichtbesteuerung verhindert wird. Wir  
wollen auch erreichen, dass sich die EU auf Mindeststandards für  
die Besteuerung im Verhältnis zu Drittstaaten einigt. Der Kampf ge-  
gen Steueroasen in der EU ist eine Gerechtigkeitsfrage mit massiven  
fiskalpolitischen Auswirkungen. Gleiches gilt für den automatischen  
Informationsaustausch bei Kapitaleinkommen zur Bekämpfung von  
Steuerhinterziehung. Wenn Banken wiederholt und schwerwiegend  
gegen Steuergesetze verstoßen, soll ihnen EU-weit der Lizenzent-  
zug drohen. Die Steuerpflicht wollen wir wie die USA an die Natio-  
nalität koppeln und so Steuervermeidung per Wegzug verhindern.  
Letztlich braucht auch die Ökosteuer ein europäisches Fundament,  
um beispielsweise Tanktourismus einzudämmen.TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
81  
Besser haushaltenGerade die Steuerpolitik macht den Mehrwert der Europäischen  
Union deutlich. Nationale Souveränität ist an dieser Stelle häufig  
nur noch eine leere Hülle. Gemeinsam können wir mehr erreichen  
als mit einem steuerpolitischen Nebeneinander.  
2\. Starke Schultern schaffen mehr als schwache:  
die grüne Einkommensteuer  
Die Höhe der Einkommensteuersätze kannte in den vergangenen  
Jahren fast nur eine Richtung: nach unten. Am oberen Ende des Ta-  
rifs war das weder finanzpolitisch vernünftig noch sozial gerecht: Die  
Staatsverschuldung hat in der Folge ebenso wie die Einkommens-  
und Vermögenskonzentration zugenommen. Um dem entgegen-  
zuwirken, soll der Spitzensteuersatz auf 45 % bei 60.000 Euro zu  
versteuerndem Einkommen linear verlängert werden, um dann bei  
80.000 Euro bei 49 % zu liegen. Gleichzeitig wollen wir das steuer-  
freie Existenzminimum für alle auf mindestens 8.700 Euro anheben.  
Dadurch bleiben netto ca. 3 Mrd. Euro Mehreinnahmen für Bund,  
Länder und Gemeinden. So zahlen alle mit einem Einkommen unter  
60.000 Euro pro Jahr weniger, der Rest mehr. Die Steuererhöhung  
für weniger als drei Millionen Vielverdienende finanziert so die  
Steuersenkungen für viele Geringverdienende.  
Es geht uns aber auch um eine Vereinfachung der Einkommen-  
steuer. Die zahlreichen Ausnahmen und Subventionen sind nicht  
immer gerechtfertigt. Dazu werden wir die Einführung einer nega-  
tiven Einkommensteuer prüfen. Denn einfach ist oft auch gerecht,  
weil sich nur die Reichen und die großen Unternehmen findige  
Steuerberater leisten können.  
3\. Schulden abbauen: die grüne Vermögensabgabe  
Eine hohe Vermögenskonzentration ist Sprengstoff für den sozialen  
Zusammenhalt und fiskalpolitisch eine Zumutung. Während der Staat  
auf atemberaubend hohen Schuldenbergen sitzt, wächst das priva-  
te Vermögen scheinbar unaufhaltsam. Es ist gerecht, wenn sich das  
Gemeinwesen einen Beitrag bei den sehr hohen Vermögen holt, umZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
82  
Besser haushaltendamit den Schuldenberg abzubauen. Nur so kommen wir von der gi-  
gantischen Pyramide aus Schulden und Vermögen, die die Weltwirt-  
schaft in den letzten Jahren ins Chaos gestürzt hat, herunter.  
Die einmalige und zeitlich befristete Vermögensabgabe nach  
Artikel 106 Grundgesetz soll über mehrere Jahre insgesamt rund  
100 Mrd. Euro einbringen. Geld, das ausschließlich in den Abbau der  
Bundesschulden fließt. Die sind durch Konjunkturpakete und Banken-  
rettung massiv gestiegen, allein während der Kanzlerschaft Angela  
Merkels um rund 500 Mrd. Euro. Die Bankenrettung hat nicht zuletzt  
das Eigentum der Vermögenden gesichert. Es ist deswegen fair und  
gerecht, von ihnen einen Beitrag zu verlangen. Die grüne Vermö-  
gensabgabe wird weniger als 1 % der BürgerInnen mit jeweils einem  
Nettovermögen von mehr als 1 Mio. Euro treffen. Für Betriebsvermö-  
gen begrenzen wir die Abgabe auf maximal 35 % des Gewinns und  
verhindern, dass Unternehmen in ihrer Substanz getroffen werden.  
Unser Ziel bleibt mittelfristig die Wiederbelebung einer verfas-  
sungskonformen Vermögensteuer, deren Aufkommen allein den  
Ländern zusteht. Die Vermögensteuer soll nach Auslaufen der Ab-  
gabe erhoben werden. Sie sollte an die Bemessungsgrundlage der  
Vermögensabgabe anknüpfen, ebenso wie diese eine Substanzbe-  
steuerung von Betriebsvermögen vermeiden und möglichst wenig  
Verwaltungsaufwand verursachen. Dies werden wir auf allen Ebenen  
vorantreiben und im Bundesrat und im Bundestag Mehrheiten für  
eine verfassungskonforme Wiedereinführung der Vermögensteuer  
suchen und nutzen.  
4\. Unfaire Steuerschlupflöcher stopfen:  
grüner Subventionsabbau  
Mehrwertsteuerermäßigungen wie beispielsweise für Hotels, Fast  
Food, Schnittblumen oder Skilifte schaffen wir ab. Das ist ein Büro-  
kratie-Abbauprogramm, das mehr als 3 Mrd. Euro zusätzliche Ein-  
nahmen für alle staatlichen Ebenen bringt. Gleichzeitig treten wir  
für eine europäische Reform der Mehrwertsteuer ein. Durch eine  
stärkere Harmonisierung und eine Umkehr der Steuerschuldner-  
schaft (Reverse Charge) bekämpfen wir Betrug und bauen Bürokra-  
tie ab. Dies bringt Mehreinnahmen für die Haushalte aller EU-Mit-TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
83  
Besser haushaltengliedsstaaten, denen laut EU-Kommission jährlich ein dreistelliger  
Milliardenbetrag durch Mehrwertsteuerbetrug entgeht. Das Ab-  
schmelzen ökologisch schädlicher Subventionen – beispielsweise  
der Dienstwagenbesteuerung, der Flugverkehrsprivilegien oder der  
Ausnahmen bei der Ökosteuer – bringt 7,5 Mrd. Euro.  
Die Abgeltungsteuer bevorzugt Kapital- gegenüber Arbeitsein-  
kommen und ist damit eine Privilegierung der Rentiers auf Kosten  
der Allgemeinheit. Diese Subvention von Finanzinvestitionen ge-  
genüber realen Investitionen und von Fremdkapital gegenüber Ei-  
genkapital gehört abgeschafft und Kapitaleinkommen wieder pro-  
gressiv besteuert. Die Abzugsfähigkeit von Gehältern und Boni als  
Betriebsausgaben wollen wir auf 500.000 Euro beschränken, damit  
hohe Einkommen nicht weiter subventioniert werden.  
Mit der Vereinheitlichung der Abzugs- und Begünstigungsrege-  
lungen in der Einkommensteuer und den Sozialversicherungen leisten  
wir einen Beitrag zum Bürokratieabbau. Wir wollen prüfen, inwieweit  
bestehende Steuerabzüge durch Steuergutschriften ersetzt werden  
können, damit die Steuerersparnis sich an den tatsächlichen Kosten  
und nicht an der Steuerprogression bemisst. Wir GRÜNE wollen auf  
Bund-Länder-Ebene einen Prozess initiieren, der die vom Grundge-  
setz geforderten Grundsätze der Ablösung der altrechtlichen Staats-  
leistungen aufstellt. Darüber werden wir mit den betroffenen Religi-  
onsgemeinschaften verhandeln.  
Es gibt eine Schieflage bei den familienpolitischen Leistungen.  
Fehlende Investitionen in Bildungs- und Betreuungsinfrastruktur hat  
die Durchlässigkeit der Gesellschaft gemindert und die Benachteili-  
gung von Frauen verschärft. Wir wollen diese Schieflage beseitigen  
– statt der Ehe wollen wir Kinder fördern. Das Ehegattensplitting wol-  
len wir deshalb durch eine Individualbesteuerung mit übertragbarem  
Existenzminimum ersetzen. Das steigert Erwerbsanreize für Frauen  
und ist damit ein wichtiger Beitrag zur eigenständigen Existenzsiche-  
rung und senkt damit das Armutsrisiko von Frauen und Familien. Wir  
wollen bestehende und neue Ehen dabei gleichbehandeln. Dies kann  
vor allem durch eine Deckelung des Splittingvorteils erreicht werden,  
der die Belastung aus der Reform des Ehegattensplittings am Anfang  
auf Haushalte mit einem Einkommen von zusammen mindestens  
60.000 Euro begrenzen würde. Wir halten es derzeit für realistisch,  
diesen Splittingdeckel schrittweise innerhalb von zehn Jahren abzu-ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
84  
Besser haushaltenbauen. Wir werden dabei prüfen, wie sich durch unsere Reformen die  
Lebensqualität von Familien und insbesondere die Erwerbssituation  
von Frauen verändert. Einnahmen, die dem Staat durch das Ehegat-  
tensplitting bisher entgehen, wollen wir zur Finanzierung von guten  
Kitas, Ganztagsschulen und für eine Kindergrundsicherung nutzen.  
Die Kindergrundsicherung kann dazu beitragen, eine übermäßige Be-  
lastung kinderreicher Familien durch das Abschmelzen des Splittings  
zu vermeiden. Frauen, die aufgrund der bestehenden Regelungen aus  
dem Beruf ausgestiegen sind, wollen wir mit einem umfassenden Ak-  
tionsprogramm den Wiedereinstieg ins Berufsleben erleichtern.  
5\. Eine andere Politik ist möglich:  
die grünen Ausgabenprioritäten ab 2014  
Grüne Haushaltspolitik hält Maß. Es ist klar: Die Schuldenbremse  
gilt ebenso wie die europäischen Stabilitätskriterien. Wir GRÜNE  
sind verlässlich. Das haben wir in Kommunen und Ländern oft ge-  
zeigt. Wir versprechen finanzpolitisch nichts, was nicht zu halten  
ist. Daher sagen wir, was wir sofort finanzieren können, was wir  
zeitlich schieben müssen und wo Subventionen und andere Ausga-  
ben reduziert werden können. Gute Politik besteht aus dem Mut,  
Prioritäten zu setzen. Diesen Mut haben wir.  
Wir wollen den grünen Wandel voranbringen – für einen ökolo-  
gischen Aufbruch der Wirtschaft und für gute Arbeit. Wir streiten  
für einen gesellschaftlichen und demokratischen Aufbruch. Wir be-  
schreiben nicht nur das Ziel, sondern auch den Weg dorthin. Leit-  
motive sind dabei: Teilhabe, sozialer Ausgleich, ökologischer Um-  
bau, Chancengleichheit und globale Gerechtigkeit.  
Unterm Strich stehen 2014 als Folge grüner Einnahmeverbes-  
serungen, von Subventionsabbau und Einsparungen 12 Mrd. Euro  
für haushaltswirksame grüne Projekte zur Verfügung. Der geltende  
Finanzplan des Bundes bildet für diese Berechnung die Basis. Dem  
Vorsichtsprinzip folgend schaffen wir einen Puffer für Zins- und  
Konjunkturrisiken. Die konkreten Projekte vom Klimaschutz über  
Arbeitsmarktpolitik bis zur Eingliederungshilfe in den Kommunen  
finden sich in den entsprechenden Kapiteln des Wahlprogramms.TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
85  
Besser haushaltenWer GRÜN wählt …  
• bekommt eine ehrliche und solidarische Finanzpolitik,  
damit öffentliche Leistungen endlich wieder ohne Schulden  
finanziert werden.  
• tut was für den Schuldenabbau. Die grüne Vermögens-  
abgabe fließt zu 100 % in die Schuldentilgung.  
• kann sich sicher sein, dass Bund, Länder und Gemeinden  
von grüner Finanzpolitik profitieren. Nur so ist eine aktive  
Politik vor Ort möglich.  
• weiß, dass nicht alles gleichzeitig finanzierbar ist.  
Unsere Prioritäten sind ausgewogen, durchgerechnet und  
damit ein verlässliches Angebot an die Wählerinnen und  
Wähler.  
• kann sich sicher sein, dass wir niemanden finanziell  
überfordern.  
Schlüsselprojekte  
Staatsverschuldung abbauen –  
Vermögensabgabe einführen  
Deutschland hat einen riesigen Schuldenberg angehäuft. Allein  
zwischen 2007 und 2012 sind die Staatsschulden um 500 Mrd. auf  
über 2 Billionen Euro gewachsen. Unsere Steuergelder werden zum  
Schuldendienst gebraucht. Sie fehlen für den sozialen und ökolo-  
gischen Umbau, der unsere Gesellschaft auf die Zukunft vorberei-  
ten soll. Wir sind die einzige Partei, die einen konkreten und sozial  
ausgewogenen Vorschlag zum Schuldenabbau macht. Wir führen  
eine zeitlich befristete Vermögensabgabe ein, die das reichsteZeit für den grünen Wandel  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BündniS 90/die grünen  
86  
Besser haushaltenProzent der deutschen Bevölkerung betrifft. Die Betriebsvermö-  
gen schützen wir und eine Substanzbesteuerung wird vermieden.  
Die Einnahmen dienen ausschließlich der Senkung des Altschul-  
denstandes. So senken wir die Staatsverschuldung.  
Niedrige Steuern für Geringverdiener und Mittelschicht –  
gerechte Reform der Einkommensteuer  
Das derzeitige Einkommensteuersystem ist ungerecht. Wir er-  
höhen deshalb den Grundfreibetrag auf 8.700 Euro. Das kommt  
vor allem den Geringverdienern zugute. Gutverdiener sollen et-  
was mehr zur Finanzierung öffentlicher Leistungen beitragen.  
Wir wollen deshalb den Spitzensteuersatz für Einkommen ab  
80.000 Euro auf 49 % erhöhen. Daneben wollen wir Kapital-  
erträge wie alle anderen Einkommen besteuern. Bisher werden  
Kapitalerträge, egal ob 10.000 oder 1 Mio. Euro, fest mit 25 %  
besteuert und damit ohne Grund gegenüber Einkommen aus  
Arbeit privilegiert. Alle, die weniger als 60.000 Euro Jahresein-  
kommen haben, werden entlastet. Wer mehr verdient, trägt  
in Zukunft mehr zur Finanzierung unseres Gemeinwesens bei.  
Das ist gerechter.  
Ökologische Finanzreform weiterführen –  
umweltschädliche Subventionen abbauen  
Im Steuerrecht wimmelt es noch immer vor ökologisch schäd-  
lichen Steuersubventionen. Das Umweltbundesamt bezif-  
fert das Volumen dieser ökologisch schädlichen Subventionen  
auf bis zu 48 Mrd. Euro. Das werden wir ändern. Wir können  
zwar nicht alles auf einen Schlag abschaffen, doch das Ab-  
schmelzen ökologisch schädlicher Subventionen – beispiels-  
weise der Dienstwagenbesteuerung, der Flugverkehrsprivilegi-  
en oder der Ausnahmen bei der Ökosteuer – bringt uns in der  
nächsten Legislaturperiode 7,5 Mrd. Euro. Das mindert den  
Umweltverbrauch und verbessert die Finanzierung unseres  
Gemeinwesens.TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
87  
Teilhaben an guter ArbeitE. Teilhaben an guter Arbeit  
Wie wir Arbeit unter guten Bedingungen für alle schaffen  
Erwerbsarbeit hat in unserer Gesellschaft einen zentralen Stellen-  
wert. Auch ehrenamtliche und Familienarbeit ist ein wichtiger  
Bereich. Gute Erwerbsarbeit ist Grundlage für ein auskömmliches  
Einkommen und für Sicherheit, sie ist auch Voraussetzung für Ent-  
faltung und Anerkennung. Gesunde Arbeitsbedingungen, starke  
ArbeitnehmerInnenrechte, Beschäftigtendatenschutz und Mitbe-  
stimmung sind für uns Merkmale guter Arbeit. Beruf kommt von  
Berufung – ein guter Job kann Erfüllung bedeuten. Genauso ist aber  
ein mieser Job eine große Belastung. Und leider haben die miesen  
Jobs massiv zugenommen.  
Arbeitsplätze, die auskömmlich sind und Sicherheit bieten, sind  
für mehr und mehr Menschen unerreichbar, denn neue Jobs ent-  
stehen überwiegend befristet, in der Leiharbeit, als Niedriglohnjobs  
oder als Minijobs. Angela Merkel hat diese verheerende Entwick-  
lung nicht nur zugelassen, sondern mit ihrer Politik massiv verstärkt.  
Die Zahl der Arbeitslosen hat sich auf den ersten Blick zwar  
deutlich verringert. Doch beim genauen Hinschauen wird deutlich:  
Der Arbeitsmarkt ist zutiefst gespalten. Er ist gespalten zwischen  
Beschäftigten und den knapp drei Millionen Arbeitslosen. Er ist ge-  
spalten zwischen Menschen, die einen relativ sicheren Arbeitsplatz  
haben, und prekär Beschäftigten. Er ist gespalten zwischen Frauen  
und Männern, da Frauen für gleiche und gleichwertige Arbeit un-  
gleichen Lohn bekommen. Er ist gespalten, weil es viele ältere und  
behinderte Menschen gibt, die ihre Berufs- und Lebenserfahrung  
einbringen wollen, nur fragt niemand danach. Er ist gespalten zwi-  
schen Menschen, die eine Beschäftigung aufnehmen dürfen, und  
denen, die aufgrund ihrer Herkunft vom Arbeitsmarkt ausgeschlos-  
sen sind. Er ist gespalten zwischen Menschen, die unter Überlas-  
tung leiden, und jenen, die gern mehr arbeiten würden. Und er ist  
immer noch gespalten zwischen Ost- und Westdeutschland, ins-  
besondere mit Blick auf die Zahl der arbeitslosen Menschen sowie  
das Lohnniveau.Zeit für den grünen Wandel  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BündniS 90/die grünen  
88  
Teilhaben an guter ArbeitWährend die Einkommen einiger weniger immer weiter anstei-  
gen, sinken die Reallöhne vieler Beschäftigter seit mehr als einem  
Jahrzehnt. Die Schere zwischen kleinen und großen Einkommen  
geht auseinander, und in vielen Berufsgruppen erleben wir eine  
Verschlechterung der Arbeitsbedingungen und der Bezahlung.  
Und immer noch hängen in kaum einem Land soziale Herkunft,  
Bildungschancen und beruflicher Erfolg so eng zusammen wie bei  
uns. Es ist etwas ins Rutschen gekommen. Teilhabe und Aufstiegs-  
möglichkeiten für alle sind nicht mehr selbstverständlich.  
In der Gesellschaft gibt es längst einen breiten Konsens, dass  
jede und jeder von der eigenen Arbeit gut und auskömmlich leben  
können muss. Packen wir das endlich an.  
Mit unserer grünen Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik wollen  
wir die Spaltungen auf dem Arbeitsmarkt überwinden, gute und  
sichere Arbeit für alle ermöglichen und Aufstiegsblockaden lösen.  
Wir machen uns stark für Mitbestimmung und dass sich die  
Menschen einmischen können – auch am Arbeitsplatz und im Job-  
center. Dafür wollen wir bessere ArbeitnehmerInnenrechte, starke  
Gewerkschaften und für Erwerbslose eine Arbeitsvermittlung auf  
Augenhöhe.  
Wir stoßen die Türen auf für die Arbeitsplätze der Zukunft –  
durch eine grüne Industriepolitik und den Aufbau einer grünen  
Infrastruktur, durch den Ausbau von Bildung und sozialen Dienst-  
leistungen.  
1\. Gute Arbeit braucht faire Löhne und Sicherheit  
Wir müssen endlich zu fairen Verhältnissen auf dem Arbeitsmarkt  
kommen. Armut trotz Arbeit ist inakzeptabel. 20 % der Beschäf-  
tigten arbeiten in Deutschland für einen Niedriglohn, davon  
6,8 Millionen für weniger als 8,50 Euro pro Stunde. Viele brau-  
chen einen zweiten Job. Und über 330.000 Vollzeitbeschäftigte  
sind neben ihrem Lohn auf ALG-II-Leistungen angewiesen. Es gibt  
immer noch Tariflöhne, von denen kein Mensch leben kann, wie  
die Frisörin in Thüringen mit 3,18 Euro pro Stunde. Viele Men-  
schen arbeiten als Beschäftigte in der Leiharbeit und sind ohne  
Perspektive auf eine Festanstellung. Tarifflucht nimmt zu, auchTEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
89  
Teilhaben an guter Arbeitvermehrt durch Werkverträge. Die Hälfte der Neuverträge ist be-  
fristet.  
Wir brauchen wieder soziale Leitplanken auf dem Arbeitsmarkt.  
Darum streiten wir für einen flächendeckenden gesetzlichen Min-  
destlohn von mindestens 8,50 Euro. Die genaue Höhe soll von einer  
Mindestlohnkommission festgelegt werden, zusammengesetzt aus  
Gewerkschaften, Arbeitgeberverbänden und ExpertInnen aus der  
Wissenschaft. Der Mindestlohn wird unter Berücksichtigung der  
Beschäftigungseffekte, der Inflation und der gesamtwirtschaftli-  
chen Auswirkungen von der Kommission angepasst. Gleichzeitig  
muss es leichter werden, branchenspezifische Mindestlöhne und  
Branchentarifverträge für allgemeinverbindlich zu erklären. Damit  
stärken wir das Tarifvertragssystem und bekämpfen Tarifflucht.  
Davon profitieren die Beschäftigten und auch die tariftreuen Be-  
triebe gleichermaßen.  
Noch immer verdienen Frauen in Deutschland im Durchschnitt  
22 % weniger als ihre männlichen Kollegen – unter anderem auch  
weil Berufe, in denen hauptsächlich Frauen arbeiten, oft nicht ihren  
Anforderungen entsprechend entlohnt werden. Um die Benachtei-  
ligung von Frauen am Arbeitsmarkt zu beenden, fordern wir ein  
Entgeltgleichheitsgesetz mit verbindlichen Regelungen, wirksamen  
Sanktionen und einem Verbandsklagerecht. Damit wollen wir den  
Grundsatz „gleicher Lohn für gleiche und gleichwertige Arbeit“  
mit Leben füllen und gleichzeitig die frauentypischen Berufe ge-  
sellschaftlich aufwerten. Mit einem Gleichstellungsgesetz für die  
Privatwirtschaft sollen Betriebe und Tarifpartner zu aktiven Maß-  
nahmen zur Gleichstellung verpflichtet werden.  
25 % der Beschäftigten sind in Deutschland inzwischen atypisch  
beschäftigt, fast dreimal so viele Frauen wie Männer. Das sind  
7,8 Millionen Menschen, die entweder mit kleinen Teilzeitjobs, mit  
Leiharbeit, mit befristeter Beschäftigung oder mit Minijobs über die  
Runden zu kommen versuchen. Dazu kommen Scheinselbständige  
und Abrufkräfte. Natürlich sind nicht alle diese Jobs problematisch.  
Allerdings zeigt sich, dass diese Beschäftigungsverhältnisse oft un-  
sicher sind, schlecht entlohnt werden, zu Altersarmut führen und  
viel zu selten Brücken in auskömmliche, sichere Beschäftigung dar-  
stellen. Der Anstieg der prekären Beschäftigung hat aber nicht nur  
für die Beschäftigten negative Auswirkungen, sondern auch FolgenZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
90  
Teilhaben an guter Arbeitfür die Arbeitswelt insgesamt. In Betrieben, in denen immer mehr  
Festangestellte durch externe Leiharbeitskräfte oder Werkvertrags-  
beschäftigte verdrängt werden, da zersplittern die Belegschaften.  
Vor allem werden mit diesen Beschäftigungsformen die Mitbestim-  
mung, der Kündigungsschutz, tarifliche Standards und damit der  
soziale Schutz der Beschäftigten umgangen. Damit stehen kollekti-  
ve Errungenschaften, die über lange Zeit hart erkämpft wurden, nur  
noch auf dem Papier. Der jahrzehntealte gesellschaftliche Konsens  
der Sozialpartnerschaft und die Prinzipien der sozialen Marktwirt-  
schaft werden damit aufgekündigt.  
Viele neue Arbeitsplätze entstehen nur noch als Leiharbeits-  
plätze oder als Billigjobs per Werkvertrag. Klar ist, Unternehmen  
brauchen eine gewisse Flexibilität für Auftragsspitzen. Aber die  
Leiharbeit muss fair ausgestaltet werden. Wir GRÜNE fordern, dass  
Leiharbeitskräfte mindestens die gleiche Entlohnung erhalten wie  
Stammbeschäftigte, und zwar ab dem ersten Tag, und zusätzlich  
einen Flexibilitätsbonus. Leiharbeiterinnen und Leiharbeiter sollen  
die gleichen Rechte haben wie Festangestellte und die Betriebsräte  
in den Entleihbetrieben eine verbesserte Mitbestimmung. Not-  
wendig ist auch eine eindeutige Abgrenzung zwischen Leiharbeit  
und Werkverträgen sowie effektive Kontrollen, denn zweifelhafte  
Werkvertragskonstruktionen dürfen nicht weiter Leiharbeit und ta-  
riflich bezahlte Arbeit ersetzen.  
Bei den befristeten Jobs zeigt sich eine weitere Fehlentwicklung  
am Arbeitsmarkt. Viele Menschen hangeln sich von einem Kurz-  
zeitjob zum nächsten. Sie sind praktisch permanent in der Probezeit  
und können kaum die nötige Sicherheit für ihre Lebensplanung ge-  
winnen. Das belastet insbesondere junge Menschen. Wir wollen die  
Befristungsgründe reduzieren und die Befristung ohne Sachgrund  
abschaffen. Wir wollen insbesondere im Bildungsbereich vermei-  
den, dass Daueraufgaben durch befristete und Honorarverträge  
abgedeckt werden. Der öffentliche Sektor übt eine Vorbildfunktion  
für faire, moderne und zukunftsfähige Beschäftigung aus. Darüber  
hinaus stehen wir zum bestehenden Kündigungsschutz, allerdings  
gilt es, bestehende Lücken zu schließen, beispielsweise bei den Ba-  
gatellkündigungen.  
Neue Antworten erfordert der Wandel auch bei den Sozialver-  
sicherungen. Wir von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN wollen die der-TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
91  
Teilhaben an guter Arbeitzeitige Arbeitslosenversicherung mittelfristig zu einer umfassenden  
Arbeitsversicherung umbauen. Alle Erwerbstätigen, also auch flexi-  
bel Beschäftigte und Solo-Selbständige, sollen einbezogen werden.  
Ansprüche auf Arbeitslosengeld können auch unstetig Beschäftigte  
anmelden, wenn sie mindestens vier von 24 Monaten Beiträge ge-  
zahlt haben. Neben der Absicherung bei Arbeitslosigkeit liegt der  
Fokus der grünen Arbeitsversicherung auf berufsbegleitender Qua-  
lifizierung, gerade für von Arbeitslosigkeit bedrohte Menschen.  
2\. Gute Arbeit braucht einen effektiven Arbeitsschutz  
und starke Mitbestimmung  
Gut ist Arbeit nur dann, wenn sie nicht krank macht. Der Wandel  
der Arbeitswelt führt zu neuen Belastungen. Psychische Erkrankun-  
gen sind inzwischen der Hauptgrund für Frühverrentungen. Frauen  
sind überproportional davon betroffen. Mehr Eigenverantwortung,  
reine Zielorientierung bei freier Arbeitsorganisation – das kommt  
zwar vielen entgegen, aber andere belastet der ständige Termin-  
druck und die vielen Überstunden, die nicht ausgeglichen werden.  
Viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer leiden aber auch unter  
starren Vorgaben, wenig Flexibilität, zu wenig Abwechslung und zu-  
nehmender Intensität. Eine zunehmend belastende Entwicklung für  
viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ist die ständige Erreich-  
barkeit per Handy oder E-Mail auch außerhalb der Arbeitszeiten oder  
die Zunahme von Schicht- und Nachtarbeit. Für uns GRÜNE heißt  
das einerseits, dass der Arbeitsschutz auf die neuen Gefährdungen  
hin überarbeitet werden muss. Deshalb fordern wir eine Anti-Stress-  
Verordnung zum Schutz vor Stress am Arbeitsplatz. Andererseits sind  
Aufsichtsbehörden und Sozialpartner stärker zu sensibilisieren und  
in die Lage zu versetzen, neue Gesundheitsrisiken zu erkennen und  
sie zu beheben. Wir wollen Maßnahmen der betrieblichen Gesund-  
heitsförderung vorantreiben, auch dort, wo prekäre Beschäftigung,  
Teilzeit und Leiharbeit dominieren.  
Gute Arbeit für alle ist nur mit einer starken Mitbestimmung zu  
schaffen. Das bewährte Recht, sich an betrieblichen und unterneh-  
merischen Entscheidungen zu beteiligen, wollen wir bewahren und  
ausbauen. Wir GRÜNE werden uns in der kommenden Wahlperio-ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
92  
Teilhaben an guter Arbeitde dafür einsetzen, dass die Mitbestimmungsrechte in geschützten  
Ausbildungs- und Beschäftigungseinrichtungen, wie in den Werk-  
stätten für behinderte Menschen, weiterentwickelt und verbessert  
werden. Die Mitbestimmungsrechte müssen der sich verändernden  
Arbeitswelt gerecht werden. Das gilt für den Einsatz von Leiharbeit  
und Werkverträgen im Betrieb und wir wollen die paritätische Mit-  
bestimmung in Aufsichtsräten von Unternehmen ab 1.000 Beschäf-  
tigten auch in ausländischen Rechtsformen und die Ausweitung der  
Mitbestimmungsrechte der Betriebsräte bei Umstrukturierungen.  
Die europäischen Betriebsräte wollen wir stärken und die grenzüber-  
schreitende Mitbestimmung zum Kernstück des europäischen Sozial-  
modells machen. Ebenso wollen wir die gleichen Mitbestimmungs-  
rechte unabhängig vom jeweiligen Sektor, also auch im öffentlichen  
Bereich und in Tendenzbetrieben. Zudem werden wir einen Beschäf-  
tigtendatenschutz einführen, der den veränderten Arbeitsabläufen in  
einer Informationsgesellschaft gerecht wird und dabei das Abhängig-  
keitsverhältnis der Beschäftigten umfassend berücksichtigt.  
Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in kirchlichen Einrichtun-  
gen unterliegen den Besonderheiten des kirchlichen Arbeitsrechts.  
Damit stehen ihnen wesentliche ArbeitnehmerInnenrechte nicht zu.  
Diese Praxis stößt auch innerhalb der Kirchen immer mehr auf Kritik.  
Denn Loyalitätsanforderungen der ArbeitgeberInnen auch außerhalb  
von Verkündigungsbereichen, die sich auf die private Lebensführung  
seiner MitarbeiterInnen beziehen, passen nicht in eine demokrati-  
sche Gesellschaft.  
Wir werden mit den Kirchen, den Gewerkschaften und anderen  
gesellschaftlich Beteiligten in einen Dialog treten, damit sich die Si-  
tuation der Beschäftigten verbessert. Wir wollen, dass die kirchlichen  
MitarbeiterInnen außerhalb der Verkündigungsbereiche die gleichen  
Rechte bekommen wie andere ArbeitnehmerInnen auch. Daher wol-  
len wir für sämtliche Beschäftigungsverhältnisse jenseits des Bereichs  
der Verkündigung das kirchliche Arbeitsrecht abschaffen. Dazu ge-  
hört das Recht zur Bildung von Betriebsräten und das Grundrecht  
auf Koalitionsfreiheit einschließlich der Streikfreiheit. Das Allgemeine  
Gleichbehandlungsgesetz (AGG) werden wir mit dem Ziel ändern,  
dass seine Bestimmungen wie in anderen Tendenzbetrieben auch auf  
Beschäftigungsverhältnisse in kirchlichen Einrichtungen Anwendung  
finden.TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
93  
Teilhaben an guter Arbeit3. Gute Arbeit braucht Zugänge  
Immer mehr Menschen sind am Arbeitsmarkt abgehängt oder aus-  
geschlossen. Wir kehren diesen Trend um, indem wir die Blockaden  
abbauen. Mit Minijobs waren Erwartungen verbunden, dass sie als  
Brücke in den Arbeitsmarkt wirken. Das ist nicht der Fall. Fast sieben  
Millionen Menschen haben derzeit einen Minijob. Zwei Drittel davon  
sind Frauen. Zwar sind nicht alle davon in prekären Lebenslagen. Es  
gibt Studierende, RentnerInnen und SchülerInnen, die dazuverdie-  
nen. Für viele ist der Minijob jedoch eine Armutsfalle, spätestens im  
Alter. Denn mit einem Minijob ist eine eigenständige Existenzsiche-  
rung und die Ansammlung eigener Rentenansprüche nicht möglich.  
Viele wollen gerne mehr arbeiten, bekommen aber keinen anderen  
Job. Für andere, die umsteigen und etwas mehr Stunden arbeiten,  
führen die Sozialabgaben dazu, dass sie kaum mehr verdienen. Auch  
ALG-II-Beziehende wollen oft mehr arbeiten, von staatlichen Hilfen  
unabhängig werden und durch ihre Arbeit auf eigenen Beinen ste-  
hen. Die sogenannten AufstockerInnen, die trotz Arbeit auf ALG II  
angewiesen sind, verdienen in ihrem Job – oftmals sogar in Vollzeit  
– nicht genug, um davon leben zu können. Ziel unserer Politik ist es,  
allen Menschen die Möglichkeit zu eröffnen, ihren Lebensunterhalt  
eigenverantwortlich zu erwirtschaften und nicht von staatlicher Un-  
terstützung abhängig zu sein. Von seiner eigenen Arbeit leben zu  
können, das bedeutet ein großes Stück Würde und Gerechtigkeit.  
In einem ersten Schritt wollen wir dafür die Minijobs eindämmen  
und die Situation der jetzigen Minijob-Beschäftigten sofort spürbar  
verbessern. Mit der Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns wer-  
den wir Niedrigstlöhne von zum Teil weniger als 5 Euro in der Stunde  
unmöglich machen und automatisch eine wirksame maximale Stun-  
denbegrenzung für Minijobs einziehen. Außerdem streichen wir die  
Ausstiegsklausel aus der Rentenversicherung, so dass zukünftig mit  
einem Minijob immer auch Rentenansprüche erworben werden. Um  
zu verhindern, dass MinijobberInnen um ihre ArbeitnehmerInnen-  
rechte und -ansprüche gebracht werden können, müssen geringfügig  
Beschäftigte künftig bei Vertragsabschluss schriftlich über die ihnen  
zustehenden Rechte informiert werden. Außerdem werden die Kon-  
trollen in den Betrieben verstärkt.Zeit für den grünen Wandel  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BündniS 90/die grünen  
94  
Teilhaben an guter ArbeitIn einem zweiten Schritt werden wir den gesamten Niedriglohn-  
sektor umfassend reformieren, prekäre Beschäftigung zurückdrängen  
und Minijobs durch sozialversicherungspflichtige Beschäftigungs-  
verhältnisse ersetzen. Unsere Reformvorschläge zielen nicht auf die  
Abschaffung von Nebenverdiensten für SchülerInnen, Studierende  
und RentnerInnen. Unsere Ziele sind es, sozialversicherungspflichti-  
ge und existenzsichernde Beschäftigung zu fördern sowie Erwerbs-  
und Aufstiegsblockaden insbesondere für Frauen zu beseitigen.  
Dafür wollen wir gezielt kleine Einkommen entlasten, so dass es  
sich endlich lohnt, mehr zu arbeiten, ohne dass es zu unzumutbaren  
Mehrbelastungen der ArbeitnehmerInnen kommt. Durch gleichzei-  
tig gestärkte vorgelagerte soziale Sicherungssysteme wird nicht nur  
der Ausstieg aus dem Arbeitslosengeld-II-Bezug erleichtert, sondern  
auch die Kommunen finanziell deutlich entlastet. Um zu verhindern,  
dass gerade haushaltsnahe Dienstleistungen wieder in die Schwarz-  
arbeit abrutschen, soll das vereinfachte Anmeldungsverfahren für  
haushaltsnahe Dienstleistungen im Privathaushalt beibehalten wer-  
den. Durch unsere Reform werden Erwerbstätige leichter als bisher  
ihren Lebensunterhalt eigenständig und unabhängig vom Grundsi-  
cherungssystem bestreiten können. Damit erhalten mehr Menschen  
die Chance auf ein selbstbestimmtes Leben außerhalb der ALG-II-  
Bürokratie.  
Herkunft, Hautfarbe, Behinderung, Alter, Religion, sexuelle Iden-  
tität und Geschlecht dürfen keine Rolle spielen. Die Realität ist heute  
eine andere. Bestehende Strukturen sind verfestigt. Die Ausgangs-  
chancen von zu vielen jungen Menschen mit und ohne Migrationshin-  
tergrund sind von Geburt an schlechter als die ihrer Altersgenossen.  
Das beginnt in Kita und Schule und setzt sich bei der Ausbildungs-  
und Arbeitsplatzsuche fort. Doch auch ausländerrechtliche Diskrimi-  
nierungen verbauen den Zugang zum qualifizierten Arbeitsmarkt.  
Gerade jungen Flüchtlingen muss der Zugang zu einer Ausbildung  
und einem qualifizierten Berufseinstieg erleichtert werden. Neben  
sprachlichen Herausforderungen und sozialer Herkunft sind oft auch  
verdeckter Rassismus und Vorurteile ein Hinderungsgrund, erfolg-  
reich Fuß zu fassen. Wir GRÜNE wenden uns mit aller Kraft gegen  
jegliche Diskriminierung. Darum sollen anonymisierte Bewerbungs-  
verfahren im öffentlichen Dienst eine größere Verbreitung finden.TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
95  
Teilhaben an guter ArbeitMenschen stoßen in diesem Land aus vielerlei Gründen an Blo-  
ckaden und Hindernisse. Gute öffentliche Institutionen, die von al-  
len genutzt werden können, sind der Schlüssel zur Überwindung.  
Gute Berufsschulen und Ausbildungsstätten sind unverzichtbar für  
die Menschen und den Wirtschaftsstandort Deutschland. In etlichen  
Berufsgruppen ist die Unzufriedenheit über die Ausbildungsqualität  
sehr hoch. Wir wollen die Qualitätskontrolle der Ausbildung durch  
die Kammern verbessern. Zudem sollen Betriebsräte selbst die Mög-  
lichkeit erhalten, ein Verfahren bei zweifelhafter Ausbildungsqualität  
eines Betriebes einleiten zu können. Außerdem werden wir die Not-  
wendigkeit gesetzlich geregelter Mindestvergütungen für die Ausbil-  
dung prüfen, denn Auszubildende werden in manchen Branchen als  
billige Arbeitskräfte missbraucht. Das System der dualen Ausbildung  
hat sich bewährt, aber es stößt an seine Grenzen. Wir setzen auf  
DualPlus. Damit erweitern wir das herkömmliche System der dualen  
Ausbildung um überbetriebliche Lernorte, insbesondere für benach-  
teiligte Jugendliche. Trotz aller Sorge vor dem drohenden Fachkräf-  
temangel haben weder Schwarz-Gelb noch die Arbeitgeber bisher  
Maßnahmen ergriffen, die Qualität und Fairness von Praktika zu er-  
höhen. Auch für Praktika müssen klare Mindestbedingungen gelten –  
schriftlicher Vertrag, Zeugnis, eine Mindestaufwandsentschädigung  
und eine festgelegte zeitliche Begrenzung.  
Obwohl schon jetzt an allen Ecken und Enden die Fachkräfte feh-  
len, ist der Zugang zum Arbeitsmarkt für viele Menschen immer noch  
verschlossen. Wir wollen an die unterschiedlichen Fähigkeiten, Stär-  
ken und Qualifikationen dieser Menschen anknüpfen. Vor allem Ge-  
ringqualifizierten, Alleinerziehenden, Migrantinnen und Migranten,  
Menschen mit Behinderungen, Jüngeren und Älteren wollen wir neue  
Chancen eröffnen. Eine Arbeitsmarktpolitik, die diese Menschen  
wirksam und fair integriert, setzt auf passgenaue und individuelle  
Förderstrategien, bei denen auch erreichte Zwischenziele als Erfolge  
zählen. Unser Ziel sind nachhaltige Arbeitsmarktintegrationen und  
nicht kurzfristige statistische Effekte. Viele Arbeitslose haben kaum  
Aussichten auf einen neuen Job, weil sie nicht oder nicht mehr ausrei-  
chend qualifiziert sind. Ihnen wollen wir mit mehr Umschulungs- und  
Ausbildungsangeboten den Weg in Zukunftsberufe und Arbeitsfel-  
der mit Personalmangel eröffnen.ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
96  
Teilhaben an guter ArbeitZu viele Menschen sind trotz guter Konjunktur dauerhaft ohne  
Chance auf dem Arbeitsmarkt. Deshalb wollen wir mit einem ver-  
lässlichen sozialen Arbeitsmarkt Teilhabe schaffen und Arbeit statt  
Arbeitslosigkeit finanzieren. Dafür sollen die passiven in aktive Leis-  
tungen umgewandelt werden. Aus dem Arbeitslosengeld II und den  
Kosten der Unterkunft wird so ein Arbeitsentgelt für ein sozialversi-  
cherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis. Arbeitsplätze im sozia-  
len Arbeitsmarkt können von allen Arbeitgebern angeboten werden.  
Damit verabschieden wir uns von den Kriterien der „Zusätzlichkeit“,  
des „öffentlichen Interesses“ und der „Wettbewerbsneutralität“. An  
deren Stelle tritt der lokale Konsens. Mit unserem sozialen Arbeits-  
markt machen wir Langzeitarbeitslosen ein neues, zuverlässiges und  
freiwilliges Angebot mit Perspektive. Es ist die Chance für diejenigen,  
die von der Merkel-Koalition über Jahre im Stich gelassen wurden.  
Gute Arbeit braucht berufliche Teilhabe von Menschen mit Be-  
hinderungen. Menschen mit Behinderungen sind immer noch über-  
proportional stark von Arbeitslosigkeit und fehlenden Ausbildungs-  
möglichkeiten betroffen. Die UN-Behindertenrechtskonvention  
begründet das Recht für Menschen mit Behinderungen, ihren Le-  
bensunterhalt mit Arbeit zu verdienen in einem für sie zugänglichen  
und offenen Arbeitsmarkt und Arbeitsumfeld. Stattdessen gibt es  
für viele Menschen mit Behinderungen in Deutschland einen star-  
ken Automatismus, der sie früher oder später in die Sonderwelt der  
Werkstatt für behinderte Menschen führt. Wir wollen die Alternati-  
ven zu den Werkstätten stärken und setzen auf betriebsintegrierte  
Beschäftigungen in allen Formen wie Integrationsbetriebe und -ab-  
teilungen, unterstützte Beschäftigung, Arbeitsassistenz, persönliches  
Budget für Arbeit, Leistungsausgleiche, aber auch Außenarbeitsplät-  
ze für Werkstattbeschäftigte. Wir setzen uns für eine Erhöhung der  
Beschäftigtenquote auf 6 % ein.  
Frauen mit Behinderungen erfahren eine zusätzliche Benachteili-  
gung auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt. Daher müssen frau-  
engerechte Rahmenbedingungen in Ausbildungs-, Arbeits- sowie  
Rehabilitierungsstätten geschaffen werden, die auch die Bedarfe von  
Müttern mit Behinderungen berücksichtigen. Wir werden darauf hin-  
wirken, dass die berufliche Teilhabe von Frauen mit Behinderung in  
Beruf und Ausbildung deutlich verbessert, die Angebote zur berufli-  
chen Teilhabe und Rehabilitation weiter auf die Bedarfe von FrauenTEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
97  
Teilhaben an guter Arbeitmit Behinderung ausgerichtet und auch geeignete Ausbildungsange-  
bote in attraktiven und zukunftsträchtigen Berufen befördert wer-  
den.  
4\. Gute Arbeit braucht gute Arbeitsvermittlung  
Ein gutes Jobcenter ist ein Schlüssel, um Menschen in gute Arbeit  
zu bringen. Jobcenter bieten häufig nicht die Hälfte von dem, was  
wir uns von ihnen erwarten. Menschen werden oft nicht gefördert,  
sondern nach „Schema F“ behandelt. Das müssen wir ändern. Die  
Jobcenter müssen flexibel örtliche Arbeitsmarktprogramme auflegen  
und diese mit kommunalen Beschäftigungsinitiativen verbinden kön-  
nen. Das Jobcenter, das wir uns vorstellen, hört den Menschen zu,  
unterstützt sie auf ihrem Weg, erkennt die Potentiale der Menschen  
und hilft ihnen den nächsten Schritt zu tun.  
ArbeitsvermittlerInnen und Arbeitsuchende legen gemeinsam  
fest, welche Fortbildung oder welcher Job der richtige ist. Dabei gilt  
es, die Eigeninitiative der Arbeitsuchenden zu fördern, indem ihre  
Vorschläge ernst genommen werden und ihnen das Recht einge-  
räumt wird, zwischen geeigneten Maßnahmen zu wählen. Wir schla-  
gen außerdem vor, unabhängige Ombudsstellen in allen Jobcentern  
einzurichten, die bei Konflikten vermitteln.  
Tatsächlich fördern statt nur zu fordern, muss das Motto sein.  
Dafür sind die Förderinstrumente des SGB II individueller und pra-  
xisnäher auszurichten. Die BeraterInnen im Jobcenter haben nur  
so viele Fälle, dass sie wissen, wer vor ihnen sitzt, und passgenaue  
Lösungen entwickeln können. Zugang zu Schulungen und Qualifi-  
zierungen unterstützen sie in ihrer Beratungsarbeit. Schematische  
Empfehlungen, etwa anhand überkommener Geschlechterrollen,  
gehören der Vergangenheit an. Das ist keine unrealistische Vision,  
das ist ein gerechtfertigter Anspruch. Die Agenturen und Jobcenter  
müssen allen Erwerbslosen Zugänge zu passenden Qualifizierun-  
gen, Förderangeboten, Umschulungs- und Ausbildungsangeboten  
eröffnen. Wir wollen wieder eine verlässliche Gründungsförderung  
für Arbeitslose ermöglichen, denn in der Vergangenheit war dies ein  
Erfolgsrezept. Nach dem finanziellen Kahlschlag von Schwarz-Gelb  
bei der Arbeitsförderung wollen wir für Gründung und QualifizierungZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
98  
Teilhaben an guter Arbeitwieder ausreichend Mittel zur Verfügung stellen. Neue Kriterien für  
die Vergabe von Fördermaßnahmen müssen gewährleisten, dass die  
Qualität der Integrations- und Bildungsarbeit im Vordergrund steht  
und nicht die Preise. Das Jobcenter ist ein entscheidendes Puzzleteil  
in unserer Institutionenstrategie für mehr Gerechtigkeit. Denn nur  
ein gutes Jobcenter schafft echte Chancen auf Teilhabe.  
5\. Gute Arbeit in neuen Jobs  
Grüne Politik schafft gute Rahmenbedingungen für mehr Jobs. Wir  
wollen aber gute Arbeit, also gerechte Löhne, menschenwürdige  
Arbeitsbedingungen und gleiche Bezahlung für gleichwertige Arbeit  
von Männern und Frauen. Der grüne Wandel in der Wirtschaft ist  
eine Jobmaschine. Das zeigen hunderttausende neue Arbeitsplät-  
ze bei den Erneuerbaren Energien, durch Gebäudesanierung beim  
Handwerk oder in den Ingenieurbüros. Die Energiewende zu 100 %  
Erneuerbaren wird für neue Jobs sorgen. Bereits heute arbeiten über  
1,4 Millionen Menschen im Bereich der Umwelttechnologien. Durch  
einen grünen Wandel in der Wirtschaft, in Energie, Energieeffizienz,  
Verkehr, Wärme und in der Industrie können es bis 2025 bis zu 2,4  
Millionen Jobs werden. Auch hier gelten unsere Ansprüche an gute  
Arbeit.  
Die Qualität unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens ent-  
scheidet sich gerade im Bildungs- und Gesundheitsbereich. In beiden  
Branchen steckt das Potential zu mehr Jobs: In einer alternden Ge-  
sellschaft ist eine steigende Zahl von Menschen auf Dienstleistungen  
vom Einkaufsservice bis zur qualifizierten Pflegeleistung angewiesen.  
Auch der Bildungsaufbruch von der Kita über die Universität bis zum  
lebenslangen Lernen ist nur mit mehr Personal zu stemmen. Für ein  
qualitätsvolles Angebot der frühkindlichen Betreuung, den Ausbau  
der Ganztagsschulen und bessere Hochschulen braucht es viele neue  
ErzieherInnen, Fach- und Lehrkräfte.  
Viele dieser Jobs sind öffentlich finanzierte Dienstleistungen.  
Wir sorgen durch unsere Finanzpolitik für eine solide Finanzierung  
der öffentlichen Kassen. So können wir ein umfangreicheres Kita-  
Angebot realisieren und die Ganztagsschulen ausbauen. MangelndeTEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
99  
Teilhaben an guter ArbeitKinderbetreuung ist heute viel zu oft ein Hinderungsgrund für eine  
(Vollzeit-)Erwerbstätigkeit.  
Die Bürgerversicherung senkt die Beiträge zur Krankenversiche-  
rung und damit die Lohnnebenkosten. So wird Arbeit billiger – und  
dadurch attraktiver für ArbeitgeberInnen und ArbeitnehmerInnen.  
Gleichzeitig schafft sie aber auch mehr Raum für Beschäftigung in  
der Gesundheitsbranche. Durch die Senkung von Abgaben entste-  
hen neue Jobs vor allem im Dienstleistungssektor oder in personalin-  
tensiven Bereichen, die bisher aufgrund der Kosten nicht ent stehen  
konnten.  
6\. Gute Arbeit für gute Fachkräfte  
Während immer noch etwa drei Millionen Menschen arbeitslos sind,  
herrscht in Teilen der Wirtschaft akuter Fachkräftemangel. Dieser  
Mangel ist ein Hemmnis für die Entwicklung der deutschen Wirt-  
schaft. Sowohl in Regionen mit Vollbeschäftigung als auch in struk-  
turschwachen ländlichen Regionen haben Unternehmen erhebliche  
Schwierigkeiten, IngenieurInnen, ÄrztInnen, aber auch Pflegekräfte  
und ErzieherInnen zu finden. Zur Bewältigung des Fachkräfteman-  
gels genügt es nicht, auf ein einzelnes Instrument zu setzen. Einhei-  
mische und EinwanderInnen, Junge und Alte sowie Beschäftigte und  
Arbeitslose dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Darüber  
hinaus muss Qualifizierung verstärkt in den Bereichen stattfinden,  
in denen Fachkräfte nachgefragt werden. Wir wollen mit einem klu-  
gen Mix aus Bildung, Qualifizierung und Unterstützung nicht ge-  
nutzte Fachkräftepotentiale mobilisieren. Deshalb müssen wir allen  
Erwerbsfähigen ermöglichen, sich ihren Kompetenzen und Potenti-  
alen entsprechend zu qualifizieren. Dafür setzen wir auf gute Aus-  
bildung, kunden- und kompetenzorientierte Arbeitsvermittlung, auf  
verstärkte berufliche Weiterbildung, Zugang zu Nachqualifizierung  
und auf lebenslanges Lernen, unterstützt durch ein Weiterbildungs-  
BAföG. Auch eine einheitliche und unbürokratische Anerkennung  
von im Ausland erworbenen Berufsqualifikationen und der Ausbau  
des Nachqualifizierungsangebots sind notwendig. Dafür notwendige  
Qualifizierungsmaßnahmen müssen an die Bedürfnisse der Migran-  
tinnen und Migranten angepasst und in unterschiedlichen Lebensla-ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
100  
Teilhaben an guter Arbeitgen zugänglich und finanzierbar sein. Damit ermöglichen wir allen  
Menschen eine berufliche Perspektive ihrer Qualifikation entspre-  
chend und reduzieren den Fachkräftemangel.  
Ein wichtiger Hebel ist die bessere Integration von Frauen in  
den Arbeitsmarkt. Wir wollen Erwerbshindernisse und Fehlanreize  
für Frauen, wie das Ehegattensplitting und – im Rahmen der Bür-  
gerversicherung – die kostenlose Mitversicherung, abbauen und  
so diskriminierende Strukturen, die einer stärkeren Frauenerwerbs-  
arbeit und einer eigenständigen Existenzsicherung im Weg stehen,  
überwinden. Zudem fordern wir unter anderem eine feste Quote  
von 50 % für Frauen in Aufsichtsräten. Auch der flächendeckende  
Ausbau von Kitas, Ganztagsschulen sowie ambulanten als auch teil-  
stationären Pflegeangeboten und Pflegeeinrichtungen ist von gro-  
ßer Bedeutung, um insbesondere Frauen in ihrem Wunsch, einer  
Erwerbsarbeit nachzugehen, zu unterstützen. Dabei soll die Integ-  
ration von Frauen in den Arbeitsmarkt keine einseitige Anpassung  
an einen Arbeitsbegriff sein, der viel Zeit für Arbeit und kaum Zeit  
für Familie, Engagement und Muße beinhaltet. Gerade bei der In-  
klusion von Frauen in den Arbeitsmarkt und der gerechteren Ver-  
teilung von Fürsorgearbeit zwischen Männern und Frauen brauchen  
wir neue Zeitmodelle. Wir folgen dem Leitbild einer vollzeitnahen  
Teilzeittätigkeit für Frauen und Männer, die auch Raum für gerecht  
verteilte Sorge- und Pflegearbeit und für Unterbrechungen der  
Erwerbstätigkeit lässt.  
Unsere Gesellschaft braucht die älteren Beschäftigten, denn  
sie haben durch ihren Erfahrungs- und Wissensschatz eine wichti-  
ge Funktion im Betrieb. Die Wirtschaft muss umdenken und wie-  
der stärker auf die erfahrenen Beschäftigten setzen. Notwendig  
sind alters- und alternsgerechte Arbeitsbedingungen, denn der de-  
mografische Wandel wird vor allem dann zum Problem, wenn die  
Beschäftigten nicht bis zur Rente durchhalten. Deshalb müssen die  
Fähigkeiten, Stärken und Möglichkeiten der Beschäftigten bei den  
Arbeitsbedingungen im Mittelpunkt stehen. Die Politik muss dafür  
den gesetzlichen Rahmen vorgeben.  
Doch allein die bessere Förderung von inländischen Arbeitskräften  
wird nicht ausreichen, um den zunehmenden Bedarf an qualifizier-  
ten Fachkräften zu decken. Vor diesem Hintergrund wollen wir den  
Zuzug ausländischer Fachkräfte vereinfachen und transparenter ge-TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
101  
Teilhaben an guter Arbeitstalten. Dazu gehören vor allem die Einführung eines liberalen und  
transparenten Punktesystems und das Etablieren einer wirklichen  
Willkommenskultur.  
Wer GRÜN wählt …  
• stimmt für einen flächendeckenden gesetzlichen Mindest-  
lohn von mindestens 8,50 Euro pro Stunde.  
• bekommt faire Regeln für Leiharbeit, dämmt Befristungen  
ein und begrenzt Minijobs.  
• entlastet kleine Einkommen und eröffnet mehr Menschen  
die Chancen auf ein selbstbestimmtes Leben ohne ALG II.  
• verbessert die Rechte von Arbeitsuchenden in Jobcentern.  
• stärkt die Rechte von MitarbeiterInnen in kirchlichen  
Einrichtungen.  
• schafft Perspektiven für langzeitarbeitslose Menschen  
durch den Aufbau eines sozialen Arbeitsmarktes.  
Schlüsselprojekte  
Niedriglöhne abschaffen –  
einen allgemeinen Mindestlohn einführen  
Viele arbeiten und können trotzdem nicht davon leben. Wir neh-  
men die unerträglichen Dumpinglöhne, die staatlich aufgestockt  
werden müssen, nicht länger hin. Darum fordern wir einen allge-  
meinen Mindestlohn von mindestens 8,50 Euro. Die genaue Höhe  
des Mindestlohns wird von einer Mindestlohnkommission festge-  
legt, zusammengesetzt aus Gewerkschaften, Arbeitgeberverbän-ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
102  
Teilhaben an guter Arbeitden und ExpertInnen aus der Wissenschaft. Gleichzeitig müssen die  
Möglichkeiten geschaffen werden für mehr branchenspezifische  
Mindestlöhne und allgemein verbindlich erklärte Tarifverträge, die  
dann für alle Beschäftigten einer Branche gelten. Damit stärken wir  
das Tarifvertragssystem und bekämpfen Tarifflucht. Nur so schaf-  
fen wir es, dass alle von ihrer Arbeit leben können.  
Lohndumping beenden – gleicher Lohn für Leiharbeit  
Viele neue Arbeitsplätze entstehen nur noch als Leiharbeitsplätze.  
Zwar brauchen Unternehmen Flexibilität für Auftragsspitzen, aber  
die Leiharbeit muss gerecht ausgestaltet sein und die Fehlentwick-  
lungen in der Leiharbeit lehnen wir ab. Wir fordern „gleichen Lohn  
für gleiche Arbeit“ ab dem ersten Tag. Leiharbeit darf nicht dem  
Lohndumping dienen. LeiharbeiterInnen sind auch keine Arbeite-  
rInnen zweiter Klasse. Sie sollen vom ersten Tag an die gleichen  
Rechte haben wie die Stammbelegschaft.  
Arbeit darf nicht krank machen –  
Arbeitsschutz weiterentwickeln  
Viele ArbeitnehmerInnen erleben im Beruf starre Vorgaben, wenig  
Flexibilität und zu wenig Abwechslung. Andererseits sind manche  
Arbeitsverhältnisse heute zunehmend geprägt von hohen Flexi-  
bilitätsanforderungen, nicht planbaren Arbeitszeiten und von der  
Notwendigkeit ständiger Erreichbarkeit. Wir werden zusammen mit  
den Sozialpartnern die Anforderungen des gesetzlichen Arbeits-  
schutzes an die neuen psychischen Belastungen anpassen. Zum  
Schutz der Beschäftigten und mit Blick auf den demografischen  
Wandel sind alters- und alternsgerechte Arbeitsbedingungen das  
Gebot der Stunde, denn die Beschäftigten sollen gesund bis zum  
Renteneintritt arbeiten können. So schaffen wir Arbeit, die nicht  
krank macht.TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
103  
Teilhaben an guter BildungF. Teilhaben an guter Bildung  
Wie wir Kitas und Schulen, Hochschulen  
und Ausbildung besser machen  
Bildung eröffnet Zukunft. Die Welt kennen lernen, verstehen, was  
um einen herum passiert, das eigene Leben selbst gestalten, Ver-  
antwortung für sich und andere übernehmen, Wünsche und Ziele  
verwirklichen – dies sollte allen Menschen offenstehen. Deshalb ist  
der freie Zugang zu Bildung eine zentrale Gerechtigkeitsfrage. Er darf  
nicht an der Herkunft, nicht an den Lebensumständen und nicht am  
Geldbeutel der Eltern scheitern.  
Wir verlangen einem Teil der Bevölkerung mit unseren Vorhaben  
in der Steuerpolitik einiges ab. Aber im Gegenzug verpflichten wir  
uns, gemeinsam mit Ländern und Kommunen unsere Kitas und Schu-  
len zu begeisternden Lern- und Lebensorten zu machen, an denen  
jedes Kind mit seinen Talenten und seinem Potential angenommen  
wird und sich bestmöglich bilden kann. Und wir sorgen dafür, die Zu-  
gänge zu Ausbildung, Studium und Weiterbildung stärker zu öffnen  
und die Übergänge zu erleichtern.  
Bildung ist Voraussetzung für ein Leben in Freiheit. Sie ist der  
Schlüssel für die freie Entfaltung der Persönlichkeit und Vorausset-  
zung für Selbstbestimmung und Teilhabe. Zugleich ist Bildung eine  
Investition in die Zukunft unserer Gesellschaft und darf nicht vor-  
rangig nach wirtschaftlichen Aspekten gestaltet werden. Wir sorgen  
dafür, dass sie kein Privileg bleibt, sondern wirklich allen offensteht.  
Bildung soll sich nach dem Wohl des Kindes richten.  
Bildung schafft Gerechtigkeit. Wir streiten für ein inklusives und  
ein sozial gerechtes Bildungssystem, an dem alle teilhaben. Für eine  
durchlässige Gesellschaft, die soziale Barrieren abbaut und die Viel-  
falt der Menschen bejaht.  
Bildung schafft Demokratie. Wir treten ein für offene Bildungsin-  
stitutionen, in denen die Einmischung von Lernenden, Lehrenden, El-  
tern und gesellschaftlichem Umfeld erwünscht ist. Dazu gehören fürZeit für den grünen Wandel  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BündniS 90/die grünen  
104  
Teilhaben an guter Bildunguns auch institutionelle Elemente wie verfasste Studierendenschaften  
und paritätisch besetzte Gremien an Schulen und Hochschulen.  
Bildung beginnt in der Familie. Deshalb ist es uns wichtig, Eltern  
zu stärken – durch den Ausbau der frühen Hilfen und der Familienbe-  
ratung, durch Eltern-Kind-Zentren als Unterstützungsstruktur für alle  
Eltern und frühzeitige Sprachkurse. Gute Bildungsinstitutionen arbei-  
ten eng mit den Eltern zusammen und sind vernetzt. Bildung schafft  
Zukunft, für unsere Kinder, für uns selbst. Doch zunächst müssen wir  
eine Zukunft für unsere Bildungsinstitutionen schaffen.  
1\. Erneuerung der Bildungsinstitutionen  
Die Qualität von Kitas und Schulen ist zentral, wenn es darum geht,  
Teilhabechancen von Kindern zu verbessern. Wie wichtig es ist, die  
Bildungseinrichtungen direkt und ohne Umwege zu stärken, zeigt  
das gescheiterte Bildungs- und Teilhabepaket der Bundesregierung –  
ein Großteil des Geldes kommt gar nicht dort an, wo es gebraucht  
wird. Statt Kitas und Schulen zu stärken, finanziert das Bildungs- und  
Teilhabepaket neue bürokratische Strukturen und private Nachhilfe.  
Die hohe Zahl an BildungsverliererInnen ist erschreckend: Es kann  
keine Bildungsgerechtigkeit und keine Entwarnung geben, solange  
jede/r fünfte 15-Jährige als funktionale/r AnalphabetIn gilt, jede/r  
zwanzigste Jugendliche die Schule und fast jede/r Vierte die Ausbil-  
dung oder das Studium abbricht, solange knapp 300.000 Jugendli-  
che in Warteschleifen des Übergangssektors geparkt sind und über  
zwei Millionen junge Erwachsene keinen Berufsabschluss haben.  
Das sind Zahlen, die eine neue Bildungsoffensive erfordern für ein  
Bildungssystem, das nicht nur kognitive Fähigkeiten, sondern eine  
Vielzahl von Kompetenzen vermittelt und fördert. Das deutsche Bil-  
dungssystem leidet an einem Leistungs- und Gerechtigkeitsproblem.  
Gute Bildungseinrichtungen sind inklusiv, sie zeigen Respekt und  
Wertschätzung gegenüber der ganzen Vielfalt der Kinder und jungen  
Menschen. An unseren Bildungseinrichtungen darf niemand diskri-  
miniert werden. Sie nutzen das Potential dieser Vielfalt für eine inklu-  
sive Pädagogik, die individuelle Förderung und kooperatives Lernen  
bietet. Nicht die Kinder müssen der Schule angepasst werden, son-  
dern die Schule den Lern- und Entwicklungsbedürfnissen der Kinder.TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
105  
Teilhaben an guter BildungKitas sind schon heute Vorreiter der Inklusion. Vielerorts ist es nor-  
mal, dass Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam in die Kita  
gehen. Wir wollen, dass diese Möglichkeit künftig allen Kindern of-  
fensteht. Wir wollen Kitas und Schulen dazu befähigen, gemischte  
pädagogische und sozialpädagogische Teams aufzubauen, sich zu  
öffnen für Menschen mit Behinderungen und mit der Verschieden-  
heit aller Schülerinnen und Schüler konstruktiv umzugehen, damit  
bisherige Sonder- und Förderschulen perspektivisch entbehrlich wer-  
den oder sich für alle Kinder öffnen. Nicht zuletzt die von Deutsch-  
land unterzeichnete UN-Konvention über die Rechte von Menschen  
mit Behinderungen verpflichtet uns dazu. Von diesem Anspruch  
ist das deutsche Schulwesen noch weit entfernt. Dies gilt auch für  
Hochschulen und Einrichtungen der Erwachsenenbildung. Wir wollen  
dies ändern.  
Gute Bildungseinrichtungen sind partizipativ. Dort werden Kinder,  
Schülerinnen und Schüler sowie Studierende nicht verplant, sondern  
sie können sich einmischen und mitgestalten und das ist erwünscht.  
Solche Einrichtungen begreifen Eltern als Partner in der Begleitung  
der jungen Menschen und bieten Unterstützung und Beratung. Eine  
Kooperationskultur auf Augenhöhe mit anderen pädagogischen oder  
außerschulischen Einrichtungen muss eine Selbstverständlichkeit  
werden. Schulen und Hochschulen müssen demokratisch verfasst,  
ihre Gremien paritätisch besetzt sein. SchülerInnen oder Studieren-  
de sollen durch selbstverwaltete Strukturen wie Schülervertretungen  
oder verfasste Studierendenschaften vertreten werden. Dazu gehört  
auch die Auseinandersetzung mit menschenrechts- und demokra-  
tiefeindlichen Strömungen und Ideologien. Gute Bildungseinrichtun-  
gen bringen gute Ergebnisse.  
Die Arbeit in Kitas und Schulen ist ausgesprochen verantwor-  
tungsvoll. Viele Fachkräfte kommen dieser Verantwortung mit ho-  
hem Engagement nach. Um dieser Verantwortung gerecht werden  
zu können, brauchen sie Rahmenbedingungen, die sie in ihrem ho-  
hen Engagement unterstützen. ErzieherInnen haben eine sehr an-  
spruchsvolle Aufgabe. Doch die gesellschaftliche Anerkennung hinkt  
hinterher. Auch die zu geringe Entlohnung spiegelt den Anspruch und  
die Leistung nicht wider. Wir wollen die Länder unterstützen bei der  
Qualifizierung von Erzieherinnen und Erziehern, die in großer Zahl  
dringend gebraucht werden. Wir brauchen Mindeststandards für dieZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
106  
Teilhaben an guter BildungFachkraft-Kind-Relation, um die Qualität in den Kitas zu verbessern.  
Duale Ausbildung kann auch bei ErzieherInnen ein guter Weg sein,  
den Beruf attraktiver zu gestalten. Perspektivisch soll in jeder Gruppe  
eine Fachkraft arbeiten, die auf Hochschulniveau ausgebildet wur-  
de. Wir brauchen eine Fortbildungskultur, die „lebenslanges Lernen“  
auch für ErzieherInnen und LehrerInnen ernst meint. Dabei müssen  
Genderkompetenz, interkulturelle Kompetenz, Sensibilität bezüglich  
der Vielfalt sexueller Identitäten, Formen selbstbestimmten Lernens  
und heil- und sonderpädagogisches Wissen Teil der Aus- und Wei-  
terbildung sein. Dazu gehören für uns auch mehr Fachkräfte mit Mi-  
grationshintergrund, mit eigener Behinderung sowie mehr Männer  
besonders für den Kita- und Grundschulbereich. Generell ist eine  
umfassendere Lehrerausbildung mit gleicher Studiendauer für alle  
Schularten unser Ziel.  
Die Verantwortung für gute Kitas, mehr noch aber für Schulen  
und Hochschulen liegt zuallererst bei den Ländern und den Kom-  
munen. Der Bund kann unterstützen und mitfinanzieren, wenn man  
ihn lässt. Deshalb muss das Kooperationsverbot zwischen Bund und  
Bundesländern aufgehoben werden.  
Wir wollen die Digitalisierung im Bildungsbereich unterstützen,  
um den Zugang zu Wissen zu fördern. Lehr- und Lernmaterial soll  
unter freien Lizenzen bereitgestellt werden, um Wissensmonopole  
aufzubrechen und die vielfältige Nutzbarkeit entsprechender Inhalte  
zu unterstützen. Maßgabe sollten die Standards zu Open Education  
Resources sein. Die berufsbildenden Schulen sollen zu Kompetenz-  
zentren für Nachhaltigkeit weiterentwickelt werden.  
Gemäß der UN-Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“  
brauchen wir Kitas, Schulen, Berufsschulen und Universitäten, die die  
Kompetenz zur Analyse, Bewertung und Mitgestaltung der großen  
ökologischen und sozialen Herausforderungen dieses Jahrhunderts  
vermitteln.  
2\. Erfolg ermöglichen: für gute Kitas und Schulen  
Aufgabe der Bildungseinrichtungen ist es, Begeisterung und Wis-  
sensdurst zu erhalten und Kinder in all ihrer Unterschiedlichkeit zu  
fördern. Genau hier scheitert unser Bildungssystem aber viel zu oft.TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
107  
Teilhaben an guter BildungDie Chancen für Kinder und Jugendliche, sich zu bilden und ihr  
Leben später selbst in die Hand nehmen zu können, sind nicht für  
alle gleich. Schlimmer: Obwohl diese Ungerechtigkeit bekannt ist,  
ändert sich zu langsam etwas daran. Bildungsarmut wird vererbt,  
weil das deutsche Bildungssystem daran scheitert, Bildungserfolg  
vom sozioökonomischen Hintergrund abzukoppeln. Viel zu oft steht  
schon bei der Geburt fest, wohin der Weg des Kindes führt. Kinder  
und Jugendliche aus einkommensschwachen oder bildungsfernen  
Familien kämpfen oft mit Vorverurteilungen und unzureichender  
Förderung, besonders wenn sie einen Migrationshintergrund haben.  
Wir aber wollen kein Kind zurücklassen. Wir wollen die Blockaden  
wegräumen und Wege aufzeigen, die die Potentiale aller Kinder und  
Jugendlichen zur Entfaltung bringen.  
Dafür brauchen wir zuerst mehr und auch bessere Kita-Plätze,  
um Kinder schon früh fördern zu können, und besser qualifizierte  
Tagesmütter und -väter. Wir wollen den ab August 2013 geltenden  
Rechtsanspruch angemessen finanzieren, einen Rechtsanspruch auf  
einen Ganztagsplatz einführen, bundesweit Mindeststandards für  
die Qualität der Betreuungsangebote in einem Gesetz festlegen und  
die Ausbildung von mehr Erzieherinnen und Erziehern unterstützen.  
1 Mrd. Euro an Bundesmitteln pro Jahr werden wir Ländern und  
Kommunen zusätzlich zur Verfügung stellen, damit es schnell vor-  
angeht. Das von Schwarz-Gelb beschlossene Betreuungsgeld setzt  
die falschen Anreize, denn es belohnt Familien, die ihre Kinder vom  
Bildungsort Kita fernhalten – wir wollen es daher zugunsten einer  
besseren Ausstattung der Kitas wieder abschaffen! Eltern sollen sich  
entscheiden können zwischen einem Platz in der Kita und der Tages-  
pflege.  
In unseren Schulen gelingt es zu selten, ungleiche Startchancen  
auszugleichen. Zu früh wird sortiert, anstatt Kinder individuell zu för-  
dern und ihnen Zeit zu geben, sich zu entwickeln. Wir sind überzeugt  
davon, dass es gut ist, wenn Kinder länger gemeinsam an einer Schule  
lernen. Wir wollen dies aber nicht von oben verordnen, sondern laden  
Lehrkräfte, Eltern und Schülerinnen und Schüler ein, sich gemeinsam  
auf den Weg zu machen hin zu besseren Schulen. Davon profitieren  
alle, die stärkeren SchülerInnen wie die schwächeren. SchülerInnen  
und LehrerInnen brauchen auch mehr Zeit, denn erfolgreiches Ler-  
nen und individuelle Förderung laufen nicht im 45-Minuten-Takt undZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
108  
Teilhaben an guter Bildungsind auch nicht mittags zu Ende. Unser Ziel ist es, flächendeckend  
Ganztagsschulen aufzubauen, die barrierefrei sind und in denen alle  
Kinder auch am Nachmittag miteinander und voneinander lernen,  
Wissen vertiefen, ihre Kreativität entfalten und überhaupt Neues ent-  
decken können. Eine Ganztagsschule kann außerschulische Sport-,  
Kultur- und Jugendangebote besser einbeziehen. Wir werden deshalb  
mit den Ländern über ein zweites Ganztagsschulprogramm verhan-  
deln, damit die guten, durch das erste Programm aus dem Jahr 2004  
angeschobenen Veränderungen fortgesetzt werden können. Sozial-  
arbeiterinnen und Sozialarbeiter leisten einen wichtigen Beitrag zur  
Gestaltung einer Schule, die Kinder und Jugendliche gerade auch in  
schwierigen Lebensphasen individuell fördert. Schulsozialarbeit leis-  
tet Prävention und sollte im Rahmen des Ganztagsschulausbaus ge-  
stärkt werden. Darüber hinaus wollen wir die Sprachbildung in Kitas  
und Schulen stärken. Sprachbildung muss frühzeitig ansetzen, in den  
Alltag der Kinder und Jugendlichen integriert sein und ihre Familien-  
sprachen mit einbeziehen. Für Kinder mit diagnostizierten Lernstö-  
rungen wollen wir frühzeitig Wege der therapeutischen Hilfe öffnen.  
3\. Zugänge eröffnen in Ausbildung,  
Studium und Weiterbildung  
Für viele junge Menschen ist der Weg von der Schule in Ausbildung,  
Studium und Beruf sehr weit – oft zu weit. Jedes Jahr werden rund  
300.000 junge Menschen vermeintlich berufsvorbereitend von Maß-  
nahme zu Maßnahme geschleppt. Das deutsche Modell der betriebli-  
chen Ausbildung ist zu Recht international anerkannt. Aber: Zu weni-  
ge Jugendliche schaffen den Sprung in eine betriebliche Ausbildung,  
zu wenige Unternehmen beteiligen sich und die Durchlässigkeit lässt  
zu wünschen übrig. Mit DualPlus wollen wir das Berufsausbildungs-  
system so weiterentwickeln, dass alle Ausbildungsinteressierten ei-  
nen anerkannten Berufsabschluss erwerben können. Das erfolgreiche  
duale Ausbildungsprinzip behalten wir bei, Berufsschule und Betriebe  
sollen darüber hinaus um überbetriebliche Lernorte ergänzt werden.  
Für Jugendliche, die die Schule ohne Abschluss verlassen haben, kön-  
nen Produktionsschulen den Übergang in die berufliche Ausbildung  
erleichtern. Damit der Wechsel in eine herkömmliche betrieblicheTEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
109  
Teilhaben an guter BildungAusbildung stets möglich ist, wollen wir die Ausbildung schrittweise  
in berufs- und länderübergreifend anerkannte, aufeinander aufbau-  
ende Ausbildungsbausteine einteilen. Auch kleinere und spezialisierte  
Betriebe können sich so an DualPlus beteiligen.  
Der Vorteil ist: Mehr Betriebe können sich an der Ausbildung  
beteiligen, mehr Jugendliche finden einen Ausbildungsplatz, un-  
terstützende Maßnahmen werden integriert, kein Bildungsschritt  
bleibt ohne Anschluss. Und so könnte man sich auch den mindestens  
4 Mrd. Euro teuren Maßnahmendschungel sparen und vielen Jugend-  
lichen eine echte Chance geben. Auch die Ausbildungsförderung von  
Nicht-EU-BürgerInnen soll verbessert werden. Gleichzeitig wird eine  
Ausbildung zu guten Fachkräften gefördert.  
Die Angst vor den Kosten hält zu viele von einem Studium ab. Eine  
bessere Studienfinanzierung muss daher mehr Studierende und vor al-  
lem BildungsaufsteigerInnen erreichen. Das gilt gerade auch für junge  
Menschen aus nicht akademischen Elternhäusern ohne entsprechen-  
de Vorbilder. Wir wollen in einem ersten Schritt die Lage von Studie-  
renden aus einkommensschwachen Familien durch Veränderung des  
BAföG und eine Erhöhung um 300 Mio. Euro jährlich verbessern. Au-  
ßerdem wollen wir das Auslands-BAföG auch für eigenständige Stu-  
diengänge im gesamten europäischen Hochschulraum ermöglichen.  
Im nächsten Schritt werden wir eine Studienfinanzierung aufbauen,  
die aus zwei Säulen besteht: einem Studierendenzuschuss, den alle  
erhalten, und einem Bedarfszuschuss, um die für ein Studium zu ge-  
winnen, die bislang nicht studieren. Beide Zuschüsse müssen – anders  
als das jetzige BAföG – nicht zurückgezahlt werden. Studiengebühren  
sind inzwischen bundesweit fast flächendeckend wieder abgeschafft.  
Wir lehnen sie weiter ab. Das Deutschlandstipendium und das Bil-  
dungssparkonto kritisieren wir. Beide sind ungeeignet, für Bildungs-  
gerechtigkeit zu sorgen.  
Deutschlands Fachkräftemangel kann nur behoben werden, wenn  
mehr Menschen besser qualifiziert werden und studieren. Aber die  
Hochschulen sind nicht gut vorbereitet auf die zum Glück zahlreicher  
an die Hochschulen drängenden StudienanfängerInnen. Es fehlen  
ausfinanzierte Studienplätze. Wir wollen Studienwilligen die Türen  
weit öffnen und jährlich 1 Mrd. Euro mehr in den Hochschulpakt  
stecken – für mehr Studienplätze und bessere Studienbedingungen.  
Wir wollen den Hochschulpakt verstetigen und zu einem dauerhaf-ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
110  
Teilhaben an guter Bildungten, bedarfsgerechten System der Hochschulfinanzierung weiterent-  
wickeln.  
Wir befürworten die Vision eines europäischen Hochschulraums,  
setzen uns aber für eine Reform der Studienreform ein. Denn sie löst  
ihre Versprechungen bisher nicht ein. Die Prüfungsdichte muss redu-  
ziert, die Curricula entfrachtet, die Anerkennung von im Ausland er-  
worbenen Studienleistungen verbessert, Betreuungs- und Beratungs-  
angebote sowie die soziale Infrastruktur auf dem Campus gestärkt  
werden. Den Bachelor wollen wir als berufsbefähigenden Abschluss  
etablieren und ausreichende Studienplätze für diejenigen schaffen,  
die einen Master anstreben.  
Damit man sich Lernen in späteren Lebensphasen auch leisten  
kann, werden wir für jährlich 200 Mio. Euro ein Weiterbildungs-  
BAföG einführen. Es kennt keine Altersgrenze, die Finanzierung des  
Lebensunterhalts und der Maßnahmenkosten erfolgt durch einen  
Mix von Zuschüssen und Darlehen – je nach Situation der Berech-  
tigten. Damit können Schulabschlüsse und Qualifizierung nachgeholt  
werden. Wir wollen so diejenigen für Weiterbildung gewinnen, die  
bislang von den Angeboten zu wenig erreicht werden: Ältere, Frau-  
en, Menschen mit Migrationshintergrund und Geringqualifizierte.  
Darüber hinaus werden wir dafür sorgen, dass das Thema Analpha-  
betismus nicht länger gesellschaftlich ignoriert wird, und dement-  
sprechend in Zusammenarbeit mit Ländern, Kommunen sowie der  
Bundesagentur für Arbeit und den ArbeitgeberInnen die Anstren-  
gungen zur Verbesserung von Alphabetisierung und Grundbildung  
verstärken. Menschen mit Behinderungen lassen wir alle für weiter  
gehende Qualifizierung und Bildung notwendigen Unterstützungen  
und Assistenzleistungen zukommen.  
4\. Grüne Wissenschaftspolitik: Freiheit und Verantwortung  
Forschung heißt, die Welt von morgen bereits heute zu denken, Zu-  
sammenhänge verstehen zu wollen und besser zu begreifen, was  
wir nicht wissen. Wissenschaft ist eine Grundvoraussetzung zur Be-  
wältigung der sozialen, kulturellen, ökonomischen und ökologischen  
Zukunftsfragen. Dafür brauchen wir eine gemeinsame Verantwor-  
tung aller Disziplinen. Das in der Verfassung verbriefte Recht aufTEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
111  
Teilhaben an guter BildungForschungsfreiheit ist ein hohes Gut. Zugleich muss Wissenschaft  
sich ihrer Verantwortung in Forschung und Lehre bewusst sein. Wir  
wollen mit der staatlichen Forschungsförderung Anreize dafür set-  
zen, dass Hochschulen und Forschungseinrichtungen ihren Beitrag  
zur Lösung der großen gesellschaftlichen Herausforderungen leisten.  
Hierzu brauchen wir auch eine starke Grundlagenforschung.  
Denn ohne den Aufbruch ins Ungewisse, Unbekannte und Unsiche-  
re können echte Erkenntnisdurchbrüche nicht gelingen. Auch dafür  
braucht es Geld und Zeit. Deshalb sehen wir mit Sorge die Folgen  
der sinkenden Grundfinanzierung der Hochschulen. Dadurch wird  
gerade die nicht programmgebundene Neugierforschung gefährdet.  
Nachhaltige und soziale Innovationen setzen weitreichende Fol-  
geabschätzungen, begleitende Risikoforschung und ein Verständnis  
der komplexen technischen und gesellschaftlichen Wechselbezie-  
hungen voraus, wenn neue Technologien zum Wohle aller imple-  
mentiert werden sollen.  
Wir müssen von einer Wissenschaft für zu einer Wissenschaft mit  
der Gesellschaft kommen. Wir wollen inter- und transdisziplinäre  
Forschung unterstützen, um Wissen zu verbreitern und gesellschaft-  
liche und ökologische Wechselwirkungen früh erkennen zu können.  
Dazu braucht es eine Stärkung der Forschung für eine nachhaltige  
Entwicklung. Der Schutz von Umwelt und Tieren macht aber auch  
Grenzziehungen nötig. Tierversuche wollen wir konsequent redu-  
zieren. Wir fordern ein nationales Kompetenzzentrum für tierver-  
suchsfreie Methoden. Die Ethikkommission zur Bewertung von Tier-  
versuchen wollen wir mindestens zur Hälfte mit VertreterInnen des  
Tierschutzes besetzen. Versuche an Menschenaffen wollen wir strikt  
verbieten. Wir streben ein weitgehendes Verbot von Versuchen an  
nicht menschlichen Primaten an. Wir wollen die Friedens- und Kon-  
fliktforschung stärken und begrüßen es, wenn öffentliche Wissen-  
schaftseinrichtungen vor Ort Friedensklauseln als Leitbild erarbeiten.  
Gute Wissenschaft braucht gute Arbeitsbedingungen auf al-  
len Ebenen der wissenschaftlichen Karriere. Jenseits der Professur  
haben WissenschaftlerInnen heute extrem unsichere Berufs- und  
Lebensperspektiven. Wir wollen familienfreundliche Hochschulen  
und Wissenschaftseinrichtungen. Befristete Verträge haben über-  
handgenommen, oft mit Laufzeiten unter einem Jahr. Das Wissen-  
schaftszeitvertragsgesetz hat die Tendenz zu prekärer BeschäftigungZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
112  
Teilhaben an guter Bildungnoch verstärkt. In Deutschland zählen selbst gestandene Wissen-  
schaftlerInnen bis ins fünfte Lebensjahrzehnt zum abhängigen  
Nachwuchs. Selbständige Forschung ist hier nicht vorgesehen. Lehre  
wird immer häufiger mit gering bezahlten Lehraufträgen abgedeckt.  
Wir fordern einen langfristig angelegten „Pakt für zukunftsfähige  
Personalstrukturen und den wissenschaftlichen Nachwuchs“. Dazu  
gehören die Veränderung des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes,  
Mindeststandards für vernünftige Beschäftigungsverhältnisse und  
neue Personalkategorien jenseits der Professur. Die Hochschulen  
und außeruniversitären Forschungseinrichtungen sollen verbindliche  
Verpflichtungen für eine nachhaltige Personalentwicklung eingehen.  
Kontrollmechanismen sollen eingeführt werden, um zu vermeiden,  
dass die Hochschulen Lehraufträge als Mittel benutzten, um über  
extrem kostengünstige und recht- und schutzlose Lehrkräfte zu  
verfügen. Zusätzlich wollen wir mit der Neuauflage des Juniorpro-  
fessurenprogramms 1.000 neue Juniorprofessuren mit Tenure Track  
initiieren. Das heißt, nach positiver Evaluation soll ein unbefristetes  
Beschäftigungsverhältnis eröffnet werden. Zu einem solchen Pakt  
gehört für uns auch, dass sich die Qualifizierungs- und Betreuungs-  
verhältnisse für Promovierende verbessern. Dafür müssen qualitative  
Mindeststandards und ein einheitlicher Doktorandenstatus bundes-  
weit umgesetzt werden. Die Vielfalt der Wege zur Promotion wollen  
wir erhalten. Wir wollen zudem künftig auch Kollegs für kooperative  
Promotionen zwischen Fachhochschulen und Universitäten fördern.  
Frauen sind im Wissenschaftssystem nach wie vor deutlich un-  
terrepräsentiert – mit jeder Qualifikationsstufe steigend. Das ist  
nicht nur ein gravierendes Gerechtigkeitsproblem, es drohen da-  
durch auch bedeutende Innovations- und Qualitätseinbußen in For-  
schung und Lehre. Wir wollen Hochschulen und außeruniversitäre  
Forschungseinrichtungen verpflichten, Zielquoten mindestens dem  
Kaskadenmodell entsprechend zu bestimmen. Wenn diese nicht  
erfüllt werden, soll das Folgen für die Mittelvergabe haben. Auch  
die institutionelle und die projektgebundene Forschungsförderung  
wollen wir an gleichstellungspolitische Verpflichtungen knüpfen, um  
so mittelfristig mindestens 50 % Frauen auf allen Ebenen zu haben.  
Die unzureichende Grundfinanzierung der Hochschulen be-  
droht zunehmend eine besondere Stärke des deutschen Wissen-  
schaftssystems, nämlich die Qualität in der Breite. Einer TrennungTEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
113  
Teilhaben an guter Bildungin „Forschungshochschulen“ und „Ausbildungshochschulen“ wol-  
len wir entgegenwirken und die Lehrqualität verbessern. Die Län-  
der müssen ihre Hochschulen besser ausstatten, und der Bund muss  
größere Verantwortung – etwa bei der gemeinsamen Finanzierung  
der außeruniversitären Forschung – übernehmen. Der Bund kann die  
Länder entlasten, indem er künftig 70 % statt wie bisher 50 % der  
Kosten der Max-Planck-Gesellschaft und der Leibniz-Gemeinschaft  
übernimmt und die Programmpauschale der Deutschen Forschungs-  
gemeinschaft schrittweise erhöht. Die Länder sollen sich vertraglich  
verpflichten, mit den frei werdenden Mitteln die Grundfinanzierung  
ihrer Hochschulen zu stärken. Wir streben ein geordnetes Auslau-  
fen der Exzellenzinitiative an. Dabei wollen wir die Instrumente  
Graduiertenschulen und Exzellenzcluster beibehalten und weiter-  
entwickeln. Für uns ist das europaweit vereinbarte Ziel, 3 % des  
Bruttoinlandsprodukts in Forschung und Entwicklung zu investieren,  
nur Mindestmaß. Will die EU insgesamt ihr Ziel erreichen, müssen  
wirtschaftlich starke Staaten wie Deutschland deutlich höhere Wer-  
te anstreben. Das bewährte System der Forschungsförderung aus  
öffentlich finanzierten Forschungseinrichtungen und wettbewerb-  
licher Projektförderung wollen wir ergänzen durch eine steuerliche  
Forschungsförderung für kleine und mittlere Unternehmen.  
Wir wollen, dass Ergebnisse öffentlich finanzierter Forschung  
rasch breit verfügbar sind, und unterstützen deshalb Open Access  
und Open Data im Wissenschaftsbereich, damit der Austausch in-  
nerhalb der Wissenschaft, aber auch der Wissenstransfer in Wirt-  
schaft und Gesellschaft verbessert wird. Durch öffentliche Mittel  
finanzierte wissenschaftliche Publikationen müssen auch frei zu-  
gänglich sein. Die Unabhängigkeit wissenschaftlicher Forschung  
und Lehre an universitären und außeruniversitären Einrichtungen  
muss gewährleistet werden. Größtmögliche Transparenz über die  
Forschung an Hochschulen und Universitäten stellt die Grundlage  
für den kritischen Diskurs an den Hochschulen und für die öffentli-  
che Rechenschaft der Hochschulen gegenüber der Gesellschaft dar.  
Klare und verbindliche Transparenzregeln helfen Forschung z. B. zum  
militärischen Einsatz oder zu ethisch strittigen Fragen wie z. B. Tier-  
versuchen zu identifizieren und sie öffentlich zu thematisieren. Dazu  
gehören nachvollziehbare Informationen für die Bürgerinnen und  
Bürger, wer im öffentlich finanzierten Wissenschaftsbereich welche  
Mittel für welche Forschungstätigkeiten erhält und wer mit wemZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
114  
Teilhaben an guter Bildungkooperiert. Wir wollen außerdem Ansätze stärken, forschungspoliti-  
sche Entscheidungsprozesse partizipativer zu gestalten.  
5\. Gemeinsam Verantwortung tragen:  
Kooperationsverbot aufheben  
Bund und Länder haben sich verpflichtet, mindestens 10 % des  
Bruttosozialprodukts jährlich in Bildung und Forschung zu investie-  
ren. Obwohl das Ziel bis heute noch nicht ganz erreicht ist, sagen  
wir: Dabei dürfen wir nicht stehen bleiben. Ziel müssen mindestens  
7 % bei Bildung und 3,5 % bei Forschung und Entwicklung bis 2020  
sein. Denn andere sind längst weiter. Bildungs- und Forschungs-  
ausgaben haben deshalb für uns einen Vorrang. Und wir werden  
den Ländern durch eine Reform der Erbschaftsteuer und unsere  
Vorschläge für eine andere Finanz- und Steuerpolitik weitere finan-  
zielle Spielräume verschaffen für ihre Aufgaben im Bildungs- und  
Wissenschaftsbereich.  
Wir wollen eine bessere Bildungsfinanzierung und ein besseres  
Bildungs- und Wissenschaftssystem, das auch leistungsfähiger ist.  
Dazu müssen auch verfassungsrechtliche Blockaden abgeräumt  
werden. Es muss wieder möglich werden, dass der Bund die Län-  
der, z. B. beim Ausbau von Ganztagsschulen und Studienplätzen,  
finanziell unterstützen darf. Wir wollen das Grundgesetz ändern,  
um das Kooperationsverbot in der Bildung aufzuheben und die Zu-  
sammenarbeit in der Wissenschaft zu erleichtern. Unser Ziel ist eine  
Ermöglichungsverfassung für bessere Bildung und Wissenschaft.  
Um beide Zukunftsfelder zu stärken und Chancengerechtigkeit zu  
fördern, braucht es einen kooperativen Bildungsföderalismus, eine  
echte Verantwortungspartnerschaft zwischen Bund, Ländern und  
Kommunen sowie eine neue Kooperations- und Vertrauenskultur.  
Bis das Kooperationsverbot aufgehoben wird, werden wir uns dafür  
einsetzen, dass der Bund sich an den Bildungskosten beteiligt und  
die Länder durch unsere Vorschläge für eine andere Finanz- und  
Steuerpolitik finanzielle Spielräume für ihre Aufgaben im Bildungs-  
und Wissenschaftsbereich erhalten.  
Wir setzen uns für bundesweit einheitliche und verbindliche  
abschlussbezogene Bildungsstandards in allen Fächern ein. Damit  
soll gesichert werden, dass trotz unterschiedlicher SchulsystemeTEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
115  
Teilhaben an guter Bildungdie Schülerinnen und Schüler in allen Bundesländern vergleichbares  
Fachwissen erlangen und die gleichen Kernkompetenzen beherr-  
schen. Ebenso wollen wir verhindern, dass ihnen Nachteile bei ei-  
nem Schulwechsel über Bundesländergrenzen hinweg entstehen.  
Wer GRÜN wählt …  
• investiert in mehr, bessere und inklusive Kitas.  
• fördert längeres gemeinsames und inklusives Lernen.  
• fördert Ganztagsschulen mit hoher Bildungsqualität für alle.  
• sorgt für gute Ausbildung für alle, schafft zusätzliche Studien-  
plätze und verbessert die Qualität von Lehre und Studium.  
• schafft Spielräume für eine bessere Grundfinanzierung der  
Hochschulen und bietet dem wissenschaftlichen Nachwuchs  
verlässlichere Perspektiven.  
• will das Kooperationsverbot in der Bildung abschaffen.  
Schlüsselprojekte  
Grüne Bildungsrepublik begründen –  
gute Ganztagsschulen flächendeckend aufbauen  
Das deutsche Bildungssystem ist ungerecht und muss erneuert wer-  
den. Wir wollen bessere Bildung und Chancengleichheit für alle  
Kinder. Ganztagsschulen sind das Kernstück eines chancengerech-  
ten und inklusiven Bildungssystems, denn sie bilden den Rahmen,  
in dem individualisiertes und kreatives Lernen stattfindet. Deshalb  
bauen wir flächendeckend Ganztagsschulen auf. Dafür verhandeln  
wir mit den Ländern über eine Aufhebung des Kooperationsverbots  
in der Bildung und unterstützen sie mit mindestens 500 Mio. Euro  
pro Jahr. Damit schaffen wir Schulen, in denen alle Kinder auch amZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
116  
Teilhaben an guter BildungNachmittag miteinander und voneinander lernen, Wissen vertiefen  
und Neues entdecken können.  
Hochschulen stärken – jährlich 1 Mrd. Euro mehr Bundesmittel  
Die Länder müssen ihre Hochschulen besser ausstatten und der Bund  
muss größere Verantwortung bei der Finanzierung übernehmen. Wir  
wollen, dass 3,5 % des BIP bis 2020 in Forschung und Entwicklung  
investiert werden. Für mehr Studienplätze, bessere Studienbedingun-  
gen, eine höhere Qualität der Lehre und verlässliche Perspektiven für  
den wissenschaftlichen Nachwuchs wollen wir zusätzlich mindestens  
1 Mrd. Euro jährlich in unsere Hochschulen investieren. Mit verän-  
derten Finanzierungsschlüsseln bei der außeruniversitären Forschung  
wollen wir den Ländern außerdem Spielräume verschaffen, um die  
Grundfinanzierung ihrer Hochschulen zu stärken. Damit sollen prekä-  
re Beschäftigung eingedämmt und eine Ausfinanzierung der Studien-  
plätze gewährleistet werden.  
Studierende und Weiterbildung besser unterstützen –  
das BAföG erhöhen  
Zu viele Menschen entscheiden sich wegen finanzieller Barrieren ge-  
gen ein Studium. Die Lage von Studierenden aus einkommensschwä-  
cheren Familien wollen wir durch eine Reform und Erhöhung des  
BAföG verbessern. In einem ersten Schritt stellen wir dafür mindes-  
tens 300 Mio. Euro zusätzlich bereit. Danach wollen wir das BAföG  
schrittweise zum grünen 2-Säulen-Modell erweitern, das eine Basis-  
absicherung und einen Bedarfszuschuss kombiniert und so mehr Bil-  
dungsaufstieg ermöglicht. Damit man sich Lernen und Weiterbilden  
auch in späteren Lebensphasen leisten kann, wollen wir für jährlich  
mindestens 200 Mio. Euro ein Weiterbildungs-BAföG einführen. Es  
kennt keine Altersgrenzen. Die Finanzierung des Lebensunterhalts  
und der Maßnahmenkosten erfolgt durch einen Mix aus Zuschüssen  
und Darlehen, je nach Situation der Berechtigten.TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
117  
Teilhaben an sozialer SicherungG. Teilhaben an sozialer Sicherung  
Wie wir ein Netz der Absicherung für alle schaffen  
Wir leben in einem der reichsten Länder der Welt. Trotzdem ist  
materielle Armut kein Randphänomen, sondern betrifft Millionen  
Menschen. Jedes vierte Kind unter 15 Jahren lebt in Deutschland  
in einem einkommensarmen Haushalt. Arbeitslosigkeit, Erziehung  
von Kindern, Krankheit, Behinderung, Alter oder schicksalhafte Er-  
eignisse dürfen in unserem reichen Land nicht Ursache von einem  
Leben in Armut sein.  
Unser Ziel der Teilhabe umfasst alle. Inklusive Politik fragt nicht  
nach vermeintlichen Defiziten von Menschen, sondern will die Fä-  
higkeiten der Einzelnen und ihre Teilhabe fördern und unterstüt-  
zen. Das schaffen wir mit den Instrumenten einer soziokulturellen  
Mindestsicherung und guten öffentlichen Institutionen, aber auch  
durch eine allgemein verankerte Denkweise, die allen Menschen die  
Freiheit eröffnet, in unserer Demokratie so zu leben, wie sie sind. Es  
ist normal, verschieden zu sein.  
Wer arm geboren wurde, wird häufiger, früher und schwerwie-  
gender krank und hat eine deutlich geringere Lebenserwartung.  
Dies wird noch verstärkt durch einen schlechten Zugang zu ge-  
sundheitlicher Versorgung. Die steigende Zahl der Menschen, die  
unter prekären Bedingungen arbeiten oder unterbrochene Erwerbs-  
biografien haben, ist auch im Alter unzureichend abgesichert. Viele  
Betroffene können sich im Bedarfsfall keine gute Pflege organisie-  
ren oder finanzieren.  
Leisten wir dem gesellschaftlichen Wunsch nach einem belast-  
baren Sicherungsnetz für alle endlich Folge: Auch die gesellschaft-  
lich Benachteiligten dürfen nicht durchs Netz fallen. Denn nur wer  
weiß, dass er notfalls aufgefangen wird und soziale Rechte hat, ist  
BürgerIn und kein/e BittstellerIn.  
Soziale Sicherheit ist die Voraussetzung für gesellschaftliches En-  
gagement, für alle, die sich einmischen wollen und können. Soziale  
Sicherheit und Teilhabe sind zwei Seiten einer Medaille. Deshalb istZeit für den grünen Wandel  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BündniS 90/die grünen  
118  
Teilhaben an sozialer Sicherunges wichtig, dass das soziokulturelle Existenzminimum tatsächlich für  
alle gewährleistet ist.  
Indem wir die sozialen Sicherungssysteme fit machen für die  
neuen Herausforderungen, schaffen wir auch der Solidarität eine  
Zukunft. Grüne Grundsicherung, grüne Bürgerversicherung, grüne  
Garantierente und grünes Pflegekonzept sind hierfür der Schlüssel.  
So schaffen wir ein solidarisches Sicherungsnetz, auf das sich jeder  
Mensch im Bedarfsfall verlassen kann: schnell, unbürokratisch und  
existenzsichernd. Wir wollen auch erreichen, dass die Versicherten  
ihre sozialen Leistungen europaweit besser in Anspruch nehmen  
können.  
Wir machen uns auch dafür stark, dass die Versicherten in den  
Sicherungssystemen mehr Gehör finden und eine stärkere Vertre-  
tung erhalten. Ob Arbeitslose oder RentnerInnen, ob PatientInnen  
oder Pflegebedürftige: Auch hier ist Einmischung erwünscht.  
1\. Grüne Grundsicherung  
Die Grundsicherung für Arbeitsuchende ist ein entscheidendes  
Auffangnetz. Diese Grundsicherung muss neben der materiellen  
Absicherung auch die Möglichkeit der soziokulturellen Teilhabe an  
unserer Gesellschaft sicherstellen. Die Würde des Menschen ist und  
bleibt Maßstab unserer Politik.  
Trotz jahrelanger Kritik an der Berechnung des Arbeitslosengeld-  
II-Regelsatzes hat die Regierung Merkel nicht reagiert und hierfür im  
Jahr 2010 die Quittung durch das Bundesverfassungsgericht erhalten.  
Wir wollen den Regelsatz für Erwachsene auf 420 Euro erhöhen  
und jährlich überprüfen, ob er noch angemessen ist. Diese Neube-  
rechnung wollen wir im Dialog mit den Sozialverbänden umsetzen.  
Die Berechnung muss verfassungskonform gestaltet werden. Das  
heißt zum einen, die sogenannten verdeckt Armen und kleinen Auf-  
stocker (Zuverdienst bis 100 Euro) aus der Bezugsgruppe, die Maß-  
stab für die Regelsatzberechnung ist, herauszunehmen. Und zum  
anderen, die wichtigsten Ausgabenpositionen einzubeziehen, die  
für Teilhabe und Pflege zwischenmenschlicher Beziehungen wichtig  
sind und auch durchschnittliche Energiekosten abdecken. Zudem  
muss der Regelbedarf 2014 auf Basis der neuen statistischen Da-TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
119  
Teilhaben an sozialer Sicherungten an Inflation und Lohnentwicklung angepasst werden. Damit die  
Anhebung des ALG II finanzierbar ist und um zu verhindern, dass  
immer mehr erwerbstätige Menschen durch Armutslöhne ergän-  
zend ALG II beziehen müssen, gehört die Einführung eines gesetzli-  
chen Mindestlohns unabdingbar zu einer reformierten Grundsiche-  
rung dazu. Wir setzen darauf, dass wir durch einen Mindestlohn  
Geld einsparen, so dass wir einen Teil der ALG-II-Erhöhung damit  
gegenfinanzieren können. Das bürokratische Bildungs- und Teilha-  
bepaket hat zur Folge, dass viele Kinder ihren verfassungsrechtlich  
garantierten Anspruch auf Bildung und Teilhabe nicht wahrnehmen  
können. Wir wollen das unsinnige Bildungs- und Teilhabepaket ab-  
schaffen. Stattdessen wollen wir als ersten Schritt zur Kindergrund-  
sicherung die Kinderregelsätze erhöhen sowie in die Bildungs- und  
Teilhabeinfrastruktur investieren.  
Wir wollen beim ALG II die Grundlage der Berechnung umstel-  
len von der Bedarfsgemeinschaft hin zur individuellen Existenzsi-  
cherung. Das Prinzip der Bedarfsgemeinschaften benachteiligt vor  
allem Frauen und zementiert ihre finanzielle Abhängigkeit. Die-  
se Umstellung geht zwar nicht von heute auf morgen, doch wir  
werden den Wechsel hin zur individuellen Existenzsicherung in  
der kommenden Legislaturperiode anpacken und mit konkreten  
Schritten einleiten. Das gilt auch für AsylbewerberInnen. Deshalb  
schaffen wir das Asylbewerberleistungsgesetz ab, überführen ihre  
Ansprüche ins SGB und beenden die unwürdige Gutscheinpraxis.  
Die Sanktionen für Bezieherinnen und Bezieher von Arbeitslo-  
sengeld II sind meist demütigend, unnötig und kontraproduktiv. Die  
verschärften Sanktionen für Menschen unter 25 Jahren, die bis zur  
Obdachlosigkeit führen können, wollen wir unverzüglich abschaf-  
fen. Die von Schwarz-Gelb durchgesetzte Anrechnung des Eltern-  
geldes auf das Arbeitslosengeld II benachteiligt einkommensarme  
Familien. Bei der von uns angestrebten Neuordnung der familien-  
politischen Leistungen wollen wir diese Ungerechtigkeit beseitigen  
und die Anrechnung des Elterngeldes wieder rückgängig machen.  
Unser Ziel ist eine Grundsicherung, die auf Motivation, Hilfe und  
Anerkennung statt auf Bestrafung setzt. Die Zahlung einer sozi-  
alen Grundsicherung soll weiterhin an die Bereitschaft geknüpft  
werden, der Gesellschaft etwas zurückzugeben und sich um eine  
eigenständige Existenzsicherung zu bemühen. In der Regel ist dasZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
120  
Teilhaben an sozialer Sicherungdie Suche nach einem neuen Arbeitsplatz, Aus- und Weiterbildung  
oder Umschulung. Wir brauchen ein Wunsch- und Wahlrecht der  
Arbeitsuchenden in den Jobcentern, ein Verbandsklagerecht sowie  
Ombudsstellen, um Konflikte frühzeitig, unter Vermeidung von un-  
nötigen und teuren Gerichtsverfahren und auf Augenhöhe zu lösen.  
Dazu wollen wir beispielsweise sicherstellen, dass Eingliederungs-  
vereinbarungen nicht durch einen Verwaltungsakt ersetzt werden.  
Ein solches Prinzip der partnerschaftlichen Zusammenarbeit ist mit  
den heutigen Sanktionsregeln und -automatismen nicht vereinbar.  
Bis neue faire Regeln etabliert sind, fordern wir ein Sanktionsmo-  
ratorium.  
Soziale Leistungen sind gutes Recht. Doch wer sie in Anspruch  
nehmen will, erlebt oft ein blaues Wunder: wenn Arbeitsuchende  
bei Fragen an das Jobcenter eine kostenpflichtige Telefonhotline  
anrufen müssen, um dann doch keine Auskunft zu erhalten; wenn  
die Pflegekasse ältere Menschen, die einen ambulanten Dienst  
brauchen, nicht ausreichend unterstützt; oder wenn die Kranken-  
kasse die Anschlussbehandlung eines Patienten oder einer Patientin  
nach einem Schlaganfall hinauszögert. Diese Beispiele stehen ex-  
emplarisch für einen oft erlebten Umgang von Behörden und So-  
zialversicherungen mit ihren „Kundinnen und Kunden“. Die Rechte  
auf Beratung, auf angemessene Leistungen, auf Teilhabe am ge-  
sellschaftlichen Leben bleiben dabei auf der Strecke. Wir wollen,  
dass die Menschen ihr Recht bekommen. Es ist an der Zeit, die Leis-  
tungsberechtigten bei der Durchsetzung ihrer Rechtsansprüche zu  
stärken, auch durch ein Verbandsklagerecht und die Schaffung und  
Förderung ämterunabhängiger Beratungsstellen.  
Wir wollen die Idee einer finanziellen Basissicherung oder die  
einer negativen Einkommensteuer weiter diskutieren. Gerade in der  
Debatte um Grundsicherung und ein bedingungsloses Grundein-  
kommen für alle muss es darum gehen, unsere Leitbilder von Ge-  
rechtigkeit und emanzipativer Sozialpolitik, die Bedeutung öffent-  
licher Institutionen und Finanzierbarkeit zu verbinden. Wir wollen  
diese Debatte in die Gesellschaft hineintragen. Wir halten deshalb  
die Einrichtung einer Enquete-Kommission im Deutschen Bundes-  
tag für sinnvoll, in der Idee und Modelle eines Grundeinkommens  
sowie grundlegende Reformperspektiven für den Sozialstaat und  
die sozialen Sicherungssysteme diskutiert werden. In einer solchenTEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
121  
Teilhaben an sozialer SicherungEnquete wollen wir der Diskussion über ein bedingungsloses  
Grundeinkommen sowie damit verbundene Veränderungen in den  
sozialen Sicherungssystemen den nötigen Raum verschaffen. Ziel  
ist es, die Schere zwischen Arm und Reich zu schließen und das  
individuelle Grundrecht auf Teilhabe zu verwirklichen.  
2\. Grüne Bürgerversicherung:  
gerechte Finanzierung des Gesundheitssystems  
In der gesetzlichen Krankenversicherung stehen Gesunde und  
Kranke, Junge und Alte sowie Gut- und Geringverdienende solida-  
risch füreinander ein. Kinder sind kostenlos mitversichert. Doch die  
Solidargemeinschaft ist nicht vollständig. Unser Gesundheitssystem  
ist in Schieflage geraten. Privatversicherte sind häufig privilegiert  
und erhalten Vorzugsbehandlungen. Gut verdienende Angestellte,  
BeamtInnen, viele Abgeordnete und die meisten Selbständigen ge-  
hören der privaten Krankenversicherung an. Als Privatversicherte  
versichern sie nur ihr eigenes, meist unterdurchschnittliches Krank-  
heitsrisiko. Zum Solidarausgleich tragen sie so nicht bei.  
Diese 2-Klassen-Medizin in unserem Gesundheitswesen wollen  
wir beenden. Unsere Alternative ist die grüne Bürgerversicherung:  
eine für alle statt jeder für sich. Dagegen will Schwarz-Gelb den So-  
lidarausgleich innerhalb der gesetzlichen Krankenversicherung im-  
mer weiter abbauen. Die steigenden Gesundheitsausgaben sollen  
über pauschale Zusatzbeiträge alleine den Versicherten aufgebür-  
det werden. Wir dagegen wollen mehr, nicht weniger Solidarität.  
Die grüne Bürgerversicherung bezieht alle Bürgerinnen und Bürger  
in die Solidargemeinschaft ein. Gleichzeitig wird die paritätische  
Finanzierung zwischen ArbeitgeberInnen und ArbeitnehmerInnen  
wiederhergestellt.  
Die grüne Bürgerversicherung sorgt aber nicht nur für die Stär-  
kung der Solidarität. Sie ist ein entscheidender Schritt zu einer so-  
liden Finanzierung des Gesundheitswesens, denn wir verbreitern  
die finanzielle Basis. Zukünftig wollen wir alle Einkommensarten  
gleichbehandeln und zur Finanzierung heranziehen. Also neben Ar-  
beitseinkommen und Renten auch Kapitaleinkommen, zum Beispiel  
durch Aktiengewinne, Zinsen, Spekulationsgewinne und Mietein-ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
122  
Teilhaben an sozialer Sicherungnahmen. Zudem heben wir die Beitragsbemessungsgrenze auf das  
in der Rentenversicherung geltende Niveau. Das schafft mehr Ge-  
rechtigkeit im Gesundheitswesen, indem es Gutverdienende fairer  
beteiligt, macht die Finanzierung zukunftsfest und schafft Raum für  
Beitragssatzsenkungen.  
Die grüne Bürgerversicherung ist keine Einheitsversicherung. So-  
wohl die gesetzlichen als auch private Krankenversicherer können  
die Bürgerversicherung anbieten. Allerdings gilt eine gemeinsame  
Honorarordnung. Denn die Art und das Ausmaß der Behandlung  
von Patientinnen und Patienten dürfen nicht länger davon abhängig  
sein, ob diese privat oder gesetzlich versichert sind. Dabei werden  
wir sicherstellen, dass die höheren Honorare, die heute über die  
Privatversicherten an die Ärzteschaft und an die anderen Gesund-  
heitsberufe fließen, insgesamt erhalten bleiben und gerechter ver-  
teilt werden. Der Wettbewerb unter den Anbietern darf dabei nicht  
über den Beitragsatz, sondern soll vor allem über die Qualität und  
Patientenorientierung geführt werden. Die Krankenversicherungen  
als Interessenvertreter sollen das Wohl jedes einzelnen Mitglieds im  
Blick haben. Keinesfalls darf es eine Risikoselektion geben. Versi-  
cherte dürfen wegen ihres Alters, ihres Geschlechts oder möglicher  
Vorerkrankungen nicht benachteiligt werden. Die Beiträge sind strikt  
einkommensbezogen zu erheben. Zuzahlungen werden abgeschafft.  
Die grüne Bürgerversicherung unterstützt Familien mit Kindern.  
Kinder werden kostenlos mitversichert, zeitlich begrenzt auch Ver-  
heiratete bzw. LebenspartnerInnen, die nicht erwerbstätig sind, aber  
Kinder erziehen oder Pflegeleistungen erbringen. Für alle anderen  
Ehepaare und für eingetragene Lebensgemeinschaften wird ein  
Beitragssplitting eingeführt. Damit wird die Bevorzugung von Al-  
leinverdienerpaaren mit einem überdurchschnittlichen Haushaltsein-  
kommen beendet und die negativen Erwerbsanreize für Ehefrauen  
abgeschafft.  
3\. Grüne Gesundheitspolitik:  
ortsnah und bedarfsgerecht, inklusiv und präventiv  
Wir wollen die wohnortnahe gesundheitliche Versorgung weiter  
verbessern und den Zugang unabhängig von Alter, Einkommen,TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
123  
Teilhaben an sozialer SicherungGeschlecht, Herkunft, Behinderung, sozialer Lage und Wohnort  
sicherstellen. Kern muss eine Primärversorgung sein, in der Haus-  
und KinderärztInnen sowie die Angehörigen weiterer Gesundheits-  
berufe auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Dafür sind u. a. die Auf-  
wertung der HausärztInnen und des Berufsbildes der Pflege, eine  
veränderte Aufgabenverteilung zwischen den Gesundheitsberufen  
und ein Vergütungssystem erforderlich, das die besonderen Leis-  
tungen der Primärversorgung, wie die Beratung und Begleitung der  
PatientInnen, berücksichtigt. Hausarztverträge können dabei ein  
Beitrag sein, um eine wohnortnahe Primärversorgung zu gewähr-  
leisten und die Qualität der Versorgung zu verbessern.  
Um den Versorgungsbedarfen der wachsenden Zahl chronisch  
und mehrfach sowie psychisch erkrankter Patientinnen und Pati-  
enten gerecht zu werden, ist eine enge Zusammenarbeit der un-  
terschiedlichen Gesundheitseinrichtungen und -berufe erforderlich.  
Die finanziellen und rechtlichen Barrieren, die einer Gesundheits-  
versorgung „Hand in Hand“ entgegenstehen, wollen wir beseiti-  
gen. Die Bereitschaft und die Fähigkeit zur Zusammenarbeit muss  
schon in der Ausbildung gefördert werden. Die Pflegekräfte sind in  
ihrer Eigenverantwortung zu stärken.  
Bei der Ausgestaltung der Gesundheitsversorgung soll den Kom-  
munen sowie den regionalen und lokalen Zusammenschlüssen von  
Patientinnen und Patienten sowie Gesundheitsberufen künftig eine  
größere Rolle zukommen. So können Versorgungsstrukturen stär-  
ker auf die Bedarfe vor Ort ausgerichtet und medizinische Versor-  
gung, Prävention und Gesundheitsförderung mit den kommunalen  
sozialen Diensten verknüpft werden. Die Krankenhausversorgung  
ist ein wichtiger Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge. Krankenhäu-  
ser sind als Teil des regionalen Versorgungssystems zu begreifen  
und müssen bedarfsgerecht finanziert werden. Öffentliche Kran-  
kenhäuser müssen sich mit ihren sozialen Zielsetzungen neben frei-  
gemeinnützigen und privaten Trägern behaupten können.  
Doch mit ihrer Krankenhauspolitik im Zickzackkurs und unter-  
lassenen Strukturreformen hat die Bundesregierung vor allem viele  
kommunale Krankenhäuser in die roten Zahlen getrieben. Das scha-  
det den Patientinnen und Patienten. Denn Diagnosen, Therapien  
und Dauer des Krankenhausaufenthalts werden in den Kliniken  
zunehmend von betriebswirtschaftlichen Überlegungen bestimmt.ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
124  
Teilhaben an sozialer SicherungUnd das trifft auch die Beschäftigten, insbesondere in der Pflege,  
die immer mehr Patientinnen und Patienten mit immer größerem  
Unterstützungsbedarf versorgen müssen.  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN wollen deshalb eine Kurskorrektur  
auch in der Krankenhauspolitik. Fehlerhafte ökonomische Anreize  
im derzeitigen Finanzierungssystem, die zu unangebrachten oder  
ethisch fragwürdigen Therapieentscheidungen führen können,  
wollen wir beheben. Die Vergütungen, die die Krankenhäuser für  
die Behandlung der Patientinnen und Patienten erhalten, müssen  
die steigenden Personal- und Sachkosten angemessen berücksich-  
tigen. Die Qualität der Behandlung sowie der Patientennutzen soll-  
ten zunehmend in die Vergütung eingehen. Die Vorhaltekosten der  
Notfallversorgung und die Kostenstruktur der unterschiedlichen  
Krankenhausgrößen müssen angemessen berücksichtigt werden.  
Um die Arbeitsbedingungen in den Krankenhäusern zu ver-  
bessern, sind neben der Schaffung zusätzlicher Pflegestellen und  
einer finanziellen Besserstellung der Pflegeberufe eine familien-  
freundliche Arbeitsorganisation, mehr Teamorientierung und eine  
gleichberechtigte Zusammenarbeit aller im Krankenhaus tätigen  
Gesundheitsberufe nötig. Bestehende Arbeitsschutz- und Arbeits-  
zeitbestimmungen sind konsequent umzusetzen sowie Vorkehrun-  
gen gegen übermäßige psychische Belastungen zu treffen.  
Damit sich regionale Versorgungsnetze bilden können und um  
eine bedarfsgerechte Krankenhausversorgung auch in ländlichen  
und strukturschwachen Regionen zu gewährleisten, wollen wir  
die Voraussetzungen für die Zusammenarbeit der Krankenhäuser  
untereinander sowie mit den ambulanten Strukturen vor Ort ver-  
bessern. Dafür streben wir unter anderem ein einheitliches Vergü-  
tungssystem für alle fachärztlichen Leistungen an, gleichgültig, ob  
sie im Krankenhaus oder in der Facharztpraxis erbracht werden. Die  
Anwendung von Informationstechnologien kann einen wichtigen  
Beitrag für eine bessere Gesundheitsversorgung leisten. Allerdings  
sind dabei die Grundsätze des Datenschutzes und des Rechts auf  
informationelle Selbstbestimmung der Patientinnen und Patienten  
strikt einzuhalten.  
Patientinnen und Patienten sollen auch Angebote der beson-  
deren Therapierichtungen wahrnehmen können. Dazu muss die  
Komplementärmedizin Nachweise zur Wirksamkeit erbringen.TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
125  
Teilhaben an sozialer SicherungEs sind geeignete Methoden zum Wirksamkeitsnachweis für die  
Komplementärmedizin als auch andere medizinische Bereiche (z. B.  
Physio- oder Psychotherapie) zu entwickeln. Dafür sind öffentliche  
Forschungsgelder zur Verfügung zu stellen. PatientInnen sollen  
in einem Patientenbrief nach erfolgter Behandlung in verständli-  
cher Form über Diagnose, Art und Umfang der Leistung informiert  
werden.  
Ob bei künstlichen Hüftgelenken, Herzschrittmachern oder  
Brustimplantaten – Sicherheit, Wirksamkeit und Nutzen von Me-  
dizinprodukten müssen verbessert werden. Dazu gehören ein  
europaweit einheitliches staatliches Zulassungsverfahren für  
Hochrisikoprodukte, strenge Vorgaben für klinische Studien, ein  
Medizinprodukteregister und eine bessere Nutzenbewertung neuer  
Untersuchungs- und Behandlungsmethoden. Notwendig ist zudem  
eine Produkthaftpflicht für Medizinproduktehersteller.  
Die kürzlich eingeführte Nutzenbewertung neuer Arzneimittel  
ist ein wichtiger Schritt. Sie ermöglicht, den Preis eines Medika-  
ments davon abhängig zu machen, welcher Patientennutzen mit  
ihm verbunden ist. Blockadeversuchen der Pharmaindustrie werden  
wir entschieden entgegentreten. Damit alle Informationen zu ei-  
nem Arzneimittel in seine Bewertung einfließen können, werden  
wir die Pharmaunternehmen verpflichten, alle Arzneimittelstudien  
registrieren zu lassen und deren Resultate zu veröffentlichen. For-  
schungsprojekte zur spezifischen Verträglichkeit von Arzneimitteln  
bei Kindern sowie zur geschlechterspezifischen Verträglichkeit müs-  
sen ausgebaut werden. Medizinische Forschung muss transparent  
gestaltet, Abhängigkeiten von Drittmittelgebern in der Forschung  
konsequent offengelegt werden. Wir wollen für Menschen in Ent-  
wicklungs- und Schwellenländern den Zugang zu Medikamenten  
verbessern. Hierzu wollen wir auch die rechtlichen Rahmenbedin-  
gungen verbessern und sehen öffentliche Forschungseinrichtun-  
gen in der Verantwortung, sozialverträgliche Lizenzierungs- und  
Vertriebsmodelle zu entwicklen. Perspektivisch streben wir eine  
Angleichung der Preisregulierung und der Regelungen zur Quali-  
tätstransparenz für Arzneimittel innerhalb der EU an. Die Bekämp-  
fung von Korruption braucht eine klare Gesetzgebung mit konse-  
quenter Durchsetzung, um die Manipulation im Gesundheitssystem  
durch nicht am Patientenwohl orientierte Einflüsse, u. a. Bestrebun-ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
126  
Teilhaben an sozialer Sicherunggen von Pharma- und MedizinprodukteherstellerInnen, endlich zu  
beenden. Hierzu gehört die Einführung eines Straftatbestandes für  
Korruption durch die LeistungserbringerInnen im Gesundheitswe-  
sen, der Ausbau unabhängig finanzierter medizinischer Forschung  
und ein Weiterbildungswesen frei von wirtschaftlicher Beeinflus-  
sung.  
Menschen mit Behinderungen sind im Gesundheitssystem häufi-  
ger als andere Bevormundung und Entscheidungen über ihren Kopf  
hinweg ausgesetzt. Wir streben ein inklusives Gesundheitssystem  
an, das auf die Bedürfnisse der Menschen mit Behinderungen ein-  
geht und alle notwendigen präventiven, diagnostischen, therapeu-  
tischen sowie rehabilitativen Maßnahmen ermöglicht. Das schließt  
die Qualität der Unterstützung mit ein, beispielsweise durch Versor-  
gung mit hochspezialisierten Hilfsmitteln zur Kommunikation und  
Mobilität. Wir treten dafür ein, dass die UN-Behindertenrechts-  
konvention in Deutschland konsequent umgesetzt wird und eine  
entsprechende Überarbeitung der gesetzlichen Grundlagen erfolgt.  
Wir wollen eine interkulturelle Öffnung der gesundheitlichen  
Regeldienste und falls erforderlich ein herkunftssprachliches Bera-  
tungsangebot. Für Flüchtlinge und Menschen „ohne Papiere“ muss  
der Zugang zur gesundheitlichen Grundversorgung gesichert sein.  
Wir wollen den Patientennutzen – gerade auch die Verbesserung  
der Lebensqualität – in den Mittelpunkt stellen und deshalb stärker  
die Behandlungsergebnisse vergüten und nicht ausschließlich den  
Umfang an Behandlungen. Zu einer leistungsfähigen Gesundheits-  
versorgung tragen informierte Patientinnen und Patienten bei, die  
ihre Bedarfe selbstbewusst vertreten und ihre Behandlung mitge-  
stalten können. Dazu brauchen sie zuverlässige Informationen über  
die Qualität von Therapien und Versorgungsangeboten. Doch die  
mangelhafte Qualitätstransparenz ist eine der großen Schwachstel-  
len im deutschen Gesundheitswesen. Benötigt wird eine Art „Stif-  
tung Warentest“ im Gesundheitswesen, die zuverlässige Qualitäts-  
informationen sammelt und allgemeinverständlich aufbereitet. Wir  
treten für den weiteren Ausbau der unabhängigen Patientenbera-  
tung ein. Wir setzen uns für eine Beweiserleichterung für geschä-  
digte PatientInnen ein. Für PatientInnen, die im Zusammenhang mit  
ihrer Behandlung einen schweren gesundheitlichen Schaden erlitten  
haben, ohne dass eindeutig ein Behandlungsfehler nachgewiesenTEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
127  
Teilhaben an sozialer Sicherungwerden kann, wollen wir einen Haftungs- und Entschädigungs-  
fonds einrichten. Darüber hinaus erforderlich ist eine Stärkung der  
PatientInnenrechte sowie Rechte der PatientInnenvertreterInnen in  
den Gremien der Selbstverwaltung. Die Patientinnen und Patienten  
müssen bei Behandlungsfehlern mehr Rechte vor Gericht erhalten.  
Um dem Ziel einer guten Gesundheit für alle näherzukommen,  
braucht es vor allem präventive Anstrengungen in den verschie-  
densten Politikfeldern. Von der Ernährung über die Stadtplanung,  
die Umwelt- und Verkehrspolitik bis hin zur Schul-, Sport- und  
Drogenpolitik. Gesundheitliche Belastungen entstehen in der Le-  
bensumgebung und im Alltag der Menschen. Das beginnt schon  
rund um die Geburt. Wir wollen einen guten Start ins Leben für  
alle Kinder. Deshalb wollen wir Hebammen stärken, ihre Arbeit  
besser entlohnen und dem Berufsstand mehr Anerkennung ver-  
leihen. In der Kindertagesstätte, der Schule, am Arbeitsplatz oder  
im Wohnquartier. Und diese Belastungen sind sozial ungleich ver-  
teilt. Studien zeigen immer wieder, dass sich die Gesundheitsrisiken  
bereits bei Kindern und Jugendlichen auf die 20 % konzentrieren,  
die aus sozial benachteiligten Familien kommen. Dem wollen wir  
entgegenwirken. Wir wollen Gesundheit fördern, nicht nur Krankheit  
behandeln. Und wir wollen die Ungleichverteilung von Gesundheits-  
chancen reduzieren. Wir wollen erreichen, dass sich Maßnahmen  
zur Gesundheitsförderung und Prävention besser an Zielgruppen  
orientieren und mehr geschlechtsspezifische und kultursensible  
Angebote unterbreitet werden. Deshalb schaffen wir mit einem  
Präventionsgesetz eine verlässliche Grundlage für eine gute, wohn-  
ortnahe, allen zugängliche und bezahlbare Gesundheitsvorsorge.  
Wirksame Gesundheitsförderung findet vor Ort in den Kommunen  
statt. Wir erachten hierbei auch Sport und Bewegung als wichtige  
präventive Maßnahmen, um die körperliche und seelische Gesund-  
heit zu erhalten und wo möglich zu verbessern. Das Präventionsge-  
setz sorgt auch für eine gerechte Finanzierung und eine sinnvolle  
Steuerung der Gesundheitsförderung und Prävention, an der wir  
alle Sozialversicherungsträger und auch die private Kranken- und  
Pflegeversicherung beteiligen.  
Immer mehr Menschen benötigen aufgrund einer psychischen  
Krise oder einer schweren psychischen Störung Hilfe und Thera-  
pie. Grund dafür sind auch die zunehmenden psychischen Belas-ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
128  
Teilhaben an sozialer Sicherungtungen vor allem bei Kindern und Jugendlichen im Schulalter und  
hohe Belastungen am Arbeitsplatz. Wir brauchen mehr umfassende  
gemeindenahe ambulante Angebote, wie z. B. Krisenhilfen, bessere  
Übergänge zwischen stationärer und ambulanter Versorgung, ver-  
mehrt Angebote zur integrierten Versorgung sowie eine verstärkte  
Zusammenarbeit zwischen den Gesundheits- und Sozialberufen.  
Wissenschaftlich anerkannte Psychotherapieverfahren sollen auch  
in der ambulanten Versorgung zur Verfügung gestellt werden. Wir  
treten für Behandlungsformen ein, die auf Freiwilligkeit und nicht  
auf Zwang setzen. Um die bestehenden Defizite zu beseitigen, wol-  
len wir darauf hinwirken, dass Bund und Länder unter Einbeziehung  
aller AkteurInnen einen Aktionsplan zur Weiterentwicklung der  
gesundheitlichen Versorgung bei psychischen Erkrankungen entwi-  
ckeln. Wir unterstützen die engagierte Arbeit der Selbsthilfe und  
setzen uns für einen vorurteilsfreien Trialog zwischen Psychiatrie-  
erfahrenen, Angehörigen und professionell in der Psychiatrie Täti-  
gen ein.  
Wir wollen das durch zahlreiche Skandale schwer beschädigte  
Vertrauen in das System der Organtransplantation wieder aufbau-  
en. Die Menschen müssen sich darauf verlassen können, dass es  
bei Organspenden gerecht und mit rechten Dingen zugeht. Das  
geht nur durch absolute Transparenz, rechtsstaatliche Strukturen  
und durch ständige Qualitätsprüfungen, Deshalb setzen wir uns  
für die Schaffung einer öffentlich-rechtlichen Einrichtung ein, die  
die Organspende in Deutschland koordiniert und die Aufsicht über  
die am Transplantationswesen beteiligten Akteure wahrnimmt. Zu  
einem guten Gesundheitswesen gehört auch, Sterbenden ein Le-  
bensende in Würde und Selbstbestimmung zu ermöglichen. Einen  
wichtigen Beitrag dazu leistet die Hospizbewegung. Doch die Zahl  
und Ausstattung der stationären Hospize ist sehr unterschiedlich  
und nicht ausreichend. Wir wollen die Rahmenbedingungen für die  
Hospizarbeit u. a. durch eine Absenkung des gesetzlichen Eigen-  
finanzierungsanteils verbessern.TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
129  
Teilhaben an sozialer Sicherung4. Prävention, Hilfe und Entkriminalisierung statt Fort-  
setzung der gescheiterten Drogen- und Suchtpolitik  
Der globale Krieg gegen Drogen ist gescheitert. Weltweit leiden  
viele Menschen unter den negativen Folgen dieser Politik, unter  
Kriegen und bewaffneten innerstaatlichen Konflikten, unter Re-  
pression und erheblichen gesundheitlichen Problemen. Einen Beleg  
für den Nutzen der Kriminalisierung von Drogen gibt es hingegen  
nicht.  
Wir wollen eine Reform der Drogenpolitik und setzen dabei auf  
Prävention, Hilfe, Schadensminderung und Entkriminalisierung. Ziel  
ist es, das Selbstbestimmungsrecht der Menschen zu achten und  
gesundheitliche Risiken zu minimieren. Wir fordern unter Einbezie-  
hung von Wissenschaft, Drogenhilfe und Gesundheitspolitik eine  
Evaluierung der aktuellen Drogenpolitik. Anstelle der gescheiterten  
Verbotspolitik fordern wir langfristig eine an den tatsächlichen ge-  
sundheitlichen Risiken orientierte Regulierung aller – auch bislang  
illegaler – Drogen. Neue Verbote, wie zum Beispiel eine Stoffgrup-  
penregelung bei Legal Highs lehnen wir ab. Die Kriminalisierung  
von DrogenkonsumentInnen muss beendet werden.  
Wer abhängig ist, braucht Hilfe und keine Strafverfolgung. Nur  
durch ein auf die unterschiedlichen Lebenswelten der Menschen  
ausgerichtetes Hilfe- und Beratungssystem können gesundheitliche  
Risiken verringert werden. Wir wollen die zielgruppenspezifischen  
und niederschwelligen Angebote in der Drogen- und Suchthilfe  
stärken. Gefährdungen, die durch die derzeitigen Schwarzmarkt-  
bedingungen verursacht werden, wollen wir durch den weiteren  
Ausbau von risikominimierenden Maßnahmen, wie Spritzen-  
tauschprogrammen und Drogenkonsumräumen, entgegentreten  
und diese durch die Ermöglichung von Substanzanalysen (Drug-  
checking) ergänzen. Die bestehenden Therapie- und Hilfsangebote  
für Opiatabhängige müssen ausgebaut, rechtliche Hürden beseitigt  
und niederschwellige Angebote gestärkt werden. Wir wollen be-  
stehende Präventionsprogramme für alle psychoaktiven Substan-  
zen und nicht stoffgebundene Süchte hinsichtlich ihrer Wirksamkeit  
überprüfen und gegebenenfalls korrigieren; öffentliche Werbung  
wirksam verbieten. Das Thema „Drogen und Sucht“ muss mit all  
seinen Facetten breiten Eingang in den Schulen finden und sozialeZeit für den grünen Wandel  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BündniS 90/die grünen  
130  
Teilhaben an sozialer SicherungTräger wie Gesundheitsämter müssen besser in die Lage versetzt  
werden, Eltern und Jugendliche differenziert und fachgerecht zu  
beraten. Wir werden auch weiterhin für einen wirksamen Nichtrau-  
cherschutz eintreten und den Schutz vor Passivrauchen verbessern.  
Das Tabakrahmenübereinkommen der WHO werden wir umsetzen  
und damit den Einfluss der Tabakindustrie wirksam begrenzen. Wir  
setzen uns dafür ein, dass die E-Zigarette als gesundheitlich weniger  
schädliche Alternative zum Tabakkonsum erhalten bleibt.  
Näheres zur Abgabe von Cannabis, zum Umgang mit Cannabis  
im Straßenverkehr sowie zur medizinischen Forschung an Drogen  
beschreiben wir im Kapitel „BürgerInnenrechte stärken“, im Unter-  
kapitel „Den Rechtsstaat stärken“.  
5\. Grünes Pflegekonzept:  
menschenwürdig und unterstützend  
Die Humanität einer Gesellschaft bemisst sich auch an ihrem Um-  
gang mit Menschen, die Unterstützung benötigen. Gute Pflege ist  
etwas, was alle angeht: Kinder, deren Großeltern gepflegt werden,  
Erwachsene, deren Kinder der Pflege bedürfen, und ältere Men-  
schen, die selbst pflegebedürftig werden. Wir GRÜNE wollen eine  
menschenwürdige Pflege, die begleitet und unterstützt. Wir wollen  
eine Pflege, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Wir wol-  
len, dass Menschen auch bei Pflegebedarf würdig und selbstbe-  
stimmt leben können, und zwar unabhängig vom Geldbeutel. Um  
eine zukunftsfähige Versorgungsstruktur und eine menschliche und  
gute Pflege zu sichern, werden wir uns weiterhin für eine durchgrei-  
fende Reform der Pflegeversicherung einsetzen. Wir wollen deshalb  
den Pflegebedürftigkeitsbegriff verändern und erweitern und bei  
der Begutachtung Kinder und Jugendliche besser abbilden. So kann  
gerade für die zunehmende Zahl der Demenzkranken endlich eine  
bessere Versorgung gewährleistet und ihre Diskriminierung inner-  
halb der Pflegeversicherung beseitigt werden. Pflegebedürftigkeit  
kann verhindert, aufgehalten oder verlangsamt werden, deshalb  
wollen wir endlich wirksame Anreize für eine bessere Prävention  
und Rehabilitation bei Pflege setzen.TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
131  
Teilhaben an sozialer SicherungErforderlich ist auch, stärker die UN-Behindertenrechtskonven-  
tion in der Pflege zu beachten und konsequent umzusetzen. Pfle-  
gebedürftige Menschen mit Behinderung müssen unabhängig vom  
Lebensalter und von der Ursache von Behinderung oder Pflegebe-  
dürftigkeit Zugang zu Leistungen der Pflegeversicherung und Teil-  
habeleistungen erhalten.  
Wir wollen Menschen, die ihre Angehörigen zu Hause pflegen,  
stärker als bisher mit einem Netz aus professioneller Hilfe und  
bürgerschaftlichem Engagement entlasten. Dazu werden wir die  
Pflege im Quartier stärken und die ambulanten Versorgungs- und  
Entlastungsangebote, die auch unabhängig vom Einsatz Angehöri-  
ger – bislang vor allem zu Lasten von Frauen – eine Versorgungs-  
sicherheit vor Ort bieten, verbessern und ausbauen. Wir wollen  
es Pflegebedürftigen ermöglichen, durch ein persönliches Pflege-  
budget die Pflege nach eigenen Wünschen zu organisieren. Zudem  
wollen wir einen Anspruch auf eine grüne Pflegezeit schaffen. Wir  
benötigen mehr denn je eine trägerunabhängige Pflegeberatung.  
Wohn- und Pflegeformen, die in der direkten Nachbarschaft eine  
Versorgungssicherheit bieten, werden immer wichtiger und müs-  
sen gestärkt und ausgebaut werden. Vielerorts wird immer noch  
in große Pflegeheime investiert. Hier wollen wir gegensteuern. Wir  
wollen weg von traditionellen Groß- und Sondereinrichtungen und  
stattdessen Orte schaffen, an denen Pflege und Betreuung in einer  
häuslichen Wohnumgebung stattfinden kann. Um das zu erreichen,  
wollen wir Alternativen für ein selbstbestimmtes Wohnen mit An-  
geboten für eine intensive Pflege und Unterstützung fördern wie  
Hausgemeinschaften, Pflege- und Wohngruppen, Wohngemein-  
schaften oder Mehrgenerationenwohnen. Notwendig sind auch  
Einrichtungen der Tages-, Nacht- und Kurzzeitpflege sowie die  
altersgerechte Gestaltung der Strukturen in der Wohnumgebung.  
Wir wollen darüber hinaus erreichen, dass sich auch bestehende  
Großeinrichtungen zum Quartier hin öffnen, und umgestalten hin  
zu überschaubaren gemeinschaftlichen Wohn- und Pflegeformen.  
Den Kommunen kommt bei dieser Entwicklung eine große Bedeu-  
tung zu. Sie müssen mit Hilfe der Bundes- und Landespolitik bei  
der Etablierung von Quartierskonzepten unterstützt werden. Das  
Programm „Soziale Stadt“, mit dem Bund und Länder die Lebens-  
bedingungen in benachteiligten Stadtteilen verbessern, wollen wirZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
132  
Teilhaben an sozialer Sicherungso ausbauen, dass auch Pflege und Unterstützung im Quartier ge-  
fördert werden. Deutschland ist ein Einwanderungsland, das heißt  
auch, immer mehr Menschen mit Migrationshintergrund werden  
pflegebedürftig. Insgesamt muss sich die Pflege auf eine größere  
Vielfalt einstellen und auch kulturelle, religiöse, sexuelle oder ge-  
schlechtsspezifische Identitäten sensibel berücksichtigen.  
Für eine steigende Zahl an pflegebedürftigen Menschen brau-  
chen wir genügend gut qualifizierte und engagierte Pflegekräfte.  
Um den Pflegekräften die Anerkennung entgegenzubringen, die sie  
verdienen, und einem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, wol-  
len wir den Pflegeberuf besser anerkennen und bezahlen sowie die  
Arbeitsbedingungen verbessern. Wir setzen uns für angemessene  
Personalschlüssel und den Abbau unnötiger Bürokratie ein. Um al-  
len Pflegekräften Aufstiegschancen zu geben, wollen wir ein mo-  
dernes, durchlässiges Aus- und Weiterbildungssystem schaffen, das  
Pflegeausbildung auch an Hochschulen ermöglicht. Zudem brau-  
chen wir mehr Ausbildungsplätze in der Pflege. Wir wollen eine  
dauerhafte Regelung zur Finanzierung des dritten Umschulungs-  
jahres. Die Pflege muss sich auf die zu versorgenden Personen und  
ihre Lebenswelt einlassen. Dazu braucht sie spezielles Wissen, das  
bereits in der Ausbildung vermittelt werden muss. In der Pflegeaus-  
bildung plädieren wir für eine Ausbildungsumlage in allen Bundes-  
ländern. Wir möchten, dass Pflegekräfte und andere Gesundheits-  
berufe selbständiger arbeiten können.  
Die Pflegeversicherung muss auf eine solide finanzielle Grund-  
lage gestellt werden. Hierzu wollen wir alle BürgerInnen und alle  
Einkommen einbeziehen und die Pflege-Bürgerversicherung ein-  
führen. Mit ihr ist eine bessere Pflege bezahlbar. Trotz deutlicher  
Leistungsverbesserungen bleibt damit die Beitragsentwicklung bis  
weit in die Zukunft überschaubar und zumutbar. Das ist ein Schritt  
hin zu mehr Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und Solidarität.  
6\. Grüne Rentenpolitik:  
mit der Garantierente gegen Altersarmut  
Rentnerinnen und Rentnern geht es in Deutschland im Durch-  
schnitt noch vergleichsweise gut. Altersarmut ist aber schon heuteTEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
133  
Teilhaben an sozialer Sicherungein Problem. Mehr als zwei Millionen Ältere in Deutschland haben  
ein Einkommen unterhalb der EU-Armutsrisikogrenze. Angesichts  
unsteter Erwerbsbiografien, weit verbreiteter Niedriglöhne und ei-  
nes sinkenden Rentenniveaus wird die Altersarmut noch zunehmen.  
Das betrifft vor allem Frauen, die aufgrund tradierter Rollenzuwei-  
sungen und nicht vorhandener Betreuungsplätze nicht oder in Teil-  
zeit erwerbstätig waren und sind. Dem setzen wir eine Strategie  
einer gerechten Arbeitsmarktpolitik sowie Maßnahmen innerhalb  
der Rentenversicherung zum Aufbau eigenständiger Ansprüche  
und der Garantierente entgegen.  
Altersarmut geht in der Regel mit Benachteiligungen in vielen  
Lebensbereichen einher. Häufig ist soziale Vereinsamung die Folge.  
Deshalb setzen wir auf ein umfassendes Konzept gegen Altersar-  
mut. Wir brauchen differenzierte Lösungen für die besonders ge-  
fährdeten Gruppen. Wichtig ist neben der Rente eine gute Arbeits-  
marktpolitik. Außerdem braucht es Verbesserungen im Bereich der  
Grundsicherung, des Wohnens und der Gesundheitsversorgung.  
Es ist für uns eine Frage der Gerechtigkeit und der Würde, dass  
Menschen, die langjährig rentenversichert waren, als RentnerIn-  
nen nicht auf die Grundsicherung im Alter angewiesen sind. Diesen  
Menschen muss im Alter der Gang zum Amt erspart bleiben. Unse-  
re Antwort ist die steuerfinanzierte Garantierente von mindestens  
850 Euro. Wir wollen allen NeurentnerInnen mit mindestens 30  
Versicherungsjahren eine Rente oberhalb der Grundsicherung ga-  
rantieren. Als Voraussetzungen für den Bezug gelten alle Versiche-  
rungszeiten. Dazu gehören Beitragszeiten, Anrechnungszeiten, z. B.  
wegen Arbeitslosigkeit, Zurechnungszeiten wegen Erwerbsminde-  
rung, Berücksichtigungszeiten wegen Pflege und (bis zum Rechts-  
anspruch auf U3-Betreuung) Kindererziehung bis zum 10. Lebens-  
jahr. Wir unterscheiden dabei nicht zwischen Teilzeit und Vollzeit.  
Die Voraussetzungen für die Garantierente haben wir bewusst so  
gewählt, dass sie nicht nur von Männern, sondern insbesondere  
auch von Frauen gut zu erreichen sind. Private und betriebliche  
Ansprüche werden nur teilweise auf die Garantierente angerech-  
net. Damit sorgen wir für eine zielgruppengenaue Bekämpfung der  
Altersarmut, die Steuer- und BeitragszahlerInnen nicht mehr als  
notwendig belastet. Wir wollen die Grundsicherung im Alter und  
bei Erwerbsminderung verbessern, zum Beispiel durch eine groß-ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
134  
Teilhaben an sozialer Sicherungzügigere Anrechnung von gesparten Vermögen. Gleichzeitig sollte  
es möglichst schnell ein einheitliches Rentenrecht in Ost und West  
geben. Zentrales Ziel ist dabei die Anhebung des Rentenwertes Ost  
auf den Rentenwert West. Das soll allerdings so geschehen, dass  
die bisher erworbenen Rentenansprüche konstant bleiben.  
Die Sicherung eines Lebensstandards jenseits der Armutsgrenze  
im Alter ist eine der Grundaufgaben eines modernen Sozialstaats.  
Wir setzen dafür auf eine starke gesetzliche Rentenversicherung  
mit einem angemessenen Rentenniveau, damit das Vertrauen in  
das Rentensystem über die Generationen hinweg bestehen bleibt.  
Wenn junge Menschen lange in die Rentenversicherung einzahlen,  
dann müssen sie auch eine angemessene Rente erhalten. Würde  
das Rentenniveau deutlich unter das heutige Niveau sinken, wä-  
ren zukünftig Menschen, die nicht privat oder betrieblich vorsorgen  
können, von Altersarmut bedroht. Aber auch Arbeitnehmerinnen  
und Arbeitnehmer bis in die breite Mittelschicht hinein wären da-  
von betroffen. Das wollen wir verhindern. Durch die schrittweise  
Weiterentwicklung der gesetzlichen Rente zu einer BürgerInnen-  
versicherung, durch eine Erhöhung der Erwerbsbeteiligung sowie  
durch Maßnahmen für ein höheres Lohnniveau wollen wir ein an-  
gemessenes Rentenniveau bei stabilen Beiträgen erreichen.  
Die gesetzliche Rentenversicherung ist aus unserer Sicht die zen-  
trale und weiter zu stärkende Säule der Alterssicherung. Dennoch  
halten wir eine Risikomischung bei der Altersvorsorge für grund-  
sätzlich richtig, weil das die Chance auf eine höhere Rendite er-  
möglicht. Private und betriebliche Alterssicherung sind wichtig für  
die Lebensstandardsicherung im Alter. Dafür wollen wir die Ries-  
terrente grundlegend reformieren. Wir wollen ein einfaches, kos-  
tengünstiges und sicheres Basisprodukt für die staatlich geförderte  
zusätzliche Altersvorsorge einführen.  
Die Rentenversicherung wurde in den letzten Jahren an sich  
verändernde Bedingungen angepasst. Die Lebenserwartung steigt  
glücklicherweise weiter an, die Dauer des Rentenbezugs hat sich  
deutlich verlängert. Die Zahl der erwerbstätigen BeitragszahlerIn-  
nen wird dagegen zukünftig zurückgehen. Im Sinne der Genera-  
tionengerechtigkeit bleibt der langsame Anstieg des Rentenein-  
trittsalters auf 67 Jahre notwendig. Diese Entscheidung ist aber  
nur vertretbar, wenn sie mit besseren Arbeitsmarktchancen fürTEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
135  
Teilhaben an sozialer SicherungÄltere einhergeht. Dafür braucht es mehr altersgerechte Arbeits-  
plätze, bessere betriebliche Gesundheitsförderung und individu-  
elle Übergangslösungen in den Ruhestand, insbesondere durch  
eine Teilrente ab 60 Jahren. Für Menschen, die aus gesundheitli-  
chen Gründen nicht bis zur Altersgrenze arbeiten können, wollen  
wir die abschlagsfreie Erwerbsminderungsrente wieder auf das 63.  
Lebensjahr zurücksetzen. Wer hingegen allein aufgrund medizini-  
scher Diagnose und Prüfung eine Erwerbsminderungsrente erhält,  
sollte diese ohne Abschläge erhalten. Zurechnungszeiten wegen  
Erwerbsminderung werden beim Zugang zur Garantierente aner-  
kannt. Gleichzeitig wollen viele Menschen auch nach dem Eintritt  
ins Rentenalter weiterhin aktiv sein, denn Arbeit ist auch Teilhabe.  
Wir müssen also flexible Übergänge finden für Menschen, die frü-  
her ausscheiden, und solche, die länger aktiv sein wollen.  
Die geringeren Rentenansprüche für Kindererziehungszeiten  
für Kinder, die vor 1992 geboren wurden, sind ungerecht. Mit un-  
serer Garantierente schaffen wir deswegen insbesondere auch für  
Frauen, die wegen Kindererziehung nicht erwerbstätig sein konn-  
ten, einen Einstieg in eine gerechte und armutsfeste Rente. Damit  
Frauen eine bessere eigenständige Absicherung erhalten, wollen  
wir das Rentensplitting bereits in der Ehe obligatorisch machen  
und Kindererziehungszeiten stärker anrechnen. Mittelfristig soll  
die Rentenversicherung zur Bürgerversicherung weiterentwickelt  
werden, in die alle Bürgerinnen und Bürger, das heißt auch Beam-  
tInnen, Selbständige und Abgeordnete, auf alle Einkommensarten  
unabhängig vom Erwerbsstatus einzahlen. Das ist für uns sowohl  
eine Frage der Gerechtigkeit wie der ökonomischen Nachhaltigkeit.  
Gleichzeitig werden dadurch Versicherungslücken geschlossen und  
eigene Ansprüche aufgebaut, die präventiv vor Altersarmut schüt-  
zen. Als erste Schritte wollen wir wieder Mindestrentenbeiträge für  
Arbeitslose einführen, die Minijobs vollumfänglich und auch die  
bisher nicht pflichtversicherten Selbständigen in die Rentenversi-  
cherung einbeziehen. Gerade Selbständige sind heute für das Alter  
häufig sehr schlecht abgesichert. Das müssen wir ändern. Jüdische  
Kontingentflüchtlinge wollen wir rentenrechtlich mit Spätaussied-  
lern gleichstellen.  
Wir wollen auch dem einstimmigen Beschluss des Bundestags  
aus dem Jahr 2002 endlich gerecht werden und die sogenannteZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
136  
Teilhaben an sozialer SicherungGhetto-Rente an die Überlebenden der Schinderei in den Ghettos  
der Nationalsozialisten rückwirkend bis 1997 auszahlen, wenn ihre  
Anträge über Jahre verschleppt wurden. Mit zynischen bürokrati-  
schen Hürden spielten die Rentenversicherer und jetzt das Kabinett  
Merkel auf Zeit und bringen so noch etwa 20.000 Überlebende  
um die ihnen zustehende Rente. Es ist schlicht zynisch, diese täg-  
lich kleiner werdende Gruppe von Menschen noch einmal vier Jahre  
lang warten zu lassen. Hier besteht sofortiger Handlungsbedarf.  
Wer GRÜN wählt …  
• kämpft für einen ALG-II-Regelsatz von 420 Euro, um das  
soziokulturelle Existenzminium für alle Menschen zu gewähr-  
leisten.  
• führt eine solidarische Bürgerversicherung in Gesundheit und  
Pflege ein und beendet die 2-Klassen-Medizin.  
• schafft Qualität durch Prävention und Vernetzung und eine  
gute Gesundheitsversorgung vor Ort.  
• verbessert die Pflege Demenzkranker und schafft für Men-  
schen mit Pflege- und Unterstützungsbedarf eine Versor-  
gungssicherheit dort, wo sie leben möchten.  
• baut Altersarmut vor mit einer Garantierente von mindes-  
tens 850 Euro und sichert Frauen durch ein eigenständiges  
Rentensplitting ab.TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
137  
Teilhaben an sozialer SicherungSchlüsselprojekte  
Menschenwürdige Existenz sichern –  
den ALG-II-Regelsatz erhöhen  
Der aktuelle Regelsatz ist zu niedrig. Wir wollen ihn erhöhen, da-  
mit auch die Menschen, die keine Arbeit haben, am gesellschaftli-  
chen Leben teilhaben können. Wir fordern, den ALG-II-Regelsatz  
für Erwachsene auf 420 Euro zu erhöhen, da die derzeitige Be-  
rechnung aus unserer Sicht nicht das soziokulturelle Existenzmini-  
mum gewährleistet. Eine genaue Berechnung der Erhöhung muss  
2014 auf Basis der neuen statistischen Daten erfolgen. So sorgen  
wir dafür, dass niemand nur aufgrund von Arbeitslosigkeit unter  
die Räder kommt. Damit die Anhebung finanzierbar ist und um  
zu verhindern, dass immer mehr erwerbstätige Menschen durch  
Armutslöhne „aufstocken“ müssen, gehört die Einführung eines  
gesetzlichen Mindestlohns unabdingbar zu einer reformierten  
Grundsicherung dazu.  
2-Klassen-Medizin abschaffen –  
EINE Bürgerversicherung für alle  
Wir wollen Versorgung bei Gesundheit und Pflege verbessern und  
die 2-Klassen-Medizin beenden. Unsere Alternative ist die grüne  
Bürgerversicherung: eine für alle statt jede/r für sich. Unsere Bür-  
gerversicherung bezieht alle ein: gesetzlich Versicherte, Privatver-  
sicherte, Beamte und Selbständige. Zukünftig wollen wir alle Ein-  
kommensarten gleichbehandeln und zur Finanzierung heranziehen:  
neben Arbeitseinkommen auch Kapitaleinkommen, zum Beispiel  
durch Aktiengewinne, Zinsen und Mieteinnahmen. Gleichzeitig  
wird die paritätische Finanzierung zwischen ArbeitgeberInnen und  
ArbeitnehmerInnen wiederhergestellt. So tragen wir das Gesund-  
heits- und Pflegesystem gemeinsam und alle können davon pro-  
fitieren.Zeit für den grünen Wandel  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BündniS 90/die grünen  
138  
Teilhaben an sozialer SicherungAltersarmut bekämpfen –  
Garantierente auf den Weg bringen  
Es droht eine massive Zunahme an Altersarmut. In einer gerechten  
Gesellschaft ist eine armutsfeste Rente aus unserer Sicht aber un-  
entbehrlich. Es ist für uns eine Frage der Gerechtigkeit, dass Men-  
schen, die langjährig rentenversichert waren, im Alter nicht auf die  
Grundsicherung angewiesen sind. Wir setzen auf eine Strategie  
einer gerechten Arbeitsmarktpolitik, Maßnahmen zum Aufbau ei-  
genständiger Ansprüche innerhalb der Rentenversicherung sowie  
eine steuerfinanzierte Garantierente von mindestens 850 Euro.  
Wir wollen allen NeurentnerInnen mit mindestens 30 Versiche-  
rungsjahren eine Rente oberhalb der Grundsicherung garantieren.  
Als Voraussetzung für den Bezug gelten alle Versicherungszeiten.  
Dazu gehören auch Zeiten der Arbeitslosigkeit, Erwerbsminde-  
rung, Pflege, Ausbildung und Kindererziehung bis zum zehnten  
Lebensjahr. Wir unterscheiden dabei nicht zwischen Teilzeit und  
Vollzeit. Mit unserer Garantierente, die nicht nur von Männern,  
sondern gerade auch von Frauen realistisch zu erreichen ist, leisten  
wir einen zielgenauen und generationengerechten Beitrag gegen  
Altersarmut.Teilhaben. einmischen. ZukunfT schaffen.  
bundestagswahlprogramm 2013  
bÜnDnis 90/Die GRÜnen  
139  
Teilhabe für Jung und AltH. Teilhabe für Jung und Alt  
Wie wir Familien stärken und ein neues Miteinander schaffen  
Wir wollen ein gutes Leben für Kinder, Familien, Junge und Alte  
möglich machen. Wie das aussieht, das ist bei jedem anders. Aber  
die Chancen, das eigene Leben gestalten zu können, sind ungerecht  
verteilt.  
Bei Kindern entscheidet weiterhin die soziale Herkunft über ihre  
Erfolge im Bildungssystem und damit auch über ihre Möglichkeiten,  
ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Junge Menschen brauchen  
oft lange, um nach Abschluss ihrer Ausbildung oder ihres Studiums  
den Weg ins Berufsleben zu finden, und dann müssen sie häufig  
über lange Zeit mit der Unsicherheit befristeter Stellen leben. Junge  
Frauen – und inzwischen auch immer mehr junge Männer – fragen  
sich, ob sie sich mit der Geburt eines Kindes beruflich ins Abseits  
schießen und wie sie ihre Wünsche für ihre berufliche Entwicklung  
sowie ihr Leben und Sorgen für Kinder miteinander in Einklang  
bringen können. Den Menschen im Rentenalter müssen wir die  
Möglichkeit bieten, ihr Wissen und ihre Erfahrungen in dieser Ge-  
sellschaft auch nach der Zeit im Beruf noch einzubringen, und wir  
müssen ihre Absicherung so gestalten, dass sie auf gute Weise alt  
werden können.  
Wir wollen ein neues Miteinander und dass die Lasten und die  
Freuden endlich gerechter verteilt werden. Dafür haben wir alle Ge-  
nerationen im Blick und wollen, dass ihre Bedürfnisse zusammen-  
gedacht werden, statt sie gegeneinander aufzuwiegen.  
Wir wollen Hürden abbauen, damit Menschen in jedem Alter  
teilhaben können. Wir wollen eine durchlässige Gesellschaft, die  
Menschen nicht an den Rand drängt, sondern ihnen Chancen er-  
öffnet – auch mehrmals im Leben.  
Wir wollen Menschen Mut machen, ihr Leben in die Hand zu  
nehmen und sich in unserer Gesellschaft aktiv einzumischen. Wir  
wollen ein gelungenes und selbstbestimmtes Leben für und mit jun-  
gen wie alten Menschen. Das passiert nicht von allein. Dafür wollen  
wir zusammen kämpfen.Zeit für den grünen Wandel  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BündniS 90/die grünen  
140  
Teilhabe für Jung und AltWir schaffen Zukunft für alle Generationen, indem wir an das  
Morgen denken, ohne das Jetzt zu vergessen. Weil wir für ein soli-  
darisches Miteinander einstehen.  
1\. Chancen für alle Kinder  
Kinder sind laut und froh und einfach da. Und: Kinder sind die Ge-  
genwart und Zukunft unserer Gesellschaft. Aber vielen Kindern  
werden, aus den unterschiedlichsten Gründen, Hürden in den Weg  
gestellt. Zu früh wird bei uns festgelegt, wer dazugehört und wer  
draußen ist. Wir arbeiten an einer inklusiven Gesellschaft, in der  
nicht soziale Herkunft, sexuelle Identität, ethnische Wurzeln oder  
körperliche oder geistige Behinderung über die Zukunft von Kin-  
dern entscheiden, sondern deren Wünsche und Potentiale. Jeder  
Mensch soll die gleichen Chancen haben, das eigene Leben selbst  
gestalten zu können. Kinder müssen dabei endlich in den Mittel-  
punkt unserer Gesellschaft rücken.  
Wir werden den Kinderschutz intensivieren. Dazu wollen wir das  
Bundeskinderschutzgesetz und die notwendige Unterstützung für  
Kinder und Jugendliche energisch weiterentwickeln. Ebenso wollen  
wir die Empfehlungen des Runden Tisches sexueller Kindesmiss-  
brauch umsetzen. Der Missbrauchsskandal muss angemessen auf-  
gearbeitet werden und die/der unabhängige Beauftragte muss den  
Aufgaben entsprechend längerfristig berufen werden. Wir machen  
uns für die Schaffung eines ergänzenden Hilfesystems für die Op-  
fer stark und wollen die telefonische Anlaufstelle und das Online-  
Hilfeportal fortführen.  
Gemeinsam mit den Bundesländern werden wir die Programme  
für frühe Hilfen und Familienhebammen ausbauen und solide finan-  
zieren. Nicht zuletzt gilt es, zu einem einheitlichen Leistungs- und  
Unterstützungssystem für alle Kinder mit und ohne Behinderungen  
zu kommen. Eine Gesamtzuständigkeit der Kinder- und Jugendhilfe  
ist sinnvoll, aber nur, wenn es nicht zu Leistungsverschlechterun-  
gen kommt. So muss unter anderem gewährleistet sein, dass die  
individuellen Bedarfe von Kindern mit Behinderung weiterhin teil-  
habeorientiert und flexibel gedeckt werden, ohne dass es zu einerTEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
141  
Teilhabe für Jung und Altstärkeren finanziellen Heranziehung der Eltern kommt. Mobbing  
und Diskriminierung an unseren Schulen sagen wir den Kampf an.  
Kinder brauchen Zeit. Sie brauchen Zeit zum Spielen, zum Ler-  
nen und Zeit mit ihren Eltern, Geschwistern und ihrem sozialen  
Umfeld. Dafür wollen wir durch eine familienfreundliche Arbeits-  
zeitpolitik sorgen.  
Die Struktur des Internets bietet – anders als nichtinteraktive  
Medien – nur sehr wenige Möglichkeiten, Inhalte für Kinder und Er-  
wachsene zeitlich, räumlich oder durch Zugangsbeschränkungen zu  
trennen. Wo bei den klassischen Medien durch Sender oder Verlage  
ein speziell auf Kinder ausgerichtetes Programm zusammengestellt  
wird oder ein gewisser Schutz von Kindern beim Einlass an der Ki-  
nokasse, durch Verkaufskontrolle von Filmen und Computerspielen  
oder im Fernsehen durch den Zeitpunkt der Sendung geboten wer-  
den konnte, ist dies durch die Struktur und Grenzenlosigkeit des  
Internets kaum möglich. Deshalb sind funktionierende Filterpro-  
gramme, die freiwillig von Eltern auf dem heimischen Rechner inst-  
alliert werden, ein mögliches Instrument, um selbst das Risiko für  
ihre Kinder minimieren zu können, dass diese beim Surfen unbeab-  
sichtigt auf bedenkliche Inhalte stoßen. Verpflichtende Filter, vom  
Softwarehersteller voreingestellte oder providerseitige Filtertechni-  
ken lehnen wir hingegen ab. Darüber hinaus ist für den Umgang mit  
Inhalten im Netz der Erwerb von Medienkompetenz (nicht nur) für  
Kinder von zentraler Bedeutung.  
Eine Ausdehnung des Rechtsanspruchs auf einen Ganztags-  
platz in der Kita bzw. der Kindertagespflege halten wir für absolut  
nötig. Damit die Qualität nicht auf der Strecke bleibt, wollen wir  
Qualitätsstandards, etwa die Zahl der Kinder, die eine Erzieherin  
betreut, bundesweit festlegen und die Ausbildung und Weiterbil-  
dung von mehr Erzieherinnen und Erziehern unterstützen. Diese  
Aufgabe kann nur gemeinsam von Kommunen, Ländern und auch  
dem Bund gemeistert werden – zumal bereits der ab August 2013  
geltende Rechtsanspruch an manchen Orten kaum erreicht wird.  
Zur Verbesserung der Qualität der Kinderbetreuung braucht es vor  
allem Erzieherinnen und Erzieher, die die Zeit und die Arbeitsbe-  
dingungen haben, sich aktiv um die Förderung der Kinder zu küm-  
mern. Niemandem ist geholfen, wenn ErzieherInnen aufgrund zu  
großer physischer und psychischer Belastung ihren Beruf aufgeben.ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
142  
Teilhabe für Jung und AltDeshalb sollen für diese Qualitätsoffensive auf Bundesebene jähr-  
lich 1 Mrd. Euro zusätzlich bereitgestellt werden. Wir wollen aus  
Kitas Orte für die ganze Familie machen. Hierzu braucht es neue  
Formen der Vernetzung im Rahmen von Eltern-Kind-Zentren, in  
denen die Kita eng mit anderen Angeboten kooperiert. Auf diesem  
Weg lassen sich Möglichkeiten, Familien zu unterstützen, bündeln.  
Eltern-Kind-Zentren können damit auch zu Orten der Begegnung  
im Stadtteil und zwischen den Generationen werden. Wir wollen  
die Länder und Kommunen beim Ausbau der Eltern-Kind-Zentren  
unterstützen. Wir werden außerdem mit den Ländern über ein neu-  
es Ganztagsschulprogramm verhandeln.  
Gute Bildungseinrichtungen eröffnen Kindern die Chance auf  
ein gutes Leben. Allerdings leben heute viele von ihnen in Armut  
oder in prekären Verhältnissen. Nach einer UNICEF-Studie leben  
in Deutschland 2,5 Millionen Kinder in Armut. Zwar bleibt die Er-  
werbstätigkeit der Eltern nach wie vor der beste Schutz vor Kin-  
derarmut, aber die materielle Unterstützung durch den Staat muss  
auch verbessert werden, um allen Kindern bessere Lebenschancen  
zu ermöglichen. Deshalb soll der Hartz-IV-Regelsatz für Kinder neu  
berechnet und erhöht werden. Dafür reservieren wir 500 Mio. Euro.  
Außerdem wollen wir, dass auch im Steuerrecht alle Kinder gleich  
viel wert sind, und beginnen mit dem Einstieg in eine Kindergrund-  
sicherung als einer eigenständigen Existenzsicherung für Kinder.  
2\. Raum für Familie  
Familie ist überall dort, wo Menschen verbindlich füreinander Ver-  
antwortung übernehmen.  
Familien brauchen Zeit. Eltern brauchen Zeitsouveränität, die ih-  
nen neben der Koordination der Kinderbetreuung verlässliche und  
planbare Zeiten für das Familienleben lässt. Das heißt, dass genau  
diese Zeiten nicht selbstverständlich für Sitzungen und anderes ver-  
plant werden dürfen. Wir wollen ein Rückkehrrecht auf Vollzeit ge-  
setzlich verankern. Die gerechte Umverteilung von Arbeit zwischen  
den Geschlechtern, zwischen viel Arbeitenden und Arbeitslosen  
oder prekär Beschäftigten und die Schaffung von Zeit-Räumen für  
Familie, für die Teilhabe an demokratischen Prozessen, für sozialesTEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
143  
Teilhabe für Jung und AltEngagement und für Erholung begreifen wir als eine gesamtgesell-  
schaftliche Aufgabe. Wir werden, auch im engen Dialog mit den  
Sozialpartnern, neue Modelle entwickeln, wie wir in Zukunft Zeit  
zum Leben und Zeit zum Arbeiten besser miteinander vereinbaren  
können. Dabei orientieren wir uns am Leitbild einer vollzeitnahen  
Teilzeit für beide Elternteile. Damit wird auch die partnerschaftliche  
Aufteilung von Familienarbeit befördert. Wir werden das Teilel-  
terngeld fair ausgestalten, damit Eltern, die sich Berufstätigkeit und  
Familienarbeit frühzeitig teilen, nicht länger benachteiligt werden,  
und die Partnermonate mit der Zielperspektive einer partnerschaft-  
lichen Aufteilung weiterentwickeln.  
Viele Alleinerziehende und ihre Kinder brauchen besondere Un-  
terstützung. Noch immer sind sie besonders von Armut bedroht.  
Neben dem Ausbau der Betreuungsinfrastruktur und der beson-  
deren Berücksichtigung Alleinerziehender bei der Gestaltung fle-  
xibler Arbeitszeitmodelle ist die Weiterentwicklung und zeitliche  
Ausdehnung des Unterhaltsvorschusses ein wichtiger Hebel, um  
die materielle Situation Alleinerziehender und ihrer Kinder nach der  
Trennung abzusichern.  
Familien brauchen eine sie unterstützende Infrastruktur. Neben  
einer ganztägigen Kinderbetreuung gehört dazu ganz zentral der  
flächendeckende Aufbau von Ganztagsschulen, sonst brechen vie-  
lerorts mit der Einschulung alle Arrangements zur Vereinbarkeit  
von Familie und Beruf zusammen. Erst so kann es echte Wahlfrei-  
heit zwischen den unterschiedlichsten Familienmodellen geben.  
Eine Betreuungsgarantie für Kinder ab dem ersten Lebensjahr als  
Zwischenschritt soll Eltern rasch Planungssicherheit bringen. Men-  
schen, die Alte und Pflegebedürftige begleiten, wollen wir im  
Wohnquartier mit einer ambulanten Pflege- und Unterstützungs-  
struktur zur Seite stehen und eine maximal dreimonatige Pflegezeit  
mit einer steuerfinanzierten Lohnersatzleistung einführen.  
Und natürlich brauchen Familien Geld. Die familienbezogenen  
Leistungen müssen so verändert werden, dass Familien tatsächlich  
profitieren und Menschen jeden Geschlechts frei wählen können,  
in welchen Konstellationen sie leben wollen. Wir werden aufhö-  
ren über staatliche Mittel ein traditionelles Familienmodell einsei-  
tig zu fördern und stattdessen Frauen und Männer unterstützen,  
sich die Sorgeaufgaben gerechter zu teilen, und ihnen damit die  
Möglichkeit geben, selbst zu entscheiden, wie sie ihr Familien-ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
144  
Teilhabe für Jung und Altleben organisieren. Um Kinder besser zu fördern und Kinderarmut  
zu bekämpfen, braucht es eine bessere Infrastruktur – gute Kitas  
und gute Schulen – und eine Neuordnung der vielen zu ungenauen  
materiellen Transfers. Unser Ziel bleibt eine Gesellschaft, der jedes  
Kind gleich viel wert ist. Jedes Kind, unabhängig vom Einkommen  
seiner Familie, soll die gleiche finanzielle Unterstützung vom Staat  
erhalten. Wir wollen nicht mehr die Ehe, sondern Kinder fördern.  
Deshalb wollen wir das Ehegattensplitting wie im Kapitel „Besser  
haushalten“ beschrieben schrittweise abbauen und damit auch eine  
Kindergrundsicherung aufbauen. Die Kindergrundsicherung wird  
somit aus dem Familienleistungsausgleich finanziert. Sie ist keine  
zusätzliche Transferleistung, sondern ersetzt vorhandene Transfers  
und Vergünstigungen. Die Kindergrundsicherung kann dazu beitra-  
gen, eine übermäßige Belastung kinderreicher Familien durch das  
Abschmelzen des Splittings zu vermeiden. Wir streben ein Modell  
an, das Kinderregelsätze, Kinderzuschläge sowie die steuerlichen  
Kinderfreibeträge vollständig obsolet macht. Ziel ist eine Kinder-  
grundsicherung, die der Höhe nach so bemessen ist, dass die Kin-  
derfreibeträge verfassungskonform abgeschafft werden können.  
Oft sind Eltern nicht verheiratet. Ehegattensplitting hat mit deren  
Lebenssituation nichts zu tun. Eine Kindergrundsicherung hingegen  
gäbe ihnen die Chance, wirkliche Förderung zu erfahren. Das gilt  
insbesondere für Alleinerziehende. Wer mit uns regieren will, muss  
das Betreuungsgeld abschaffen. Es ist eine bildungs- und gleichstel-  
lungspolitische Katastrophe, setzt falsche Anreize und ist rundum  
unsinnig. Wir werden das Betreuungsgeld umgehend wieder ab-  
schaffen und die dafür eingeplanten Mittel in den Ausbau und die  
Qualität von Kinderbetreuungsangeboten investieren.  
Familien waren schon immer etwas Buntes. Doch das deutsche  
Familienrecht bildet diese Vielfalt nicht ab. Wir wollen, dass alle  
Kinder, unabhängig von der Familienform, in der sie aufwachsen,  
den gleichen Schutz, die gleiche Förderung und Unterstützung sei-  
tens des Staates erfahren. Mit dem neuen Rechtsinstitut der elter-  
lichen Mitverantwortung wollen wir die Beziehung von Kindern zu  
ihren sozialen Eltern insbesondere in Patchwork- und Regenbogen-  
familien stärken. Darüber hinaus werden wir uns dafür einsetzen,  
dass alle Menschen, die füreinander Verantwortung übernehmen,  
eine Stärkung ihrer Rechte erfahren.TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
145  
Teilhabe für Jung und Alt3. Beteiligung von Kindern und Jugendlichen stärken  
Im Fokus unserer Politik steht das Wohl jedes einzelnen Kindes und  
jedes einzelnen Jugendlichen. Wir räumen Kindern und Jugendli-  
chen eigenständige Rechte ein, wir wollen sie gezielt fördern und  
schützen sie, wo Familien dies nicht leisten. Dazu wollen wir Rechte  
von Kindern und Jugendlichen ausdrücklich ins Grundgesetz auf-  
nehmen, die Umsetzung der VN-Kinderrechtskonvention durch ein  
unabhängiges Monitoring voranbringen und den Aktionsplan für  
ein kindgerechtes Deutschland wieder auflegen.  
Das Wahlalter wollen wir absenken, damit Jugendliche spätes-  
tens ab dem 16. Lebensjahr wählen gehen können. Wir nehmen  
Kinder und Jugendliche mit ihren Anliegen ernst und setzen auf eine  
Jugendpolitik, die sie ermutigt und es ihnen ermöglicht, ihre jeweils  
eigene Identität zu entwickeln. Eine kinder- und jugendgerechte  
Stadtentwicklung bezieht sie aktiv ein und berücksichtigt ihre Be-  
dürfnisse. Dies ist bei der Förderung von Projekten zur Stadtent-  
wicklung durch staatliche Mittel zu berücksichtigen.  
Wir wollen flächendeckend echte Mitwirkungsmöglichkeiten für  
Kinder und Jugendliche. Dazu gehört auch, dass wir Betroffene in  
der Jugendhilfe stärken, indem wir Ombudschaften unterstützen,  
und verstärkt alternative Organisationsformen wie z. B. Jugendpar-  
lamente oder Jugendbeiräte fördern, die mit einem Antrags- und  
Stimmrecht für politische Entscheidungen ausgestattet sind. Dabei  
ist für uns klar: Alle Jugendlichen, egal ob mit oder ohne Behinde-  
rung, mit oder ohne Migrationshintergrund, gleich welcher sexuel-  
len Identität, gehören dazu.  
4\. Freiraum für Jugendliche  
Wir stehen für eine emanzipatorische Jugendpolitik. Das heißt ein  
Mehr an sozialer Gerechtigkeit, Selbstverantwortlichkeit und Eigen-  
ständigkeit für Jugendliche.  
Die Generation der heutigen Jugendlichen ist zutiefst gespal-  
ten. Viele schauen mit Optimismus in ihre Zukunft, andere sind  
allerdings bereits überzeugt, auf der Schattenseite des Lebens zu  
stehen. Die Chancenungleichheit, die in frühen Jahren durch einZeit für den grünen Wandel  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BündniS 90/die grünen  
146  
Teilhabe für Jung und Altleistungsschwaches Bildungssystem nicht ausgeglichen werden  
konnte, verbaut diesen jungen Menschen ihre Zukunft. Hier muss  
kontinuierlich gestützt und gefördert werden. Zudem sehen sich Ju-  
gendliche immer höherem Druck ausgesetzt: Bildung muss auf den  
Arbeitsmarkt vorbereiten, jede Minute Freizeit wird verplant und  
freie Zeit, die selbst gestaltet werden kann, wird zur Mangelware.  
Dabei brauchen gerade junge Menschen Freiräume, um sich aus-  
zuprobieren. Wir wollen jungen Menschen diese benötigten Frei-  
räume wieder öffnen und streben dazu die dringend notwendige  
gesellschaftliche Auseinandersetzung an.  
Jugendliche sind in besonderem Maße auf die Infrastruktur  
vor Ort angewiesen. Vielfältige Jugendhilfeangebote, eine starke  
Jugendarbeit und die Unterstützung für Formen der Selbstorgani-  
sation ermöglichen jungen Menschen mehr Teilhabe. Jugendliche  
brauchen diese Räume, um unter sich zu sein, sich zu treffen und  
auszutauschen, Räume, um sich zu entwickeln. Alkoholverbote und  
Aufenthaltsverbote auf öffentlichen Plätzen lehnen wir ab.  
Den individuellen Rechtsanspruch auf Hilfen zur Erziehung wer-  
den wir nicht antasten. Wir werden die Hilfen zur Erziehung wei-  
terentwickeln und mit Konzepten zur stärkeren Sozialraumorientie-  
rung und institutionellen Vernetzung verbinden.  
Wir wollen die strukturellen und finanziellen Rahmenbedingun-  
gen von Jugendarbeit, Jugendverbandsarbeit, Jugendsozialarbeit  
und Beratungsstellen für junge Menschen sichern. Dazu werden  
wir den Kinder- und Jugendplan des Bundes weiterentwickeln und  
ausbauen. Denn Jugendarbeit ist auch Präventionsarbeit. Jugendli-  
che werden in vielen Jugendzentren unserer Kommunen von Freun-  
dInnen und aufmerksamen SozialarbeiterInnen aufgefangen und  
finden wieder Anschluss an Schule, Ausbildung, Beruf und Gesell-  
schaft. Nicht zuletzt deshalb wollen wir die Finanzlage der Kommu-  
nen verbessern.  
Das Internet ist aus dem Alltag von Kindern und Jugendlichen  
nicht mehr wegzudenken. Die Stärkung der Kompetenz im Umgang  
mit diesen Medien und der Sensibilität für den Schutz der eigenen  
Daten im Internet muss deshalb zur Arbeit aller, die junge Men-  
schen begleiten, gehören.TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
147  
Teilhabe für Jung und Alt5. Teilhabe und Selbstbestimmung im Alter  
Es ist eine gute Nachricht, dass die Menschen immer älter werden  
und dabei immer länger gesund und agil bleiben. Aber die Frage,  
wie wir noch möglichst gut leben, auch wenn wir alt sind, und wie  
wir unsere Geschicke auch selbst bestimmen können, wenn wir auf  
die Hilfe anderer angewiesen sind, beschäftigt trotzdem viele Men-  
schen. Teilhabe und Selbstbestimmung müssen aber bis ins hohe  
Alter möglich sein – trotz Einschränkung, die das Alter mit sich brin-  
gen kann. Nötig sind deshalb mehr gesundheitliche Prävention und  
altersgerechte Arbeitsplätze, ein Ausbau an Weiterbildungsange-  
boten, aber auch eine Veränderung der Arbeitskultur, in der Erfah-  
rungswissen der Älteren und Engagement der Jungen kombiniert  
werden, so dass viele Menschen bis zum Renteneintritt erwerbstä-  
tig bleiben können. Angesichts des demografischen Wandels und  
des Mangels an Fachleuten ist es auch ein Gebot wirtschaftlicher  
Vernunft. Tatsächlich aber drohen sinkende Reallöhne, prekäre  
Beschäftigung und negative Erwerbsanreize wie das Ehegatten-  
splitting immer mehr Menschen, und vor allem Frauen, im Alter  
in die Armut zu schicken. Einer sozialen Spaltung im Alter wollen  
wir entgegentreten mit einer Garantierente, die den langjährig Ver-  
sicherten eine Rente oberhalb der Grundsicherung garantiert. Die  
Teilhabe alter Menschen braucht aber mehr als materielle Absiche-  
rung: Mobilitätskonzepte in Stadt und Land, die den Bedürfnissen  
unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen entsprechen, der barriere-  
freie Zugang zu Kultur und eine erreichbare Gesundheitsinfrastruk-  
tur und bezahlbarer Wohnraum sind dafür genauso wichtig.  
Die Zahl der älteren und pflegebedürftigen Menschen wird deut-  
lich ansteigen und immer mehr werden allein und ohne Angehörige  
leben. Neue Konzepte für das Zusammenleben und die Gestaltung  
der Infrastruktur an Wohn-, Pflege- und sozialen Angeboten wer-  
den deshalb wichtig. Die Angebote für Hilfe im Alter entscheiden  
darüber, ob der Wunsch nach Selbstbestimmung alter Menschen  
Wirklichkeit werden kann. Für uns ist klar: Pflege muss möglichst  
wohnortnah organisiert sein, sie muss sich an den Bedürfnissen der  
alten Menschen und ihrer Familien orientieren, einer ambulanten  
Unterstützung den Vorrang einräumen und mit kulturellen und re-  
ligiösen Prägungen sensibel umgehen. Finanziert werden kann diesZeit für den grünen Wandel  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BündniS 90/die grünen  
148  
Teilhabe für Jung und Altdurch eine Pflegebürgerversicherung, in die alle Bürgerinnen und  
Bürger einzahlen und in die alle Einkunftsarten einbezogen werden.  
Das Altern ist heute vielfältig und bunt geworden. Die domi-  
nierenden Altersbilder in den zentralen Bereichen der Gesellschaft  
werden der Vielfalt des Alters nicht gerecht. Wir wollen Menschen  
unterstützen, die sich neue Wohnformen und andere Formen des  
Zusammenlebens fürs Alter und unterschiedlicher Generationen  
wünschen, und werden Orte des Zusammentreffens der Genera-  
tionen fördern, damit die Generationen nicht weiter voneinander  
abrücken: in Nachbarschaftszentren, in Freiwilligenzentren und an  
anderen öffentlichen Orten. Längst leben viele Ältere aufgrund der  
erhöhten Arbeitsmobilität nicht mehr im Familienverbund. Auch die  
Zahl der alleinstehenden und kinderlosen Menschen steigt. Hier gilt  
es, die nötige soziale und technische Infrastruktur in den Stadtteilen  
zu fördern, kleine soziale Netze aufzubauen, Eigeninitiative zu un-  
terstützen und die Menschen in die Gestaltung der Wohnquartiere  
einzubeziehen.  
6\. Ein neuer Generationenvertrag –  
ein neues Zusammenleben  
Wir werden älter und weniger. Eine Zukunftsherausforderung von  
großer Tragweite liegt im demografischen Wandel, der in struktur-  
schwachen Regionen durch die fortwährende Abwanderung junger  
Menschen zusätzlich dramatisch verschärft wird. Dieser Wandel  
betrifft nicht nur ökonomische Fragen, sondern er rührt an tief  
greifende Fragen von Lebensentwürfen, Freiheit und Anerkennung.  
Unser neuer Generationenvertrag soll die Aufgaben und Lasten  
zwischen Alt und Jung neu verteilen. Er darf dabei die Wünsche  
und Anliegen der Generationen nicht gegeneinander ausspielen,  
sondern muss vielmehr für mehr Miteinander sorgen. Bei der Re-  
form unserer sozialen Sicherungssysteme achten wir darauf, dass  
sie ein gutes Auskommen und eine gute Versorgung für die Älteren  
leisten, ohne die Jungen zu überfordern. Und wir wollen Orte des  
Zusammentreffens von Jungen und Alten schaffen – auch jenseits  
der klassischen Familienbeziehungen, damit die Generationen nicht  
weiter voneinander abrücken.TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
149  
Teilhabe für Jung und AltWer GRÜN wählt …  
• bekommt gute Kitas für jedes Kind.  
• bekämpft Kinderarmut und fördert das Leben mit Kindern,  
durch die schrittweise Einführung einer Kindergrundsiche-  
rung für alle Kinder.  
• sorgt für mehr Mitspracherechte für Kinder und Jugendliche.  
• verbessert die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.  
• will selbstbestimmt leben bis ins hohe Alter.  
Schlüsselprojekte  
Das Betreuungsgeld abschaffen –  
gute Kita-Plätze besser ausbauen  
Vielerorts fehlt es an Kita-Plätzen. Deshalb müssen wir rasch mehr  
und auch qualitativ hochwertige Kita-Plätze schaffen. Für uns ist  
klar, dass auch der Bund Verantwortung trägt, denn es muss vie-  
les gleichzeitig geschehen: Der ab Augst 2013 geltende Rechtsan-  
spruch muss angemessener finanziert, der Bedarf realistischer ge-  
plant werden. Damit die Qualität nicht auf der Strecke bleibt, legen  
wir bundesweite Qualitätsstandards fest. Und natürlich braucht es  
dafür mehr Fachkräfte, die zu einem relevanten Teil auf Hochschul-  
niveau ausgebildet und angemessen bezahlt werden. Außerdem  
fordern wir die Ausweitung des Rechtsanspruchs auf einen Ganz-  
tagsplatz in der Kita bzw. in der Kindertagespflege und unterstüt-  
zen den bedarfsgerechten Ausbau der Ganztagsbetreuung in allen  
Altersgruppen. Wir wollen eine echte Wahlfreiheit für Familien, die  
nur dadurch gewährleistet ist, dass für alle Familien, die das wollen,  
auch ein Kitaplatz zur Verfügung steht. Das Betreuungsgeld, dasZeit für den grünen Wandel  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BündniS 90/die grünen  
150  
Teilhabe für Jung und AltKinder von frühkindlicher Bildung ausschließt, alte Rollenmuster  
zementiert und den Ausbau der Kitaplätze blockiert, schaffen wir  
ab. So bekommen alle Kinder eine Chance, ihre Potentiale und Inte-  
ressen zu entfalten, und so schaffen wir die Voraussetzung für eine  
wirkliche Vereinbarkeit von Beruf und Eltern-Sein.  
Familien mehr Zeit geben –  
familienfreundliche Arbeitszeitmodelle fördern  
Zeit ist für Familien ein knappes Gut, besonders wenn die Eltern  
berufstätig sind. Wir wollen Müttern und Vätern mehr Flexibilität  
geben, ihre Arbeitszeiten mit den Anforderungen ihrer Familie in  
Einklang zu bringen – ohne dass dies immer gleich eine Festlegung  
für ihre gesamte Berufsbiografie beinhaltet. Wir führen ein Rück-  
kehrrecht auf eine Vollzeittätigkeit ein und ergänzen damit das im  
Teilzeit- und Befristungsgesetz verankerte Recht auf Teilzeit an  
entscheidender Stelle. Auch eine Weiterentwicklung des Teileltern-  
geldes und eine Flexibilisierung der Elternzeit führen zu mehr Spiel-  
raum. So bleibt mehr Zeit für die Familien.  
Für eine gerechte Familienförderung –  
in die Kindergrundsicherung einsteigen  
In unserem reichen Land leben viele Kinder in Armut. Unser Ziel  
ist eine Gesellschaft, in der kein Kind in Armut lebt und in der  
jedes Kind gleich viel wert ist. Jedes Kind, unabhängig vom Ein-  
kommen seiner Familie, soll die gleiche finanzielle Unterstützung  
vom Staat erhalten. Wir wollen in der nächsten Legislaturperiode  
den Einstieg in eine Kindergrundsicherung schaffen. In der Kinder-  
grundsicherung gehen Kinderregelsätze, Kinderzuschlag sowie die  
steuerlichen Kinderfreibeträge vollständig auf. Wir wollen dafür  
auch Mittel nutzen, die durch die Veränderung des Ehegattensplit-  
tings frei werden. In einem ersten Schritt werden wir unter anderem  
die Regelsätze für Kinder anheben, damit sie die tatsächlichen Be-  
darfe der Kinder abdecken.TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
151  
Teilhabe für Jung und AltFür echte Jugendpartizipation – Wahlalter 16 jetzt!  
Das Wahlrecht ist eines der wichtigsten demokratischen Rechte,  
die BürgerInnen in einer Demokratie haben, um Entscheidungen  
zu beeinflussen. Wir setzen uns dafür ein, dass Jugendliche end-  
lich an diesen demokratischen Entscheidungsprozessen beteiligt  
werden. Deshalb werden wir das Wahlalter auf allen Ebenen auf  
16 Jahre absenken. Denn nur so bekommen Jugendliche wirklich  
eine Stimme. Zudem werden wir politische Bildungsprogramme auf  
allen Ebenen ausbauen, denn mitentscheiden können Jugendliche  
nur dann, wenn sie die Möglichkeit haben, sich ausreichend über  
die politische Situation zu informieren.Zeit für den grünen Wandel  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BündniS 90/die grünen  
152  
Intakte Umwelt und gesunde Ernährung für alleI. Intakte Umwelt und gesunde  
Ernährung für alle  
Wie wir erhalten, was uns erhält  
Jahrzehnte des Umweltschutzes haben unsere Flüsse sauberer, die  
Luft reiner und die Wälder gesünder gemacht. Das haben GRÜNE  
und Umweltbewegung erreicht, oft im Konflikt mit mächtigen Lobbys  
und Wirtschaftsinteressen und meistens gegen die Polemik und den  
Widerstand von CDU, CSU, FDP und viel zu oft auch von der SPD.  
Doch noch immer sind unsere Wälder stark geschädigt, sind  
über 80 % der Gewässer in einem schlechten Zustand. Pestizide aus  
der Landwirtschaft verunreinigen Lebensmittel und Textilien. All-  
ergien und durch eine belastete Umwelt verursachte Erkrankungen  
nehmen zu, besonders bei Kindern. Artensterben, Monokulturen  
und Flächenverbrauch nehmen stetig zu, unbeeindruckt von Politi-  
kerreden. Und in den Meeren schwimmen bald mehr Plastikabfälle  
als Fische.  
Grüne Politik minimiert die Belastungen für unsere Umwelt,  
damit wir alle gesünder leben können. Wir wollen die Vielfalt der  
Natur für uns und nachkommende Generationen bewahren. Dazu  
müssen wir uns von einem auf quantitatives Wachstum verengten  
Wohlstandsbegriff lösen. Wir müssen wegkommen von Agrarfab-  
riken und Massentierhaltung hin zu einer naturverträglichen bäu-  
erlichen Landwirtschaft. Erdbeeren im Winter, Clementinen im  
Sommer, das ganze Jahr über Spargel – der ökologische Preis für  
die immerwährende Verfügbarkeit von nicht saisonalem Obst und  
Gemüse ist hoch.  
Was wir alle wissen, aber zu oft vergessen: Wir haben die Erde  
nur von unseren Kindern geborgt. Für ein Leben, das wieder stärker  
im Einklang mit der Natur ist, brauchen wir eine Übereinkunft, wie  
wir mit unserer Umwelt umgehen und wie wir die Vielfalt der Arten  
erhalten und Lebensräume schützen.  
Umweltschutz ist auch eine elementare Gerechtigkeitsfrage und  
die Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe. Denn es sind im-Teilhaben. einmischen. ZukunfT schaffen.  
bundestagswahlprogramm 2013  
bÜnDnis 90/Die GRÜnen  
153  
Intakte Umwelt und gesunde Ernährung für allemer die Ärmsten, die im Wettstreit um schwindende Ressourcen  
den Kürzeren ziehen – weltweit und auch bei uns in Deutschland.  
Lärm und Abgase treffen gerade die, die sich keine teure Wohnge-  
gend leisten können. Aber sauberes Wasser, gesunde Lebensmittel  
und gute Luft dürfen ebenso wenig wie der Schutz vor gesundheits-  
schädlichem Lärm keine Frage des Geldbeutels sein. Menschen, die  
durch Arbeit oder Umwelt erkranken, brauchen eine adäquate Be-  
handlung.  
Wohl in keinem anderen Politikbereich wird so deutlich wie in  
der Umweltpolitik, um was es geht: Lebensgrundlagen erhalten,  
Vorsorge treffen, Zukunft schaffen. Die Herausforderungen sind  
gewaltig, die Widerstände groß. Nicht nur die Politik muss sich än-  
dern, sondern auch die Art, wie wir leben und wirtschaften.  
Dafür braucht es informierte Verbraucherinnen und Verbrau-  
cher, mutige Umwelt-, Natur- und TierschützerInnen sowie enga-  
gierte Landwirtinnen und Landwirte, die regionale und Biopro-  
dukte herstellen, den Tierschutz in der Tierhaltung umsetzen und  
die Landschaft und Natur pflegen. Jeder kann sich für eine bessere  
Umwelt einmischen mit dem Einkaufskorb – im Bioladen und im  
Discounter. Dafür braucht es eine klare und verlässliche Kennzeich-  
nung für ökologische, regionale und faire Produkte. Zudem ist  
es wichtig, dass Kinder Kompetenzen im Umgang mit Natur und  
Umwelt entwickeln. Deshalb wollen wir für eine nachhaltige Um-  
weltbildung sorgen, die Werte vermittelt und Kinder motiviert, die  
Natur zu erleben und erhalten zu wollen.  
1\. Intakte Umwelt, gesundes Leben  
Umweltbelastungen wollen wir durch strenge Grenzwerte auf ein  
Minimum zurückfahren. Die EU-Chemikalienverordnung REACH  
wollen wir so verbessern, dass nur unbedenkliche Chemikalien auf  
den Markt kommen und gefährliche Stoffe durch unbedenkliche  
ersetzt werden. Uns GRÜNEN ist klar, dass der Chemie bei dem  
ökologischen Umbau der Industriegesellschaft eine Schlüsselrolle  
zukommt. Daher wollen wir eine Chemiewende und die Herstellung  
und Nutzung umweltfreundlicher, gesundheitlich unbedenklicher  
Chemikalien vorantreiben. Wir wollen, dass die Hersteller für dasZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
154  
Intakte Umwelt und gesunde Ernährung für alleInverkehrbringen gefährlicher Stoffe haften.  
Intakte Böden, sauberes Wasser und reine Luft sind eine Grund-  
voraussetzung für ein gesundes Leben. Wir wollen europaweit  
ehrgeizige Vorgaben für den Bodenschutz durchsetzen. Die deut-  
sche Blockade der europäischen Bodenrahmenrichtlinie wollen wir  
beenden und die Einbeziehung des Bodenschutzes in die verschie-  
denen Fachgesetze verstärken, um neue Bodenbelastungen durch  
Schadstoffeintrag oder Erosion möglichst zu vermeiden. Wir stre-  
ben, in Abstimmung mit den Ländern, eine Sanierung aller Altlas-  
ten bis zum Jahr 2050 an, bei denen das fachlich geboten ist. Für  
die Gewässer und das Grundwasser gilt es, die Vorgaben der EG-  
Wasserrahmenrichtlinie zu erreichen und den sogenannten guten  
ökologischen Zustand bzw. den guten mengenmäßigen und che-  
mischen Zustand schnellstmöglich herzustellen. Salzeinleitungen in  
Flüsse müssen beendet werden.  
Die Grenzwerte für Luftschadstoffe wie Quecksilber, Stickoxi-  
de und Feinstaub wollen wir weiter senken. Darüber hinaus setzen  
wir uns erneut für die Abschaffung von Ausnahmetatbeständen bei  
der Abfallmitverbrennung und die Einführung von ambitionierten  
Grenzwerten auch für weitere Stoffgruppen ein. Die Förderung von  
unkonventionellem Erdgas insbesondere mittels giftiger Chemikali-  
en („Fracking“) lehnen wir wegen der unabsehbaren Gefahren für  
Gesundheit und Umwelt ab. Sie behindern zudem Klimaschutz und  
Energiewende. Für bestehende konventionelle Erdgas- und Erdöl-  
förderungen wollen wir die Länder unterstützen, den Förderzins  
deutlich zu erhöhen. Auch den Bedrohungen durch das Eisenhyd-  
roxid aus dem Braunkohletagebau wollen wir Einhalt gebieten und  
bei der konventionellen Förderung von Rohstoffen in Deutschland  
legen wir größten Wert auf Umweltschutz und Transparenz.  
In Wohnungen, Büros und Klassenzimmern ist die Schadstoff-  
belastung der Luft heute teilweise höher als draußen. Deshalb  
brauchen wir strengere gesundheitliche Anforderungen etwa für  
Baustoffe oder Bürogeräte. Lärm und Lichtverschmutzung sind in-  
zwischen massive Probleme für Natur und Gesundheit. Lärm stresst  
und macht auf Dauer krank. Insbesondere bei öffentlichen Gebäu-  
den und öffentlichen Orten soll besonders auf den Einsatz von  
lärmreduzierenden, die Raumakustik verbessernden Materialien  
geachtet und auf unnötige Beschallung verzichtet werden. Wie wirTEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
155  
Intakte Umwelt und gesunde Ernährung für alleLärm im Verkehr vermeiden wollen, haben wir im Kapitel „Nachhal-  
tige Mobilität für alle“ beschrieben.  
Es gibt Hinweise auf Gesundheitsrisiken durch Elektrosmog.  
Wegen der Komplexität von Krankheitsauslösern und Krankheits-  
bildern in einer schadstoffreichen Welt lassen sich die Risiken nicht  
exakt bewerten. Deshalb muss hier das Vorsorgeprinzip greifen.  
Wir setzen uns ein für vorsorgeorientierte und kindgerechte Grenz-  
werte. Kommunen und Bevölkerung sollen bei der Standortwahl für  
Funkmasten mehr Mitwirkungsrechte erhalten.  
2\. Die Vielfalt der Natur schützen  
Jeden Tag werden Tier- und Pflanzenarten vom Menschen ausge-  
rottet. In Deutschland sind 40 % der Wirbeltierarten in ihrem Be-  
stand bedroht oder bereits ausgestorben. Ihre Lebensräume wer-  
den zerschnitten oder zerstört, Rückzugsgebiete gibt es nur noch  
wenige. Damit sägen wir an dem Ast, auf dem wir alle sitzen. Denn  
als Teil der Natur kann der Mensch nur leben, wenn er seine natür-  
lichen Lebensgrundlagen bewahrt.  
Wir GRÜNE wollen die Vielfalt der Natur, den Reichtum ihrer  
Arten und die Schönheit naturnaher Landschaften flächendeckend  
schützen und für nachfolgende Generationen erhalten. Auch unsere  
Kinder sollen noch Störche sehen sowie Moore und alte Buchenwäl-  
der erleben können! Mehr „Wildnis“ in Form von intakten Biotopen  
wie Mooren, Auwäldern oder „Urwäldern“ sind für uns faszinie-  
rende Aussichten, für die es sich lohnt, Politik zu machen. In Städ-  
ten werden wir uns dafür einsetzen, die Straßenbäume zu schützen  
und Naturerlebnisräume für Kinder und Jugendliche einzurichten.  
Sie sollen auch ihre eigenen Lebensgrundlagen gesichert vorfinden!  
Wir verstehen Naturschutz als ressortübergreifenden Politikansatz.  
Deshalb wollen wir den Naturschutz in allen Politikbereichen veran-  
kern – von der Umweltbildung über nachhaltige Entwicklung, Land-  
und Waldwirtschaft bis zur Verkehrsplanung. Dafür wollen wir auch  
die Zusammenarbeit des Bundes und der Länder nutzen und die  
gesetzlichen Kompetenzspielräume hierfür stärken.  
Wir wollen die Schutzgebiete für bedrohte Natur und gefähr-  
dete Arten u. a. durch entsprechende Managementpläne wirksamZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
156  
Intakte Umwelt und gesunde Ernährung für alleschützen, besser vernetzen und neue schaffen. Wir wollen das  
deutsche Naturschutzrecht im Rahmen der bewährten bestehen-  
den EU-Naturschutzrichtlinien modernisieren. Das Bundespro-  
gramm Biologische Vielfalt wollen wir zu einem ressortübergreifen-  
den Regierungsprogramm aufwerten und finanziell aufstocken. Wo  
sich Eingriffe in die Natur und Landschaft nicht vermeiden lassen,  
muss der Schaden vorrangig real ausgeglichen werden. Immer noch  
fallen in Deutschland täglich rund 80 Hektar neuen Bau- und Ver-  
kehrsprojekten zum Opfer. Das entspricht pro Jahr in etwa dem  
Stadtgebiet von München. Damit gehen langfristig wichtige land-  
und forstwirtschaftliche Flächen sowie geschützte Gebiete verlo-  
ren. Wir wollen den Nettoflächenverbrauch bis 2020 auf höchstens  
30 Hektar am Tag reduzieren und langfristig ganz stoppen. Wir  
wollen Abgaben und Steuern mit ökologisch wirksamen Kompo-  
nenten versehen (z. B. die Grundsteuer), damit die Nutzung von  
Brachflächen, Entsiegelung und Rückbau attraktiver wird als Neu-  
versiegelung.  
Flüsse sollen frei fließen, Wälder sich naturnah entwickeln kön-  
nen. Daher wollen wir 5 % der Waldfläche, darunter 10 % der öf-  
fentlichen Wälder, aus der forstwirtschaftlichen Nutzung nehmen  
und auf den anderen 95 % eine naturnahe Waldnutzung erreichen.  
Dafür wollen wir das Waldgesetz nach ökologischen Standards no-  
vellieren. Das Jagdrecht soll sich an der naturnahen Waldwirtschaft,  
einer umweltverträglichen Landwirtschaft, den Belangen des Na-  
turschutzes und den Erfordernissen des Tierschutzes ausrichten.  
Wir wollen die letzten noch frei fließenden Flüsse in Deutschland  
erhalten. Einen weiteren Ausbau von Elbe und Donau sowie natur-  
naher Abschnitte aller anderen Flüsse lehnen wir daher ab. Fluss-  
auen sollen – auch im Sinne des Hochwasserschutzes – im Rahmen  
eines nationalen Programms renaturiert werden. Den Umbau der  
Bundeswasserstraßenverwaltung wollen wir im Sinne einer Ver-  
waltung für ökologisch intakte Flüsse fortsetzen. Die Sicherung des  
nationalen Naturerbes muss durch eine Übertragung von weite-  
ren 30.000 Hektar Naturschutzflächen fortgeführt und gefördert  
werden. Der Bund bietet den Ländern oder anerkannten Stiftun-  
gen alle naturschutzwürdigen Flächen aus seinem Eigentum zum  
ausschließlichen Zweck der Sicherung des nationalen NaturerbesTEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
157  
Intakte Umwelt und gesunde Ernährung für allekostenfrei zur Übernahme an. Auf zunächst 2 % der Landesfläche  
soll sich die Natur ungestört entwickeln können.  
Wir wollen die Verschmutzung und Verlärmung der Meere stop-  
pen, die globale Überfischung beenden sowie Nord- und Ostsee  
konsequenter schützen. Um die weltweite Ernährungssicherheit  
nicht zu gefährden, muss die EU vor allem ihre Fischereiaktivitäten  
vor den Küsten von Entwicklungsländern stark einschränken und  
besser kontrollieren. Die weitgehende Vermeidung von Beifang und  
die Umsetzung des EU-Rückwurfverbots wollen wir auf nationaler  
Ebene ambitioniert durchsetzen. Deutschland muss sich auf globa-  
ler Ebene intensiv für ein weltweites Netzwerk von Meeresschutz-  
gebieten engagieren. Wir wollen die umweltschonende Beseitigung  
von versenkter Weltkriegsmunition in Nord- und Ostsee intensivie-  
ren. Wir setzen uns gegen den hemmungslosen Abbau von Roh-  
stoffen in der Tiefsee, der Arktis und an Land ein, um einmalige und  
noch weitgehend unberührte Lebensräume zu erhalten. Auch muss  
Deutschland seine Zusagen zum Schutz der Regenwälder und der  
biologischen Vielfalt einhalten und wieder zu einem verlässlichen  
Partner im Bereich des internationalen Artenschutzes werden, der  
sich für ein Ende der dramatischen Plünderung der Urwälder und  
Wildtierbestände einsetzt.  
Wir wollen Entwicklungs- und Schwellenländer beim Schutz  
ihrer natürlichen Ressourcen unterstützen. Doch das allein reicht  
nicht aus: Internationale Finanzierungsmechanismen zum Schutz  
der Biodiversität müssen starke ökologische und soziale Leitplanken  
erhalten, um Menschenrechte und die Rechte indigener Völker zu  
stärken.  
3\. Besser leben mit weniger Ressourcen  
Um die ökologischen Grenzen unseres Planeten nicht zu verletzen,  
müssen wir unseren Ressourcenverbrauch absolut reduzieren – wir  
müssen also insgesamt weniger verbrauchen. Dies ist nur mit ei-  
ner konsequenten Politik des ressourcenleichten Wirtschaftens und  
einem Überdenken unserer Konsumgewohnheiten und Lebensstile  
möglich. Wir wollen dies mit einem systematischen Ansatz errei-  
chen, der mögliche Rebound-Effekte (erhöhter Verbrauch nachZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
158  
Intakte Umwelt und gesunde Ernährung für alleEffizienzsteigerungen) verhindert. Das kann durch das Setzen fes-  
ter Obergrenzen für Ressourcenverbrauch oder Emissionen erreicht  
werden, aber auch, indem wir umweltschädliche Subventionen strei-  
chen, Einfluss auf die Preisgestaltung von Ressourcen nehmen und  
nachhaltige Lebensstile ermöglichen und fördern.  
Für ein rohstoffarmes Land ist ressourceneffizientes Wirtschaf-  
ten unverzichtbar. Ressourceneffizienz senkt die Abhängigkeit von  
Rohstoffen, macht Unternehmen wettbewerbsfähiger und schont  
Umwelt und Klima. Wir wollen den absoluten Ressourcenverbrauch  
unserer Gesellschaft verringern und mehr Lebensqualität bei gleich-  
zeitig weniger Rohstoffverbrauch erreichen. Mit einer flächende-  
ckenden und verbraucherfreundlichen Wertstoffsammlung bei  
Haushalten und Gewerbe legen wir die Grundlage für eine hochwer-  
tige Kreislaufwirtschaft. Hersteller wollen wir in die Verantwortung  
nehmen, schon bei der Produktion auf ein ökologisch optimiertes  
Design und hochwertiges Recycling zu achten. Dazu könnte zum  
Beispiel eine Ressourcenabgabe mit ökologischer Lenkungswirkung  
beitragen. Wie wollen Abfallvermeidung als gesetzliches Ziel fest-  
schreiben, Mehrwertquoten fördern und bessere Rahmenbedingun-  
gen für Wiederverwendung und Reparatur schaffen. Dadurch und  
durch längere Gewährleistungsfristen sagen wir der Wegwerfge-  
sellschaft den Kampf an. Die Einwegflasche aus Plastik wollen wir  
zurückdrängen, u. a. durch eine Abgabe auf Einwegverpackungen.  
Auch Plastiktüten wollen wir mit einer Umweltabgabe belegen und  
umweltfreundliche Alternativen zu Plastikverpackungen fördern.  
Das derzeitige System der Wertstofferfassung muss grundsätzlich  
geändert werden, um den Anteil der stofflichen Verwertung deut-  
lich zu erhöhen und Recyclingziele für kritische Rohstoffe zu entwi-  
ckeln. Die Verpackungsverordnung wollen wir ablösen, die dualen  
Systeme durch eine zentrale Stelle auf Bundesebene ersetzen. Unser  
Elektroschrott landet oft illegal in fernen Ländern. Wir wollen illega-  
le Exporte verhindern und gemeinsam mit Handel und Herstellern  
effektive Rücknahmesysteme einführen, als ersten Schritt ein Han-  
dypfand.  
Viele Menschen versuchen bereits heute, beim Einkauf und in  
ihrem persönlichen Verhalten ihren ökologischen Fußabdruck zu  
verringern. Wir fördern diesen individuellen und gesellschaftlichen  
Wandel der Lebensstile, indem wir uns für umweltfreundliche Mobi-TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
159  
Intakte Umwelt und gesunde Ernährung für allelität einsetzen, Energiesparen belohnen und die ökologisch-regionale  
Erzeugung von Lebensmitteln voranbringen. Damit ermöglichen wir  
mehr und mehr Menschen, ein ressourcenleichtes Leben zu führen.  
Und mit der solidarischen Ökonomie unterstützen wir diejenigen  
Organisationen vor Ort, die schon heute Experimentierräume für  
nachhaltige Produktions- und Konsummuster von morgen bieten.  
4\. Die Zukunft der Landwirtschaft ist grün  
Wir GRÜNE stehen für eine regional verankerte, ökologische und  
multifunktionelle Landwirtschaft. Grüne Landwirtschaft produziert  
nicht nur gesunde und hochwertige Lebensmittel und Rohstoffe,  
sondern bewahrt unsere Ökosysteme und natürlichen Ressourcen,  
sie pflegt unsere Kulturlandschaften und ist ein nachhaltiges Rück-  
grat für die Wirtschaft und die Lebensqualität im ländlichen Raum.  
Die industrialisierte Landwirtschaft dagegen verschärft viele Um-  
weltprobleme. Pestizide, Mineraldünger und gefährliche Keime ver-  
schmutzen Gewässer und Böden. Monokulturen verdrängen biologi-  
sche Vielfalt. Wir wollen die Agrarwirtschaft vom Teil des Problems  
zu einem Teil der Lösung machen. Dabei setzen wir auf das Leitbild  
des Ökolandbaus und eine naturverträgliche bäuerliche Landwirt-  
schaft, auf gentechnikfreie Lebens- und Futtermittel, regionale Ver-  
arbeitung und Vermarktung und tiergerechte Tierhaltung sowie auf  
dezentrale Agrarstrukturen mit all ihren regionalen Unterschieden.  
Den Anfang dieser Agrarwende haben wir unter der grünen  
Landwirtschaftsministerin Renate Künast gemacht. Doch mit  
Schwarz-Rot und Schwarz-Gelb kam der Rückfall zu einer Agrarpo-  
litik, die auf Masse statt Klasse ausgerichtet ist, auf Billigproduktion  
und Agrarüberschüsse für den Export. Das wollen wir ändern und  
die grüne Agrarwende weiterentwickeln.  
Die bisherige Agrarförderung beschleunigt den Strukturwan-  
del, begünstigt große Betriebe und verschärft die Nachfrage nach  
den ohnehin knappen Flächen. Deshalb wollen wir sie grundlegend  
umgestalten. Fehlentwicklungen wie Grünlandumbruch, die Förde-  
rung von Stallneubauten ohne zusätzliche Tierschutzanforderun-  
gen oder die Ausbreitung von Mais-Monokulturen dürfen nicht län-  
ger subventioniert werden. Stattdessen sollten die AgrarzahlungenZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
160  
Intakte Umwelt und gesunde Ernährung für allean ökologische und soziale Leistungen geknüpft werden wie den  
Klima- und Umweltschutz, Schaffung und Erhalt von Arbeitsplät-  
zen, artgemäße Tierhaltung oder regionale Wertschöpfung. Nur  
durch eine solche Förderung werden wir die bäuerlichen Struktu-  
ren gegen weitere Industrialisierung der Landwirtschaft schützen.  
Öffentliches Geld für öffentliche Leistung – das ist fair für alle. Das  
ist auch unsere Leitlinie für eine ökologische Agrarreform und ihre  
Umsetzung in Deutschland. Die schwarz-gelbe Bundesregierung  
hat alles versucht, die von der EU-Kommission beabsichtigte Re-  
form der Gemeinsamen Agrarpolitik und das „Greening“ im Inte-  
resse der Agrarindustrie und des Bauernverbandes zu blockieren.  
Diese Blockade geht zu Lasten der bäuerlichen Betriebe und der  
Umwelt. Wir wollen, dass Deutschland künftig nationale Gestal-  
tungsmöglichkeiten nutzt, um übermäßige Kürzungen bei der 2.  
Säule und die ungerechte Verteilung der Agrarzahlungen abzumil-  
dern. Insbesondere brauchen wir die Umwidmung von 15 % der  
Gelder aus der Basisprämie zugunsten der 2. Säule in Kombination  
mit einer Degression der Direktzahlungen. Die verbleibenden EU-  
Exportsubventionen und andere handelsverzerrende Zahlungen,  
die zu Agrardumping der EU in Entwicklungsländern führen, wol-  
len wir streichen. Stattdessen setzen wir uns auf EU-Ebene dafür  
ein, dass die Förderung des Ökolandbaus sowie die Umsetzung der  
FFH- und der Wasserrahmenrichtlinie gestärkt werden.  
Wir lehnen den Anbau und Import von gentechnisch veränder-  
ten Pflanzen ebenso ab wie gentechnisch veränderte oder geklonte  
Tiere. Die Agrogentechnik hat keines ihrer Versprechen eingelöst.  
Statt Erträge zu steigern, hat sie den Einsatz von Pestiziden und  
die Gefahren für Umwelt, Menschen und Tiere erhöht. Agrogen-  
technik macht unsere Ernährung und unser Saatgut abhängig von  
einer kleinen Zahl von Großkonzernen und beendet die freie Land-  
wirtschaft und den Ökolandbau. Agrogentechnik reduziert die Viel-  
falt der Pflanzensorten, weil die Gentechnik-Konzerne immer mehr  
Züchter aufkaufen. Die Weiterentwicklung konventioneller Sorten  
wird vernachlässigt. Es gibt einen hohen Forschungsbedarf für eine  
tier- und umweltverträgliche Landwirtschaft, die die Herausforde-  
rungen des Klimawandels berücksichtigt. Patente auf Pflanzen, Tie-  
re und Menschen lehnen wir strikt ab, weil sie BäuerInnen und Ver-  
braucherInnen in eine Abhängigkeit von Agrarkonzernen führen.TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
161  
Intakte Umwelt und gesunde Ernährung für alleWir wollen im Interesse der großen Mehrheit der Verbraucherinnen  
und Verbraucher unsere gentechnikfreie Land- und Lebensmittel-  
wirtschaft und die Imkerei vor gentechnischen Verunreinigungen  
wirksam schützen. Den Flächenanteil des Ökolandbaus wollen  
wir deutlich ausbauen, damit die Erzeugung von Biolebensmitteln  
der steigenden Verbrauchernachfrage nicht länger hinterherhinkt.  
Mittelfristig wollen wir für ganz Deutschland eine ökologische  
Landwirtschaft mit anspruchsvollen Standards, die über das EU-  
Bio-Siegel hinausgehen. Die Teilumstellung von Betrieben wollen  
wir nicht mehr zulassen, bei Legehennenbetrieben bedarf es kla-  
rer Bestandsobergrenzen. Zum Schutz der natürlichen Ressourcen,  
insbesondere der Bienen, die einen der wichtigsten Beiträge zum  
Erhalt der Biodiversität leisten, muss der Pestizideinsatz drastisch  
reduziert werden. Wir werden den unverbindlichen Nationalen Ak-  
tionsplan zur nachhaltigen Anwendung von Pflanzenschutzmitteln  
zu einem wirksamen Pestizid-Reduktionsprogramm ausbauen und  
eine grundlegende Verschärfung der Risikobewertung und Zulas-  
sungsverfahren bei Pestiziden anstreben. Für Wirkstoffe wie die  
bienengiftigen Neonicotinoide oder Glyphosat, die Umwelt und  
Menschen gefährden, fordern wir ein Anwendungsmoratorium.  
Wir werden die Entwicklung alternativer, biologischer Pflanzen-  
schutzmittel unterstützen, um Pestizide zu ersetzen. Wir möchten  
die Verwendung von Nutzhanf und Mohn für Agrarbetriebe libe-  
ralisieren.  
Unsere Vision ist der klimaneutrale Bauernhof, der von fossi-  
len Energieträgern unabhängig wird, die Emissionen aus Düngung  
und Viehwirtschaft senkt und den Kohlenstoffschatz unserer Bö-  
den mehrt. Dazu wollen wir zum Beispiel den Erhalt von Grünland  
fördern sowie den Einsatz von nachhaltig erzeugtem, heimischem  
Pflanzenöl und von Leguminosenpflanzen, die den Stickstoff aus  
der Luft binden, voranbringen. Auch um die aus Überdüngung re-  
sultierenden Emissionen und Nitratbelastungen von Böden, Gewäs-  
sern und Grundwasser zu reduzieren, muss die Tierhaltung eng an  
die heimische Produktion von Futter gebunden werden. Der Klima-  
wandel wird die Landwirtschaft zu großen Anpassungsleistungen  
zwingen. Dabei wollen wir sie frühzeitig unterstützen.  
Wer hochwertige Lebensmittel produziert sowie landschafts-  
pflegerische, d. h. öffentliche Aufgaben übernimmt, verdient dafürZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
162  
Intakte Umwelt und gesunde Ernährung für alleauch einen auskömmlichen Lohn. Daher unterstützen wir zum Bei-  
spiel Milchbäuerinnen und Milchbauern in ihrem Kampf für einen  
fairen Milchpreis und den Stopp der Überproduktion. Wir wollen  
die ErzeugerInnen gegenüber den Großmolkereien, der Ernäh-  
rungsindustrie und dem Handel stärken. Auch international hat  
Preisdumping fatale soziale Folgen. Deshalb lehnen wir die export-  
orientierte Agrarpolitik der Bundesregierung ab. Aber auch umge-  
kehrt gilt: Die riesigen Futtermittelimporte sind ebenso schädlich.  
Spekulation mit landwirtschaftlichen Flächen wollen wir wirksam  
entgegenwirken. Angesichts von immer mehr Höfen, die keine Hof-  
nachfolger mehr haben, wollen wir die antiquierte Hofabgabeklau-  
sel in der Alterssicherung der Landwirte aufheben. Die restlichen  
Flächen der Bodenverwertungs und -verwaltungs GmbH (BVVG)  
sollen zugunsten einer bäuerlichen Landwirtschaft privatisiert und  
verpachtet werden. Mit einer Änderung der BVVG-Privatisierungs-  
grundsätze wollen wir zu einer breiten Eigentumsstreuung bei den  
landwirtschaftlichen Nutzflächen und zu besseren Chancen von  
JunglandwirtInnen und Neu- und QuereinsteigerInnen auf dem Bo-  
denmarkt beitragen.  
Gesellschaftliche Teilhabe muss auf dem Land gewährleistet  
sein. Regional und Bio ist erste Wahl! Große Chancen für die ländli-  
che Entwicklung bieten dabei die Erneuerbaren Energien, die ökolo-  
gische Lebensmittelwirtschaft und der nachhaltige Tourismus. Wir  
wollen Anreize für die grünen Berufe schaffen – besonders in den  
ländlichen Regionen.  
5\. Massentierhaltung – nein danke!  
In der Massentierhaltung werden billiges Fleisch, Milchprodukte  
und Eier durch millionenfaches Tierleid und den massiven Einsatz  
von Antibiotika erkauft. Massentierhaltung fördert Artensterben  
und Klimawandel, weil für den großflächigen Anbau von Futter-  
mitteln Regenwald gerodet und Grünland umgebrochen wird. Fast  
ein Drittel der Weltgetreideernte landet im Futtertrog. Zur Erzeu-  
gung von einem Kilogramm Rindfleisch werden zudem 15.000 Liter  
Süßwasser verbraucht. Damit steht die Massentierhaltung immer  
mehr in Konkurrenz zur Ernährung der Weltbevölkerung. Durch dieTEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
163  
Intakte Umwelt und gesunde Ernährung für allevon Großunternehmen vorangetriebene industrielle Tierprodukti-  
on sowie Dumping-Fleischexporte werden zum Beispiel in Afrika  
die Absatzmärkte für die lokalen ErzeugerInnen zerstört. Auch in  
Deutschland und Europa werden kleine und mittelständische Be-  
triebe durch unfairen Dumping-Wettbewerb und Preisverfall als  
Folge von Überproduktion in den Ruin getrieben.  
Wir GRÜNE halten dieses System der Massentierhaltung für  
nicht verantwortbar. Deshalb wollen wir die Errichtung neuer Rie-  
senställe und Megamastanlagen stoppen. Die Tierzucht ist auf Ge-  
sundheit und Lebensleistung auszurichten und nicht als Qualzucht  
auf immer mehr Milchleistung, Fleischansatz, Eier- oder Ferkelzahl  
ohne Rücksicht auf die physiologischen Grenzen des Lebewesens.  
Die Subventionierung der Massentierhaltung gehört abgeschafft,  
genau wie ihre Privilegien im Baurecht. Wir wollen allen Anlagen,  
die immissionsschutzrechtlich genehmigt werden müssen, die Pri-  
vilegierung entziehen. Wir wollen mit einem neuen Tierschutzge-  
setz für tiergerechte Haltungsbedingungen sorgen, eine lückenlose  
Transparenz der Tierarzneimittelströme schaffen und den Anti-  
biotikamissbrauch durch strengere Haltungs- und Behandlungs-  
vorschriften und verbindliche Antibiotikaleitlinien verhindern. Das  
Kontrollsystem in der Tierhaltung muss deutlich verbessert werden.  
Gülle aus Intensivtierhaltungen und Gärreste aus Biogasanlagen  
müssen auf ihre Belastung mit gefährlichen Keimen hin untersucht  
werden, um, falls nötig, Schutzmaßnahmen zu ergreifen.  
Um Futtermittelimporte zu reduzieren, wollen wir die heimische  
Produktion steigern und die Tierhaltung stärker an die Erzeugung  
heimischer Futtermittel binden. Zudem muss der Import von Bio-  
masse, und somit auch Futtermitteln, an die Einhaltung von stren-  
gen Menschenrechts-, Umwelt- und Sozialstandards gebunden  
werden. Unsere Konsumentscheidungen prägen die Welt. Das zeigt  
sich besonders beim Thema Fleischkonsum. Pro Kopf und Jahr es-  
sen wir Deutsche rund 60 Kilo Fleisch. Dieser hohe Fleischverbrauch  
birgt nicht nur gesundheitliche Risiken. Er erzwingt auch eine Mas-  
sentierhaltung, die auf Mensch, Tiere und Umwelt keine Rücksicht  
nimmt. Deshalb fordern wir mehr Verbraucheraufklärung zu den  
gesundheitlichen, sozialen und ökologischen Folgen des Fleischkon-  
sums. Öffentliche Kantinen sollen Vorreiterfunktionen überneh-  
men. Angebote von vegetarischen und veganen Gerichten und einZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
164  
Intakte Umwelt und gesunde Ernährung für alle„Veggie Day“ sollen zum Standard werden. Wir wollen ein Label  
für vegetarische und vegane Produkte.  
6\. Schluss mit der Tierquälerei  
Wir sind der Überzeugung, dass unsere Tiere ein Anrecht auf ein  
artgerechtes Leben ohne unnötiges Leiden haben. Gemeinsam mit  
der Tierschutzbewegung haben wir dafür gesorgt, dass der Tier-  
schutz als Staatsziel ins Grundgesetz aufgenommen wurde. Tiere  
wollen wir um ihrer selbst willen schützen, deshalb werden wir das  
Tierschutzgesetz gründlich überarbeiten.  
Damit die Rechte der Tiere besser vertreten werden können,  
fordern wir ein Verbandsklagerecht für anerkannte Tierschutz-  
organisationen und eine/n Bundesbeauftragte/n für Tierschutz.  
Außerdem fordern wir Schwerpunkt-Staatsanwaltschaften für den  
Tierschutz, damit Verstöße gegen das Tierschutzgesetz effektiv  
verfolgt werden können.  
Tierschutz und artgerechte Tierhaltung sollen in den Ställen Ein-  
zug halten. Dazu gehören auch ausreichender Weidegang und Aus-  
lauf. Die Käfighaltung von Legehennen, Kaninchen und anderen Tie-  
ren muss beendet werden. Sie darf auch nicht mehr durch deutsche  
Exportbürgschaften für hier verbotene Käfighaltung in Drittländern  
gefördert werden. Wir wollen verbindliche Zucht- und Haltungsvor-  
schriften für alle Tierarten einführen. Die Haltung von Schweinen  
und Rindern auf nacktem Beton und Vollspaltenböden, das Zusam-  
menpferchen von Hühnern und Puten auf engstem Raum, Wasser-  
geflügel ohne Zugang zu Wasser – das alles ist ein Skandal.  
Die Haltung von Nutztieren muss sich zukünftig an den artei-  
genen, natürlichen Bedürfnissen einer Tierart und damit am Tier-  
wohl orientieren. Qualzuchten und die Praxis, Tiere etwa durch  
das Kupieren ihrer Schnäbel oder Schwänze an nicht artgerechte  
Haltungssysteme anzupassen oder durch Brandzeichen zu misshan-  
deln, wollen wir verbieten.  
Mit Schmerzen verbundene Eingriffe wie die Ferkelkastration  
dürfen nur mit Betäubung erfolgen oder müssen gänzlich unter-  
bleiben. Tiertransporte innerhalb Deutschlands wollen wir auf eine  
Dauer von höchstens vier Stunden begrenzen und wir wollen die  
Schlachtmethoden auf Schlachthöfen verbessern. Dazu gehört dieTEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
165  
Intakte Umwelt und gesunde Ernährung für alleÜberprüfung der CO2-Betäubung ebenso wie die Beendigung der  
Akkordarbeit und des Einsatzes von unqualifiziertem Personal. Ver-  
braucherinnen und Verbraucher wollen wir es durch eine verbind-  
liche Tierhaltungskennzeichnung erleichtern, sich für Produkte aus  
artgerechter Haltung zu entscheiden.  
Tierversuche wollen wir konsequent reduzieren und langfristig  
komplett ersetzen. Dafür werden wir die Entwicklung von Alternati-  
ven zum Tierversuch gesetzlich fördern und ihren Einsatz verpflich-  
tend machen. Wir fordern ein nationales Kompetenzzentrum für  
tierversuchsfreie Methoden. Die Ethikkommission zur Bewertung  
von Tierversuchen wollen wir mindestens zur Hälfte mit Vertre-  
tern des Tierschutzes besetzen. Versuche an Menschenaffen sollen  
strikt verboten werden.  
Zum Schutz von Haustieren wollen wir einen Fachkundenach-  
weis einführen. Auch Wildtiere müssen wir besser schützen. Dafür  
fordern wir ihre Haltung im Zirkus zu verbieten sowie eine Novelle  
der rechtlichen Vorgaben für die Zootierhaltung. Den Import und  
die private Haltung regeln wir über die Einführung einer Positiv-  
Liste und ein Verbot von Wildtierbörsen. Auf europäischer Ebene  
muss der Tierschutz durch Importverbote von unter tierquäleri-  
schen Bedingungen erzeugten Produkten, Jagdtrophäen und wild  
gefangenen Tieren gestärkt werden. International wollen wir den  
Schutz bedrohter Arten im Sinne des Vorsorgeprinzips weiter vo-  
ranbringen.ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
166  
Intakte Umwelt und gesunde Ernährung für alleWer GRÜN wählt …  
• sorgt vor für eine intakte Umwelt und Natur sowie ein  
gesundes Leben.  
• unterstützt den Erhalt der Artenvielfalt.  
• sagt „Nein danke“ zu Agrarfabriken, Massentierhaltung  
und Genfood.  
• fördert Ökolandbau, Regionalvermarktung und bäuerliche  
Landwirtschaft.  
• stimmt für Tierschutz und artgerechte Tierhaltung.  
• schützt unsere Lebensgrundlagen und Ressourcen weltweit.  
Schlüsselprojekte  
Die Heimat von Storch und Laubfrosch schützen –  
Naturerbe bewahren  
Die Lebensgrundlage vieler heimischer Pflanzen und Tiere ist ge-  
fährdet. Immer mehr Arten geht der Lebensraum verloren. Die Um-  
setzung der Naturschutzziele hinkt in Deutschland und internatio-  
nal weit hinterher. Daher werden wir dafür sorgen, dass Bund und  
Länder endlich ihren gesetzlichen Verpflichtungen nachkommen  
und für 10 % der Flächen grenzüberschreitend vernetzte Biotopsys-  
teme schaffen. Insbesondere unsere alten, heimischen Buchenwäl-  
der sind bedroht. Durch immer intensivere Durchforstung wird ihre  
Artenvielfalt dezimiert. Aber auch für Erholung und das Naturer-  
lebnis der Menschen sind alte Wälder unschätzbar wertvoll. Mit ei-  
nem Bundesprogramm wollen wir in Kooperation mit den Bundes-  
ländern 10 % der Wälder, die sich in öffentlichem Besitz befinden,Teilhaben. einmischen. ZukunfT schaffen.  
bundestagswahlprogramm 2013  
bÜnDnis 90/Die GRÜnen  
167  
Intakte Umwelt und gesunde Ernährung für allezu Urwäldern von morgen machen, in die auch Körperschaft- und  
Privatwald eingebracht werden können.  
Die Massentierhaltung beenden –  
ein neues Tierschutzgesetz für artgerechte Haltung  
Was in unseren Ställen stattfindet, ist nicht mehr hinnehmbar. Die  
Massentierhaltung hat zu Zuständen geführt, die das Ende des  
bisherigen Systems der Fleischproduktion erforderlich machen.  
Wir wollen die Subventionierung der Massentierhaltung beenden,  
ihre Privilegierung im Baurecht streichen und den Immissions-  
schutz verbessern und ein Label für Tierschutz sowie vegane und  
vegetarische Produkte einführen. Durch ein neues Tierschutzge-  
setz sorgen wir für tiergerechte Haltungsbedingungen, schaffen  
lückenlose Transparenz der Tierarzneimittelströme und stoppen  
den Missbrauch von Antibiotika durch strengere Haltungs- und  
Behandlungsvorschriften. Durch die deutliche Reduzierung des  
Antibiotikaeinsatzes in der Nutztierhaltung sorgen wir gleichzeitig  
für einen nachhaltigen Umwelt- und Gesundheitsschutz. Auch auf  
europäischer Ebene setzen wir uns für bessere Tierschutzregeln in  
der Tierhaltung ein.  
Durchatmen – Luftreinhaltung und  
Gesundheitsschutz vorantreiben  
Bei vielen Industrieprozessen und Verbrennungsprozessen z. B. in  
Kohlekraftwerken entsteht Quecksilber, das über die Abluft in die  
Umwelt gelangt. Dies führt zu einer weiteren Anreicherung des  
Umweltgiftes auch in Lebensmitteln, insbesondere in Fischen. Die  
USA haben daher strenge Grenzwerte erlassen, um die Quecksil-  
berbelastung deutlich zu reduzieren. Wir wollen die Immissions-  
schutzverordnung entsprechend ändern und werden uns EU-weit  
für anspruchsvolle Grenzwerte einsetzen, um grenzüberschreitend  
die Industrie in die Pflicht für eine gesunde Umwelt zu nehmen. So  
schaffen wir saubere Luft für alle.ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
168  
Nachhaltige Mobilität für alleJ. Nachhaltige Mobilität für alle  
Wie wir ein grünes Verkehrsnetz schaffen,  
mit dem alle gut leben  
Mobilität ist Bewegungsfreiheit. Sie ist ein unverzichtbarer Bestand-  
teil unseres Lebens, Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe  
und Ausdruck von Freiheit und Selbstverwirklichung. Gleichzeitig  
verursacht der Autoverkehr Lärm und Staus, er schädigt die Umwelt  
und das Klima und er verschuldet eine inakzeptabel hohe Zahl von  
Toten und Verletzten. Unser Ziel ist eine nachhaltige Mobilität, die  
umwelt- und klimaverträglich, sozial und wirtschaftlich effizient ist.  
Verkehr zieht immer auch Interessenkonflikte nach sich. Immer  
mehr Bürgerinnen und Bürger mischen sich deswegen selbst in die  
Verkehrspolitik ein und wollen diese mitgestalten: Auseinanderset-  
zungen wie etwa um Stuttgart 21, die Fehmarnbeltquerung, neue  
Autobahnabschnitte und den geplanten Flughafen in Berlin oder die  
dritte Startbahn in München sind Beispiele dafür. Bei Großprojekten  
sind eine frühzeitige Beteiligung der betroffenen Bürgerschaft und  
Zivilgesellschaft und eine ergebnisoffene Diskussion von Alternati-  
ven dringend erforderlich. Die aktuelle Entwicklung von Stuttgart  
21 zeigt aber noch eines: Es bedarf von Anbeginn eines ehrlichen  
Umgangs mit Kosten, Risiken und Umweltauswirkungen aufgrund-  
lage der tatsächlichen Kapazitäten.  
Nachhaltige Mobilität setzt Prioritäten zugunsten des öffentli-  
chen Verkehrs, des Radfahrens und des Zufußgehens und verknüpft  
verschiedene Verkehrsträger. Nachhaltige Mobilität verlagert den  
Gütertransport von der Straße auf die Schiene bzw. auf Wasser-  
wege und vermeidet Transporte z. B. durch die Stärkung regionaler  
Wirtschaftskreisläufe. Umwelt- und klimafreundliche Verkehrs-  
mittel werden gestärkt und der motorisierte Verkehr ökologisch  
verträglicher gestaltet. Damit sinkt die Belastung durch Lärm und  
Schadstoffe gerade in urbanen Gegenden.  
In vielen Kommunen wird um den öffentlichen Raum, die  
Aufteilung der Flächen und der Mittel für den Verkehr gerungen.Teilhaben. einmischen. ZukunfT schaffen.  
bundestagswahlprogramm 2013  
bÜnDnis 90/Die GRÜnen  
169  
Nachhaltige Mobilität für alleModerne Verkehrspolitik richtet sich danach aus, allen Menschen  
die größtmögliche Bewegungsfreiheit zu lassen und gleichzeitig die  
negativen Folgen des motorisierten Verkehrs so gering wie möglich  
zu halten. Zudem erzeugen Stadt und Land unterschiedliche Mobi-  
litätsbedürfnisse, was ebenfalls zu berücksichtigen ist.  
Unser Ziel ist die Teilhabe aller an Mobilität, gleich ob in der  
Stadt oder auf dem Land – und zu bezahlbaren Preisen. Das gilt  
auch für die, die kein Auto besitzen – indem wir den öffentlichen  
Personenverkehr voranbringen und uns für sozialverträgliche Ta-  
rife einsetzen. Wir setzen auf neue Mobilitätsangebote, die eine  
Kombinutzung von Fuß, Rad, Bahn, Bus und Carsharing auf einer  
Strecke ermöglichen.  
Wir binden die Bürgerinnen und Bürger bei der Planung neuer  
Verkehrswege aktiv ein, weil sie etwas zu sagen haben und weil  
nur Akzeptanz die neue Mobilität ins Rollen bringt. Einmischung  
ist etwa gefragt beim nächsten Bundesverkehrswegeplan, den wir  
zu einem Bundesmobilitätsplan weiterentwickeln wollen, aber auch  
bei vielen Projekten vor Ort.  
Wir schaffen Zukunft, indem wir die Energiewende auch im Ver-  
kehr umsetzen. Wir wollen weg vom Öl und setzen auf nachhaltige,  
regenerative Antriebe und auf Elektromobilität mit Strom aus Er-  
neuerbaren Energien. Wir wollen den Verkehr sicherer machen  
sowie Verkehrslärm und Schadstoffausstoß deutlich senken.  
1\. Ein Verkehrsnetz für alle  
Immer mehr Menschen nutzen das Fahrrad und die Bahn im Alltag.  
Die Angebote an Carsharing und Bikesharing weiten sich aus und  
sind durch Smartphones und Internet immer leichter zu nutzen und  
ermöglichen so neue Formen der Mobilität. Diese Erfolge gibt es  
nicht wegen, sondern trotz der Verkehrspolitik von Schwarz-Gelb.  
Diese bevorzugt hauptsächlich das Auto vor Bus, Bahn und Fahrrad  
und plant so an den Bedürfnissen vieler Menschen vorbei.  
Grüne Verkehrspolitik will dagegen eine neue Mobilität für alle.  
Wir wollen ein verlässliches und barrierefreies Angebot des öffent-  
lichen Verkehrs auch in ländlichen Regionen, insbesondere mehr  
geförderte alternative Bedienformen wie Ruf- und Bürgerbusse.ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
170  
Nachhaltige Mobilität für alleIn der Verkehrsplanung wollen wir durch Gender-Mainstreaming  
auch die Bedürfnisse der Menschen berücksichtigen, die aufgrund  
sozialer und familiärer Aufgaben anders mobil sind. Zunehmend  
setzt sich das Prinzip „Nutzen statt besitzen“ durch: Kombinierte  
Mobilität aus Fuß- und Radverkehr, Bus und Bahn, Taxi und Car-  
bzw. Bikesharing mit einer einzigen Mobilitätskarte und Mobili-  
täts-Apps machen den Nahverkehr einfach, schnell und flexibel.  
Grundlage dazu sind offene Daten und offene Standards bei kon-  
sequenter Wahrung des Datenschutzes. Beides muss für öffentlich  
geförderte Projekte und Unternehmen verpflichtend sein. Wir wol-  
len eine bundesweite Imagekampagne für Fahrgemeinschaften, um  
Verkehrsbelastungen zu verringern.  
Wir wollen den Kommunen ermöglichen, die Voraussetzun-  
gen für Carsharing-Parkflächen im öffentlichen Straßenraum, für  
Citymaut-Modelle, autofreie Innenstadtbereiche und Shared-  
Space-Zonen zu schaffen. Länder und Kommunen brauchen zu-  
dem eine gesicherte Finanzierungsgrundlage für eine ambitionierte  
ÖPNV-Offensive, bis hin zu Modellprojekten für einen ticketfrei-  
en Nahverkehr. Es muss darüber hinaus eine bedarfsgerechte An-  
schlussfinanzierung für das entfallende Bundes-Gemeindeverkehrs-  
finanzierungsgesetz über 2019 hinaus geben. Wir machen das Land  
fahrrad- und fußgängerfreundlicher und fordern mehr Platz für den  
ökologischen und gesunden Fuß- und Radverkehr. Dazu wollen wir  
den bundesweiten Radverkehrsanteil bis 2020 auf über 20 % stei-  
gern – in einigen Städten ist ein mehr als doppelt so hoher Anteil  
schon Realität. Wir wollen den Bau von Radschnellwegen mit einem  
bundesweiten Modellversuch fördern. Wir werden den Nationalen  
Radverkehrsplan mit Leben füllen, finanziell ausreichend unterle-  
gen und das Fahrrad in der Straßenverkehrsordnung stärken. Die  
Fahrradmitnahme in allen Zügen, auch dem ICE, wollen wir durch-  
setzen.  
Bei den Gesetzen zur Nahverkehrsfinanzierung werden wir uns  
dafür einsetzen, dass eine angemessene öffentliche Finanzierung  
sichergestellt wird. Wir werden uns für die Weiterentwicklung der  
Regionalisierungsmittel einsetzen, um Kostensteigerungen und  
Angebotsverbesserungen finanzieren zu können. Zweckfremde  
Verwendung wollen wir zukünftig ausschließen. Wir wollen in den  
nächsten zehn Jahren den öffentlichen Personennahverkehr durch-TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
171  
Nachhaltige Mobilität für allegehend barrierefrei gestalten. Die Bahn soll ihren Anteil am Verkehr  
erheblich steigern. Dazu investieren wir jährlich 1 Mrd. Euro zu-  
sätzlich in den Ausbau des Schienennetzes mit Lärmschutz. Dies fi-  
nanzieren wir, indem wir mit der bisherigen Praxis brechen, dass in-  
nerhalb der DB AG die Milliardengewinne der Infrastruktursparten  
an die Konzernmutter abgeführt werden und diese damit interna-  
tional auf Einkaufstour geht, statt die Gewinne in die Infrastruktur  
zu reinvestieren. Daher treten wir für eine Überführung der Eisen-  
bahninfrastruktur in das unmittelbare Eigentum des Bundes ein und  
unterstützen das 4. Eisenbahnpaket der EU-Kommission. Die Be-  
wirtschaftung regionaler Schienennetze soll den Ländern zur Pacht  
angeboten werden. Wir wollen dauerhaft ausschließen, dass private  
Investoren Anteile am Schienennetz erwerben.  
2\. Mit der Energiewende auch die Verkehrswende umsetzen!  
Unser Ziel ist es, bis 2020 die Treibhausgasemissionen des Verkehrs  
um 20 % zu senken. Die Vision 2040 lautet, den Verkehr nahezu  
komplett auf Erneuerbare Energien umzustellen. Das ist ehrgeizig,  
aber möglich: Durch die Vermeidung überflüssiger Transporte, die  
Verlagerung von Verkehr auf Bahn und Fahrrad sowie die flächende-  
ckende Einführung von nachhaltigen, regenerativen Antrieben bei  
gleichzeitigem Ausbau der Infrastruktur der Erneuerbare-Energien-  
Stromversorgung. Elektromobilität ist nur dann umweltverträglich,  
wenn der Strom aus regenerativen Energiequellen gewonnen wird.  
Wir wollen einen Paradigmenwechsel bei der Nutzung der Biomas-  
se für Mobilität. Sie muss langfristig auf Bereiche beschränkt wer-  
den, in denen es keine Alternative gibt.  
Der heutige Verkehr ist zu über 90 % von fossilen Energieträgern  
abhängig. Die Energiewende im Verkehr verlangt von der Autoin-  
dustrie einen Technologiewandel hin zur Elektromobilität mit zu-  
sätzlichem Strom aus Erneuerbaren Energien. Der Weg dahin führt  
über wesentlich effizientere Antriebe, Hybridtechnik und Leichtbau  
der Karosserien. Deren Produktion und Vertrieb werden am ehes-  
ten gefördert durch ehrgeizige Verbrauchsvorgaben. Wir wollen  
daher innerhalb der Europäischen Union bis 2020 das 3-Liter-Auto  
(80 g CO2 /km) und bis 2025 das 2-Liter-Auto (60 g CO2 /km) alsZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
172  
Nachhaltige Mobilität für alleAnforderung für Neuwagen durchsetzen. Die Privilegien für große  
spritschluckende Dienstlimousinen wollen wir streichen und Anrei-  
ze zur Nutzung besonders sparsamer Autos schaffen. Wir werden  
dies gegenfinanzieren durch eine CO2-Reform der Kfz-Steuer. Wir  
wollen eine Verlängerung der Steuerbegünstigung für Erdgas über  
2018 als Kraftstoff prüfen, wenn mindestens 40 % des Kraftstoffs  
aus Biomethan oder Power-to-Gas stammen. Das Power-to-Gas-  
Verfahren kann eine Integration von erneuerbarem Überschuss-  
strom in den Verkehrssektor ermöglichen. Wir wollen die komplette  
Umstellung von Eisenbahnen auf Erneuerbare Energien bis spätes-  
tens 2030.  
Zur Verlagerung von Lkw-Verkehr wollen wir den kombinierten  
Verkehr fördern und den Schienenverkehr anwohnerfreundlich mit  
modernen Lärmschutzstandards ausbauen. Auch muss die Lkw-  
Maut zu einer Logistikabgabe weiterentwickelt werden, d. h. zu-  
künftig auch die externen Umweltkosten berücksichtigen und auf  
Lkw ab 3,5 Tonnen sowie auf alle Bundesstraßen ausgedehnt wer-  
den. Wir wollen Fernbusse ebenfalls in die Mautpflicht aufnehmen.  
Den Modellversuch mit den „Monstertrucks“ (Gigalinern) werden  
wir beenden. Den Lieferverkehr in den Städten wollen wir durch die  
Förderung von Lieferkooperationen, Lastenfahrrädern und Elektro-  
transportern umweltfreundlicher machen.  
Wir werden Initiativen ergreifen, um die Seeschifffahrt saube-  
rer zu machen, und wollen die für Deutschland bedeutenden See-  
häfen durch ein Hafenkonzept inkl. Hinterlandanbindung besser  
koordinieren.  
Die Binnenschifffahrt wollen wir fördern, wenn es ökologische  
und ökonomische Vorteile gegenüber anderen Verkehrsträgern gibt  
und sich die Schiffe den Flüssen anpassen. Flugverkehr ist mit star-  
ken Klima- und Lärmbelastungen verbunden. Das Wachstum des  
Flugverkehrs wird wesentlich durch kommunale Beihilfen für Re-  
gionalflughäfen sowie die Subvention aus Steuerprivilegien bei der  
Energiebesteuerung und der Mehrwertsteuer bei Auslandsflügen  
begünstigt. Diese Subventionen wollen wir beenden und die Luft-  
verkehrssteuer und den Emissionshandel ökologischer ausgestalten.  
Den Kurzstreckenverkehr wollen wir auf die Schiene verlagern.TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
173  
Nachhaltige Mobilität für alle3. Den neuen Bundesmobilitätsplan  
mit den BürgerInnen entwickeln  
Straßen, Schienen und Wasserstraßen werden geplant – etwa alle  
15 Jahre durch einen Bundesverkehrswegeplan. In der nächsten Le-  
gislaturperiode ist es wieder so weit: 2015 wird ein neuer Verkehrs-  
wegeplan verabschiedet. Wir GRÜNE wollen, dass dieser Plan der  
erste wird, bei dem die Bürgerinnen und Bürger mitplanen, mitge-  
stalten und mitreden.  
Jährlich gibt der Bund etwa 10 Mrd. Euro für den Bau und Erhalt  
von Autobahnen, Bundesstraßen, Schienen und Wasserstraßen aus  
und ist an den Flughäfen Berlin, Köln und München beteiligt. Leider  
wird dieses Geld allzu oft in teure und zweifelhafte Prestigeprojekte  
oder überflüssige Autobahnneubauten gesteckt.  
Der neue Bundesverkehrswegeplan 2015 bietet die Gelegen-  
heit zum Umsteuern. Wir wollen daraus einen Bundesmobilitäts-  
plan entwickeln. Die Auswahl von Infrastrukturprojekten soll sich  
künftig stärker an Klima- und Naturschutzbelangen und der demo-  
grafischen Entwicklung orientieren. Die Projektkosten müssen ein-  
schließlich der Folgekosten z. B. für Brücken und Tunnel vollständig  
dargestellt werden.  
Wir wollen klare Prioritäten setzen: Beim Straßenetat wollen wir  
deutlich mehr Geld für den Erhalt aufwenden und die verbleiben-  
den Mittel auf ein Autobahn-Kernnetz mit Lärmschutz konzent-  
rieren sowie ein Programm für Grünbrücken fördern. Wir wollen  
durch Ausschreibungswettbewerbe und die Schaffung der techni-  
schen Voraussetzungen dafür sorgen, dass viele abgehängte Re-  
gionen wieder an den Fernverkehr angeschlossen werden. Bei der  
Schiene soll ein langfristiges Zielnetz 2050 entwickelt werden, das  
auf einen deutschlandweiten Taktfahrplan mit einem verbesserten  
Personenverkehr ausgelegt ist und mehr Kapazität für den Güter-  
verkehr schafft. Wir wollen ein nationales Flughafenkonzept u. a.  
für mehr Lärmschutz entwickeln, das die Möglichkeit von Ausbau-  
stopps beinhaltet. Bei den Wasserstraßen geht es um den Erhalt ei-  
ner sinnvollen Infrastruktur, anstatt einzigartige Flusslandschaften  
wie Elbe und Donau zu ruinieren.  
Wir wollen ein umfassendes Informationsrecht in allen Planungs-  
schritten – auch über das „Ob“ eines Projektes –, das EinbeziehenZeit für den grünen Wandel  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BündniS 90/die grünen  
174  
Nachhaltige Mobilität für alleder Öffentlichkeit und gesetzliche Vorgaben für die Anwendung in-  
formeller Beteiligungsmethoden und alternativer Konfliktlösungen  
für die Verwaltung. Die Flugroutenplanung wollen wir transparent  
und bürgerInnenfreundlich gestalten. Denn eine moderne Infra-  
struktur ist nur dann erfolgreich, wenn sie gesellschaftlich ange-  
nommen wird.  
4\. Den Verkehr sicher und leiser machen  
Mit dem Programm „Vision Zero“ wollen wir den Straßenverkehr  
sicherer machen mit dem Ziel, dass Fehler nicht mehr zu schwe-  
ren Unfällen oder Tod führen. Wir wollen ein generelles Tempoli-  
mit von 120 km/h auf Autobahnen und 80 km/h auf zweispurigen  
Landstraßen. Wir werden die rechtlichen Voraussetzungen dafür  
schaffen, dass Kommunen aus Gründen der Verkehrssicherheit und  
des Lärmschutzes ermöglicht wird, innerorts überall dort Tempo 30  
anzuweisen, wo sie es wollen.  
Wir wollen den Schutz vor Verkehrslärm voranbringen und set-  
zen uns für ein Nachtflugverbot an Verkehrsflughäfen, verbesser-  
ten Lärmschutz an Straßen und Schienenwegen und geräuschär-  
mere Fahrzeugtechnik ein. Das Lärmprivileg für die Bahn wollen  
wir abschaffen, ebenso die Lärmprivilegien für den Straßen- und  
den Flugverkehr.  
Menschen, die von Lärm betroffen sind, sollen in ihren Rechten  
gestärkt werden und einen umfassenderen Anspruch auf Lärm-  
schutz haben. Die Investitionen zur aktiven Beseitigung von Lärm-  
quellen und für passiven Lärmschutz wollen wir innerhalb des Ver-  
kehrsetats auf 400 Mio. Euro pro Jahr verdoppeln. Ziel ist ein auf  
zehn Jahre angelegtes umfangreiches Lärmsanierungsprogramm.TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
175  
Nachhaltige Mobilität für alleWer GRÜN wählt,  
• wählt nachhaltige Mobilität.  
• will die Energie- und Klimawende auch im Verkehr durchset-  
zen.  
• etabliert Bahn, Bus und Rad als Leitverkehrsmittel.  
• setzt auf Bürgerbeteiligung und Transparenz bei der Planung  
von Verkehrsprojekten.  
• schützt Menschen vor Lärm, Luftverschmutzung und  
Verkehrsunfällen.  
Schlüsselprojekte  
Die Bahn attraktiver machen – Nahverkehr ausbauen,  
Gewinne in die Schiene investieren  
Wir wollen die Bahn als ein ökologisches Hauptverkehrsmittel at-  
traktiver machen und ihren Anteil am Verkehr erheblich steigern –  
für Menschen wie für Güter. Daher müssen wir sinnvolle Ausbau-  
projekte der europäischen Netze vorantreiben und dafür muss der  
Finanzrahmen für Schiene und Straße im nächsten Bundesmobili-  
tätsplan gleich hoch sein. Es muss aber auch sichergestellt werden,  
dass die Gewinne aus dem Schienenbetrieb auch bei der Schiene  
bleiben und nicht für internationale Firmenaufkäufe verwendet  
werden. Im Bundesverkehrswegeplan wollen wir auch den Vorrang  
von Erhalt vor Neubau festschreiben. Wir wollen durch Ausschrei-  
bungswettbewerbe und die Schaffung der technischen Vorausset-  
zungen dafür sorgen, dass viele abgehängte Regionen wieder an  
den Fernverkehr angeschlossen werden.Zeit für den grünen Wandel  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BündniS 90/die grünen  
176  
Nachhaltige Mobilität für alleDie AnwohnerInnen vor Verkehrslärm schützen –  
Fluglärm begrenzen, Lärmschutz ausbauen  
Viele wehren sich gegen den zunehmenden Verkehrslärm – zu  
Recht, denn Lärm macht krank. Wir wollen das Thema Lärmschutz  
auf Bundesebene endlich ernst nehmen, nachdem es die Merkel-  
Regierung vernachlässigt hat: Wir schaffen einen umfassenderen  
Anspruch auf Lärmschutz und verdoppeln die Mittel für die Lärm-  
sanierung an Straße und Schiene. Zur Bekämpfung des Fluglärms  
wollen wir eine Novellierung des Fluglärmgesetzes mit strenge-  
ren Grenzwerten sowie des Luftverkehrsgesetzes um Betriebsbe-  
schränkungen für die gesetzliche Nacht (22:00–06:00 Uhr) und  
Lärmobergrenzen ermöglichen. Dem Lärmschutz der Bevölkerung  
ist bei der Interessenabwägung ein höherer Stellenwert als der  
Wirtschaftlichkeit beizumessen. Auch auf EU-Ebene werden wir für  
die entsprechenden Rahmenregelungen streiten.  
Lebenswerte Kommunen – Umweltverbund ausbauen  
Die Verkehrswende verlangt auch einen Wandel in der Nahmobili-  
tät hin zu mehr Fuß- und Radverkehr und öffentlichem Nahverkehr.  
Wir wollen Mobilität für alle und in den nächsten zehn Jahren flä-  
chendeckend barrierefreie Mobilität ermöglichen. Wir wollen eine  
ÖPNV-Offensive. Dafür werden wir für eine angemessene öffentli-  
che Nahverkehrsfinanzierung sorgen. Die Straßenverkehrsordnung  
ist stärker auf die Belange ungeschützter VerkehrsteilnehmerInnen  
auszurichten. Dazu wollen wir es Kommunen ermöglichen, inner-  
orts überall dort Tempo 30, Begegnungszonen und Shared-Space-  
Bereiche auszuweisen, wo sie es wollen. Wir wollen Radfahren  
komfortabler und attraktiver machen und dabei auch dem Trend zu  
Pedelecs und E-Bikes gerecht werden. Dafür braucht der Radver-  
kehr mehr Platz. Wir wollen daher unter anderem den Bau von Rad-  
schnellwegen durch einen bundesweiten Modellversuch fördern.Teilhaben. einmischen. ZukunfT schaffen.  
bundestagswahlprogramm 2013  
bÜnDnis 90/Die GRÜnen  
177  
Nachhaltige Mobilität für alleKlimafreundlich mobil – Verbrauchsobergrenzen  
einführen und Elektromobilität fördern  
Die Energiewende im Verkehr verlangt von der Autoindustrie einen  
Technologiewandel hin zum 2-Liter-Auto und zur Elektromobilität  
mit zusätzlichem Strom aus Erneuerbaren Energien. Der wichtigste  
Treiber hierfür sind ehrgeizige Verbrauchswerte. Wir wollen daher  
innerhalb der Europäischen Union ambitionierte Verbrauchsvorga-  
ben, die sicherstellen, dass der Elektromobilität zum Durchbruch  
verholfen wird. Deshalb verändern wir die Kraftfahrzeugsteuer, so  
dass Pkw mit einem Ausstoß von weniger als 50 g CO2 /km (2-Liter-  
Auto), wie z. B. Elektroautos und Plug-in-Hybride, einen Zuschuss  
erhalten und dafür Spritschlucker entsprechend mehr zahlen. Be-  
sonderen Wert legen wir auf die sinnvolle Kombination und den  
Ausbau der elektromobilen Verkehrsmittel, die mit Strom aus Er-  
neuerbaren Energien betrieben werden. Wir wollen die Umsetzung  
von 100 % regenerativer Energie in allen Bereichen – Elektroautos,  
E-Bikes, Pedelecs und öffentlicher Nah- und Fernverkehr – sowie  
die Entwicklung intelligenter Mobilitätskonzepte.Zeit für den grünen Wandel  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BündniS 90/die grünen  
178  
Verbraucherschutz für alleK. Verbraucherschutz für alle  
Wie wir Verbraucherrechte stärken –  
und Transparenz schaffen  
Dioxin in Eiern. Pferdefleisch in der Lasagne. Unfaire Energiepreise.  
Banken, die tricksen. Geräte, die mit Ablauf der Gewährleistung  
den Geist aufgeben. Wer schützt eigentlich die Verbraucherinnen  
und Verbraucher?  
Wir GRÜNE haben Verbraucherschutz und gesunde Ernährung  
ganz oben auf die politische Agenda gesetzt. Doch unter der Re-  
gierung Merkel ist die Verbraucherpolitik in den Dornröschenschlaf  
verfallen – mit einer durchsetzungsschwachen Ministerin, deren  
Ankündigungen selten Taten folgten. Das muss sich wieder än-  
dern. Zu diesem Zweck wollen wir die Verbraucherrechte stärken,  
den Schutz vor Abzocke verbessern und für gesunde und sichere  
Lebensmittel sorgen.  
Wir schaffen ein festes Fundament für emanzipierte Konsumen-  
tInnen, damit sich ProduzentInnen und VerbraucherInnen auf Au-  
genhöhe begegnen können.  
VerbraucherInnen haben die Verantwortung, durch ihr Kon-  
sumverhalten ein Zeichen für mehr Nachhaltigkeit zu setzen, das  
setzt entsprechendes Wissen über die Produkte voraus. Grüne Ver-  
braucherpolitik setzt neben wirksamen staatlichen Regelungen und  
Kontrollen auch darauf, dass VerbraucherInnen Angebote kritisch  
prüfen, Missstände anprangern und sich einmischen können. Dafür  
brauchen sie bessere Informationen, starke Verbraucherorganisati-  
onen und wirkungsvollen Rechtsschutz.  
Verbraucherschutz ist für uns eine Frage gerechter Teilhabe. Wer  
wenig hat, den schmerzen überhöhte Energiepreise oder wuche-  
rische Dispo-Zinsen besonders. Soziale Ausgrenzung droht, wenn  
Menschen ein eigenes Girokonto verwehrt oder der Strom abge-  
stellt wird. Und auch wer nicht viel zu zahlen vermag, muss sich  
darauf verlassen können, dass angebotene Produkte sicher und  
Finanzdienstleistungen seriös sind. Dies gilt insbesondere auch  
für Dienstleistungen der Daseinsvorsorge. Eine Privatisierung derTeilhaben. einmischen. ZukunfT schaffen.  
bundestagswahlprogramm 2013  
bÜnDnis 90/Die GRÜnen  
179  
Verbraucherschutz für alleWasserversorgung lehnen wir daher ab, denn Trinkwasser ist unser  
wichtigstes Lebensmittel und darf nicht an gewinnmaximierungs-  
orientierte Privatunternehmen übertragen werden.  
Grüne Verbraucherpolitik erleichtert es, mit dem Einkaufskorb  
Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen. Dafür brauchen  
VerbraucherInnen bessere und leicht verständliche Informationen  
in Alltags- und leichter Sprache. Gut informierte VerbraucherInnen  
können bewusst entscheiden, das Billigschnitzel aus Massentierhal-  
tung im Kühlregal zu lassen, Energiespar-Geräte zu wählen oder  
sich durch fair gehandelte Produkte für gerechte Arbeitsbedingun-  
gen weltweit einzusetzen. Dafür wollen wir bewährte Siegel wie  
Fairtrade, Bio und Ohne Gentechnik stärken.  
1\. VerbraucherInnen mächtig machen  
Wissen ist Macht. Deshalb wollen wir Lücken im Verbraucherin-  
formationsgesetz schließen und die Informationspflichten über  
riskante Finanz- und Versicherungsprodukte ausweiten. Verbrau-  
cherInnen wollen zu Recht wissen, was drin ist in Produkten und  
Dienstleistungen. Wir setzen uns für eine verlässliche und trans-  
parente Kennzeichnung ein, um die Auswahl nachhaltiger Produk-  
te zu ermöglichen. Was es bei Lebensmitteln mit dem Bio-Siegel  
bereits gibt, brauchen wir auch in anderen Bereichen wie etwa bei  
Finanzprodukten. Zu wenig Lohn für LeiharbeiterInnen bei Ama-  
zon, unhaltbare Arbeitsbedingungen für Textilarbeiterinnen in Ban-  
gladesch, unfairer Druck auf MitarbeiterInnen bei Banken: Es gibt  
viele Verhaltensweisen, die verantwortungsbewusste Verbrauche-  
rInnen nicht akzeptieren wollen. Damit sie sich ein zutreffendes Bild  
vom Umgang der Unternehmen mit sozialen und ökologischen An-  
forderungen, mit ihrem Verhalten gegenüber KundInnen machen  
können, werden wir gemeinsam mit den Verbraucherverbänden ein  
Verbraucherportal Unternehmenscheck auf den Weg bringen. Wir  
werden uns dafür einsetzen, dass Unternehmen soziale und ökolo-  
gische Mindeststandards bei Produktion und Vertrieb in Deutsch-  
land und weltweit einhalten und ihre CSR-Standards für Verbrau-  
cherInnen erkennbar sind.ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
180  
Verbraucherschutz für alleWir setzen auf aktive Verbraucheraufklärung mit einem erwei-  
terten Bildungs- und Beratungsangebot der Verbraucherverbände.  
Unter anderem für den Finanzmarkt wollen wir unter dem Dach  
der Verbraucherzentralen unabhängige Marktwächter etablieren.  
Sie sollen den Markt aus Verbrauchersicht beobachten und die  
Öffentlichkeit informieren, Beschwerden nachgehen, Verbrau-  
cherinteressen bündeln und ein Beschwerde- und Anhörungsrecht  
gegenüber der Finanzaufsicht bekommen. Die Finanzierung einer  
unabhängigen Verbrauchervertretung muss dauerhaft gesichert  
werden. Dafür wollen wir das Kartellrecht ändern, Kartellstrafen zur  
finanziellen Stärkung der Verbraucherarbeit einsetzen und ein Ver-  
bandsklagerecht für die Verbraucherverbände prüfen. Die Minis-  
tererlaubnis wollen wir durch ein suspensives Veto des Deutschen  
Bundestags ergänzen.  
Um die Macht der Verbraucherinnen und Verbraucher zu bün-  
deln, wollen wir Gruppenklagen ermöglichen. So können Geschä-  
digte sich vor Gericht zusammenschließen und ihr gutes Recht  
schneller und einfacher durchsetzen. Wir werden prüfen, ob die  
Einführung einer Ombudsstelle dazu beitragen kann.  
Die Grundvoraussetzung für bewussten Konsum ist, dass Un-  
ternehmen verpflichtet werden, ihre ökologischen und sozialen  
Produktionsbedingungen einschließlich ihrer vorgelagerten Liefer-  
ketten zu dokumentieren und offenzulegen. Nur so können Ver-  
braucherInnen und NGOs die grünen Aussagen von Unternehmen  
bewerten und seriöse Unternehmungen von unseriösem Green-  
washing unterscheiden. Um Verbraucherpolitik wissenschaftlich  
zu fundieren, wollen wir einen Sachverständigenrat für Verbrau-  
cherfragen einrichten, der Politik und Institutionen in Fragen der  
Verbraucherpolitik kritisch begleitet und berät.  
2\. Schluss mit der Abzocke  
Täglich werden tausende Verbraucherinnen und Verbraucher Op-  
fer illegaler Werbeanrufe mit dem Ziel, ihnen ungewollte Verträge  
unterzuschieben. Damit dieser Telefonterror aufhört, dürfen solche  
Verträge künftig nur gelten, wenn die Angerufenen sie schriftlich  
bestätigen. Telefonwarteschleifen müssen ausnahmslos von derTEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
181  
Verbraucherschutz für alleersten Minute an kostenlos sein. Wenn Vertragslaufzeiten von z. B.  
Telefonanbietern, dem Fitnessstudio oder Abonnements nach der  
Mindestlaufzeit von zwei Jahren automatisch gleich noch mal um  
ein ganzes Jahr verlängert werden können, ist das Abzocke an der  
VerbraucherIn und schadet dem freien Wettbewerb. Wir werden  
sicherstellen, dass Verträge nach der Mindestlaufzeit kurzfristig  
kündbar sind, und damit solche Abofallen unterbinden.  
Dispo-Wucher wollen wir durch einen Zinsdeckel verhindern  
und unseriösen Inkasso- und Abmahndiensten durch strengere Re-  
geln und Kontrollen das Geschäft verderben.  
Produkte, die kurz nach Ende der Garantiezeit kaputtgehen  
und sich kaum reparieren lassen, sind ein Ärgernis und verschwen-  
den wertvolle Ressourcen. Wir setzen uns für längere und bessere  
Gewährleistungsrechte ein. Die Beweislast für einen Mangel soll  
auch nach den ersten Monaten beim Verkäufer bleiben.  
Wer online kauft, darf nicht schlechter gestellt werden als off-  
line. Wir entwickeln deshalb ein eigenständiges Leitbild für den  
Verbraucherschutz in der digitalen Gesellschaft und stärken im  
Bereich der immateriellen Güter die Verbraucherrechte, indem wir  
deren Wiederveräußerbarkeit rechtlich absichern.  
Bei Internetgeschäften wollen wir Wildwest-Methoden abstel-  
len und die Verbraucherdaten besser schützen. Unter anderem  
sollen Verbraucherorganisationen die Möglichkeit erhalten, die Ein-  
haltung von Sicherheit und Schutz persönlicher Daten im Internet-  
handel gerichtlich durchzusetzen.  
3\. Energie zu fairen Preisen  
Wir kämpfen für faire Energiepreise – gegen Preistreiberei durch  
Monopole und Marktmanipulationen. Deshalb wollen wir mehr  
Wettbewerb, mehr Preistransparenz und weniger Macht für die  
großen Strom- und Mineralölkonzerne. Faire Preise, nicht Dum-  
pingpreise, sind unser Ziel.  
Faire Strompreise erfordern eine gerechtere Finanzierung der  
Energiewende. Wir wollen die Energiewende solidarisch finanzie-  
ren, überbordende Industrieprivilegien abbauen und dafür sorgen,  
dass die StromkundInnen auch von den gesunkenen Preisen anZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
182  
Verbraucherschutz für alleder Strombörse profitieren. Faire Gaspreise werden sich nur durch  
mehr Wettbewerb auf dem Gasmarkt und die Überwindung der  
Bindung des Gaspreises an den Ölpreis einstellen. Und um Abzocke  
an Tankstellen und Raffinerien zu begegnen, ist ein offensives Vor-  
gehen der Kartellbehörden notwendig. Bei all dem wissen wir: Die  
beste Vorsorge gegen steigende Energiepreise sind Energiesparen  
und Energieeffizienz. Weiteres haben wir im Kapitel „100 % sichere  
Energie“ beschrieben.  
4\. Verbraucherrechte stärken  
Die Gesundheit und Sicherheit der VerbraucherInnen muss Vor-  
rang haben vor wirtschaftlichen Interessen. Deshalb wollen wir ge-  
gen Weichmacher und Schwermetalle in Kinderspielzeug und kin-  
dernahen Produkten vorgehen. Die gesundheitlichen Folgen dieser  
und anderer toxischer Stoffe für die Verbraucherinnen und Ver-  
braucher werden wir weiter untersuchen lassen und die erforder-  
lichen Schutzmaßnahmen treffen. Solange ihre Unbedenklichkeit  
nicht eindeutig festgestellt ist, dürfen Lebensmittel oder Kosmeti-  
ka mit Nano-Partikeln nicht auf den Markt kommen. Giftige Far-  
ben und Bleichstoffe in Textilien müssen endlich der Vergangenheit  
angehören. Die Kennzeichnung von tierversuchsfreien Produkten  
wollen wir stärken.  
Fahrgäste sollten schon bei Verspätungen ab 30 Minuten An-  
spruch auf Entschädigung haben. Reisende müssen im Konfliktfall  
Reiseveranstalter auf Augenhöhe begegnen können. Wir fordern  
deshalb eine unabhängige und kostenlose Schlichtungsstelle, die  
privat finanziert ist und die mit ihren dezentralen Anlaufstellen alle  
Reisenden über ihre Rechte aufklärt und gegebenenfalls hilft, Streit  
einvernehmlich beizulegen.  
Für Patientinnen und Patienten müssen die Rechte bei Behand-  
lungsfehlern und bei Zusatzleistungen gestärkt werden.  
Eine wirksamere Regulierung der Finanzmärkte ist auch aus Sicht  
des Verbraucherschutzes zentral. Für Geldanlagen und Altersvor-  
sorge wollen wir eine unabhängige Beratung sicherstellen, die von  
Provisionsinteressen frei ist. Das Recht auf ein eigenes Girokonto  
muss selbstverständlich werden. Überschuldung wollen wir durchTEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
183  
Verbraucherschutz für allefinanzielle Vorsorge-Checks und Stärkung der Finanzkompetenz  
junger Menschen vorbeugen und das Entschuldungsverfahren für  
alle auf drei Jahre verkürzen. Die soziale Schuldnerberatung muss  
gestärkt werden, um überschuldeten VerbraucherInnen einen  
wirtschaftlichen Neustart zu ermöglichen.  
5\. Gesunde Ernährung ohne Gentechnik  
Gutes Essen verbindet Gesundheit und Genuss. Wir wollen sichere  
Lebensmittel, frei von Pestiziden, Gentechnik und Antibiotika. Das  
erfordert eine vorsorgende Politik und wirksame Kontrollen vom  
Bauernhof bis zum Supermarktregal. Darum müssen wir die Le-  
bensmittelüberwachung ausbauen.  
Was in Lebensmitteln drin ist, muss leicht verständlich gekenn-  
zeichnet sein. Bilder von glücklichen Kühen auf Produkten aus  
Massentierhaltung sind bewusste Irreführungen und dreiste Ver-  
brauchertäuschung. Wir wollen, dass Tierhaltungsbedingungen,  
Herstellungsbedingungen, Inhaltsstoffe und die Herkunft von Le-  
bensmitteln klar und einfach erkennbar sind. Die Kennzeichnung  
der Haltebedingungen von Hennen soll auch auf Eier in verarbei-  
teten Produkten ausgedehnt werden. Wenn tierische Erzeugnisse  
in Produkten enthalten sind oder bei der Herstellung verwendet  
wurden, muss das angegeben werden.  
Auf verarbeiteten, zusammengesetzten Lebensmitteln soll der  
Gehalt an Fett, Zucker und Salz durch eine eingängige Ampelkenn-  
zeichnung in Grün-Gelb-Rot sichtbar gemacht werden. Denn schon  
jede und jeder Zweite leidet unter Fehlernährung oder Überge-  
wicht. Schmuddelküchen und Musterbetriebe wollen wir durch ein  
Hygienebarometer oder Smiley unterscheidbar machen.  
Kitas und Schulen müssen mehr Wissen über gesunde und  
ausgewogene Ernährung vermitteln – auch praktisch durch eine  
gemeinsame Mahlzeit am Tag, bei deren Zubereitung die Kinder  
möglichst einbezogen werden. Denn in der Kindheit geprägte Er-  
nährungsmuster halten oft ein Leben lang. Und wir wollen mit  
einem Bundesprogramm den flächendeckenden Ausbau der ge-  
sunden Kita- und Schulverpflegung in Deutschland voranbringen.  
Dabei sollen regionale und ökologische Versorgungsstrukturen inZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
184  
Verbraucherschutz für alleder Gemeinschaftsverpflegung gefördert werden. Wir wollen einen  
Bioanteil von mindestens 20 % in der Gemeinschaftsverpflegung.  
An Kinder gerichtetes Marketing und den Etikettenschwindel bei  
sogenannten Kinderlebensmitteln wollen wir unterbinden.  
Gentechnik in Lebensmitteln lehnen wir ab, auf dem Tisch wie  
auf dem Acker. Darin wissen wir uns mit der großen Mehrheit  
der VerbraucherInnen und LandwirtInnen einig. Agro-Gentech-  
nik macht unsere Ernährung abhängig von einer kleinen Zahl an  
Großkonzernen und Pflanzensorten. Sie gefährdet die Umwelt, die  
gentechnikfreie Landwirtschaft und den Ökolandbau.  
Deshalb setzen wir uns dafür ein, die gentechnikfreie Lebens-  
mittelproduktion in Deutschland besser zu schützen und die Zu-  
lassung zum Anbau genveränderter Pflanzen in Europa strenger zu  
regulieren. Wir wollen das Gentechnikgesetz verschärfen und auf  
EU-Ebene durchsetzen, dass die Kennzeichnungslücke für Fleisch,  
Eier, Milch oder Käse geschlossen wird, für deren Erzeugung Gen-  
mais oder Gensoja verfüttert wurde. Wir wehren uns gegen Ver-  
suche, die Nulltoleranz gegenüber illegalen Gentech-Bestandteilen  
aufzuweichen oder die Kennzeichnungsvorgaben zu unterlaufen.  
Regionale Vielfalt und heimische Esskulturen müssen erhalten  
bleiben. Wir wollen keine Vereinheitlichung und Reduzierung auf  
ein bis zwei Gemüse- oder Obstsorten. Es gibt in Deutschland rund  
2.000 verschiedene Apfelsorten, aber im Supermarkt finden sich in  
der Regel immer die vier gleichen Sorten. Wir stärken deshalb die  
regionale und saisonale Küche. Das schmeckt nicht nur gut, son-  
dern ist auch besser für Umwelt und Klima.  
Bewusster Konsum und Verschwendung vertragen sich nicht.  
Unser Ziel ist es, die Lebensmittelverschwendung bis 2020 zu hal-  
bieren. Dafür ist ein ganzes Bündel von Maßnahmen notwendig,  
das auch Handel und Industrie in die Pflicht nimmt.TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
185  
Verbraucherschutz für alleWer GRÜN wählt …  
• stärkt die Rechte der Verbraucherinnen und Verbraucher.  
• sagt dem Abzocken den Kampf an.  
• stimmt für faire Energiepreise.  
• will beim Einkauf genau wissen, was drin ist, und Bio  
und Fairtrade stärken.  
• wählt gesunde Lebensmittel ohne Pestizide, Gentechnik  
und Antibiotika.  
Schlüsselprojekte  
Abzocke beenden – Finanzmärkte  
verbrauchergerecht regulieren  
Bei Finanzgeschäften werden zu viele abgezockt. Deshalb müssen  
wir den Verbraucherschutz umfassend stärken – vom unabhängi-  
gen Finanzmarktwächter, über den Rechtsanspruch auf ein eigenes  
Girokonto bis hin zum Schutz gegen betrügerische Anlagemodelle.  
Wir brauchen eine einheitliche und schlagkräftige Finanzaufsicht mit  
Verbraucherschutz als Kernaufgabe, die durch einen Finanzmarkt-  
wächter unter dem Dach der Verbraucherzentralen ergänzt wird. Die  
Abzocke bei Dispo- und Überziehungszinsen wollen wir mit einem  
flexiblen, an einem Leitzins orientierten Deckel verhindern. Um pro-  
visionsgetriebene Falschberatung zu überwinden, wollen wir die Ho-  
norarberatung gleichberechtigt am Markt etablieren und maximale  
Transparenz über alle Provisionen herstellen. Wir wollen die Finanz-  
märkte grüner machen, deshalb fordern wir verlässliche Gütesiegel  
für nachhaltige Geldanlagen sowie ökologische und ethische Stan-  
dards bei der staatlich geförderten Altersvorsorge. Da bei der priva-Zeit für den grünen Wandel  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BündniS 90/die grünen  
186  
Verbraucherschutz für alleten Altersvorsorge viel zu viel Geld in den Taschen der Vermittler und  
Anbieter landet, brauchen wir einen verbraucherpolitischen Neustart  
der Riesterrente und anderer Produkte der privaten Altersvorsorge.  
Wissen, was drin ist –  
Verbraucherinformation verbessern  
Verbraucherinnen und Verbraucher haben das Recht zu wis-  
sen, was drin ist in Produkten und Dienstleistungen. Deshalb  
wollen wir einfach verständliche Kennzeichnungen einführen: bei-  
spielsweise die Ampelkennzeichnung auf Lebensmitteln, das Hygie-  
nebarometer oder einen „Smiley“ für Restaurants und ein Gütesie-  
gel für nachhaltige Geldanlagen. Aber auch die Informationsrechte  
gegenüber Behörden und Unternehmen müssen verbessert werden.  
Denn bei jedem neuen Lebensmittelskandal zeigt sich, dass die bis-  
herigen Informationspflichten von Behörden und Unternehmen nicht  
ausreichen. Deshalb werden wir Lücken im Verbraucherinformations-  
gesetz schließen und die Informationspflichten auf weitere Produkte  
und Dienstleistungen ausweiten.  
Keine Gentechnik auf unseren Tellern –  
Kennzeichnungspflicht verbessern  
Die Mehrheit der Deutschen lehnt Gentechnik im Essen ab und  
doch landet es Tag für Tag auf unseren Tellern. Das Fleisch, das  
wir essen, ist auch deshalb so billig, weil die Tiere mit Genso-  
ja oder Genmais gefüttert werden. Doch die Gentech-Fütterung  
muss nicht gekennzeichnet werden. Wir setzen uns dafür ein, dass  
diese Kennzeichnungslücke in der EU-Gesetzgebung endlich ge-  
schlossen wird. Auf nationaler Ebene muss das Qualitätszeichen  
„ohne Gentechnik“ umgehend durch eine offensive Informations-  
kampagne bekannt gemacht werden. So können die Verbrauche-  
rInnen entscheiden, ob sie Gentechnik im Essen wollen. Und sie  
können entscheiden, ob sie weiterhin die verheerenden Mono-  
kulturen in Südamerika und die zunehmende Abhängigkeit der  
Landwirte von wenigen Chemiekonzernen unterstützen wollen.TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
187  
Freies Netz und unabhängige Medien für alleL. Freies Netz und unabhängige  
Medien für alle  
Wie wir mehr Transparenz und Teilhabe in der digitalen  
Gesellschaft schaffen  
Der digitale Wandel prägt gesellschaftliche Strukturen und beein-  
flusst kulturelle Normen und Werte. Er verändert unseren Alltag,  
unsere Schulen und Universitäten, unsere Unternehmen, Kultur und  
Medien, die Politik und vieles mehr. Wir wollen diese digitale Trans-  
formation unserer Gesellschaft so gestalten, dass sie den Menschen  
nutzt und dass gleichberechtigte Teilhabe und Selbstbestimmung  
im Mittelpunkt stehen. Wir streben vielfältige legale Angebote an,  
die eine angemessene Vergütung für UrheberInnen gewährleisten  
und NutzerInnen Teilhabe an und Zugang zu kulturellen Werken  
eröffnet. Umso frustrierender ist es, wie wenig sich die Merkel-  
Koalition für unsere digitale Zukunft interessiert. Netzpolitik ist  
ein zentrales Zukunftsthema und kann verantwortungsvoll nur als  
Querschnittsaufgabe bearbeitet werden. Die Vermittlung der Kom-  
petenzen zum angemessenen und selbstbestimmten Umgang mit  
diesen neuen Chancen, aber auch die Kenntnis über potentielle Risi-  
ken, müssen Bestandteile lebenslangen Lernens sein. Um eine Wen-  
de einzuleiten, wollen wir eine bessere Koordinierung innerhalb der  
Bundesregierung herstellen.  
Die Erwartungen und Aufgaben, die vor uns liegen, sind groß!  
Es gilt, die Freiheit des Internets zu sichern, die verfassungsrechtlich  
garantierten Rechte jeder/s Einzelnen, von NutzerInnen wie Urhe-  
berInnen zu wahren, die Meinungsfreiheit zu stärken, die Privat-  
sphäre zu schützen und den Zugang zu und die gleichberechtigte  
Teilhabe an der digitalen Welt zu ermöglichen.  
Der Zugang zum Internet ist für uns Teil der Daseinsvorsorge.  
Zu unserem Verständnis von sozialer Teilhabe im 21. Jahrhundert  
gehört es, den Breitbandinternetzugang über einen verpflichtenden  
Universaldienst – wie bei der Postzustellung – sicherzustellen.Zeit für den grünen Wandel  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BündniS 90/die grünen  
188  
Freies Netz und unabhängige Medien für alleWir GRÜNE setzen – auch im Internet – auf Dezentralität, Of-  
fenheit und Vielfalt. Das Aufkommen neuer monopolartiger Ange-  
bote, die die Selbstbestimmung einschränken, widerspricht diesen  
Werten. Die Schwachen müssen gegenüber den marktbeherr-  
schenden Konzernen gestärkt werden.  
Kommerzielle Plattformen, die mit den Werken von Kulturschaf-  
fenden Geld verdienen, müssen eine angemessene Vergütung be-  
zahlen.  
Der digitale Wandel hat zentrale Bedeutung bei der Bewältigung  
der Herausforderungen unserer Zeit, ob durch intelligente Strom-  
netze, vernetzte Mobilität oder Green IT. Um die ökologischen  
Chancen der neuen Technologien bestmöglich nutzen zu können,  
ist es von enormer Bedeutung, Vertrauen zu schaffen, etwa durch  
die Berücksichtigung höchster Datenschutzstandards.  
Auch auf die klassische Medienwelt wirkt sich der digitale Wan-  
del aus. Presse ist nicht mehr nur bedrucktes Papier, Radio und  
Fernsehen sind mehr als Funkwellen und bewegte Bilder. Die Me-  
diengattungen sind immer schwerer zu trennen, ihr Konsum verän-  
dert sich und stellt damit Medienunternehmen und Medienschaf-  
fende, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, aber auch die Politik  
vor drängende Fragestellungen.  
Teilhabe in der digitalen Gesellschaft setzt selbstbestimmtes  
Handeln voraus. Die Notwendigkeit, Medienkompetenz zu erler-  
nen, ist für Menschen aller Generationen gleichermaßen aktuell –  
für Kinder genauso wie für SeniorInnen.  
Hunderttausend Menschen gingen bei klirrender Kälte gegen  
das ACTA-Abkommen auf die Straßen. Ein #aufschrei, der dem all-  
täglichen Sexismus in unserer Gesellschaft vielfältige Gesichter gibt,  
wird Thema in allen Medien. Immer mehr Menschen beteiligen sich  
an Online-Petitionen. Das sind Beispiele, wie immer mehr Men-  
schen die Möglichkeiten des Internets nutzen, um sich eine eigene  
Meinung zu bilden, sich politisch einzumischen und zu organisieren.  
Unsere Demokratie wird digital lebendiger. Dies wollen wir nutzen,  
um mehr Transparenz und Beteiligungsformen, sei es in der Politik,  
der Wirtschaft oder der Verwaltung, zu schaffen.  
Unsere Zukunft ist digital. Wir GRÜNE wollen sie mit Ihnen und  
Euch gestalten!TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
189  
Freies Netz und unabhängige Medien für alle1. Wirtschaften und teilhaben: Die Zukunft ist digital  
Der Breitbandausbau stockt in unserem Land. Gerade in ländlichen  
Regionen haben beispielsweise Unternehmen wie FreiberuflerInnen  
dadurch einen massiven Standortnachteil. Um allen Menschen die  
Teilhabe am digitalen Wandel zu ermöglichen, müssen wir endlich  
die weißen Flecken schließen. Wie die Postzustellung bis in die ab-  
gelegenen Regionen unseres Landes geregelt ist, wollen wir auch  
den Zugang zu einem Breitbandanschluss für alle Menschen über  
einen Universaldienst sicherstellen. Mit diesem Universaldienst  
müssen überall Breitbandanschlüsse mit mindestens 6 Mbit/s ver-  
fügbar sein. Diesen Universaldienst wollen wir dynamisch gestal-  
ten, um mit der technischen Entwicklung und den Anforderungen  
Schritt zu halten. Unser Ziel ist es, bis zum Ende der Legislaturperi-  
ode flächendeckend Breitbandanschlüsse im zweistelligen Mbit/s-  
Bereich bereitzustellen.  
Unsere bestehende Netzinfrastruktur stößt an ihre Grenzen und  
ist nicht zukunftsfähig. Daher bleibt der Aufbau eines flächende-  
ckenden Glasfasernetzes unser Ziel.  
Über die Breitbandversorgung hinaus wollen wir öffentliche  
wie private Vorhaben, die den Ausbau von kostenfrei nutzbaren  
und öffentlich zugänglichen WLAN-Netzwerken zum Ziel haben,  
aktiv unterstützen unter Berücksichtigung des gesundheitlichen  
Verbraucherschutzes. Hierzu suchen wir pragmatische Wege, wie  
Anschlussinhaber Dritten den Internetzugang ermöglichen können,  
ohne für missbräuchliche Nutzung in die Mithaftung (Störerhaf-  
tung) genommen zu werden. Aber auch die NutzerInnen solcher  
Netzwerke müssen sich ihrer Rechte und Pflichten bewusst sein,  
damit die Akzeptanz solcher Angebote nicht verspielt wird.  
Das Internet ist elementar für unser Ziel einer inklusiven Gesell-  
schaft. Es eröffnet gerade auch Menschen mit Behinderung neue  
Möglichkeiten der Teilhabe. Wir wollen eine möglichst weitge-  
hende Barrierefreiheit im Internet erreichen. Diese soll zum selbst-  
verständlichen Designkriterium für öffentliche und privatwirt-  
schaftliche Angebote werden. Gleichzeitig möchten wir aber auch  
diejenigen einbeziehen und berücksichtigen, die nicht mit dem In-  
ternet umgehen wollen oder können.Zeit für den grünen Wandel  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BündniS 90/die grünen  
190  
Freies Netz und unabhängige Medien für alleIn der Internetwirtschaft entstehen hunderttausende neuer Ar-  
beitsplätze. Wir wollen Start-ups fördern und eine GründerInnen-  
kultur unterstützen, die die großen Potentiale der Digitalisierung  
nutzt. Die Bereitschaft, für gute Ideen unternehmerische Risiken  
einzugehen und im Scheitern die Möglichkeit einer neuen Chance  
zu verstehen, wollen wir stärken. Die Förderung der Kreativ- und  
Internetwirtschaft wollen wir neu aufstellen und an die Anforde-  
rungen eines Wirtschaftszweigs, in dem schnelle Innovationszy-  
klen und kurzfristige unternehmerische Entscheidungen an der  
Tagesordnung sind, angemessen anpassen. In der IT-Wirtschaft  
werden häufig neue Modelle von flexibleren, familienfreundliche-  
ren Arbeitszeiten und Mitarbeiterbeteiligung vorgelebt, die weiter  
unterstützt gehören. Mehr zeitliche und räumliche Flexibilität ist  
aber nicht immer gleichbedeutend mit mehr Freiheit. Wir bestehen  
darauf, dass auch unter sich ändernden Arbeitsbedingungen die  
Einhaltung von Sozialstandards, faire Entlohnung und die Verein-  
barkeit von Familie und Beruf gewahrt bleiben müssen.  
Wie offen, frei und nachhaltig unsere Gesellschaft ist, spiegelt  
sich auch im Einsatz freier und offener Software wider. Im öffentli-  
chen Bereich muss sie Vorrang genießen, sofern dies vergaberecht-  
lich möglich ist. Genauso müssen Softwareentwicklungen von und  
für Behörden stets mit Quellcode unter einer freien Lizenz veröf-  
fentlicht werden, damit alle von ihnen profitieren und sie einfach  
weiterentwickelt werden können. Zentral für eine solche Strategie  
ist die Verwendung offener Standards und Schnittstellen. Trotz  
objektiver Vorteile freier Produkte wird gerade in der öffentlichen  
Verwaltung noch zu häufig proprietärer Software der Vorrang ein-  
geräumt. Wir wollen den Umstellungsprozess zu freier Software  
gemeinsam mit den Beschäftigten der Verwaltung gehen und für  
Verständnis und Unterstützung werben.  
Informationstechnologien sind schnellen und permanenten Än-  
derungen unterworfen und ohne Rohstoffe aus anderen Ländern  
undenkbar herzustellen. Wir wollen darauf hinarbeiten, dass Pro-  
duktion, Vertrieb, Nutzung und Entsorgung dieser Technik unter  
gerechten und nachhaltigen Bedingungen stattfinden. Deshalb set-  
zen wir uns für klare rechtliche Vorgaben ein, die Menschenrechts-  
standards ebenso wie Energie- und Ressourceneffizienz verbindlichTEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
191  
Freies Netz und unabhängige Medien für allemachen, und wollen die Wiederverwertung von wertvollen Roh-  
stoffen so weit wie möglich steigern.  
Für die Energiewende wird es in den nächsten Jahren von beson-  
derer Bedeutung sein, dass auch die IT-Branche ihren Teil zu deren  
Gelingen beiträgt. Deshalb wollen wir Green IT fördern. Darunter  
verstehen wir die Optimierung des Ressourcenverbrauchs während  
der Herstellung, des Betriebs und der Entsorgung von IT-Geräten  
sowie den Einsatz von neuen Technologien mit dem Ziel einer res-  
sourcenschonenderen Wirtschaft. Um diesen Aufgaben zu begeg-  
nen, braucht Deutschland eine Strategie zur Förderung und Ent-  
wicklung nachhaltiger IKT-Konzepte. Für die Strommenge der rund  
52.000 Rechenzentren in Deutschland sind ca. vier mittelgroße  
Kohlekraftwerke notwendig. Die Energieeffizienz von Rechenzen-  
tren kann jedoch erheblich gesteigert werden. Deshalb setzen wir  
uns für eine Initiative „Klimaneutrale Rechenzentren für Deutsch-  
land“ ein.  
Sichere und verlässliche Computer- und Netzwerktechnologien  
gibt es nur durch kreative, freie und stets neugierige Forschungs-  
tätigkeit. Die Erkennung und Behebung von Sicherheitslücken in  
Netzwerken und in Software muss Vorrang vor der Unversehrtheit  
oder dem urheberrechtlichen Schutz von informationstechnischen  
Systemen haben. Wir wollen die rechtliche Grauzone, in der viele  
deutsche IT-SicherheitsexpertInnen in universitären, öffentlichen,  
privatwirtschaftlichen und ehrenamtlichen IT-Sicherheitsfor-  
schungsprojekten agieren müssen, beseitigen.  
2\. Unsere Verantwortung für ein freies Netz  
Es ist notwendig, die Internetfreiheit politisch zu sichern. Sie ist  
durch Monopole und Oligopole bei zentralen Diensten wie Such-  
maschinen oder sozialen Netzwerken bedroht, aber auch durch  
staatliche Überwachungsphantasien wie etwa die Vorratsdaten-  
speicherung. Die Netzinfrastruktur soll allen gleichermaßen zur  
Verfügung stehen. Wir wollen kein 2-Klassen-Internet und daher  
den Grundsatz der Netzneutralität gesetzlich verankern. So stellen  
wir sicher, dass Daten im Internet ohne Benachteiligung oder Be-  
vorzugung gleichberechtigt übertragen werden – ungeachtet ihrerZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
192  
Freies Netz und unabhängige Medien für alleHerkunft, ihres Zieles, der Finanzkraft ihrer EmpfängerInnen oder  
AbsenderInnen, ihres Inhalts, verwendeter Anwendungen oder ein-  
gesetzter Geräte. Verletzt wird die Neutralität des Internets auch,  
wenn Anbieter oder staatliche Stellen Inhalte des Internets sper-  
ren, filtern oder die Nutzung drosseln, so dass weniger rentable  
Inhalte plötzlich schlechter zugänglich sind oder politisch unlieb-  
same Inhalte verschwinden. Die zunehmende Verschmelzung von  
Infrastrukturanbietern und Inhalteanbietern sehen wir kritisch, da  
sie die Netzneutralität gefährdet, den Wettbewerb einschränkt und  
Nutzungsfreiheiten senkt. Wir setzen uns dafür ein, dass Bundes-  
netzagentur und Bundeskartellamt im Rahmen ihrer Kompetenzen  
möglichen Missbräuchen nachgehen. Darüber hinaus wollen wir die  
Netzneutralität gesetzlich festschreiben.  
Weltweit häufen sich – gerade in autoritären Staaten und Dik-  
taturen – staatliche Eingriffe in die Internetfreiheit. Der Export von  
Know-how, Technik und Software zur Zensur und Überwachung  
des Internets in diese Länder muss ein Ende haben. Hier wollen wir  
eine effektive Ausfuhrkontrolle sicherstellen. Freier und offener  
Netzzugang ist zum Menschenrecht geworden. Es braucht weltwei-  
te transparente Übereinkünfte über Regeln, die das Internet dauer-  
haft frei und offen halten. Zivilgesellschaft, Politik und Wirtschaft  
gehören dabei an einen Tisch, um zu einem globalen Kodex zur  
Sicherung der Freiheits- und Bürgerrechte im Internet zu kommen.  
Auch online wird gemobbt, abgezockt und betrogen, werden  
Straftaten mit Hilfe der neuen Möglichkeiten des Internets began-  
gen. Freiheit in einer digitalisierten Welt bedeutet sowohl Schutz  
des Individuums als auch Durchsetzung seiner Rechte. Dies muss  
effektiv, aber auch strikt bürgerrechtskonform geschehen. Dem  
Aufbau von Sperr- oder Zensurinfrastrukturen treten wir seit jeher  
klar entgegen. Stattdessen müssen verbotene Inhalte gelöscht und  
Straftaten wie die Darstellung sexuellen Missbrauchs von Kindern  
oder rassistische Gewaltaufrufe konsequent verfolgt werden.  
Zur besseren Rechtsdurchsetzung bedarf es Ermittlungsbehör-  
den, die fit für das digitale Zeitalter gemacht werden. Um dabei ef-  
fektiv handeln zu können, müssen dafür auch grenzüberschreitende  
Kooperationen gestärkt werden. Dies ist Teil unseres Ziels, eine glo-  
bale Internet-Governance-Struktur einzuführen, die möglichst alle  
Interessen und Akteure berücksichtigt.TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
193  
Freies Netz und unabhängige Medien für alleIm Bereich des Kinder- und Jugendmedienschutzes haben wir  
uns stets für Regelungen ausgesprochen, die auch in technischer  
Hinsicht der Netzrealität angemessen sind, die Freiheit des Inter-  
nets schützen und Kinder in den Mittelpunkt des Schutzinteresses  
stellen. Die im Jahr 2010 gescheiterte Novelle des Jugendmedien-  
schutz-Staatsvertrags ist diesen Kriterien nicht gerecht geworden.  
Technische Mittel können immer nur Ergänzung, nicht aber Alter-  
native zur Förderung von Medienkompetenz sein, verpflichtende  
Filter lehnen wir zudem ab. Wir wollen die Forschung über konkrete  
Gefährdungen für Kinder und Jugendliche im Internet intensivie-  
ren und fördern. Die anstehende Novellierung des Jugendmedien-  
schutz-Staatsvertrags werden wir konstruktiv und im Sinne der von  
uns definierten Bedingungen begleiten und lehnen die erneut ein-  
setzende Tendenz zur Hinterzimmerpolitik ab.  
Werbeschaltungen auf Internetseiten mit verbotenem Inhalt  
wollen wir bekämpfen, Gewinnerzielung durch Rechtsverletzungen  
wollen wir stoppen.  
Prävention ist die wichtigste Maßnahme. Wir wollen die Selbst-  
bestimmung durch die lebenslang begleitende Vermittlung von  
Medienkompetenz fördern. Es geht darum, Kompetenzen zu ver-  
mitteln, wie man seine eigenen Daten schützt, Inhalte einordnet,  
welche Rechte und Pflichten man besitzt oder auch wie man sich  
bspw. gegen Falschbehauptungen wehren kann. Wir werden uns  
deshalb dafür einsetzen, dass Medienkompetenzvermittlung in der  
ErzieherInnen-, BetreuerInnen- und LehrerInnenausbildung bun-  
desweit als eigener Gegenstandsbereich etabliert wird.  
3\. Bürgerrechte in der digitalen Welt stärken  
Seit über einem Jahrzehnt erleben wir den Abbau, die Aufweichung  
und Relativierung von Grundrechtsstandards. Uns reicht es deshalb  
nicht aus, nur den Erhalt der Bürgerrechte zu fordern. Wir GRÜNE  
wollen unsere Bürgerrechte wieder stärken und dem neu geschaf-  
fenen Grundrecht auf Gewährleistung der Vertraulichkeit und In-  
tegrität informationstechnischer Systeme gesetzlich Geltung ver-  
schaffen. Das Fernmeldegeheimnis des Artikels 10 GG wollen wir  
zu einem umfassenden Kommunikations- und Mediennutzungs-ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
194  
Freies Netz und unabhängige Medien für allegeheimnis weiterentwickeln, das die digitale Welt umfasst. So darf  
unter dem Deckmantel der sogenannten Cybersicherheit nicht der  
Abbau eines freien und offenen Internets vorangetrieben werden.  
Bürgerrechtsfeindliche Gruselstücke wie die Vorratsdatenspeiche-  
rung oder die heimliche Online-Durchsuchung von Computern  
haben in einer freien, rechtsstaatlichen Gesellschaft keinen Platz.  
Die massive Ausweitung der Bestandsdatenauskunft, die von CDU/  
CSU, FDP und SPD vorangetrieben wurde, lehnen wir ab.  
Die informationelle Selbstbestimmung und das Recht auf öf-  
fentliche Informationen – die Informationsfreiheit – stehen für uns  
im Mittelpunkt unserer Arbeit für eine lebenswerte digitale Gesell-  
schaft. Ohne Datenschutz gibt es kein freies Internet. Privatsphäre  
ist auch im digitalen Zeitalter kein Relikt alter Tage. Im Gegenteil:  
Der effektive Schutz und die gesetzliche Absicherung pseudony-  
mer und anonymer Kommunikation erfüllt eine Schlüsselrolle für  
die Privatheit im Internetzeitalter. Werbung ist im Internet zu einer  
bedeutenden Finanzierungssäule von unentgeltlichen Angeboten  
geworden. Die Werbewirtschaft ist bereit, für präzise Zielgruppen  
hohe Beiträge zu zahlen, und träumt von „gläsernen Kunden“, de-  
ren Spuren komplett auswertbar sind. Gegen die exzessive Samm-  
lung von Daten zur Erstellung von Kundenprofilen setzen wir uns  
für transparente und faire Regeln ein. Wir wollen die Macht von  
selbstbestimmten und informierten Bürgern sichern. Indem wir die  
ausdrückliche Einwilligung zur Speicherung und Verarbeitung von  
Daten zum Grundprinzip machen. Wir fordern ein Verbot von com-  
puterbezogenem Tracking durch Cookies, das von Bürgerinnen und  
Bürgern nicht bemerkt wird.  
Ebenso grundlegend ist der präventiv wirkende, gesetzlich ver-  
pflichtende Datenschutz durch Technik (Privacy by Design und  
Privacy by Default) sowie der Schutz vor ungewollter Profilbildung  
und automatisierter Bewertung (Scoring) von Daten. Das gilt ge-  
genüber dem Staat wie gegenüber Unternehmen und anderen  
privaten Stellen. Deshalb unterstützen wir eine Reform des euro-  
päischen Datenschutzrechts, die unter anderem den Datenschutz  
gegenüber Unternehmen aus Drittstaaten stärkt und die Durchset-  
zungsbefugnisse für die Datenschutzbehörden erhöht. Damit wird  
auch der Grundrechts- und Verbraucherschutz gegenüber Anbie-  
tern sozialer Netzwerke verbessert.TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
195  
Freies Netz und unabhängige Medien für alleMobbing im Internet ist kein Kavaliersdelikt. Bezüglich des  
Schutzes von Persönlichkeitsrechten wollen wir die Anbieter noch  
stärker an ihre Verantwortung erinnern. Deshalb muss ein besse-  
rer Schutz für die Opfer erreicht werden. Gerade in sozialen Netz-  
werken müssen sie der gesetzlichen Verpflichtung, entsprechende  
Inhalte unverzüglich nach Kenntnisnahme zu löschen (Notice and  
Take down), effektiv nachkommen.  
Jede und jeder braucht verbriefte und durchsetzbare Rechte, um  
den Weg der eigenen Daten nachverfolgen, Auskunft über gespei-  
cherte Daten erlangen, die Weitergabe unterbinden und ihre per-  
manente und umgehende Löschung veranlassen wie auch andere  
Schutzrechte durchsetzen zu können. Unser Leitbild zur Demokra-  
tie im digitalen Zeitalter und wie wir damit die digitale Demokratie  
fördern wollen, beschreiben wir im Kapitel „Demokratie erneuern“.  
4\. Öffentlichkeit herstellen: eine neue Medienpolitik  
Die Medien leisten einen entscheidenden Beitrag zum Zugang  
zu Informationen und Wissen. Nach wie vor sind die klassischen  
Medien – Zeitungen, Hörfunk und Fernsehen – die meistgenutz-  
ten Informationsquellen für viele Menschen. Zunehmend wichtiger  
werden jedoch auch neue, digitale Angebote. Wir GRÜNE setzen  
uns für eine vielfältige Medienlandschaft ein, an der alle teilhaben  
können. Wir machen uns stark für unabhängige Medien und eine  
hohe Qualität der Inhalte.  
Die Unabhängigkeit der Medien ist elementar, damit sie den  
Staat kontrollieren können. Wir fordern deshalb eine staatsferne  
Besetzung der Aufsicht bei ARD, ZDF und Deutschlandradio und  
wollen die Zusammensetzung der Rundfunkräte, des Fernsehrats  
und des Hörfunkrats an die veränderten gesellschaftlichen Reali-  
täten anpassen. Auch bei privaten Medien sollen die Eigentums-  
verhältnisse für die Bürgerinnen und Bürger transparenter sein. Die  
Zulassung und Kontrolle bundesweiter Rundfunkprogramme und  
-veranstalter durch die Kommission für Zulassung und Aufsicht  
(ZAK) hat sich in unseren Augen nicht bewährt, da die föderalen  
Interessen weiterhin im Vordergrund gestanden haben. Um dies  
zu ändern, werden wir uns für die Errichtung einer gemeinsamenZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
196  
Freies Netz und unabhängige Medien für alleMedienanstalt der Länder einsetzen. Ein qualitativ hochwertiger  
öffentlich-rechtlicher Rundfunk muss auch in der digitalen Welt  
eine wichtige Rolle spielen. Weil die Nutzerinnen und Nutzer zu-  
nehmend über das Internet Rundfunkangebote nutzen, müssen  
die Angebote der öffentlich-rechtlichen Anstalten dort auch dau-  
erhaft präsent sein. Wir wollen deshalb die Depublikationspflicht  
von ARD und ZDF beenden. Wir möchten die Inhalte stattdessen  
künftig frei zugänglich und durch freie Lizenzen nutzbar machen,  
bei angemessener Vergütung der UrheberInnen. Wir sind der Über-  
zeugung, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk alle Generatio-  
nen auf geeignete Art und Weise erreichen muss, und das gerade  
auch in seinen Hauptprogrammen. Darüber hinaus begrüßen wir  
den Aufbau eines eigenständigen Jugendsenders von ARD und ZDF  
ausdrücklich.  
Wir sehen mit Sorge, dass die vielfältige Zeitungslandschaft in  
Deutschland unter starkem ökonomischem Druck steht. Auch wenn  
die digitalen Medien zunehmen, sind viele Online-Angebote nach  
wie vor über die Printausgaben finanziert, die mit sinkenden Wer-  
beeinnahmen und sinkenden Abozahlen umgehen müssen. Immer  
mehr kleinere und lokale Zeitungen werden eingestellt, Redaktio-  
nen zusammengelegt und ausgelagert sowie RedakteurInnen ent-  
lassen. Wenn Zeitungen eingestellt werden, wird die Grundlage für  
die demokratische Meinungs- und Willensbildung geschmälert. Die  
Anzahl der freien JournalistInnen nimmt seit Jahren zu – gleichzei-  
tig wird ihre Bezahlung immer schlechter. Die sinkenden Zeilenho-  
norare haben negative Auswirkungen auf die Zeit für Recherche  
und damit die Qualität der Berichterstattung. Wir setzen uns dafür  
ein, dass die Kontrolle und Durchsetzung der Vergütungsregeln  
für JournalistInnen in Zukunft gewährleistet wird. Das Leistungs-  
schutzrecht für Presseverlage lehnen wir ab, es wird an der derzeiti-  
gen Situation nichts verändern. Es birgt die Gefahr, dass die online  
verfügbaren Informationen und die Medienvielfalt weiter einge-  
schränkt werden. Stattdessen wollen wir auf Basis wissenschaft-  
licher Erhebungen eine Debatte über Stiftungsmodelle und Ge-  
schäftsmodelle, unterstützende, indirekte und gezielte Förderung  
und die Rolle des Bürgerjournalismus anstoßen. Zu klären ist, wie  
ein qualitativ hochwertiger, aber auch investigativer Journalismus inTEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
197  
Freies Netz und unabhängige Medien für alleZukunft finanziert oder gefördert werden kann, ohne die Verleger  
und Veranstalter aus ihrer Verantwortung zu entlassen.  
5\. UrheberInnen stärken, fairen  
Interessenausgleich aushandeln  
Das Internet revolutioniert den Zugang zu Kulturgütern und bietet  
enorme Chancen für NutzerInnen, UrheberInnen und die kulturelle  
Vielfalt, da es schnelle, kostengünstige, unbegrenzte Vervielfälti-  
gungsmöglichkeiten bei gleichbleibender Qualität und ein globales  
Verbreitungspotential bietet. Gleichzeitig stellt es massive Heraus-  
forderungen an das bestehende Urheberrecht. Leitbild für unsere  
politische Arbeit in diesem Bereich ist die Allgemeine Erklärung der  
Menschenrechte. Dass jede und jeder das Recht hat, am kulturellen  
Leben der Gemeinschaft frei teilzunehmen, sich an den Künsten zu  
erfreuen und am wissenschaftlichen Fortschritt und an dessen Er-  
rungenschaften teilzuhaben. Genauso hat jede und jeder das Recht  
auf Schutz der geistigen und materiellen Interessen, die ihr/ihm als  
UrheberIn von Werken der Wissenschaft, Literatur oder Kunst er-  
wachsen.  
Wir GRÜNE wollen auch weiterhin einen transparenten gesell-  
schaftlichen Prozess zur Modernisierung und Reform des Urheber-  
rechts gestalten. Ziel ist es, einen neuen Konsens über einen fairen  
Ausgleich zwischen den Interessen der UrheberInnen, der Verwer-  
terInnen sowie den Interessen der NutzerInnen und der Allgemein-  
heit zu verhandeln. Für uns geht es um ein Urheberrecht für das  
21\. Jahrhundert, das hohe Akzeptanz genießt, UrheberInnen  
schützt, eine angemessene Vergütung sichert und gleichzeitig aber  
auch Nutzerrechte stärkt und Innovationen fördert.  
Dem Ruf nach Warnhinweismodellen, einem Ende der Anony-  
mität, der Sperrung von Internetseiten oder Internetanschlüssen,  
der Filterung von Inhalten, dem ausufernden Abmahnunwesen und  
einer verpflichtenden Speicherung von Telekommunikationsdaten  
erteilen wir GRÜNE weiterhin eine klare Absage. Wir treten für eine  
Politik ein, die auf vergüten statt verfolgen setzt. UrheberInnen und  
KünstlerInnen stärken wir durch eine Reform des Urhebervertrags-ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
198  
Freies Netz und unabhängige Medien für allerechts, um sie fairer an den Erträgen der Verwertung ihrer Werke  
zu beteiligen.  
Die Möglichkeit der kollektiven Wahrnehmung der Rechte von  
UrheberInnen durch Verwertungsgesellschaften ist ein entschei-  
dendes Instrument, um eine angemessene Vergütung praktikabel  
sicherzustellen. Auch wenn nicht alle Verwertungsgesellschaften  
über einen Kamm zu scheren sind, wollen wir mehr gleichberech-  
tigte Mitsprache sicherstellen. Die Verwertungsgesellschaften  
müssen gerechter, transparenter und demokratischer werden, wir  
werden dies rechtlich soweit möglich vorantreiben und unterstüt-  
zen Initiativen wie auch die Verwertungsgesellschaften selber, diese  
Reformschritte zu gehen. Mitglieder einer Verwertungsgesellschaft  
müssen alternative Lizenzmodelle wie „Creative Commons“ nutzen  
oder andere Geschäftsmodelle entwickeln können.  
Heute werden Werke auf den unterschiedlichsten Geräten ge-  
speichert und wiedergegeben. Diesen Mehrgewinn an Nutzungen  
wollen wir schützen und durch eine Stärkung des Rechts auf di-  
gitale Privatkopie sicherstellen. Dieses darf technisch nicht einge-  
schränkt werden.  
Durch den digitalen Wandel verschwimmen Grenzen. Hierdurch  
wird der kreative Umgang mit geschützten Inhalten Dritter erleich-  
tert. Die kreative Weiterentwicklung geschützter Inhalte unterliegt  
im nichtkommerziellen Rahmen nicht dem Zugriff der Urhebe-  
rInnen und KünstlerInnen, dies wollen wir durch eine zusätzliche  
urheberrechtliche Schranke für nichtkommerzielle Formen der  
transformatorischen Nutzung, die auf die Weiterentwicklung und  
Bearbeitung vorhandener oder urheberrechtlich geschützter Werke  
zielen, gesetzlich absichern. Wo der Bereich des Nichtkommerziel-  
len jedoch verlassen wird, sind die UrheberInnen angemessen zu  
vergüten. Urheberpersönlichkeitsrechte sind auch bei der Transfor-  
mation von Werken zu wahren.  
Wir unterscheiden „nichtkommerziell“ von „kommerziell“, wie  
folgt: Wird urheberrechtlich geschütztes Material auf einer Inter-  
netseite oder Plattform direkt angeboten, die in nicht geringfügi-  
gem Maße Einnahmen durch Spenden, Beiträge von Mitgliedern  
wie KäuferInnen oder durch Werbung oder Verlinkung hat, so ist  
dies ein kommerzielles Ausmaß. Wir wollen eine zentrale Anlauf-  
stelle zum Erwerb von Rechten an Werken für Bearbeitung, Inter-TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
199  
Freies Netz und unabhängige Medien für allepretation, Remix und Mashup mit kommerzieller Absicht schaffen  
und so die verworrene Rechteklärung vereinfachen. Freie Lizenzen  
wollen wir attraktiver machen und diese in die öffentliche För-  
derung mit einbauen. Häufig sind den NutzerInnen Umfang und  
Geltungsbereich ihrer Lizenzen nicht immer klar, diese müssen  
den NutzerInnen daher verständlich mitgeteilt werden. Außerdem  
sollen NutzerInnen über eine „One-Click-Lizenzierung“ in der EU  
Lizenzen zur kommerziellen Nutzung erwerben können.  
Jährlich flattern hunderttausende Abmahnungen wegen der Zu-  
gänglichmachung geschützter Musiktitel oder Filme ins Haus, die  
teilweise nicht die Interessen der UrheberInnen, sondern die Pro-  
fitinteressen von AnwältInnen bedienen. Dieses Abmahnunwesen  
wollen wir beenden und setzen uns für klare rechtliche Grenzen  
ein, ohne berechtigte Interessen der UrheberInnen unangemessen  
zu beschneiden. Wir wollen den Streitwert deutlich senken, den  
fliegenden Gerichtsstand beenden, Abmahnungen nur für Hand-  
lungen im geschäftlichen Verkehr zulassen, eine Kostenerstattung  
für die zahlreich zu Unrecht Abgemahnten einführen. Den Drittaus-  
kunftsanspruch gegenüber Privaten wollen wir auf den geschäftli-  
chen Verkehr beschränken.  
Die kommenden Jahre werden entscheiden, ob sich neue Ge-  
schäftsmodelle im digitalen Kulturmarkt durchsetzen, die sowohl  
eine angemessene Vergütung für UrheberInnen sichern als auch  
die kulturelle Teilhabe aller Menschen gewährleisten. Bemühun-  
gen, dieses Ziel zu erreichen, werden wir unterstützen und aktiv  
begleiten. Ein Scheitern dieser Geschäftsmodelle wird ein gesetz-  
geberisches Eingreifen erfordern, das einerseits eine angemessene  
Vergütung sichert und andererseits dem Drang nach noch mehr  
Repression entgegentritt. Um dies zu erreichen, diskutieren wir  
intensiv die Einführung einer Pauschalabgabe auf Breitbandinter-  
netanschlüsse. Unsere Bundestagsfraktion hat hierzu ein umfang-  
reiches Gutachten über die rechtliche und vor allem die wirtschaftli-  
che Umsetzbarkeit vorgelegt, welches wir weiter auswerten wollen,  
offene Fragen bei einem solchen Ansatz klären möchten und dieses  
perspektivisch weiterentwickeln wollen. In diesem Zusammenhang  
wollen wir eine neue Schranke für privaten Upload auf europäischer  
Ebene einführen, um bestehende Hürden abzubauen.ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
200  
Freies Netz und unabhängige Medien für alleWissenschaft und Forschung können immens von den digitalen  
Möglichkeiten profitieren, denn Wissen wächst, wenn man es teilt.  
Wir wollen auch im Wissenschaftsbereich urheberrechtliche Hinder-  
nisse für den Zugang abbauen und setzen uns für frei verfügbare  
wissenschaftliche Publikationen (Open Access), ein gesetzliches  
Recht auf entsprechende Veröffentlichungen für mit öffentlichen  
Mitteln geschaffene Werke und für freie Forschungsdaten (Open  
Data) ein. Im Rahmen der öffentlichen Forschungsförderung soll  
Open Access zur verpflichtenden Bedingung gemacht werden. Zu-  
dem wollen wir ein unabdingbares Zweitverwertungsrecht schaffen.  
Wir wollen eine umfassende Wissenschaftsschranke einführen.  
Die Nutzung publizierter Werke jedweder medialer Art sollte für  
den nicht gewerblichen, wissenschaftlichen Gebrauch grundsätz-  
lich genehmigungsfrei und ohne Einschränkungen erlaubt sein.  
Wer GRÜN wählt …  
• votiert für ein freies, sicheres und barrierefreies Internet.  
• stärkt die Bürgerrechte.  
• fördert Green IT, freie Software und innovative  
Geschäftsmodelle.  
• stellt den Zugang zu Breitbandinternet für alle sicher.  
• stimmt für einen fairen Interessenausgleich im Urheberrecht.TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
201  
Freies Netz und unabhängige Medien für alleSchlüsselprojekte  
Freies und schnelles Internet für alle –  
Breitbandausbau vorantreiben  
Die Freiheit im Internet ist keineswegs selbstverständlich und noch  
immer gibt es Regionen ohne schnellen Internetzugang. Zukünf-  
tig wird die Teilhabe von Jung und Alt vom Zugang zum Internet  
abhängen. Deshalb soll allen Haushalten und Unternehmen um-  
gehend ein Breitbandanschluss von mindestens 6 Mbit/s zur Ver-  
fügung stehen. Unser Ziel ist die flächendeckende Versorgung mit  
Breitbandanschlüssen im zweistelligen Mbit/s-Bereich bis Ende der  
Legislaturperiode. So schaffen wir auch im ländlichen Raum einen  
besseren Zugang zur digitalen Welt. Diesen Universaldienst gestal-  
ten wir dynamisch. Finanziert wird er über einen Unternehmens-  
fonds, wie es bereits für andere Dienste im Telekommunikationsge-  
setz vorgesehen ist. So stellen wir schnelles Internet für alle sicher  
und verankern zudem die Netzneutralität gesetzlich.  
Ein modernes und faires Urheberrecht –  
das Abmahnwesen beenden  
Statt den bürgerrechtsfeindlichen Rufen nach Internetsperren,  
Warnhinweisen oder dem Ende der Anonymität zu folgen, machen  
wir uns auf den Weg zu einem modernen und fairen Urheberrecht  
im Dialog mit allen Beteiligten. Durch ein verbessertes Urheber-  
vertragsrecht wird die Verhandlungsposition von UrheberInnen  
gestärkt, eine angemessene Vergütung erreicht und ihnen klare-  
re Rechte eingeräumt. Die transformatorische Nutzung (Remix/  
Mashup) von urheberrechtlich geschützten Werken im definierten  
nichtkommerziellen Umfang werden wir durch eine neue Ausnah-  
meregelung (Urheberrechtsschranke) im Urheberrecht absichern.  
Die digitale Privatkopie wird ermöglicht und das Abmahnwesen be-  
endet. Verwertungsgesellschaften werden gerechter, transparenter  
und demokratischer.Zeit für den grünen Wandel  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BündniS 90/die grünen  
202  
Freies Netz und unabhängige Medien für allePrivatsphäre stärken – Vorratsdatenspeicherung  
verhindern und Datenschutz modernisieren  
Cloud-Computing, Smart Grids, Big Data, soziale Netzwerke: Wir  
haben ein Recht auf Privatsphäre und doch werden von uns so viele  
Daten gesammelt und unkontrolliert verarbeitet wie noch nie. Mit  
uns wird es keine Wiedereinführung der Vorratsdatenspeicherung  
geben. Stattdessen kämpfen wir für ein wirksames und modernes  
Datenschutzrecht in Deutschland und in Europa. Wir müssen den  
Datenschutz fit machen für das digitale Zeitalter und Überwachung  
durch den Staat sowie das völlig enthemmte Datensammeln von  
Unternehmen zurückdrängen. Dafür wollen wir Private stärker in  
die Pflicht nehmen, den Beschäftigtendatenschutz ausbauen und  
die Durchsetzung des Datenschutzes bei grenzüberschreitenden  
Datentransfers verbessern. Das sind die Grundlagen für einen zeit-  
und verfassungsgemäßen Datenschutz – ohne anlasslose Massen-  
speicherungen.Teilhaben. einmischen. ZukunfT schaffen.  
bundestagswahlprogramm 2013  
bÜnDnis 90/Die GRÜnen  
203  
Demokratie erneuernM. Demokratie erneuern  
Wie wir Transparenz herstellen, Öffentlichkeit schaffen,  
Bürgerbeteiligung stärken und Repräsentation verbessern  
Demokratie ist ein Erfolgsmodell. Politische Minderheiten können  
zu Mehrheiten werden. Unsere grüne Parteigeschichte zeigt es:  
Vom Atomausstieg bis hin zur eingetragenen Lebenspartnerschaft  
haben wir echte Politikwechsel bewirkt.  
Aber wir sehen auch Krisensymptome. Im politischen Diskurs  
werden Zweifel laut, ob die Demokratie überhaupt in der Lage ist,  
globale Zukunftsfragen wie den Klimawandel zu gestalten, ob sie  
mit ihren Verfahren rasante Entwicklungen wie die Finanz- und Eu-  
rokrise in den Griff bekommt. Nicht zu vergessen sind die offenen  
Feinde der Demokratie, wie alte und neue Nazis.  
Aber es gibt auch eine starke Gegenbewegung und viel Enga-  
gement für die Demokratie und deren Stärkung. Viele engagieren  
sich in Initiativen, Verbänden und Parteien für das Gemeinwohl.  
Der Anspruch auf Beteiligung, auf gute Information und Transpa-  
renz wächst.  
Die große Mehrheit will eine neue demokratische Kultur. Sie  
wollen eine starke Demokratie und haben erkannt, dass wir die De-  
mokratie immer weiterentwickeln müssen. Wir nehmen diese Men-  
schen ernst, denn Demokratie funktioniert nur, wenn Menschen  
Verantwortung übernehmen können und auch wollen.  
Wir wissen, Demokratie braucht die Einmischung aller. Alle müs-  
sen mitreden können und wir wollen alle darin bestärken, mitzuma-  
chen. Wir wollen unsere Demokratie vitalisieren. Deshalb fördern  
wir das Engagement vor Ort und schaffen neue Beteiligungsmög-  
lichkeiten auf kommunaler, nationaler und europäischer Ebene.  
Deshalb setzen wir auf Gehörtwerden und Hörbarmachen. Doch  
demokratische Teilhabe braucht Zeit und braucht eine neue Zeit-  
politik.  
Wir stehen für die demokratische Teilhabe aller. Sowohl durch  
mehr direkte Beteiligungsmöglichkeiten als auch durch eine bessere  
und geschlechtergerechte Repräsentanz. Dafür brauchen wir neue  
Verfahren, aber auch starke Parlamente. Bürgerbeteiligung ist fürZeit für den grünen Wandel  
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BündniS 90/die grünen  
204  
Demokratie erneuernuns kein Zustand, sondern ein Prozess, der Beteiligung fortentwi-  
ckelt und allen Menschen offenstehen soll. Dafür bauen wir die so-  
zialen Hürden unserer Demokratie ab und machen uns für schwa-  
che und weniger laute Stimmen stark. Wir sorgen für Transparenz  
und bekämpfen Korruption.  
Demokratie schafft Zukunft. Gegen technokratische Macht-  
ansprüche und Expertokratie sagen wir deutlich: Demokratische  
Verfahren sind nicht das Problem. Im Gegenteil: Mehr Demokratie  
und Transparenz, mehr Dialog und Beteiligung sind die Lösung. Wir  
setzen auf gemeinsames Nachdenken – so können wir die Zukunft  
am besten gestalten.  
1\. Mitreden, gehört werden, mitentscheiden  
Einmischen ist erwünscht! Basta-Politik war gestern. In den grün  
regierten Bundesländern haben wir bereits einen neuen Regie-  
rungsstil eingeleitet, eine Politik des Gehörtwerdens und des Hör-  
barmachens. Bürgerbeteiligung muss dafür so früh ansetzen, dass  
gegebenenfalls noch umgesteuert werden kann, und so organisiert  
werden, dass niemand vom Beteiligungsprozess ausgeschlossen  
wird. Deshalb fördern wir alle Angebote, an der Gestaltung des  
eigenen Lebensumfeldes mitzuwirken. Alternative Methoden der  
Konfliktlösung wie Mediation oder Schlichtung wollen wir stär-  
ken. Gleichzeitig wollen wir bereits in einem frühen Planungssta-  
dium Klagemöglichkeiten eröffnen. Es ist viel besser, von Anfang  
an in Planungsqualität, Dialog und Beteiligung zu investieren, als  
später in langjährige Verfahrensstreite oder gar in extrem teure  
Polizeigroßeinsätze. Bürgerbeteiligung ist nicht nur dort angesagt,  
wo gebaggert und gebaut werden soll. Wir GRÜNE haben immer  
wieder Positionspapiere, Anträge und Gesetzentwürfe online zur  
Diskussion gestellt, bevor sie in den Bundestag eingereicht wur-  
den. Alle, die wollten, konnten sich so direkt einbringen und haben  
geholfen, unsere Entwürfe zu optimieren. Solche Konsultationen,  
mindestens per Internet, wollen wir auch bei Gesetzesvorhaben der  
Bundesregierung vorsehen und auch in geeigneter Weise mit Mög-  
lichkeiten zur Offline-Partizipation ausgestalten. Das erfolgreiche  
Instrument der „öffentlichen Petition“ wollen wir als eine Form derTEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
205  
Demokratie erneuernBürgergesetzgebung weiterentwickeln. Offenes Regierungs- und  
Verwaltungshandeln muss Standard werden. Wir wollen die Infor-  
mationsfreiheit verfassungsrechtlich stärken, ausweiten und Open-  
Data-Strategien durchsetzen.  
Alle vier Jahre die Wahl zu haben, reicht nicht. Wir wollen auch  
im Bund direkte Demokratie ermöglichen. Sie kann die repräsen-  
tative Demokratie gut ergänzen. Die öffentliche Mobilisierung zu  
Sachthemen bringt frischen Wind in die politische Landschaft.  
Bislang verweigert sich vor allem die CDU/CSU einer dafür not-  
wendigen Grundgesetzänderung. Aber wir lassen nicht locker,  
bis eine dreistufige Volksgesetzgebung mit Volksinitiative, Volks-  
begehren und Volksentscheid Wirklichkeit wird. Ein wirksamer  
Minderheitenschutz ist dabei für uns selbstverständlich. So sollen  
Volksinitiativen, die darauf aus sind, die Rechte einer Minderheit  
einzuschränken, die sich nach den Kriterien eines verfassungs- und  
europarechtlichen Gleichheitsartikels definieren, unzulässig sein.  
Auch Grundrechte und wesentliche Verfassungsprinzipien dürfen  
durch Volksentscheide nicht zur Disposition gestellt werden. Für  
die direkte Demokratie soll das Transparenzgebot gelten: Es muss  
Klarheit geben, aus welchen Finanzquellen sich Volksentscheid-  
Kampagnen speisen. Wie bei der Parteienfinanzierung möchten wir  
auch hier die Spendenhöhe begrenzen. Auf EU-Ebene wollen wir zu  
gesamteuropäischen Volksentscheiden kommen.  
2\. Parlamente stärken, Parteien öffnen  
Die repräsentative Demokratie ist Garant für die Vertretung der  
gesamten Gesellschaft gegenüber Einzelinteressen. Unsere Demo-  
kratie braucht einen selbstbewussten Bundestag mit starken, un-  
abhängigen Abgeordneten, die die Gesellschaft abbilden und dem  
Drängen mächtiger Interessen standhalten.  
Wir haben erfolgreich dafür gekämpft, dass der Bundestag bei  
europäischen Entscheidungen frühzeitig mitbestimmen kann, und  
setzen uns weiterhin für seine Stärkung ein. Das Parlament muss  
unabhängige Expertise haben, um für seine Entscheidungen nicht  
auf Informationen von Lobbyisten angewiesen zu sein und auch  
nicht alleine auf Regierungsdaten. Dafür braucht es ausreichendeZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
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206  
Demokratie erneuernAusstattung an wissenschaftlicher Dienstleistung einschließlich  
eines Justiziariats. Auch wollen wir das Parlament – wie in den  
USA – über ein unabhängiges „Budget-Office“ im Haushaltsver-  
fahren stärken. Die Kontrolle des Regierungshandelns wollen wir  
wirkungsvoller ausgestalten, die Rechte von Untersuchungsaus-  
schüssen stärken.  
Zur Demokratie gehören Parteien für die Bündelung, Vertretung  
wie Austarierung unterschiedlicher Werthaltungen und Interessen.  
Parteien müssen sich für mehr Transparenz und Mitbestimmung  
öffnen. Wir GRÜNE reden nicht nur davon, sondern haben in dieser  
Legislaturperiode eine Vielzahl entsprechender Initiativen für mehr  
Transparenz in den Bundestag eingebracht, Beteiligung und Mitar-  
beit ermöglicht und handeln auch danach: Als erste Partei haben  
wir die SpitzenkandidatInnen für die Bundestagswahl verbindlich  
über eine Urabstimmung gewählt.  
3\. Demokratie im Alltag beleben  
Kern der Demokratie ist die politische Gleichheit aller. Wir wollen  
keine Demokratie, die von einigen wenigen gestaltet wird, die da-  
für über die notwendigen Ressourcen – insbesondere Zeit – ver-  
fügen und ihre Interessen durchsetzen. Wir wollen die leisen und  
unterrepräsentierten Stimmen hörbar machen. Wir setzen daher  
auf neue, niedrigschwellige Verfahren der Bürgerbeteiligung, bei  
denen von Anfang an alle gesellschaftlichen Gruppen auf Augen-  
höhe eingebunden werden und die Chance bekommen, dass auch  
ihre Interessen im Entscheidungsprozess Berücksichtigung finden.  
Gut geplante und moderierte Bürgerbeteiligung ermöglicht bei den  
Teilnehmern und Teilnehmerinnen einen Lernprozess, in welchem  
sie über die Vertretung der eigenen unmittelbaren Interessen hi-  
naus die Perspektiven der anderen Beteiligten kennen lernen und  
nachvollziehen und somit eine Vorstellung von Gemeinwohl entwi-  
ckeln, die für den Zusammenhalt der Gesellschaft essentiell ist. Zu  
große Ballungen wirtschaftlicher und finanzieller Macht stehen im  
Widerspruch zum Prinzip politischer Gerechtigkeit und Gleichheit  
und damit zur Demokratie. Dem muss nicht nur ordnungspolitisch  
entgegengewirkt werden, sondern auch mit Demokratisierung vonTEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
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207  
Demokratie erneuerninnen, zum Beispiel durch Ausbau der Mitbestimmungsrechte der  
Beschäftigten und Reformen im Aktienrecht.  
Mit dem Internet sind neue, digitale Öffentlichkeiten entstan-  
den. Sie laden zum Informieren, Mitmachen und Einmischen ein.  
Beispiele gibt es viele: Seien es Online-Petitionen, kommunale Bür-  
gerhaushalte, Blogs oder auch Wikipedia. Sie alle sind eine Frisch-  
zellenkur für unsere Demokratie und bringen mehr Transparenz-  
und Beteiligungsmöglichkeiten. Redaktionell-journalistischen und  
gleichzeitig nichtkommerziellen Angeboten im Netz wollen wir mit  
einer zeitgemäßen und übersichtlichen Regelung zur Impressums-  
pflicht entgegenkommen und formale Hürden abbauen, wie den  
Zwang der Angabe einer ladungsfähigen Anschrift.  
Demokratie ist nicht nur eine Sache für Profis und Parlamen-  
te. Sie wird nicht allein im Sozialkundeunterricht gelernt, sondern  
dann, wenn junge Menschen in den Institutionen selbst mitgestal-  
ten können. Wir wollen das Wahlalter auch auf Bundesebene auf  
mindestens 16 Jahre absenken. Das Wahlrecht für Betreute und  
Obdachlose muss gewährleistet werden, der Zugang zu politischer  
Betätigung für alle Menschen barrierefrei sein.  
Wir wollen den Zugang zum Wahlrecht durch eine Einbürge-  
rungsoffensive erleichtern. Wir streben die demokratische Teilhabe  
aller Menschen an, die längerfristig hier leben. Als nächsten Schritt  
wollen wir das kommunale Wahlrecht auch Menschen ohne deut-  
schen Pass oder Unionsbürgerschaft eröffnen.  
Angesichts der geringen Frauenanteile in den Parlamenten und  
Kommunalvertretungen haben wir die Absicht, eine gesetzliche  
Regelung zur Quotierung zu schaffen, um die Geschlechterparität  
bei den Mandaten zu befördern. Denn zur Demokratie gehört Ge-  
schlechtergerechtigkeit.  
Es braucht weiterhin nicht von Kommerz beherrschten Raum in  
den Innenstädten, der Menschen aus allen Schichten offensteht,  
ebenso Begegnungsorte vom Bürgerzentrum bis zur Volkshoch-  
schule. Maßnahmen, die bestimmte gesellschaftliche Gruppen  
von öffentlichen Plätzen fernhalten sollen und sie so stigmatisie-  
ren und oder gar kriminalisieren, lehnen wir ab. Ziel grüner Ord-  
nungspolitik ist ein friedliches Miteinander aller Menschen jeden  
Alters, ohne dass einzelne Gruppen in ihrer Lebensführung beein-  
trächtigt werden. Zur Demokratie gehören Demonstrationen undZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
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208  
Demokratie erneuernProtest, mitunter auch ziviler Ungehorsam. Wir wenden uns klar  
dagegen, DemonstrantInnen durch unverhältnismäßige polizeiliche  
Überwachungsmaßnahmen wie pauschales und anlassloses Filmen,  
überrobustes Auftreten oder Kriminalisierung einzuschüchtern. Die  
Polizei braucht genug Personal, gute Ausbildung und eine moderne  
Ausrüstung, um das Recht auf Demonstration durchzusetzen.  
4\. Engagement fördern  
Über Jahrzehnte ist eine vielfältige Kultur des Engagements ent-  
standen. Bürgerinitiativen für die Revitalisierung von Stadtvierteln,  
Migrantenselbstorganisationen, selbstorganisierte Kinderläden,  
Frauengesundheitszentren bis hin zu neueren Formen wie Bür-  
gerstiftungen, Wohnprojekten und Integrationsbetrieben. Bürger-  
schaftliches Engagement braucht mehr Anerkennung, Freiräume  
und Unterstützung, auch eigene feste Orte und Einrichtungen. Wir  
wollen die in vielen Städten und Gemeinden entstandenen Freiwil-  
ligenzentren und Einrichtungen zur Engagementförderung stärken.  
Unser Ansatz zielt zudem darauf, auch Ausgegrenzte einzubeziehen  
und ihnen eine Stimme zu geben.  
Freiwilligendienste sind eine besondere Form bürgerschaftlichen  
Engagements. Ihr Charakter als Lern- und Orientierungsdienst  
muss erhalten bleiben. Sie dürfen aber nicht der Ersatz für wegfal-  
lende staatliche Leistungen sein. Wir wollen in einem Freiwilligen-  
dienstestatusgesetz einen gesetzlichen Rahmen schaffen, damit die  
Freiwilligendienste in zivilgesellschaftlicher Ausrichtung und Orga-  
nisation weiterentwickelt werden. Eine breite Vielfalt von Einsatz-  
möglichkeiten und die Trägerschaft auch kleinerer Organisationen  
muss ermöglicht werden. Wichtig ist auch, dass Freiwillige aktiv in  
die Ausgestaltung und Entwicklung der Projekte einbezogen wer-  
den. Wir wollen, dass alle Jugendlichen die Chance bekommen, in  
einer wichtigen Lebensphase soziale, ökologische und kulturelle Fä-  
higkeiten in einem Jugendfreiwilligendienst zu entfalten.  
Wir wollen das Engagement von Kindern und Jugendlichen in  
demokratischen Strukturen fördern. Je früher demokratische Ver-  
fahrensweisen selbstwirksam erfahrbar gemacht werden, desto  
größer ist die Akzeptanz für die Demokratie. Dabei ist es notwen-TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
209  
Demokratie erneuerndig, Kindern und Jugendlichen den Rahmen der Beteiligung so weit  
wie möglich selber gestalten zu lassen und Vertrauen in ihr Ver-  
antwortungsbewusstsein zu legen. Wir wollen die vielfältige Arbeit  
der Jugendverbände, gemeinnützigen Vereine und freier Initiativen  
erhalten und ihre Finanzierung trotz schwieriger Haushaltslage si-  
cherstellen.  
5\. Informationsfreiheit und Transparenz  
konsequent ausbauen  
Der Zugang zu öffentlichen Daten ist ein Grundrecht, das wir aus-  
drücklich im Grundgesetz verankern möchten. Informationen staat-  
licher Stellen gehören den Bürgerinnen und Bürgern und nicht den  
Verwaltungen. Mehr Transparenz stärkt die Beteiligung der Bürge-  
rinnen und Bürger auf allen Ebenen des staatlichen Handelns. Diese  
Abkehr von der Geheimniskrämerei ist ein großer Schritt in Richtung  
mehr Demokratie und einer Reform der öffentlichen Verwaltungen.  
Wir wollen das – maßgeblich von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
2006 durchgesetzte – Informationsfreiheitsgesetz des Bundes aus-  
bauen zu einem umfassenden Transparenzgesetz. Der überborden-  
de Katalog der Ausnahmeregelungen ist gründlich abzuspecken.  
Betriebs- und Geschäftsgeheimnisse und das Urheberrecht dürfen  
nicht länger das Instrument zur Verhinderung von mehr Transpa-  
renz sein.  
Das Recht auf Informationszugang ist selbstverständlich nicht  
schrankenlos. So muss weiter umfassender Datenschutz gewähr-  
leistet sein. Ausnahmen vom Grundsatz der Informationsfreiheit  
müssen aber gut begründet werden.  
Informationen sollen nicht nur auf Anfrage herausgegeben wer-  
den. So gehören Verträge der öffentlichen Hand ins Netz und nicht  
in den Panzerschrank. Staatliche Stellen sollen – proaktiv – ihre In-  
formationen, z. B. Dokumente, Analysen, Gutachten, Erhebungen  
oder Statistiken von sich aus als offene Daten frei verfügbar ma-  
chen (Open Data). Dafür wollen wir ein tatsächlich funktionsfähi-  
ges und erweitertes bundesweites Internetportal, in dem Daten aus  
Bund, Ländern und Kommunen veröffentlicht werden.ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
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BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
210  
Demokratie erneuernAuch der Bundestag muss sein Open-Data-Angebot deutlich  
verbessern. Ein zukunftsfähiges Open-Data-Konzept muss tech-  
nische und rechtliche Offenheit der Informationen garantieren.  
Auf der technischen Seite ist vor allem die Maschinenlesbarkeit  
der Daten zentral. Rechtliche Offenheit bedeutet, dass jeder die  
Informationen ohne weitere Genehmigung weiterverwenden kann.  
Dabei streben wir die vollständige, zeitnahe, diskriminierungs- und  
barrierefreie Veröffentlichung von Rohdaten an. Die Open-Data-  
Verpflichtungen der Behörden wollen wir in einem Informations-  
freiheitsgesetz 2.0 verankern.  
Den freien Zugang zu Daten verstehen wir als eine Triebfeder  
der Wissensgesellschaft. Die Erfahrungen aus anderen Staaten zei-  
gen, dass die umfangreiche, offene und freie Bereitstellung von  
Daten des öffentlichen Sektors neue wirtschaftliche Impulse geben  
kann: Durch Weiterverarbeitung, Veredelung und Weiterverbrei-  
tung können aus offen bereitgestellten Daten neue Anwendungen,  
Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle entstehen. Auch  
für den Bereich Bildung und Wissenschaft birgt die angestrebte  
Transparenz und Zugänglichkeit der Daten enormes Innovationspo-  
tential. Für alle staatlichen Veröffentlichungen, auch die von Par-  
lamenten, fordern wir die Verwendung von freien Datenformaten  
und die entsprechende Auswahl von Nutzungslizenzen zur privaten  
wie zur kommerziellen Nutzung. Offenes Regierungs- und Verwal-  
tungshandeln muss Standard werden. Transparenz bedeutet auch,  
Licht ins Dunkel des Bundessicherheitsrats zu bringen. Dort werden  
geheim Rüstungsexportentscheidungen gefällt. Seine Beschlüsse  
gehören umgehend begründet und veröffentlicht.  
Transparenz ist auch die beste Vorbeugung gegen Filz. Bund,  
Länder und Gemeinden vergeben jährlich Aufträge im Wert von  
mehreren hundert Milliarden Euro. Damit kein Cent davon an zwei-  
felhafte Firmen geht, brauchen wir ein bundesweites Korruptions-  
register für wirtschaftskriminell auffällig gewordene Unternehmen.  
So wird der faire Wettbewerb zugunsten redlicher Unternehmen  
erhalten. Korruption im Konzern, Skandale in der Massentierhal-  
tung oder Missstände im Pflegeheim kommen oft erst durch dort  
Beschäftigte ans Tageslicht. Diesen sogenannten Whistleblowern  
drohen häufig Repressalien bis zur Kündigung. Wir wollen sie des-  
halb gesetzlich wirksam schützen.TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
211  
Demokratie erneuernDie Organisation und Artikulation von Interessen ist ein Kern-  
bestandteil einer pluralistischen Gesellschaft. Aber viele Menschen  
zweifeln, dass es auf ihre Stimme überhaupt noch ankommt, wenn  
Lobbys mit großem Geld im Rücken immer mehr Einfluss auf die  
Gesetzgebung nehmen. Ein verpflichtendes Lobbyistenregister soll  
daher transparent machen, wer mit wie viel Geld Einfluss auf ein  
Gesetz genommen hat. Wir wollen eine Karenzzeit für ausschei-  
dende Regierungsmitglieder und Führungspersonal in Ministerien,  
während der keine Lobbytätigkeit auf dem gleichen Feld ausgeübt  
werden darf. Der Mitarbeit von Lobbyisten in Ministerien wollen  
wir ein Ende machen.  
Wir wollen mehr Transparenz und schärfere Regeln bei der Par-  
teienfinanzierung. Unsere Bundestagsfraktion hat hierzu ein Trans-  
parenzgesetz vorgelegt. Die anderen Parteien mauern. Wir lassen  
beim Kampf für die Integrität der politischen Institutionen nicht  
locker. Unternehmen, die einen Antrag zur Genehmigung von Rüs-  
tungsexporten stellen, müssen im Antragsverfahren darlegen, ob  
und in welcher Höhe sie in den zurückliegenden fünf Jahren Spen-  
den an Parteien und MandatsträgerInnen geleistet haben.  
Wir wollen die Transparenzregeln über Nebeneinkünfte von Ab-  
geordneten verbessern und Abgeordnetenbestechung konsequent  
unter Strafe stellen. Dann kann Deutschland endlich die UN-Kon-  
vention gegen Korruption ratifizieren, wie das 160 Staaten bereits  
getan haben. Dass Schwarz-Gelb sich bislang weigert, ist peinlich  
für unser Land.  
6\. Entschlossen gegen Rechtsextremismus, Rassismus und  
gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit vorgehen  
Alte und neue Nazis sind vielerorts bereits tief verankert, sie ha-  
ben durch ihr Auftreten vielerorts „Angst-Räume“ geschaffen, in  
denen Menschen sehr real Einschüchterung und Bedrohung erfah-  
ren, wenn sie in das menschenfeindliche Raster der Nazis passen  
oder sich gegen sie aktiv zur Wehr setzen. Doch in einigen Regi-  
onen herrscht ein viel zu unkritischer Umgang mit ihnen auch in  
den Kommunalparlamenten. Das ist auch darauf zurückzuführen,  
dass gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, wie Rassismus, An-ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
212  
Demokratie erneuerntisemitismus, Antiziganismus, antimuslimischer Rassismus, Trans-  
und Homophobie, Sexismus sowie Abwertung von Obdachlosen,  
Langzeitarbeitslosen und Menschen mit Behinderungen, nicht nur  
am rechten Rand, sondern auch in der Mitte der Gesellschaft anzu-  
treffen sind. Gleichzeitig gibt es oftmals eine erfreuliche zivilgesell-  
schaftliche Gegenwehr. Wo immer BürgerInnen sich gegen Nazis  
engagieren, durch Bildungs- und Beratungsarbeit, durch Demos  
und friedliche Blockaden von Nazi-Aufmärschen, haben sie die vol-  
le Unterstützung von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN. Ihr Engagement  
für die Demokratie verdient staatliche Unterstützung und Anerken-  
nung statt Verdächtigung und Repression.  
Deshalb werden wir die diskriminierende „Extremismusklausel“  
der Bundesministerin Schröder abschaffen, die ausgerechnet Demo-  
kratieinitiativen unter Generalverdacht stellt. Wir wollen, dass der  
Bund für die Demokratieförderung und den Kampf gegen Rechts-  
extremismus und andere Formen gruppenbezogener Menschen-  
feindlichkeit dauerhaft jährlich 50 Mio. Euro bereitstellt. Demokra-  
tieförderung ist eine Daueraufgabe. Daher wollen wir zusammen  
mit den Ländern und der Zivilgesellschaft eine neue Förderstruktur  
entwickeln, wodurch Programme, die in den vergangenen Jahren  
wiederholt positiv evaluiert wurden, eine langfristige Planungsper-  
spektive erhalten. Für staatliche Institutionen und Vereine muss  
es Hilfestellung und Angebote zur Rechtsberatung geben, wie sie  
rechten Aktivitäten und Unterwanderungen entgegenwirken kön-  
nen, auch in Bezug auf Immobilienankäufe durch Rechtsextreme.  
Grundsätzlich müssen alle Maßnahmen gegen Rechtsextremismus  
geschlechtersensibel angeboten werden.  
Der Staat muss Rechtsextremismus, alltäglichen und institu-  
tionell verankerten Rassismus mit allen rechtsstaatlichen Mitteln  
bekämpfen. Sicherheitsbehörden müssen gerade nach ihrem un-  
fassbaren Versagen bei der Aufdeckung der NSU-Morde den Blick  
nach rechts schärfen und dazu das breite Wissen zivilgesellschaftli-  
cher Initiativen besser würdigen und in ihre Analysen einbeziehen.  
Immer noch nicht vollständig aufgeklärt ist das Attentat auf das  
Münchner Oktoberfest am 26. September 1980. Wir wollen, dass  
die Hintergründe dieses schwersten Anschlages in der Geschichte  
der Bundesrepublik endlich und restlos aufgeklärt werden. Unsere  
Vorstellungen zum dringend notwendigen Umbau der deutschenTEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
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213  
Demokratie erneuernSicherheitsarchitektur beschreiben wir im Kapitel „BürgerInnen-  
rechte stärken“. Die Strukturen der extremen Rechten müssen auch  
stärker unter Gendergesichtspunkten betrachtet werden. Geeigne-  
te Aussteigerprogramme wollen wir stärken. Gerade Frauen, die die  
Naziszene verlassen wollen, benötigen für sich und ihre Kinder ge-  
zielte Angebote. Darüber hinaus müssen vor allem Polizei und Justiz  
ausreichend für dieses Thema sensibilisiert werden. Auch wenn es  
kein Allheilmittel ist und nur ein Baustein im Kampf gegen rechts  
sein kann, haben wir Interesse an einem erfolgreichen Verbotsver-  
fahren des Bundesrates gegen die NPD. Die NPD ist eine verfas-  
sungsfeindliche, menschenverachtende und rechtsextreme Partei,  
die in vielen Regionen eng mit gewaltbereiten Gruppierungen wie  
Freien Kameradschaften und Autonomen Nationalisten zusammen-  
arbeitet. Ein Verbot der NPD würde finanzielle und organisatorische  
Strukturen der rechtsextremen Szene in erheblichem Ausmaß zer-  
schlagen.  
Weitere politische Gruppen und Internetportale betreiben ihr  
Geschäft mit dem populistischen Schüren von Ängsten vor „Über-  
fremdung“, mit Islamfeindlichkeit, Antisemitismus, sozialdarwinis-  
tischen Thesen, Transphobie, Homophobie oder der Diffamierung  
alternativer Jugendkulturen. Neue rechte Initiativen versuchen be-  
sonders im Internet gezielt mit einer jugendlichen Sprache und ei-  
nem optisch ansprechenden Stil junge Menschen anzusprechen und  
so ihre Ideologien, ihre gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit  
und im speziellen ihren antimuslimischen Rassismus zu propagie-  
ren. Das liefert rechten Schlägern eine ideologische Rechtfertigung.  
Diese Grauzonen zwischen rechtskonservativer und rechtsextre-  
mer Ideologie wollen wir ausleuchten. Die politische Bildungsar-  
beit muss darauf reagieren und mit Aufklärung, Bildung und Un-  
terstützung demokratischer Initiativen neuen rechten Sprach- und  
Denkweisen entgegenwirken. Rassismus und andere Formen von  
gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit haben in unserem Land  
keinen Platz.Zeit für den grünen Wandel  
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214  
Demokratie erneuernWer GRÜN wählt …  
• bekommt mehr Rechte und Möglichkeiten für Beteiligung  
und Engagement.  
• erhält eine moderne und offene Verwaltung.  
• zeigt klare Kante gegen Korruption.  
• stimmt in Zukunft öfter ab: mit Volksinitiativen,  
Volksbegehren und Volksentscheiden.  
• stärkt den Kampf gegen Rechtsextremismus und gruppen-  
bezogene Menschenfeindlichkeit und unterstützt die Opfer  
rechter Gewalt.  
Schlüsselprojekte  
Demokratische Beteiligung fördern durch mehr  
Mitbestimmung  
Wir wollen ein neuartiges Planungsrecht für Infrastrukturgroßpro-  
jekte einführen. In diesen Verfahren haben Bürgerinnen und Bürger,  
aber auch Verbände die Möglichkeit, sich umfassend zu informie-  
ren und zu beteiligen. Wir setzen auf Transparenz und Öffentlich-  
keitsbeteiligung auf jeder Stufe der Planungs- und Entscheidungs-  
verfahren, gerade auch bei mehrjährigen Planungsprozessen. Die  
demokratische Mitwirkung muss über die Beteiligung an Planungs-  
verfahren hinausgehen. Bürgerinnen und Bürger müssen nicht nur  
bei Großprojekten die Möglichkeit haben, direkt abzustimmen. Wir  
streiten für die politische Mehrheit zur Änderung des Grundgeset-  
zes, um Volksinitiativen, Volksbegehren und Volksabstimmungen  
einzuführen und so die Demokratie zu stärken.Teilhaben. einmischen. ZukunfT schaffen.  
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215  
Demokratie erneuernRechtsextremismus entschieden entgegentreten –  
Projekte gegen Rechtsextremismus systematisch fördern  
Intoleranz, Antisemitismus, Islamfeindlichkeit, Antiziganismus, Ras-  
sismus, Transphobie und Homophobie sind leider allzu oft Alltag  
in Deutschland. Dem stellen wir uns entschieden entgegen. Mit  
unserer Offensive für Demokratie gegen rechts setzen wir alles  
daran, die durch Rechtsextreme bedrohten Orte und Regionen für  
unsere Demokratie zu schützen. Die Verantwortung für diese ge-  
samtgesellschaftliche Aufgabe müssen Bund, Länder, Kommunen  
und die Zivilgesellschaft gemeinsam tragen. Die Umsetzung der  
gesamtstaatlichen Aufgabe muss unter Beteiligung der Zivilgesell-  
schaft erfolgen. Dafür bauen wir die Förderung von Projekten der  
Zivilgesellschaft und einer demokratischen Alltagskultur aus, denn  
Demokratieförderung ist eine Daueraufgabe und muss eine zu-  
kunftsfeste Finanzgrundlage erhalten. Der Bund muss seine Verant-  
wortung wahrnehmen. Er muss mindestens 50 Mio. Euro jährlich  
für die kontinuierliche Förderung von Maßnahmen und Strukturen  
für Demokratie und gegen gruppenbezogene Menschenfeindlich-  
keit zur Verfügung stellen. Außerdem wollen wir die unsägliche  
Extremismusklausel abschaffen. So werden wir dem Rechtsextre-  
mismus ebenso entschieden entgegentreten wie rechtspopulisti-  
schen Haltungen und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit in  
der gesamten Gesellschaft.  
Mit Transparenz Korruption bekämpfen –  
Informationsfreiheitsgesetz ausbauen  
Schwarze Kassen, Schmiergelder und Politfilz sind ein Problem für  
die Demokratie. Einzelne profitieren so auf Kosten der Gesellschaft.  
Wir sorgen für mehr Klarheit mit einem Korruptionsregister für  
wirtschaftskriminell auffällig gewordene Unternehmen. Mit einem  
verpflichtenden Lobbyistenregister wollen wir transparent machen,  
wer mit wie viel Geld Einfluss nimmt. Wir wollen im Rahmen der  
anstehenden Parteiengesetzreform die Spendenmöglichkeit auf  
natürliche Personen mit einer jährlichen Obergrenze beschränken.  
Für ausscheidende Regierungsmitglieder und Führungspersonal inZeit für den grünen Wandel  
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216  
Demokratie erneuernMinisterien wollen wir eine Karenzzeit, während der keine Lobby-  
tätigkeit auf dem gleichen Feld ausgeübt werden darf. Die Trans-  
parenzregeln über Nebeneinkünfte von Abgeordneten wollen wir  
weiter verbessern und Abgeordnetenbestechung konsequent unter  
Strafe stellen. Mehr Transparenz verschafft auch die Weiterent-  
wicklung der bestehenden Informationsfreiheitsgesetze zu einem  
Informationsfreiheitsgesetz 2.0, mit dessen Hilfe Daten zukünftig  
proaktiv zur Verfügung gestellt werden (Open Data). So erhöhen  
wir die Transparenz politischer Entscheidungen und ermöglichen  
Beteiligung.TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
217  
BürgerInnenrechte stärkenN. BürgerInnenrechte stärken  
Wie wir Freiheit stärken, Sicherheit rechtsstaatlich  
gestalten und Diskriminierung überwinden  
Immer mehr Unternehmen sammeln umfassend Daten, erstellen  
Profile von uns und verkaufen die Informationen weiter. Die Sicher-  
heitsbehörden sollen immer weitreichendere Befugnisse bekom-  
men, Computer auszuspähen. Ein Fluggastdaten-Abkommen der  
EU mit den USA zwingt uns auf Reisen zur Preisgabe umfangreicher  
Daten. Mit den BürgerInnenrechten steht es nicht zum Besten.  
Sicherheit bedeutet in einer freien Gesellschaft aber Sicherung  
der Freiheit. Freiheit ist Voraussetzung für volle gesellschaftliche  
Teilhabe. Das zu ermöglichen, ist die Aufgabe eines Rechtsstaates.  
Wir wollen Terrorismus und Kriminalität bekämpfen, ohne die Frei-  
heitsrechte aufzugeben. Doch stattdessen werden bei einer Anti-  
Nazi-Demo in Dresden eine Million Handydaten völlig unbeteiligter  
BürgerInnen abgefragt und auch sonst informieren sich staatliche  
Stellen über uns – bei Banken, Internetunternehmen oder Telekom-  
munikationsanbietern.  
Wir sind diese permanente Grenzüberschreitung leid. Jeder und  
jede hat ein Recht auf ein diskriminierungsfreies Leben, ohne die  
Blockaden durch Vorurteile, Sexismus und Rassismus. Wir merken,  
dass es vielen Bürgerinnen und Bürgern genauso geht.  
Wir stehen zu einer offenen und inklusiven Gesellschaft, an der  
alle teilhaben können. Dazu gehört die Anerkennung von Vielfalt,  
vielfältigen Lebensweisen und Identitäten. Es ist nicht hinzuneh-  
men, wenn beispielsweise junge Menschen trotz gleicher Qualifi-  
kation deutlich schlechtere Chancen haben, zu einem Bewerbungs-  
gespräch eingeladen zu werden oder erfolgreich eine Mietwohnung  
zu finden, wenn sie einen (vermeintlich) nicht deutsch klingenden  
Nachnamen tragen. Wir sehen aber, dass es vielen so geht.  
Wir sorgen dafür, dass Menschen sich ungehindert einmischen  
können – ohne dabei Angst vor Nachteilen oder Diskriminierung  
haben zu müssen. Und wir nehmen nicht hin, dass Menschen weiterZeit für den grünen Wandel  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BündniS 90/die grünen  
218  
BürgerInnenrechte stärkenvon demokratischen Rechten ausgeschlossen bleiben, obwohl sie  
schon lange hier leben.  
Wir wollen eine Zukunft schaffen, in der nicht alles Mögliche  
über uns von irgendjemand gespeichert wurde, in der wir uns frei  
bewegen können, ohne überall beobachtet zu werden, und in der  
Freiheit statt Angst herrscht.  
1\. Sicherheit in den Dienst der Freiheit stellen  
Eine freiheitliche Gesellschaft braucht BürgerInnen, die frei sind von  
Furcht vor Kriminalität, aber ebenso frei von Angst vor Überwa-  
chung durch den Staat. Niemand kann absolute Sicherheit gewähr-  
leisten – auch nicht auf Kosten oder unter Aufgabe der Freiheit.  
Aufgabe der Politik ist es, mit den Mitteln des Rechtsstaates für  
das größtmögliche gesellschaftlich verantwortbare Maß an Sicher-  
heit zu sorgen, Grundrechte zu schützen und Bedrohungen effektiv  
abzuwehren, ohne dabei die Freiheit so weit einzuschränken, dass  
sie zu einer leeren Worthülse verkommt. Gläubige sind in gleicher  
Weise vor Beleidigung und Hetze geschützt wie andere Menschen  
auch. Deshalb soll § 166 StGB ersatzlos entfallen. Sicherheit steht  
im Dienst der Freiheit und nicht umgekehrt. Eingriffsbefugnisse der  
Sicherheitsbehörden und Überwachungsmaßnahmen dürfen nicht  
selbst zu einer Bedrohung der Freiheit werden. Eine verpflichten-  
de anlasslose Massenspeicherung von Telekommunikationsdaten  
wäre ein massiver Eingriff in die Grundrechte, zudem auch noch  
ineffektiv. Deshalb werden wir alles in unserer Macht Stehende  
tun, um eine Wiedereinführung der vom Bundesverfassungsgericht  
gestoppten Vorratsdatenspeicherung zu verhindern. Wir wollen  
keinen Generalverdacht gegen Unbescholtene, sondern gezielte  
Ermittlungsarbeit. Selbstverständlich gilt für Drittstaatenangehöri-  
ge dieselbe Unschuldsvermutung. Daher muss für sie das gleiche  
Datenschutzniveau gelten. Es geht um den Kernbereich privater  
Lebensgestaltung.  
Auch die heimliche Online-Durchsuchung lehnen wir ab. Er-  
eignisunabhängige Überwachungs- und Kontrollmaßnahmen sind  
im Hinblick auf die verfassungsrechtlichen Diskriminierungs- und  
Übermaßverbote höchst bedenklich und daher auf ein absolutesTEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
219  
BürgerInnenrechte stärkenMinimum zu reduzieren. Die Schleierfahndung auf Zugstrecken  
und in der Nähe der Schengen-Außengrenzen wollen wir abschaf-  
fen. Die immer weiter ausufernde Videoüberwachung des öffent-  
lichen Raums wollen wir zurückdrängen. BürgerInnen müssen in  
einem öffentlichen Register einsehen können, wo diese stattfindet.  
Zudem muss die Datenschutzaufsicht bei der Kontrolle staatlicher  
wie privater Videoüberwachung ausgeweitet werden. Bei Verstö-  
ßen gegen die Regelungen im Bundesdatenschutzgesetz zur Video-  
überwachung im öffentlichen Raum wollen wir eine Bußgeldvor-  
schrift einführen. Den Einsatz von Drohnen durch staatliche Stellen  
wollen wir strikt regulieren, sowohl in Fragen der Sicherheit als auch  
des Datenschutzes, und lehnen den Einsatz von Drohnen durch die  
Polizei zur Observation oder Videoüberwachung vom öffentlichen  
Raum oder von Demonstrationen ab.  
Drohnen werden zunehmend auch von nichtstaatlichen Stellen  
eingesetzt, sowohl durch Hochschulen für Forschungszwecke, als  
auch von Unternehmen oder Privatpersonen. Wir fordern eine all-  
gemeine Kennzeichnungspflicht für Drohnen und klare Regeln für  
die Haftung, die Sicherheit, den Datenschutz und die Nutzung im  
öffentlichen Luftraum.  
Gegen Bedrohungen der Sicherheit, sei es durch Neonazis, durch  
Terrorismus oder durch Kriminalität müssen Behörden ausreichend  
ausgestattet und gewappnet sein. Die Verhinderung solcher Straf-  
taten funktioniert aber am besten durch klassische solide Polizei-  
arbeit. Eine föderale im rechtsstaatlichen Bewusstsein handelnde  
und effizient organisierte Polizei ist Garant für die Sicherheit und  
den Schutz der Grund- und Freiheitsrechte der BürgerInnen. Dafür  
braucht sie eine angemessene Ausstattung, Ausbildung und Besol-  
dung. Es braucht nicht ständig neue Sicherheitsgesetze auf Vorrat.  
Wir wollen die nach 2001 erlassenen Sicherheitsgesetze wissen-  
schaftlich und unabhängig evaluieren und die Gesetze anhand der  
Evaluierungsergebnisse zugunsten eines echten Grundrechtsschut-  
zes ändern. Die Bundesregierung hat der Chance für eine zukunfts-  
fähige Aufstellung der Sicherheitsarchitektur durch ihre halbherzige  
Kommission einen Bärendienst erwiesen. Es geht uns darum, die  
Bürgerrechte nicht nur zu verteidigen. Wir wollen sie stärken. Dar-  
um wollen wir Verschärfungen und Ausweitungen der Anti-Terror-  
Gesetzgebung seit 2005 zurücknehmen.ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
220  
BürgerInnenrechte stärkenPräventive Ansätze zur Bekämpfung des Terrorismus wollen wir  
stärken. Die Verbreitung von menschenfeindlichen Überzeugungen  
wie zum Beispiel Islamfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus  
sind der Nährboden für die Entwicklung islamistischer und rechts-  
extremer TerroristInnen. Der Radikalisierung Einzelner und der Bil-  
dung terroristischer Gruppierungen müssen wir entgegenwirken.  
Deswegen wollen wir eine bessere und zukunftsfeste Demokratie-  
förderung und mehr und besser koordinierte Aussteiger- und Dera-  
dikalisierungsprogramme schaffen.  
Kriminalitätsbekämpfung ist Sache der Polizei, nicht des Militärs.  
Den Einsatz der Bundeswehr im Inneren lehnen wir ab. Tatsächliche  
Sicherheitslücken wollen wir konsequent schließen, zum Beispiel  
durch ein schärferes Waffenrecht. Wir wollen in einer Gesellschaft  
leben, in der der Grundsatz gilt: Öffentliche Räume und private  
Wohnungen sind waffenfrei. Einsatzbereite funktionsfähige scharfe  
Schusswaffen wollen wir nur noch in zwingenden Ausnahmefällen  
(z. B. PolizeibeamtInnen) in privaten Haushalten zulassen. Wir set-  
zen uns für ein Verbot großkalibriger Faustfeuerwaffen als Sport-  
waffen und für die Begrenzung von Waffen- und Munitionsbesitz  
ein. Auch für hohe Standards bei der Luftfrachtkontrolle treten wir  
ein. Hier darf nicht an der Sicherheit von Passagieren und Besatzun-  
gen gespart werden.  
Über ein Jahrzehnt hinweg konnte die rechtsextreme Terror-  
truppe „NSU“ unerkannt morden, Bombenanschläge verüben und  
Banken ausrauben. Das hat uns alle tief erschüttert; viele Menschen  
haben das Vertrauen in die deutschen Sicherheitsbehörden verlo-  
ren. Polizei, Justiz und Geheimdienste waren offensichtlich nicht in  
der Lage, diesen Naziterror zu verhindern, und waren zu oft auf  
dem rechten Auge blind. Die von uns GRÜNEN angestoßenen Un-  
tersuchungsausschüsse haben dieses massive Versagen von Polizei  
und Geheimdiensten ans Licht gebracht. Wir brauchen eine brei-  
te Diskussion über die Sicherheitsarchitektur. Für das ganze Ge-  
heimdienstwesen muss es eine klare Zäsur und einen umfassenden  
strukturellen und personellen Neustart und eine Neuausrichtung  
der Aufgaben geben. Geheimdienste sollen künftig ausschließlich  
Aufgaben wahrnehmen, die nicht auf anderen Wegen, also durch  
öffentlich und parlamentarisch besser kontrollierbare Institutionen,  
erbracht werden können. Der MAD soll aufgelöst werden.TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
221  
BürgerInnenrechte stärkenVerfassungsschutz ist eine Aufgabe der ganzen Gesellschaft. Die  
Beobachtung und Analyse demokratie- und menschenfeindlicher  
Bestrebungen anhand öffentlicher Quellen soll künftig ein unab-  
hängiges „Institut zur Analyse demokratie- und menschenfeind-  
licher Bestrebungen“ mit wissenschaftlichen Mitteln leisten. Die  
Bildungs- und Präventionsarbeit gilt es insgesamt zu stärken und  
zivilgesellschaftliche Organisationen, die sich gegen jegliche Form  
von Demokratiefeindlichkeit, Gewalt und Menschenverachtung en-  
gagieren, finanziell besser zu unterstützen. Darüber hinaus wollen  
wir NGOs, die sich gegen Rechtsextremismus und gruppenbezoge-  
ne Menschenfeindlichkeit engagieren, sowie die wissenschaftliche  
Demokratieforschung an den Hochschulen verstärkt fördern. Die  
Bundeszentrale für politische Bildung kann mit einer verbesserten  
Ausstattung einen wertvollen Beitrag zur Demokratieförderung  
leisten. Das Bundesamt für Verfassungsschutz in seiner bisherigen  
Form gehört dagegen aufgelöst. Wir brauchen eine institutionelle  
Neugründung. Eine neue „Inlandsaufklärung“ mit klar eingegrenz-  
ten nachrichtendienstlichen Befugnissen, neuem, verkleinertem  
Personalstab und anderem Selbstverständnis soll sich neben der  
Spionageabwehr auf die Aufklärung gewaltbereiter Bestrebungen  
beschränken. Bundes- und Landesbehörden müssen sich dabei  
besser koordinieren. Wir GRÜNE setzen uns für eine umfassende  
Aufgabenkritik geheimdienstlicher Mittel ein. Insbesondere der Ein-  
satz von V-Leuten hat sich als Schwachpunkt und problematisch in  
der Arbeit des Verfassungsschutzes erwiesen. Es kann nicht sein,  
dass mit öffentlichen Geldern angeworbene überzeugte Rechtsex-  
tremisten unter dem Schutz der Verfassungsschutzämter im Sinne  
ihrer Ideologie handeln oder gar schwere Straftaten begehen. Das  
Führen bezahlter V-Personen birgt immer unvertretbare rechts-  
staatliche Risiken, denen ein nur begrenzter Erkenntnisgewinn ge-  
genübersteht. Deswegen treten wir auch unter Inkaufnahme einer  
ggf. beeinträchtigten Erkenntnisgewinnung für einen bewussten  
Verzicht auf die Führung von V-Leuten ein.  
Aber auch in der Polizei und Justiz muss sich einiges ändern. Es  
braucht mehr Vielfalt und Interkulturalität in der gesamten Bun-  
desverwaltung sowie die Integration von Diversitykompetenz in  
Aus- und Fortbildung, um PolizistInnen, StaatsanwältInnen und  
RichterInnen mehr Sensibilität zu vermitteln. Wir werden ver-ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
222  
BürgerInnenrechte stärkenbindliche Zielvorgaben zur Erhöhung des Anteils der Beschäftigten  
mit Migrationshintergrund und Maßnahmen zur interkulturellen  
Öffnung festlegen. Dabei werden wir insbesondere Beschäftigte  
mit Vorgesetzten- und Leitungsfunktionen in die Pflicht nehmen.  
Anders werden wir dem institutionellen Rassismus und Sexismus  
nicht dauerhaft begegnen können.  
Weiterhin muss ein striktes Trennungsgebot zwischen Polizei  
und Geheimdiensten bestehen. Aufgaben und Befugnisse dürfen  
nicht vermischt werden. Die Polizei ist zuständig für die Gefahren-  
abwehr und Strafverfolgung, die Inlandsaufklärung beobachtet und  
dokumentiert gewaltbereite Bestrebungen im Vorfeld konkreter  
Gefahren oder Straftaten. Der notwendige Informationsaustausch  
zwischen Gemeindiensten und Polizei muss gesetzlich streng ge-  
regelt sein und effektiv kontrolliert werden. Anforderungen und  
Grenzen der organisierten gemeinsamen Arbeit müssen gesetzlich  
so formuliert sein, dass eine dauerhafte personelle, strukturelle und  
informationelle Vermischung von Polizei- und Nachrichtendiensten  
ausgeschlossen wird.  
Die Einrichtung des Gemeinsamen Extremismus- und Terrorab-  
wehrzentrums (GETZ) im November 2012 erfolgte blindlings, ohne  
gründliche Fehleranalyse und ohne ausreichende Beteiligung der  
Länder. Die Ausrichtung u. a. gegen „Linksextremismus“, „Aus-  
länderextremismus“, Spionage und Proliferation erscheint mangels  
terroristischer Strukturen in diesen Bereichen geradezu skurril. Wir  
sehen dafür keinen Bedarf und wollen das GETZ einer kritischen  
Prüfung unterziehen. Weitere Abwehrzentren und gemeinsame  
Dateien lehnen wir ab.  
Wir setzen uns für mehr Transparenz ein: starke Auskunftsrechte  
der von Überwachung Betroffenen gegenüber Nachrichtendiensten  
und anderen Sicherheitsbehörden sowie eine effiziente Kontrolle.  
Den Geheimdiensten mangelt es generell an wirkungsvoller exter-  
ner und öffentlicher Kontrolle. Wir werden den Geheimdiensten  
das Geheime gegenüber dem Parlament nehmen und zum Beispiel  
durch eine bessere Ausstattung der Abgeordneten und öffentliche  
Sitzungen der Kontrollgremien mehr Transparenz schaffen. Durch  
Gesetze wollen wir die Voraussetzungen und Kontrollen ausdrück-  
lich benannter nachrichtendienstlicher Befugnisse präzise regeln.  
Die parlamentsnahe G10-Kommission soll gestärkt werden, umTEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
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223  
BürgerInnenrechte stärkenmehr als bisher an der Anordnung und Verlaufskontrolle aller ver-  
deckten Ermittlungsmethoden mitzuwirken.  
Der Unterwanderung von gesellschaftlichen Strukturen durch  
korrumpierende Bestrebungen der organisierten Kriminalität muss  
entschieden entgegengetreten werden. Im Bereich der Wirtschafts-  
kriminalität entstehen jährlich Milliardenschäden für die Gesell-  
schaft.  
Die Polizei hat eine wichtige gesellschaftliche Funktion. Sie kann  
ihre anspruchsvollen Aufgaben nur mit gut ausgebildeten und moti-  
vierten PolizistInnen erfüllen. Wir wollen eine dialogorientierte Po-  
lizeikultur fördern. Beispiel Versammlungsfreiheit: Zur Demokratie  
gehören Demonstrationen und Protest, mitunter auch ziviler Unge-  
horsam. Wir wenden uns klar dagegen, DemonstrantInnen durch  
unverhältnismäßige polizeiliche Überwachungsmaßnahmen wie  
pauschales und anlassloses Filmen, überrobustes Auftreten oder  
Kriminalisierung einzuschüchtern. Statt durch martialisches Auftre-  
ten sollte die Polizei mit angemessener Ausrüstung und genügend  
Personal, das Gefahrenlagen richtig einschätzt, deeskalieren und  
das Recht auf Versammlungsfreiheit gewährleisten.  
Wir wollen die Rechte der BürgerInnen aber auch dadurch  
stärken, dass PolizistInnen jederzeit, auch in Großeinsätzen, klar  
identifiziert werden können. Dies kann mit dem Namen oder auch  
ohne jedes Sicherheitsrisiko über eine anonymisierte, aber klar zu-  
zuordnende Nummer geschehen. Zur Aufklärung von Vorwürfen  
zu Polizeiübergriffen wollen wir für die Bundespolizei und in den  
Ländern das Beschwerdemanagement verbessern und eine neutrale  
Aufklärung gewährleisten.  
Diskriminierung bringt keinen Sicherheitsgewinn. Ausweiskon-  
trollen und Maßnahmen von Sicherheitsbehörden, die sich häufig  
allein deswegen gegen Menschen richten, weil sie eine dunklere  
Hautfarbe haben oder ihre nicht deutsche Herkunft vermutet wird,  
sind diskriminierend und nach Verfassungs- und Völkerrecht ver-  
boten. Wir wollen dieses Verbot von diskriminierendem Ethnic Pro-  
filing klar gesetzlich regeln. Umfassende Aufklärung der Betroffe-  
nen über ihre Rechte und angemessener Rechtsschutz müssen eine  
Selbstverständlichkeit sein. Polizeibeamte müssen zudem verstärkt  
Antidiskriminierungsschulungen erhalten und die Polizei muss sich  
stärker interkulturell öffnen.ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
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224  
BürgerInnenrechte stärkenWir möchten die Bevölkerung und ihre Lebensgrundlagen vor  
Gefahren wie Naturkatastrophen und anderen schweren Notla-  
gen schützen. Dafür brauchen wir einen gestärkten Bevölkerungs-  
schutz in den Ländern und im Bund, der eine widerstandsfähige  
Gesellschaft fördert und der staatlichen Schutzpflicht gerecht wird.  
Voraussetzung dafür ist ein gut ausgestatteter und wirkungsvoller  
Katastrophenschutz des Bundes und der Länder sowie eine Stär-  
kung und Wertschätzung des Ehrenamtes in diesen Strukturen. Au-  
ßerdem muss die Krisenbewältigung überregionaler Schadenslagen  
weiter gestärkt werden.  
2\. Daten schützen, Freiheit sichern  
Noch nie wurde so viel an persönlichen Daten erfasst, gespeichert  
und übermittelt wie heute. Daten werden gesammelt, ausgewertet  
und zusammengefasst. Die Stärkung der informationellen Selbst-  
bestimmung ist für uns zentrales Leitbild für einen modernen Da-  
tenschutz. Die BürgerInnen müssen wissen, wer was wann und wo  
speichert und übermittelt. Das gilt für den Staat wie für Private.  
Die Grenzen zwischen staatlicher und privater Datenverarbeitung  
verschwimmen, wenn private Telekommunikationsfirmen für den  
Staat Verkehrsdaten bevorraten sollen. Auch deshalb lehnen wir die  
Vorratsdatenspeicherung ab.  
Der Datenschutz gehört ausdrücklich ins Grundgesetz, das Da-  
tenschutzrecht muss komplett neu gestaltet werden. Auch Privat-  
unternehmen müssen die Daten ihrer Kundschaft so schützen wie  
heute schon ihre Geschäftsgeheimnisse. Persönliche Daten dür-  
fen im Geschäftsverkehr nur mit ausdrücklicher Zustimmung ge-  
speichert und weitergegeben werden („Opt-in-Regelung“). Guter  
Datenschutz kann durchaus ein Geschäftsmodell sein. Wir wollen  
Datenschutz durch Technik („Privacy by Design“) und Datenschutz  
durch Voreinstellung („Privacy by Default“) voranbringen und da-  
für auch ein geschütztes Gütesiegel einführen.  
Abhöraffären in Unternehmen und Fälle von Videoüberwachung  
bis hinein in die Umkleidekabinen der Angestellten zeigen: Wir brau-  
chen endlich einen effektiven Beschäftigtendatenschutz. Hierzu haben  
wir, anders als die Merkel-Koalition, bereits einen eigenen Gesetzesvor-TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
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225  
BürgerInnenrechte stärkenschlag zum Schutz der Beschäftigten vor Ausspähung vorgelegt. Immer  
häufiger werden Daten zur Profilerstellung missbraucht. Wir wollen es  
grundsätzlich verbieten, die Kreditwürdigkeit nach dem Wohnort zu  
berechnen. Denn mit solchem „Geoscoring“ werden Menschen, die in  
sozial schwierigen Stadtteilen leben, pauschal diskriminiert.  
Wir wollen die Unabhängigkeit des Bundesdatenschutzbeauf-  
tragten sicherstellen, seine Kontrollkapazitäten ausbauen und ihm  
Sanktionskompetenzen gegenüber Privatunternehmen, insbeson-  
dere der Telekommunikationsbranche, geben. BürgerInnen sollen  
sich zukünftig bei Datenmissbrauch gemeinsam und unterstützt  
durch Verbände vor Gericht wehren können. Weil die Datenströme  
heute mehr denn je grenzüberschreitend sind, sind insbesondere  
verbindliche EU-Datenschutzregelungen unabdingbar. Maßnah-  
men wie das massenhafte anlasslose Auswerten von Bank- und  
Fluggastdaten zur Kriminalitätsbekämpfung lehnen wir als zu weit  
gehende Eingriffe in die Grundrechte ab.  
3\. Den Rechtsstaat stärken  
Der Rechtsstaat verwirklicht sich zuallererst in einem starken  
Grund- und Menschenrechtsschutz. Wir wollen die Grundrechte  
ergänzen, ausweiten und anpassen, um diesen Schutz zu festi-  
gen. Die Politik darf nicht immer wieder die Grenzen der Verfas-  
sung austesten. Wir wollen einen starken Rechtsstaat und setzen  
auf eine strikte Gewaltenteilung. Dies garantiert die Gleichheit vor  
dem Gesetz und den Schutz der Schwachen vor wirtschaftlicher  
Übermacht und Kriminalität. Dazu brauchen wir eine leistungs-  
starke und unabhängige Justiz. Wir wollen daher das ministerielle  
Einzelweisungsrecht von Justiz- und Innenministerien einschränken,  
damit konkret eingeleitete Ermittlungen und Verfahren nicht durch  
politische Interventionen beeinflusst, behindert oder abgebrochen  
werden können. Der Privatisierung der Justiz treten wir entschieden  
entgegen. Eine Verkürzung des Instanzenzuges und die Abschaf-  
fung von Beschwerdemöglichkeiten führen weder zu gerechteren  
Lösungen noch zu einer Entlastung der Justiz. Der Bund muss hier  
mit gutem Beispiel vorangehen. Alle müssen die Gewissheit haben,  
in angemessener Zeit Recht erhalten zu können. Außerdem spre-ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
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226  
BürgerInnenrechte stärkenchen wir uns für die Stärkung außergerichtlicher Konfliktbeilegung  
wie z. B. Mediation aus. Wir wenden uns entschieden dagegen, die  
Anrufung der Gerichte zu beschneiden und Prozesskostenhilfe und  
Beratungshilfe einzuschränken, und unterstützen die Einführung ei-  
ner Mediationskostenhilfe.  
Richterliche Unabhängigkeit ist Garant des Rechtsstaates. Wir  
befürworten eine stärkere Selbstverwaltung der Justiz und wollen  
es den Ländern ermöglichen, die Unabhängigkeit der Justiz aus-  
zuweiten. Wir unterstützen das Anliegen der RichterInnenschaft  
in Bund und Ländern, ein weites Mitspracherecht bei der Richter-  
einstellung und Beförderung zu erhalten. Das einzelfallbezogene  
Weisungsrecht der Politik gegenüber der Staatsanwaltschaft wollen  
wir abschaffen, denn es widerspricht der Gleichheit aller vor dem  
Gesetz. Für die Wahl der RichterInnen zu Bundesgerichten wie zum  
Bundesverfassungsgericht wollen wir mehr Transparenz durchset-  
zen, ebenso Geschlechtergerechtigkeit.  
Justiz wie auch Polizei arbeiten transnational immer enger zu-  
sammen, insbesondere in der EU. Ein weiter Ausbau der Zusam-  
menarbeit darf nur erfolgen, wenn er Hand in Hand geht mit  
verbindlichen hohen Standards zu Rechtsschutz und Rechtsstaat-  
lichkeit in der EU, z. B. durch die Verankerung verbindlicher und  
starker Rechte von Beschuldigten und StrafverteidigerInnen und  
transnationalem Rechtsschutz. Dazu gehören auch einheitliche  
Rechtsgrundlagen und Verfahrensstandards, damit transnationale  
Polizeieinsätze und dabei getroffene Maßnahmen jederzeit nach-  
vollziehbar und überprüfbar sind.  
Das Strafrecht ist nicht das Mittel der Wahl zur Lösung ge-  
sellschaftlicher Probleme, sondern letztes Mittel staatlichen Han-  
delns, welches immer besonderer Begründung bedarf. Ein liberaler  
Rechtsstaat darf BürgerInnen nicht mit dem Mittel des Strafrechts  
vor einer möglichen Selbstschädigung „schützen“. Die Strafver-  
folgung in der Drogenpolitik ist gescheitert, daher setzen wir auf  
die Regulierung aller Drogen. Wir wollen das Sanktionensystem  
reformieren. So darf etwa die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel  
ohne Fahrschein nicht mehr länger als Straftat verfolgt werden. In  
der Strafvollstreckung setzen wir auf intelligentere Alternativen zur  
Haft wie z. B. gemeinnützige Arbeit und den Ausbau alternativer  
Konfliktlösungen. Ein modernes Unternehmensstrafrecht, das dieTEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
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227  
BürgerInnenrechte stärkenGrenzen von Schuld und Zurechnung achtet, halten wir für not-  
wendig. Die Opferhilfe ist finanziell sicherzustellen. Wir wollen Op-  
fern von Justizirrtümern besser helfen und die Entschädigung für  
zu Unrecht verhängte Haft deutlich anheben. Für Jugendliche und  
Heranwachsende brauchen wir ein reformiertes Jugendgerichtsge-  
setz, das den Vorrang der Erziehung vor Bestrafung strikt wahrt.  
Jenseits der jugendtypischen Straffälligkeit sind Chancen- und Per-  
spektivlosigkeit, prekäre Familienverhältnisse, Bildungsarmut sowie  
Gewalterfahrung in der Regel Ursache wiederholter und schwerer  
Jugendkriminalität. Diesen sozialen und personellen Risiken prä-  
ventiv entgegenzuwirken, ist gerade auch im Rahmen von Jugend-  
gerichtsverfahren Aufgabe der Jugendhilfe. Es braucht eine Strate-  
gie, die solche Risikofaktoren in den Blick nimmt. Die ambulanten  
sozialpädagogischen Maßnahmen der Jugendhilfe bedürfen einer  
deutlichen Stärkung, damit die traditionell strafenden, insbesonde-  
re Freiheit entziehenden Sanktionen endlich auch tatsächlich zur  
Ultima Ratio werden.  
Bei Drogen wie Cannabis wollen wir unter der Berücksichtigung  
des Jugendschutzes eine legale Abgabeform über lizenzierte Fach-  
geschäfte ermöglichen und diese besteuern. Als ersten Schritt hier-  
zu wollen wir den Eigengebrauch und privaten Anbau von Drogen  
wie Cannabis entkriminalisieren. Auch der medizinische Einsatz von  
sowie die Forschung an Drogen darf nicht länger behindert werden.  
Die Ungleichbehandlung von Cannabis und Alkohol durch das Füh-  
rerscheinrecht soll beendet werden. Cannabis-Delikte ohne Zusam-  
menhang zum Straßenverkehr dürfen nicht mehr unaufgefordert  
und ohne Zustimmung der Betroffenen an die Führerscheinstelle  
übermittelt werden.  
4\. Diskriminierungsfreie Teilhabe ermöglichen  
In einer offenen Gesellschaft wird niemand wegen des Geschlechts,  
aus ethnischen oder rassistischen Gründen, aufgrund der Religi-  
on oder Weltanschauung, der sexuellen Identität, des Alters oder  
wegen einer Behinderung benachteiligt. Sie ermöglicht und sichert  
gleichzeitig allen Mitgliedern die individuelle Wahrnehmung der  
Freiheits- und Bürgerrechte. Wir wollen in Deutschland und Euro-ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
228  
BürgerInnenrechte stärkenpa Diskriminierungen bekämpfen und die von der schwarz-gelben  
Bundesregierung blockierte fünfte Antidiskriminierungsrichtlinie  
der EU voranbringen. Eine strukturelle und finanzielle Stärkung der  
Antidiskriminierungsstelle des Bundes und stärkere Rechte für Ein-  
richtungen wie Behindertenbeauftragte sollen im nationalen Bereich  
helfen, Diskriminierungen anzugehen. Das „Allgemeine Gleichbe-  
handlungsgesetz“ wollen wir effektiver gestalten, den Rechtsschutz  
für Betroffene stärken und insbesondere gegen strukturelle Diskri-  
minierungen ein Verbandsklagerecht vorsehen. Wie wir das Arbeits-  
recht für Beschäftigte in kirchlichen Einrichtungen regeln wollen,  
beschreiben wir im Kapitel „Teilhaben an guter Arbeit“.  
Auch dort, wo staatliche Institutionen selbst diskriminieren, wer-  
den wir wirksamen gesetzlichen Schutz schaffen. Es kann nicht sein,  
dass es leichter ist, sich gegen einen diskriminierenden Vermieter zu  
wehren als gegen einen diskriminierenden Beamten. Staat und Zi-  
vilgesellschaft müssen sich gegen alle Formen von Diskriminierung  
wenden. Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit geht uns alle an,  
denn sie gefährdet unsere Demokratie. Ob Grundbuchamt, Zoll oder  
Ausländerbehörde: Gute Institutionen zeichnen sich dadurch aus,  
dass sie die Vielfalt der Gesellschaft widerspiegeln. Wir wollen Di-  
versität und interkulturelle Öffnung von Verwaltung und Justiz ge-  
zielt fördern. Ein wichtiges Ziel inklusiver Politik ist die religiöse und  
weltanschauliche Gleichberechtigung aller Menschen. Während bis-  
her vor allem die christlichen Kirchen den Status einer Körperschaft  
des öffentlichen Rechts besitzen, sind andere Gemeinschaften ver-  
einsrechtlich organisiert. Grüne Politik wird ergebnisoffen nach We-  
gen suchen, diese rechtliche Ungleichheit zu beseitigen.  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN setzen sich dafür ein, die Militär-  
seelsorge in der Bundeswehr zu öffnen. Zudem muss sichergestellt  
werden, dass die Truppe in ausreichendem Maße durch Psycholo-  
gInnen betreut wird.  
5\. Barrieren beseitigen – das Selbstbestimmungsrecht von  
Menschen mit Behinderung stärken  
Wir wollen umfassende Barrierefreiheit in allen Lebensbereichen.  
Dabei verstehen wir Barrierefreiheit umfassend als Zugangs- undTEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
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229  
BürgerInnenrechte stärkenNutzungsmöglichkeit für mobilitätseingeschränkte, sehbehinderte  
oder blinde, hörbehinderte oder gehörlose Menschen und solche  
mit Lernschwierigkeiten. Visuelle und akustische Nutzbarkeit oder  
die Verwendung leichter Sprache gehören für uns ebenso dazu wie  
Stufenlosigkeit und taktile Leitsysteme. Kulturelle, sportliche und  
künstlerische Darbietungen sind ebenso barrierefrei zu gestalten  
wie Bildungsangebote auf allen Ebenen. Bislang wird das Wunsch-  
und Wahlrecht von Menschen mit Behinderungen eingeschränkt,  
weil diese Möglichkeiten nicht erfüllt werden.  
Durch Verbesserung der gesetzlichen Grundlagen, der Finan-  
zierungen und Fördermöglichkeiten sowie durch Bewusstseins-  
bildung wollen wir mehr Barrierefreiheit erreichen. Der Ausgleich  
behinderungsbedingter Nachteile ist eine Grundvoraussetzung für  
selbstbestimmte Teilhabe. Dabei garantieren individuelle und ge-  
schlechtersensible Unterstützungsleistungen Menschen mit Behin-  
derung ein selbstbestimmtes Leben und Teilhabe an der Gemein-  
schaft. Dazu fordern wir auch ein Budget für Arbeit, an dem sich  
alle relevanten Leistungsträger – Träger der Eingliederungshilfe, das  
Integrationsamt, die Arbeitsagenturen und die Jobcenter – betei-  
ligen. Besonders die ambulanten Hilfen, die persönliche Assistenz  
und das persönliche Budget sowie die Berufsbetreuerinnen und  
-betreuer sind wichtige individuelle Unterstützungsangebote, die  
weiter ausgebaut bzw. gestärkt werden sollen. Darum werden wir  
die Leistungen zur Unterstützung von Menschen mit Behinderung  
aus der Sozialhilfe lösen und in ein Teilhabeleistungsgesetz über-  
führen. Diesem muss der Behinderungsbegriff aus der UN-Behin-  
dertenrechtskonvention zu Grunde gelegt und der jeweilige Bedarf  
individuell ermittelt werden.  
Unterstützungsleistungen sollen nicht mehr an Institutionen,  
sondern an den Bedürfnissen derjenigen orientiert sein, die sie be-  
nötigen, und vermögens- und einkommensunabhängig gewährt  
werden. Sonst müssten diejenigen, die von Barrieren betroffen sind,  
noch für deren Beseitigung einstehen. Menschen mit Behinderun-  
gen sollen die Wahl zwischen verschiedenen Wohnformen haben.  
Sie dürfen nicht länger darauf verwiesen werden, dass aufgrund  
des Kostenvorbehalts nur eine Unterbringung im Wohnheim mög-  
lich ist. Deshalb wollen wir im Leistungsrecht für Menschen mit Be-  
hinderungen den Kostenvorbehalt des Sozialhilferechts streichen,ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
230  
BürgerInnenrechte stärkenambulante Unterstützungsangebote ausbauen und den Ausbau  
selbständiger Wohnformen aktiv fördern.  
Das Recht auf Inklusion muss alle einbeziehen. Auch Men-  
schen mit einem intensiven Unterstützungsbedarf müssen selbst-  
bestimmt teilhaben können. Das inklusive Gemeinwesen setzt  
auf Veränderungen in der Haltung der Menschen zueinander, die  
das Zusammenleben von Menschen mit und ohne Behinderungen  
zur Normalität werden lassen. Das Thema Inklusion muss deshalb  
Querschnittsaufgabe im Bund, in den Ländern wie auch in den  
Kommunen sein und unter Berücksichtigung des „Disability-Main-  
streaming“ zu einem festen Bestandteil der Strategien der nachhal-  
tigen Entwicklung werden.  
Die Finanzierung der Entwicklung des inklusiven Gemeinwesens  
kann und darf nicht allein Aufgabe und Pflichtleistung der Kommu-  
nen sein. Wir wollen eine gemeinsame Verantwortung der staatli-  
chen Institutionen in Bund, Ländern und Gemeinden.  
6\. Menschen einbürgern – mit Integration und Inklusion  
Wir wollen unsere Integrationspolitik durch eine Politik der In-  
klusion vervollständigen. Denn die Kinder, Enkel und Urenkel der  
ersten Einwanderer-Generation müssen nicht „integriert“ werden.  
Sie stehen nicht außerhalb unserer Gesellschaft, sondern gehören  
von Anfang an dazu. Integration kann nicht mit ausgestrecktem  
Zeigefinger von oben verordnet werden. Wir GRÜNE wollen Inte-  
grations- und Inklusionspolitik gemeinsam mit der Zivilgesellschaft  
entwickeln, so dass sie selbstbestimmt und gleichberechtigt umge-  
setzt werden kann. Es braucht echte Chancengerechtigkeit bei Bil-  
dung und Arbeit. Deshalb wollen wir die Qualität von Integrations-  
kursen und Sprachförderung in Kitas verbessern, Deutschkurse im  
Inland für alle Interessierten öffnen, Mehrsprachigkeit als Ressour-  
ce nutzen und ausländische Berufsabschlüsse leichter anerkennen.  
Wir wollen Teilhabe aller hier lebenden Menschen, egal welcher  
Herkunft. Wir setzen auf eine Einbürgerungsoffensive, damit Mig-  
rantInnen schneller und leichter die deutsche Staatsbürgerschaft er-  
langen können. Dabei dürfen Frauen nicht benachteiligt werden. Für  
die „erste Generation“, die seit Jahrzehnten hier lebt, muss es einTEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
231  
BürgerInnenrechte stärkenerleichtertes Einbürgerungsverfahren geben. Wir werden den Erwerb  
der Staatsbürgerschaft durch Geburt stärken: wer mit uns regieren  
will, muss akzeptieren, dass wir die doppelte Staatsbürgerschaft ein-  
führen und den diskriminierenden Optionszwang abschaffen wer-  
den. Mehrstaatigkeit muss generell erlaubt sein. Kulturelle Vielfalt ist  
ein Gewinn. Auch bereits eingebürgerte Menschen werden so das  
Recht bekommen, erneut ihre alte Staatsbürgerschaft zusätzlich an-  
zunehmen.  
Im Sozialrecht, z. B. bei der Arbeitsmarktförderung, müssen  
MigrantInnen gleichbehandelt werden. Den Nachzug von auslän-  
dischen Ehegatten und eingetragenen LebenspartnerInnen wol-  
len wir wieder erleichtern, denn Deutsch lernt man am besten im  
Alltag. Den Sprachtest im Ausland als Vorbedingung schaffen wir  
ab. Auch deren eigenständiges Aufenthaltsrecht werden wir ge-  
genüber den Einschnitten der Regierung Merkel wieder ausbauen.  
Das Aufenthaltsrecht muss modernisiert werden. Menschen brau-  
chen einen sicheren Aufenthaltsstatus als verlässliche Grundlage,  
um sich bei uns niederzulassen und eine Perspektive zu haben. In  
einer globalisierten Welt kann es auch nicht angehen, dass Men-  
schen ihren deutschen Aufenthaltsstatus verlieren, wenn sie sich  
aus beruflichen Gründen, zum Studium oder im Ruhestand zu lange  
im Ausland aufhalten. Wir wollen die Einwanderung von Arbeits-  
kräften grundsätzlich erleichtern. Alle einwandernden Arbeitskräfte  
sollen ihren Aufenthalt einfacher verlängern und verfestigen kön-  
nen. Durch ein breitgefächertes und transparentes Punktesystem  
kann Zuwanderung so gesteuert werden, dass sie Folgen des Alte-  
rungsprozesses unserer Gesellschaft abmildert und eine Inklusion  
auf dem Arbeitsmarkt ermöglicht wird. Den Familiennachzug im  
Aufenthaltsgesetz wollen wir dem geltenden EU-Recht anpassen.  
Türkische Staatsangehörige und ihre Familienangehörigen, die  
in Deutschland leben, haben aufgrund des Assoziationsabkommens  
zwischen der Türkei und der heutigen EU Rechte, die denen von  
UnionsbürgerInnen nahekommen. Diesen Status wollen wir auch  
ausdrücklich gesetzlich verankern, z. B. im Aufenthalts-, Beschäfti-  
gungserlaubnis- und Beamtenrecht.ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
232  
BürgerInnenrechte stärken7. Flüchtlinge aufnehmen und menschenwürdig behandeln  
Kriege, Verfolgung, Vertreibung und Klimaveränderungen zwingen  
viele Menschen zur Flucht. Tausende sterben Jahr für Jahr bei dem  
Versuch, die Küsten Europas zu erreichen. Wir wollen eine men-  
schenrechtsorientierte Flüchtlingspolitik und lehnen die derzeitige  
Abschottungspolitik an den Außengrenzen ab. Wir wollen keine  
„Festung Europa“. Die Genfer Flüchtlingskonvention (GFK) und  
die Europäische Menschenrechtskonvention (EMRK) stellen die  
Grundlage unserer Flüchtlingspolitik dar. Wir sehen in der Praxis der  
Grenzschutzagentur FRONTEX und der EU-Mitgliedsstaaten einen  
Verstoß gegen das Verbot der Zurückweisung und eine schwere  
Menschenrechtsverletzung. Wir wollen die Regelung abschaffen,  
nach der Flüchtlinge nur in denjenigen EU-Staaten aufgenommen  
werden können, in denen sie als Erstes angekommen sind (Dublin-  
II-Abkommen), und setzen uns für einheitliche, hohe Asylstandards  
in allen Mitgliedsländern ein. Deutschland muss seiner humanitären  
Verantwortung gerecht werden und die stark betroffenen Aufnah-  
mestaaten unterstützen. Ergänzend zu einem fairen Asylsystem  
wollen wir eine großzügige Aufnahme einer festgelegten Zahl be-  
sonders schutzbedürftiger Flüchtlinge (sogenanntes Resettlement).  
Wir setzen uns für eine deutliche Erhöhung der jährlichen Mindest-  
aufnahmequote ein, die Deutschland dem UNHCR dafür zur Ver-  
fügung stellt. Die Quote muss der weltweiten Flüchtlingssituation  
angemessen sein.  
Es ist außerdem unsere humanitäre Pflicht, Flüchtlingen aus  
Syrien zu helfen. Dazu gehört es, mehr Flüchtlinge aufzunehmen,  
ihnen die Einreise nach Deutschland zu erleichtern und hier leben-  
den syrischen Flüchtlingen einen sicheren Aufenthaltsstatus zu  
geben. SyrerInnen, die von ihren Angehörigen nach Deutschland  
eingeladen werden, dürfen nicht an der Einreise gehindert werden.  
Abschiebungen von SyrerInnen in andere EU-Länder, die weiter-  
hin nach Syrien abschieben, lehnen wir ab. Darüber hinaus müssen  
Nachbarländer Syriens, die mehr als eine Million Flüchtlinge aufge-  
nommen haben, unsere volle Unterstützung bei der Versorgung der  
Flüchtlinge bekommen.  
Wir engagieren uns für einheitliche Schutzstandards auf hohem  
Niveau in ganz Europa. Schutzsuchende dürfen nicht in StaatenTeilhaben. einmischen. ZukunfT schaffen.  
bundestagswahlprogramm 2013  
bÜnDnis 90/Die GRÜnen  
233  
BürgerInnenrechte stärkenzurückgeschoben werden, in denen sie statt eines fairen Asylver-  
fahrens Diskriminierung oder soziales Elend erwartet.  
Besonders beschämend ist die Politik gegenüber Roma und  
Ashkali. Diese Minderheiten sind in allen Balkanstaaten härtesten  
Diskriminierungen ausgesetzt. Wir fordern die Beibehaltung der Vi-  
sumsfreiheit für Serbien und Mazedonien und wir wollen, dass die  
Situation von Roma und die rassistische Diskriminierung, denen sie  
in ihren Herkunftsländern ausgesetzt sind, in angemessener Weise  
im Asylverfahren berücksichtigt werden. Zudem muss die Bundes-  
republik die EU-Romastrategie umsetzen. Deutschland muss sich  
in der EU für ein Programm zur wirksamen Inklusion der Roma in  
ihren wichtigsten Herkunftsländern einsetzen. Dabei müssen Hilfe  
zur Selbsthilfe und ein unabhängiges europäisches Controlling des  
Mitteleinsatzes großgeschrieben werden.  
In Deutschland unterliegen Schutzsuchende und Flüchtlinge  
einschneidenden Beschränkungen der Bewegungsfreiheit, Ausbil-  
dungs- und Arbeitsverboten und diskriminierenden sozialrechtli-  
chen Leistungseinschränkungen. Mit verschiedenen öffentlichkeits-  
wirksamen Aktionen wehren sich die Betroffenen zu Recht gegen  
behördliche Schikanen und staatliche Ausgrenzung.  
Das Bundesverfassungsgericht hat die gekürzten Leistungen nach  
dem Asylbewerberleistungsgesetz für grundgesetzwidrig erklärt.  
Jetzt müssen dessen vollständige Aufhebung und die sozialrecht-  
liche Gleichstellung von Flüchtlingen folgen. Wir wollen zudem die  
Ausbildungs- und Arbeitsverbote für Asylsuchende beseitigen und  
schaffen den rechtlichen Rahmen, damit sich Flüchtlinge im gesam-  
ten Bundesgebiet frei bewegen können. Dazu schaffen wir die Resi-  
denzpflicht ab und setzen uns für einen weniger reglementierten All-  
tag ein. Wir setzen uns dafür ein, dass Flüchtlinge menschenwürdig  
in eigenen Wohnungen leben dürfen. Auch wollen wir Flüchtlingen  
von Anfang an den Zugang zu Bildung, Gesundheitswesen, Inte-  
grationskursen, Spracherwerb und Kommunikationsmedien eröffnen.  
Viele Abschiebungen verlaufen unter großem Protest mit der  
Angst, dass die Abgeschobenen in ihren Herkunftsländern wieder  
verfolgt werden. Wir brauchen aber unabhängige und verlässliche In-  
formationen, wie es Flüchtlingen nach der Abschiebung in ihren Her-  
kunftsländern wie z. B. Iran und Kosovo ergeht und inwieweit sie wie-  
der verfolgt oder diskriminiert werden. Vielfach genügt hierzu schon  
die Kenntnisnahme der Behörden vor Ort, einen Antrag auf Asyl imZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
234  
BürgerInnenrechte stärkenAusland gestellt zu haben. Solange für einzelne Länder (z. B. Koso-  
vo) eine erneute Verfolgung nicht eindeutig ausgeschlossen werden  
kann, wollen wir für diese Länder ein Abschiebemoratorium erlassen.  
Wir wollen die Abschiebehaft abschaffen. Bis dahin muss sie so  
weit wie möglich vermieden werden. Die mit der Anordnung von Ab-  
schiebehaft verbundene Freiheitsentziehung kann in einem Rechts-  
staat nur Ultima Ratio sein und soll so weit als möglich vermieden  
werden. Sie stellt den stärksten Eingriff in die Persönlichkeitsrechte  
des Einzelnen dar, den das deutsche Rechtssystem kennt. Damit ist  
stets auch eine besondere psychische Belastung der Betroffenen  
verbunden. Abschiebungshaft ist daher immer nur als letztes Mit-  
tel zur unmittelbaren Durchsetzung einer Ausreiseverpflichtung zu  
betrachten. Bis zur Abschaffung der Abschiebungshaft wollen wir  
zumindest die Einhaltung strenger menschenrechtlicher Standards  
durchsetzen. Wir wollen eine strikte Trennung von der Straf- oder  
Untersuchungshaft und eine Begrenzung der Haft auf maximal drei  
Monate. Außerdem müssen besonders Schutzbedürftige, wie Min-  
derjährige, Schwangere, Traumatisierte und Alte, von der Inhaftnah-  
me ausnahmslos ausgenommen werden.  
Das entwürdigende Flughafenverfahren, bei dem Asylsuchende  
bereits am Flughafen festgehalten werden, muss ein Ende haben.  
Alle müssen das Recht haben, sich vor Gericht gegen Abschiebungen  
effektiv zu wehren – auch wenn ein anderer EU-Staat für ihr Asylver-  
fahren zuständig ist. Langjährig hier lebende, bisher nur geduldete  
Menschen müssen über eine realitätstaugliche stichtagsunabhängige  
Bleiberechtsregelung eine sichere Zukunftsperspektive bekommen.  
Minderjährige unbegleitete Flüchtlinge bedürfen eines besonde-  
ren Schutzes. Wir setzen uns für die vorbehaltlose Umsetzung der  
UN-Kinderrechtskonvention ein. Insbesondere wollen wir die Herauf-  
setzung der Handlungsfähigkeit in Asylverfahren von 16 auf 18 Jahre.  
Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge sollen vollen Zugang zu den  
Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe wie des Gesundheitssystems  
bekommen. Für uns gilt der Leitsatz: „Kein Mensch ist illegal!“ Des-  
wegen wollen wir, dass Menschen ohne Aufenthaltsrecht Zugang zu  
medizinischer Grund- und Notfallversorgung erhalten und ihre Kinder  
ungehindert Kindergärten und Schulen besuchen können. Außerdem  
muss für Menschen, die über viele Jahre hinweg ohne Aufenthaltssta-  
tus in Deutschland gelebt haben, die Möglichkeit zur Erlangung eines  
sichereren Aufenthaltstitels geschaffen werden. Kurzfristig wollenTEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
235  
BürgerInnenrechte stärkenwir das hohe Strafmaß bei irregulärer Einreise und irregulärem Auf-  
enthalt deutlich verringern.  
8\. Gleiche Rechte schaffen –  
Homo- und Transphobie entgegentreten  
Lesben und Schwule können heute so frei wie nie zuvor in Deutsch-  
land lieben und leben. Das ist auch ein Erfolg grüner Politik. Aber  
Diskriminierung ist noch nicht überwunden. Wir wollen daher ei-  
nen bundesweiten „Aktionsplan für Vielfalt“, der Homophobie und  
Transphobie entgegensteuert, der Forschung u. a. zu Diskriminie-  
rungen sowie queeren Lebensweisen fördert, insbesondere Jugend-  
liche stärkt und deren Ausgrenzung im Elternhaus, in der Schule  
und in der Freizeit entgegenwirkt. Im Besonderen brauchen wir für  
Menschen aller Altersklassen und vor allem Jugendliche einen Aus-  
bau der Comingout-Beratung. Im Unterricht sollen alle Lebenswei-  
sen und sexuellen Identitäten gleichberechtigt dargestellt werden.  
Auch muss es möglich sein, im Alter nicht heterosexuelle Lebens-  
entwürfe frei von Diskriminierung zu leben.  
In Artikel 3 des Grundgesetzes muss ergänzt werden, dass nie-  
mand wegen der sexuellen Identität diskriminiert werden darf. Wir  
wollen die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare öffnen und das ge-  
meinschaftliche Adoptionsrecht ermöglichen. Viele Kinder leben  
bereits mit zwei Müttern oder Vätern. Diese Regenbogenfamilien  
haben ein Recht auf Anerkennung. Alle Familien müssen dem Staat  
gleich viel wert sein.  
Wir unterstützen transsexuelle und intersexuelle Menschen in  
ihrem Kampf um ihre Menschenrechte. Eine Reform des Transse-  
xuellenrechts muss Freiheit und Selbstbestimmung zum Leitbild  
haben, die Pathologisierung beenden und die Menschenwürde si-  
chern. Die Leistungspflicht der Krankenkassen muss gesichert wer-  
den. Etwa 150 Kinder werden jedes Jahr in Deutschland geboren,  
die keinem Geschlecht eindeutig zugeordnet werden können. Die  
zwangsweise Geschlechtsanpassung intersexueller Menschen muss  
ein Ende haben. Geschlechtliche Uneindeutigkeit muss rechtlich zu-  
gelassen und anerkannt werden.ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
236  
BürgerInnenrechte stärkenIn vielen Ländern wird LSBTTI das Leben zur Hölle gemacht: straf-  
rechtliche Verfolgung, Unterdrückung, Gewalt und Zensur. Deutsche  
Politik muss hier klar Position beziehen und Menschenrechtsvertei-  
digerInnen aktiv stärken, auch durch finanzielle Unterstützung der  
hier bereits erfolgreich tätigen zivilgesellschaftlichen Hirschfeld-Eddy-  
Stiftung. Auch seine Mitgliedschaft im Menschenrechtsrat der Ver-  
einten Nationen muss Deutschland für die Stärkung der Rechte sexu-  
eller Minderheiten weltweit nutzen. Einsatz für die Menschenrechte  
wird zudem umso glaubwürdiger, wenn Deutschland die Opfer sei-  
ner eigenen früheren antihomosexuellen Strafgesetze (insbesondere  
§ 175 StGB) endlich rehabilitiert und entschädigt.  
Wer GRÜN wählt …  
• macht die BürgerInnenrechte wieder stark.  
• bekommt ein wirksames Datenschutzpaket.  
• sorgt für Inklusion und klare Kante gegen Diskriminierungen.  
• erleichtert die Einwanderung, Einbürgerung und schützt  
Flüchtlinge.  
• öffnet die Ehe für lesbische und schwule Paare.  
• erhält eine interkulturelle Öffnung der öffentlichen Institutionen.  
Schlüsselprojekte  
BürgerInnenrechte und den Rechtsstaat stärken –  
neue Sicherheitsarchitektur bauen  
Wir stellen Sicherheit in den Dienst der Freiheit und nicht umge-  
kehrt. Deshalb stärken wir die BürgerInnenrechte und stellen in  
Grundrechte eingreifende Sicherheitsgesetze auf den Prüfstand.TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
237  
BürgerInnenrechte stärkenWir setzen auf Reformen bei Justiz, Polizei und eine klare Zäsur  
beim Verfassungsschutz. Verzicht auf den Einsatz von V-Leuten,  
personeller und struktureller Neustart, klare Eingrenzung, Kontrol-  
le und gesetzlich geregelte Verfahren bei nachrichtendienstlichen  
Befugnissen, Förderung einer neuen Polizeikultur, Stärkung des  
Rechtsstaates: So bauen wir an einer neuen Sicherheitsarchitektur.  
Gleiche Rechte für gleiche Liebe –  
die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare öffnen  
Wir wollen, dass alle Paare die Ehe eingehen können. Dank uns  
GRÜNEN war Deutschland Vorreiter bei der Einführung der einge-  
tragenen Lebenspartnerschaften. Heute haben uns viele Länder  
überholt. In Argentinien, Spanien, Südafrika, den Niederlanden und  
in anderen Ländern wurde die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare  
bereits geöffnet. Diesen Weg muss endlich auch Deutschland gehen.  
Damit wird die Gleichstellung vollendet – etwa im Steuer- und Beam-  
tenrecht oder beim gleichberechtigten Adoptionsrecht. Gleiche Liebe  
verdient gleichen Respekt und deshalb auch die gleichen Rechte.  
Einbürgerung erleichtern –  
Rechte von AsylbewerberInnen stärken  
Viele Menschen leben schon lange in Deutschland, ohne staatsbür-  
gerschaftliche Rechte zu haben. Wir setzen auf eine Einbürgerungs-  
offensive. Sie umfasst die Akzeptanz von Mehrstaatigkeit, den Er-  
werb der Staatsbürgerschaft durch Geburt in Deutschland und die  
Streichung des Optionszwangs. Wir wollen das Aufenthaltsrecht  
von einem Ordnungs- und Abwehrrecht umbauen zu einem echten  
Zuwanderungsrecht. Integration kann nur gelingen, wenn Men-  
schen in Rechtssicherheit leben können. Wir treten deshalb für ein  
großzügiges Recht auf Familiennachzug ein sowie für einen siche-  
ren Aufenthaltsstatus für Menschen, die lange in Deutschland le-  
ben. Wir wollen eine Willkommenskultur etablieren unter anderem  
durch eine interkulturelle Öffnung von Schulen, Krankenhäusern,  
Behörden und anderen öffentlichen Einrichtungen. Die Grundrech-ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
238  
BürgerInnenrechte stärkente gelten für alle in Deutschland lebenden Menschen. Wir fordern  
deshalb unter anderem die Abschaffung der Residenzpflicht und  
des Asylbewerberleistungsgesetzes. Nicht nur sind die Leistungen  
unzureichend. Dieses Gesetz versperrt Flüchtlingen auch den Weg  
zum Gesundheitssystem. Für uns gilt, was das Bundesverfassungs-  
gericht unmissverständlich klargestellt hat: Das Existenzminimum  
ist für alle in Deutschland gleich.  
Inklusives Gemeinwesen voranbringen – Teilhabe sicherstellen  
Wir setzen uns für eine inklusive Gesellschaft ein, in der alle Men-  
schen am Leben in der Gemeinschaft teilhaben können. Menschen  
mit Behinderungen sollen selbstbestimmt und gleichberechtigt leben  
können. Wir wollen dafür ein Teilhabeleistungsgesetz auf den Weg  
bringen, bei dem die Unterstützungsleistungen aus der Sozialhilfe  
gelöst werden und der Kostenvorbehalt sowie die Einkommens- und  
Vermögensabhängigkeit gestrichen werden. Wir treten dafür ein,  
dass der Bund sich im Rahmen der gesamtgesellschaftlichen Verant-  
wortung an den Kosten für die Eingliederungshilfe beteiligt.  
Die Sicherheit der KonsumentInnen stärken –  
Drogenpolitik reformieren  
Der globale „War on Drugs“ ist gescheitert. Jährlich sterben Millionen  
Menschen aufgrund der derzeitigen Verbotspolitik. Statt Verfolgung  
von KonsumentInnen wollen wir eine Reform der Drogenpolitik. Wir  
setzen dabei auf das Selbstbestimmungsrecht der Menschen. Die  
gesundheitlichen Risiken wollen wir durch Prävention und Aufklä-  
rung minimieren. Wir fordern die langfristig an den tatsächlichen  
gesundheitlichen Risiken orientierte Regulierung aller Drogen. Dazu  
gehören für uns auch die Ausweitung von Drug-Checking und Sprit-  
zentauschprogrammen. Außerdem wollen wir den Eigenverbrauch  
und privaten Anbau von Cannabis legalisieren und den Verkauf be-  
steuern. Wir wollen Cannabis für Medizin und Forschung nutzen.TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
239  
Gleichberechtigung schaffenO. Gleichberechtigung schaffen  
Wie wir eine geschlechtergerechte Gesellschaft erreichen  
und endlich die Benachteiligung von Frauen beenden  
Wir wollen eine geschlechtergerechte Gesellschaft, die ein selbstbe-  
stimmtes und solidarisches Leben ermöglicht. Geschlechtergerechte  
Politik will den Lebenslagen von Frauen, Männern sowie Trans- und  
Intersexuellen Rechnung tragen und damit der Vielfalt des Lebens.  
Im Zentrum unserer Geschlechterpolitik stehen eine Zeitpolitik  
und Rahmenbedingungen, die individuellen Bedürfnissen und un-  
terschiedlichen Lebensentwürfen von Männern und Frauen Rech-  
nung tragen. Denn wir alle brauchen Zeit für Phasen der Fürsorge-  
arbeit, für Bildung, für Karrieren, Zeit für uns selbst. Diese Zeiten  
müssen möglich und sie müssen sozial abgesichert sein.  
Für die Bundesregierung und ihre Frauenministerin sind die  
Vielfalt weiblicher Lebensentwürfe und die Komplexität der gesell-  
schaftlichen Wirklichkeit nur störend. Sie hält an überkommenen  
Rollenbildern fest, wie sie sich in dem unsäglichen Betreuungsgeld  
oder dem Ehegattensplitting ausdrücken. Sie setzt auf Freiwilligkeit  
bei Fördermaßnahmen in der Wirtschaft, obwohl längst klar ist,  
dass sich so nichts bewegt, und bekämpft mit allen Mitteln die von  
der EU-Kommission vorgeschlagene Quote für Aufsichtsräte. Aber  
es gibt zaghafte Bewegung – immerhin. Selbst CSU-PolitikerInnen  
streiten für die Quote. Das Interesse von Vätern an Elternzeit steigt.  
Das sind wichtige Erfolge der Frauenbewegung und auch von uns  
GRÜNEN. Dennoch bleibt der Fortschritt eine Schnecke: Deutsch-  
land ist europäisches Schlusslicht bei der Entgeltgleichheit. Dabei ist  
die Lohnlücke in Westdeutschland wesentlich größer, da Frauen in  
Ostdeutschland, auch wenn sie Kinder haben, öfter und in größe-  
rem Umfang erwerbstätig sind. Denn das traditionelle Alleinernäh-  
rermodell hatte in der ehemaligen DDR nicht die gesellschaftliche  
Bedeutung wie in der alten Bundesrepublik erlangt. Aber auch in  
Ostdeutschland hat sich die Infrastruktur für Eltern verschlech-  
tert. So nimmt im gesamten Bundesgebiet die Anzahl der in Teil-  
zeit oder geringfügigen Jobs beschäftigten Frauen zu. Damit wirdZeit für den grünen Wandel  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BündniS 90/die grünen  
240  
Gleichberechtigung schaffendie Rentenlücke größer und Altersarmut ist vorprogrammiert. Mit  
der Lebensverlaufsperspektive werden die Auswirkungen von Ent-  
scheidungen in einer Lebensphase auf ein ganzes Leben deutlich.  
Wir wollen eine Gleichstellungspolitik, die über alle Lebensphasen  
hinweg konsistent ist. Es ist widersprüchlich, steuerliche Anreize für  
das Haupternährermodell durch das Ehegattensplitting zu setzen,  
aber nach einer Scheidung die zügige Sicherung des Lebensunter-  
halts durch eigene Erwerbstätigkeit zu fordern.  
„Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die  
tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und  
Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“  
So steht es im Grundgesetz. Es gibt uns den Auftrag, auf die Durch-  
setzung dieser Gleichberechtigung hinzuwirken. Diesen Auftrag wol-  
len wir erfüllen. Uns geht’s ums Ganze und das heißt konkret: „Die  
Hälfte der Macht und der Verantwortung für Frauen und Männer.“  
Von einer eigenständigen Existenzsicherung für Frauen bis dahin,  
dass Männer überholte Rollenbilder überwinden und die Macht in  
allen gesellschaftlichen Bereichen besser verteilt ist – es bleibt noch  
viel zu tun, bis Frauen so teilhaben können, wie es ihnen zusteht.  
Gleichberechtigung braucht Geschlechterdemokratie. Wir wol-  
len die Bedingungen dafür schaffen, dass sich Frauen selbstver-  
ständlich auf Augenhöhe beteiligen können – in der Gesellschaft,  
im Parlament und am Arbeitsplatz.  
Gleichberechtigung schafft Zukunft, denn nur eine geschlechter-  
gerechte Gesellschaft wird die Aufgaben von morgen bewältigen.  
1\. Gleiche Anerkennung, gleiche Sicherheit, gleiche Chance  
Das Familienideal gerade in Westdeutschland scheint stabil: ein  
männlicher Haupternährer, die Mutter – oftmals ebenso oder bes-  
ser qualifiziert – jongliert nach einer Erwerbsunterbrechung einen  
Halbtagsjob, holt die Kinder vom Kindergarten ab, schmeißt den  
Haushalt und pflegt die Angehörigen. Inzwischen ist aber deutlich,  
wie brüchig dieses Bild geworden ist und welch hohe Risiken es  
birgt. Befristete Jobs, Erwerbslosigkeit, Krankheit oder auch Schei-  
dung bringen dieses Konstrukt sehr schnell ins Schleudern. Auch  
dass es immer mehr Alleinerziehende gibt, wird allzu oft vergessen.TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
241  
Gleichberechtigung schaffenEs gibt viel zu tun, denn wir leben noch lange nicht in einer Ge-  
sellschaft, die frei ist von struktureller Benachteiligung und Macht-  
strukturen, die Frauen diskriminieren. Das nicht mehr so neue Un-  
terhaltsrecht fordert von den Müttern nach einer Scheidung zügig  
für ihren Lebensunterhalt selbst aufzukommen – und sieht für den  
entgangenen beruflichen Aufstieg in den Betreuungszeiten keine  
Kompensationen vor. Auf der anderen Seite sind eine junge, gut  
ausgebildete Frauengeneration und immer mehr Männer nicht  
mehr bereit, ein tradiertes Familienbild zu leben. Sie fordern Gleich-  
berechtigung in der Partnerschaft, Elternzeit für beide, Erwerbsun-  
terbrechungen und Arbeitszeitreduzierung.  
Insbesondere der eigenständigen Existenzsicherung durch Er-  
werbstätigkeit für Frauen stehen Hindernisse entgegen. Dazu ge-  
hören neben mangelnder Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die  
immer noch als ein individuelles Problem der Frauen angesehen  
wird und nicht als ein strukturelles Defizit, die Schwierigkeiten beim  
beruflichen Ein- und Aufstieg. Dabei wollen auch viele Männer  
nicht mehr eine Vollzeiterwerbstätigkeit ausüben, die keine Zeit für  
Kinder oder Sorgearbeit lässt. Sie wollen Wahlfreiheit, die wirklich  
eine freie Wahl lässt. Davon sind wir aller Vereinbarkeitsrhetorik  
zum Trotz noch weit entfernt.  
Freiwilligkeit bringt uns nicht weiter. Ohne gesetzliche Maßnah-  
men wird das nicht gehen. Wir wollen ein Entgeltgleichheitsgesetz,  
Regelungen für die Privatwirtschaft und eine Quote für Aufsichts-  
räte und Vorstände. Perspektivisch wollen wir die Quote auch auf  
andere Ebenen ausweiten und so Frauen nicht nur in Führungseta-  
gen, sondern im gesamten Unternehmen gleichstellen. Wir müssen  
die Arbeitszeiten so regeln, dass es neben dem Recht auf Teilzeit  
auch ein Recht auf Rückkehr zu Vollzeit gibt. Wir brauchen quali-  
fizierte Angebote für Erwerbslose und WiedereinsteigerInnen nach  
einer Familienzeit. Die Lage der Alleinerziehenden hat sich in den  
vergangenen Jahren sogar noch verschlechtert. Um das Armuts-  
risiko zu vermindern, brauchen sie besondere Unterstützung in  
Form von Betreuungsinfrastruktur und flexiblen Arbeitszeitmodel-  
len sowie die Weiterentwicklung des Unterhaltsvorschusses. Von  
Altersarmut sind insbesondere Frauen betroffen. Gründe liegen in  
Teilzeitbeschäftigung, Minijobs und Auszeiten für Betreuung von  
Kindern und Angehörigen, also in der mangelnden VereinbarkeitZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
242  
Gleichberechtigung schaffenvon Familie und Beruf. Dies wollen wir ändern. Daher wollen wir  
u. a. durch den ganztägigen Kita-Ausbau, den Ausbau von Ganz-  
tagsschulen, durch flexible Arbeitszeitmodelle und durch mehr Ak-  
zeptanz von Vätern in Eltern- und Teilzeit Frauen die Möglichkeit  
geben, erwerbstätig zu sein. Mit unserem Konzept der Garantie-  
rente schlagen wir zudem ein Rentenkonzept vor, das insbesondere  
Frauen vor Altersarmut schützt.  
Die Erwerbsbeteiligung von Frauen ist gestiegen, allerdings bei  
nahezu gleichbleibendem Arbeitsvolumen. Immer mehr Frauen ar-  
beiten immer weniger. Viele sind jedoch mit ihren Arbeitszeiten un-  
zufrieden und würden lieber mehr arbeiten und verdienen. Wir wol-  
len Arbeitszeit und Arbeitsvolumen zwischen den Geschlechtern,  
aber auch zwischen viel Arbeitenden und Arbeitslosen oder prekär  
Beschäftigten besser verteilen. Die sogenannten Minijobs müssen  
sozialverträglich ersetzt werden. In der Kombination mit der Mit-  
versicherung in der Krankenversicherung und dem Ehegattensplit-  
ting behindern sie die eigenständige Existenzsicherung, weil sie das  
Signal aussenden, dass sich eine sozialversicherungspflichtige Ar-  
beit kaum lohnt. Langfristige Nachteile wie niedrige Renten werden  
von der Merkel-Regierung ignoriert. Wir wollen das Ehegattensplit-  
ting durch eine Individualbesteuerung mit übertragbarem Grund-  
freibetrag ersetzen. Einnahmen, die dem Staat durch das Ehegat-  
tensplitting bisher entgehen, wollen wir zur Finanzierung von guten  
Kitas, Ganztagsschulen und für eine Kindergrundsicherung nutzen.  
Bedarfsgemeinschaften wollen wir ersetzen durch eine individuelle  
Existenzsicherung. Diese Umstellung geht zwar nicht von heute  
auf morgen, doch wollen wir diesen Wechsel in der kommenden  
Legislaturperiode anpacken und mit konkreten Schritten einleiten.  
Kurzfristig brauchen wir den Zugang zu allen Maßnahmen der  
Arbeitsmarktförderung unabhängig vom Leistungsbezug.  
In einer Gesellschaft, die Vielfalt als Bereicherung erfährt,  
kommt MigrantInnen eine wichtige Rolle zu. Allerdings finden viele  
trotz qualifizierter Ausbildung nur eine niedrig bezahlte Beschäfti-  
gung z. B. in der Reinigung oder Pflege. Bei der Ausbildungsplatz-  
und Studienfachwahl wählen gerade junge Frauen aus einem nur  
eingeschränkten Spektrum. Damit nutzen sie ihre Potentiale nicht  
aus, der Wirtschaft gehen wichtige Nachwuchskräfte verloren.TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
243  
Gleichberechtigung schaffenJunge Frauen und Männer sowie ArbeitgeberInnen sollten für  
geschlechtsuntypische Entscheidungen motiviert werden.  
2\. Männer in neuen Rollen unterstützen  
Gleiche Rechte und Pflichten werden wir nur dann erreichen, wenn  
auch Männer als Akteure für Gleichberechtigung stärker in den Blick  
genommen werden. Immer mehr Männer erkennen, dass traditionel-  
le Männerrollen auch negative Seiten für sie haben, und wollen zum  
Beispiel nicht mehr nur Alleinverdiener oder Haupternährer der Fami-  
lie sein, sondern wünschen sich auch eine aktive Vaterschaft. Dabei  
finden sie aber – genau wie Frauen – Rahmenbedingungen vor, die  
traditionelles Rollenverhalten fördern. Grüne Politik ist feministisch  
und emanzipatorisch, sie löst Geschlechterrollen auf und erlaubt allen  
Menschen mehr individuelle Gestaltungsfreiheit. Damit kommt Bewe-  
gung in die geschlechterpolitische Debatte. Dazu ist es nötig, Männer,  
Jungen und Väter darin zu unterstützen, sich in gleichstellungspoliti-  
schen Anliegen besser zu vernetzen. Sie sind Partner bei der Umset-  
zung von Gleichstellung. Ihre Anliegen und Bedürfnisse sollen in der  
geschlechterpolitischen Debatte ihren eigenen Raum finden.  
Wir wollen Männer unterstützen, neue Wege zu gehen und  
auch vermehrt Berufe, die klassisch mehrheitlich von Frauen ausge-  
übt werden, wie z. B. im pädagogischen Bereich und der sogenann-  
ten Care-Arbeit, zu ergreifen. Die Vereinbarkeit von Lebens- und  
Arbeitswelt ist auch ein Thema für Männer. Die „Partnermonate“  
beim Elterngeld waren und sind ein erster Erfolg. Eine Weiterent-  
wicklung der Elternzeit soll es auch für Männer selbstverständlicher  
machen, familiäre Aufgaben zu übernehmen. Eine geschlechter-  
sensible Pädagogik stellt die Frage, inwieweit alle Kinder individuell  
am besten gefördert werden können. Deswegen unterstützen wir  
geschlechtersensible Bildungsarbeit und Berufsberatungsangebote.  
Die Politik muss ebenso wie die Wissenschaft die Veränderun-  
gen der Rollenbilder auch von Männern stärker berücksichtigen. Wir  
wollen eine regelmäßige Berichterstattung und Begleitforschung für  
Genderfragen umsetzen. Wir brauchen einen Aufbruch für die Män-  
nergesundheit, eine stärkere Konzentration auf die Prävention und  
Vorsorgeuntersuchungen von Männerkrankheiten, in den Kranken-ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
244  
Gleichberechtigung schaffenkassen und in der betrieblichen Gesundheitsförderung. Zum Thema  
Männer als Opfer von Gewalt liegen bisher kaum Daten vor. Hier wol-  
len wir mehr Forschung ebenso wie eine gesellschaftliche Debatte.  
3\. Die Demokratie vervollständigen  
Unsere Demokratie lebt vom Engagement, vom Mitmachen. Tat-  
sächlich sinkt in vielen Landtagen und Kommunalvertretungen der  
Anteil von Frauen. Das ist knapp 100 Jahre nach Einführung des  
Frauenwahlrechts in Deutschland ein äußerst bedenklicher Trend.  
Wir wollen auch mit gesetzlichen Regelungen den Frauenanteil und  
die politische Teilhabe erhöhen, ähnlich wie das mit dem franzö-  
sischen Paritätsgesetz ermöglicht wurde. Erfahrungsgemäß erhö-  
hen vor allem feste Quoten den Anteil von Frauen in Parteien und  
Parlamenten. Durch eine Dokumentationspflicht von Frauen- und  
Männeranteil bei Nominierungsveranstaltungen wollen wir gender-  
sensible Daten über politische Beteiligungsprozesse erheben.  
Wir halten an der Strategie des Gender-Mainstreamings fest, mit  
der bei allen politischen Handlungen nach den Auswirkungen auf  
Frauen und Männer gefragt wird. Unser Ziel ist Geschlechterdemo-  
kratie, die ein gerechtes Verhältnis von Frauen und Männern beinhal-  
tet. Eine bundesweite Forschungseinrichtung zur Gleichstellung soll  
wissenschaftliche Expertise bündeln, Diskussionsprozesse initiieren  
und unterstützen. Wir wollen einen zweiten Bundesgleichstellungs-  
bericht erstellen lassen, der die Schwerpunkte auf die Bereiche legt,  
die im ersten Bericht nicht ausführlich behandelt werden konnten.  
Durch die Einführung des Gender-Budgetings auf allen Ebenen  
wollen wir Gleichberechtigung auch im Bereich der Haushaltspolitik  
umsetzen. Die geschlechtersensible Analyse eines Haushalts macht  
deutlich, welche Auswirkungen die Verwendung öffentlicher Mit-  
tel auf Frauen und Männer in unterschiedlichen sozialen und wirt-  
schaftlichen Lebenslagen hat.TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
245  
Gleichberechtigung schaffen4. Über den Körper selbst bestimmen  
Selbstbestimmung umfasst auch den eigenen Körper. Frauen müs-  
sen über ihre Schwangerschaften frei und ohne Kriminalisierung  
entscheiden können. Das Recht auf Information und freiwillige  
Beratung muss allen offenstehen. Dazu gehören auch freiwilli-  
ge Angebote rund um vorgeburtliche Untersuchungsmethoden.  
In Deutschland gibt es eine hohe Quote an Geburten mit Kaiser-  
schnitt. Wir wollen die Beratung und Unterstützung durch Heb-  
ammen stärken mit dem Ziel, Frauen eine selbstbestimmte Ent-  
scheidung zu ermöglichen. Fehlanreize zur Durchführung nicht  
medizinisch indizierter Kaiserschnitte müssen abgeschafft werden.  
Frauen müssen während der Schwangerschaft, Geburt und in der  
Nachsorge Zugang zu einer kontinuierlichen Betreuung durch eine  
Hebamme ihres Vertrauens haben. Für BezieherInnen von Trans-  
ferleistungen sind Verhütungsmittel unentgeltlich bereitzustellen.  
Die „Pille danach“ muss rezeptfrei erhältlich sein. Auf die Neben-  
wirkungen und die Notwendigkeit von Kontrolluntersuchungen soll  
hingewiesen werden.  
Der Druck, auch den eigenen Körper so weit wie möglich zu  
optimieren, ist real vorhanden. Abweichungen von der Norm sind  
schwer zu leben, Fälle von Essstörungen nehmen zu, ebenso wie  
der Anteil von Schönheitsoperationen. Dabei kommt der photoge-  
shoppten, zum Teil offensichtlich, zum Teil eher subtil sexistischen  
Werbung eine nicht unwesentliche Rolle zu. Gerade für junge Men-  
schen wird hier ein hoher Druck aufgebaut und ein starres Schön-  
heitsideal vermittelt. Hierüber ist ein gesellschaftlicher Verständi-  
gungsprozess erforderlich, der für körperliche Vielfalt sensibilisiert  
und Sexismus in den Medien ächtet.  
Abweichungen von der Norm der Zweigeschlechtlichkeit sind in  
unserer jetzigen Gesellschaft schwer zu leben, müssen aber selbst-  
bestimmt möglich sein. Obwohl intergeschlechtliche Menschen  
meist ohne medizinische Eingriffe oder Hormonpräparate leben  
können, werden sie oft unmittelbar nach der Geburt operiert und  
leiden oft ihr ganzes Leben darunter. Hier fehlt es an Aufklärung  
und Beratung der Eltern sowie ausreichend geschultem medizini-  
schem Personal. Das Recht auf körperliche Unversehrtheit muss  
auch für Intersexuelle gelten. Wir fordern deshalb, dass medizinisch  
nicht notwendige Eingriffe nur mit Einwilligung der Intersexuellen  
selbst durchgeführt werden können.Zeit für den grünen Wandel  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BündniS 90/die grünen  
246  
Gleichberechtigung schaffen5. Gewalt ächten  
Gewalt ist für viele Frauen bittere Realität. Das Gewaltschutzgesetz  
hat mit der erleichterten Überlassung der Wohnung die Situation für  
Gewaltbetroffene in Familien wesentlich verbessert. Dennoch müs-  
sen jährlich etwa 34.000 Frauen und Kinder in Frauenhäuser fliehen.  
Weder die Anzahl der Plätze noch die Hilfs- und Beratungsangebote  
sind ausreichend. Wir brauchen spezifische Angebote und Plätze in  
Frauenhäusern, insbesondere für Frauen mit Behinderung, Migran-  
tinnen, Frauen mit Kindern und pflegebedürftige Frauen. Mit der  
zentralen Notrufnummer sollen mehr Betroffene erreicht werden –  
dann müssen aber auch die Unterstützungseinrichtungen mehr Mit-  
tel erhalten. Auch ältere Frauen, Migrantinnen, Frauen mit geringem  
Einkommen und Frauen in Ausbildung oder ohne eigenes Einkom-  
men haben Schwierigkeiten. Als besondere Gruppe von Gewalt be-  
troffen sind außerdem Frauen in der Obdachlosigkeit. Sie befinden  
sich oft in problematischen Abhängigkeitsverhältnissen und werden  
aufgrund eines fehlenden festen Wohnsitzes nicht in Frauenhäusern  
aufgenommen. Ihnen müssen eigenständige Unterstützungsange-  
bote gemacht werden. Wir müssen eine ausreichende Finanzierung  
für ein qualitativ hochwertiges Angebot durch die Übernahme als  
staatliche Pflichtaufgabe für all diese spezifischen Bedürfnisse si-  
cherstellen. Für vergewaltigte Frauen muss zeitnah eine qualifizierte  
Notfallversorgung und -behandlung einschließlich (anonymer) Spu-  
rensicherung und einer Notfallverhütung mit der „Pille danach“ in  
allen deutschen Krankenhäusern sichergestellt sein. Die Finanzie-  
rung des Notfallpakets muss gewährleistet werden.  
Vergewaltigungsmythen, die dazu führen, dass Betroffenen von  
sexualisierter Gewalt generell eine Teilschuld zugeschrieben wird,  
sind in Deutschland immer noch weit verbreitet. Sie tragen dazu  
bei, dass die Dunkelziffer für diese Straftaten weiterhin sehr hoch  
ist. Wir wollen deshalb sicherstellen, dass Betroffene deutschland-  
weit von regelmäßig geschulten und sensibilisierten Polizei- und  
JustizbeamtInnen betreut werden. Außerdem muss die Finanzie-  
rung von umfangreichen Unterstützungs- und Beratungsangeboten  
gewährleistet sein. Dadurch wollen wir die Betroffenen von sexua-  
lisierter Gewalt vor einer erneuten Traumatisierung schützen. Dazu  
gehört auch eine Überprüfung der Strafgesetzgebung.Teilhaben. einmischen. ZukunfT schaffen.  
bundestagswahlprogramm 2013  
bÜnDnis 90/Die GRÜnen  
247  
Gleichberechtigung schaffenFrauen und Mädchen mit Behinderungen sind regelmäßig Mehr-  
fachdiskriminierungen ausgesetzt. Es gibt zu wenig Angebote und  
auch zu wenig Schutz für sie in den Einrichtungen, in denen sie  
leben. Deshalb brauchen wir verpflichtende Antidiskriminierungs-  
maßnahmen und spezifische Förderung, damit auch sie selbstbe-  
stimmt leben können. Eine geschlechtergerechte Ausrichtung der  
Inklusion und umfassende Maßnahmen gegen die Mehrfachdiskri-  
minierung und Gewalt an Frauen und Mädchen mit Behinderungen  
ist dringend erforderlich.  
Das rot-grüne Prostitutionsgesetz hat den Bereich des Sexge-  
werbes entkriminalisiert und die Doppelmoral rechtlich beendet.  
Das war ein längst überfälliger Schritt. Eine Rückkehr zum Verbot  
der Prostitution würde die Prostituierten in die Illegalität drängen,  
ihre Arbeitsbedingungen weiter verschlechtern und sie stärker der  
Gefahr von gewalttätigen Übergriffen aussetzen. Allerdings blieb  
man damals auf halbem Wege stehen. Deshalb werden wir das  
Prostitutionsgesetz im Bundestag weiterentwickeln. Unser Ziel ist  
der möglichst weitgehende Schutz von Prostituierten. Das Bera-  
tungs- und Hilfsangebot wollen wir ausbauen und niedrigschwellig  
zugänglich machen. SexarbeiterInnen müssen über ihre Rechte auf-  
geklärt werden. Wir wollen einen Ausbau der Ausstiegsprogramme.  
Dabei setzen wir nicht auf Einschränkungen, sondern auf das Recht:  
So sollen unter anderem Prostitutionsbetriebe ab einer bestimmten  
Größe der gewerberechtlichen Erlaubnispflicht unterliegen. Durch  
gewerberechtliche Überprüfungen von Prostitutionsstätten und  
ihren BetreiberInnen wollen wir SexarbeiterInnen schützen und  
ihre Arbeitsbedingungen sicherer machen. Außerdem wollen wir  
sie rechtlich besser schützen vor Mietwucher und Ausbeutung und  
überprüfen, inwieweit der Zugang zur Sozialversicherung verbes-  
sert werden kann. Wir wollen zusätzlich kostenfreie medizinische  
Beratungsangebote für SexarbeiterInnen schaffen.  
Menschenhandel zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung ist eine  
eklatante Menschenrechtsverletzung und eine schwere, abscheu-  
liche Straftat. Die Umsetzung der Europaratskonvention und der  
EU-Opferschutzrichtlinie gegen Menschenhandel erfordert gesetz-  
liche Neuregelungen auch auf nationaler Ebene. Die Opfer müssen  
besser vor Abschiebungen geschützt werden, insbesondere, aber  
nicht nur während laufender Gerichtsverfahren. Ein dauerhaftesZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
248  
Gleichberechtigung schaffenBleiberecht würde ihre Anzeige- und Aussagebereitschaft deutlich  
erhöhen und so zur Ermittlung der TäterInnen und Erhellung der  
Strukturen führen. Menschenhandelsopfer, die als ZeugInnen auf-  
treten, brauchen ein umfassendes Opferschutzprogramm. Freier  
von Zwangsprostituierten müssen auch strafrechtlich zur Verant-  
wortung gezogen werden können, wenn ihnen bekannt ist, dass es  
sich bei dem Opfer um eine Zwangsprostituierte handelt. Außer-  
dem brauchen alle Opfer von Zwangsehen ein eigenständiges und  
dauerhaftes Rückkehrrecht.  
Frauen wie Männern, die sich einer Zwangsverheiratung entzie-  
hen wollen, muss schnell, kompetent und effektiv geholfen werden.  
Dies erfordert länderübergreifendes Handeln und für alle verbind-  
liche Leitlinien.  
Auch in Deutschland leben viele von Genitalverstümmelung be-  
troffene oder bedrohte Frauen und Mädchen. Das wollen wir aus-  
drücklich als Fall von schwerer Körperverletzung in das Strafgesetz-  
buch aufnehmen. Eine Bestrafung muss auch dann möglich sein,  
wenn Mädchen dazu ins Ausland verbracht wurden.  
6\. Europäische und internationale Frauenpolitik  
Deutschland ist ein Global Player und das muss sich auch in unse-  
rer Frauenpolitik zeigen. Die schwarz-gelbe Regierung torpediert  
auf EU-Ebene die Initiative, eine Quote für Aufsichtsräte einzufüh-  
ren. Sie kürzt in der Entwicklungshilfe die Mittel für Projekte zur  
Gleichberechtigung von Frauen und hebt die Bindung der Mittel  
an Frauenförderung auf. Für die Umsetzung von CEDAW (UN-  
Frauenrechtskonvention) bekommt die Regierung schlechte Noten.  
Und den Sitzungen von UN Women bleibt Ministerin Schröder fern.  
Wir GRÜNE nehmen die internationalen Gremien ernst und wer-  
den auch in der Frauen- und Gleichstellungspolitik präsent sein. Wir  
werden Einfluss nehmen, zu unserer Verantwortung stehen und fi-  
nanzielle Mittel in angemessener Höhe dafür zur Verfügung stellen.  
50 % der Nahrungsmittel und über 70 % der Bekleidung weltweit  
werden von Frauen produziert und auch in Deutschland gekauft.  
Hier stehen wir in der Pflicht, uns mit und für die Frauen in den pro-  
duzierenden Ländern für gute Arbeitsbedingungen einzusetzen. AufTEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
249  
Gleichberechtigung schaffender anderen Seite gibt es Länder, die uns in Gleichstellungsfragen  
weit voraus sind. Der Austausch mit diesen Ländern ist wertvoll.  
Auch unser diplomatischer Dienst macht tagtäglich ganz prakti-  
sche Außenpolitik und benötigt dazu geschlechterpolitische Kom-  
petenz. Wir setzen uns außerdem für mehr Diplomatinnen in den  
deutschen Vertretungen weltweit ein.  
Wer GRÜN wählt …  
• will ein gleichberechtigtes Miteinander von Frauen und Männern.  
• ist für die eigenständige Existenzsicherung und den Abschied  
vom Haupternährermodell.  
• sorgt für gleiche Chancen von Frauen auf dem Arbeitsmarkt.  
• bekommt mehr Frauen in den Parlamenten und Entschei-  
dungspositionen.  
• setzt sich für ein Leben ohne Gewalt ein.  
Schlüsselprojekte  
Gleicher Lohn für gleiche und gleichwertige Arbeit –  
ein Entgeltgleichheitsgesetz erlassen  
Frauen erhalten im Schnitt noch immer 22 % weniger Lohn als  
Männer. Typische Frauenberufe werden schlechter entlohnt als  
typische Männerberufe. Selbstverpflichtungen der Wirtschaft und  
Freiwilligkeit haben in den letzten zehn Jahren zu nichts geführt.  
Darum wollen wir das Gebot des gleichen Entgelts bei gleicher und  
gleichwertiger Arbeit mit gesetzlichen Regelungen und angemesse-  
nen Sanktionen durchsetzen. Damit gleiche Tätigkeiten und gleich-  
wertige Jobs endlich gleich entlohnt werden.ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
250  
Gleichberechtigung schaffenEigenständige Existenzsicherung voranbringen –  
Ehegattensplitting ersetzen  
Unser Ziel ist, dass jede und jeder die Möglichkeit hat, das, was er  
oder sie zum Leben braucht, selbst zu erwirtschaften. Dabei müssen  
Zeiten von Nichterwerbstätigkeit selbstverständlich abgesichert sein.  
Traditionelle Rollenbilder, die unsere Steuer- und Sozialgesetzgebung  
bis heute prägen, behindern dies. Strukturen, die vor allem für Frauen  
erhebliche Erwerbshemmnisse darstellen, wollen wir abbauen, dazu  
gehören unter anderen die Ersetzung der Minijobs, die Überführung  
der kostenlosen Mitversicherung in die BürgerInnenversicherung und  
der Ausbau der Betreuungs- und Bildungsinfrastruktur. Das Ehegat-  
tensplitting wollen wir deshalb durch eine Individualbesteuerung mit  
übertragbarem Existenzminimum ersetzen. Damit steigern wir die  
Erwerbsanreize für Frauen, leisten einen wichtigen Beitrag zur eigen-  
ständigen Existenzsicherung und senken das Armutsrisiko von Frauen  
und Familien. Dabei werden wir in einem ersten Schritt Einkommen  
bis 60.000 Euro mit einem Splittingdeckel von Belastungen ausneh-  
men. Die frei werdenden Mittel werden wir in den massiven Ausbau  
der Betreuungsinfrastruktur und in den Aufbau einer Kindergrund-  
sicherung investieren. Mit einem umfassenden Aktionsprogramm  
werden wir Frauen unterstützen, den (Wieder-)Einstieg in existenz-  
sichernde Erwerbsarbeit erfolgreich zu gestalten.  
Die Hälfte der Macht den Frauen –  
eine verbindliche Quote einführen  
Diverse Selbstverpflichtungen der Unternehmen blieben ohne grö-  
ßeren Einfluss auf den Frauenanteil in den Führungsgremien. Wir  
haben genug von den Lippenbekenntnissen und wollen endlich  
Taten sehen, um die gläserne Decke für Frauen zu beseitigen. Ge-  
setzliche Quoten für Aufsichtsräte und Vorstände wie in Norwegen  
werden die Männerclubs in den Führungsetagen aufbrechen und zu  
mehr Qualität und Vielfalt führen. Weibliche Vorbilder werden sich  
positiv auswirken und andere Frauen nachziehen. Damit schaffen  
wir eine bessere Basis für eine geschlechtergerechte Gesellschaft.Teilhaben. einmischen. ZukunfT schaffen.  
bundestagswahlprogramm 2013  
bÜnDnis 90/Die GRÜnen  
251  
Kunst und Kultur beflügelnP. Kunst und Kultur beflügeln  
Wie wir Kunst als gesellschaftlichen Stein des Anstoßes be-  
stärken, kulturellen Wandel fördern und den Sport stärken  
Kunst und Kultur ermöglichen es uns, die Welt mit anderen Augen  
zu sehen, differenzierter zuzuhören und neu zu denken. Sie sind  
entscheidend für Selbstbestimmung und soziale Teilhabe und sie  
fördern die demokratische Entwicklung einer Gesellschaft. Sie sind  
ein entscheidendes Feld sozialer Teilhabe. Sie können Impulsgeber  
für Veränderung und für die ständige Weiterentwicklung unseres  
Wertesystems sein.  
Eine lebendige lernfähige und zukunftsorientierte Gesellschaft  
braucht eine starke kulturelle Infrastruktur, kulturelle Teilhabe, kul-  
turelle Bildung und eine aktive Kulturpolitik. Wir stehen für faire Ar-  
beitsbedingungen, künstlerische Freiheit, gleichberechtigte Zugänge  
und transparente Förderkriterien sowie eine transparente Mittelver-  
gabe. Die Kreativen in unserem Land leisten einerseits einen großen  
Beitrag zum Wohlstand und damit auch zum Steueraufkommen,  
andererseits müssen viele selbständige KünstlerInnen und Kreative  
mit einem Einkommen knapp über dem Existenzminimum zurecht-  
kommen. Neben den großen Häusern und den klassischen Kultur-  
institutionen werden wir die freien Initiativen und Projekte stärker  
unterstützen und ihnen auch mehr Anerkennung verschaffen.  
Kulturpolitik sollte nach unserem Verständnis Grenzen über-  
winden und Brücken bauen. Sie kann auch Grundlage im globalen  
Dialog und in der europäischen Integration und Verständigung sein.  
Kunst und Kultur fördern den Perspektivenwechsel und ein Gespür  
dafür, dass wir in der Einen Welt aufeinander angewiesen sind. Mit  
Blick auf die Dynamiken der Globalisierung ist die auswärtige Kultur-  
und Bildungspolitik wichtige Aufgabe des Bundes.  
Es gibt eine Übereinkunft, dass eine lebendige, lernfähige Gesell-  
schaft eine starke kulturelle Infrastruktur für die kulturelle Teilhabe  
aller braucht. Doch dafür brauchen wir eine andere, eine aktive und  
vorausschauende Kulturpolitik. Wir sehen und fördern Kunst und  
Kultur auch als Schlüssel zur Beteiligung gesellschaftlich benach-Zeit für den grünen Wandel  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BündniS 90/die grünen  
252  
Kunst und Kultur beflügelnteiligter Bevölkerungsgruppen – in der Stadt-, Quartiers- und Regi-  
onalentwicklung, bei Bauprojekten, der Anlage und Gestaltung von  
öffentlichen Freiräumen, in der Umweltbildung und für die ständige  
Entwicklung neuer Kulturangebote. Angesichts veränderter gesell-  
schaftlicher Anforderungen, stärkerer gesellschaftlicher Segregation  
und knapper Kassen ist die Frage nach Erhalt, notwendigen Verän-  
derungen und gegebenenfalls Neuausrichtungen kultureller Ange-  
bote, Institutionen und Förderungen immer wieder neu zu stellen.  
Wir unterstützen kulturelle Orte, an denen alle teilhaben kön-  
nen – aktiv und passiv. Kunst und Kultur sind für uns kein elitäres  
Projekt – für die mit der umfassenden Vorbildung oder dem dicken  
Geldbeutel. Wir unterstützen die Kulturinstitutionen darin, Mög-  
lichkeitsräume für alle zu schaffen. Wir stehen für die Förderung  
von Kunst- und Kulturschaffenden durch den Erhalt und die Schaf-  
fung kulturfreundlicher Rahmenbedingungen.  
Gute Kulturpolitik schafft Zukunft und Lebensqualität. Wir  
brauchen die Kreativität und die Kraft, die Dinge anders zu sehen,  
als wir es gewohnt sind, und den Mut, die Dinge anders anzupa-  
cken, als sie schon immer gemacht wurden. Das gilt für die Zukunft  
von Demokratie und Menschenrechten ebenso wie für eine Welt  
in Nachhaltigkeit und Frieden. Sport und Bewegung sind wichti-  
ge Aspekte unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens und der  
Selbstverwirklichung jedes Menschen. Sportkultur ist vielfältig und  
Ausdruck einer lebendigen und bunten Gesellschaft.  
1\. Kultureinrichtungen für alle öffnen  
Wir schaffen für alle einen Zugang zu Kunst und Kultur, indem wir  
auf kulturelle Bildung setzen und Kultureinrichtungen vor Ort stär-  
ken. Unser Ziel ist es, dass noch mehr Menschen in die kulturellen  
Räume, in die Theater, Konzertsäle, Kinos, Museen, Clubs und Bi-  
bliotheken kommen. Hierfür bauen wir die Barrieren ab, die physi-  
schen wie die sozialen. Unsere Kulturlandschaft muss für jede und  
jeden interessant, erschwinglich und zugänglich sein.  
Durch kulturelle Bildung wird vielen Menschen die Tür zur Kunst  
aufgestoßen. Schulfächer wie Musik und Kunst sind essentieller  
Bestandteil einer guten Bildung. Dafür brauchen wir genügendTEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
253  
Kunst und Kultur beflügelnPersonal, insbesondere künstlerische Lehrkräfte, und eine stärkere  
Kooperation mit den KollegInnen aus anderen Fachbereichen, Kultur-  
institutionen sowie externen Kulturschaffenden. Die Pilotprojekte  
der Kulturstiftung des Bundes leisten dafür bereits einen wichtigen  
Beitrag, den wir mit zusätzlichen Mitteln unterstützen werden.  
Gleichzeitig erkennen und fördern wir das Potential jugend- und  
subkultureller Räume wie Skaterparks und Jugendzentren. Diese  
Räume sind eine Möglichkeit, die Menschen dort abzuholen, wo sie  
sind – um gemeinsam mit ihnen diese Räume weiterzuentwickeln.  
Auch im außerschulischen Bereich sollen die kulturellen Einrich-  
tungen allen, ganz besonders Kindern und Jugendlichen, offen-  
stehen. Dafür brauchen wir mehr KulturpädagogInnen, die fest in  
den Häusern verankert sind. Wir stärken dezentrale und niedrig-  
schwellige Kulturangebote etwa in Jugendzentren oder Kinder- und  
Jugendtheatern. Wir stellen fest, dass Menschen mit Migrations-  
hintergrund in vielen Kultureinrichtungen unterrepräsentiert sind.  
Hier sehen wir großen Handlungsbedarf und werden die Kulturein-  
richtungen bei der interkulturellen Öffnung stärken. In einer sich  
globalisierenden Welt sind trans- und interkulturelle Projekte und  
Erfahrungen eine große Triebkraft für Kreativität. Mit ihnen ent-  
steht auch ein neues, kritisches und inklusives Bild von Heimat und  
Zugehörigkeit. Nicht zuletzt setzen wir uns für mehr Barrierefreiheit  
ein, damit Kultur allen zugänglich ist. Ein Beispiel für Barrierefrei-  
heit ist unser grünes Engagement für den barrierefreien Film. Un-  
tertitelungen und Audiodeskriptionen für Menschen mit Hör- und  
Sehbehinderungen sind dank unserer Initiative in der Bundesfilm-  
förderung nun verpflichtend. Wir wollen, dass dieses Beispiel breit  
Schule macht – auch im Fernsehangebot.  
2\. Gerechtigkeit für alle Kulturschaffenden  
Eine Gesellschaft ohne KünstlerInnen und Kreative ist arm und leer.  
Privates Kultur-Sponsoring ist wichtig; es kann allein aber keine  
Grundlage für künstlerische und kulturelle Entfaltung liefern. Wir  
müssen Kulturschaffenden so viel Sicherheit bieten, dass sie experi-  
mentieren und auch scheitern können, dass sie uns herausfordern,  
kritisieren oder irritieren können. Kunst und kulturelle Werke wer-ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
254  
Kunst und Kultur beflügelnden dabei von unterschiedlichsten Menschen geschaffen, professi-  
onell, semiprofessionell, aber auch in der Freizeit.  
In Deutschland arbeiten etwa eine Million hochqualifizierte  
Kulturschaffende, KünstlerInnen und Kreative. Alle Kulturschaffen-  
den in Deutschland brauchen angemessene steuerliche und recht-  
liche Rahmenbedingungen. Wir schaffen faire Arbeitsbedingungen  
und mehr soziale Sicherheit und sprechen uns für Mindestabsiche-  
rungen und Honoraruntergrenzen für alle ausgebildeten Interpre-  
tInnen, BühnendarstellerInnen und Lehrenden ohne Festanstellung  
in Kunst und Kultur aus. Wir sorgen dafür, dass sie trotz brüchiger  
Erwerbsbiografien bei der Arbeitslosenversicherung und dem Kran-  
kengeldanspruch abgesichert sind. Die Aneinanderreihung zeitlich  
befristeter Honorarverträge jenseits einer angemessenen Vergü-  
tung wollen wir beenden. Bei der Einführung der Bürgerversiche-  
rung erhalten wir die Prinzipien der Künstlersozialversicherung.  
Auch bei Lehrtätigen in Kunst und Kultur setzen sich Aneinan-  
derreihungen von zeitlich befristeten Honorarverträgen ohne dau-  
erhafte soziale Absicherung immer mehr durch, weit entfernt von  
einer angemessenen Vergütung.  
Die digitale Gesellschaft ist Wirklichkeit und bietet zahlreiche,  
auch neue Möglichkeiten für kulturelle Teilhabe und kulturelle Viel-  
falt. Etablierte Kunstformen können sich im Internet weiterentwi-  
ckeln und neue entstehen, Partizipation und Handeln werden re-  
volutioniert. Wir wollen, dass künstlerische Leistung und kreative  
Arbeit als solche anerkannt und angemessen vergütet wird. Dies  
muss weiterhin Maßgabe bei der Reform und Modernisierung des  
Urheberrechts sein. Wir wollen UrheberInnen und NutzerInnen  
in ihren Rechten stärken und gleichzeitig Respekt und Vertrauen  
zwischen KünstlerInnen und NutzerInnen fördern. Deshalb setzen  
wir auf einen fairen Interessenausgleich. Mit der Reform des Urhe-  
bervertragsrechts stärken wir die UrheberInnen, denn sie sind heu-  
te oft in einer schwachen Verhandlungsposition gegenüber ihren  
GeschäftspartnerInnen, den VerwerterInnen und VermittlerInnen,  
die zwischen UrheberInnen und NutzerInnen stehen. Wir wollen  
das Schlichtungsverfahren über Vergütungsregeln zwischen Krea-  
tiven und VerwerterInnen so gestalten, dass es am Ende zu einem  
für beide Seiten bindenden Ergebnis führt. Außerdem müssen die  
InhaberInnen von Nutzungsrechten die Kreativen auf VerlangenTEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
255  
Kunst und Kultur beflügelndarüber informieren, wie oft ihr Werk oder ihre Leistung genutzt  
wurde und welche Erträge damit erwirtschaftet wurden. Denn nur  
wenn sie umfassend über die Nutzung ihrer Werke oder Leistun-  
gen informiert sind, können UrheberInnen und KünstlerInnen auf  
dieser Grundlage eine angemessene Vergütung verlangen. Wei-  
terhin muss dafür Sorge getragen werden, dass gefundene Verein-  
barungen kontrolliert und im Streitfall auch durchgesetzt werden.  
Urheberpersönlichkeitsrechte müssen auch in der Zukunft gewahrt  
bleiben, damit UrheberInnen auch weiterhin über die Nutzung ihrer  
Inhalte selbst entscheiden können. Leitbild für unsere politische Ar-  
beit in diesem Bereich ist die Allgemeine Erklärung der Menschen-  
rechte: dass jede und jeder das Recht hat, am kulturellen Leben der  
Gemeinschaft frei teilzunehmen, sich an den Künsten zu erfreuen  
und wissenschaftlichen Fortschritt und dessen Errungenschaften  
teilzuhaben. Genauso hat jede und jeder das Recht auf Schutz der  
geistigen und materiellen Interessen, die ihr/ihm als UrheberIn von  
Werken der Wissenschaft, Literatur oder Kunst erwachsen.  
3\. Eine Reform der Kulturförderung  
Wir schaffen eine verlässliche, transparente und öffentliche Kulturfi-  
nanzierung auch in den Zeiten der Schuldenkrisen und der Schulden-  
bremsen. Deshalb wollen wir die bestehenden Fonds, unter anderem  
für Soziokultur und darstellende Künste, unter dem Dach der Kultur-  
stiftung des Bundes stärken und durch ein Programm zur Förderung  
künstlerischer Ausdrucksformen der Jugendkultur ergänzen. Auch  
die Förderung der Kulturarbeit der Vertriebenen ist nicht mehr zeit-  
gemäß und führt oftmals zu Konflikten, statt die Verständigung mit  
unseren Nachbarn voranzutreiben. Wir richten die Förderung ge-  
meinsam neu aus und schaffen mehr Transparenz. Der Kulturstaats-  
minister darf nicht weiterhin allein hinter verschlossenen Türen über  
die Bewilligung von Förderanträgen entscheiden, sondern wir brau-  
chen transparente Kriterien, öffentliche, mitberatende Jurysitzungen  
und eine regelmäßige Evaluation in jedem Förderbereich. Auch die  
Kommunen müssen zur Wahrung ihrer unabhängigen Kulturförde-  
rung vor Ort stärker entlastet werden. Die Mehreinnahmen durch  
die grüne Reform der Erbschaftsteuer sind eine große Chance auchZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
256  
Kunst und Kultur beflügelnfür die Kultur. Als GRÜNE kämpfen wir in Bund, Ländern und Kom-  
munen gemeinsam dafür, dass sie genutzt wird. Wir treten für die  
Unterstützung regionaler kultureller Infrastruktur, wie des örtlichen  
Buchhandels und kleiner lokaler Kinos, ein.  
Wir bekennen uns zur einzigartigen Kulturlandschaft der Bun-  
desrepublik, mit ihren Theatern, Orchestern, der freien Szene und  
den Einrichtungen der Soziokultur. Wir wollen, dass die finanzielle  
Kluft zwischen den etablierten Häusern und der freien Szene nicht  
immer größer wird. Langfristiges Ziel muss sein, die Kooperationen  
mit der freien Szene zu verstetigen und für deren bessere finanzielle  
Absicherung zu sorgen. Wir fördern die verschiedenen Theaterfor-  
men und stärken Produktionsgemeinschaften. Wir sehen uns auch  
in der Verantwortung für die Kultur, die nicht aus öffentlichen Mit-  
teln finanziert wird. Die Entwicklung darf nicht allein den Kräften  
des Marktes überlassen werden. Mehr Unterstützung und Vermitt-  
lung seitens der Politik sind hier notwendig. Wir fordern die Prüfung  
eines KfW-Sonderprogramms Kulturförderung, das bei drohender  
Schließung Überbrückungskredite gewährt. Auch bei der energe-  
tischen Sanierung von Kulturgebäuden sollen Kultureinrichtungen  
von den bestehenden Programmen profitieren.  
Wir heben das Doppelfinanzierungsverbot auf, um gerade auf  
diesem Feld die interministerielle Zusammenarbeit zu fördern. Wir  
planen die Einrichtung eines Fonds für „Ästhetik und Nachhaltig-  
keit“. Denn die ökologische Krise erfordert einen Umbau unserer  
gesamten Gesellschaft, der sich nicht in technischen Fragen wie  
Gebäudesanierung erschöpft, sondern völlig neue Lebensweisen  
hervorbringen wird. Wir müssen aus der Tradition der europäischen  
Stadt eine neue Baukultur mit dem Menschen als zentralem Maß-  
stab entwickeln. Hierfür sind Konzepte, Strategien und Struktu-  
ren des öffentlichen Designs zu entwickeln – „Infrastrukturen des  
Glücks“, die sich den globalen und lokalen Aufgaben stellen, ohne  
das Maß an persönlicher Freiheit einzuschränken. Diese Entwick-  
lung dürfen wir nicht der Sphäre der Ökonomie überlassen – die  
Künste, Kultur und Wissenschaft müssen tatkräftig mitwirken.  
Ob Schauspiel, Musik, Bilder, Filme, Computerspiele oder Bü-  
cher – wir brauchen bei der Förderung einen differenzierten Blick  
auf die verschiedenen Medien. Wir fördern alle kreativen Theater-  
formen und stärken die Produktionsgemeinschaften. Wir fordernTEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
257  
Kunst und Kultur beflügelndie Einrichtung eines Fonds „Neue Musik“ zur Förderung der Pro-  
duktion, Aufführung und Vermittlung neuer musikalischer Werke  
aus allen musikalischen Sparten und unterstützen besonders jun-  
ge MusikerInnen, indem mehr Probe- und Auftrittsmöglichkeiten  
geschaffen werden. Die kulturelle Zwischennutzung leerstehender  
Gebäude wollen wir vereinfachen. Dadurch können wir auch die  
Liegenschaften des Bundes besser nutzen. Die vielfältige Clubland-  
schaft wollen wir erhalten.  
Künstlerinnen und Künstler erhalten bislang für die öffentliche  
Ausstellung ihrer Werke üblicherweise keinerlei Vergütung. Wir for-  
dern daher, dass der Bund eine verpflichtende Ausstellungszahlung  
an bildende Künstlerinnen und Künstler in seine Förderkriterien auf-  
nimmt. Dadurch kann der Bund eine Vorbildfunktion übernehmen  
für Länder, Kommunen und private Aussteller. Graffiti-KünstlerIn-  
nen muss mehr Raum und ihrer Kultur damit auch genug öffentliche  
Entfaltungsmöglichkeit gegeben werden.  
Wir wollen die Filmförderung in Deutschland vom Kopf auf die  
Füße stellen. Bei der Filmförderung geht es um die Verwirklichung  
anspruchsvoller kreativer Projekte – und nicht nur um ausgeklügel-  
te Marketingpläne. Nicht das Schielen nach Hollywood, sondern  
qualitativ hochwertige Filme sind der Garant für nachhaltige Erfol-  
ge des deutschen und europäischen Films. Wir wollen deshalb den  
kulturellen Kriterien in der Filmförderung wieder Gewicht verleihen  
und nehmen die regionale Film- und Medienwirtschaft sowie kleine  
und freie Produktionen in den Blick. Dafür bedarf es auch Reformen  
in den Gremien der Filmförderung. Kreative Filmschaffende müssen  
mehr Einfluss bekommen. Wir unterstützen die Ökologisierung der  
Kulturwirtschaft, von der klimaschonenden Produktion über CO2-  
neutrale Transporte, giftfreie und wiederverwendbaren Werkstoffe  
bis hin zu nachhaltigem Catering. Dahingehend stärken wir auch  
die Förderrichtlinien. Deshalb plädieren wir für eine „Green Film“-  
Initiative in der Bundesfilmförderung. Computerspiele sind kreative  
Werke. Wir wollen die Förderung von kulturell hochwertigen und  
außergewöhnlichen Games über den Computerspielpreis der Bun-  
desregierung hinaus ausdehnen.  
Wir sind stolz auf die vielfältige Literaturlandschaft in der Bun-  
desrepublik und wollen sie unterstützen, indem wir junge AutorIn-  
nen, AutorInnen mit neuen und kreativen Ansätzen fördern undZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
258  
Kunst und Kultur beflügelngute Bedingungen auch für kleine Verlage schaffen. Wir tragen  
dazu bei, dass die Leseförderung intensiviert wird und nicht aus-  
schließlich an Schulen stattfindet. Lesen und Schreiben sind die  
entscheidenden Voraussetzungen für Medien- und Konsumkom-  
petenz, Integration und Inklusion, gesellschaftliche und politische  
Teilhabe. Deshalb wollen wir die öffentlichen, nicht kommerziellen  
Bibliotheken erhalten – als Orte des niedrigschwelligen und kosten-  
günstigen Zugangs zu Literatur und Wissen. Zudem wollen wir die  
elektronische Ausleihe in Bibliotheken vereinfachen.  
Wir brauchen unser kulturelles Erbe als Quelle des Nachdenkens  
und als Zeugnis stetigen Wandels. Deshalb soll die Digitalisierung  
und Archivierung von Video- und Audiokunst, Musik- und Filmar-  
chiven, Flyer- und Streetart, aber auch „flüchtigen“ Künsten, wie  
Theater und Tanz, vorangetrieben und zugänglich gemacht werden.  
Entsprechende Hürden wollen wir abbauen. Ebenso wie das visuelle  
Erbe muss auch das aktenmäßig dokumentierte historische Erbe aus  
den Archiven, Bibliotheken und Museen digitalisiert werden, um  
dauerhaft Teil der Erinnerungskultur bleiben zu können.  
4\. Anstoß für Demokratie und Menschenrechte,  
Nachhaltigkeit und Frieden  
Demokratie braucht Kultur. Kulturelle Orte sind Orte der gesell-  
schaftlichen Begegnung, der produktiven Reibung. Sie sind Keim-  
zellen für demokratische Ideen und Prozesse. Sie schaffen Raum für  
Neues, für Reflexion und Widerspruch, für Debatte und Diskurs.  
Sie sind unser gesellschaftliches Labor – abseits vom Sound des  
Sachzwangs. Kultur ist ein Medium der Freiheit und Individualität.  
Wo sie – auch unter dem Vorwand der „Beleidigung religiöser Ge-  
fühle“ – zum Angriffsziel menschenrechts- und demokratiefeindli-  
cher Kräfte wird, werden wir entschlossen für sie Partei ergreifen.  
Kultur schafft Raum für Protest. Gerade an Orten der Unter-  
drückung und in Zeiten der Verfolgung. Bei systematischen Men-  
schenrechtsverletzungen ist die Kunst oft das einzige Sprachrohr,  
über das Protest uns noch erreicht. Wir müssen diese Kanäle of-  
fenhalten. Künstlerinnen und Künstler, die mutig genug sind auf-  
zustehen und Widerstand zu leisten, finden unsere Solidarität: vomTEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
259  
Kunst und Kultur beflügelnchinesischen Schriftsteller Liao Yiwu bis zur russischen Band Pussy  
Riot, von den Dichterinnen des Arabischen Frühlings bis zum irani-  
schen Filmemacher Jafar Panahi.  
Kultur ist ein wichtiges Mittel in der Präventionsarbeit und im  
Kampf gegen den Rechtsextremismus. Neonazis haben in Regionen  
ohne zureichendes Kulturangebot, ohne Jugendzentren und sons-  
tige Orte der Begegnung, oft ein leichtes Spiel. Deswegen fordern  
wir auch für die kulturellen Initiativen gegen den Rechtsextremis-  
mus und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit eine sichere und  
verstetigte Förderung durch den Bund.  
Kultur stellt Fragen nach einer ökologisch verantwortungsbewuss-  
ten Lebensweise. Diese Fragen und Irritationen können uns aus dem  
alltäglichen Phlegma der ressourcenverschwendenden Bequemlich-  
keit herausreißen. Deshalb werden wir das Politikfeld Kultur in den  
Fortschrittsbericht zur nationalen Nachhaltigkeitsstrategie aufneh-  
men.  
Kulturpolitik ist Friedenspolitik. Auswärtige Kulturpolitik und  
internationaler Kulturaustausch gehören zu den wichtigsten Inst-  
rumenten für Völkerverständigung. Die auswärtige Kulturpolitik  
werden wir deshalb stärken, insbesondere Mittlerorganisationen  
wie Goethe-Institut und Deutscher Akademischer Austauschdienst.  
Wir begreifen kulturelle Verständigung als einen Schlüssel für ein  
zusammenwachsendes Europa und für den notwendigen „Dialog  
der Kulturen“ weltweit. Kultur kann Dialoge mit Ländern eröffnen,  
zu denen es keine weiteren Zugänge gibt. Sie spielt eine wichtige  
Rolle in der Krisenprävention und Konfliktüberwindung. Auch ihre  
Bedeutung für die Entwicklungszusammenarbeit wird zunehmend  
erkannt. Im Sinne der „UNESCO-Erklärung zur kulturellen Vielfalt“  
verstehen wir die Vielfalt der Kulturen als wesentliche Ressource für  
die Zukunft der Menschheit.ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
260  
Kunst und Kultur beflügeln5. Erinnerung wachhalten – Verantwortung übernehmen  
Die Verantwortung Deutschlands für die Verbrechen des National-  
sozialismus und die Vertreibung und Ermordung von über sechs Mil-  
lionen Menschen jüdischer Abstammung muss ihren Niederschlag  
in einer vielfältigen Erinnerungskultur finden. Diese ist umso wich-  
tiger, als bald keine Überlebenden und ZeitzeugInnen des National-  
sozialismus von ihrer Erfahrung berichten können. Auch vor diesem  
Hintergrund hat dieses Land nicht mehr viel Zeit, seine notwendige  
Verantwortung wahrzunehmen. So fand gegenüber der zweitgröß-  
ten Opfergruppe des NS, den sowjetischen Kriegsgefangenen, bis  
heute keine Anerkennung als rassisch Verfolgte und keine Entschä-  
digung statt. Wir werden dies ebenso einfordern wie eine Anerken-  
nung der Opfer der NS-„Euthanasie“-Programme und der Zwangs-  
sterilisation als rassisch Verfolgte des Nationalsozialismus. Gerade  
im Bereich der Bildung müssen neue Formen der Erinnerungskultur  
systematisch verankert werden. Gedenkstätten, Erinnerungsor-  
te, Museen, Bibliotheken und Archive müssen durch eigens dafür  
ausgebildete PädagogInnen gepflegt und bundesweit koordiniert  
werden. Zur Erinnerung gehört für uns, die eigene Vergangenheit  
aufzuarbeiten und in dem Zusammenhang die Auseinandersetzung  
mit Leben und Werk verfolgter KünstlerInnen zu verstärken. Wir  
begrüßen, dass mit auf grüne Initiative hin ein Informationsort „T4“  
zu den NS-Euthanasiemorden entsteht. Erfreulich ist auch, dass es  
in Berlin endlich ein Denkmal für die in der NS-Zeit ermordeten  
Sinti und Roma gibt. Doch es genügt offensichtlich nicht, Denk-  
mäler einzuweihen, denn während wir der im Nationalsozialismus  
ermordeten Sinti und Roma gedenken, betreibt die schwarz-gelbe  
Bundesregierung gegen die Lebenden eine rassistische „Asylmiss-  
brauchs“- oder „Armutszuwanderungs“-Kampagne.  
Aufarbeitung brauchen wir auch bei den Ministerien und Be-  
hörden. Sie sollen ihre NS-Vergangenheit so untersuchen lassen,  
wie wir es etwa im Auswärtigen Amt angestoßen haben. Nötig ist  
jetzt ein systematisches Vorgehen, auch mit Blick auf die großen  
Irritationen im Umgang von Bundesministerien und Behörden mit  
NS-Verbrechern wie Eichmann, Barbie oder Carl Theodor Schütz.  
Wir brauchen klare Kriterien für weitere Untersuchungen und den  
Umgang mit den Ergebnissen. Und eine bessere Koordinierung beiTeilhaben. einmischen. ZukunfT schaffen.  
bundestagswahlprogramm 2013  
bÜnDnis 90/Die GRÜnen  
261  
Kunst und Kultur beflügelnder Aufarbeitung – auf Bundesebene, aber auch in die Länder, Krei-  
se und Kommunen hinein. Denn die NS-Herrschaft war flächen-  
deckend. Und ihre Hinterlassenschaften sind es auch.  
Auch die Geschichte der DDR als Unrechtsstaat muss weiter um-  
fassend und differenziert aufgearbeitet werden. Dazu ist die Stasi-  
Unterlagen-Behörde ein wichtiger Bestandteil. Wir setzen uns dafür  
ein, dass das „Parlament der Bäume gegen Krieg und Gewalt“ von  
Ben Wagin mit den einzigen Mauerresten im Regierungsviertel un-  
ter Denkmalschutz gestellt wird. Die Auseinandersetzung mit dem  
Leben in der DDR, mit der Verfolgung der Künste und der Rolle  
der KünstlerInnen in der DDR und des Stalinismus in der sowjetisch  
besetzten Zone müssen Bestandteil der schulischen Bildung in Ost-  
und Westdeutschland werden.  
Die deutsche Kolonialgeschichte, ihre Verbrechen und Kontinu-  
itäten verdienen mehr Aufmerksamkeit in der Forschung und der  
Erinnerung. Bornierte Renationalisierung der Kultur und des Ge-  
schichtsbildes brauchen wir in einer globalisierten Welt nicht.  
6\. Es lebe der Sport  
Sport ist für die Gesundheit und das Wohlbefinden jedes Menschen  
wichtig und leistet einen wesentlichen Beitrag zum sozialen Zusam-  
menhalt unserer Gesellschaft. Dabei wird der Sport in Deutschland  
von einem einzigartigen zivilgesellschaftlichen Engagement in Ver-  
einen getragen, das wir ausdrücklich unterstützen.  
Deutschland hat eine vielfältige und lebendige Sportkultur. Unse-  
re Sportvereine und Sportstätten sind Orte der Begegnung zwischen  
Menschen unterschiedlichen Geschlechts und Alters, unterschiedli-  
cher Herkunft, sexueller Identität und Religion. Schon die Kleinsten  
lernen beim Sport Teamgeist sowie einen fairen Umgang miteinander  
und erlangen soziale Kompetenzen wie den Umgang mit Erfolgen  
und Misserfolgen. Auch weltweit entfaltet Sport Möglichkeiten des  
Dialogs und des Austauschs. Gleichzeitig verstehen wir Sport als Teil  
des Bildungs- und Gesundheitssystems und wollen Rahmenbedin-  
gungen schaffen, damit alle Menschen am Sport teilhaben können.  
Die barrierefreie Gestaltung von Sportstätten ist vor diesem Hinter-  
grund ebenso wichtig wie die Weiterentwicklung der bestehendenZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
262  
Kunst und Kultur beflügelnSportkonzepte durch die Verbände und Vereine. Längst überfällig ist  
auch die Angleichung der Förderung von olympischem und paralym-  
pischem Sport in allen Bereichen. Wir GRÜNE setzen uns ebenfalls  
dafür ein, dass die Vielfalt des Sports stärker in den öffentlich-recht-  
lichen Medien gezeigt und dadurch sichtbar gemacht wird.  
Neben der Unterstützung des Breitensports setzen wir uns für  
eine transparente Spitzensportförderung ein, bei der die Athletinnen  
und Athleten im Mittelpunkt stehen. Der verantwortungsvolle Um-  
gang mit jungen SportathletInnen erfordert die Etablierung dualer  
Laufbahnen, in denen neben der sportlichen Karriereplanung die  
persönliche Entwicklung in Schule, Studium und Beruf bedacht wird.  
Allen Formen von Gewalt, Rechtsextremismus, Rassismus, An-  
tisemitismus, Islamfeindlichkeit, Sexismus, Homophobie und Trans-  
phobie werden wir zusammen mit Vereinen, Verbänden, zivilgesell-  
schaftlichen Akteuren und sozialpräventiv arbeitenden Expertinnen  
und Experten aktiv entgegentreten. Zu diesem Zweck treten wir  
auch für eine Stärkung der Koordinationsstelle Fanprojekte ein. Wir  
stehen zum selbstverwalteten Sport und werden ihn bei seinem  
Kampf gegen Doping und Korruption sowie für mehr Transparenz  
in den eigenen Strukturen und Entscheidungen unterstützen. Bei-  
des, Doping und Korruption, widerspricht dem Fairness-Gedanken.  
Doping schadet zudem der Gesundheit. Darum brauchen wir ein  
Anti-Doping-Gesetz, eine effektivere Präventionspolitik und eine  
vom Einfluss der Sportfachverbände und von staatlicher Seite un-  
abhängige Nationale Anti-Doping-Agentur Deutschland mit einer  
dauerhaften und ausreichenden Finanzierung. Ziel ist eine nach-  
haltige und effektive Dopingbekämpfung, die auch die Persönlich-  
keitsrechte der Athletinnen und Athleten schützt.  
Potentiale des Sports für Umwelt- und Klimaschutz und den Er-  
halt der biologischen Vielfalt gilt es stärker zu nutzen. Nachhaltig-  
keitsaspekte wollen wir im Sport stärker verankern und Programme  
und Initiativen für einen klima- und umweltfreundlichen Sport un-  
terstützen und fördern. Fairness heißt dabei auch, diesen Bereich  
bei der Durchführung von sportlichen Großveranstaltungen und bei  
der Planung und Weiterentwicklung der Sportstätten mit zu beden-  
ken. Ziel grüner Sportpolitik ist der Einklang von Sport und Natur.TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
263  
Kunst und Kultur beflügelnWer GRÜN wählt …  
• fördert eine vielfältige und zukunftsfähige Kulturlandschaft,  
an der alle teilhaben können.  
• schafft bessere soziale, rechtliche und wirtschaftliche  
Bedingungen für KünstlerInnen und Kulturschaffende.  
• stärkt die freie Szene und sichert die bewährten  
Kulturinstitutionen.  
• wählt kulturelle Bildung von Anfang an.  
• unterstützt das vielfältige Engagement für den Sport und  
setzt sich für einen fairen und barrierefreien Sport ein.  
Schlüsselprojekte  
Kulturschaffenden den Rücken stärken –  
Urhebervertragsrecht reformieren  
Faire Vertragsverhältnisse gibt es nur, wenn Urheberinnen und  
Urheber mit ihren VerwerterInnen auf Augenhöhe verhandeln  
können. In den vergangenen Jahren hat sich gezeigt, dass dies  
nicht gegeben ist. Deshalb fordern wir eine Stärkung der Rechte  
der Urheberinnen und Urheber. Wir wollen das Schlichtungsver-  
fahren über Vergütungsregeln zwischen Kreativen und Verwerte-  
rInnen so gestalten, dass es am Ende zu einem für beide Seiten  
bindenden Ergebnis führt. Außerdem müssen InhaberInnen von  
Nutzungsrechten die Kreativen darüber informieren, wie oft ihr  
Werk genutzt wurde und welche Erträge damit erwirtschaftet  
wurden. Denn nur wenn sie umfassend über die Nutzung ihrer  
Werke informiert sind, können UrheberInnen eine angemessene  
Vergütung aushandeln.Zeit für den grünen Wandel  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BündniS 90/die grünen  
264  
Kunst und Kultur beflügelnKulturschaffende besser absichern –  
faire Zugänge zur Arbeitslosenversicherung schaffen  
Viele KünstlerInnen und Kreative sind sozial zu wenig oder gar nicht  
abgesichert. Auch unstetig Beschäftigte brauchen faire Arbeitsbe-  
dingungen und mehr soziale Sicherheit. Wir ermöglichen deshalb,  
dass diejenigen Arbeitslosengeld erhalten, die mindestens vier Mona-  
te innerhalb zweier Jahre in die Arbeitslosenversicherung einbezahlt  
haben, und schaffen eine befristete Vermittlungspause im SGB II  
und SGB III. Auch die Krankengeldregelung passen wir an: Anstatt –  
wie von Schwarz-Gelb eingeführt – nach sieben Wochen soll spä-  
testens ab dem 15. Tag, in der Regel aber schon ab dem 1. Tag  
ein Krankengeldanspruch möglich sein. Bei der Einführung der Bür-  
gerversicherung werden wir die Prinzipien der Künstlersozialversi-  
cherung erhalten. So schaffen wir die Sicherheit, die kreativer Mut  
braucht.  
Erinnerung für eine bessere Zukunft wachhalten –  
die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit in Ministerien  
und Behörden vorantreiben  
Die nationalsozialistische Herrschaft war flächendeckend. Die  
Aufarbeitung ihrer Hinterlassenschaften ist eine Frage der de-  
mokratischen Selbstvergewisserung. Über den Umgang mit der  
NS-Geschichte in unseren staatlichen Institutionen wird breit  
diskutiert, sie ist ein wichtiges Kapitel demokratischer Erinne-  
rungskultur. Die vom damaligen Außenminister Joschka Fischer in  
Auftrag gegebene Studie zur NS-Vergangenheit des Auswärtigen  
Amtes war ein wichtiger Anstoß. Doch noch gibt es viele offe-  
ne und drängende Fragen und viele Lücken in der Aufarbeitung.  
Wir wollen diese Aufgabe systematisch angehen, Lücken in der  
Aufarbeitung schließen und Kriterien für den Umgang mit den  
Forschungsergebnissen definieren. Dabei wollen wir auch Länder  
und Kommunen einbeziehen.Teilhaben. einmischen. ZukunfT schaffen.  
bundestagswahlprogramm 2013  
bÜnDnis 90/Die GRÜnen  
265  
Unsere Politik vor OrtQ. Unsere Politik vor Ort  
Wie wir bezahlbaren Wohnraum schaffen, Kommunen stark  
machen und zu einem gerechten Ausgleich zwischen den  
Regionen kommen  
Vor Ort wird Politik lebendig. In den Kommunen werden abstrakte  
Gesetze zu Entscheidungen, die unseren Alltag prägen. Wir spüren,  
dass die Luft besser wird, wenn die Bürgermeisterin auf das Fahr-  
rad, Busse und eine intelligente Verkehrsführung setzt. Wir erleben  
aufregende Theaterabende, weil dem Bürgermeister die kulturelle  
Vielfalt am Herzen liegt. Wir merken aber auch, wie prekär die Fi-  
nanzlage ist, wenn das Schwimmbad zubleibt oder es durch das  
Schuldach tropft.  
Wir GRÜNE sind viel vor Ort aktiv und haben deshalb die Si-  
tuation vor Ort immer im Blick. Wir sehen die Sorgen der Bürger-  
meisterInnen, der RätInnen in Städten, Gemeinden und Bezirken.  
Sie leisten Tag für Tag ganze Arbeit, aber werden vom Bund und  
von den Ländern allzu oft allein gelassen. Die Union setzt weiter  
auf viel zu teure Prestigeprojekte – und will die Millionengräber im  
Zweifel auch gegen den Willen der Bevölkerung und auf Kosten ei-  
ner nachhaltigen Infrastruktur durchsetzen. Uns sind hundert kleine  
Bühnen lieber als eine Arena. Statt eines überteuerten Zentralbahn-  
hofs wollen wir schnellere Zugverbindungen in der ganzen Region.  
Grüne Politik vor Ort heißt vor allem bezahlbares Wohnen für  
alle ermöglichen. Wohnen ist ein Grundbedürfnis, hier sind wir zu  
Hause und gestalten Nachbarschaft. Um Mieterinnen und Mieter  
besser vor Verdrängung zu schützen und zukunftsfähigen, bezahl-  
baren Wohnraum zu schaffen, müssen alle Ebenen zusammenar-  
beiten – von der Kommune vor Ort bis zur Bundespolitik.  
Vor Ort ist den meisten Bürgerinnen und Bürgern klar: Die Kom-  
munen brauchen eine stärkere Unterstützung. Wir stehen deshalb  
für einen kooperativen Föderalismus ein, der gleichwertige Lebens-  
verhältnisse in allen Regionen befördert. Natürlich unterscheidet  
sich das Leben in einer Metropole von dem auf dem Lande, aberZeit für den grünen Wandel  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BündniS 90/die grünen  
266  
Unsere Politik vor OrtKommunen müssen überall dazu befähigt sein, die Grundlagen für  
ein gutes, vielfältiges Miteinander zu schaffen.  
Unsere Politik ermöglicht allen Menschen die gesellschaftliche  
Teilhabe vor Ort. Wir unterstützen die Kommunen darin, eine so-  
ziale und kulturelle Infrastruktur zu schaffen, die allen offensteht,  
denn hier entscheidet sich, ob Teilhabe wirklich gelingt.  
Unsere Politik ermöglicht Einmischung vor Ort. Die Menschen  
in den Kommunen haben die Ideen und die Kraft für ein lebendiges  
Gemeinwesen. Was sie brauchen, ist die Möglichkeit zum Mitreden  
und Mittun.  
Unsere Politik schafft vor Ort Zukunft. Indem wir die Kommu-  
nen unterstützen und entlasten, eröffnen wir neue Gestaltungs-  
möglichkeiten und Handlungsspielräume. Wir arbeiten mit an der  
grünen Stadt der Zukunft – vielfältig, solidarisch und nachhaltig.  
1\. Bezahlbar grün wohnen  
Zukunftsfähige Wohnungspolitik heißt vor allem, soziales Miet-  
recht, gemeinwohlorientierten Wohnungsbau und die energeti-  
sche Modernisierung der Gebäude zusammen zu denken. Denn  
während einige Regionen mit Wohnungsleerstand kämpfen, wird  
Wohnraum in wirtschaftsstarken Regionen immer knapper und  
teurer. Schon heute leben in Deutschland drei von vier Personen  
in Städten. Das weckt spekulative Begehrlichkeiten und erhöht den  
Druck auf die Mieterinnen und Mieter. Doch unsere Städte sind  
Städte für alle Bürgerinnen und Bürger – statt Spielwiesen für Spe-  
kulantInnen. Niemand soll aus dem eigenen Viertel ziehen müssen,  
weil die Miete plötzlich zu hoch ist. Die negativen Auswirkungen  
von Gentrifizierung können wir nicht länger hinnehmen und haben  
dafür auch die passenden Antworten.  
Der größte Preistreiber sind aktuell die Wiedervermietungsmie-  
ten. Sie sollen künftig nicht höher als 10 % über der ortsüblichen  
Vergleichsmiete liegen dürfen, wo Wohnraummangel herrscht. In  
laufenden Verträgen bremsen wir den Mietanstieg durch die Dros-  
selung der regelmäßigen Erhöhung der ortsüblichen Vergleichsmie-  
te. Auch im Zuge von Modernisierungen senken wir die Mieterhö-  
hung auf maximal 9 % der Kosten pro Jahr und beschränken sieTEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
267  
Unsere Politik vor Ortauf die energetische Sanierung sowie altersgerechten Umbau. Den  
Kommunen geben wir bessere Instrumente an die Hand, indem wir  
das Baugesetzbuch reformieren, so dass auch die Einführung von  
Mietobergrenzen und erweiterter Schutz vor den Nachteilen der  
Eigentumsumwandlung möglich sind. Auch die Maklergebühren  
sind vielerorts zu einem echten Kostenfaktor geworden. Deshalb  
soll den Makler oder die Maklerin bezahlen, wer ihn oder sie be-  
auftragt.  
Vielerorts wird der Druck auf die MieterInnen durch die Finanz-  
krise und die damit einhergehenden Immobilienspekulationen mit  
Mietsteigerungen, Eigentumsumwandlung und neuem Luxuswoh-  
nungsbau noch erhöht. Es trifft vor allem Menschen mit niedrigen  
und ungesicherten Einkommen und verschärft damit die soziale  
und räumliche Spaltung der Gesellschaft. Die Zahl der Haushalte,  
die mehr als 40 % ihres Einkommens für das Wohnen aufwenden  
müssen und in Transferleistungen gezwungen werden, steigt be-  
drohlich an. Frauen, die häufiger als Männer Kinder allein erziehen  
und im Schnitt geringere Löhne und Renten haben, sind davon in  
besonderem Maß betroffen. Auch deshalb muss der soziale Woh-  
nungsbau in Deutschland eine Renaissance erleben. Seit dem Jahr  
2000 ist die Zahl der Sozialwohnungen in Deutschland um fast  
ein Drittel gesunken – mit entsprechenden Folgen für die Miete-  
rInnen. Doch nun stellt sich die Frage der Sicherung sozialer und  
öffentlicher Wohnungsbestände neu. Der Bund soll die Länder und  
Kommunen besser beim sozialen Wohnungsbau und bei gezielten  
Ankäufen in innerstädtischen Lagen unterstützen. Die Kompensati-  
onsmittel des Bundes sollen bis 2019 weiterhin an die Bundesländer  
zweckgebunden gezahlt werden. Anders als in den 70er Jahren dür-  
fen aber keine Ghettos am Stadtrand hochgezogen werden, denn  
Sozialwohnungen gehören in lebendige Stadtteile. Das Wohngeld  
sollte wieder als Instrument gestärkt werden, um zu verhindern,  
dass Haushalte in die Transferleistungen gedrängt werden. Auch  
die Verhinderung von Obdachlosigkeit ist uns ein wichtiges Ziel.  
Dafür brauchen die Kommunen zunächst eine bundesweite Woh-  
nungsnotfallstatistik.  
Beim Handeln mit Immobilien wollen wir die Finanzinvestoren  
steuerlich erreichen. Auch im Umgang mit verwahrlosten Immo-  
bilien, sogenannten Schrottimmobilien, und zur Sicherung derZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
268  
Unsere Politik vor OrtWohnqualität wollen wir die Handlungsmöglichkeiten der Kom-  
munen stärken. Dazu hat eine Enquete-Kommission des Landtags  
NRW wegweisende Empfehlungen gegeben. Nicht zuletzt wollen  
wir prüfen, ob gesetzliche Regelungen für eine neue gemeinwohl-  
orientierte Wohnungswirtschaft wieder sinnvoll sind, und sagen,  
dass Wohnungen in öffentlicher Hand nur noch notfalls verkauft  
werden sollen – und dann bevorzugt an nachhaltig wirtschaftende  
Gesellschaften. Die Gründung stadtteilorientierter Genossenschaf-  
ten unterstützen wir ebenfalls – zum Beispiel indem wir für Bewoh-  
nerInnen, die sich zu Wohngenossenschaften zusammenschließen,  
ein Vorkaufsrecht einführen.  
Die energetische Modernisierung der Wohnungen und aller an-  
deren Gebäude ist ein zentraler Bestandteil der Energiewende. 40 %  
der Energie werden hier verbraucht – besonders für warme Woh-  
nungen. Allein 2012 sind die Heizkosten um 12 % gestiegen. Ener-  
getische Modernisierung ist die beste Absicherung für bezahlbare  
Wärmekosten in der Zukunft. Gerade weil wir GRÜNE uns für einen  
klimaneutralen Gebäudebestand bis 2050 starkmachen, setzen wir  
uns für eine sozial ausgewogene Mieten- und Wohnungspolitik ein.  
Dabei zielen wir auf Warmmietenneutralität ab. Wir setzen auf In-  
formation und Transparenz – mit dem Energiebedarfsausweis für  
Gebäude, der auch Angaben zum Energieverbrauch enthält, öko-  
logischen Mietspiegeln und einem Netz von Beratungszentren. Das  
haben wir auch im Energiekapitel beschrieben (vgl. B. 5. Bezahlba-  
re Wärme und Strom für alle). Für neue Gebäude wollen wir den  
Niedrigstenergiestandard vorgeben, doch der Fokus liegt auf dem  
Bestand. Hier sind besonders private KapitalgeberInnen gefragt, so  
dass wir auch die richtigen Anreize setzen. Die Sanierungsquote soll  
durch zielgruppengerechte Förderung und Planungssicherheit auf  
3 % ansteigen. Die energetische Modernisierung muss bezahlbar  
und die Kosten gerecht verteilt sein – zwischen EigentümerInnen,  
MieterInnen und Staat. Nur so können die notwendigen Investi-  
tionen sozialverträglich gestaltet werden. Dazu wollen wir das  
KfW-Gebäudesanierungsprogramm mit 2 Mrd. Euro jährlich aus-  
statten und verstetigen. Zusätzlich wollen wir den Energiesparfonds  
in Höhe von jährlich 3 Mrd. Euro einrichten, mit dem wir beson-  
ders Maßnahmen in Stadtteilen mit vielen einkommensschwachen  
Haushalten fördern wollen. Inwieweit eine steuerliche FörderungTEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
269  
Unsere Politik vor Ortfür private Hausbesitzer sinnvoll ist, soll neu ausgelotet werden. So-  
ziale Härten sollen mit einem Klimazuschuss zum Wohngeld und  
einem Klimabonus bei den Kosten der Unterkunft aufgefangen  
werden. Mit dieser Gesamtstrategie schaffen wir die Energiewen-  
de im Gebäudebestand, lösen eine Investitionsoffensive aus und  
schaffen Arbeitsplätze.  
2\. Die grüne Stadt entwickeln  
Wir entwickeln unsere Städte weiter – zu Orten für ein vielfältiges  
und nachhaltiges Miteinander, mit kurzen Wegen und vielen Grün-  
flächen, mit heterogenen Vierteln, kulturellen Treffpunkten und  
lebendigen Innenstädten. Es sollen Lebens- und Gestaltungsräume  
für alle Bürgerinnen und Bürger werden, in denen sich Kinder, aber  
auch Alte oder Menschen mit Behinderung frei bewegen können.  
Grüne Städte sind bunt, kreativ, lebendig – und für alle da. Des-  
halb erhalten wir öffentliche Freiräume und schaffen mehr Platz  
für Menschen und Initiativen, die sich vor Ort für eine lebenswerte  
Stadt einsetzen. Integrierte Stadtentwicklung ist der Kern grüner  
Stadtpolitik und bildet die Voraussetzung für ein vielfältiges Mitei-  
nander. Bei städtebaulichen Planungen sollen AnwohnerInnen frü-  
her informiert und verbindlich beteiligt werden. Gerade junge Men-  
schen brauchen hier spezifische Programme und Ansprachen, um  
an den Bauplanungsprozessen beteiligt zu werden. Dafür ändern  
wir das Bau- und Planungsrecht und knüpfen Programme an ent-  
sprechende Bedingungen. Auch wollen wir die Mittel für die Städ-  
tebauförderung, insbesondere für die Programme Soziale Stadt,  
Stadtumbau und Denkmalschutz, mittelfristig erhöhen. Denn diese  
Programme sind seit 40 Jahren ein wichtiges Instrument zur Erneu-  
erung unserer Städte, um das uns viele Länder beneiden. Die Initi-  
ative „Nationale Stadtentwicklungspolitik“ wollen wir neu beleben  
und weiterentwickeln. Die Mittel des Europäischen Strukturfonds  
sollen ab 2014 verstärkt für die ökologisch-soziale Stadtentwick-  
lung eingesetzt werden.  
Grüne Städte leben von der Vielfalt in den Vierteln. Dafür stär-  
ken wir im Sinne der Sozialen Stadt die dauerhafte Teilhabe in heu-  
te benachteiligten Stadtteilen. Dafür brauchen wir die verbindlicheZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
270  
Unsere Politik vor OrtZusammenarbeit zwischen den verschiedenen Politikbereichen.  
Zusätzlich zu baulichen Maßnahmen sollen Aktivitäten wie Vernet-  
zung, Bildung oder bürgerschaftliches Engagement gefördert wer-  
den. Außerdem koppeln wir Neubauprojekte an die Schaffung von  
bezahlbarem Wohnraum. Wir wollen den gesetzlichen Auftrag der  
Bundesanstalt für Immobilienaufgaben neu regeln. Wenn Brach-  
flächen, wie alte Kasernengelände, verkauft werden, sollen nach-  
haltige und stadtpolitische Faktoren berücksichtigt werden, damit  
nicht nur das Höchstgebot zählt. Auch das Erbbaurecht sollte zum  
Beispiel gegenüber dem Verkauf häufiger eingesetzt werden.  
Grüne Städte sind Bürgerstädte. Sie brauchen Wirtschaftsviel-  
falt und Eigentumsvielfalt. Wir wollen den inhabergeführten Einzel-  
handel als wichtiges Element lebendiger Innenstädte stärken. Auch  
Klein- und Mittelbetriebe in Ballungsgebieten leiden unter explo-  
dierenden Gewerbemieten. Den Anstieg wollen wir auf ein für die  
Betriebe wirtschaftlich tragbares Maß begrenzen und dafür unter-  
schiedliche Maßnahmen prüfen.  
Grüne Städte sind auch der richtige Ort für den Klimaschutz.  
Dafür stärken wir die Innenstädte, minimieren den Flächenver-  
brauch im Umland und verbinden urbane Dichte mit Stadtgrün so-  
wie Stadtnatur im Baurecht und bei den Förderprogrammen. Mit  
unserem Konzept der energetischen Quartierssanierung, das durch  
den Energiesparfonds finanziert wird, können die Kommunen eine  
behutsame Stadterneuerung und die Abstimmung von Investitio-  
nen auf die Wohnraumnachfrage und Stadtentwicklung umsetzen.  
Fehlinvestitionen werden vermieden und Kosten gesenkt. Eine de-  
zentrale Energieversorgung und effiziente Leitungssysteme werden  
geplant und gebaut. Wir stärken aber auch die Anreize, verstärkt  
ökologisch nachhaltige Baustoffe zu verwenden und die Baukultur  
sowie urbane Lebensqualität zu pflegen und weiterzuentwickeln.  
Eine wichtige Aufgabe wird dabei die energetische und die funk-  
tionale Modernisierung der kommunalen Infrastrukturen, bei der  
die Anpassung und Ertüchtigung der vorhandenen Gebäude und  
Anlagen Vorrang vor Neubau haben muss. Dies soll gemeinsam mit  
den Bürgerinnen und Bürgern entwickelt werden – transparent und  
auf Augenhöhe.TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
271  
Unsere Politik vor Ort3. Mehr Grün im ländlichen Raum  
Deutschland wird durch eine Vielzahl von unterschiedlichen ländli-  
chen Regionen geprägt. Sie bestimmen durch ihre wirtschaftlichen  
Potentiale, ihre landschaftlichen Reize und ihre landwirtschaftlichen  
Strukturen den Charakter unseres Landes. Leider wurde der länd-  
liche Raum in den letzten Jahren zunehmend vernachlässigt. Die  
Folge ist, dass immer mehr Menschen wegen besserer Bildungs-,  
Berufs- und Lebensgestaltungsmöglichkeiten in die großen Städ-  
te und Ballungsräume ziehen und die, die bleiben, im Durchschnitt  
immer älter werden. Besonders für die strukturschwachen Regi-  
onen fehlen Konzepte für eine nachhaltige Entwicklung, und ein  
verschärfter Strukturwandel in der Landwirtschaft verändert das  
Aussehen unserer Dörfer stark. Deshalb müssen wir die bisherigen  
Förderinstrumente besser auf diese Herausforderungen ausrichten  
und dafür sorgen, dass Grund und Boden nicht zu bloßen Spekula-  
tionsobjekten werden.  
Klar ist, dass wir gemeinsam mit den Menschen vor Ort die  
Rahmenbedingungen verändern müssen, denn ländliche Räume  
sollen sich eigenständig entwickeln können. Wir wollen sie dabei  
unterstützen, eine bessere regionale Vernetzung sowie regionale  
Wirtschaftskreisläufe mit regionaler Weiterverarbeitung, Vered-  
lung und Vermarktung aufzubauen. Wir setzen deshalb Anreize  
zur interkommunalen Zusammenarbeit und beseitigen die beste-  
henden Rechtsunsicherheiten und steuerlichen Hindernisse. Auch  
der Naturtourismus bietet in Verbindung mit dem Erhalt der Kultur-  
landschaft und der Förderung von Biolandwirtschaft neue Perspek-  
tiven und wir wollen dafür sorgen, dass die Bürgerinnen und Bürger  
besser an der Energiewende teilhaben können. Dazu unterstützen  
wir BürgerInnennetzwerke und Bioenergiedörfer zur regionalen  
Energieversorgung.  
Wir wollen das Leben wieder in die Zentren der Dörfer und  
Kleinstädte holen, denn kurze Wege für alle Generationen sind  
auch auf dem Land möglich: Statt eines Supermarkts für die Region  
brauchen wir viele kleine Läden in den Ortszentren. Wo nötig un-  
terstützen wir dafür auch mobile Versorgungssysteme oder Dorf-  
ladenkonzepte, die mehr als nur Einzelhandel betreiben, sondern  
zusätzliche Dienstleistungen anbieten. Den ungebremsten NeubauZeit für den grünen Wandel  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BündniS 90/die grünen  
272  
Unsere Politik vor Ortauf der grünen Wiese wollen wir stoppen. Außerdem führen wir  
einen Demografiecheck zur Abschätzung der lokalen Bevölkerungs-  
entwicklung sowie eine obligatorische Folgekostenbetrachtung vor  
der Ausweisung neuer Baugebiete ein. Wir müssen aber die Kom-  
munen auch besser dabei unterstützen, für junge Menschen gut  
erreichbare Betreuungs- und Bildungsangebote zu schaffen. Und  
damit es für alte Menschen genügend Wohnungen gibt, unterstüt-  
zen wir altersgerechte Umbauten durch eine gezielte Förderung, ein  
besseres Informationsangebot und rechtliche Änderungen.  
Bei der Gesundheitsversorgung stehen wir im ländlichen Raum  
vor besonders großen Herausforderungen. Sie muss besser auf Be-  
dürfnisse alter Menschen ausgerichtet werden – bei weniger Ange-  
boten und weiteren Wegen. Wir brauchen eine bessere Vernetzung  
und eine andere Aufgabenteilung. Die Pflegekräfte spielen dabei  
eine Schlüsselrolle. Sie sollen mehr Verantwortung übernehmen  
können. Nicht zuletzt brauchen wir flexible Versorgungsformen wie  
Fahrdienste oder mobile Praxisteams, die Einführung und Anwen-  
dung von telemedizinischen Diensten und den Ausbau von ambu-  
lanten Wohn- und Betreuungsangeboten als übergreifende mobile  
Versorgungsdienste und genügend Präventions- und Hilfsangebote  
für Menschen mit problematischen Konsummustern von legalen  
und illegalen Drogen.  
Unsere Politik für den ländlichen Raum soll auch die Zivilgesell-  
schaft stärken. Rassismus, Homophobie und andere Diskriminie-  
rungen gibt es leider zu häufig und in manchen Dörfern treiben  
Nazis uneingeschränkt ihr Unwesen. Wo andere lieber schweigen,  
sprechen wir die Tatsachen an und unterstützen das zivilgesell-  
schaftliche Engagement der Bürgerinnen und Bürger vor Ort durch  
ein vielfältiges kulturelles Angebot, Bildungs- und Teilhabemöglich-  
keiten wie z. B. selbstverwaltete Jugendräume und andere alternati-  
ve Projekte als Keimzellen gesellschaftlicher Veränderungen.  
Wir unterstützen die Kommunen dabei, eine gut funktionierende  
Infrastruktur bereitzustellen. Im Netz- und im verkehrspolitischen  
Kapitel beschreiben wir die passenden Lösungen für das Internet  
und den öffentlichen Nahverkehr, so dass auch Menschen, die kein  
Auto haben, vielfältige Möglichkeiten der Lebensgestaltung erhal-  
ten. Wenn die Unterauslastung von Wasser- und Abwassernetzen  
zum Problem wird, bevorzugen wir dezentrale und nachhaltige Lö-TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
273  
Unsere Politik vor Ortsungen. Auch Ausnahmen beim Anschluss- und Benutzungszwang  
müssen für abgelegene Wohneinheiten möglich werden.  
Auf nationaler Ebene wollen wir mehr Mittel aus den Europäi-  
schen Strukturfonds für die Entwicklung des ländlichen Raumes zur  
Verfügung stellen. Auch der integrierte Fondseinsatz muss zur An-  
wendung kommen, um flexible und bedarfsgerechte Fördermög-  
lichkeiten in den Regionen zur Verfügung zu haben. Ziel muss eine  
integrierte ländliche Entwicklung unter Beteiligung der Bürgerinnen  
und Bürger sein.  
4\. Kommunale Handlungsfähigkeit stärken  
Unsere Ansprüche an die Kommunen sind hoch, denn wir wollen  
gute Institutionen für alle. Vor Ort werden die Weichen für die ge-  
sellschaftliche Teilhabe der Menschen gestellt. Doch die finanzielle  
Lage ist zum Teil dramatisch. Die Einnahmen sind in der Krise ein-  
gebrochen und viele haben sich bis heute nicht erholt. Steigende  
Sozialausgaben führen zu zusätzlichen Kosten für die kommunalen  
Haushalte. Das alles führt zu immer mehr Schulden und beschnei-  
det die Handlungsfähigkeit massiv.  
In vielen Kommunen werden die Menschen deshalb in Form  
hoher Gebühren, maroder Infrastruktur und durch den Verlust an  
Lebensqualität übergebührlich belastet. Doch die Hilfe von Bund  
und Ländern bleibt vielerorts aus. Stattdessen verkünden sie weite-  
re Aufgaben und übertragen den Kommunen die Verantwortung,  
ohne die entsprechenden Mittel bereitzustellen. Wir stehen für ei-  
nen fairen Umgang mit den Städten und Gemeinden. Zusätzliche  
Aufgaben müssen immer durch zusätzliche Mittel gedeckt sein.  
Das Konnexitätsprinzip muss also endlich auch auf Bundesebene  
verankert werden. Darüber hinaus muss der Bund die Kommunen  
bei den Sozialausgaben spürbar entlasten. Wir erhöhen dazu in ei-  
nem ersten Schritt den Bundesanteil an den Kosten der Unterkunft  
auf 35 %, in einem zweiten auf 37,7 %. Damit entlasten wir die  
Kommunen um 1 Mrd. Euro. Außerdem wollen wir die bisherige  
Eingliederungshilfe durch ein Teilhabeleistungsgesetz ablösen und  
den Bund angemessen an der Finanzierung beteiligen. Eine ent-  
sprechende Reform der Eingliederungshilfe muss die Ziele der UN-ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
274  
Unsere Politik vor OrtBehindertenrechtskonvention befördern und einen Strukturwandel  
einleiten hin zur Stärkung der Selbstbestimmung und Teilhabe. Die  
Angebote und Leistungsformen gilt es hierauf auszurichten und  
auszustatten. Die Entwicklung des inklusiven Gemeinwesens kann  
und darf nicht allein Aufgabe und Pflichtleistung der Kommunen  
sein. Kosten, die aus einem Teilhabegesetz erwachsen, dürfen nicht  
komplett auf Länder und Kommunen abgewälzt werden.  
Das Geld fehlt auch für wichtige Investitionen – sei es in neue  
Zukunftsprojekte wie Bildung und Energie, sei es für dringend not-  
wendige Sanierungen. Leere Kassen und einseitige Wettbewerbs-  
vorgaben für kommunale Unternehmen erhöhen den Druck auf  
die Kommunen, ihre Leistungen zu privatisieren. Wieder einmal  
versucht die EU-Kommission mit Unterstützung von Schwarz-Gelb  
zentrale Bereiche der Daseinsvorsorge wie die Wasserver- und  
-entsorgung durch hohe Auflagen an Stadtwerke, Zweckverbände  
und interkommunale Kooperationen zu beschneiden. Doch häufig  
haben Privatisierungen mehr Probleme geschaffen als gelöst. Oft  
bedeutet dies, Gewinne zu privatisieren und Verluste zu sozialisie-  
ren, denn das Risiko trägt letztlich die Allgemeinheit. Privatisierun-  
gen sind nur im Ausnahmefall sinnvoll und müssen an harte Bedin-  
gungen geknüpft werden.  
Wir GRÜNE stehen für eine Stärkung und Weiterentwicklung  
verlässlicher und qualitativ hochwertiger öffentlicher Güter und  
Institutionen. Wir wissen, wie wichtig es ist, die politische Steu-  
erungsfähigkeit der Kommunen, Transparenz und die demokra-  
tische Kontrolle sicherzustellen, wenn es um die Zukunft der Da-  
seinsvorsorge geht. Wir unterstützen Städte und Gemeinden, die  
ihre Leistungen wieder selbst erbringen wollen. Dazu wollen wir  
die wirtschaftliche Betätigung von Kommunen sichern und die in-  
terkommunale Zusammenarbeit fördern. Ein Weg kann auch die  
Bildung von Regionalkreisen sein, in denen die Kernstadt mit den  
Umlandkreisen eine gebietskörperschaftliche Einheit bildet.  
Aufgaben der Daseinsvorsorge von der Wasserversorgung bis  
zur Abfallbeseitigung wurden in den letzten Jahren vielfach in Ge-  
sellschaften privaten Rechts in kommunaler Eignerschaft oder mit  
Beteiligung privaten Kapitals überführt. Dadurch werden die kom-  
munalpolitischen Grundsätze der Transparenz und der Kontrolle  
durch den Gemeinderat ausgehöhlt. Eine Beteiligung der Öffent-TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
275  
Unsere Politik vor Ortlichkeit wird in zentralen Bereichen der Daseinsvorsorge praktisch  
unmöglich gemacht. Deshalb fordern wir öffentliche Aufsichtsrats-  
sitzungen und Informationspflichten auch kommunaler öffentlicher  
Unternehmen.  
Obwohl Kommunen ihre Beschaffung grundsätzlich nach ökolo-  
gischen und sozialen Kriterien ausrichten können, schöpft die Ver-  
gabepraxis diese rechtlichen Möglichkeiten oft nicht aus. Die Ent-  
scheidung fällt häufig immer noch für das billigste Angebot, obwohl  
es bei einer Betrachtung über den gesamten Lebenszyklus hinweg  
wirtschaftlichere Alternativen gäbe. Wir wollen deshalb prüfen, wie  
Dumpingangebote automatisch und rechtssicher aus dem Vergabe-  
verfahren ausgeschlossen werden können.  
Die Finanzlage der Kommunen muss insgesamt verbessert wer-  
den. Die wichtigste Maßnahme ist eine Gemeindefinanzreform,  
die eine aufgabengerechte Finanzausstattung der Kommunen im  
Grundgesetz sicherstellt. Wir fordern den Erhalt der Gewerbesteu-  
er, die Weiterentwicklung einer kommunalen Wirtschaftssteuer  
und eine Reform der Grundsteuer. Dazu haben wir ein Modell dis-  
kutiert, nach dem die Grundsteuer nach den aktuellen, pauschalier-  
ten Verkehrswerten berechnet werden soll. Leitplanken sind für uns  
GRÜNE: eine verfassungsfeste, gerechte Besteuerung ohne ökolo-  
gische Fehlanreize. Das Hebesatzrecht liegt bei den Kommunen.  
5\. Regionen bedarfsgerecht und nachhaltig fördern  
Wir stehen für eine solidarische Politik, die geschwächte Struktu-  
ren stärkt und zurückgebliebene Regionen dabei unterstützt, sich  
neu aufzustellen. In Ostdeutschland ist viel bewegt worden. Die  
Menschen dort haben in einem schwierigen Transformationspro-  
zess Großartiges geleistet. Aber die wirtschaftliche Finanzkraft ist  
nach wie vor niedriger als in den alten Ländern. Solidarische Unter-  
stützung wird noch lange notwendig sein, doch der Solidarpakt II  
läuft 2019 aus. Wir glauben, dass im Anschluss eine Förderung von  
Kommunen in strukturschwachen Regionen nach Bedarf der richti-  
ge Weg ist. Allen Kommunen stehen große Herausforderungen im  
Zuge der Schuldenbremse ins Haus. Durch die Krise wurden beson-  
ders strukturschwache Regionen, die schon aufgrund des demogra-ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
276  
Unsere Politik vor Ortfischen Wandels unter erheblichem Druck stehen, hart getroffen.  
Viele dieser Kommunen in den neuen, aber auch in den alten Bun-  
desländern können diese Probleme nicht allein lösen. Insbesondere  
bei der Altschuldentilgung brauchen sie Hilfe.  
Ostdeutschland ist neben einzelnen Regionen im Westen – auch  
und gerade in den ländlichen Räumen – flächendeckend von den  
verschiedensten Auswirkungen der demografischen Entwicklung  
betroffen und muss mit diesen umgehen. Diese Prozesse laufen im  
Osten beschleunigt und in erheblichen Größenordnungen ab. Ne-  
ben dem politischen Willen, in den ländlichen Räumen ein gutes  
Leben zu ermöglichen, sind hier volkswirtschaftlich intelligente Lö-  
sungen gefragt. Dezentralität und Subsidiarität sind für uns dabei  
wichtige Grundprinzipien.  
Wir werden die aktuelle Förderstruktur auch mit Blick auf  
Nachhaltigkeitskriterien auf den Prüfstand stellen. Die Kommu-  
nen, Regionen und Länder bestärken wir darin, fair gehandelte  
und ökologische Produkte zu kaufen. Mit Hilfe von Fördermitteln  
und Regionalfonds können die verschiedenen AkteurInnen aus ei-  
ner Region zusammenarbeiten und die Möglichkeiten ihrer Region  
gemeinsam stärken. Die Wertschöpfung wollen wir in der Region  
halten; etwa durch ein Regionalsiegel. Die nachhaltige Bewirt-  
schaftung und Pflege unserer vielfältigen Kulturlandschaft ist für  
die Menschen in der Region wichtig. Auch der Tourismus profitiert  
davon und sollte deshalb einen Beitrag dazu leisten.  
6\. Kooperativer Föderalismus  
Wir stärken die Zusammenarbeit zwischen den föderalen Ebenen,  
ohne die Entscheidungsfreiheit der Länder und Kommunen zu be-  
schneiden. Das Gegenteil ist der Fall. Erst durch eine partnerschaft-  
liche Kooperation kann die Politik vor Ort ihrer Aufgabe gerecht  
werden und die Lebenswirklichkeit der Menschen positiv gestalten.  
Die Zinszahlungen für die aufgelaufenen Schulden belasten Länder  
und Kommunen in erheblichem Maße. Wir wollen sie mit einem  
Altschuldentilgungsfonds entlasten, damit alle die Chance haben,  
die Schuldenbremse einzuhalten.TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
277  
Unsere Politik vor OrtDie Verhandlungen über die Finanzbeziehungen zwischen Bund,  
Ländern und Kommunen sind verzwickt. Die derzeitige Mittelver-  
teilung gleicht einem unübersichtlichen Flickenteppich und diese  
Verstrickung der Einnahmequellen verhindert eine sinnvolle Über-  
windung der strukturellen Finanzierungslücke in den Kommunen.  
Wir wollen die Neuordnung des Länderfinanzausgleichs für die  
Zeit nach 2019 mit einer Föderalismusreform III verbinden. Dar-  
in werden wir auch die anderen Finanzströme zwischen Bund und  
Ländern sowie die finanzielle Situation der Kommunen einbeziehen.  
Außerdem wollen wir dafür Sorge tragen, dass der Länderfinanz-  
ausgleich nach Bedürftigkeit, fair, anreizkompatibel und solidarisch  
ausgestaltet wird. Anstrengungen für Mehreinnahmen, Effizienz  
und Einsparungen müssen sich für alle Bundesländer lohnen. Eines  
steht für uns schon fest: Das Grundgesetz muss wieder gemein-  
sames Handeln von Bund, Ländern und Kommunen ermöglichen.  
Wir setzen uns schon lange dafür ein, das Kooperationsverbot im  
Bildungsbereich abzuschaffen und die Kooperationsmöglichkeiten  
in der Wissenschaft zu erweitern. Den Ländern und Kommunen  
fehlen einfach die finanziellen Mittel, um die gesamtstaatlichen He-  
rausforderungen für den notwendigen Bildungsaufbruch mit guten  
Ganztagsschulen zu bewältigen. Es ist an der Zeit, mehr Koopera-  
tion zu ermöglichen.  
Wer GRÜN wählt …  
• sorgt für bezahlbares und klimaschonendes Wohnen.  
• entwickelt Städte, Gemeinden und ländliche Räume grün  
und lebenswert.  
• gibt den Kommunen ihre Handlungsfähigkeit zurück.  
• fördert Regionen nachhaltig und bedarfsgerecht.  
• steht für einen kooperativen Föderalismus.ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
278  
Unsere Politik vor OrtSchlüsselprojekte  
Bezahlbares Wohnen ermöglichen – soziales Mietrecht,  
gemeinwohlorientierten Wohnungsbau und energetische  
Modernisierung zusammen denken  
In unseren Städten werden rasant steigende Mieten zu einem im-  
mer größeren Problem. Dagegen wollen wir vorgehen und die Ver-  
drängung von Menschen aus ihren Vierteln stoppen. Wir werden  
die regelmäßige Erhöhung der ortsüblichen Vergleichsmiete stär-  
ker begrenzen. Bei Wohnraummangel wollen wir Obergrenzen für  
Wiedervermietungsmieten ermöglichen. Die Länder unterstützen  
wir besser beim sozialen Wohnungsbau. Mieterhöhungen durch  
Modernisierungen senken wir auf maximal 9 % und beschränken  
sie auf den Abbau von Barrieren sowie die energetische Moder-  
nisierung. Mit gezielter Förderung und einem Klimazuschuss zum  
Wohngeld senken wir die Kosten für die energetischen Modernisie-  
rungen ab. So schaffen wir Wohnqualität und bezahlbare Wohnun-  
gen, die fit sind für die Energiewende.  
Städte und Gemeinden zukunftsfähig machen –  
der Städtebauförderung neuen Schwung geben  
Die Programme der Städtebauförderung wurden kräftig gestutzt,  
obwohl uns viele Länder darum beneiden. Denn damit können  
Kommunen investieren, um ihre Infrastruktur auszubauen. Deshalb  
wollen wir die Fördermittel für dieses Programm wieder schrittwei-  
se erhöhen. Dabei nehmen wir besonders das Programm Soziale  
Stadt zur Stärkung sozial benachteiligter Stadtteile und die Förde-  
rung des Stadtumbaus in Kommunen mit Wohnungsleerstand und  
Industriebrachen in den Blick. Wir wollen zusätzlich die energeti-  
sche Quartierssanierung einbeziehen. So bekommen die Kommu-  
nen mehr Freiheit und Flexibilität beim Einsatz der Mittel. Damit  
können wir die Infrastruktur unserer Städte besser auf Teilhabe und  
die Energiewende ausrichten.Teilhaben. einmischen. ZukunfT schaffen.  
bundestagswahlprogramm 2013  
bÜnDnis 90/Die GRÜnen  
279  
Unsere Politik vor Ort  
Die Kommunalfinanzen stärken – Unterstützung durch den  
Bund bei den Kosten der Unterkunft  
Die Finanzlage vieler Kommunen ist so dramatisch, dass vor Ort  
keinerlei Gestaltungsspielraum besteht. Trotzdem müssen wir  
überall die Teilhabe aller ermöglichen. Dafür schaffen wir einen  
fairen Umgang mit den Städten und Gemeinden, indem künftig  
zusätzliche Aufgaben des Bundes für die Kommunen immer durch  
zusätzliche Mittel vom Bund gedeckt werden müssen. Außerdem  
entlasten wir die Kommunen bei den derzeitigen Kosten für die  
Mieten von ALG-II-BezieherInnen. Dafür soll der Bund künftig  
1 Mrd. Euro zusätzlich bereitstellen. So unterstützen wir die Kom-  
munen dabei, eine gerechte und solidarische Sozialpolitik umzu-  
setzen.Zeit für den grünen Wandel  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BündniS 90/die grünen  
280  
Unser gemeinsames EuropaR. Unser gemeinsames Europa  
Warum Europa unsere Zukunft ist  
Die Europäische Union ist viel mehr als nur ein gemeinsamer Wirt-  
schafts- und Währungsraum. Die EU der 28 Mitgliedsländer ist Ort  
der Freiheit und Vielfalt, des Friedens und der Demokratie. Die EU  
hat jahrhundertealte Gegensätze überwunden und einen historisch  
einmaligen innereuropäischen Frieden geschaffen. Deswegen hat  
sie letztes Jahr zu Recht den Friedensnobelpreis erhalten.  
Ohne Zweifel kann und muss man mit Blick auf die EU viel kri-  
tisieren und man kann auch vieles verbessern. Doch Europapolitik  
findet nicht nur im fernen Brüssel statt, sondern beginnt bei der  
Kommunalpolitik und durchzieht alle politischen Bereiche vom Um-  
welt- bis zum Verbraucherschutz. Europapolitik ist Innenpolitik und  
die Bundestagswahl somit auch eine wichtige Entscheidung über  
die Zukunft Europas. Um das unfertige europäische Projekt gerech-  
ter, sozialer und nachhaltiger weiterzubauen, braucht es die rich-  
tigen politischen Mehrheiten. Die EU steckt derzeit in einer tiefen  
Identitätskrise, doch Europa ist unsere Zukunft. Gestalten wir sie  
gemeinsam.  
Viele Bürgerinnen und Bürger, auch in Deutschland, haben nicht  
mehr die Erwartung, dass die EU ihnen automatisch Wohlstand und  
Sicherheit in einer globalisierten Welt bringt. Häufig schieben Po-  
litikerinnen und Politiker die Schuld auf die Brüsseler Kommission,  
so manche schwarz-gelbe PolitikerInnen erwecken allzu gerne den  
Eindruck, dass es nur ein deutsches Europa bräuchte oder unser  
Land gar besser allein weitermachen sollte, um alle Probleme zu lö-  
sen. Wieder andere wie Angela Merkel setzen auf eine Stärkung der  
nationalen Ebene und würden am liebsten alles in Hinterzimmern  
unter den 28 Staats- und RegierungschefInnen ausdealen.  
Doch wissen wir ebenso wie die große Mehrheit der Bundesbür-  
gerinnen und -bürger, dass es die Rückkehr zu nationalen Allein-  
gängen nur unter Inkaufnahme extremer sozialer, wirtschaftlicher  
und politischer Gefahren gibt. Wir sagen „Ja“ zu Europa und setzen  
uns ein für ein Europa der Bürgerinnen und Bürger.Teilhaben. einmischen. ZukunfT schaffen.  
bundestagswahlprogramm 2013  
bÜnDnis 90/Die GRÜnen  
281  
Unser gemeinsames EuropaMischen wir uns ein für ein demokratisches Europa! Wir GRÜNE  
setzen auf ein gemeinsames Europa, in dem Parlamente und eu-  
ropäische Zivilgesellschaft transparent und aktiv mitentscheiden,  
denn ohne demokratische Legitimation ist keine politische Ent-  
scheidung auf Dauer tragfähig. Wir wollen, dass die EU innerhalb  
wie außerhalb ihrer Grenzen zur glaubwürdigen Anwältin der Bür-  
ger- und Menschenrechte und des Friedens wird. Dies ist und bleibt  
für Europa auch im 21. Jahrhundert eine historische Verpflichtung.  
Bekennen wir uns zu einem solidarischen Europa! Wir GRÜNE  
machen uns stark für eine handlungsfähige EU, die den global agie-  
renden Akteuren an den Finanzmärkten selbstbewusst entgegen-  
tritt. Die damit auch und ganz besonders den jungen Menschen in  
Südeuropa, für die die Finanzkrise eine reale Katastrophe geworden  
ist, die Teilhabe an den Errungenschaften des europäischen Sozial-  
staates verschafft.  
Kämpfen wir für ein gerechtes Europa! Die einseitige und un-  
solidarische Kürzungspolitik unter Führung der schwarz-gelben  
Bundesregierung hat dazu geführt, dass sich die Wirtschaftskrise in  
den südeuropäischen Ländern zusätzlich verschärfte. Die Arbeitslo-  
sigkeit wächst – insbesondere unter der Jugend – ins Unerträgliche  
und immer mehr Menschen werden in Armut und Existenzunsicher-  
heit getrieben. Die Gesundheitsversorgung in Griechenland kolla-  
biert. Eine grün geprägte Bundesregierung wird nicht hinnehmen,  
dass auf dem Rücken der Ärmsten gespart wird.  
Und schaffen wir eine europäische Zukunft! Wir GRÜNE wol-  
len die kommende Bundestagswahl nutzen, um den Politikwech-  
sel auch in Europa voranzubringen. Die vollständige Abwahl von  
Schwarz-Gelb ist ein wichtiger Schritt, um einen neuen Abschnitt  
der europäischen Integration zu beginnen, der das stärker zusam-  
menführt, was nur europäisch gemeinsam geleistet werden kann,  
ohne die Subsidiarität zu vergessen. Wir wollen aus der EU eine  
Vorreiterin in friedlicher Nachbarschaft machen, im Klimaschutz  
und im nachhaltigen Wirtschaften, und ihre Vorreiterrolle in Bezug  
auf die Gleichstellung zwischen Frauen und Männern ausbauen.  
Wir kämpfen mit allen Bürgerinnen und Bürgern gemeinsam dafür,  
dass es wieder gerechter zugeht in Deutschland, Europa und der  
Welt.ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
282  
Unser gemeinsames Europa1. Für ein europäisches Deutschland  
Um Europa herum steht die Welt nicht still. Aber sie dreht sich auch  
nicht mehr so viel um Europa wie früher. Europas Rolle in der Welt  
ändert sich. Europa muss seine Verantwortung neu finden. Dabei  
gilt: Europa gewinnt zusammen – oder verliert. In Zeiten der Globa-  
lisierung, angesichts endlicher Ressourcen und einer Klimakatastro-  
phe, deren Ausmaß immer deutlicher wird, kann kein europäischer  
Nationalstaat die Probleme im Alleingang lösen. Dies geht nur ge-  
meinsam – mit der EU und mit starken demokratischen europäi-  
schen Institutionen.  
Auch wirtschaftlich profitiert Deutschland von einer starken EU.  
60 % der deutschen Exporte gehen in andere EU-Mitgliedsländer.  
Ohne die Stärke des Binnenmarktes wäre die deutsche Wettbe-  
werbsfähigkeit auch international kaum zu sichern. Schon aus wirt-  
schaftlichem Eigeninteresse darf Deutschland daher Europas südli-  
che Mitgliedsländer nicht hängen lassen. Doch der Rolle als größtes  
und wirtschaftlich stärkstes EU-Mitgliedsland wird Deutschland  
politisch in keiner Weise gerecht. Seit Anbeginn der Finanz- und  
Staatsschuldenkrise blockierte oder verzögerte Kanzlerin Merkel  
notwendige Reformschritte und setzte einseitig auf „Sparen, spa-  
ren und nochmal sparen“, statt eine Balance in einer Politik der So-  
lidität, Solidarität und Nachhaltigkeit zu finden. Damit hat sie die  
Krise verschärft und die finanziellen Risiken der europäischen Steu-  
erzahlerInnen vervielfacht.  
Wir GRÜNE werben stattdessen für ein europäisches Deutsch-  
land innerhalb einer Wirtschafts- und Solidarunion. Das haben wir  
im Kapitel „Anders wirtschaften“ bereits ausführlich beschrieben.  
Darüber hinaus braucht die EU einen gestärkten Haushalt, der den  
wachsenden Aufgaben der Union Rechnung trägt. Wir brauchen  
eine klare Prioritätensetzung, die die Ausgaben in den Bereichen  
mit europäischem Mehrwert stärkt. Wir wollen nicht, dass agroin-  
dustrielle Großbetriebe oder ein sinnloses Projekt wie der Fusions-  
reaktor ITER mit Milliarden subventioniert werden, während immer  
mehr bäuerliche Kleinbetriebe aufgeben müssen oder für das Eras-  
mus-Programm zu wenig Mittel zur Verfügung stehen. Im Sinne  
haushaltspolitischer Subsidiarität muss die EU ihre Schwerpunkte  
dort setzen, wo sie Gelder besser und effizienter ausgeben kann alsTeilhaben. einmischen. ZukunfT schaffen.  
bundestagswahlprogramm 2013  
bÜnDnis 90/Die GRÜnen  
283  
Unser gemeinsames Europadie einzelnen Mitgliedsstaaten. Der Eigenmittelanteil muss erheb-  
lich ausgeweitet und die intransparenten Rabattregelungen abge-  
schafft werden. Die Mitgliedsstaaten müssen ihren Zusagen nach-  
kommen und die EU mit den entsprechenden Mitteln versorgen,  
um die sich verschärfende Zahlungskrise zu beenden und drohende  
Zahlungsausfälle bei den EU-Förderprogrammen zu vermeiden.  
Schengen und die damit verbundene Reisefreiheit sind zentrale  
Grundpfeiler der EU und müssen vor populistischer Stimmungsma-  
che durch die schwarz-gelbe Koalition geschützt werden. Mitglieds-  
staaten dürfen die Reisefreiheit nicht im Alleingang einschränken.  
Wir GRÜNE wollen, dass die Wiedereinführung von Grenzkontrol-  
len im Schengenraum allerletztes Mittel bleibt und nur gemeinsam  
auf europäischer Ebene entschieden und überprüft werden darf;  
verstärkte Einwanderung ist für uns definitiv kein Grund für die  
Schließung der Binnengrenzen. Genauso wichtig ist uns die Wah-  
rung der ArbeitnehmerInnenfreizügigkeit in der EU. Wir machen  
nicht mit beim schwarz-gelben Populismus gegen Menschen aus  
Zentraleuropa. Wir weisen besonders die Diskriminierung von  
Roma zurück. Alle EU-BürgerInnen, gleich welcher Herkunft oder  
Ethnie, sollen auch in Zukunft die Möglichkeit haben, sich in einem  
anderen EU-Land Arbeit zu suchen. Herausforderungen wie mas-  
sive Armut und Arbeitslosigkeit, Diskriminierung oder Korruption  
müssen wir gemeinsam europäisch und in Zusammenarbeit mit  
den entsprechenden nationalen und regionalen Akteuren angehen,  
statt zentrale Rechte von UnionsbürgerInnen zu beschneiden.  
Entgegen der Position anderer Parteien ist für uns GRÜNE die  
Erweiterung der Europäischen Union nicht abgeschlossen. Wir ste-  
hen zu der Erweiterungsagenda von Thessaloniki und wollen alle  
Staaten des westlichen Balkans ohne Änderung ihrer Grenzen in  
die EU integrieren. Die Erweiterungspolitik ist für uns eine Erfolgs-  
geschichte – auch wenn in der Vergangenheit Fehler gemacht wur-  
den. Deswegen unterstützen wir die Forderung, dass der Beitritt  
jedes einzelnen Landes von dem konkreten Fortschritt im Beitritts-  
prozess abhängig gemacht wird. So ist die Erweiterungspolitik ein  
Instrument für Frieden und Stabilität, aber auch für Rechtsstaat,  
Freiheitsrechte, Demokratie, Sozialstandards und Umweltschutz  
auf dem Kontinent Europa. PartnerInnen in diesem Prozess sind vor  
allem die Zivilgesellschaft und progressive AkteurInnen, die noch  
stärker unterstützt werden müssen. Die neuen Verfahren könnenZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
284  
Unser gemeinsames Europaauf dem westlichen Balkan aber dazu führen, dass gerade die Staa-  
ten, die unter den Kriegen des letzten Jahrzehnts des 20. Jahrhun-  
derts am meisten zu leiden hatten, noch am weitesten von einem  
EU-Beitritt entfernt sind. Daher wollen wir neue Transitionsverfah-  
ren etablieren, um nicht neue unüberwindbare Grenzen mitten in  
der Region zu schaffen.  
Die Europäische Union muss, 50 Jahre nach dem entsprechen-  
den Assoziationsabkommen, endlich für neuen Schwung in den  
Beitrittsverhandlungen mit der Türkei sorgen. Diese müssen fair,  
ergebnisorientiert und auf Augenhöhe geführt werden. Für uns  
stehen hierbei Demokratie und Menschenrechte vor Ort im Vor-  
dergrund. In der Türkei gibt es nach wie vor Defizite, z. B. im Fall  
von Pressefreiheit, Frauenrechten und Minderheitenschutz. Gerade  
ein ernsthafter Beitrittsprozess verspricht jedoch den meisten Re-  
formerfolg. Bei den bestehenden Kriterien darf es keine Abstriche  
geben. Das Ziel der Verhandlungen ist der Beitritt, sobald diese  
Kriterien erfüllt sind. Wir wollen die Zugehörigkeit zur EU nicht  
von religiösen Identitäten abhängig machen. Ungeachtet dessen  
muss die EU in der Gestaltung ihrer Nachbarschaftspolitik aktiver  
werden. Auch den Menschen in den Staaten östlich der EU und im  
Mittelmeerraum muss ein menschenwürdiges Leben in einem de-  
mokratischen Rechtsstaat ermöglicht werden. Die demokratischen  
Reformbemühungen in Nordafrika und der arabischen Welt sollte  
die Europäische Union im Rahmen ihrer Nachbarschaftspolitik un-  
terstützen. Wir wollen, dass sich Deutschland für Erleichterungen  
bei der Visavergabe, dem Marktzugang und der Arbeitsmigration  
einsetzt sowie den Austausch in den Bereichen Bildung, Sport und  
Kultur mit dieser Region fördert. Die Liberalisierung der europä-  
ischen und deutschen Visapolitik ist ein entscheidender Schlüssel  
für Reformanstöße und gesellschaftlichen Wandel außerhalb der  
Europäischen Union. Deswegen setzen wir uns auch in den Staaten  
östlich der EU für eine weitere Unterstützung der demokratischen  
Reformbemühungen ein und wollen, dass Deutschland sich im Rah-  
men der EU für die generelle Überprüfung der Visumspflicht der  
einzelnen Staaten starkmacht und insbesondere darauf hinwirkt,  
dass die Visumspflicht für Menschen aus den Ländern der Östlichen  
Partnerschaft, Russland, Kosovo und der Türkei zügig aufgehoben  
wird. Grundsätzlich stehen wir für eine starke gemeinsame europä-  
ische Außen- und Menschenrechtspolitik.TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
285  
Unser gemeinsames Europa2. Für ein demokratisches Europa  
Unsere Antwort auf das „Europa der nationalen Regierungen“ ist  
eine gestärkte europäische Demokratie, deren Weg transparent  
und mit den Bürgerinnen und Bürgern erarbeitet wird. Die europä-  
ische Demokratie wird oft so beschrieben, als bestehe sie nur aus  
einem Demokratiedefizit. Dieses Zerrbild lebt auch von der Polemik  
derjenigen, die für alles, was schiefgeht, regelmäßig „Europa“ die  
Verantwortung zuschieben, während dies ja de facto nie ohne die  
Mitwirkung der Nationalstaaten geschieht. Doch es gibt tatsäch-  
lich Demokratiedefizite. Eines liegt – auf der nationalen Ebene; es  
besteht in der intransparenten Europapolitik der Regierungen, die  
versuchen sich der parlamentarischen Kontrolle zu entziehen. Der  
Bundestag hat hier jedoch – insbesondere auf grünes Betreiben –  
schon viele Verbesserungen durchgesetzt. Ein zweites Demokratie-  
defizit entsteht aus dem gerade von der Bundesregierung betrie-  
benen intergouvernementalen Herangehen an mehr europäische  
Zusammenarbeit, wodurch das Europaparlament um seine Kont-  
rollverantwortung gebracht wird. Auch die Institutionalisierung  
der Eurogruppe zu Lasten der demokratischen Institutionen wirkt  
in diese Richtung. Der Gemeinschaftsmethode ist grundsätzlich  
Vorrang vor intergouvernementalem Handeln einzuräumen. Wie  
in der Vergangenheit kann es notwendig sein, im Einzelfall vorü-  
bergehend unterschiedliche Geschwindigkeiten der Integration zu  
entwickeln. Dabei ist es wichtig, dass die Institutionen und Regeln  
des Gemeinschaftsrechts der Rahmen der Zusammenarbeit sind.  
Unsere grüne Strategie für mehr Demokratie in der EU setzt auf  
eine starke Allianz der Parlamente aller Ebenen – und auf die aktive  
Einmischung der EuropäerInnen. Deswegen haben wir uns von An-  
fang an für die Einführung der Europäischen Bürgerinitiative stark  
gemacht. Diese wollen wir weiter stärken und mittelfristig in Rich-  
tung eines europäischen Volksentscheides entwickeln. Bei der ins-  
titutionellen Weiterentwicklung bauen wir auf einen öffentlichen  
Europäischen Konvent zur Zukunft der EU. Er darf aber nicht zum  
Expertenzirkel verkommen. Stattdessen sollen unter dem Vorsitz  
des Europäischen Parlaments Vertreterinnen und Vertreter der EU-  
Kommission, der nationalen Parlamente und Regierungen sowie  
der Zivilgesellschaft und SozialpartnerInnen zusammentreten, umZeit für den grünen Wandel  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BündniS 90/die grünen  
286  
Unser gemeinsames Europadie Verfasstheit der Europäischen Union unter dem Gesichtspunkt  
einer effektiveren und breiter legitimierten Arbeitsweise insbeson-  
dere zu institutionellen Fragen sowie in den Bereichen Wirtschaft,  
Haushalt, Finanzen, Soziales und Demokratie zu erarbeiten. Der  
Konvent muss in seiner Zusammensetzung der TeilnehmerInnen die  
Gesellschaft widerspiegeln.  
Um die Mitbestimmung der europäischen BürgerInnen auf allen  
politischen Ebenen zu gewährleisten, wollen wir die Unionsbürger-  
schaft ausbauen. Wir treten dafür ein, dass alle EU-BürgerInnen das  
Wahlrecht in dem Mitgliedsstaat erhalten, in dem sie ihren ständi-  
gen Wohnsitz haben, und dies nicht nur für Kommunalparlamente  
und das Europaparlament, sondern auch bei regionalen und natio-  
nalen Wahlen, wenn sie seit fünf Jahren dort leben.  
Das Europäische Parlament soll endlich das Recht erhalten, ei-  
gene Gesetzesinitiativen vorzuschlagen und den/die EU-Kommissi-  
onspräsidentIn zu wählen. So soll es zum zentralen Debatten- und  
Entscheidungsort der europäischen Politik werden und muss volles  
Mitentscheidungsrecht in allen Politikbereichen erhalten. Wenn die  
EU mehr Kompetenzen erhalten soll, muss das mit mehr Kontroll-  
rechten für das Europäische Parlament einhergehen. Wo die EZB  
als Bankenaufsicht tätig ist, muss die demokratische Rechenschafts-  
pflicht der EZB gegenüber dem Europaparlament erhöht werden.  
Das Parlament muss ein Mitspracherecht bei den Krisenmechanis-  
men und der Economic Governance erhalten.  
Die Parteien sollen bei Europawahlen künftig Spitzenkandida-  
tInnen nominieren, unter denen nach der Wahl entsprechend ih-  
rem Ergebnis der/die EU-KommissionspräsidentIn gekürt werden  
soll. Wir treten damit auch für eine stärkere Personalisierung der  
Europawahl ein. Zusätzlich zu den jeweils national bestimmten  
KandidatInnen soll deshalb ein Teil der Abgeordneten über trans-  
nationale Listen gewählt werden. Auch müssen starke Regeln ein-  
geführt werden, die die Transparenz der europäischen Institutionen  
erhöhen und den großen Einfluss der Unternehmenslobby in Brüssel  
eindämmen.  
Zu einem demokratischen Europa gehört jedoch mehr als Refor-  
men der Arbeitsweise der Europäischen Union. Viel zu oft hat die  
EU wie ein Papiertiger agiert, wenn Menschenrechte in Mitglieds-  
ländern verletzt wurden und etwa die Pressefreiheit systematischTEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
287  
Unser gemeinsames Europaeingeschränkt oder Roma aufs Schlimmste diskriminiert wurden.  
Die Kommission sollte daher viel öfter die bestehenden Möglich-  
keiten nutzen, Gelder einzufrieren, wenn Mitgliedsländer gegen  
elementare Werte der Union verstoßen. Außerdem sollte diese  
Möglichkeit auf alle Teile des Unionshaushalts ausgedehnt werden.  
Statt die EU-Außengrenzen immer weiter hochzurüsten und  
stillschweigend zu tolerieren, dass Jahr für Jahr tausende Flücht-  
linge auf dem Weg in die EU im Mittelmeer ertrinken, wollen wir  
unser außen- und entwicklungspolitisches Handeln stärker darauf  
ausrichten, die gesellschaftlichen, ökonomischen und ökologischen  
Ursachen von Flucht und Vertreibung zu bekämpfen. Etwa durch  
Vereinfachung von finanziellen Transfers („Rücküberweisungen“)  
und die Möglichkeit, durch längeren Aufenthalt im Herkunftsland  
die wirtschaftliche Situation vor Ort positiv zu beeinflussen, ohne  
dabei aufenthaltsrechtliche Konsequenzen in Kauf nehmen zu müs-  
sen. Wir wollen ein faires Asylsystem schaffen und legale Zuwan-  
derung ermöglichen. FRONTEX leistet dies nicht. Deshalb fordern  
wir einen institutionellen Neuanfang. Wir wollen eine gemeinsame  
Grenzpolitik der EU, welche die rechtlichen Normen Europas wahrt,  
die Menschenrechte garantiert, das Recht auf Asyl durchsetzt,  
Flüchtlinge aus Seenot rettet und durch das Europäische Palament  
kontrolliert wird. Kostenintensive und aus daten- und menschen-  
rechtlichen Gründen höchst bedenkliche Vorschläge wie Eurosur  
und „smart borders“, die die Abschottung der EU zementieren,  
lehnen wir daher ebenfalls ab. Wir wollen zudem die Regelung ab-  
schaffen, nach der Flüchtlinge nur in denjenigen EU-Staaten auf-  
genommen werden können, in denen sie als Erstes angekommen  
sind (Dublin-II-Abkommen). Flüchtlinge sollen selbst entscheiden,  
wo sie Asyl beantragen. Zudem brauchen wir einheitliche, hohe  
Asylstandards in allen Mitgliedsländern. Wir werden in Brüssel eine  
Roadmap für ein EU-weites solidarisches Asylsystem initiieren, mit  
dem alle Mitgliedsstaaten gleichermaßen Verantwortung über-  
nehmen und das Flüchtlingen ein Leben in Würde in ganz Euro-  
pa ermöglicht. Zudem braucht es eine rechtliche Verankerung des  
Schutzes von Umwelt- und Klimaflüchtlingen in der EU und welt-  
weit, aufbauend auf bereits bestehenden lokalen und regionalen  
Initiativen sowie Entschlüssen der internationalen Gemeinschaft auf  
VN-Ebene.ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
288  
Unser gemeinsames EuropaZu einem demokratischen Europa gehört eine starke und leben-  
dige Zivilgesellschaft. Mit einem freiwilligen Europäischen Jahr für  
alle – für junge wie für ältere Menschen – können wir eine euro-  
päische Zivilgesellschaft noch weiter stärken und alle mitnehmen.  
Deshalb fordern wir einen umfassenden Ausbau eines europäischen  
Freiwilligendienstes für alle Generationen, getragen von zivilgesell-  
schaftlichen Organisationen, und eine gute finanzielle Grundaus-  
stattung durch öffentliche Mittel.  
3\. Für eine europäische Energiewende  
Mit der deutschen Ausstiegsentscheidung sind die Risiken der  
Atomtechnologie noch nicht gebannt. Die Bundesregierung muss  
sich für einen EU-weiten Atomausstieg einsetzen. Sie muss ihre  
Möglichkeiten nutzen, um den Neubau von Atomkraftwerken zu  
verhindern, und energiepolitische Alternativen aufzeigen. Solange  
in der EU noch Atomkraftwerke betrieben werden, müssen für alle  
verbindliche Sicherheitsstandards auf dem Stand von Wissenschaft  
und Technik gelten. Die Bundesregierung ist in der Pflicht, die Bür-  
gerinnen und Bürger bei grenznahen Neubauprojekten von Atom-  
kraftwerken in Nachbarstaaten zu informieren und Einwände der  
Bevölkerung gegenüber den Nachbarstaaten zu vertreten.  
Die deutsche Energiewende soll Europa ökologisch-innovative  
Impulse geben. Dazu muss sie aber auch gut in die gesamteuro-  
päische Energielandschaft integriert werden. Dafür brauchen wir  
eine europäische Energieinfrastruktur, einen funktionierenden  
Emissionshandel, einen integrierten europäischen Energiemarkt mit  
funktionierendem Wettbewerb und eine konsequent auf niedrigen  
CO2-Ausstoß setzende europäische Industriepolitik. Wir setzen uns  
für umfassende europäische Investitionen zur energetischen Nut-  
zung von Sonne und Wind und zur Förderung von Energieeffizienz  
und -einsparung ein, vor allem in den von der Eurokrise stark be-  
troffenen südeuropäischen Regionen. Mit einer europäisch voran-  
getriebenen Energiewende wollen wir gleichzeitig zukunftsfähige  
Beschäftigungsfelder schaffen. Auch die groß angelegte Subven-  
tionierung von fossilen und atomaren Energieträgern muss been-  
det werden. Die deutsche Energiewende braucht die europäischeTEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
289  
Unser gemeinsames EuropaEbene, um zu funktionieren, und für die Energiewende in der EU  
brauchen wir endlich eine Bundesregierung, die den Umbau des  
Energiesektors auch auf EU-Ebene engagiert vertritt.  
Die Mitgliedsstaaten der EU haben allein 2011 für den Import  
von Erdöl mehr als 400 Mrd. US-Dollar bezahlt. Gleichzeitig ist  
der Ehrgeiz beim Ausbau der Erneuerbaren und bei der Steigerung  
der Energieeffizienz verflogen. Auch beim Klimaschutz kann von  
einer europäischen Vorreiterrolle kaum mehr die Rede sein. Die Po-  
litik der EU, das von ihr mit beschlossene Ziel, die Schwelle von 2  
Grad weltweiter Klimaerwärmung nicht zu überschreiten, ist längst  
zur Farce verkommen. Allen Risiken zum Trotz hält eine politische  
Mehrheit aus Konservativen, Sozialisten und Liberalen am alten  
Energiemix auf der Basis der Hochrisikotechnologie Atomkraft und  
dreckiger Kohle fest.  
Statt den alten Konzepten und Lobbyinteressen weiter hinter-  
herzurennen, wollen wir ein Europa, das auf Energieeinsparung,  
Energieeffizienz und Erneuerbaren Energien aufbaut. Damit können  
wir Umwelt- und Naturschutz europaweit vorantreiben, Energiear-  
mut abfedern, werden unabhängig von teurer werdenden fossilen  
Energieträgern, schaffen die nötigen Anreize für technische Innova-  
tionen und damit neue Arbeitsplätze im Rahmen unseres europäi-  
schen Green New Deals. Zudem ist eine bessere Koordinierung der  
europäischen Netzstruktur eine Möglichkeit, die Schwankungen  
der Erneuerbaren Energien auszugleichen. Mit business as usual  
werden wir das jedoch nicht schaffen. Deswegen setzen wir uns für  
eine Europäische Gemeinschaft für Erneuerbare Energien (ERENE)  
ein. Zudem sollten auch die Nachbarstaaten der EU, und dabei ins-  
besondere die Beitrittskandidaten, in den Umbau der Energiesyste-  
me mit einbezogen werden. Auch wollen wir noch im Vorfeld des  
kommenden UN-Klimagipfels 2013 in Warschau das derzeitige Ziel,  
den EU-weiten CO2-Ausstoß bis 2020 um 20 % zu reduzieren, auf  
mindestens 30 % erhöhen. Zudem treten wir für die Abschaffung  
von Euratom ein. Solange es keine Mehrheit für die Abschaffung  
des Euratom-Vertrages gibt, setzen wir uns für eine Reform von  
Euratom und eine Überführung in den EUV ein, um Euratom endlich  
der demokratischen Kontrolle zu unterstellen.ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
290  
Unser gemeinsames Europa4. Für ein soziales Europa der Bürgerinnen und Bürger  
Einer der größten Skandale in Europa heute ist die grassierende  
Jugendarbeitslosigkeit in vielen Mitgliedsländern. In Spanien und  
Griechenland sind mehr als 50 % der am besten ausgebildeten  
Generation, die diese Länder je kannten, seit längerem arbeitslos.  
Auf europäischer Ebene haben wir GRÜNE uns deswegen für eine  
Jugendgarantie eingesetzt, nach höchstens vier Monaten Arbeits-  
losigkeit eine Beschäftigung, Lehrstelle oder Weiterbildung ange-  
boten zu bekommen. Deren Verwirklichung – das heißt vor allem  
deren Finanzierung – können wir aber nicht den jeweiligen Län-  
dern selbst überlassen. Denn denjenigen, die eine solche Garantie  
am meisten brauchen, stehen die wenigsten Mittel zu Verfügung.  
Der neu eingerichtete EU-finanzierte Sonderfonds, der in Regionen  
mit sehr hoher Jugendarbeitslosigkeit eingesetzt wird, ist ein erster  
Schritt, der jedoch nicht ausreicht. In Solidarität mit den Mitglieds-  
staaten sollte der Fonds so lange aufrechterhalten und gegebenen-  
falls erhöht werden, bis die Arbeitslosigkeit unter der Jugend signi-  
fikant und dauerhaft zurückgeht.  
Die europäische Einigung lebt grundsätzlich davon, dass die  
Menschen, die Regionen und die Staaten in Europa füreinander  
einstehen. Dem Grundprinzip der europäischen Solidarität und der  
gemeinsamen sozialen Absicherung kommt in der derzeitigen Kri-  
se ein besonderer Stellenwert zu. Angesichts einer sich europaweit  
öffnenden Schere zwischen Arm und Reich reicht es nicht, nur am  
nationalen Rad zu drehen! Europa krankt heute an Unterbietungs-  
wettbewerben bei Löhnen, Steuern und sozialen Standards.  
Deswegen wollen wir eine soziale Fortschrittsklausel im EU-  
Primärrecht einführen, die eine stärkere Balance gegenüber den  
Grundfreiheiten des Marktes herstellt. Außerdem wollen wir das  
Armutsgefälle verringern, das Einkommensgefälle zwischen den  
Mitgliedsstaaten abschwächen und die Lohnunterschiede zwischen  
Frauen und Männern minimieren. Zu einem sozialen Europa ge-  
hören für uns außerdem gemeinsame soziale Mindeststandards,  
wie ein Mindestlohn und eine Grundsicherung, die sich jeweils am  
nationalen BIP orientieren, sowie das Recht auf eine gute Gesund-  
heitsversorgung. Gerade in Zeiten, in denen immer mehr Menschen  
während ihres Berufslebens in unterschiedlichen EU-Mitglieds-Teilhaben. einmischen. ZukunfT schaffen.  
bundestagswahlprogramm 2013  
bÜnDnis 90/Die GRÜnen  
291  
Unser gemeinsames Europaländern tätig sind, wollen wir eine verbesserte Anrechnung von  
Renten- und Arbeitslosenansprüchen erreichen und dafür sorgen,  
dass eine gute Gesundheitsversorgung nicht nur ein Privileg we-  
niger ist.  
Wir stehen für eine andere – eine faire – europäische Steuerpo-  
litik, die den Steuerwettlauf innerhalb Europas eindämmt und Steu-  
ervermeidung, Steuerhinterziehung und Steuerdumping verhindert.  
Das haben wir im Kapitel „Besser haushalten – Ökologisch, gerecht  
und wirtschaftlich vernünftig: die grüne Steuerpolitik“ sehr genau  
beschrieben.  
Auch mit Blick auf die Krise in den Euroländern wollen wir eine  
fundamentale Abkehr vom Kurs der Merkel-Regierung, der nur zu  
mehr Ungerechtigkeit führt. Was wir anders machen wollen, ha-  
ben wir im Kapitel „Anders wirtschaften – Die Krise überwinden“  
sehr genau beschrieben. So könnten nicht nachhaltige wirtschaft-  
liche Entwicklungen in Form eines sogenannten Booms oder eine  
die Grundlagen des sozialen Zusammenhalts bedrohende Rezession  
zum wechselseitigen Vorteil gelindert werden. Im Gegensatz zur  
Bundesregierung sind wir in Europa gegenüber einer Weiterent-  
wicklung innovativer Modelle offen und bringen neue Konzepte zur  
Abwehr der Krisengefahr mit auf den Weg.  
5\. Für Entscheidungen auf der richtigen Ebene  
Mehr Mut zu Europa heißt für uns, entschlossen auf EU-Ebene vo-  
ranzugehen, wo gemeinsames Handeln notwendig und sinnvoll ist.  
Mehr Europa heißt für uns aber nicht, dass die EU oder gar Brüssel  
in Zukunft alles regeln soll. Wir wollen, dass diejenige Ebene ent-  
scheidet, die bei der jeweiligen Herausforderung am besten, bür-  
gernah und mit der höchsten Legitimität agieren kann. Ein starkes  
Europa steht für uns weder in Konkurrenz noch im Widerspruch  
zu handlungsfähigen Kommunen, Regionen, (Bundes-)Ländern  
und Nationalstaaten. Es kommt vielmehr darauf an, dass die un-  
terschiedlichen Ebenen zusammenarbeiten. Dies bedeutet für die  
Praxis, dass die europäischen Institutionen viel stärker und früher  
als bisher alle politischen Ebenen durch Anhörungs- und Einfluss-  
rechte in die eigene Gesetzgebung einbinden sollen. Gleiches giltZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
292  
Unser gemeinsames Europafür die nationale Ebene, die in vielen Fällen europäische Vorgaben  
in die nationalstaatliche Gesetzgebung implementiert und die Kri-  
terien für die Vergabe von EU-Mitteln mitbestimmt. Das bedeutet  
auch, dass Kompetenzverlagerung keine Einbahnstraße ist. So wie  
es in vielen Bereichen sinnvoll ist, mehr Souveränität nach Europa zu  
verlagern, so lassen sich manche Bereiche besser national, regional  
oder lokal regeln. Deshalb sind wir grundsätzlich dafür, Kompeten-  
zen auf untere Ebenen zurückzugeben, wenn es sachlich sinnvoll  
erscheint – auch das gehört zum Prinzip der Subsidiarität.  
Wer GRÜN wählt …  
• kämpft mit uns für ein solidarisches Europa und eine  
europäische Jugendgarantie.  
• steht dafür ein, dass für den Westbalkan und die Türkei eine  
glaubwürdige Beitrittsperspektive aufrechterhalten wird.  
• vertieft das demokratische Europa, das die Bürgerinnen und  
Bürger teilhaben lässt und in dem das Europäische Parlament  
eine starke Rolle spielt.  
• sagt Ja zu einem Europa der Erneuerbaren Energien und des  
Klimaschutzes.  
• setzt sich für einen besseren Schutz von Flüchtlingen und  
MigrantInnen ein und dafür, dass Menschenrechte an den  
EU-Außengrenzen gewahrt werden.  
• bekommt eine Politik, die kein deutsches Europa, sondern  
ein europäisches Deutschland will.TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
293  
Unser gemeinsames EuropaSchlüsselprojekte  
Für ein demokratisches und bürgernahes Europa –  
Europäische Bürgerinitiative weiterentwickeln und einen  
Europäischen Konvent einberufen  
Die Europäische Union hat demokratischen Nachholbedarf. Wir  
wollen den Dialog in und über Europa und unsere gemeinsame Zu-  
kunft stärken. Dazu gehören eine intensivere Beteiligung der Bür-  
gerinnen und Bürger und eine breite gesellschaftliche Debatte in  
ganz Europa. Wichtige europäische Fragen dürfen nicht in Hinter-  
zimmern der nationalen Staats- und Regierungschefs ausgeklüngelt  
werden. Daher setzen wir uns für eine Stärkung des Europäischen  
Parlaments und der nationalen Parlamente ein. Dazu fordern wir  
einen europäisierten und personalisierten Wahlkampf zum Europä-  
ischen Parlament ebenso wie mehr Mitspracherechte der Bürgerin-  
nen und Bürger. Außerdem wollen wir die Europäische Bürgerini-  
tiative ausbauen und mittelfristig in Richtung eines europäischen  
Volksentscheides weiterentwickeln. Als weiteren Schritt wollen wir  
in einem öffentlichen, parlamentarisch geprägten Europäischen  
Konvent unter Beteiligung der Zivilgesellschaft und Sozialpartne-  
rInnen unter Führung des Europäischen Parlaments Vorschläge zur  
Weiterentwicklung der EU diskutieren.  
Für ein solidarisches Europa – Steuervermeidung und  
Steuerhinterziehung mit einem europäischen Steuerpakt  
bekämpfen  
Auf die sich europaweit öffnende Schere zwischen Arm und Reich  
reicht es nicht, nur national, sondern es gilt, auch europäisch zu  
reagieren. Für ein sozialeres Europa braucht es nicht nur Solidarität  
zwischen den Regionen, sondern vor allem Maßnahmen dafür, dass  
sich Finanzstarke nicht mit Hilfe des freien Binnenmarktes aus der  
gemeinsamen Solidarität verabschieden können. Durch Steuerdum-  
ping und Steuerflucht geht den öffentlichen Kassen in Europa jedesZeit für den grünen Wandel  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BündniS 90/die grünen  
294  
Unser gemeinsames EuropaJahr etwa eine Billion Euro verloren. Wir wollen Schluss machen mit  
dem Unterbietungswettbewerb bei Löhnen, Steuern und sozialen  
Standards. Dafür brauchen wir gemeinsame europäische Regelun-  
gen, wie soziale Mindeststandards, eine soziale Fortschrittsklausel  
und einen europäischen Steuerpakt. Der Steuerpakt besteht aus  
einer EU-weit koordinierten Vermögensabgabe und einer gemein-  
samen Bemessungsgrundlage sowie einem Mindestsatz bei der  
Unternehmensbesteuerung und einem Mindestsatz für die Körper-  
schaftsteuer. Zentrale Aufgabe ist zudem, Europas Steueroasen end-  
lich zu schließen. Auch treiben wir die Besteuerung von Ressourcen,  
z. B. durch eine Anhebung der Energiebesteuerung, voran.  
Für ein menschliches Europa – eine solidarische  
Asylpolitik in allen Mitgliedsstaaten etablieren  
Die europäische Flüchtlings- und Asylpolitik ist repressiv, unsolida-  
risch und auf Abschottung ausgerichtet. Der Verschiebebahnhof und  
die einseitige Verantwortung für europäische Flüchtlinge zu Lasten  
von Griechenland und anderen EU-Mittelmeerländern, die mit dem  
Dublin-System zementiert wurden, führen zu unterschiedlichen  
Standards und müssen deshalb gestoppt werden. Wir wollen, dass  
Deutschland dafür in Europa mit gutem Beispiel vorangeht: mit der  
sofortigen Abschaffung der Abschiebehaft für Dublin-Flüchtlinge  
in Deutschland, mit einem Stopp der Abschiebung von Flüchtlingen  
in EU-Länder, in denen sie unter unwürdigen Bedingungen leben  
und wie Kriminelle in geschlossene Unterkünfte gesperrt werden,  
mit der solidarischen Aufnahme von Asylsuchenden aus den eu-  
ropäischen Flüchtlingshochburgen und mit einer stärkeren Beteili-  
gung am Resettlement-Programm der EU. Wir werden in Brüssel  
außerdem eine Roadmap für ein EU-weites solidarisches Asylsystem  
initiieren, mit dem alle Mitgliedsstaaten gleichermaßen Verantwor-  
tung übernehmen und das Flüchtlingen ein Leben in Würde in ganz  
Europa ermöglicht.TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
295  
Unsere Eine WeltS. Unsere Eine Welt  
Wie wir Frieden und Menschenrechte, Freiheit  
und globale Gerechtigkeit stärken können  
Im Mittelpunkt unserer grünen internationalen Politik steht der  
Mensch und nicht der Staat. Ob Klimakrise oder Ressourcenkrise,  
ob Hunger oder Finanzkrise, ob zerfallende Staaten oder Aufrüs-  
tung. Keine dieser Fragen mitsamt den daraus folgenden Gefahren  
kann heute noch von einem Land allein bewältigt werden. Frieden,  
Gerechtigkeit, Freiheit und der Schutz der globalen öffentlichen  
Güter stehen allen Menschen gleichermaßen zu und können nur  
gemeinsam erreicht werden. Die Wahrung der Menschenrechte  
und die Verhinderung von schwersten Menschenrechtsverletzun-  
gen haben für uns eine besondere Priorität.  
Immer noch sind die Güter der Erde und der Wohlstand äußerst  
ungleich verteilt. Immer noch lebt ein Teil der Menschheit auf Kos-  
ten des anderen. Immer noch sterben hunderte Menschen täglich  
in bewaffneten Konflikten weltweit. Der brutale Bürgerkrieg in Sy-  
rien ist schon fast aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwun-  
den, erst recht Gewaltakte und Auseinandersetzungen im Kongo, in  
Zentralafrika, im Irak oder in Libyen. Ungerechtigkeit, Ausbeutung,  
Krieg, Hunger, eine brutale Umweltzerstörung und verheerende  
Folgen der Klimakatastrophe gerade für die ärmsten Regionen und  
vor allem zu Lasten der Frauen – all das gehört keineswegs der Ver-  
gangenheit an, sondern prägt die Gegenwart. Arm und Reich drif-  
ten weltweit dramatisch auseinander. Wir wollen eine gerechtere  
Verteilung des Reichtums in der Welt erreichen. Wir in den Indus-  
trieländern müssen dabei unserer Verantwortung gerecht werden  
und aufhören, auf Kosten der Armen zu leben. Den Wandel müssen  
wir gemeinsam mit unseren Partnerinnen und Partnern angehen.  
Global denken – lokal handeln: Ohne die Beteiligung der Bürge-  
rinnen und Bürger ist globale Gerechtigkeit nicht zu verwirklichen.  
Deshalb wollen wir das Bewusstsein für globale Zusammenarbeit  
durch entwicklungspolitische Bildung und kommunale Nord-Süd-  
Partnerschaften stärken.Zeit für den grünen Wandel  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BündniS 90/die grünen  
296  
Unsere Eine WeltDabei gilt es, auf Weltbevölkerungswachstum, Verstädterung  
oder eine rasant wachsende globale Mittelschicht und die damit  
verbundenen konsumorientierten Lebensstile weltweit zu reagie-  
ren. Wir möchten, dass die internationale Gemeinschaft diese  
Herausforderungen mit geteilten, aber unterschiedlichen Verant-  
wortlichkeiten angeht. Es geht um nichts weniger als um einen  
grundlegenden Umbau in der Weltwirtschaft, um eine Neuvermes-  
sung des Verhältnisses von Ökonomie und Ökologie, von markt-  
getriebener Dynamik und politischer Regulierung, von ressourcen-  
schonender Produktion und gerechter Verteilung auch zwischen  
den Geschlechtern. Es geht um eine „große Transformation“.  
Der Sturz autoritärer Regime in Nordafrika, der Protest gegen  
Gewaltherrschaften insbesondere in der arabischen Welt sowie  
Hunger- und Naturkatastrophen in Ländern fragiler Staatlichkeit  
zwingen die deutsche und europäische Politik zu einer grundle-  
genden Hinterfragung ihrer bisherigen Grundsätze. Oftmals wur-  
den wirtschaftliche Interessen und vermeintliche Stabilität vor der  
Förderung von Demokratie und Menschenrechten als wichtiges  
Ziel definiert, und dafür wurden auch Bündnisse mit autoritären  
Regimen eingegangen. Dass Schwarz-Gelb diese Politik mit Waf-  
fenlieferungen an Saudi-Arabien und weitere autoritäre Staaten  
fortsetzt, ist so skandalös wie verantwortungslos. Und es ist das  
Gegenteil einer wertebasierten Außen- und Sicherheitspolitik, die  
auf dem Schutz und der Förderung der Menschenrechte beruht.  
Es geht darum, zivile Konfliktbearbeitung zu stärken, um die  
tatsächlichen Ursachen von Gewalt anzugehen. Friedliche und zi-  
vile Mittel haben für uns immer Vorrang vor militärischen. Unse-  
re friedenspolitischen Grundüberzeugungen gründen sich auf die  
Stärkung des Rechts statt auf das Recht des Stärkeren, auf die Be-  
wältigung von Krisen durch gestärkte Vereinte Nationen und auf  
die gewaltfreie Lösung von Konflikten. Unser Kompass sind Frieden  
und der Schutz der Menschenrechte.  
Wir wollen, dass Deutschland als verlässlicher Akteur seiner glo-  
balen Verantwortung gerecht wird. Neue Formen der internationa-  
len Kooperation mit Staaten und der zunehmend international ver-  
netzten Zivilgesellschaft wollen wir auf allen Ebenen stärken. Dafür  
müssen auch Länder und Kommunen bei der Wahrnehmung ihrer  
Verantwortung stärker unterstützt werden. Transnational agieren-TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
297  
Unsere Eine Weltde Unternehmen müssen in die globale Transformation eingebun-  
den und durch klare Regeln zur Einhaltung sozialer, ökologischer  
und menschenrechtlicher Standards verpflichtet werden. Solche  
Regeln können nicht mehr nur national gedacht, sondern müssen in  
einer globalisierten Wirtschaft auch global verankert werden. Wir  
wenden uns gegen eine Politik der Renationalisierung der Außen-  
und Entwicklungspolitik, wie sie Schwarz-Gelb derzeit betreibt. Die  
Bundesregierung setzt einseitig auf kurzfristige nationale Interessen  
statt auf eine langfristig gerechte Gestaltung der Globalisierung,  
an der alle gleichermaßen teilhaben können und von der alle pro-  
fitieren.  
Das bedeutet für uns, jetzt die Voraussetzungen für eine Zu-  
kunft zu schaffen, in der fairer Welthandel, besserer Klimaschutz  
und starke demokratische internationale Institutionen Wirklichkeit  
werden. Deshalb setzen wir uns ein für eine klimaneutrale und res-  
sourcenschonende Wirtschaftsweise, ohne die es kein Wohlstands-  
versprechen für alle geben kann. Deshalb tragen wir dazu bei, den  
Welthandel fair zu organisieren. Und deshalb stärken und verbes-  
sern wir unsere Entwicklungszusammenarbeit.  
Wir werden uns einmischen für globale Gerechtigkeit und den  
Schutz der universellen Menschenrechte, die explizit auch die  
Rechte der Frauen beinhalten, für die Stärkung der zivilen Krisen-  
prävention und Konfliktbearbeitung und gegen Rüstungsexporte.  
Niemand sollte auf Kosten der Anderen leben, alle Menschen ha-  
ben das Recht auf Frieden, Entwicklung, Freiheit und Würde. Das  
verstehen wir unter globaler Gerechtigkeit und Teilhabe aller.  
1\. Die große Transformation:  
Eine Welt macht sich auf den Weg  
Wir wollen die Globalisierung gestalten – politisch, ökologisch und  
sozial. Die Finanz- und Klimakrise haben einmal mehr die drama-  
tischen Auswüchse eines globalen Kapitalismus mit unregulierten  
Märkten offengelegt. Wir brauchen eine sozial-ökologische Trans-  
formation, durch die unser kohlenstoffbasiertes Wirtschaftssystem  
zu einer ressourcenschonenden Nachhaltigkeitsökonomie umge-  
baut wird. Dazu müssen wir das Primat der Politik über unregulierteZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
298  
Unsere Eine WeltMärkte zurückgewinnen. Märkte brauchen Regeln, damit sie dem  
Gemeinwohl dienen. Nur so ist Wohlstand für die wachsende Welt-  
bevölkerung möglich und führt wirtschaftliches Wachstum nicht  
zum Kollaps. Die Folgen des Klimawandels betreffen schon heute  
große Teile der Weltbevölkerung. Die Auswirkungen sind zum Teil  
dramatisch: Durch die Veränderung der klimatischen Bedingun-  
gen und die Zunahme an Naturkatastrophen entsteht nicht nur  
erheblicher materieller Schaden – Menschen müssen fliehen, Ent-  
wicklungschancen werden zerstört und Menschenrechte verletzt.  
Als Industriestaat müssen wir entschieden vorangehen und unsere  
Treibhausgasemissionen bis 2050 um mindestens 80 bis 95 % ge-  
genüber 1990 reduzieren. Um die Schwellen- und Entwicklungslän-  
der bei ihren Anstrengungen zur Anpassung an den Klimawandel  
und zum Schutz des Klimas zu unterstützen, wollen wir Technolo-  
gietransfer und das notwendige Know-how zur Verfügung stellen.  
Die Kosten der Anpassung an den Klimawandel müssen gerecht  
verteilt werden. Dem Grünen Klimafonds (GKF) soll hierbei und bei  
der Unterstützung zur CO2-Minderung eine entscheidende Rolle  
zukommen. Angesichts der durch den Weltklimarat geschätzten  
150 Millionen Klimaflüchtlinge im Jahre 2050 treten wir im Rahmen  
einer Klimaaußenpolitik für mehr Klimagerechtigkeit ein.  
Rohstoffreichtum in einem Land darf nicht zum Rohstofffluch  
für seine Bevölkerung werden. Der Rohstoffabbau geht nur allzu  
oft mit massiven Menschenrechtsverletzungen und Umweltver-  
schmutzung einher. Deshalb müssen wir in Zeiten knapper werden-  
der Ressourcen und daraus resultierender Konflikte überall auf der  
Welt umdenken und unseren Rohstoffverbrauch drastisch reduzie-  
ren – in Deutschland und international. Wir setzen uns für verbind-  
liche soziale, ökologische und menschenrechtliche Standards bei  
Abbau, Weiterverarbeitung und dem Handel von Rohstoffen sowie  
für Transparenz im Rohstoffbereich ein.  
Wir brauchen eine Neuausrichtung der internationalen Handels-  
politik nach ökologischen und sozialen Standards. Bilaterale Frei-  
handelsabkommen, wie sie die EU derzeit mit verschiedenen Län-  
dern verhandelt oder anstrebt, müssen zukünftig so ausgestaltet  
werden, dass sie Entwicklung und Menschenrechte stärken. Grund-  
sätzlich streben wir eine multilaterale Handelsordnung an. Konkret  
bedeutet das zum Beispiel, die EU-Exportsubventionen abzuschaf-TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
299  
Unsere Eine Weltfen und die EU-Agrarpolitik so zu gestalten, dass durch Dumping-  
preise bei Lebensmitteln die Märkte in Entwicklungsländern nicht  
ruiniert werden. Gleichzeitig brauchen Produkte aus Entwicklungs-  
ländern einen diskriminierungsfreien Zugang zum europäischen  
Markt. Das heißt auch die EU-Fischereiabkommen auf ökologische  
und soziale Auswirkungen zu überprüfen und neu zu verhandeln.  
Wir brauchen internationale Abkommen, die zu fairen Preisen für  
Agrarerzeugnisse und Rohstoffe führen, sowie eine Politik, die die  
lokale Produktion von Gütern in den Entwicklungsländern fördert.  
Diese handelspolitischen Ziele unterstützen wir auch durch eine  
nachhaltige und faire öffentliche Beschaffungspolitik. Für weltwei-  
te Steuergerechtigkeit und für die Finanzierung öffentlicher Güter  
arbeiten wir daran, Steueroasen zu schließen und global agierende  
Unternehmen zu zwingen, dort Steuern zu zahlen, wo sie produzie-  
ren und Gewinn machen.  
Waldschutz in Entwicklungs- und Schwellenländern heißt nicht  
nur Klimaschutz, sondern auch die Sicherung der Lebensgrundla-  
gen lokaler Bevölkerungsgruppen. Deshalb setzen wir uns für die  
Einigung auf ein globales Programm zum Stopp der Degradierung  
und Zerstörung von Wäldern in Entwicklungs- und Schwellenlän-  
dern sowie für die Ratifizierung und Umsetzung der ILO-Konventi-  
on 169 zur Stärkung der Rechte indigener Völker ein.  
Auch die internationale Drogenpolitik muss kohärent nach so-  
zialen, ökologischen und menschenrechtlichen Kriterien evaluiert  
und neu ausgerichtet werden. Denn bis jetzt fördert sie organisier-  
te Kriminalität und trägt damit unter anderem zur Destabilisierung  
von Staaten und Weltregionen bei. Wir unterstützen die Initiative  
der „Global Commission on Drugs“, die das Ende der verheerenden  
Verbotspolitik fordert.  
Wir wollen die menschenrechtliche Verantwortung von Un-  
ternehmen stärken, indem wir nicht nur auf freiwillige Selbstver-  
pflichtungen hoffen, sondern verbindliche Regelungen entwickeln,  
die diese Verantwortung festlegen. Dazu gehören Offenlegungs-  
pflichten nach starken sozialen und ökologischen Kriterien. Die  
Öffentlichkeit muss nachvollziehen können, wie viel Lohn ein Un-  
ternehmen seinen Näherinnen in Bangladesch zahlt oder wie es im  
Kongo verseuchtes Wasser entsorgt. Dazu gehören auch neue Haf-  
tungsregelungen. Und dazu gehören bessere Klagemöglichkeiten inZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
300  
Unsere Eine WeltDeutschland und der EU für Opfer von schweren Menschenrechts-  
verletzungen, die von deutschen oder europäischen Unternehmen  
verursacht wurden.  
Die notwendige sozial-ökologische Transformation muss Auf-  
gabe der gesamten Bundesregierung sein. Es kann nicht sein, dass  
weiterhin Waffenexporte gegen Friedensbemühungen laufen, kli-  
maschädliche Subventionen gezahlt oder durch Exportoffensiven  
Bemühungen zur Überwindung von Armut und Hunger in Entwick-  
lungsländern zunichtegemacht werden.  
Wir stehen ein für neue Politikkohärenz im Sinne von Frieden,  
Demokratie und einer menschenrechtsbasierten nachhaltigen Ent-  
wicklung. Dafür wollen wir regierungsweite Zielvereinbarungen,  
mehr Kompetenz für vernetztes Regieren, die Stärkung von Res-  
sortkreisen, eine bessere Koordinierung der Außenpolitik durch das  
Auswärtige Amt und die Koordinierung der Entwicklungszusam-  
menarbeit und aller Entwicklungsgelder durch das Entwicklungs-  
ministerium.  
Gleichzeitig braucht es eine fraktionsübergreifende Debatte, die  
sich mit den Widersprüchen des deutschen Regierungshandelns be-  
fasst. Diese Debatte wollen wir in der 18. Legislaturperiode durch  
eine Enquete-Kommission „Kohärenz in einer Welt im Wandel“  
anstoßen, die eine kritische Bilanz ziehen und Veränderungen vor-  
schlagen soll – auch für die Arbeitsstrukturen von Bundesregierung  
und Bundestag im europäischen und internationalen Kontext.  
2\. Eine Welt der Gerechtigkeit  
Wir verstehen Entwicklungspolitik als Teil einer globalen Struktur-  
politik, die auf eine weltweite menschenrechtsbasierte nachhaltige  
Entwicklung zielt. Sie mobilisiert und unterstützt Individuen und  
politische AkteurInnen, Zivilgesellschaft und Wirtschaft, Wissen-  
schaft und Kultur für die globale sozial-ökologische Transformation.  
Wir wollen, dass alle Menschen in Frieden und Würde leben  
können. Deshalb wollen und müssen wir Armut und Ungleichheit  
in Zukunft konsequenter bekämpfen, sowohl in den ärmsten, oft  
fragilen Staaten als auch in den Ländern mittleren Einkommens, in  
denen zwei Drittel der ärmsten Menschen leben. Dazu werden wirTEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
301  
Unsere Eine Weltbis 2015 verstärkt für die Erreichung der Millenniumentwicklungs-  
ziele eintreten. Gleichzeitig arbeiten wir daran, die Entwicklungs-  
und Umweltagenda zusammenzubringen, um ab 2015 mit starken,  
globalen Nachhaltigkeitszielen weiter für die sozial-ökologische  
Transformation zu kämpfen.  
Deutschland hat sich vor Jahren dazu verpflichtet, 0,7 % sei-  
nes Bruttonationaleinkommens für Entwicklung und humanitäre  
Hilfe bereitzustellen. Von diesem Ziel sind wir noch weit entfernt.  
Um es zu erreichen, werden wir trotz aller finanziellen Heraus-  
forderungen einen klaren Ausgabenschwerpunkt auf die globale  
Gerechtigkeit setzen. Wir werden jährlich 1,2 Mrd. Euro zusätz-  
lich für die Entwicklungszusammenarbeit und 500 Mio. Euro für  
den internationalen Klimaschutz bereitstellen. Wir wollen neue  
Finanzierungsinstrumente einsetzen, wie die Einnahmen aus der  
Finanztransaktionssteuer und einer erhöhten Flugticketabgabe. Wir  
wollen bis zum Ende der nächsten Legislaturperiode das 0,7 %-Ziel  
erreichen.  
Wir wollen eine zukunftsfähige Entwicklungspolitik gestalten,  
die die Überwindung von Armut mit der Stärkung der Menschen-  
rechte und dem Schutz der Umwelt und der biologischen Vielfalt  
in Einklang bringt. Das Entwicklungsministerium muss sich auf die  
globalen Herausforderungen einstellen und soll zu einem Ministe-  
rium für internationale Zusammenarbeit und nachhaltige Entwick-  
lung werden.  
Entwicklungspolitik muss sich angesichts der globalen Heraus-  
forderungen umorientieren. Um Friedensentwicklung zu befördern,  
wollen wir uns kohärenter in fragilen Staaten engagieren und un-  
sere Entwicklungszusammenarbeit mit diesen Ländern ausbauen.  
Konflikte müssen entschärft werden, bevor sie eskalieren und zur  
Gewalt führen. Für die weltweite soziale Wende wollen wir gute  
Arbeit sowie den Ausbau sozialer Sicherungssysteme und Grund-  
dienste zu einem Schwerpunkt unserer Entwicklungszusammenar-  
beit machen, um unter anderem das Menschenrecht auf Wasser,  
Bildung und Gesundheit sicherzustellen und damit auch den Kampf  
gegen HIV/Aids voranzutreiben. Für die globale Agrarwende rü-  
cken wir das Recht auf Nahrung ins Zentrum und setzen einen  
Schwerpunkt auf die kleinbäuerliche Land- und Viehwirtschaft,  
handwerkliche Fischerei und Landlose. Und um die globale Ener-ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
302  
Unsere Eine Weltgiewende zu forcieren, kämpfen wir gegen Energiearmut und für  
Erneuerbare Energie für alle, unter anderem durch einen Wissens-  
und Technologietransfer in großem Stil.  
Entwicklung braucht Entschuldung! Für einen wirtschaftlichen  
Neuanfang der ärmsten Länder sind Entschuldungsinitiativen und  
die Streichung insbesondere illegitimer Schulden unerlässlich. Wir  
setzen uns für die Schaffung eines internationalen Insolvenzrechts  
für Staaten ein, um überschuldete Länder nachhaltig aus der Schul-  
denspirale zu befreien.  
Wir brauchen aber nicht nur mehr Geld in der Entwicklungszu-  
sammenarbeit; wir wollen die Mittel für die Entwicklungszusam-  
menarbeit auch effizienter als bisher einsetzen. Die Menschen in  
Deutschland sollen wissen, wofür ihre Steuermittel zur Armutsbe-  
kämpfung eingesetzt werden. Deswegen wollen wir mehr gemein-  
same und transparentere Entwicklungsprogramme in der EU und  
den VN unter einer verantwortlichen Einbeziehung unserer Part-  
nerländer und der Zivilgesellschaft. Dazu gehört auch, dass wir das  
Instrument der Budgethilfe, also der direkten Unterstützung der  
öffentlichen Haushalte von Entwicklungsländern, weiterentwickeln  
und ausbauen. Die Budgethilfe muss an klare Kriterien im Bereich  
Menschenrechte und gute Regierungsführung gebunden werden.  
Gleichzeitig muss unsere Politik kohärenter werden. Alle anderen  
Politikmaßnahmen mit Auswirkungen auf Entwicklungsländer müs-  
sen darauf geprüft werden, ob sie den entwicklungspolitischen Zie-  
len in die Quere kommen.  
Wir treten an gegen die von Schwarz-Gelb durchgesetzte Re-  
nationalisierung der Entwicklungszusammenarbeit. Darum sind wir  
für die Aufhebung der 1  
/3 : 2  
/3 -Quote für das Verhältnis von europä-  
ischer und multilateraler zur bilateralen Zusammenarbeit. Weil die  
globalen Probleme nicht mehr von einzelnen Staaten allein gelöst  
werden können, wollen wir eine deutliche Stärkung der multilatera-  
len Zusammenarbeit, um mit der EU und den VN mehr Wirkung für  
Entwicklung zu erzielen.  
Ein wesentliches Ziel der Entwicklungszusammenarbeit ist die  
politische Teilhabe der Menschen in den Partnerländern. Wir wol-  
len Menschen in ihren Fähigkeiten unterstützen, ihre Rechte ein-  
zufordern und zu verwirklichen. Armut und Gewalt sind nicht ge-  
schlechtsneutral. Frauen werden in Konflikten immer wieder OpferTEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
303  
Unsere Eine Weltgezielter und strategisch genutzter sexualisierter Gewalt und sind  
besonders betroffen von Entrechtung, Benachteiligung und Aus-  
beutung. Strukturelle Ursachen wie Machtunterschiede und Do-  
minanzverhältnisse, mangelnde Rechte und nicht ausreichender  
Zugang zu Ressourcen sowie fehlende politische Partizipation von  
Frauen blockieren weltweit eine geschlechtergerechte Gesellschaft.  
Deshalb müssen Strategien, die Armut und Gewalt überwinden  
wollen, darauf abzielen, die Rechte von Frauen und Mädchen zu  
stärken, ihre (Zugangs-)Chancen zu erhöhen und die Machtun-  
terschiede zwischen den Geschlechtern zu verringern. Wir treten  
gegen die Diskriminierung von Schwulen, Lesben und bi- und trans-  
sexuellen Menschen ein und werden mehr Toleranz mit Hilfe der  
Zivilgesellschaft vor Ort fördern, vor allem in Ländern, in denen  
sexuelle Minderheiten gewaltsamen Übergriffen ausgesetzt sind.  
Gerade die Stärkung und Beteiligung von Frauen im Sinne der  
UN-Resolution 1325 ist dabei von besonderer Bedeutung. In der  
Resolution werden Konfliktparteien dazu aufgerufen, die Rechte  
von Frauen zu schützen und Frauen gleichberechtigt in Friedens-  
verhandlungen, Konfliktschlichtung und den Wiederaufbau einzu-  
beziehen. Die staatlichen Institutionen der Partnerländer wollen  
wir dazu auffordern und darin stärken, ihre menschenrechtlichen  
Verpflichtungen gegenüber ihrer Bevölkerung anzuerkennen und  
zu erfüllen. Weil Armut nicht geschlechtsneutral ist, setzen wir die  
Entwicklungsgelder verstärkt für bessere Bildung und gleiche Chan-  
cen von Frauen und Mädchen ein.  
Hunger ist kein Schicksal, sondern eine Folge von Politikversa-  
gen. Es mangelt vor allem an Zugangs- und Verteilungsgerechtig-  
keit. Wir verfolgen eine kohärente, ressortübergreifende Strategie  
zur Verwirklichung des Rechts auf Nahrung und für mehr Ernäh-  
rungssouveränität, zu der neben der Förderung einer nachhaltigen  
Landwirtschaft und Fischerei auch Wertschöpfung vor Ort und so-  
ziale Sicherungssysteme zählen. Auch Maßnahmen gegen „Land  
Grabbing“ und skrupellose Spekulation mit Nahrungsmitteln ge-  
hören dazu. Angesichts zunehmender Hunger- und Naturkatastro-  
phen sowie bewaffneter Konflikte wollen wir die Mittel für huma-  
nitäre Hilfe deutlich erhöhen.ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
304  
Unsere Eine Welt3. Eine Welt der Menschenrechte  
Die Umbrüche in der arabischen Welt haben die Schwachstellen  
der deutschen und EU-Außenpolitik deutlich gemacht, die auf ver-  
meintliche Stabilität zu Lasten einer menschenrechtlich orientierten  
Politik gesetzt hat. Eine neue Außen- und Entwicklungspolitik muss  
deshalb Menschenrechte ins Zentrum rücken. Deutsche Politik  
muss im Hinblick auf den Schutz und die Förderung von Menschen-  
rechten und Entwicklung kohärenter werden. Es darf nicht mehr  
passieren, dass ein Ressort im Dienste von Menschenrechten und  
Entwicklung arbeitet und ein anderes die Erreichung dieser Ziele  
mit eigenen, nicht abgestimmten Maßnahmen konterkariert oder  
gar zerstört. Wir wollen Kohärenz sicherstellen, z. B. durch ressort-  
übergreifende Länderstrategien für Partnerländer der Entwick-  
lungszusammenarbeit. Und der/die Menschenrechtsbeauftragte  
der Bundesregierung soll gestärkt werden, sowohl hinsichtlich der  
Kompetenzen als auch personell.  
Entwicklung und Menschenrechte sind die Grundlagen für Frie-  
den und Freiheit. Für uns bedeutet das, für das Recht auf Entwick-  
lung und für ein Ende von Hunger und Armut zu kämpfen. Für ein  
Ende von Folter und Diskriminierung. Für ein Ende der Straflosig-  
keit bei schwersten Menschenrechtsverletzungen durch Stärkung  
des Internationalen Strafgerichtshofs und des Völkerstrafrechts. Für  
ein Ende von ausbeuterischer Kinderarbeit. Für mehr Rechte der  
Menschen, die in ihrem Land ausgegrenzt, verfolgt oder gar um-  
gebracht werden, sei es wegen ihrer sexuellen Identität oder ihres  
Wunsches nach Selbstbestimmung, wegen ihres Geschlechts, ihrer  
Religion oder Ethnie oder weil sie politisch aktiv sind und z. B. die  
Menschenrechte verteidigen. Und wir verschließen die Augen nicht  
vor menschenrechtlichen Problemen in Deutschland und in der EU.  
Auch im Einsatz gegen Folter wollen wir mehr tun. Wir wollen die  
Nationale Stelle zur Verhütung von Folter mit ausreichend perso-  
nellen und finanziellen Mitteln ausstatten und das absolute Verbot  
von Folter als anerkannte Menschenrechtsnorm uneingeschränkt  
stärken. Außerdem setzen wir uns dafür ein, dass die Verhängung  
der Todesstrafe weltweit geächtet wird und alle Hinrichtungen  
verhindert werden. Deutschland sollte zudem international mehr  
Druck auf die Staaten ausüben, die den Einsatz von KindersoldatIn-Teilhaben. einmischen. ZukunfT schaffen.  
bundestagswahlprogramm 2013  
bÜnDnis 90/Die GRÜnen  
305  
Unsere Eine Weltnen nicht ächten, und Projekte zur Wiedereingliederung ehemaliger  
KindersoldatInnen unterstützen.  
4\. Eine Welt des Friedens und der Schutzverantwortung  
„Frieden schaffen ohne Waffen“ – dieser Anspruch war ein Antrieb  
der grünen Parteiwerdung. Wir sind weiterhin davon überzeugt,  
dass wirklicher Frieden nur politisch, nicht militärisch erreicht wer-  
den kann. Wir setzen daher immer und unbedingt auf den Vorrang  
ziviler Krisenprävention und Konfliktbearbeitung. Frieden lässt sich  
nicht militärisch erzwingen. Aber Friedenspolitik heißt für uns nicht  
absoluter Verzicht auf militärisches Eingreifen. Es gibt Situationen,  
in denen gewaltsames militärisches Eingreifen notwendig ist, um  
schwerste Menschenrechtsverletzungen oder gar Völkermord zu  
verhindern oder zu stoppen.  
Die unter Rot-Grün geschaffenen zivilen Ansätze müssen wei-  
terentwickelt und ihr Rückstand gegenüber den militärischen Kapa-  
zitäten aufgeholt werden: Eingebettet in eine Nationale Friedens-  
strategie ist der Aktionsplan Zivile Krisenprävention an die heutigen  
friedenspolitischen Herausforderungen anzupassen. Besonderen  
Nachholbedarf gibt es bei den Schwerpunkten Förderung von  
Friedenspotentialen und legitimer Staatlichkeit. Um zivile Krisen-  
prävention und Friedensförderung ins Zentrum unserer Politik zu  
rücken, braucht der zuständige Ressortkreis deutlich mehr Gewicht  
und ressortgemeinsame Haushaltsmittel. Mit der Aufstellung ziviler  
Planziele soll gewährleistet werden, dass Deutschland schnell und  
ausdauernd zivile und polizeiliche Fachkräfte in Friedensmissionen  
entsenden kann. Die Kapazitäten des Zentrums für Internationale  
Friedenseinsätze (ZIF), des Zivilen Friedensdienstes und zivilgesell-  
schaftlicher Programme müssen erweitert und ihre Mittel verdop-  
pelt werden. Aufzubauen sind eigene Fähigkeiten zur politischen  
Vermittlung. Die Polizeien von Bund und Ländern sind durch eine  
zusätzliche Personalreserve und durch Anreize zu befähigen, ver-  
lässliche Beiträge zur Friedenskonsolidierung zu leisten. Unverzicht-  
bar sind sorgfältige Konflikt- und Wirkungsanalysen und umfassen-  
de Regionalexpertise, die nur mit mehr Mitteln für praxisorientierte  
Regional- und Friedensforschung zu haben sind. Die vielen AkteureZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
306  
Unsere Eine Weltder zivilen Konfliktbearbeitung brauchen einen zentralen Ort der  
Erfahrungsauswertung, Analyse, Weiterentwicklung und Ausbil-  
dung. Um aus dem Schatten öffentlicher Wahrnehmung heraus-  
zukommen, bedarf zivile Friedensförderung endlich systematischer  
Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit.  
Wir verstehen das internationale Konzept der Schutzverant-  
wortung, der responsibility to protect, als wichtige Säule der Kri-  
senprävention und wollen sie wirksamer umsetzen. Dazu gehört  
für uns unbedingt die Prävention vor gewaltsamen Entwicklungen  
etwa durch Unterdrückung, Diktatur, Terrorismus und schlechte  
Regierungsführung, aber auch der besondere Schutz der Zivilbe-  
völkerung, insbesondere von Frauen und Kindern, in bewaffneten  
Konflikten. Konkret heißt das zum Beispiel, nationale und interna-  
tionale Systeme zur Frühwarnung und frühen politischen Aktivie-  
rung zu stärken und in der Bundesregierung eine besondere Stelle  
zur Umsetzung der Schutzverantwortung einzurichten. Diplomatie,  
Konfliktvermittlung und zivile Sanktionen stehen für uns an erster  
Stelle. Notwendig ist eine Nationale Friedensstrategie als friedens-  
und sicherheitspolitischer Kompass. Sie soll frühzeitig gesellschaft-  
lich debattiert und durch den Bundestag beraten und beschlossen  
werden. Sie ersetzt das Weißbuch zur Sicherheitspolitik von 2006,  
legt Regionen fest, für die sich Deutschland in besonderer Mitver-  
antwortung sieht, und bestimmt, welche Aufgaben die Bundesre-  
publik mit welchen Mitteln im Konzert der Staatengemeinschaft  
wahrnehmen kann und will.  
Der Einsatz militärischer Gewalt ist erwägenswert nur als äu-  
ßerstes Mittel, wenn alle anderen allein keine Aussicht auf Erfolg  
haben. Militär kann bestenfalls Zeitfenster für die Krisenbewäl-  
tigung schaffen, nicht aber den Frieden selbst. Die Bundeswehr  
kann einen Beitrag zur Gewalteindämmung und kollektiven Frie-  
denssicherung leisten. Der Parlamentsvorbehalt hat sich bewährt,  
muss jedoch insbesondere hinsichtlich der Kontrolle von geheim-  
haltungsbedürftigen Einsätzen gestärkt werden. Jeder militärische  
Einsatz muss fortlaufend auf seine Verhältnismäßigkeit, Wirksam-  
keit und rechtliche Grundlage überprüft werden. Für einen solchen  
Einsatz ist ein Mandat des Sicherheitsrats nach der gegenwärti-  
gen Verfasstheit der VN die Voraussetzung. Allerdings kann einTEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
307  
Unsere Eine WeltNichthandeln aufgrund einer Blockadehaltung einer oder mehrerer  
Vetomächte das Völkerrecht und die Vereinten Nationen ebenso  
massiv beschädigen wie das Eingreifen ohne ein Mandat. Im Falle  
einer Blockade des Sicherheitsrates sollte die Generalversammlung  
anstelle des Sicherheitsrates mit qualifizierter Mehrheit Sanktionen  
bis hin zu friedenserzwingenden Maßnahmen nach Kapitel VII der  
VN-Charta beschließen.  
Die Anwendung militärischer Gewalt ist unabhängig vom Ziel  
immer ein großes Übel und muss, wenn irgend möglich, vermie-  
den werden. Uns GRÜNEN fiel es in der Vergangenheit nicht leicht  
anzuerkennen, dass es Situationen gibt, in denen zur Eindämmung  
von Gewalt und zur kollektiven Friedenssicherung der Einsatz von  
Militär geboten sein kann. Wir haben in unserer Partei darüber lan-  
ge und intensiv diskutiert, aus den Erfahrungen mit Militäreinsätzen  
gelernt und um die Prinzipien und Kriterien gerungen, nach denen  
wir beurteilen, ob ein Auslandseinsatz der Bundeswehr verantwort-  
bar ist.  
Wir können ein gewaltsames militärisches Eingreifen im Einzel-  
fall nur dann mittragen, wenn es aufgrundlage eines völkerrechtlich  
klaren Mandates der VN sowie eines Bundestagsmandats erfolgt.  
Das Handeln der Soldatinnen und Soldaten ist ohne Ausnahme an  
Grund- und Menschenrechte gebunden. Der internationalen Ten-  
denz zur zunehmenden Privatisierung militärischer Aufgaben stel-  
len wir uns entgegen. Der politische Gesamtansatz muss klar defi-  
niert und aussichtsreich sowie die Risiken verantwortbar sein. Dazu  
bedarf es nicht nur eindeutiger Einsatzregeln: Wir haben einen  
nachvollziehbaren Kriterienkatalog für die Bewertung künftiger und  
zu verlängernder Auslandseinsätze sowie konkrete und überprüf-  
bare Zielvorgaben für alle jeweils eingesetzten Mittel vorgelegt,  
der für jede Entscheidung die Grundlage bietet. Wir fordern eine  
unabhängige Evaluation internationaler Einsätze. Militärische und  
zivile Einsatzkräfte haben einen Anspruch auf umfassende Fürsorge  
und Betreuung während und nach dem Einsatz. Dies gilt auch für  
ihre Angehörigen. Die gesellschaftliche Anerkennung von Soldatin-  
nen und Soldaten darf nicht mit einer Verherrlichung militärischen  
Handelns einhergehen.  
Ein frühes Eingreifen bei Konflikten, die early action, funktio-  
niert nur mit entsprechendem Personal. Wir wollen deshalb die VNZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
308  
Unsere Eine Weltund Regionalorganisationen, vor allem die EU und OSZE, in ihren  
Fähigkeiten zur zivilen Krisenprävention stärken.  
Für uns haben direkt geführte VN-Missionen Vorrang vor EU-  
oder NATO-geführten Missionen. An der Vision, den VN eigene  
ständige Truppen zu unterstellen anstatt nationaler Militärkontin-  
gente, halten wir fest. Wir setzen uns dafür ein, dass Deutschland  
VN-Missionen – zivile wie militärische – nicht nur finanziell, son-  
dern auch personell stärker unterstützt. Daher muss Deutschland  
den VN mehr ziviles Fachpersonal zur Verfügung stellen. Die Bun-  
deswehr muss europatauglicher und VN-fähiger werden, das heißt,  
sie muss so umgebaut werden, dass sie ihren stabilisierenden und  
schützenden Aufgaben in internationalen Konflikten besser gerecht  
werden kann. Dieses Leitbild sollte wegweisend für die Bundes-  
wehrreform sein. Die Abschaffung der Wehrpflicht war überfällig.  
Die derzeitigen Reformpläne der Bundesregierung gehen nicht weit  
genug. Die Bundeswehr muss deutlich mehr zur Haushaltskonso-  
lidierung beitragen, auch durch weiteren Personalabbau. Die ur-  
sprünglichen, aber nie eingehaltenen Sparbeschlüsse von Schwarz-  
Gelb haben gezeigt, dass der Wehretat schrumpfen muss. Viele  
Beschaffungsprojekte sind vorwiegend industriepolitisch begründet  
und müssen auf den Prüfstand. Die wirtschaftlichen Folgen militä-  
rischen Strukturwandels sind durch eine aktive Konversionspolitik  
auszugleichen. Wir wollen über 10 % des derzeitigen Wehretats  
einsparen.  
5\. Schluss mit der unkontrollierten und  
geheimen Rüstungsexportpolitik  
Deutschland ist der weltweit drittgrößte Exporteur von Rüstungs-  
gütern. Vor allem unter der Regierung Merkel fielen jegliche Scham-  
grenzen, wenn es darum ging, Milliardendeals auch mit autoritären  
Staaten wie Saudi-Arabien zu machen. Und die Bundeskanzlerin  
verklärt diese Exportpolitik zynisch als Form der Konfliktbearbei-  
tung. Zugleich widerspricht es demokratischen Grundsätzen, wenn  
Rüstungsgeschäfte im Bundessicherheitsrat genehmigt werden,  
ohne dass Parlament und Öffentlichkeit informiert werden.TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
309  
Unsere Eine WeltDeswegen wollen wir ein verbindliches und restriktives Rüs-  
tungsexportgesetz einführen, das deutsche Rüstungsexporte nur  
nach klaren Kriterien erlaubt. Dabei sollen diese Kriterien so kon-  
kretisiert werden, dass sie im Wege einer Verbandsklage vor einem  
Gericht eingeklagt werden können. Die Zuständigkeit wollen wir  
vom Wirtschaftsministerium auf das Auswärtige Amt übertragen.  
Rüstungsexporte in Staaten, die Menschenrechte mit Füßen treten,  
darf es nicht mehr geben.  
Eine grüne Regierungsbeteiligung gibt es daher nur mit einer  
anderen Rüstungsexportpolitik, die endlich mehr Transparenz und  
Kontrolle ermöglicht und restriktiv ist. Deswegen wollen wir den  
Bundessicherheitsrat in seiner jetzigen Form abschaffen. Stattdes-  
sen soll künftig die gesamte Bundesregierung im Konsensprinzip  
entscheiden. Das Parlament und die Öffentlichkeit sollen umge-  
hend über die getroffenen Entscheidungen informiert werden.  
Zudem wollen wir ein parlamentarisches Gremium einsetzen, das  
die Rüstungsexportpolitik der Bundesregierung kontrolliert und  
bei Entscheidungen über sensible Exporte, insbesondere Exporte in  
Drittländer, ein aufschiebendes Veto einlegen kann. Hermes-Bürg-  
schaften für Rüstungsexporte wollen wir prinzipiell verbieten, ge-  
nauso wie den Export von Produktionslizenzen für Kriegswaffen an  
Drittstaaten. Auch eine tatsächliche Endverbleibskontrolle wollen  
wir gesetzlich verankern, um zu verhindern, dass die Exportgüter in  
die falschen Hände geraten und zum Beispiel für Menschenrechts-  
verletzungen oder terroristische Zwecke genutzt werden.  
Außerdem wollen wir insgesamt weniger Waffen auf dieser Welt  
und ein Ende der globalen Aufrüstung, die auch mit deutscher Waf-  
fentechnologie vorangetrieben wird: Der Handel mit Kleinwaffen  
muss massiv begrenzt und kontrolliert werden, die internationale  
Ächtung von Streumunition sowie Landminen muss weltweit und  
konsequent umgesetzt werden. Auch Uranmunition wollen wir um-  
fassend ächten.  
Wir wollen den Abzug aller Atomwaffen aus Deutschland und  
kämpfen für Global Zero, für eine Welt ohne Atomwaffen – des-  
halb streiten wir auch weiterhin für eine Nuklearwaffenkonvention,  
um Atomwaffen völkerrechtlich zu ächten. Die Stationierung von  
Atomwaffen in Büchel und die Befähigung deutscher Flugzeuge  
und PilotInnen zum Einsatz oder Transport von Atomwaffen müs-ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
310  
Unsere Eine Weltsen beendet werden. Die atomare Bewaffnung Frankreichs und  
Großbritanniens steht einer zukünftigen zivilen Friedenspolitik der  
EU entgegen.  
Wir setzen uns dafür ein, die von den Vereinten Nationen vor-  
geschlagene Konferenz zur Schaffung einer atomwaffenfreien Zone  
im Nahen und Mittleren Osten zum internationalen Erfolg zu füh-  
ren. Den Verkauf und die Überlassung von Waffenträgern, die zur  
nuklearen Bewaffnung in der Region beitragen können, lehnen wir  
ab und wollen wir verhindern, einschließlich der Lieferung weiterer  
atomwaffenfähiger U-Boote. Der Konflikt um das iranische Atom-  
programm muss friedlich gelöst und eine eventuelle atomare Be-  
waffnung des Iran auf politischem Wege verhindert werden. Wir  
setzen uns dafür ein, dass Deutschland und die EU in den Verhand-  
lungen mit dem Iran eine aktivere und stärker vermittelnde Rolle  
einnehmen und für die Überprüfung der Sanktionen eintreten.  
Um die weitere Verbreitung von Atomwaffen zu verhindern,  
werden wir uns aktiv dafür einsetzen, dass auch die Verbreitung  
der zivilen Nutzung der Atomtechnologie gestoppt wird. Je mehr  
Staaten den nuklearen Brennstoffkreislauf beherrschen, umso mehr  
Staaten können auch Atombomben bauen. Deshalb streben wir  
eine Anpassung des Atomwaffensperrvertrags an und wollen Her-  
mes-Bürgschaften für AKW-Projekte im Ausland verbieten.  
Wir wenden uns gegen die Anschaffung bewaffneter Drohnen  
durch die Bundeswehr und setzen uns international für ein Ver-  
bot von vollständig autonomen Waffen ein. Wir streiten für mehr  
Transparenz und Kontrolle beim Einsatz von Dual-Use-Gütern, die  
auch zur Kriegsführung und zum repressiven Gebrauch genutzt  
werden können. Auch den Export von Überwachungs- und Zen-  
surtechnologie an autokratische Regime lehnen wir ab. Menschen-  
rechte müssen auch im Internet verteidigt werden. Die Überflug-  
rechte und Militärbasen ausländischer Streitkräfte in Deutschland  
dürfen ausschließlich im Sinne des Völkerrechts genutzt werden.  
Luft-Boden-Übungsplätze wie die Nordhorn Range sind verzicht-  
bar. Der Militärische Abschirmdienst ist aufzulösen.TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
311  
Unsere Eine Welt6. Starke Vereinte Nationen, starkes Europa  
In der multipolaren Welt des 21. Jahrhunderts stehen wir vor der  
Herausforderung, eine neue globale Sicherheitsarchitektur zu ent-  
wickeln. Die Anerkennung des Gewaltmonopols der Vereinten  
Nationen (VN) ist die erste Voraussetzung dafür. Kein Akteur der  
internationalen Politik besitzt mehr Legitimation als die VN. Für die-  
se Legitimation ist jedoch wichtig, dass jeder Staat die gleiche und  
faire Möglichkeit bekommt, als Mitgliedsstaat aufgenommen zu  
werden. Gleichzeitig sind die Vereinten Nationen aber immer nur so  
stark, wie ihre 193 Mitgliedsstaaten sie stark machen. Wir meinen,  
dass die VN unsere größte Chance sind, die globale Transformation  
erfolgreich voranzutreiben. Gleichzeitig sehen wir dringenden Re-  
formbedarf, damit sie für die großen Herausforderungen unserer  
Zeit besser gewappnet sind. Unsere oberste Verantwortung besteht  
darin, Deutschland wieder zu einem starken und engagierten Mit-  
gliedsstaat mit einer klaren demokratie- und friedenspolitischen  
Agenda zu machen, der besonders die zivile Krisenprävention und  
Konfliktbearbeitung stärkt. Gegenwärtig ist die Bundesrepublik al-  
lenfalls mittelmäßig – mittelmäßig aktiv, wenig kompromiss- und  
kaum reformbereit. Wenn wir starke VN wollen, müssen wir uns  
auch stark einbringen.  
Der Sicherheitsrat muss reformiert werden mit dem Ziel einer  
gerechteren Zusammensetzung. Die Vetomöglichkeiten wollen wir  
mit einem Begründungszwang belegen. Langfristig halten wir an  
der Vision einer Abschaffung des Vetos im VN-Sicherheitsrat fest.  
Statt des vergeblichen Beharrens auf einen ständigen deutschen  
Sitz im Sicherheitsrat setzen wir uns dafür ein, den oder die nicht-  
ständigen europäischen Sitz(e) der westlichen Gruppe unter Einbe-  
ziehung des Vereinigten Königreichs sowie Frankreichs als perma-  
nente europäische Vertretung auszubauen. Die Meinungsbildung  
und Entscheidungsfindung in den VN und im Sicherheitsrat muss  
repräsentativer und transparenter werden.  
Wir fordern, dass dem Nationalen Aktionsplan zur Umsetzung  
der VN-Sicherheitsratsresolution 1325 der Begriff der menschlichen  
Sicherheit zu Grunde gelegt wird. Konfliktprävention, Konfliktauf-  
arbeitung, auch durch Strafverfolgung, der zivile Schutz von Men-  
schen- und Frauenrechten und soziale Rechte sollen SchwerpunktZeit für den grünen Wandel  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BündniS 90/die grünen  
312  
Unsere Eine WeltDeutschlands in seiner Arbeit mit dem Aktionsplan 1325 sein. Dafür  
braucht es eine solide Budgetierung und ein effektives Monitoring  
in Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft. Wir fordern außerdem  
die Berufung einer Sonderbotschafterin oder eines Sonderbotschaf-  
ters für Internationale Frauenpolitik.  
Clubs wie die G8 oder G20 sind für einen fairen Interessen-  
ausgleich nicht geeignet. Langfristig müssen alle zentralen Insti-  
tutionen globaler Koordination und Regulierung unter das Dach  
der Vereinten Nationen. Wir wollen eine Aufwertung des Wirt-  
schafts- und Sozialrates erreichen und die Zivilgesellschaft stärker  
in internationale Prozesse einbinden. Für eine globale Partnerschaft  
zur Bewältigung der anstehenden Herausforderungen müssen wir  
Schwellen- und Entwicklungsländern auch in der Weltbank und im  
IWF in Zukunft mehr Mitsprache ermöglichen. Auch das Personal  
dieser Institutionen sollte in Zukunft besser die Welt repräsentieren.  
Weltbank, Regionalbanken und der IWF sollen alternative Entwick-  
lungsmodelle jenseits der klassischen Wachstumsmodelle erarbei-  
ten und umsetzen helfen. Der Schutz der Menschenrechte muss  
dabei ins Zentrum ihrer Arbeit gestellt werden. Wir setzen uns dafür  
ein, dass IWF, Weltbank und Regionalbanken Finanzierungshilfe für  
Länder vor allem im Globalen Süden nicht an die Umsetzung von  
neoliberalen Reformen knüpfen.  
Ein starkes, gemeinsames Europa muss in der Lage sein, Proble-  
me in der eigenen Umgebung selbst zu bearbeiten. Die EU ist eben  
nicht nur ein Friedensprojekt nach innen. Die EU hat mit der Ge-  
meinsamen Außen- und Sicherheitspolitik und dem Europäischen  
Auswärtigen Dienst Strukturen geschaffen, um an einer globalen  
Friedensordnung im Rahmen der Vereinten Nationen und einem  
gesamteuropäischen System kooperativer Sicherheit im Rahmen  
der OSZE mitzuarbeiten. Schwarz-Gelb will die Gemeinsame Au-  
ßen- und Sicherheitspolitik am liebsten einmotten und dafür das  
Primat der NATO ausbauen. Wir GRÜNE wollen den Europäischen  
Auswärtigen Dienst stärken mit dem Ziel, dass Europa außenpoli-  
tisch mit einer gemeinsamen Stimme sprechen kann. Wir glauben  
an die Zivilmacht Europa. Deshalb wollen wir diese Fähigkeiten  
der EU stärken – durch einen umfangreichen Pool von zivilen Frie-  
densfachkräften sowie die Einsetzung des europäischen Friedens-  
instituts. Wir wollen außerdem die Gemeinsame Sicherheits- undTEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
313  
Unsere Eine WeltVerteidigungspolitik weiterentwickeln und die Streitkräfte in Euro-  
pa integrieren und reduzieren. Dies muss mit einer Kontrolle dieser  
Streitkräfte durch das Europäische Parlament einhergehen.  
Auch die NATO wollen wir so reformieren, dass sie in diese  
multilaterale Sicherheitsarchitektur integriert werden kann. Ihre  
bisherige starke Ausrichtung auf die militärische Absicherung von  
Staaten genügt nicht unseren Ansprüchen an Friedenspolitik. Nach  
dem Ende der Block-Konfrontation muss sie ihre Aufgaben neu aus-  
richten. Das kann nur gelingen, wenn Russland und alle osteuropä-  
ischen Länder eingebunden werden. Die OSZE wollen wir stärken,  
damit sie an die wichtige Rolle ihrer Vorgängerin KSZE bei der Über-  
windung des Kalten Krieges anknüpfen kann. Die NATO soll künftig  
Motor bei der Rüstungskontrolle und Abrüstung sein. Der Abzug  
der verbliebenen US-Atomwaffen aus Europa und die Ratifizierung  
des angepassten Vertrags über Konventionelle Streitkräfte in Europa  
wären erste Schritte.  
7\. Krisen bewältigen – dauerhaften Frieden ermöglichen  
Der NATO-Einsatz im Rahmen von ISAF in Afghanistan wird 2014  
abgeschlossen. Sollte die afghanische Regierung eine weitere  
Truppenpräsenz zur Überwachung eines Waffenstillstandes oder  
als Ausbildungsmission wünschen, muss dafür eine neue Rechts-  
grundlage durch die VN geschaffen werden. Sie ist als peace  
building mission zu mandatieren und soll als direkt geführte VN-  
Mission erfolgen – ohne Kampfauftrag und Aufstandsbekämp-  
fung. Rechtzeitig vor dem Abzug der Bundeswehr wollen wir vor  
Ort ein Aufnahmeprogramm für Ortskräfte der Bundeswehr und  
deutscher Entwicklungsorganisationen einschließlich ihrer Familien  
durchführen. Denjenigen, die dies wünschen, muss also die Mög-  
lichkeit einer Aufnahme in Deutschland gewährt werden. Auch für  
Menschen, die in ihrem Leben oder in ihrer Gesundheit spätestens  
dann bedroht sind, wenn das Militär abzieht und die Macht neu  
verteilt wird, muss es eine Möglichkeit des Asyls geben. Von der  
Bundeswehr zu verantwortende zivile Opfer und ihre Angehörigen  
sind großzügig und unbürokratisch zu entschädigen. Da die Kon-  
flikte in Afghanistan nicht militärisch zu lösen sind, wollen wir allesZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
314  
Unsere Eine Weltunternehmen, um über Verhandlungen und Gespräche einen Aus-  
söhnungsprozess zu beginnen. Und nur durch ein umfassendes und  
glaubwürdig finanziertes zivilgesellschaftliches und entwicklungs-  
politisches Programm, das die Stärkung der Frauenrechte im Blick  
hat, können wir den Wiederaufbau des Landes sicherstellen. Daher  
wollen wir die zivilen Mittel für Afghanistan mindestens im bisher  
erreichten Umfang aufrechterhalten.  
Frieden zwischen Israel und Palästina wird nur möglich sein  
durch einen fairen Interessenausgleich, der die Sichtweisen, die  
Rechte und die Sicherheit aller Menschen in der Region im Blick  
hat. Aus der Verantwortung Deutschlands für den Holocaust folgt  
eine unverrückbare und dauerhafte Unterstützung für die Existenz  
und die Sicherheit Israels. Wir setzen uns für eine Zwei-Staaten-  
Regelung und ein Ende der Besatzung ein. Der Staat Palästina muss  
gestärkt, zeitnah von Europa anerkannt und als Vollmitglied in die  
VN aufgenommen werden. Wir wollen, gemeinsam mit der US-  
Regierung, mit positiven und negativen Anreizen beide Seiten zu  
direkten und substantiellen Friedensgesprächen unter Einbeziehung  
aller verhandlungsbereiten Kräfte bewegen, um möglichst bald ei-  
nen Frieden aufgrundlage der Grenzen von 1967 mit Jerusalem als  
Hauptstadt beider Staaten und eine Lösung der Flüchtlingsfrage zu  
erreichen. Eine Konfliktregelung wird nur aufgrundlage konsequen-  
ter Anwendung des Völkerrechts möglich sein. Vor diesem Hinter-  
grund verurteilen wir sowohl den Raketenbeschuss und Bomben-  
anschläge auf Israel als auch die fortschreitende Landnahme in der  
Westbank inklusive Ost-Jerusalem sowie die Blockade des Gazast-  
reifens. Zudem wollen wir die vertrauensbildende und Verständnis  
fördernde Arbeit der zahlreichen Friedensinitiativen in Israel und  
Palästina unterstützen.  
Die internationale Gemeinschaft ist nicht in der Lage oder wil-  
lens, ihrer Schutzverantwortung gegenüber der syrischen Bevölke-  
rung gerecht zu werden. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen  
konnte sich bisher weder auf eine Verurteilung der Gräueltaten  
noch auf gemeinsame Sanktionen einigen. Eine systematische Un-  
tersuchung der schwersten Menschenrechtsverbrechen durch den  
Internationalen Strafgerichtshof hat die internationale Gemein-  
schaft bislang nicht verfolgt. Russland und China blockieren alle  
weiter reichenden Forderungen im VN-Sicherheitsrat und stüt-TEILHABEN. EINMISCHEN. ZUKUNFT SCHAFFEN.  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
315  
Unsere Eine Weltzen damit das Assad-Regime. Wir wollen syrische Flüchtlinge in  
Deutschland aufnehmen und die Nachbarstaaten Syriens stärker als  
bisher materiell bei der Versorgung und Unterbringung der täglich  
größer werdenden Zahl an Flüchtlingen unterstützen. Außerdem  
muss humanitäre Hilfe an die syrischen Binnenflüchtlinge gerade  
in den sogenannten befreiten Gebieten durch Zusammenarbeit mit  
syrischen und internationalen NGOs ankommen und der Aufbau  
der zivilen Strukturen in diesen Gebieten gezielt unterstützt wer-  
den. Im Rahmen der Vereinten Nationen wollen wir uns weiterhin  
für die Aushandlung eines landesweiten politischen Prozesses ein-  
setzen und ein politisches Übereinkommen gegebenenfalls durch  
eine VN-Blauhelmmission absichern. Die Lieferung von Waffen in  
das Bürgerkriegsland lehnen wir ab.  
Wer GRÜN wählt …  
• fördert Wohlstand für alle auf einem nachhaltigen Entwick-  
lungspfad und stärkt die Entwicklungszusammenarbeit.  
• stimmt für mehr Klimaschutz und Klimagerechtigkeit welt-  
weit.  
• wählt mehr Frieden durch mehr zivile Krisenprävention und  
stimmt für Abrüstung, strikte Rüstungskontrolle und eine  
atomwaffenfreie Welt.  
• setzt sich für die Stärkung der Menschenrechte hier und  
auf internationaler Ebene ein.  
• wählt klare Grenzen und Kriterien für Auslandseinsätze.  
• steht für stärkere, gerechtere und demokratischere  
Vereinte Nationen.ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
316  
Unsere Eine WeltSchlüsselprojekte  
Keine Rüstungsexporte zu Lasten von Menschenrechten –  
ein Rüstungsexportgesetz beschließen  
Wir wollen Rüstungsexporte stärker als bisher kontrollieren. Dazu  
wollen wir ein Gesetz, das die Kriterien der Rüstungsexportrichtli-  
nie, insbesondere die Menschenrechtslage im Empfängerland und  
die Gefahr der inneren Repression, fest verankert. Außerdem soll  
das Auswärtige Amt für Rüstungsexporte zuständig sein. Wir wol-  
len den Bundessicherheitsrat in seiner jetzigen Form abschaffen.  
Die Geheimhaltung der Beschlüsse über Rüstungsexporte wollen  
wir aufheben. Der Deutsche Bundestag wird vor einer beabsichtig-  
ten Rüstungsexportgenehmigung bei besonders sensiblen Exporten  
unterrichtet und erhält die Möglichkeit für ein aufschiebendes Veto  
zur Stellungnahme. Zudem brauchen wir vergleichbar strikte Re-  
geln für den Export von Überwachungstechnologien. Der Export  
von Waffen und Software zur Überwachung von Kommunikation  
und Internet an Diktaturen muss gestoppt werden. So können wir  
die Exporte der Rüstungsindustrie besser kontrollieren.  
Klima der Gerechtigkeit –  
internationale Zusagen endlich einhalten!  
Ein Sechstel der Menschheit hungert, Umweltzerstörung und Kli-  
mawandel schreiten voran, Staaten zerfallen, Flüchtlingsströme  
nehmen zu. Diesen globalen Herausforderungen, die nur solida-  
risch bewältigt werden können, werden wir uns gemeinsam mit  
unseren internationalen Partnern stellen. Darum setzen wir uns ein  
für gerechtere Strukturen, soziale Teilhabe und mehr internationale  
Zusammenarbeit. Im Gegensatz zur Regierung Merkel werden wir  
die Zusagen Deutschlands endlich einhalten. Wir wollen die Mittel  
für Entwicklungszusammenarbeit, zivile Krisenprävention und hu-  
manitäre Hilfe bis 2017 auf 0,7 % des Bruttonationaleinkommens  
anheben und schon 2014 1,2 Mrd. Euro zusätzlich für die Entwick-  
lungszusammenarbeit und 500 Mio. Euro für den internationalenTeilhaben. einmischen. ZukunfT schaffen.  
bundestagswahlprogramm 2013  
bÜnDnis 90/Die GRÜnen  
317  
Unsere Eine WeltKlimaschutz bereitstellen. Vor allem für die Anpassung der Entwick-  
lungsländer an den Klimawandel, die globale Energie- und Agrar-  
wende, den Aufbau sozialer Sicherungssysteme und die Friedens-  
entwicklung wollen wir deutlich mehr Mittel einsetzen.  
Zivile Krisenprävention ausbauen –  
Mittel für Friedenskräfte verdoppeln  
Wir wollen zivile Krisenprävention und Konfliktbearbeitung ins  
Zentrum der deutschen Außenpolitik rücken. Es braucht eine um-  
fassende Nationale Friedensstrategie, effektivere Strukturen, mehr  
Geld und Personal für zivile Friedensförderung in den Bereichen  
Konflikttransformation, Gender-Mainstreaming, Polizei, Justiz,  
öffentliche Verwaltung, Parlamentsaufbau, Dialog und Versöh-  
nung. Um entsprechende zivile Fachkräftepools aus- und aufbauen  
zu können, wollen wir in Deutschland die Mittel für das Zentrum  
für Internationale Friedenseinsätze und für den Zivilen Friedens-  
dienst verdoppeln, mehr Geld in die Friedensforschung geben und  
das friedenspädagogische Angebot an Schulen unterstützen. Auf  
europäischer Ebene setzen wir uns für ein EU-Friedensinstitut zur  
Stärkung der Mediation und eine Stärkung der Krisenprävention  
im Europäischen Auswärtigen Dienst ein. Den Ressortkreis Zivile  
Krisenprävention wollen wir auf Staatsminister-Ebene verankern  
und den zivilgesellschaftlichen Beirat aufwerten. Wir wollen regi-  
onale Beiräte für Schwerpunktregionen einsetzen, die frühzeitige  
Maßnahmen initiieren können und regelmäßig Bundestag und  
Bundesregierung Empfehlungen vorlegen. Wir wollen eine bessere  
Kooperation der Fachministerien erreichen, indem ein Teil der Mit-  
tel gepoolt wird.Bundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
318  
ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
SchlusswortSchlusswort  
Liebe Wählerin, lieber Wähler,  
wir hoffen, wir konnten Sie mit unserem Programm überzeugen.  
Haben Sie weitere Fragen? Sprechen Sie vor Ort mit unseren  
Kandidatinnen und Kandidaten für den Bundestag. Informieren  
Sie sich zur Wahl auf unserer Website www.gruene.de. Gerne ste-  
hen wir Ihnen für weitere Auskünfte zur Verfügung.  
Teilhaben. Einmischen. Zukunft schaffen – das bildet zusammen  
die Grundlage für einen grünen Wandel in Politik und Gesellschaft –  
für mehr soziale Gerechtigkeit, für mehr demokratische Beteiligung,  
für ein besseres Morgen.  
Tragen Sie mit Ihrer Stimme dazu bei, diese Grundlagen für ei-  
nen grünen Wandel zu schaffen. Teilhaben. Einmischen. Zukunft  
schaffen – das beschreibt einen neuen Weg aus den Krisen und den  
Aufbruch hin zu einer offenen, modernen Gesellschaft und einer  
Wirtschaft, die besser und sparsamer mit unseren natürlichen Res-  
sourcen umgeht.  
Energiewende und Ökologie, Gerechtigkeit und eine moderne  
Gesellschaft – das sind für uns die zentralen Orientierungen. Sie ge-  
ben grüner Politik die Richtung vor und unseren Vorschlägen Profil.  
Wählen Sie GRÜN! Am besten mit beiden Stimmen – aber vor allem  
mit der wichtigeren Zweitstimme.  
ZWEITSTIMME GRÜN!  
Legen Sie am 22. September 2013 die Grundlage für einen grünen  
Wandel. Wählen Sie GRÜN. Für mehr Gerechtigkeit. Für mehr Be-  
teiligung. Für ein besseres Morgen.  
Für den grünen Wandel!Teilhaben. einmischen. ZukunfT schaffen.  
bundestagswahlprogramm 2013  
bÜnDnis 90/Die GRÜnen  
319  
T  
StichwortregisterStichwortregister  
A  
Abfall 155, 159, 275  
Abrüstung 314, 316  
Afghanistan 314–316  
Agrarpolitik 153, 157, 160–168, 185, 272, 300, 304  
ALG-II-Regelsatz 119–122, 137 f.  
Alleinerziehende 144 f., 241 f.  
Ältere Menschen 101, 121, 131–133, 136, 148 f., 289  
Alterssicherung 94, 133–139, 163  
Antidiskriminierung 224, 228 f., 236 f., 248  
Antisemitismus siehe Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit  
Antiziganismus siehe Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit  
ArbeitnehmerInnenrechte/-mitbestimmung 88–94  
Arbeitsmarktpolitik 88–103  
Arbeitsschutz 92 f., 103, 125  
Armut(sbekämpfung) 89, 118–122, 133–139, 143–145, 150 f.  
Artenvielfalt 158, 162, 167  
Asyl(politik) 120, 233–236, 238 f., 288, 295  
Atomausstieg/-energie 27–36, 42, 289 f.  
Ausbildung 95–98, 104–117  
Außenpolitik siehe Eine Welt  
B  
BAföG 100, 110 f., 117  
Barrierefreiheit 190, 229–231, 254  
Behinderung, Menschen mit 97 f., 106 f., 127, 132, 141, 229–231  
Bildung 104–117, 190, 229–231, 254  
Biodiversität siehe Artenvielfalt  
Bodenschutz 155  
Breitbandausbau 53, 190, 202  
Bundeswehr 221, 229, 307–309, 311, 314  
Bürgerbeteiligung 152, 174, 176, 204–217, 268, 294Zeit für den grünen Wandel  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BündniS 90/die grünen  
320  
StichwortregisterBürgerInnenrechte 194, 201, 218–239  
Bürgerversicherung 100, 122 f., 137, 138, 255, 265  
D  
Datenschutz 189, 195, 203, 210, 219 f., 225 f.  
Demografischer Wandel 53, 101, 103, 148 f., 174, 276 f.  
Demokratie 152, 204–217, 222, 245, 259, 286 f.  
Digitale Gesellschaft siehe Netzpolitik  
Direkte Demokratie siehe Bürgerbeteiligung  
Drogenpolitik 130, 239, 300  
Drohnen 220, 311  
E  
Ehe für gleichgeschlechtliche Paare 236, 238  
Ehegattensplitting 84 f., 145, 148, 240 f., 243, 251  
Eigenständige Existenzsicherung 94, 120, 240–243, 250 f.  
Einbürgerung 231 f., 237 f.  
Eine Welt 296–318  
Einkommensteuer siehe Steuerpolitik  
Einwanderung 133, 232, 237  
Elektromobilität 170, 172, 178  
Endlager(suche) 36  
Energieeffizienz 27 f., 34, 38 f., 41, 289 f.  
Energieeinsparung 39, 290  
Energiepolitik/-wende 27–45, 289 f.  
Entwicklungspolitik 298, 301 f., 305  
Equal-Pay siehe Lohngleichheit  
Erinnerungspolitik 261 f., 265  
Ernährung 153–168, 184 f., 304  
Erneuerbare Energien 27–45, 50, 52, 172 f., 290  
Euro 55–64  
Existenzgründung 65Teilhaben. einmischen. ZukunfT schaffen.  
bundestagswahlprogramm 2013  
bÜnDnis 90/Die GRÜnen  
321  
T  
StichwortregisterF  
Familien(politik) 84 f., 108, 140–145, 150 f.  
Finanzpolitik 74–87  
Finanztransaktionssteuer 62–64, 302  
Flüchtlingspolitik siehe Asyl(politik)  
Föderalismus 80, 266, 277 f.  
Forschung siehe Wissenschaft &amp; Forschung  
Fracking 34 f., 155  
Frauen 90, 94 f., 101, 136 f., 240–251, 304  
Frauenquote 101, 240, 242, 245, 249, 251  
Frieden(spolitik) 281–285, 296–318  
G  
Ganztagsschulen 109, 116 f., 144  
Garantierente siehe Alterssicherung  
Gemeinwohl 204, 207, 267, 269, 279  
Gender Budget 53, 245  
Generationengerechtigkeit 135, 149  
Gentechnik 160–162, 184–187  
Gerechtigkeit siehe Teilhabe(gerechtigkeit)  
Geschlechtergerechtigkeit siehe Gleichberechtigung  
Gesundheitspolitik 123–133  
Gleichberechtigung/-stellung 208, 228 f., 240–251, 303 f.  
Globalisierung siehe Eine Welt  
Grundsicherung 85, 95, 138 f.,119–122, 134, 145, 150 f., 291  
Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit 212–216, 222, 229, 260  
H  
Handelspolitik 52 f., 298–301  
Haushaltspolitik 74–87  
Hochschulpolitik 104–107, 110–115, 117  
Homosexualität 236–237, 304  
Hunger(krise) 296–305, 317Zeit für den grünen Wandel  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BündniS 90/die grünen  
322  
StichwortregisterI  
Informationsfreiheitsgesetz siehe Transparenz  
Informationstechnologien 125, 191  
Infrastruktur 75, 79 f., 174, 266 f., 271–274, 279  
Inklusion 106, 231–234, 248, 259  
Integration 231–235, 238  
Interkulturalität/interkulturell 65, 107, 127, 222–224, 229, 238, 254  
Internationale Politik siehe Eine Welt  
Internetfreiheit siehe Netzpolitik  
J  
Jugend 109 f., 146–147, 152, 194, 209 f., 291  
K  
Kinderbetreuung 142–145  
Kindergrundsicherung 85, 120, 143, 145, 151, 243  
Kinder(politik) 104–109, 116, 120, 140–152  
Kirchen siehe Religion  
Klimapolitik/-schutz 31, 33–35, 39–45, 70 f., 153–169, 178  
Kohlekraft 33, 41, 44, 168  
Kommunalfinanzen 274 f., 280  
Kommunalpolitik 266–280  
Korruption 126 f., 211 f., 216 f., 263, 284  
Krisenprävention siehe Friedenspolitik  
Kulturpolitik 252–260  
Kunst 198, 252–258Teilhaben. einmischen. ZukunfT schaffen.  
bundestagswahlprogramm 2013  
bÜnDnis 90/Die GRÜnen  
323  
T  
StichwortregisterL  
Ländlicher Raum 125, 163, 170, 190, 202, 272–274, 276 f.  
Landwirtschaft siehe Agrarpolitik  
Lärmschutz 155, 172–177  
Lesben siehe Homosexualität  
Lohngleichheit 90, 242, 250  
Luftreinhaltung/saubere Luft 153–155, 162, 168  
M  
ManagerInnenvergütung 54, 62  
Männer 244 f.  
Marktwirtschaft siehe Wirtschaftspolitik  
Massentierhaltung 163–165, 167 f.  
Medien(politik) 188–203, 258 f.  
Mehrstaatigkeit siehe Einbürgerung  
Menschenhandel 248 f.  
Menschenrechte 236, 259 f., 285–289, 296–317  
Mietrecht/Mieten siehe Wohnungsmarkt  
Mindestlohn 56, 74, 90, 94, 102, 120, 138, 291  
Minijobs 88, 90, 94 f., 136, 242, 243, 251  
Mitbestimmung 69, 88–93, 207 f., 215, 287  
Mobilität siehe Verkehrspolitik  
N  
Nahost 315 f.  
NATO 309, 313 f.  
Naturschutz siehe Umweltschutz  
Netzneutralität 53, 192 f., 202  
Netzpolitik 188–203  
NSU 213, 221Zeit für den grünen Wandel  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BündniS 90/die grünen  
324  
StichwortregisterO  
Ökologie siehe Umweltschutz  
Ökologische Modernisierung 46, 49, 51  
Ökosteuer/ökologische Finanzreform 77–87  
ÖPNV 170–172, 177  
Optionszwang 232, 238  
Ostdeutschland 240, 276 f.  
P  
Partizipation siehe Bürgerbeteiligung  
Pflegepolitik/Pflegeversicherung 124 f., 131–133, 138 f.  
Prostitution 248  
R  
Rassismus siehe Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit  
Rechtsextremismus siehe Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit  
Rechtsstaat 226–228, 237 f.  
Religion 68, 84, 93, 228 f.  
Rentenpolitik siehe Alterssicherung  
Ressourceneffizienz 72 f., 158–160  
Rüstungsexporte 211 f., 298, 310, 317  
S  
Schuldenabbau/Staatsverschuldung 55–57, 59 f., 73, 80–87  
Schwule siehe Homosexualität  
Sexismus 213, 246  
Sicherheit(spolitik) 219–224, 237 f.  
Sozialpolitik 118–139  
Sportpolitik 262 f.  
Stadtentwicklung 146, 270 f.Teilhaben. einmischen. ZukunfT schaffen.  
bundestagswahlprogramm 2013  
bÜnDnis 90/Die GRÜnen  
325  
T  
StichwortregisterSteuerpolitik 77–87  
Studium siehe Hochschulpolitik  
Subventionsabbau 38, 41, 52, 83–85  
Suchtpolitik siehe Drogenpolitik  
T  
Tempolimit 175  
Tierschutz 112, 157, 160, 164–168  
Tourismus 272, 276, 304  
Trans- &amp; Intersexuelle 236, 246  
Transparenz 54, 204, 204–208, 210–212, 215–217, 223  
U  
Umweltpolitik/-schutz 70–73, 77, 87, 153–168  
UNO/UN siehe Vereinte Nationen  
Urheberrecht 198–202, 255  
V  
Verbraucherschutz/-rechte 63, 179 f., 183, 186 f., 190  
Vereinte Nationen 306 f., 312, 314–316  
Verfassung(sschutz) 115, 188, 206, 222, 238  
Verkehr 51, 156 f., 169–178  
V-Leute 222, 238  
Vermögensabgabe 57, 67, 79, 82 f., 86, 295  
Volksbegehren/-entscheid siehe Bürgerbeteiligung  
Vorratsdatenspeicherung siehe DatenschutzZeit für den grünen Wandel  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BündniS 90/die grünen  
326  
StichwortregisterW  
Wachstum 70–73  
Wasser 153–155, 180, 273, 275  
Weiterbildung 100, 109–111, 117, 148  
Wirtschaftspolitik 46–73  
Wissenschaft &amp; Forschung 49, 52 f., 66, 111–117, 126, 192, 244 f., 318  
Wohnungsmarkt/-politik 267–269, 271, 279Teilhaben. einmischen. ZukunfT schaffen.  
bundestagswahlprogramm 2013  
bÜnDnis 90/Die GRÜnen  
327  
NotizenZeit für den grünen Wandel  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BündniS 90/die grünen328  
NotizenTeilhaben. einmischen. ZukunfT schaffen.  
bundestagswahlprogramm 2013  
bÜnDnis 90/Die GRÜnen329  
NotizenZeit für den grünen Wandel  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BündniS 90/die grünen330  
NotizenTeilhaben. einmischen. ZukunfT schaffen.  
bundestagswahlprogramm 2013  
bÜnDnis 90/Die GRÜnen331  
NotizenZeit für den grünen Wandel  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BündniS 90/die grünen332  
NotizenTeilhaben. einmischen. ZukunfT schaffen.  
bundestagswahlprogramm 2013  
bÜnDnis 90/Die GRÜnen333  
NotizenZeit für den grünen Wandel  
Bundestagswahlprogramm 2013  
BündniS 90/die grünen334  
NotizenTeilhaben. einmischen. ZukunfT schaffen.  
bundestagswahlprogramm 2013  
bÜnDnis 90/Die GRÜnen335  
Dieses Bundestagswahlprogramm wurde auf der  
35\. Ordentlichen Bundesdelegiertenkonferenz von  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN vom 26. bis 28. April 2013  
in Berlin beschlossen.  
Herausgeberin:  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
Platz vor dem Neuen Tor 1  
10115 Berlin  
Tel.: 030-284 42-0  
Fax: 030-284 42-210  
E-Mail: info@gruene.de  
Internet: www.gruene.de  
Layout und Satz: KOMPAKTMEDIEN –  
Die Kommunikationsbereiter GmbH, Berlin  
Titelgestaltung: Zum goldenen Hirschen Berlin GmbH  
Druck: CPI books GmbH, LeckBundestagswahlprogramm 2013  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
336  
ZEIT FÜR DEN GRÜNEN WANDEL  
Wahlkampf 2013 —  
Informieren und mitmachen:  
www.gruene.de  
V.i.S.d.P.: Bündnis 90 / Die Grünen, Robert Heinrich, Platz vor dem Neuen Tor 1, 10115 Berlin  
Dieses Bundestagswahlprogramm wurde auf der  
35\. Ordentlichen Bundesdelegiertenkonferenz von  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN vom 26. bis 28. April 2013  
in Berlin beschlossen.  
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  
Platz vor dem Neuen Tor 1  
10115 Berlin  
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